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Full text of "Deutsche Grammatik"



DEUTSCHE GEAIIATIK 



VON 

I 

I 

HERM ANIST PAUL 



-V BAND I 

TEIL I: GESCHICHTLICHE EINLEITUNG 
TEIL II: LAUTLEHEE 




HALLE A. S. 
VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1916 



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Vorrede. 

Das Werk, von dem ich hier den ersten Band vorlege, 
soll eine grammatische Darstellung der neuhochdeutschen 
Schriftsprache geben, die auf geschichtlicher Grundlage auf- 
gebaut ist. Möglichste Vollständigkeit ist erstrebt für die 
Literatursprache etwa seit dem zweiten Drittel des 18. Jahr- 
hunderts. Die weiter zurückliegende Zeit ist mindestens 
soweit berücksichtigt, als dies für das Verständnis der Ent- 
wicklung erforderlich schien. Das Gleiche gilt von den 
Mundarten. Die Grammatik gliedert sich in fünf Teile: 
I. Geschichtliche Einleitung. II. Lautlehre. III. Flexionslehre. 
IV. Syntax. V. Wortbildungslehre. In diesem Bande sind die 
beiden ersten Teile vereinigt. 

Mit der Ausarbeitung habe ich vor etwa vier Jahren be- 
gonnen. Die größere Masse von Teil I und II und ein kleines 
Stück von Teil III war niedergeschrieben, als mich im 
November 1913 eine schwere Krankheit für längere Zeit 
arbeitsunfähig machte. Nachdem ich leidlich wieder her- 
gestellt war, wurde ich im April 1914 von einem Augenübel 
befallen, das mir fortan das Lesen unmöglich machte. Zu- 
nächst schien mir keine Aussicht vorhanden, daß ich die 
Arbeit an der Grammatik wieder aufnehmen könnte. Erst 
nachdem ich im Herbst 1915 in Frau Charlotte Loewenfeld, 
geb. Winkler eine teilnehmende und verständnisvolle Gehilfin 
gefunden hatte, schöpfte ich wieder Hoffnung, die nicht 
wenig durch deren ermunternden Zuspruch belebt wurde. Mit 
ihrer Hilfe ist es mir möglich geworden, die Arbeit wieder 
aufzunehmen. Sie hat sich dadurch den Dank aller der- 
jenigen verdient, denen mein Werk von einigem Nutzen sein 
kann. Für Unterstützung bei der Korrektur bin ich meinem 
Neffen P. Gereke zu Dank verpflichtet, und besonders Herrn 



rv Vorrede. 

Dr. Rudolf Blümel, dem ich manche Bemerkung verdanke. 
Gern hätte ich die Arbeit noch mehr ausreifen und besonders 
die Materialsammlung weiter anwachsen lassen, aber mein 
Alter nötigt mich, auf baldigen Abschluß hinzuarbeiten. 

Der zweite Band, der die Flexionslehre bringt, ist soweit 
gefördert, daß er im Laufe des nächsten Jahres erscheinen 
kann. Demselben wird auch ein Wortregister zu den beiden 
ersten Bänden beigegeben. 

München, Oktober 1916. 

H. Paul. 



lulialt. 

Teil I. <Teschichtliche Eiuleltuug. ggjt^ 

Kap. 1. Stellung des Gerui. inuerhalb des Idg. (§ 1 — 75) .... 3 
Idg. Ursprache und Urvolk (§ 1 — 2). Geschichte der idg. 
Sprachwissenschaft (§ 3). Verhältnis der idg. Sprachfamilien 
zueinander (§ 4). Geschichte der germ. Sprachwissenschaft 
(§ 5 — 11). Gerui. Ursprache (§ 12). Eigenheiten des Germ.: 
Betonung (§ 1.3), Lautverscliiebung (§ 14 — 30), sonstige 
KonsonantenverUnderni'gon (§ 31 — 'M), Vokale (§ 38 — 63), 
Deklination (§ 64 — 69), Konjugation (§ 70 — 7.5). 

Kap. 2. Gliederung der germ. Sprachen (§76 — 101) 60 

Nord-, Ost- und Westgermanisch (§ 76—77). Ostgermanisch 
(§78 — 80). Nordgermanisch (§ 81 — 86). Westgermanisch: 
Gemeinsame Eigenheiten des Westgerm. (§ 87 — 89). Englisch 
(§ 90 — 92). Deutsch und Niederländisch [A. Niederdeutsch: 
1. Friesisch (§ 95), 2. Niedersächsisch (§ 96 — 98), 3. Nieder- 
fränkisch (§ 99). B. Mitteldeutsch (§ 100). C. Oberdeutsch 
(§ 101)]. 

Kap. 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochd. (§ Ml— 142) . 93 
Begriff des Hochd. (§ 102). Die grammatische und lexi- 
kalische Behandlung des Hochd. (§ 103 — II 7). Charakteristik 
des Ahd.: Konsonanteu (§ 118—132), Vokale (§ 133—134). 
Entwicklung des Ahd. zum Mhd. : Konsonanten (§ 135), 
Vokale (§ 136—137). Übergang vom Mhd. zum Nhd. (§ 138 
—142). 

Kap. 4. Die Entstehung der Gemeinsprache (§143 — 157) .... HS 
Verhältnisse in der älteren Zeit (§ 143 — 146). Vorstufen 
der nhd. Schriftsprache (§ 147). Autoritäten für die Schrift- 
sprache (§ 14S— 149). 17. Jahrh. (§ !5(i). 18. Jahrh. (§ 151 
—152). Neueste Zeit (§ 153—154). Schriftliche und münd- 
liche Norm (§ 155). Verhältnis der Avlrklich gesprochenen 
Sprache zur Norm (§ 156 — 157). 

Teil II. Lautlehre. 

Kap. 1. Orthographie (§ 1—11) 139 

Übertragung des lat. Alphabets (§ 1 — 2). Weiterentwicklung 
(§ 3). Reformbestrebungen (§ 4). Kritik der Orthographie 
(§5-11). 



VI Inhalt. 

Seite 

Kap. 2. Silbentrennung (§ 12— 13) 147 

Kap. 3. Akzent (§ 14 — 26) 150 

Arten des Akzentes (§ 14). Silbenakzent (§ 15). Wort- 
akzent (§ 16 — 25). Sataakzent (§ 26). 

Kap. 4. Allgemeines über die Vokale (§ 27—43) 159 

Quantitätsveränderung (§ 27). Vokaldehnung (§ 28 — 37). 
Vokalverkiirzung (§ 38 — 43). 

Kap. 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben (§44 — 99) . . 172 
Kurzes a (§ 44). Langes a (§ 45). e (§ 46). Kurzes e (§ 47 

— 50). Langes e (§ 51 — 55). Kurzes i (§ 56 — 59). Langes i 
(§60 — 62). M (§ 63). Kurzes ?t (§ 64 — 65). Langes m (§ 66 

— 68). ü (§ 69). Kurzes ü (§ 70—72). Langes ü (§ 73—74). 
Kurzes (§75— 77). Langes o (§ 78 — 80). ö (§ 81). Kurzes ö" 
(§ 82 — 83). Langes ö (§ 84 — 85). ei (§ 86 — 89). au (§ 90 

— 94). eu (§ 95 — 99). 

Kap. 6. Vokale der unbetonten Silben (§100—116) 228 

AbleituDgs- und Flexionssilben (§ 100 — 111). Wurzelvokale 
der zweiten Kompositionsglieder (§ 112). Vortonige Vokale 
in Fremdwörtern (§ 113). Nicht haupttonige Partikeln in 
der Zusammensetzung (§ 114). Enklitische Wörter (§ 115). 
Entwicklung einer Silbe aus konsonantischem r (§ 116). 

Kap. 7. Vokalwechsel (§ 117— 131) 248 

Lautwandel und Lautwechsel (§ 117). Umlaut (§ 118 — 119). 
Wechsel zwischen e und i (§ 120). Wechsel zwischen u 
und (§ 121). Wechsel zwischen tu und ie (§ 122). Ablaut 
(§ 123-131). 

Kap. 8. Allgemeines über die Konsonanten (§ 132—134) . . . . 259 

Kap. 9. Die einzelnen Geräuschlaute (§ 135 — 224) 261 

Labiale: p (§ 135—144). h (§ 145 — 149). f {% 150—156). 
pf (§ 157—161). v) (§ 162—166). Velare und Palatale: 
Ä: (§ 167— 175). ^(§176 — 184). c/j (§ 1S5 — 190). i (§ 191 

— 193). /i (§ 194— 198). Dentale: f — d (§ 199 — 200). t 
(§201 — 207). d (§208-211). 2; (§ 212 — 216). s (§ 217— 
219). seh (§ 220 — 224). 

Kap. 10. Die einzelnen Sonorlaute (§ 225 — 245) 353 

r (§ 225 — 229). l (§ 230 — 232). Nasale (§ 233). m (§ 234 

— 235). n (§ 236 — 241). Nasalaasstoßung (§ 242 — 244). 
Sonorlaute als Sonanten (§ 245). 

Kap. 11. Konsonantenwechsel (§ 246 — 250) 373 

Gemination (§ 247). h — ch (§ 248). Grammatischer Wechsel 
(§ 249). Wechsel vor t (§ 250). 



Erläuterung zu den (^uellenzitaten. 

Ad. = Adelung. — Lehrg-. = Umständliches Lehrgebäude. 

W. Alexis, Gab. = Cabanis. Roman in sechs Bücliern von 

W. Alexis. Berlin 1832. — Ruhe = Ruhe ist die erste 

Bürgerpflicht. Berlin 1852. 
Almanach = (Kurländer) Almanach dramatischer Spiele. Wien und 

Triest 18 11 ff. 
Amadis = Das erste Buch der Hystorien von Araadis auii 

Franckreich. Frankfurt a. M. 1569. 
Andre, Schule der Väter = Johann Andre, Die undankbaren Söhne 

oder die Schule der Väter. Lustspiel nach dem Französischen. 

Offenbach 1776. 
Andrews = Geschichte des Jos. Andrews von Fielding. Berlin, 

Stettin und Leipzig 1761. 
Anzengruber = Ludwig Anzengrubers gesammelte Werke. 3. Aufl. 

Stuttgart 1897—98. 
Arndt, Wanderungen = Meine Wanderungen und Wandelungen 

mit dem Reichsfreiherrn von Stein von E. M. Arndt. Berlin 

1858. 
Arnim ^= Achim v. Arnim. Sämtliche Werke. Berlin 1839 f. 
Auerbach, Dorfg. = Schwarzwälder Dorfgeschichten von Berthold 

Anerbach. Mannheim 1843. — N. Dorfg. = Neue Dorf- 
geschichten. Stuttgart 1876. 
Avrenhoff, Lustsp. = Ayrenhoff, Drey neue Original -Lustspiele. 

Wien 1807. — W. = Werke. 1803. 
Avrer = Avrers Dramen, herausgegeben von Adelbert v. Keller 

Stuttgart'(Lit. Ver. Nr. 76— 80) 1864—65. 
Babo, Dagobert = Joseph Marius Babo, Dagobert der Franken 

König, ein Trauerspiel in 5 Akten. München 1779. — Otto 

= Otto von Witteisbach, Pfalzgraf in Bayern. Ein Trauer- 
spiel in 5 Aufz. München 1782. 
Banise = Asiatische Banise von Heinrich Anselm von Ziegler (Nat. 

Lit. 37). 
Blaimhofer, Schweden = Maximilian Blaimhofer, Die Schweden in 

Bayern oder die Bürgertreue. Ein Schauspiel. München 1783. 



VIII Erläuterung zu den Quelleazitaten. 

Blnmauer = Aloys Blumauer, Virgils Aeneis (Nat. Lit. 141). 
Bode, Klinkers R. = Humphry Klinkers Reisen. Aus dem Eng- 
lischen. Leipzig 1775. — Montaigne = Micliael Montaignes 
Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins 
Teutsche übersetzt. Wien und Prag 1797. — Schandi = 
Tristram Schandis Leben und Meinungen. Hamburg 1774. — 
Yorick = Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und 
Italien. Aus dem Engl, übersetzt. Hamburg und Bremen 1768. 
Bodmer, Discourse = Die Discourse der Mahlern. Zürich 1721 ff. 
Bretzner, Eheprokurator = Christian Friedrieh Bretzner, Liebe 
nach der Mode, oder der J^heprokurator. 1790. — Liebhaber 
= Der argwöhnische Liebhaber. Köln und Leipzig 1790. — 
Räuschgen = Das Räuschgen (Nat. Lit. 138). 
Buch der Beisp. = Antonius von Pfore. Das Buch der Beispiele 
der alten Weisen, hrsg. von L.W.Holland. Stuttgart (Lit. 
Ver. 56) 1860. 
Bühl, Teil = Bühl, Wilhelm Teil. Zürich 1792. 
Bürger = Gedichte von Gottfried August Bürger (Nat. Lit. 78). 
Chamisso = Chamissos Werke (Nat. Lit. 148). 
Clarissa = (Johann David Michaelis) Die Geschichte der Clarissa. 

Aus dem Engl, übersetzt. Göttingen 1768 — 70. 
Claudius = Matthias Claudius, Werke. Gotha 1871. 
Clauren = H. Clauren (Heun), Erzählungen. Dresden 1818 — 20. 
Contessa = C. W. Contessa, Schriften. Leipzig 1826. 
Grauer, Pfyffer = Franz Regis Grauer, Oberst Pfyffer, Ein 
historisches Schauspiel in 5 Aufz. Luzern 1783. — Toggen- 
burg = Die Grafen von Toggenburg. Vaterländisches Schau- 
spiel in 5 Aufz. Luzern 1784. 
Cysat, s. Renward Cysat, Der Begründer der schweizerischen 

Volkskunde v. R. Brandstetter. Luzern 1909. 

DWb. = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm usw. 

Eberl, Eipeldauer = Ferdinand Eberl, Der Eipeldauer am Hofe. 

Wien 1797. — Kleine Ehrlichkeit = Kleine Ehrlichkeit 

prellt oft die größte Spitzbüberey. 1795. — Limonadehütte 

= Die Limonadehütte. Wien 1793. — Männerfrevel = Lotte 

von Westenburg oder Männerfrevel. 1795. — Tode :=: Der 

Tode und seine Hausfreunde. Wien 1796. — Weibertreue 

= Noch seltner als Weibertreue. 1795. 

Ebner-Eschenbach = Marie von Ebner- Eschenbach, Ausgewählte 

Erzählungen. Berlin 1910. 
Eckhof, Mutter-Schule = Die Mutter-Schule, aus dem Französischen 
des Herrn v. Marivaux übersetzt von Herrn Conrad Eckhof. 
Wien 1865. 



Erläuterung zu den Qaellenzitaten. IX 

Eichendorff = Joseph Freiherr von Eichendorifs sämtliche Werke. 

Leipzig: 1864. 
Elis. Charl. = Briefe der Herzogin Elisabetli Charlotte v. Orleans, 

hrsg. V. Holland (Lit. Ver.), nach Nummern zitiert. 
Engl. Kom. = Die Schauspiele der englischen Komödianten, hrsg. 

von Creizenach (Nat. Lit. 23). 
Entdeckungen =^ Die falschen Entdeckungen. Nach Marivaux, 

München 1776. 
Erz. = Deutsche Erzähler des 18. Jahrh. (Literaturdenkmale 

66—69). 
Eyb =: Deutsche Schriften des A. v. Eyb, hrsg. von Herrmann 

(Schriften z. germ. PhiloL H. 4. 5). 
Faust = Das Volksbuch von Doctor Faust (Neudrucke 7 — 8). 
Felsenburg := (Schnabel, Joh. Gottfr.), Die Insel Felsenburg, 1. Teil 

(Literaturdenkmale 108—120). 
Fi schart (Hauffen) = Johann Fischarts Werke, hrsg. v. Ad. Hauffen 

(Nat. Lit. 18, 1—3). 
Fouque, Sigurd = Friedrich de la Motte-Fouque, Sigurd der 

Schlangen töter (Nat. Lit. 146). — Undine (ib.). — Zaub. = 

Der Zauberring, ein Ritterroman. Nürnberg 1816. 
L. V. Franyois, Reckenburgerin = Luise v. Frangois, Die letzte 

Reckenburgerin. 3. Aufl. Berlin 1873. 
Frau Rath (Goethes Mutter), Ausgabe von Keil. Leipzig 1871. 
Friedel, Christel und Gretchen = Johann Friedel, Christel und 

Gretchen. Wien 1785. 
Geliert = C. F. Gellerts sämtliche Schriften. Leipzig 1769. 
Gemmingen, Hausv. = Der deutsche Hausvater. Ein Schauspiel 

von 0. H. Reichsfreiherrn von Gemmingeu. 1780. 
P. Gerhard = Paul Gerhard. Geistliche Lieder, hrsg. von 

Ph. Wackernagel. Stuttgart 1843. 
Geschwind = Geschwind eh' es jemand erfährt, oder der besondere 

Zufall. München 1777. 
Gieseke, Hamlet = Carl Ludwig v. Gieseke, Der travestierte 

Hamlet. Wien 1798. — Jungfrauen = Die zwölf schlafenden 

Jungfrauen. Wien 1798. 
Gil Blas = Der Spanische Robinson oder sonderbare Geschichte 

des Gil Blas von Santillana. 1. TeiL 3. Aufl. Hamburg 1742. 

2. Teil. 2. Aufl. Hamburg 1736. 3. Teil. 1. Aufl. 1736. 4. Teil. 

1735. 
Gleich, J]ppo = Joseph Alois Gleich, Eppo von Gailingen. Wien 
1809. 

Goe. = Goethes Werke. Hrsg. im Auftrage der Großherzogin 
Sophie von Sachsen. 1. Abteilung. — Goe. 2. 3 = ib. 



X Erläuterung zu deu Qiiellenzi taten. 

2./3. Abteilung. — Goe. Br. = Goethes Briefe ib. 4. Ab- 
teilung. 

J. Gotthelf = Jereraias Gotthelf, Sämtliche Schriften in 24 Bänden. 
München und Bern 1911 ff. 

Gozzi = Theatralische Werke von Carlo Gozzi. Aus dem It. 

übersetzt. Bern 1777. 
Grillp. = Grillparzers sämtliche Werke, hrsg. v. Sauer. 5. Ausg. 

in 20 Bänden. Stuttgart. 

Großmann, Henriette = Gustav Friedrich Wilhelm Großmann, 
Henriette, oder sie ist schon verheiratet. 1777. — Schüsseln 
= Nicht mehr als sechs Schüsseln. 2. Ausg. Leipzig 1780. 

A. Grün = Anastasius Grün, Werke. Berlin 1877. 

Gryphius, Horr. == Andreas Gryphius, Horribilicribrifax (Neu- 
drucke 3). L. = Lustspiele, hrsg. v. Herrn. Palm (Lit. Ver. 
138). _ T. = Trauerspiele (ib. 162). — Squenz = Peter 
Squenz (Neudrucke 6). 

Gutzkow, R. = Gutzkow, Die Ritter vom Geist. Leipzig 1852. 
— W. = Gesammelte Werke. Frankf. a. M. 1845 ff. — Zaub. 
= Der Zauberer von Rom. Leipzig 1869. 

Hafner, Furchtsame = Ph. Hafner, Der Furchtsame. 3. Aufl. 
Wien 1799. 

Hagedorn = Friedrichs von Hagedorn Poetische Werke. Hamburg 
1800. 

Haller = Albrecht von Hallers Gedichte, hrsg. v. Hirzel. Frauen- 
feld 1882. — Usong = Usong. Bern 1771. 

Hebel = Hebels Werke, hrsg. von 0. Behaghel (Nat. Lit. 142, 
2. Abtg.). 

Heine = Heinrich Heines sämtliche Werke, hrsg. v. Elster. Leipzig. 

Heinse = Wilh. Heinse, Sämtliche Werke. Hrsg. v. Carl Schüdde- 
kopf. Leipzig 1904 ff. 

Heloise = (Rousseaus) Neue Heloise 1761. 

Hensler, Galeriegemälde =^ Karl Friedrich Hensler, Das Galerie- 
gemälde. Wien 1790. — Großvater = Der Großvater, oder 
die 50jährige Hochzeitsfeyer. 1792. — Invalide = Der 
Invalide. Ein militärisches Originallustspiel 1790. — Juden- 
mädchen = Das Judenmädchen von Prag. 1792. — Räuber 
= Der Räuber aus Rachsucht. 1790. 

Herder = Herders sämtliche Werke, hrsg. von Suphan. Berlin 
1877 ff. 

Hermes, Soph. R. = Johann Timotheus Hermes, Sophiens Reise 
von Memel nach Sachsen. Leipzig. 1. Bd. 1776. 2. 1774. 
3 — 6. 1776. 



Erläuterung zu den Qiiellenzitaten. XI 

Heymonsk. = Das deutsche Volksbuch von den Ileymonskindern, 

hrsg. V. Friedrich Pf äff. Frei bürg i. Br. 1887. 
P. Heyse = Paul Heyse, Gesammelte Werke. Berlin 1872. 
Hink. Teufel = Le Sage, Der hinkende Teufel. Ein komischer 

Roman. Aus dem Französischen. Frankfurt u. Leipzig 17ß4. 
E. T. A. Hoffmann (zitiert nach der Hempelschen Ausgabe). 
Hofmannsw., K. = Christian Hofmann von Hofmannswaldau (Nat. 

Lit. 36). 
Holtei, Erz.-Schr. = Karl v. Holtei. Erzählende Schriften. Breslau 

1861 — 66. — 40 Jahre = Vierzig Jahre (aus seinem Leben). 

Bd. 1^4. Berlin 1853 — 44. Bd. 5 — 6. Breslau 1846. 

Bd. 7 - 8. Breslau 1850. 
Hölty = Gedichte von Lud ewig Heinrich Christoph Hölty, hrsg. 

von K. Halm. Leipzig 1869. 

D. Hülshoff = Annette von Droste-Hülshoft', gesammelte Schriften. 

Hrsg. V. Schücking. Stuttgart 1878—79. 
Iffland = A. W. Ifflands dramatische Werke. Leipzig 1798-99 

(zitiert nach den einzelnen Werken). 
Immer mann = Karl Immermanns Werke. Berlin (Hempel). 
Jacobi, Merk. = Friedrich Heinrich Jacobi. Wielands Merkur. — 

Woldemar = Woldemar. Königsberg 1794. 
J. Paul = Jean Pauls Werke (Hempel). Zitiert nach den einzelnen 

W^erken. 
Thom. Jones = Geschichte des Thomas Jones, eines Findlings. 

Aus dem Englischen Heinrich Fieldings übersetzt. Hamburg 

und Leipzig 1771. 
Julius V. Braunschw. = Die Schauspiele des Herzogs Heinrich 

Julius von Braunschweig. Hrsg. v. Julius Tittmann. Leipzig 

1880. 
Jünger, Strich durch die Rechnung = J. Jünger. Der Strich durch 

die Rechnung. 1785. 
Kammermädchen = Das vermeinte Kammermädchen. Nach dem 

Französischen des Herrn Marivaux. Wien 1783. 
G. Keller = Gottfried Keller, Gesammelte Werke. Berlin 1892. 

E. Kleist = Ewald v. Kleist (zitiert nach der Hempelschen Ausg.). 
H. Kleist == H. v. Kleists Werke. Im Verein mit Georg Minde-Pouet 

und Reinhold Steig, hrsg. v. Erich Schmidt. Leipzig u. Wien. 

Klinger = F. M. Klingers sämtliche Werke. Stuttgart u. Tübingen 
1842. — Otto (Literaturdenkmale 1) 1881. 

Kl. Br. = Briefe von und an Klopstock. Hrsg. v. S. M. Lappen- 
berg. — M. == Messias. — Od. == Oden. Hrsg. von Franz 
Muncker und Jaro Pawel. Stuttgart 1889. — Sehr. = Schriften. 
Hrsg. V. Back und Spindler. Leipzig 1830. 



XII Erlänterung zu den Quelleuzitaten. 

Kotzebue = A. v. Kotzebues sämtliche dramatische Werke. Leipzig 
1827—29. 

Krüger = Joh. Chr. Krüger, Poetische und theatralische Schriften. 
Hrsg. V. J. F. Löwen. Leipzig 1 763. 

Herrn. Kurz = Hermann Kurz, Gesammelte Werke. Hrsg. v. Paul 
Heyse. Stuttgart 1874. 

Lafontaine, du Plessis = A. H. J. Lafontaine, Clara du Plessis 
und Clairant. Berlin 1794—1802. 

L am brecht. Sechzehnjährige Mädchen = Matth. Georg Lambrecht, 
Das sechzehnjährige Mädchen. München 1788. — Mutterschule 
= Er hat sie alle zum Besten, oder die Mutterschule. Augsburg 
1785. — Solche Streiche = Solche Streiche spielt die Liebe. 
Augsburg 1786. — Überraschung = Und er soll dein Herr 
seyn, oder die Überraschung nach der Hochzeit. Augsburg 
1786. 

Langbein, Sehr. = Aug. Fr. E. Langbein, Schriften. 2. Aufl. 
Stuttgart 1841. 

La Roche, Sternheim = Geschichte des Fräuleins von Sternheim 
von Sophie von La Roche (Literaturdenkmale 138). 

Laube = Heinrich Laube, Gesammelte Schriften. Wien 1882. — • 
Europa = Das junge Europa. Mannheim 1836. 37. 

Lenau = Lenaus Werke (Xat. Lit. 154. 155). 

Lenz, Lustsp. = J. M. R. Lenz, Lustspiele nach dem Plautus fürs 
deutsche Theater. Frankfurt und Leipzig 1774. 

Le. = G. E. Lessings sämtliche Schriften. Hrsg. von Karl Lach- 
mann. 3. aufs neue durchgesehene und vermehrte Aiiflage, 
besorgt durch Franz Muncker. Stuttgart 1886 ff. 

Liliencron = Sämtliche Werke von Detlev v. Liliencron. Berlin 
und Leipzig. 

Literaturdenkmale = Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 
19. Jahrh. Hrsg. von Seuffert und Sauer. Berlin -Leipzig. 

Lit. Ver. = Publikationen des Literarischen Vereins in Stuttgart 
(Tübingen). 

Lohenst., Arm. = Daniel Caspers von Loheustein Großmüthiger 
Feldherr Arminius oder Herrmann nebst seiner Durchlauchtigsten 
Thußnelda. Leipzig 1689—90. — Cleop. = Cleopatra (Nat. 
Lit. 36). 

0. Ludwig = Otto Ludwig, Sämtliche Werke. Hrsg. von Paul 
Merker. München und Leipzig 1912 ff. 

Ln. = Luther (die einzelnen biblischen Bücher sind nach den 
üblichen Abkürzungen zitiert). 

Mai er, Boxberg = Jakob Maier, Der Sturm von Boxberg. Mann- 
heim 1778. — Fust = Fust von Stromberg. Mannheim 1782. 



Erläuterung zn den Quellenzitaten. xill 

Meisl, Quodlibet = Carl Meisl, Theatralisches Quodlibet. Pesth 

\md Wien 1820 — 25. 
A. Meißner, Leben = Alfred Meißner, Geschichte meines Lebens. 

2. Aufl. Wien und Teschen 1884. 
Meißner, Skiz. = A. G. Meißner, Skizzen. Leipzig 1778 ff. 
Miller, Briefw. = Job. M. Miller, Briefwechsel dreier akademischer 

Freunde. Ulm 1776. — Siegwart = Siegwart, Eine Kloster- 
geschichte. Leipzig 1776. 
Möller, Waltron = H. F. Möller, Der Graf von Walltron, oder 

die Subordination. Leipzig 1776. — Wikinson = Wikinson 

und Wandrop. Wien 1792. 
Mörike = Eduard Mörikes sämtliche Werke. Hrsg. von Krauß. 
Moritz, Reiser = K. Ph. Moritz, Anton Reiser, ein psychol. Rom. 

Hrsg. von L Geiger (Literaturdenkmale 23). 
Moser = Justus Mosers sämtliche Werke. Bd. 1 — 2, Berlin 1868. 

3 — 4, 1858. 5—10, 1843. 
Murner, Badenf. = Thomas Murner, Badenfahrt. Hrsg. v. Martin. 

1887. — Narrenb. = Narrenbeschwörung (Neudr. 119 — 124). 

— Schelmenz. = Schelmenzunft (Neudr. 85). 
Musäus, Volksm. =^ Joh. K. A. Musäus, Volksmährchen der Deutschen. 

Gotha 1782 — 86. 
Nanine = Nanine. Ein Lustspiel aus dem Französ. (Voltaire) v. D. 

Augsburg 1776. 
Nat. Lit. = Deutsche National-Literatur. Hrsg. von Jos. Kürschner. 

Berlin und Stuttgart. 
Neudrucke = Neudrucke deutscher Literaturwerke des 16. und 

17. Jahrhunderts. Hrsg. von W. Braune. Halle a. S. 
Nicolai, Notha. = Friedrich Nicolai, Sebaldus Nothaukers Leben 

und Meinungen. Frankfurt 1774 — 76. — Reise = Reise 

durch Deutschland. 1. Bd. Berlin -Stettin 1783. 
Op. = Martini Opicii, Teutsche Poemata. Hrsg. von Witkowski 

(Neudrucke 189 — 199; zitiert nach Nummern). — Op. K. = 

Martin Opitz, Weltliche und geistliche Dichtung (Nat. Lit. 27). 
Parn. boic. = Parnassus Boicus oder Neueröffneter Musen -Berg. 

München 1722. 
Pest. = Pestalozzi, Sämtliche Schriften. Stuttgart 1819 — 26. 
Pfau, Benj. = Claude Tillier, Mein Onkel Benjamin. Deutsch 

von L. Pfau. 2. Aufl. Stuttgart 1876. 
Der Philosoph ohne es zu wissen. Ein Schausp. München 1776. 
Pickel = Begebenheiten des Peregrine Pickels. Aus dem Eng- 
lischen übersetzt. Leipzig und Kopenhagen 1769. 
Platen = August Graf v. Platens Werke. Hrsg. von C. Chr. Redlich. 

Berlin. 



XIV Erläuterung zu den Qiiellenzitaten. 

Rabener, Sat. = G. W. Rabener, Satiren. Leipzig 1755. 

Raimund = Ferdinand Raimunds Dramatische Werke. Hrsg. von 
Glossy und Sauer. Wien 1891. 

Rautenstrauch, Vormundschaft = Johann Rautenstrauch, Die 
Vormundschaft oder der Strich durch die Rechnung. Augsburg 
1775. 

Rebhuhn = Paul Rebhuhns Dramen. Hrsg. von Palm. Stuttgart 
1859 (Lit. Ver. 49). 

Chr.'Reuter, ehrl. Frau = Christian Reuter, Die ehrliche Frau, 
nebst Harlequins Hochzeit- und Kindbetterinnenschmaus (Neu- 
drucke 90 — 91). — Schelm. = Schelmuffsky (Neudrucke 
57 — 58). — Schlampampe =v Der ehrlichen Frau Schlam- 
pampe Krankheit und Tod (Neudrucke 90 — 91). 

Robinson = Das Leben und die gantz ungemeine Begebenheiten 
des Robinson Crusoe. Frankfurt und Leipzig 1720. 

Rollenhagen = Froschmeuseler, von Georg Rollenhagen. Hrsg. 
von K. Goedeke. Leipzig 1876. 

Rückert = Friedrich Rückerts gesammelte Poetische Werke. Frank- 
furt a. M. 1868. 

Sa. = D. Sanders, Wörterbuch der Deutschen Sprache. — Fremdwb. 
= Fremdwörterbuch von Sanders. Leipzig 1891. 

H. Sachs, Fab. = Hans Sachs, Sämtliche Fabeln und Schwanke. 
Hrsg. von Ed. Goetze (Neudrucke 110— 117. 126 — 134. 164 bis 
169). — Fastn. ^ Fastuachtspiele. Hrsg. von Ed. Goetze (Neu- 
drucke 26—27. 31—32. 39 — 40. 42—43. 51-52. 60—61. 
63 — 64). — K. = Hans Sachs. Hrsg. v. Adelbert v. Keller. 
Stuttgart (Lit. Ver.) 1870 ff. 

D. Schaub. = (Gottsched), Deutsche Schaubühne nach den Regeln 
der alten Griechen und Römer eingerichtet. Leipzig 1740 — 45. 

Schikaneder, Laster = Emanuel Schikaneder, Das Laster kömmt 
am Tage. Salzburg 1783. — W. = Sämtliche theatralische 
Werke. Wien 1792. 

Schi. = Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe 
von K. Goedecke. Stuttgart 1867—76. — Br. = Schillers 
Briefe. Hrsg. v. Fritz Jonas. Stuttgart. Leipzig. Berlin. AVien. 
— Schi. u. Lotte = Schiller und Lotte. 1788—1805. 2. Ausg. 
von Wilh. Fielitz. Stuttgart 1879 (nach Nummern zitiert). 

Schimann, Eifersucht = Jos. Schimann, Eifersucht und Mutwillen. 
Prag 1774. 

A.W. Schlegel = August Wilhelm von Schlegels sämtliche 
Werke. Hrsg. von Ed. Böcking. Leipzig 1846. — Span. Th. 
= Spanisches Theater. Berlin 1809. — Die Shakespeare- 
Übersetzung; ist nach den einzelnen Stücken zitiert. 



Erläuterung zu dea Qaellenzitaten. XV 

El. Schlegel, Sehr. =^ Joh. Elias Schlegel, Aesthetischc und dra- 
maturgische Schriften. Hrsg. von J. v. Antoniewicz (Literatiir- 
denkraale 26). 

Fr. Schlegel = Friedrich von Schlegels sämtliche Werke. 2. Orig.- 
Ausg. Wien 1846. 

Schletter, Eilfertige = Salom. Friedr. Schletter, Der Eilfertige. 
Wien 1788. — Philos. Dame = Die philosophische Dame, oder 
Gift und Gegengift. Wien 1784. — Schule der Freundschaft 
= Die Schule der Freundschaft. Brunn 1787. 

Schneider und Sohn = Der Schneider und sein Sohn. Ein Lust- 
spiel. München 1775. 

Schröder = Friedr. Ludw. Schröder, Beytrag zur deutschen Schau- 
bühne. Berlin 1786 — 90. Daraus zitiert: Ehrgeiz und Liebe. 
Der Fähnrich. Das Portrait der Mutter. Der Ring. Stille 
Wasser sind tief. Der Vetter in Lissabon. Victoriue. 

Seume = Joh. Gottfr. Seumes Werke (Hempel). — Leben = Mein 
Leben. Leipzig 1813. 

Simpl. = H. G. Chr. v. Grimmeishausen, Der abenteuerliche Sim- 
plicissimus (Neudrucke 19 — 25). — Simpl. B. = id. Hrsg. von 
Bübertag (Nat. Lit. 33. 34). — Simpl. Sclir. = Simplicianische 
Schriften. Hrsg. von Bobertag (Nat. Lit. 35). 

Steffens, Norw. = Heinrich Steffens, Die 4 Norweger. Breslau 
1827—28. — Nov. = Novellen. Gesamt- Ausgabe. Breslau 
1837—38. 

Stephanie d. ä., Murrkopf = Christian Gottlob Stephanie, Der 
gutherzige Murrkopf (nach Goldoni). Augsburg 1785. 

Stephanie, Bekanntschaft = Gottlieb Stephanie, Die Bekanntschaft 
im Bade. München 1776. — Neugierde = Die bestrafte Neu- 
gierde. 1772. — Werber = Die Werber. Lustsp. in 5 Aufz. 
nach d. Engl, des Farquhar. Wien 1777. 

Stifter, Studien = Adalbert Stifter , Studien. 5. Aofl. 1. 2. Bd. 
1857. 3. Bd. 1856. 

Storm = Theodor Storm, Sämtliche Werke. Neue Ausgabe in 
8 Bänden. Braunschweig 1898. 

Thümmel = A. M. von Thümmels sämtliche AYerke. Leipzig 
1839. 

Tieck = Ludwig Tiecks Schrifteu, Berlin 1828 ff. — Acc. = 
Vittoria i^ccorombona. Breslau 1840. — Cev. = Der Aufruhr 
in den Cevennen (Nat. Lit. 144. 2. Abtg.). — Gen. ^= Leben 
und Tod der heiligen Genoveva (Nat. Lit. 144. 1. Abtg.). — 
Lov. = Geschichte des Herrn William Lovell. Berlin und 
Leipzig 179'> — 96. — Oct. = Kaiser Octavianus. Jena 1804. 
Phant. := Phantasus. Eine Sammlung von Märchen, Erzählungeu,^ 



XVI Erläuterung zu den Quellenzitaten. 

Schauspielen und Novellen, hrsg. von Ludw. Tieck. Berlin 
1812 — 16. — Quix. = Leben und Thaten des scharfsinnigen 
Edlen Don Quixote von la Mancha, von Miguel de Cervantes 
Saavedra, übersetzt von Ludwig Tieck. Berlin 1799 — 1801. 

Uhland = Gedichte von Ludwig Uhland. Kritische Ausg. von 
Erich Schmidt und Julius Hartmann. Stuttgart 1898. 

Vischer, Auch Einer = Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft 
von Fried. Theod. Vischer. Stuttgart und Leipzig 1879. 

Voß, II. = Joh. Heinrich Voß, Ilias. — Luise i = Luise. I.Aus- 
gabe (zitiert nach Nat. Lit. 49). — Od. = Odyssee. — 
Od. 1 = Homers Odüßee, übersetzt von Joh. Heinr. Voß. Hamburg 
1781. 

Vulpius, Rin. = Chr. Aug. Vulpius, Rinaldo Rinaldini der Räuber- 
Hauptmann. 2. Aufl. Leipzig 1802. 

Waldis = Esopns von Burkhard Waldis. Hrsg. von Heinr. Kurz. 
Leipzig 1862 (zitiert nach Nummern). 

V. Weber, Sagen = Veit Weber, Sagen der Vorzeit. 2. Aufl. 
Frankfurt und Leipzig 1790—99. 

Weckherlin = Georg Rudolf Weckherlins Gedichte. Hrsg. von 
H.Fischer (Lit. Ver. 199. 200). 

Chr. Weise, Cath. = Christian Weise, Comödie von der bösen 
Catharine (Nat. Lit. 29). — Erz. = Die drei ärgsten Erz- 
narren (Neudrucke 12 — 14). — Klügste Leute = Die Drey 
klügsten Leute in der gantzen Welt. Leipzig 1707. — Mac. 
= Bäuerischer Machiavellus (Nat. Lit. 39). — Mas. = Masa- 
niello (Neudrucke 216—18). 

F.Weiße, Op. = Christian Felix Weiße, Komische Opern. Leipzig 
1768. — Rieh. = Richard der Dritte (Nat. Lit. 72). 

Werder, Rol. = (Dietrich v. d. Werder), Die Historia vom Rasenden 
Roland. Leipzig 1636. 

Wi. = Wielands Werke (Hempel). — Wi. I = Wielands Ge- 
sammelte Schriften. Hrsg. von der Deutschen Kommission der 
Kgl. Preuß. Ak. d. Wiss. 1. Abt. Berlin 1909. — Wi. II = id. 
2. Abt., Übersetzungen. Berlin 1909. — Am.i = Der neue 
Amadis. Leipzig 1771, — Arasp. = Araspes und Panthea. 
Zürich 1760. — Cic. = Ciceros sämtliche Briefe tibersetzt 
und erläutert. Zürich 1808 — 21. — Idris^ = Idris, Ein 
Heroisch -comisches Gedicht. Leipzig 1768. — Luc. = Lucians 
von Samosata Sämtliche Werke. Aus dem Griech. übersetzt 
und mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen. Leipzig 
1788 — 89. — Merk. = Der Teutsche Merkur von 1773—89. 
— Mus.i = Musarion, oder die Philosophie der Grazien. Leipzig 
1768. 



Benutzte Zeitschriften. Sonstige Abkürzungen. XVir 

Wyle = Translationen des Niclas von Wyle. Hrsg. von Adelbcrt 
V.Keller. Stuttgart (Lit. Ver. 57) 1861. 

Zabuesnig, Elsb. = Job. Christoph v. Zabuesnig, Elsbeth, oder 
der p^rauenraub. Prag 1785. 

Zachariä, Phaet. = Just. Friedrich Wilhelm Zachariä, Der Phaeton. 
— Renommiste = Der Renommiste. P^in komisches Helden- 
gedicht. — Verwandl. = Verwandlungen. 



Benutzte Zeitschriften. 

AfdA. = Anzeiger der Zeitschrift für deutsches Altertum. 

Germ. = Germania. Vierteljahrsschrift für deutsches Altertum. 

Begründet von Pfeiffer. 
IF. = Indogermanische Forschungen. Hrsg. von Brugmann und 

Streitberg. 
PBB. = Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und 

Literatur. Hrsg. von Paul und Braune. 
Zs. fdA. = Zeitschrift für deutsches Altertum. Begründet von 

Haupt. 
Zs. fdPh. = Zeitschrift für deutsche Philologie. Begründet von 

Zacher. 
Zs. fdU. = Zeitschrift für deutschen Unterricht. Begründet von 

Lyon. 
Zs. fdWf. = Zeitschrift für deutsche Wortforschung. Hrsg. von 

Kluge. 
Zs. f. vgl. Sprf. = Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 

Begründet von Kuhn. 



Sonstige Abkürzungen. 

A. = Akkusativ. Akk. = Akkusativ. 

Adj. = Adjektivum. Akt. = Aktivum. 

Adv. = Adverbium. al. = alemannisch, 

afränk. = altfränkisch. alts. = altsächsisch, 

afries. = altfriesisch. anhd. = altneuhochdeutsch, 

afrz. = altfranzösisch. . anord. = altnordisch, 

ags. = angelsächsisch. Art. = Artikel, 

alid. = althochdeutsch. asächs. = altsächsisch, 

aind. = altindisch. Ausg. = Ausgabe. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. t) 



XVIII 



Sonstige Abkürzungen. 



Ausgg. = Ausgaben, 
bair. ^ bairisch. 
D., Dat. = Dativ. 
Dem. = DemüDstrativum. 
Dim. = Diminutivum. 
engl. = englisch. 
F., Fem. = Femininum, 
flank. = fränkisch, 
frz. = französisch, 
flies. = friesisch. 
Fut. = Futurum. 
G., Gen. = Genitiv. 
Ger. = Gerundium, 
germ. = germanisch, 
got. = gotisch. 
Gramm. = Grammatik, 
griech. = griechisch. 
hess. = hessisch, 
hochd. = hochdeutsch, 
idg. = indogermanisch. 
Imp. = Imperativ. 
Ind. = Indikativ. 
Inf. = Infinitiv. 
Instr. = Instrumentalis. 
Interj. = Interjektion, 
intr. == intransitiv, 
it., ital. = italienisch. 
Jahrh. = Jahrhundert, 
kelt. = keltisch. 
Koll. = Kollektivum. 
Komp. = Komparativ. 
Konj. = Konjunktiv. 

„ = Konjunktion. 
Konjug. = Konjugation, 
landschaftl. = landschaftlich, 
lat. = lateinisclj. 
lit. = litauisch. 
M. = Maskulinum. 
MA. = Mittelalter. 



md. = mitteldeutsch. 

mengl. = mittelenglisch. 

mfiänk. = mittelfränkisch. 

mhd. = mittelhochdeutsch. 

mlat. = mittellateinisch. 

mnd. = mittelniederdeutsch. 

mndl. = mittel niederländisch. 

Mua. = Mundart. 

muartl. = mundartlich. 

N. = Neutrum. 

N. = Nominativ. 

nd. = niederdeutsch. 

ndl. = niederländisch. 

nhd. = neuhochdeutsch. 

Nom. = Nominativ. 

nordd. = norddeutsch. 

nordostd. = nordostdeutsch. 

nordwestd. = nordwestdeutsch. 

Ntr. == Neutrum. 

u. 0. = und oft. 

u. ö. = und öfter. 

oberd. ^ oberdeutsch. 

Obj. = Objekt. 

österr. = österreichisch. 

ostmd. = ostmitteldeutsch. 

Part. = Partizipium. 

Pass. = Passivum. 

Perf. = Perfektum. 

PI. = Plural. 

Präd. = Prädikat. 

Präp. = Präposition. 

Prät. = Präteritum. 

Pron. = Pronomen. 

refl. = reflexiv. 

Rel. = Relativum. 

s. = siehe. 

Sbst. = Substantiv. 

schw. = schwach. 

Schwab. = schwäbisch. 



Sonstige Abkürzuugen. 



x\K 



Schweiz. = schweizerisch. 
s. d. = siehe dieses. 
Sg. = Singular, 
slaw. = slawisch, 
st. :=• stark. 
Subj. = Subjfkt. 
Subst. = Substantiv. 
südd. = süddeutsch, 
stidostd. = südostdeutsch. 
siidwestd. = südwestdeutsch 



Supcrl. == Superlativ. 

sw. = schwach. 

thür. = thüringisch. 

trans. = transitiv. 

Verb. = Verbum. 

vgl. = vergleiche. 

westg. = westgermanisch. 

Zschr. = Zeitschrift. 

Zus. = Zusammensetzung. 

Zuss. = Zusammensetzunfren. 



Berichtigungen. 

S. 126, § 150, Zeile 1: statt 16. lies 17. Jahrh. 
Iq Teil II haben versehentlich zwei Paragraphen die Nummer IIB 
erhalten. 



Teil I. 

Geschichtliche EiDh^itiing'. 



Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 



Kap. 1. Stellung des (Jerinaniseheii iimerhal!) 
des Iiidogerisuiiiisclieii. 

§ 1. Das Deutsche gehört zur germanischen Sprach- 
familie, die einen Teil des indogermanischen Sprach- 
st am m es bildet. Zu diesem gehören außerdem die folgenden 
Familien: 1) das Indische, dessen ältester, für die ver- 
gleichende Sprachwissenschaft so gut wie ausschließlich in 
Betracht kommender Typus das durch eine reiche Literatur 
vertretene Sanskrit ist, auch schlechthin als Altindisch be- 
zeichnet, wovon die altertümlichste, von dem sog. klassischen 
Sanskrit mehrfach abweichende Gestalt in den Veden und den 
daran sich anschließenden Schriften vorliegt; 2) das Iranische, 
dessen älteste Vertreter zwei verschiedene Dialekte sind, ein 
östlicher, die Sprache des heiligen Buches der Zoroastrischen 
Religion, des Avesta, früher als Zend, Zendsprache bezeichnet, 
jetzt gewöhnlich nach der angenommenen Herkunft als Alt- 
baktriseh, und ein westlicher, das Altpersische, in Keilinschriften 
erhalten; 3) das Armenische, früher dem lianischen zu- 
gerechnet, erst in neuerer Zeit als eine besondere Familie 
erkannt; 4) das Albanesische, erst auf sehr junger Ent- 
wicklungsstufe überliefert und stark mit fremden Elementen 
durchsetzt, daher erst spät als eine besondere Familie er- 
kannt; 5) das Griechische, schon in der ältesten unserer 
Erkenntnis zugänglichen Zeit in viele Mundarten gespalten; 
6) das Italische, von dessen Mundarten nur das Lateinische 
in reichlicher Überlieferung vorliegt, während von den andern 
nur Trümmer erhalten sind, die reichlichsten auf Inschriften 
vom Oskischen und Umbrischen; 7) das Keltische, von 
dessen Mundarten das Irische am frühesten durch eine ver- 
hältnismäßig reiche Überlieferung bekannt ist, während die 
Sprache des alten Galliens nur durch spärliche Reste von 



4 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Inschriften und einzelne Wörter bei griechischen und römischen 
Schriftstellern überliefert ist; 8) das Baltische, d.h. das 
Litauische, Lettische, und das seit dem 17. Jahrhundert aus- 
gestorbene Preußische; 9) das Slavische, das in zwei Haupt- 
gruppen zerfällt, eine östlich-südliche, zu der das Kussische, 
Bulgarische, Serbisch -Kroatische und das Slovenische gehört, 
und eine westliche, die das Cechische, Sorbische (in der Lausitz) 
und Polnische begreift, welchem letzteren sich auch die Sprachen 
der meisten jetzt germanisierten slavischen Stämme anschließen, 
worunter das uns in Aufzeichnungen des 18. Jahrhunderts er- 
haltene Polabische (Elbslavisehe); die altertümlichste Stufe des 
Slavischen ist die Sprache, deren sich die Slavenapostel Cyrill 
und Methodius im 8. Jahrhundert bedienten, die zur Kirchen- 
sprache der Slaven griechischen Bekenntnisses geworden ist, 
allerdings mit allerhand Modifikationen durch die einzelnen 
slavischen Sprachen, daher als kirchenslavisch bezeichnet; der 
ursprüngliche Typus des Kirchenslavischen wird teils als alt- 
slovenisch, teils (wohl richtiger) als altbulgarisch angesprochen. 
Neben diesen Familien haben vielleicht noch andere bestanden, 
von deren Sprache uns nichts übriggeblieben ist oder nur 
dürftige Reste, die kein sicheres Urteil gestatten. Neuerdings 
hat man das sog. Toch arische als eine besondere Sprach- 
familie angesprochen. 

Anm. ludogenuanisch ist die von Bopp eingeführte und in Deutsch- 
land allgemein gebräuchliche Bezeichnung des Sprachstammes. Außer- 
halb Deutschlands gebraucht man meistens indoeuropäisch. Eine dritte 
Bezeichnung, arisch, die man übrigens mehr für das Urvolk und die 
Rasse angewandt hat als für die Sprache, wird besser vermieden, da sie 
mehrdeutig ist, vgl. § 4. 

§ 2. Die durch die vergleichende Sprachwissenschaft auf- 
gedeckte Übereinstimmung zwischen diesen Familien zwingt 
zu der Annahme, daß sie alle einen gemeinsamen Ursprung 
haben, auf eine uns zwar nicht erhaltene, aber notwendig vor- 
auszusetzende Ursprache zurückgehen. Demnach muß es 
natürlich auch ein Volk gegeben haben, das diese Sprache 
gesprochen hat, das indogermanische Urvolk. Die Wohn- 
sitze dieses Volkes hat man früher allgemein in Asien gesucht, 
jetzt aber neigt man dazu, dieselben in das östliche und nörd- 
liche Europa zu verlegen. Durch immer mehr zunehmende 
räumliche Ausbreitung ist der Zusammenhang zwischen den 



Idg. Ursprache und Urvolk. 5 

Teilen dieses Volkes gelockert worden. Es haben sieh Gruppen 
gegeneinander abgesondert, durch politische Gegensätze, durch 
natürliche Grenzen, teilweise wohl auch durch Zwischen- 
schiebung anderssprachiger Völker voneinander getrennt. 80 
sind aus dem einen Volke mehrere mit gesonderter Sprach- 
entwicklung entstanden, und diese haben sich in derselben 
Weise von neuem gespalten. Als Zwischenglieder zwischen 
dem Urvolke und den uns geschichtlich bekannten Völkern 
haben wir uns Volksgemeinschaften zu denken, die den oben 
aufgezählten Sprachfamilien entsprechen. Es folgt daraus aber 
nicht, daß alle Menschen, die jetzt eine indogermanische 
Sprache sprechen, oder früher gesprochen haben, lediglich von 
dem indogermanischen Urvolke abstammen müßten. Völker- 
mischungen und Übertragungen von Sprachen auf ursprüng- 
lich anderssprachliche Individuen und ganze Völker, wie sie 
für die jüngere Zeit massenhaft nachzuweisen sind, werden 
wir auch für die ältere Zeit, aus der uns Nachrichten fehlen, 
unbedenklich vorauszusetzen haben, ilau sollte daher lieber 
nicht von einer indogermanischen (oder arischen) Rasse reden. 
Ebenso ist anzunehmen, daß die einzelnen indogermanischen 
Sprachen, wie sie im Laufe der für uns verfolgbaren Ent- 
wicklung allerhand Stoff aus fremden Sprachen aufgenommen 
haben, dies auch schon in den ältesten dunklen Perioden getan 
haben, und zwar auch aus nicht indogermanischen und uns 
unbekannten Sprachen. Ferner werden wir damit rechnen 
müssen, daß zu allen Zeiten auch noch Neuschöpfung von 
Sprachstoff, namentlich von onomatopoetischen Wörtern statt- 
gefunden hat. Man geht daher von falschen Voraussetzungen 
aus, wenn man es als eine Aufgabe der Sprachwissenschaft 
betrachtet, womöglich den gesamten Wortschatz jeder indo- 
germanischen Sprache, soweit sich derselbe nicht als Entlehnung 
nachweisen läßt, auf Grundlagen zurückzuführen, die schon in 
der Ursprache vorhanden waren. 

Anm. Über die Frage nach der Heimat des idg. Urvolkes vgl. 
Schrader, „Sprachvergleichung und Urgeschichte", ^Jeua 1890, S. 111 ff., 
wo die ältere Literatur verzeichnet ist. Weitere Literatur bei Brugmann, 
Grandr.2 1, S. 22. Dazu Hirt, „Die Indogermanen", Straßbarg 1905, 1, 
S. 176 ff. 

§ 3. Übereinstimmungen zwischen den bekanntesten indo- 
germanischen Sprachen sind frühzeitig (schon seit der Huma- 



6 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Spraclien. 

nistenzeit) gelegentlieh bemerkt worden, auch gewisse Laiit- 
entsprechungen wie lat. d und deutsch ^. Aber da man nicht 
systematisch vorging, mischten sich nur zu oft mit richtigen 
Erkenntnissen irrige Annahmen. Auch beschränkte man sich 
fast ausschließlich auf Wortvergleichungen, wobei man außer- 
dem Übereinstimmungen, die durch frühe Entlehnung aus einer 
Sprache in die andere entstanden waren, nicht von solchen 
zu scheiden wußte, die auf Urverwandtschaft beruhten. Eine 
stärkere Anregung zur Vergleichung wurde erst durch das 
Bekanntwerden des Sanskrit in Europa gegeben seit dem Ende 
des 18. Jahrhunderts. Das Sanskrit war in wesentlichen Stücken 
altertümlicher als alle andern überlieferten idg. Sprachen, 
zugleich besonders durchsichtig, wozu die Beeinflussung des 
Wortauslautes durch den Anlaut des im Satze folgenden 
Wortes (Saudhi) viel beitrug. Dazu kam, daß infolge solcher 
Eigenschaften die Lautlehre dieser Sprache schon von den 
indischen Grammatikern auf einen ziemlich hohen Grad der 
Vollkommenheit gebracht war. So kam es, daß die nun ent- 
stehende vergleichende Sprachforschung zunächst ihre Haupt- 
nahrung aus der Erforschung des Sanskrit zog, wobei denn 
dessen Altertümlichkeit doch überschätzt wurde. Ein be- 
deutender Anstoß ging aus von F.Schlegels Schrift „Über die 
Sprache und Weisheit der Indier" (1808). Von entscheidender 
Bedeutung war es vor allem, daß er hier die Forschung von 
der bloßen Wortvergleichung auf die Untersuchung der inneren 
Struktur der Sprachen oder die vergleichende Grammatik 
lenkte. Dieser Anregung folgte F. Bopp in dem Buche „Über 
das Conjugationssj'stem der Sanskritsprache in Vergleichung 
mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und ger- 
manischen Sprache" (1816), dem ersten methodischen Ansatz 
zu einer vergleichenden Flexionslehre. Nunmehr trat der fort- 
schreitende Ausbau der weiteren vergleichenden Grammatik der 
indogermanischen Sprachen durch Bopp in nahe Beziehung 
zu der Begründung der engeren vergleichenden Grammatik 
der germanischen Sprachen durch J. Grimm. Nach dem Vor- 
gange Bopps schuf dieser eine vergleichende Flexionslehre 
des Germanischeu (1819), und durch die Hinzufügung einer 
germanischen Lautlehre lieferte er wieder ein Vorbild, dem 
sich Bopp anschließen konnte in dem ersten Versuche zu einer 



Geschiebte der idg. Sprachwissenschaft. 7 

Gesamtdarstellung: „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, 
Zend, Griechischen, Lateinischen, Gothischen und Deutschen" 
(1833—52). Wie aus dem Titel ersichtlich, waren darin noch 
nicht alle indogermanischen Sprachfamilien herangezogen. In 
einer zweiten Auflage (1857 — 61) wurden das Armenische und 
das Altslavische hinzugefügt. Eine dritte Ausgabe erschien 
1869 — 71. Ein neuer, möglichst knapp gehaltener Versuch zu 
einer zusammenfassenden Darstellung wurde von A.Schleicher 
gemacht in seinem „Compendium der vergleichenden Grammatik 
der idg. Sprachen" (1861, vierte Aufl. 1876). Hierin waren 
nicht nur die Fortschritte, welche die Sprachwissenschaft bis 
dahin über Bopp hinaus gemacht hatte, verwertet, insbesondere 
die eigenen Untersuchungen des Verf. über das Slavische und 
Litauische, sondern es war auch eine ganz neue Aufgabe zum 
ersten Male energisch ins Auge gefaßt und zu lösen versucht. 
Bopp hatte wie Grimm Grammatiken der einzelnen Sprachen 
parallel nebeneinander gestellt, woraus sich allerdings mit Kot- 
wendigkeit die Schlußfolgerung ergab, daß alle diese Sprachen 
auf einer gemeinsamen Grundlage ruhen müßten. Es fehlte 
aber noch an einem Versuche, diese Grundlage genau im 
einzelnen zu fixieren. Der älteren Sprachforschung schien dies 
wohl auch deshalb nicht so nötig, weil man der Meinung 
war, daß das Sanskrit dieser Grundlage schon recht nahe 
komme. Schleicher zog zuerst das Ergebnis aus der Ver- 
gleichung, indem er der Grammatik der Einzelsprachen eine 
Grammatik der von ihm rekonstruierten Grundsprache voran- 
stellte. Ein solches Verfahren nötigte dazu, alles schärfer 
und bestimmter zu fassen und auf die zu lösenden Probleme 
aufmerksamer zu werden. Indem man niui im folgenden für 
jede Annahme eines Lautwandels immer strengere Rechenschaft 
forderte und dadurch zu der Erkenntnis geführt wurde, daß 
die Veränderungen der äußeren Sprachgestalt in den ältesten 
Perioden wie in den jüngsten nicht bloß durch den Lautwandel, 
sondern vielfach auch durch die Analogie bewirkt sind, wurden 
allerdings Schleichers Anschauungen über die Ursprache wesent- 
lich modifiziert. Dabei kam man zu der Überzeugung, daß 
das früher so ausschließlich als maßgebend betrachtete Sanskrit 
doch nach verschiedenen Seiten hin unursprünglicher sei als 
die europäischen Sprachen, insbesondere das Griechische. Eine 



8 I, 1. Stellung des Germ. iDuerhalb der idg. Sprachen. 

neue Zusammenfassung der lebhaft betriebenen Forschungen 
gab K. ßrugmanu in seinem „Grundriß der vergleichenden 
Grammatik der idg. Sprachen", Bd. I. Einleitung und Lautlehre, 
Straßburg 1886, Bd. IL Stammbildungs- und Flexionslehre 
1889—92. Daran schloß sich als Bd. III— V eine Darstellung 
der Syntax an von B.Delbrück (1893—1900). Der ausführ- 
licheren Darstellung ließ Brugmann eine „Kurze vergleichende 
Grammatik der idg. Sprachen" folgen (Straßburg 1902 — 3), 
in welche auch die Syntax aufgenommen ist. Eine zweite 
Bearbeitung der beiden ersten Bände des ausführlichen Werkes 
ist 1897 ff. erschienen, die sieh dadurch von der ersten unter- 
scheidet, daß auch die Bedeutung der Flexionsformen mit- 
hehandelt ist. 

Anm. Einen Versuch, den idg. Wortschatz znsanimenzufassen, machte 
Fick, „Wörterbuch der idg. Grundsprache" Göttingen 186S. In einer 
2. Aufl., die unter dem Titel „Vergleichendes Wörterbuch der idg. Sprachen" 
(Güttingen 1870—71) erschienen ist, ist der Plan erweitert, indem auch 
der gemeinsame Wortschatz von Untergruppen, wie sie Fick annahm, be- 
handelt ist. Eine 3. Aufl. ist 1874 — TG erschienen, eine vierte 1891 — 1901. 
Die 2. Aufl. bringt auch den Versuch einer Zusammenfassung des germ. 
Wortschatzes, bearbeitet von Bezzenberger, die allerdings von Fehlern 
wimmelt, in der 4. Aufl. völlig umgearbeitet von Torp. 

§ 4. Die in § 1 aufgezählten Sprachfamilien verhalten 
sich nicht ganz gleich zueinander, sondern einige haben gewisse 
Eigentümlichkeiten miteinander gemein, die den andern fremd 
sind. Diese Verhältnisse suchte man sich dadurch zu erklären, 
daß man Zwischenstufen zwischen der idg. Grundsprache und 
den Grundsprachen der einzelnen Sprachfamilien annahm. Die 
Entwicklung suchte man unter dem Bilde eines Stammbaumes 
darzustellen. Ein solcher Stammbaum, für den besonders 
G. Curtius und A. Fick eingetreten sind, und der eine Zeitlang 
fast kanonisches Ansehen genoß, ist dieser i^) 

idg. 
europäisch asiatisch 

nordeuTöp! südeurop. (arisch) 



germ. baltisch-slav. keltisch graecoit. iranisch indisch 
baltisch slav. italisch griech. 



^) Das Armenische und das Albanesisehe waren dabei noch nicht 
als besondere Familien erkannt. 



Verhältnis der idg. Sprachfamilien zueinander. 9 

Schleichers Auffassung war im übrigen die gleiche, nur wollte 
er das Italische näher zum Keltischen stellen. Gegen diese 
ganze Anschauungsweise w-endete sich Joh. Schmidt in der 
Schrift „Die Verwandtschaftsverhältnisse der idg. Sprachen" 
(1872). Er machte geltend, daß sich auch zwischen Familien, 
die nach diesem Stammbaume keine engeren Gemeinschaften 
bildeten, gewisse Übereinstimmungen fänden, z. B. zwischen 
dem Germ, und dem Kelt. oder zwischen dem Baltisch -Slav. 
und dem Arischen, daß daher das Bild eines Stammbaumes 
ungeeignet sei. die wirklichen Verhältnisse zu veranschaulichen. 
Es hätten sich vielmehr sprachliche Veränderungen durch 
wellenförmige Ausbreitung, die eine bis zu diesen, die andere 
bis zu jenen Grenzen erstreckt, also z. B. eine über das 
griechische und italische Gebiet, eine andere über das 
italische und keltische, eine dritte über das keltische und 
germanische usw. Richtig ist zweifellos, daß in einem zu- 
sammenhängenden Sprachgebiete, innerhalb dessen der Ver- 
kehr zwischen den Nachbarorten nirgends ganz gehemmt ist, 
die Grenzen für die einzelnen mundartliehen Verschiedenheiten 
keineswegs immer zusammenfallen, sondern oft verschieden 
verlaufen und sich mannigfach durchkreuzen, so daß ein engeres 
Gebiet einiges mit diesem, anderes mit jenem Nachbargebiet 
gemein hat. Daher hat sich schon Schuchardt in seiner 
1870 gehaltenen, allerdings erst 1900 gedruckten Habilitations- 
vorlesung „Über die Klassifikation der romanischen Mund- 
arten" gegen die Aufstellung von Stammtafeln für die mund- 
artliehe Gliederung eines Sprachgebietes gewendet. Keine 
Sprache kann sich über einen einigermaßen beträchtlichen 
Raum ausbreiten, ohne daß sie mundartlich differenziert wird. 
So müssen wir auch für die Indogermanen zu der Zeit, wo 
sie noch ein zusammenhängendes Volk bildeten, doch schon 
das Vorhandensein von mundartlichen Unterschieden annehmen. 
Schmidts Auffassung könnte also richtig sein unter der Voraus- 
setzung, daß die späteren Sprachfamilien gewissermaßen im 
Keime schon als Mundarten der idg. Grundsprache bestanden 
hätten, und daß diejenigen Eigenheiten derselben, die mehrere 
miteinander gemein haben, bis in diese alte Zeit zurückreichen. 
Wieweit es sich aber wirklich so verhält, ist schwer mit 
Sicherheit festzustellen. Die Anschauungen über das Verhältnis 



10 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

der einzelneu Spraehfamilien zueinander sind natürlich auch 
bedingt durch die Anschauungen über die Beschaffenheit der 
idg. Grundsprache. So beruhte die Ausetzung einer europäischen 
Gruppe hauptsächlich auf der Ansicht, daß die darin begriffenen 
Sprachen gemeinsam die sogenannte Spaltung des a- Lautes 
(vgl. § 39) durchgemacht hätten. Nachdem aber erkannt ist, 
daß die Mannigfaltigkeit des europäischen Vokalismus schon 
der Grundsprache zuzuweisen ist, ist das scheinbare Argument 
für die engere Zusammengehörigkeit der europäischen Sprachen 
in nichts zerfallen. Ferner kann das Zusammentreffen mehrerer 
Sprachen in einer sprachliehen Neuerung auch zufällig sein. 
Denn es lassen sich nicht wenige Fälle eines solchen Zusammen- 
treffens nachweisen, bei denen jeder historische Zusammenhang 
ausgeschlossen ist. Brugmann hat die Frage behandelt in 
Techmers Zeitschr. für Sprachwissenschaft, Bd. 1, S. 226 ff. (vgl. 
jetzt auch seinen Grundr.2 g is. 19), Er erkennt von vorn- 
herein an, daß indisch und iranisch, ferner baltisch und slav. 
je eine zusammengehörige Gruppe bilden, wie er denn später 
in seinem Grundriß arisch und baltisch -slav. geradezu als je 
eine Sprachfamilie behandelt hat. Im übrigen aber ist er 
in bezug auf alle sonstigen angenommenen Beziehungen sehr 
skeptisch, doch vielleicht zu skeptisch. In neuerer Zeit hat 
man besonderes Gewicht auf die verschiedene Behandlung der 
idg. Velare und Palatale gelegt (vgl. § 16). Danach scheiden 
sich die indogermanischen Sprachen in eine östliche Gruppe 
(arisch, armenisch, albanesisch, baltisch -slav.) und eine west- 
liche (it., griech., kelt, germ.). In der östlichen Gruppe sind 
die Palatale zu Zischlauten geworden. Man pflegt daher, in- 
dem man die Gruppen nach der Gestalt des Wortes für 100 
charakterisiert, die westliche als die centum-Sprachen, die 
östliche als die satem -Sprachen zu bezeichnen. Der Unter- 
schied ist allerdings bedeutsam, doch wird es darum noch 
nicht notwendig sein, die Spaltung des idg. Urvolkes mit einer 
Teilung in zwei dann völlig getrennten Hälften beginnen zu 
lassen. Es könnte auch dieser Gegensatz zwischen Osten und 
Westen schon aus der Zeit des kontinuierlichen Zusammen- 
hanges aller Indogermanen stammen, und dann bliebe dabei 
noch die Möglichkeit, daß in anderer Beziehung Berührungen 
zwischen Mundarten (Vorstufen der späteren Sprachfamilien) 



Verhältnis des Germ, zu den übrigen idg. Spraclifainilien. 11 

stattgefunden hätten, von denen die eine der centum-, die 
andere der satem- Gruppe angehört hätte. Unter allen Um- 
ständen aber muß daran festgehalten werden, daß von einem 
bestimmten Zeitpunkte an jede einzelne Sprachfamilie, zunächst 
als die im wesentlichen einheitliche Sprache eines Volkes, ihre 
besonderen Wege gegangen ist, und daß es zwischen ihnen 
keine Übergangsstufeu gibt. 

Was nun die besondere Stellung des Germanischen betrifft, 
so hat sich das meiste, was man früher für eine nähere Ver- 
wandtschaft mit dem Baltisch -Slav. vorgebracht hat, als hin- 
fällig erwiesen, vgl. A. Leskien, „Die Declination im Slav,- 
Litauisehen und Germauischen" (1876). Am ehesten kann wohl 
noch Gewicht darauf gelegt werden, daß das Suffix des Instr. PI. 
(des deutschen Dativs) in beiden Gruppen mit m beginnt gegen- 
über dem l)h, das in den übrigen Sprachen zugrunde liegt. 
Weiter kommt die Übereinstimmung in der Bildung des Gen. Sg. 
der Pronomina in Betracht (auf -sso). Den Übereinstimmungen 
im Wortschatz kann man solche des Germ, mit dem Kelt. und 
mit dem Lat. gegenüberstellen. Der Wortsehatz läßt sich aber 
am wenigsten mit Sicherheit für eine nähere Verwandtschaft 
in Anschlag bringen. Wo ein Wort nur in zwei oder drei 
Sprachfamilien nachzuweisen ist, braucht es darum nicht von 
Anfang an Sondereigentum derselben gewesen zu sein, sondern 
es kann auch idg. Erbgut sein, das den übrigen zufällig ver- 
loren gegangen ist. In manchen Fällen läßt sich auch an 
Entlehnung denken, die erst stattgefunden hat, nachdem schon 
deutliche Sprachentrennuug vollzogen war. Es fehlt für die 
ältesten Zeiten vielfach an Kriterien für die Unterscheidung 
von Entlehnung und Urverwandtschaft. Über zwei anscheinende 
lautliche Übereinstimmungen zwischen dem Germ, und dem 
Keltisch -It. vgl. § 13. 31. 

§ 5. Die germanische Familie umfaßt Sprachen und Mund- 
arten, die in ihrer heutigen Gestalt sehr weit auseinandergehen. 
Allerdings verringern sich die Unterschiede beträchtlich, je 
weiter wir in der Zeit zurückschreiteu. Doch auch auf der 
ältesten Stufe unserer Überlieferung ist schon eine Differen- 
zierung vorhanden. Die Zusammengehörigkeit der germanischen 
Sprachen konnte auch bloß von den jüngeren Entwicklungs- 
stufen aus kaum verkannt werden. Aber zu einer methodischen 



12 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Verg-leichung gelangte man clocli nur sehr allmählich. Mit Denk- 
mälern der älteren Sprache, zunächst meistens mit solchen der 
engeren Heimat, beschäftigten sich in den verschiedenen ger- 
manischen Ländern einige Gelehrte schon seit der Humanisten- 
zeit. Seit der Veröffentlichung der gotischen Evangelien durch 
F. Junius (1665) war ein Gebiet gefunden, dem sich das 
Interesse der verschiedenen Nationen gleichmäßig zuwendete. 
Es wurden Texte herausgegeben und teilweise kommentiert, 
auch Wörterbücher angefertigt. Die grammatische Darstellung 
der älteren Perioden blieb dagegen zurück. Die Sprachen 
der Gegenwart wurden nur zu praktischen Zwecken be- 
handelt. Der Engländer Hickes gab 1705 in seinem Thesaurus 
eine Zusammenstellung von vier Grammatiken altgermaniseher 
Dialekte, aus denen man sich aber noch keine klare Vor- 
stellung von dem Verhältnis dieser Dialekte zueinander machen 
konnte. Einen bedeutenderen Anlauf zu systematischer Ver- 
gleichung nahm der Holländer Lambert ten Kate in dem 
Werke „Aenleiding tot de Kennisse van het verhevene Deel 
der Nederduitsche Sprake" (1723). Hierin war eine Reihe 
von Entsprechungen richtig bemerkt, und insbesondere die Er- 
scheinung, die J. Grimm später als Ablaut bezeichnet hat, als 
ein alle germanischen Sprachen durchdringender Lautwechsel 
erkannt. Nach ihm ist die bedeutendste Vorarbeit für die 
Begründung der vergleichenden germanischen Grammatik vou 
dem Dänen Kristian Rask geleistet. Er schuf zuerst eine 
zuverlässige Grundlage für die Grammatik des Anord., be- 
handelte auch das Ags. und Afries. und untersuchte in seinem 
wichtigsten Werke „Underzögelse om det gamie Nordiske eiler 
Islandske Sprogs Oprindelse" (erschienen 1818) das Verhältnis 
zu den übrigen germanischen und den verwandten europäischen 
Sprachen. Dabei stellte er insbesondere durch kritische 
Prüfung älterer Annahmen und eigene Kombinationen eine 
Reihe von Lautentsprechungen fest. 

§ 6. Doch erst J. Grimm blieb es vorbehalten, eine 
systematische Darstellung des Gesamtgebietes der germanischen 
Sprachen in Angriff zu nehmen. 1819 erschien der erste Teil 
seiner Deutschen (d. h. germanischen) Grammatik. Deutlich 
erkennt man darin den Einfluß von Bopps Konjugations- 
system (vgl, § 3). Auf eine reichhaltige Zusammenstellung der 



Geschichte der geriu. Sprachwissenschaft. 13 

früheren Leistungen für die deutsche Grammatik folgen, i)arallel 
nebeneinander gestellt, Flexionslehren der verschiedenen ger- 
manischeu Sprachen und ihrer verschiedenen Entwicklungs- 
stufen, die größtenteils erst neu unmittelbar aus den Quellen 
hatten geschöpft werden müssen. Infolge der Durchführung 
des gleichen grammatischen Systems durch alle Einzeldar- 
stellungen ergab sich eine deutliche Anschauung von der durch 
alle Mannigfaltigkeit hindurchgehenden Übereinstimmung des 
grammatischen Baues. Es fehlt auch nicht an manchen Be- 
merkungen über Laut Verhältnisse, doch stehen dieselben nur 
im Dienste der Flexionslehre. Schon 1822 folgte eine zweite 
Auflage des ersten Teiles. Erst in dieser wurden die von 
Rask ausgegangenen Anregungen vollständig verwertet, auch 
der Hinweis Lachmanns auf die Wichtigkeit der Reime für 
die genauere Bestimmung der Lautverhältnisse. Der Flexions- 
lehre wurde jetzt eine umfängliche Lautlehre vorangestellt 
(allerdings bezeichnenderweise noch mit der Überschrift „Von 
den Buchstaben"), die eine noch originellere Leistung war als 
jene. ' Ein zweiter und dritter Teil (1826. 1831) brachte die 
Wortbildungslehre, die in ihrer Art auch noch ohne Vorbild 
war, ein vierter (1837) die Syntax des einfachen Satzes. Eine 
Umarbeitung des ersten Teiles ist nicht zum Abschluß gelangt, 
das Fertiggewordene ist 1840 erschienen. Eine Neuausgabe 
des Werkes mit Nachträgen Grimms ist herausgegeben von 
W. Scherer, E. Schröder und G. Roethe (L 1870. IL 1878. 
III. 1890. IV. 1898). 

§ 7. J. Grimm war noch genötigt mit einem recht unvoll- 
kommenen Materiale zu arbeiten, zumal bei dem ersten Bande. 
Nur der kleinste Teil der Quellen war schon veröffentlicht 
und meist in mangelhafter Weise. Ein sehr viel reicheres und 
zuverlässigeres Quellenmaterial ist seitdem zugänglich gemacht, 
so daß allein für die Sammlung und Sichtung des Stoffes eine 
immer umfassendere Tätigkeit in Anspruch genommen wurde. 
Vieles ist hierfür seit dem Erscheinen von Grimms grund- 
legendem Werke schon geleistet, teils in Spezialuntersuchungen, 
teils in zusammenfassenden Darstellungen, vieles bleibt noch 
zu leisten. 

Ein Gebiet war von Grimm noch ganz beiseite gelassen. 
die lebenden Mundarten. Und doch war auf demselben schon 



14 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

vor Grimm manclies Acbtungswerte geleistet, allerdings mehr 
für den Wortsehatz. Immerhin hatte sehon im 18. Jahrhundert 
F. Fulda in mundartlichen Lautverhältnissen die Nachwirkung 
älterer Sprachzustände erkannt. Und zwischen die erste und 
zweite Auflage von dem ersten Teile der Grammatik (1821) 
fällt Schmellers Werk über die Mundarten Bayerns, durch 
welches die historische Mundartenforschur.g begründet wurde. 
Es dauerte freilich noch lange, bis das von Schmeller Begonnene 
erfolgfeich fortgesetzt wurde. Erst allmählich brach sich die 
Erkenntnis Bahn, wie notwendig das Studium der lebenden 
Mundarten zur Ergänzung der schriftlichen Quellen ist. Jene 
sind eben nicht einfach Weiterentwicklungen älterer Sprach- 
zustände, von denen wir annehmen könnten, daß sie uns schon 
durch Aufzeichnungen genügend bekannt seien. Unsere schrift- 
liche Überlieferung ist keineswegs so reicbhaltig, daß sie allein 
genügen könnte. Dabei sind die verschiedenen Landschaften 
sehr ungleichmäßig, manche sehr dürftig oder gar nicht ver- 
treten, so daß zur Vervollständigung Rückschlüsse aus den 
heutigen Mundarten unentbehrlich sind. Insbesondere lassen 
sich die Grenzen der mundartlichen Verschiedenheiten nur nach 
den heutigen Verhältnissen genau bestimmen. Ferner ist die 
Beobachtung der mundartlichen Lautverhältnisse neben den 
Reimen ein notwendiges Hilfsmittel zur Ausdeutung der mangel- 
haften Schreibweise unserer Texte. Endlich ist die Heran- 
ziehung der lebenden Mundarten wichtig für die Entscheidung 
der Frage, wieweit die älteren Aufzeichnungen rein mundartlich, 
wieweit durch schriftsprachliche Tradition bestimmt sind. 

§ 8. Durch die große Erweiterung des Materials sind der 
germanischen Sprachforschung immer neue Aufgaben gestellt. 
Aber nicht dadurch allein. Auch die Zielsetzung und die 
Methode der Forschung erfuhren nach und nach bedeutsame 
Wandlungen. Eine Forderung, die gestellt werden mußte, war 
die Herstellung einer innigeren Beziehung der germanischen 
Sprachwissenschaft zu der w^eiteren indogermanischen. J. Grimm 
batte Vergleichung mit den verwandten Sprachfamilien geübt, 
besonders durch die Darlegung der urgermanischen Lautver- 
schiebung. Aber überwiegend blieb er doch bei einer isolierten 
Betrachtung des Germanischen stehen, wodurch er auch zu 
mancher unhaltbaren Erklärung der Erscheinungen veranlaßt 



Mundarteuforschung'. Urgenu. Phonetik. Lautgesetze. 15 

wurde. So ergab sich zunächst ein gewisser Gegensatz zwischen 
Grimm und Bopp, zwischen Germanisten und Indogermanisten. 
Wenn die Versuche zur Ausgleichung zunächst nicht recht 
glücken wollten, so lag dies keineswegs bloß daran, daß die 
Germanisten sich zu wenig mit vergleichender Sprachforschung 
beschäftigten, sondern auch daran, daß die Auffassung der 
Indogermanisten von der Ursprache nicht sehr geeignet war, 
die Besonderheiten des Germanischen zu erklären. 

§ 9. Ein anderer Mangel der Darstellung Grimms wird 
durch die Überschrift des ersten Abschnittes „Von den Buch- 
staben" charakterisiert. Zwar war auch er schon, namentlich 
in bezug auf die Vokale zu einer reinlicheren Sonderung 
der Laute übergegangen, als sie durch die handschriftliche 
Schreibung gegeben war, aber er blieb doch noch zu sehr am 
Buchstaben haften. Von diesen zu den Lauten wurde man 
durch die Beschäftigung mit der lebenden Sprache gewiesen, 
die Grimm immer fremd blieb. Mehr und mehr mußte sich 
aber auch das Bedürfnis geltend machen, auch für die älteren 
Perioden die Lautwerte mit allen zu Gebote stehenden Hilfs- 
mitteln soweit als möglich festzustellen. Das mußte dazu 
führen, die Ergebnisse der Lautphysiologie oder allgemeinen 
Phonetik für die Sprachforschung zu verwerten. Dies war 
eine Grundbedingung für das Verständnis der Lautentwicklung. 
Mit dem Bestreben eine deutlichere Einsicht in die Xatur der 
Laute und des Lautwandels zu gewinnen mußte sich noch eine 
andere Anforderung immer bestimmter aufdrängen. J. Grimm 
hatte eine große Menge regelmäßiger Lautentsprechungen 
nachgewiesen. Aber es blieben doch noch genug anscheinende 
Unregelmäßigkeiten, deren Zahl mit der Ausdehnung des 
Materials zunahm. Es ergab sich so für die germ. wie für 
die idg. Sprachwissenschaft die Frage, wieweit diese Unregel- 
mäßigkeiten durch genauere Fassung der Lautgesetze und 
durch den Nachweis von Störungen, namentlich durch die 
Analogie beseitigt werden könnten. 

§ 10. Die geschilderten Aufgaben nach manchen schüchternen 
Versuchen Anderer zuerst mit voller Energie in Angriff genommen 
zu haben bleibt das Verdienst W. S eher er s durch sein Buch 
„Zur Geschichte der deutschen Sprache" (Berlin 1868. 21878). 



16 I, 1. Stellung des Germ, mnerhalb der idg. Sprachen. 

Eine Menge wichtiger Probleme der germanischen Sprach- 
geschichte waren darin behandelt, aber fast nie zu einer end- 
gültigen Lösung geführt; viele Irrwege waren eingeschlagen. 
Nicht durch bleibende Leistungen, sondern durch die von ihm 
ausgegangenen Anregungen hat das Buch gewirkt. Es mußte 
um so rascher veralten, als bald nach seinem Erscheinen auf 
dem Gebiete der Laut- und Flexionslehre eine lebhafte Tätigkeit 
einsetzte, die in Fühlung mit der idg. Sprachwissenschaft und 
unter' Anwendung einer vervollkommneten Methode zu be- 
deutenden Fortschritten führte. Weniger durchgreifend um- 
gestaltend, aber auch reichhaltig und zum Teil sehr fördernd 
waren die Arbeiten auf dem Gebiete der Syntax, und auch 
die Wortbildungslehre ging nicht leer aus. 

§ IL Nach den geschiklerten Fortschritten hat jetzt der 
erste Teil von Grimms Grammatik nur noch Wert für die 
Geschichte der Wissenschaft, während die drei andern noch 
nicht in allen ihren Teilen ersetzt sind. Eine zweite zusammen- 
fassende Darstellung des ganzen Gebietes der germanischen 
Grammatik hat noch niemand unternommen, und sie wird wohl 
auch niemals mehr unternommen werden. Dagegen sind Parallel- 
darstellungen der ältesten Stufen der germanischeu Sprachen 
versucht, immer mit Ausschluß der Syntax. Zur ersten Ein- 
führung bestimmt und viel benutzt war Heynes „Kurze Laut- 
und Flexionslehre der altgermanischen Sprachstämrae", Pader- 
born 1862 (vierte Aufl. 1880), die einen selbständigen Wert 
nur für das Friesische hatte. Eigene Sammlungen und manche 
glückliche neue Auffassung brachte Holtzmanns „Altdeutsche 
Grammatik" P (1870), die spezielle Lautlehre des Got, Auord., 
Alts., Ags. und Ahd, enthaltend, während eine nach seinem 
Tode herausgegebene zweite Abteilung (1875) wertlos ist. Eine 
die neueren Forschungen verwertende Darstellung brachte eine 
Kollektivarbeit, „Die Laut- und Formenlehre der altgermanischen 
Dialekte" von Bethge, Dieter, Hartmann, Schlüter, Leipzig 1898. 
1900. Kein einheitliches Werk, sondern eine Aneinanderreihung 
von selbständigen Grammatiken einzelner Sprachen nach ihren 
verschiedenen Stufen ist die „Sammlung kurzgefaßter Gram- 
matiken germanischer Dialekte", herausg. von W. Braune, Halle 
1880 ff. Die Ergänzuugsreihe dazu hat eine auf alle ältesten 
Sprachstufen bezügliche Arbeit gebracht, die „Nominale Stamm- 



Germ. Grauimafikeu. Genn. Ursprache. 17 

bilduDg-slehre der altgermiiniscben Dialekte" von F. Kluge (1886). 
Ein äbnliehes, noch niclit ganz so weit gediehenes Unternehmen 
^ist die Sammlung von Elementarbüehern der altgermanischen 
Dialekte, herausg. von W. Streitberg, Heidelberg 1896 tW Der 
historischen Grammatik der verschiedenen Sprachen hat man 
öfters eine Darstellung der gotischen Grammatik vorangeschiekt. 
Diese auch in Vorlesungen beliebte Kombination hat Vilmars 
kleine Deutsche Grammatik (zuerst Marburg 1840). Dieses 
Werk ist seit der achten Aufl. (1888) vollständig umgearbeitet 
und erweitert von F. Kanft'manu (jetzt in sechster Aufl. 1913), 
so daß es zu einem recht brauchbaren Kompendium geworden 
ist. Viel eingehender ist die nun leider unvollständig ge- 
bliebene, sehr wertvolle Darstellung von Wilmanns, Deutsche 
Grammatik, I. Lautlehre, Straßburg 1893. 21897. ^901. IL Wort- 
bildung 1896. 21899. IIL Flexion (nebst Bedeutung der Flexious- 
formen) 1906. 1909. 

§ 12. Wir müssen für die germanischen Sprachen eine 
gemeinsame Grundlage voraussetzen, die wir als die germanische 
Ursprache bezeichnen können. Sie ist uns ebensowenig über- 
liefert wie die idg. Ursprache. Wir müssen sie ebenso wie 
diese zu rekonstruieren versuchen. Wenn die Notwendigkeit 
dazu nicht gleich erkannt wurde, so lag dies hauptsächlich 
daran, daß innerhalb des Germ, das auf der altertümlichsten 
Entwicklungsstufe überlieferte Got. eine ähnliche Stellung ein- 
nahm wie innerhalb des Idg. das Sanskrit, daß man glaubte, 
im Got. schon eine im wesentlichen mit dem Urgerm. identische 
Sprache zu besitzen. Daher die oben erwähnte Benutzung des 
Got. zur Grundlegung der historischen Grammatik der ver- 
schiedenen Einzelspraeheu. Erst allmählich erkannte man, daß 
das Got. doch auch nach manchen Seiten weniger ursprünglich 
war als jene. Zur Rekonstruktion der germanischen Ursprache 
ist wie zu derjenigen der indogermanischen Vergleichung der 
verschiedenen daraus abgeleiteten Sprachen erforderlich. Hier 
sind wir aber in der glücklichen Lage, noch ein anderes Hilfs- 
mittel zu besitzen, die Vergleichung mit den verwandten Sprach- 
familien und der aus ihnen rekonstruierten idg. Ursprache. Die 
germanische Ursprache muß sich als Mittelglied zwischen dieser 
und den einzelnen germanischen Sprachen darstellen. Von diesen 
müssen natürlich die ältesten erreichbaren Formen aufgesucht 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 2 



18 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. ^ 

werden. Da die literarischen Quellen nur beim Got. bis ins 

4. Jahrhundert zurückreichen, bei den andern Sprachen erst 
erheblich später beginnen, so dürfen neben ihnen auch die 
sonstigen kleinen Reste nicht vernachlässigt werden, die in 
eine frühe Zeit zurückreichen. Diese sind: einzelne Wörter, ganz 
überwiegend Eigennamen, die bei griechischen und römischen 
Schriftstellern, auch in griech. und röm. Inschriften überliefert 
sindj die ältesten Runeninschriften; die ältesten aus dem Germ, 
aufgenommenen Lehnwörter des Finnischen und Lappischen. 

In der Laut- und Formenlehre der altgerm. Dialekte von 
Bethge usw. ist eine Behandlung des Urgerm. der der einzelnen 
Dialekte vorangeschickt. Eine besondere „Urgermanische Gram- 
matik" hat W. Streitberg verfaßt (Heidelberg 1896 = Elementar- 
bücher I). Nur ein Teil ist behandelt von A. Noreen, „Ur- 
germanische Lautlehre", Straßburg 1894. In anderer Weise sind 
die ältesten Verliältnisse dargestellt von F. Kluge in der „Vor- 
geschichte der altgerm. Dialekte" im Grundr. der germ. Philol. I, 

5. 300—406. 2320—496. 3(als besonderer Band) 1913. 

Eigeuheiteu des Germanischen. 
Betonung. 

§ 13. Im Idg. war der stärkste Ton innerhalb eines 
Wortes nicht an eine bestimmte Stellung gebunden. Er konnte 
auf Anfangs-, Mittel- oder Schlußsilbe, auf Ableitungs- und 
Flexionssilbe so gut wie auf Wurzelsilbe stehen und wechselte 
die Stellung innerhalb der Flexion. Diese Betonungsweise 
ist, von einzelnen Verschiebungen abgesehen, im Sanskrit er- 
halten, im Griech. wenigstens teilweise, vgl. jtovq, xoööc, jroöi, 
jiööa usw. Im Germ, hat im einfachen Worte die erste Silbe 
den Haupttou an sich gezogen. Statt „erste Silbe" sagt man 
gewöhnlich nicht ganz richtig „Wurzelsilbe". Diese Bezeichnung 
geht noch von der Anschauung aus, daß die idg. Wurzeln alle 
einsilbig gewesen seien. Die Formenanalyse aber führt nach 
dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft meist auf ein 
ursprünglich zweisilbiges Element. Nach der älteren An- 
schauung wäre darin immer nur der Vokal der ersten Silbe 
als Wurzelvokal anzuerkennen. Derselbe ist aber in manchen 
Fällen schon in der idg. Ursprache ausgefallen, vgl. z. B. unser 



Germanische Betuuung. 19 

Knie, got. hiiu im Verhältnis zu griech. yövx', lat, genu. Ferner 
ist in reduplizierten Formen der Ton auf die Reduplikations- 
silbe gefallen, also z. B. in Präteritis wie got. haihait „hieß"'. 
Reduplikationssilbe war ursprünglich auch die erste Silbe von 
{ich) hehe, ahd, hihem = sanskr. bihhemi. AVir müssen daher 
vielmehr sagen: das Element, auf dessen vokalischen Bestand- 
teil infolge der Anfangsstellung der Ton gefallen ist, ist des- 
halb von dem späteren Sprachgefühl als das Beharrliche, als 
die Wurzel empfunden. 

Auch im Kelt. und lt. hat die erste Silbe den Hauptton 
an sich gezogen. Das literarisch überlieferte Lat. hat allerdings 
eine ganz andere Betonungsweise. Aber zwischen dieser und 
der idg. liegt Anfangsbetonung. Das ergibt sieh namentlich 
aus gewissen Modifikationen der Vokale, die als Folge der Un- 
betontheit während der Periode der Anfangsbetonung geblieben 
sind. Mit dem Wechsel in caclo — cecicli^ wo die Anfangs- 
betonung erhalten ist, steht der Wechsel in caedo — cecidi^ 
parco — pepcrci in Analogie, wo dieselbe dem neuen Prinzipe hat 
weichen müssen. Man ist versucht, in dieser Übereinstimmung 
einen Beweis für nähere Verwandtschaft des Germ, mit dem 
Kelt. und lt. zu sehen. Indessen lassen sich dagegen starke 
Bedenken erheben. Zunächst muß eine Abweichung des Germ, 
vom lt. in bezug auf die Zuss. hervorgehoben werden. Für 
das Germ, gilt die Regel: in nominalen Zuss. ist die Anfangssilbe 
des ersten Gliedes stärker betont als die des zweiten (vgl. Haus- 
väter)^ in verbalen dagegen die des zweiten stärker als die des 
ersten (vgl. durchsteche?!, erhalten). Dagegen galt im Lat. auch 
für verbale Zuss. stärkere Betonung des ersten Gliedes, vgl. 
cado — incido, tango — contingo, caedo — incido, claudo — 
includo usw., wie denn auch ganz im Gegensatz zu der ger- 
manischen Satzbetonung die Präp. stärker betont war als das 
abhängige Nomen, vgl. die zu Adverbien gewordenen Ver- 
bindungen admodum, obviam, illico (= in loco), denuo (= de 
novo). Bedenklicher noch ist, daß die Akzentverschiebung im 
Germ, erst eingetreten ist, nachdem sich bereits die Laut- 
verschiebung vollzogen hatte (vgl. § 27), durch die doch das 
Germ, scharf von allen andern idg. Sprachen geschieden war. 

Die Anfangsbetonung ist für die Weiterentwicklung der 
germanischen Sprachen von entscheidender Bedeutung gewesen. 



20 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Sie ist die Ursache, daß in ihnen allen, wenn auch in den 
einen etwas mehr, in den andern etwas weniger, die Vokale 
der Ableitungs- und noch mehr die der Fiexionssilbeu, in 
ursprünglich zweisilbigen Wurzeln auch die Vokale der zweiten 
Silben abgeschwächt oder gänzlich ausgestoßen sind. 

Lautverschiebung. 

§ 14. Unter der von J. Grimm eingeführten Bezeichnung 
Lautverschiebung begreift man Vorgänge von sehr verschiedener 
Art, die sich an den Verschlußlauten der idg. Grundsprache 
und weiterhin an den aus ihnen entwickelten Lauten vollzogen 
haben. Gemeinsam ist diesen Vorgängen eigentlich nur das 
Negative, daß es sieh bei ihnen nicht um eine Verschiebung 
der Artikulationsstelle handelt. Man unterscheidet eine erste 
oder urgermanische und eine zweite oder hochdeutsche Ver- 
schiebung. Beide wurden von J Grimm in einen Parallelismus 
zueinander gesetzt. Voraussetzung für ihn war, daß bei der 
ersten wie bei der zweiten Lautverschiebung alle unter der 
gemeinsamen Bezeichnung begriffenen Vorgänge untereinander 
in einem Zusammenhange stünden, was kaum für jene, sicher 
nicht für diese zutrifft. 

J. Grimm gilt gewöhnlich schlechthin für den Entdecker 
der Lautverschiebungsgesetze. Für die erste Verschiebung ist 
ihm dieses Verdienst streitig gemacht und an seiner Stelle 
Rask zugeschrieben. Sicher ist Grimm von Rask augeregt. 
Aber auch dieser hat schon Vorgänger gehabt, deren Auf- 
stellungen er nur kritisch zu sondern brauchte. Und Grimm 
ging wieder einen erheblichen Schritt über ihn hinaus, indem 
er die von Rask einzeln hingestellten Entsprechungen wie g — Ä-, 
b — jj unter allgemeine Formeln brachte und die Zahl der 
Beispiele erheblich vermehrte. 

§ 15. Grimm ging von dem Lautstande des Griech. aus, 
den er für identisch mit dem ursprünglichen nahm. Im Griech. 
unterschied man auf drei verschiedeneu Artikulationsstellen 
je drei verschiedene Stufen der Verschlußlaute, die mau als 
Tennis, Media und Aspirata bezeichnete. So gelangte Grimm 
zu folgender Formulierung für die erste Verschiebung: Media 
wurde zu Tenuis, Teuuis zu Aspirata, Aspirata zur Media. 



Urgörm. Lantverschiebiing. 21 

Danach hätte es sich um einen Kreislauf gehandelt, nach dessen 
Vollendung der Lautvorrat wieder der gleiche gewesen wäre 
wie ursprünglich, nur mit Rollentausch. Aber diese Formulierung 
läßt sich nicht aufrecht erhalten. Einerseits decken sich die 
Laiitverhältnisse der idg. Ursprache nicht mit denen des Griech., 
anderseits ergibt eine genaue Untersuchung der germanischen 
Lautverhältnisse einen andern Stand für das Urgerm., als ihn 
Grimm voraussetzte. Ihm lag eine solche Untersuchung noch 
fern. Er braucht insbesondere die Bezeichnung Aspirata unter 
dem Einflüsse der inkonsequenten Schulausspraehe des Griech. 
io einem schillernden Sinne. Wir verstehen jetzt unter Aspirata 
die Verbindung eines Verschlußlautes mit einem nachfolgenden 
Hauche; Grimm braucht ihn auch für Reibelaute wie unser f 
und ch und für die Verbindung von Verschlußlaut mit homor- 
ganem Reibelaute wie unser s und pf, die wir jetzt als Afifrikata 
bezeichnen. 

Anm. Den ersten Ansatz zu einer genaueren Bestimmung der 
für die Lautverschiebung in Betracht kommenden Lautverhältnisse hat 
R. V. Raumer gemacht in seiner Schrift „Die Aspiration und die Laut- 
verschiebung" Leipzig 1837 (vk^ieder abgedruckt in den Gesammelten 
sprachwissenschaftlichen Schriften 1863, S. 1 If ). Eine Abhandlung von 
G. Ciirtius, „Die Aspiraten der idg. Sprachen" (Zs. f. vgl. Sprf. 2. 1S55) 
brachte die richtige Erkenntnis, daß statt der griechischen Aspiraten Medial- 
aspiraten als Grundlage anzunehmen seien, aber der daran angeknüpfte 
Versuch zur Erklärung der Verschiebung muß als verunglückt betrachtet 
werden. Scherer machte in seinem Buche „Zur Gesch. d. deutschen Spr." 
Ansätze zu einer richtigeren Aulfassung der germanischen Lantverhältnisse. 
Die Frage ist dann von mir behandelt PBB. 1, 147 ff. Die dort aufgestellte 
Ansicht von dem Gange der Verschiebung hat seitdem weitere Bestätigung 
gefunden und liegt der folgenden Darstellung zugrunde. 

§ 16. Nach der Artikulationsstelle nahm mau früher für 
das Idg. wie für das Griech., Lat. und Germ, drei verschiedene 
Gruppen von Lauten an, die gewöhnlieh als Labiale, Dentale 
und Gutturale bezeichnet werden. Die Dentale wären nach 
der gewöhnlichen deutschen Aussprache, die auch die ur- 
sprüngliche gewesen sein mag, besser als Alveolare zu be- 
zeichnen, da sie durch Anlehnung der Zunge an das Zahn- 
fleisch (alveoli) gebildet werden. Die gebräuchliche Bezeichnung 
Gutturale ist ganz unpassend, da die so benannten Laute nicht 
in der Kehle gebildet werden, sondern in der Mundhöhle durch 
Anlehnung des Zungenrückens an den Gaumen. Die Berührung 



22 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

kann weiter hinten oder weiter vorn erfolgen. Wenn man 
hintereinander die Silben Im, Jco, ha, Jce, Jd spricht, so wird 
man leicht bemerken, daß die Artikulationsstelle immer weiter 
vorrückt. Man unterscheidet zunächst zwei Lautgruppen, für 
welche die Bezeichnungen Velare und Palatale eingebürgert 
sind. Bei den Velaren berührt die Zunge den hinteren weichen 
Teil des Gaumens, das Gaumensegel, bei den Palatalen den 
vorderen harten. Merkbarer für das Gehör ist der Unterschied 
bei den entsprechenden Reibelauten, vgl. die velare Aussprache 
unseres cli nach a, o, u und die palatale nach e, i, ö, ü. Wenn 
wir im Deutschen ohne Unterscheidung der Velare und Palatale 
durch besondere Zeichen auskommen, so liegt dies daran, daß 
sich die Aussprache von selbst versteht, weil sie unzweideutig 
durch die Natur der voraufgehenden oder folgenden Laute be- 
stimmt ist. Dagegen würde sich die Auseinanderhaltung nötig 
machen, wenn die velare oder palatale Natur der Laute von 
der Umgebung unabhängig wäre, wenn etwa velares h im 
Wortanlaut auch vor e und i, palatales auch vor a, o, u vor- 
käme usw. Dies war der Zustand der idg. Grundsprache. 
Man muß also in derselben zunächst Velare und Palatale als 
zwei gesonderte Reihen auseinanderhalten. Es scheint aber, 
daß sieh auch die Velare noch wieder in zwei Klassen ge- 
sondert haben, die man jetzt als rein velare und labiovelare 
unterscheidet. Die Labiovelare wurden vielleicht so gesprochen, 
daß sich mit der velaren Zuugengaumenartikulation eine 
Rundung der Lippen ähnlich wie bei der Bildung des u ver- 
band. Eine genaue Bestimmung der idg. Aussprache ist natürlich 
unmöglich. Aber die Notwendigkeit der Scheidung ergibt sich 
aus der verschiedeneu Behandlung in den einzelnen Sprach- 
familien. Die Labiovelare erscheinen in den centum- Sprachen 
vor Vokalen mit dem Nachschlag eines konsonantischen n 
(über die besondere Behandlung im Griech. vgl. § 20), in den 
satem- Sprachen ohne denselben (vgl. lat. quis — sanskr. Jcas), 
die Palatale in den centum -Sprachen als Verschlußlaute, in 
den satem -Sprachen als Reibelaute (vgl. lat. centum, griech. 
Ixaröv — sanskr. satdm, lit. szimtas), die reinen Velare in beiden 
Gruppen als Verschlußlaute ohne Nachschlag. Wir bezeichnen 
im folgenden, wo es nötig ist, die Labiovelare durch Je'', g", 
die Palatale durch k', g\ 



Urgerm. Lautverschiebung. 23 

§ 17. An jeder Artikulationsstelle konnte eine Tennis und 
eine Media gebildet werden. Jene unterschied sieh von dieser 
durch energischere Artikulation und stärkeren Exspirations- 
drnck. Außerdem aber war die Media im Idg. mit Stimmton 
verbunden wie in den romanischen und slavischen Sprachen 
und in der norddeutschen Aussprache des Deutschen. Sowohl 
die Media wie die Tennis konnte mit einem nachstürzenden 
Hauche verbunden werden, es gab Tenues aspiratae und 
Mediae aspiratae. Es bestanden also nicht drei Stufen, wie 
Grimm annahm, sondern vier, die im Sanskr. geschieden sind, 
also z. B. in der Labialreihe 2h P^h b, ^^'- Von den Mediae 
aspiratae können wir uns schwer eine Vorstellung machen, sie 
waren aber viel reichlicher vertreten als die Tenues aspiratae, 
so daß man eine Zeit lang die Existenz der letzteren ver- 
kennen konnte, und daß ihre Entsprechung in den Einzel- 
sprachen nicht leicht zu bestimmen war. Wir wollen daher 
im folgenden zunächst von ihnen absehen. 

§ 18. Wir können nun dem Lautverschiebungsgesetze 
folgende Fassung geben: Media wurde zu Teuuis, also g, d, h 
zu h, t, j); Tennis zu dem entsprechenden harten Reibelaute, 
also h zu dem Laute unseres cli, wofür wir das griech. 
Zeichen / nach der neugriech. Aussprache verwenden wollen, 
t zu dem Laute, den wir, wie es bei der Umschreibung des 
Got. üblich ist, mit dem zunächst im Ags. verwendeten Buch- 
staben J) bezeichnen, d. h. wahrscheinlich einem gelispelten s, 
bei dem Zunge und Lippen keine andere Stellung einnahmen 
als beim t, abgesehen von der Lockerung des Verschlusses 
(vgl. Braune, IF. 4,341), p zu f, das ursprünglich rein labial 
(zwischen den Lippen gebildet) war, erst später in den ger- 
manischen Sprachen dentilabial (zwischen Oberzähnen und 
Unterlippe gebildet) geworden ist; Media aspirata zu dem ent- 
sprechenden weichen Reibelaute, also gh zu dem unserem ch 
entsprechenden weichen Laute, wie er in der norddeutschen 
Aussprache des g in sagen vorliegt, wofür wir das ags. 
Zeichen ^ verwenden, dli zu einem dem p entsprechenden 
weichen Laute, wofür wir das im Ags. verwendete Zeichen Ö 
gebrauchen, hh zu rein labialem tv, wofür wir im Anschluß an 
eine Heliandhs. das Zeichen 5 verwenden wollen. Unverschoben 
blieben die Tenues in den Verbindungen sTi, st, sp, idg. M 



24 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

wurde zu yt (lit), pt zu ft. Von Grimms drei Kegeln kann 
also nur die erste beibehalten werden. Möglich bleibt aller- 
dings, daß die Tenues. wie Grimm annahm, zunächst zu 
Aspiraten und durch diese Zwischenstufe zu Reibelauten ge- 
worden sind, es könnte aber auch ein direkter Übergang 
durch Lockerung des Verschlusses erfolgt sein; jedenfalls sind 
die Reibelaute schon als urgerm. anzusetzen. Es hat daher 
auch kein Kreislauf stattgefunden. Der Lautbestand des 
Urgerm. war ein wesentlich anderer geworden als der des 
Idg. Aus dem größeren Teil der Verschlußlaute waren Reibe- 
laute geworden. Nur unaspirierte Tenues waren zunächst 
wieder vorhanden, keine Mediae. 

§ 19. Allerdings ist keine germ. Sprache auf diesem 
Standpunkte stehen geblieben. Mehrere Veränderungen werden 
noch als gemeiugerm. zu bezeichnen sein. Der Reibelaut y ist 
im Silbenanlaut zu h geworden, während er sich nach dem 
Vokal der Silbe behauptet hat, vgl. noch im Nhd. die ver- 
schiedene Behandlung des An- und Auslautes in hoch und den 
Wechsel in hoch — hoher, sehen — Sicht. Auf den älteren 
Sprachstufen erscheinen die Lautverhältnisse dadurch ver- 
dunkelt, daß das Zeichen h sowohl für / als für den bloßen 
Hauch verwendet wird. Unser h ist ein Reibungsgeräusch, 
das, indem die Luft durch die geöffnete Stimmritze entweicht, 
bei sehr verschiedener Mundstellung gebildet werden kann. 
Die Mundstellung richtet sich dabei nach der Natur des 
folgenden Lautes. Aus y ist h entstanden, indem die Enge 
über das Maß dessen, was zur Bildung des y erforderlich ist, 
erweitert wurde. Der Vorgang hat sich in allen germ. Sprachen 
vollzogen, doch erscheint Schreibung mit ch noch im Anlaut 
von Eigennamen in der Römerzeit (Chariovaldus) und noch 
später auf fränkischem Gebiete. 

Ferner sind in allen germanischen Sprachen die weichen 
Reibelaute wenigstens zum Teil zu Verschlußlauten entwickelt. 
Am frühesten und ganz allgemein ist diese Entwicklung ein- 
getreten nach Nasal und in der Gemination. Ja die geminierten 
Medien scheinen sogar gemeingerra, weiter zu Tenues ent- 
wickelt zu sein. Auch im Wortanlaut ist der Übergang zeitig 
eingetreten, nur j hat sich im Alts, und Ags. als Reibelaut 
erhalten. Am besten hat sich der weiche Reibelaut im Inlaut 



Urgerm. Lautverscliiebung. 25 

nach Vokal behauptet, nicht ganz so nach r und l. In 
der lateinischen Umschrift des Got. wendet man die Buch- 
staben g, d, h sowohl für Reibelaut wie für Verschlußlaut an, 
was die frühere unrichtige Auffassung vom Gange der Laut- 
verschiebung begünstigt hat. 

§ 20. Bevor wir dazu übergehen, Beispiele zu geben, 
müssen wir noch kurz die wichtigsten Veränderungen betrachten, 
die im Griech. und Lat. eingetreten sind, die wir als die 
bekanntesten Sprachen vorzugsweise zur Vergleichung heran- 
ziehen wollen. Im Griech. sind die Mediae aspiratae zu Tenues 
aspiratae gewandelt und so mit den idg. Tenues aspiratae 
zusammengefallen. Eine Organverschiebung hat bei den Labio- 
velareu stattgefunden, die meist in Labiale, teilweise in Dentale 
übergegangen sind (vgl. lat. quis, qnod mit griech. rig, jrö-nQOc). 
Im Lat. sind die Mediae aspiratae zunächst gleichfalls in Tenues 
aspiratae gewandelt. Die Aspiraten sind dann aber (wie auch 
im späteren Griech.) zu Reibelauten geworden, die Labiale 
zu f, die Velar-Palatale durch eine ähnliche Entwicklung wie 
im Germ, zu h, die Dentale zu einem ähnlichen Laute wie 
germ. ]), der sich weiter im Anlaute zu f gewandelt hat. Im 
Inlaut hat dann Erweichung harter Reibelaute stattgefunden 
lind weiterhin Übergang zu Verschlußlauten. So ist inlautendes 
lat. d nicht nur Entsprechung von idg. c/, sondern auch von 
idg. dh, inlautendes lat. h nicht nur von idg. h. sondern auch 
von idg. JJi und in bestimmten Stellen auch von idg. dh. Auf 
demselben Wege ist idg. (fli im Lat. inlautend zu gv geworden. 
Weiterhin aber hat lat. gv überall außer nach Nasal, sowohl 
wo es = idg. p" als wo es = idg. g"h war, das g eingebüßt, 
ist zu V geworden. 

§ 2L Verschiebung der Tenues. a) Labiale: Fisch, got. 
ftslts = lat, piscis 1). viel, got. fdu = griech. :;ro/r. voll, got. 
fiiUs = lat. j^lemis. Fell, got. -ßl in Zuss. = lat. pellis. Neffe, 
ahd. nefo = lat. nepos. faul. got. füls, verwandt mit lat. p)ii9- 
got. hafts „gefangen", nhd. -haß in Zuss. = lat. captus. — 
Unverschobenes p in {ich) speie, got. speiiva = lat. sptio. 



') Das Gleicbheitszeiclien soll nicht immer vollkommene Identität 
der BilduDgsweise ausdrückeu. 



26 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

b) Dentale: du, got ])u = lat. tu. drei, got J)reis = 
griech. TQttg, lat. tres. das, got. J)ata = griech. rc. (ich) 
dehne, got. {uf)])anja = griech. Ttirco. dünn, anord. ^mnnr = 
lat. tenuis. (ich) tverde, got. tvairpa = lat. verto. — Unver- 
schobeues t in {ich) stehe, ahd. stäm = griech. 'lori/ia, lat sto. 
{ich) streue, got. strduja = lat. sterno. (er) ist, got. ist = lat. 
est. got. hafis = lat. captus. recht, got. raihts = lat. rectns. 
Nacht, got. wa/ife = lat. «o^, Gen. noctis. 

c) 'Palatale: hundert, Weiterbildung zu got. hund = lat. 
centum, griech. tyMtov, aind. satdm. Hund, got. hunds = griech. 
xvcov, gen. xvrog. Hörn, got. haürn = lat. cornu. Schiväher, 
got. swaihra = griech. 6Xi'()oc, lat. 50cer. (/cA) Ze/jwe, ahd. hlinem 
= griech. yMrco, lat. {in)clino. Vieh, got. /a27m = lat. ^<?c«. 
ttcAi, got. a/jto'w = griech. oxroi, lat. oc^ö. Unversehobenes ¥ 
in mischen, ahd. miscan = lat. miscere. 

d) Velare: (ic/*) 7«e6e, got. Äa/)« = lat. cajJiö, dazu got. 
hafts ■= lat. captus. heil, got. /i««?* = aslav. ceZit. 

e) Labiovelare: iver, ahd. /«/eV = lat. qiiis. ivas, got. 
ha = lat. gMOtZ. J./ie landschaftl. „Fluß", ,.Bach", häufig in 
Eigennamen als -ach oder -a, got. aha = lat. a^tta. (ich) leihe, 
got. Zetfea = lat. linquo. 

§ 22. Verschiebung der Mediae. a) Labiale : got. pdida, 
m)idL. pheit „Rock" = griech. ßcdrii „Rock aus Fellen"; doch 
scheint das Wort aus einer nichtindogermanischen Sprache 
entlehnt zu sein, schlaff, ahd. slaf, nd. slap = aslav. slahü. 
Die hierhergehörigen Fälle sind wenig zahlreich. Insbesondere 
fehlt es sehr an sicheren Vergleichungen für anlautendes h — p. 

b) Dentale : zivei, got. tivdi = griech. ovo, lat. duo. zehn, 
got. taihun = griech. dtyM, lat. decem. {ich) zeihe, got. teiha = 
lat. dico. {ich) ziehe, got. tiuha = lat. duco. Zahn, ahd. zand, 
got. tunpus = lat. dens, -tis, griech. oöovg, -orrog. Fuß, got. 
fötus = lat. pes, -dis, griech. tiovc, -öoc. {ich) esse, got. ita = 
lat. edo. {ich) sitze, got. sita = lat. sedeo. {ich) weiß, got. «('«^7 
= griech. oUcf.. Herz, got. hairtö = griech. y.aQÖia, lat. cor, 
■dis. das, got. 7>«to == lat. q^uod. Ast, got. asts = griech. 6C,oq 
(aus *ozdos). 

c) Palatale: Z'wie, got. hiiu = lat. f/e««, griech. yovv, 
aind. jaww. Äorw, got. Miirti = lat. granum. {ich) kiese, got. 



Urgerm. Lautverschiebung. 27 

Jiiusa = griech. ytvoj (mit Ausfall des 5). Äcicer, got. akrs = 
griech. dy^og, lat. ager. 

d) Velare : Kranicfi, ahd. chraniüi, Weiterbildung zu Kran, 
and. hrano (Kranieb) = griecb. yi'oai'og. Dach, anord. pak, 
verwandt mit lat. tego. JocJi, got. jiik = lat. jugum. 

e) Labiovelare: got. qhifi „lebendig" (verwandt mit ahd. 
qn'ec „lebendig", nbd. heclc, wozu erquicJcen) ^= lat. vivns (aus 
*gvivos), verwandt griecb. ßioj:. nackt, got. naqa])s = lat. niidits 
(aus *nogvedos). 

§23. Verschiebung der Mediae aspiratae. a) Labiale: {ich 
ge)häre, got. haira „ich trage" = griech. rftQfo, lat. fero, aind. 
hhdrämi. Bruder, got. bröpar = lat. frater, aind. hhratä. Buche 
(got. ftoÄ-a „Buchstabe") = lat. fagus. {ich) heiße, got. &e?7a = 
lat. findo, aind. hhedmni. Blume, got. hloma = lat. /7o5. ?2e?j, 
got. Z/m/5, verwandt mit lat. Z«&e^, lihet, aind. lubhyänü „ich 
empfinde heftiges Verlangen". 

b) Dentale: T«/-, ahd. turi und Jbr, got. daür = griecb. 
d-VQCc, lat. /bre5. Tochter, got. daühtar = griech. ß^rydr/jo. rot, 
got. rdujjs, -dis = griech. IqvB-qoc, lat. ruher. Miete, got. mizdö 
„Lohn" = griech. iao86^. got. midjis, mhd. mitte, erhalten 
in Mittag, Mitternacht (D. Sg.) = lat. medius, aind. mddhyas. 
Witwe, got. ividuivö = lat. vidua, aind. vidhdvä. 

c) Palatale: Gan^ = griech. x//iv, lat. {h)anser, lit. ir<5!5. 
Got. ^tM«a „Mann", erhalten in Bräutigam = lat. homo. {ich) 
träge, wiege, got. {ga)iviga = lat. t?e/iO, aslav. re.ert. ew^re, got. 
aggivus = lat. angustus, dazu griecb. dyyro. 

d) Velare : Ga5^, got. ^a5/5 = lat. /ios^/s (Grundbedeutung 
„Fremdling"), liegen, got. ligan, verwandt mit griech. /t'/o.- 
„Bett", («c/i) steige, got. sto'^a = griech. OTtiyco. 

e) Labiovelare: singen, got. siggivaii, verwandt mit griech. 
o//^-//' „Stimme" (aus *song"hu). Schnee, got. sndiivs (mit 
sekundärem Ausfall eines ^ vor ?r, vgl. § 34) ^ lat. nix, nivis 
(aus *nigvis), griech. rl(fa (A. Sg.). 

§ 24. Entsprechungen der idg. Tenues aspiratae lassen 
sieh im Germ, nur wenige mit Sicherheit nachweisen, doch 
kann man es als festgestellt betrachten, daß sie wie die un- 
aspirierten Tenues behandelt sind (vgl. Kluge, Zs. f. vgl. Sprf. 



28 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

28, 88). So entspricht got. J)ragja „ich laufe" griech. xQtyw, 
das im Anlaut die Aspiration verloren hat, wie das Fut. 
d^Qtgo^iai zeigt. Ahd. rad, dessen d auf urgerm. ]) zurückgeht, 
ist = aind. railia-. Ahd. feim „Schaum" (wozu unser abgefeimt) 
vergleicht sich mit aind. phena-. Nach 5, f, h erscheint die 
aspirierte Tenuis wie die unaspirierte als unverschobene Tenuis, 
So ist {ich) scheide, got. sJcdida verwandt mit griech. oyi^oj, lat. 
scindo. Scheinbar eine andere Behandlung des idg. tJi findet 
sich in der -2. Sg. Ind. Praet. (des idg. Perf.) der starken Verba, 
die im Germ, ursprünglich allgemein auf -t ausging wie im 
Deutschen nur bei den Präteritopräsentia (vgl. mhd. du mäht). 
Zu Grunde liegt idg. tha. Man sollte danach erwarten, daß es 
im Got. nicht namt „du nähmest" hieß, sondern *namjj. Das t 
läßt sich aber erklären als eine Verallgemeinerung von den 
ziemlich zahlreichen und häufigen Formen aus wie got. gaft 
„du gäbest", falht „du verbargst", tväist „du weißt", in denen 
es dem oben angegebenen Gesetze entspricht. 

§ 25. Scheinbare Ausnahmen der Lautversehiebungsgesetze 
haben sich dadurch ergeben, daß im Aind. wie im Griech. das 
Gesetz gilt, daß, wo ursprünglich zwei aufeinanderfolgende 
Silben mit Aspirata begannen, die eine die Aspiration verlieren 
muß. So löst sich die Unregelmäßigkeit der Entsprechung von 
(ich) biete, got. biuda — aind. hödhämi — griech. poet. jtiiO^o- 
licLL (attisch jivv0^dvo(iai) durch die Zurückführuug auf eine 
Grundform "^hheudhö. So erklärt sich die Verwandtschaft von 
Teig, got. digan „kneten" mit lat. fingo, figulus, griech. nlxog 
„Mauer" (ursprünglich wohl „Lehmwand") unter der Voraus- 
setzung einer Wurzelgestalt dheigh-. 

Andere scheinbare Unregelmäßigkeiten ergaben sich aus 
einem schon der idg. Grundsprache eigenen Lautwechsel. So 
wurden die labialen, palatalen und velaren Mediae und Aspiratae 
vor t zu Teuues. Davon hinterblieb ein Wechsel auch in den 
Einzelspraehen, vgl. z. B. lat. rego — rectiis, got. {uf-)rakja (ich 
recke auf) — raihts (recht). Da darf man natürlich nicht etwa 
rego unmittelbar mit raihts vergleichen und so in ähnlichen 
Fällen. Anderseits war im Idg. Tenuis unter bestimmten Be- 
dingungen in Media gewandelt, vgl. griech. ödy.rviii — Ötiyfta 
(Beweis, Beispiel). Vergleicht man nun unser Zeichen, got. 
tdihns direkt mit ötiy.vv^i, so entsteht der Schein einer Un- 



Scheinbare Ausnahmen der Lautverschiebung. Verners Gesetz. 29 

regelmäßigkeit, der verschwiudet, weun wir es vielmehr mit 
öüyna vergleichen. 

§ 26. Als eine Ausnahme betrachtete man es früher auch, 
daß der idg. Tenuis im In- und Auslaut im Germ, nicht harter 
Eeibelaut. sondern weicher (später Media) entspricht, vgl. got. 
fadar (urgerm. fader) „Vater" = \2ii. xmter gegen got. hröpar 
„Bruder" = lat. frater. In "Wirklichkeit ist auch hier die 
Tenuis zuerst zu hartem Reibelaute geworden und erst durch 
einen weiteren Prozeß erweicht. Dies ergibt sich ])esonders 
klar daraus, daß das Verhältnis von urgerm. f, J), y zii ^, ^, 6 
ganz das gleiche ist wie das von hartem und weichem 6" 
(letzteres in der Umschrift des Got. mit ^ wiedergegeben), vgl. 
Braune, PBB. 1, 513. Da es nun keinem Zweifel unterliegt, 
daß das germ. weiche s erst aus dem ursprünglich harten des 
Idg. entstanden ist, so drängt sich der Schluß auf, daß auch 
d, (t, S) "^'0 sie einer idg. Tenuis entsprechen, dem gleichen 
ErweichuDgsprozeß ihr Dasein verdanken. Dieselben werden 
in den verschiedenen germ. Dialekten ganz gleich behandelt 
wie die Entsprechungen der idg. Medialas})iraten, was wieder 
ein Hauptbeweis dafür ist, daß auch diese für das Urgerm. 
als Reibelaute anzusetzen sind. Das im Got. erhaltene ^ ist 
in den übrigen germanischen Sprachen zu r geworden. 

§ 27. Die Ursache des verschiedenen Schicksals der idg. 
Tenues ist durch K. Verner gefunden und in der Zs. f. vgl. 
Sprf. 23, 97 dargelegt noch unter der Überschrift „Eine Aus- 
nahme der ersten Lautverschiebung". Es ergab sich die über- 
raschende Tatsache, daß dafür die Stellung des Akzentes 
maßgebend gewesen ist, und zwar nach der Betouungsweise 
der idg. Ursprache, die also noch bestanden haben muß, nach- 
dem schon die Verschiebung der Tenues zu harten Reibelauten 
vollzogen war (vgl. § 13). "Wir können dem von Verner ge- 
fundenen, nach ihm das Vernersche genannten Gesetze auf 
Grund der oben entwickelten Anschauungen vom Gange der 
Lautverschiebung die folgende allerdings nicht so von ihm 
herrührende Fassung geben: Die nach Vollzug der urger- 
manischen Lautverschiebung vorhandenen harten Reibelaute, 
der uridg. Reibelaut s und die aus idg. Tenuis verschobenen 
f, J), X ^^^^ i'^ ^^' ^^^^ Auslaut erhalten, wenn der nächst- 



30 I, 1. Stellnug des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

vorhergeheude Vokal nach der idg. Betonung den Hauptton trug, 
dagegen in die entsprechenden weichen Reibelaute {z, d, d, ^) 
übergegangen, wenn dies nicht der Fall war. Eine Ausnahme 
machen die Verbindungen st, sJc, sp, ff, yt (ht), ys Qis), ss, in 
denen keine Erweichung eintritt. 

Beispiele: got. fadar „Vater" = gviech. jraT?JQ, aind. pita, 
as. mödar „Mutter" = aind. mätd gegen got. hröjjar = aind. 
bJirdtä. got. sihun „sieben" ;= griech. Ixrd, aind. sajJtä (erst 
jünger sdpta), got. kund „hundert" = griech. ixaTov, aind. 
satdm gegen got. taihun „zehn" = griech. Öt'/.a, aind. dasa. 
got. af mit sekundärer Verhärtung im Auslaut, aber mit Antritt 
einer Partikel ahuh, ahd. aha, nhd. ah = griech. djro. Die 
sogenannten Partizipia Perf. der sw. Verba (vgl. got. galagip, 
aber flektiert galagidis, ahd. gilegit) entsprechen den griech. 
Verbaladjektiven auf -rog, die immer endbetont sind. 

§ 28. Da der idg. Akzent innerhalb der Ableitungen aus 
der gleichen "W'urzel und innerhalb der Flexionsformen aus 
dem gleichen Stamme wechselte, so mußte vielfach ein Wechsel 
zwischen hartem und weichem Reibelaute und deren Weiter- 
entwicklungen entstehen, wofür man sich seit Holtzmann des 
allerdings an sich zu weiten Ausdrucks „grammatischer 
Wechsel" bedient. Frühzeitig hat dann die Tendenz ein- 
gesetzt, den Wechsel durch Ausgleichung wieder zu beseitigen. 
Teilweise ist dies schon in der Zeit vor unserer Überlieferung 
geschehen, teilweise können wir den Vorgang an der Hand 
unserer Überlieferung verfolgen, teilweise ist er auch jetzt 
noch nicht durchgedrungen. Innerhalb der Nominalflexion ist 
der grammatische Wechsel schon in unseren ältesten Texten 
nicht mehr lebendig. Dagegen zeigt er sich noch innerhalb 
der starken Konjugation. Im Idg. lag der Ton im Sg. des 
Perfektums, dem das germ. st. Prät. entspricht, stets auf der 
Wurzelsilbe, im PI. und in dem sogenannten Part. Perf. stets 
auf der Endsilbe. Im Präs. war teils der Wurzelvokal betont, 
teils der sogenannte thematische Vokal (der Bindevokal der 
griech. Schulgrammatik). Doch überwog die Wurzelbetonung 
von Anfang an, und im Germ, hat sie ein noch entschiedeneres 
Übergewicht erhalten. Demnach gilt als Regel: im Präs. und 
im Sg. Prät. harter, im PL Prät. und im Part, weicher Reibe- 
laut. Dieser Regel entsprechen z. B. ahd. hiusu (nhd. hiese), 



Veruers Gesetz. 31 

kos — liurum, gikoran\ Udu (nhd. leide) ^ leid — litum, gilitan 
{d = urgerm. 7>, t = urgerm. ö); siiihu (nhd. ziehe), zöh — 
zugum, gizogan; nicht ganz heffii (nhd. liehe) — liuoh (mit früh- 
zeitiger Angleichnng an den PL), liuohum, gihahan. In der 
Wortbildung spielt der Wechsel noch eine große Rolle. Aus 
starken intransitiven Verben werden schwache Kausativa ab- 
geleitet, die auf idg. Formen mit Suffixbetonung zurückgehen. 
Daher stimmen diese im Konsonanten zu dem PI. Prät. des 
starken Verbums, vgl. ahd. ginesan = nhd. genesen (ursprünglich 
„am Leben, unversehrt bleiben") — nerien = nhd. nähren 
(ursprünglich „am Leben erhalten"). Als Nomina agentis fun- 
gierten im Urgerm. schwache Maskulina, die den Ton auf der 
Endung hatten, vgl. ahd. {heri-)zogo = nhd. Herzog (Heer- 
führer) zu ziohan {= lat. ducere). Im Komparativ der Adjektiva, 
die den Ton auf der Endsilbe hatten, wurde derselbe auf die 
Anfangssilbe zurückgezogen, daher got.jühiza zu. juggs (jung). 
Weiteres in Teil II und V. 

§ 29. Nicht selten ist auf einem Teile des germ. Gebietes 
die Ausgleichung schon früh vollzogen, während ein anderer 
den Wechsel bewahrt hat. So steht neben ahd. zihii (ich zeihe) 
zeh — zigum, gizigan got. teiha^ tdih, taihum, taihans, um- 
gekehrt neben got. 7^«'/ (ich darf) — Fl. Jjaürhuni ahd. darf, 
durfum, neben got. juggs — jühiza nhd. jung, jung iro. Wenn 
mehrere Dialekte unabhängig voneinander ausgeglichen haben, 
so kann die Ausgleichung nach verschiedenen Seiten hin 
erfolgt sein, und es ergibt sich dann eine Unregelmäßigkeit 
in der Lautentsprechung, vgl. got. pahcm (schweigen = lat. 
tacere) — ahd. dagen, ahd. zahar (Zähre = griech. ödxQv) — 
got. tagr, ahd. haso (Hase) — ags. hara. 

§ 30. Durch die Wirkung des Vernerschen Gesetzes mußte 
auch in den Flexionssuffixen eine Spaltung eintreten. Unter 
diesen enthielten im Idg. viele ein s oder ein t. Diese mußten 
je nach der Stellung des Tones in einem Teile der Wörter 
und Formen als s und ]> erhalten bleiben, in einem andern 
zu z und ö werden. Begreiflicherweise machte sich aber hier 
bald die Tendenz zur Wiederherstellung einer Gleichförmigkeit 
geltend. Dabei sind im allgemeinen die erweichten Laute, die 
aus verschiedenen Gründen ein Übergewicht hatten, durch- 



32 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

geführt. Im Got. sind die Verhältnisse durch sekundäre Ver- 
härtung im Auslaut verdunkelt, aber doch noch erkennbar bei 
Antritt einer vokalisch anlautenden Partikel (vgl, § 80). Vgl. 
got. dags {-siih) N. Sg. (Tag) = anord. dagr, got. is (aber isei) 
= ahd. ir, er (er), got. äagös {-suh) N. PI. = anord. dagar 
(dagegen alts. dagos, ags. dagas), got. gihös G. Sg. und N. A. PI. 
von giba (Gabe) == anord. gjafar, got. nimis (-zu) „du nimmst'" 
= anord. nemr; got. nimand (sie nehmen) = alts. nemad = 
ahd. nemant (aber ags. nemad), got. nimip {-du) „er nimmt" 
= alts. nimid = ahd. nimit. 



Sonstige Konsonantenveränderungen. 

Assimilation. 

§ 31. Schon im Urgerm. haben sich eine Anzahl von Assi- 
milationen vollzogen. Die urgermanischen Doppelkonsouauten 
sind zumeist durch Assimilation entstanden. 

Eine Assimilation hat das Germ, mit dem lt. und Kelt. 
gemein. Wo ein Dental vor folgendes t getreten ist, da ist 
die Verbindung durch Zwischenstufen hindurch, die wir nicht 
genau bestimmen können, scbließlieh zu ss geworden, vgl. lat. 
mitto — missus in Vergleich mit capio — captus usw., edo — 
esus (mit Vereinfachung des s nach langem Vokal). So er- 
klärt sich got. gaiüiss, nhd. geiviß, aus wdit (ich weiß) mit dem 
idg. Suffix -to- abgeleitet; ebenso das Prät. got. ivissa = mhd. 
tvisse, tvesse (wußte); got. af'-siass „Abfall", mit Suffix -ti- ab- 
geleitet aus standan (stehen, treten). Kach langem Vokal ist 
wie im Lat. Vereinfachung eingetreten, vgl. got. weis = nhd. 
weise, ebenfalls verwandt mit tcdit, womit sich lat. vistis zu 
Video vergleichen läßt; ferner ahd. inuosa, mlid. Muose, Prät. 
zu iuuo^ = got. möt (ich muß); ahd. muos = nhd. 3Ius (ur- 
sprünglich überhaupt „Speise") zu ahd. ma^ = got. tnais (Speise). 
Zweifelhaft bleibt, ob wegen der Übereinstimmung in diesem 
Lautwandel eine nähere Beziehung des Germ, zum lt. und 
Kelt. angenommen werden muß, oder ob nur eine auch mit 
andern idg. Sprachen gemeinsame Vorstufe (im Griech. ent- 
spricht ot) zu dem gleichen Endergebnis geführt hat. 

Anm. Vgl. Kögel, PBß. 7, 171. In manchen Fällen erscheint nicht 
SS, sondern st, vgl. Last zu ladtn. Kögel nimmt au, daß ss nur nach 



KonsoDanteuassimilation. 33 

unbetontem Vokal entwickelt sei, dagegen at nach betontem. Ein Beweis 
dafür läßt sich nicht erbringen. Eher ist wohl Wiederherstellung des t 
nach analogen Bildungen anzunehmen. Wenn st in der 2. Sg. Ind. Prät. 
feststeht (got. haihdist zn hditan „heißen"), so könnte man denken, daß 
vor idg. th, das hier zugrunde liegt, die Entwicklung eine andere gewesen 
wäre; indessen lag gerade hier die Ausgleichung nach anderen Formen 
wie gaft (da gabst) sehr nahe. 

§ 32, Idg. Sin, wohl zunächst zu 2m geworden, ist zu mm 
assimiliert, z. B. in got. J)amma = alid. demu = ohd. dem, ver- 
glichen mit aind. Dat. tasmäi und Abi. tasmäd. Danach sind 
die Dative der Adjektiva gebildet wie got. hlinüamma = ahd. 
blintemu = nhd. blindem. Die spätere Vereinfaehuug war die 
Folge der geriogen Tonstärke des voraufgehenden Vokals. 

Aum. Ahnlich scheint zl zu II assimiliert zu sein. So kann das 
landschaftliche Erolle „Locke", falls es auf urgerm. *krozlö zurückgeht, 
verwandt sein mit kraus. Ferner öl zu II, vgl. Sievers, IF. 4, 335. So 
erklärt sich das Verhältnis des oberdeutschen Stadel zu Stall (aus *staöloz). 

§ 33. Besonders verbreitet ist Assimilation des n an einen 
vorhergehenden Konsonanten. So ist U aus In entstanden in 
got. fuUs, nhd. voll, vgl. lat. plenus und das genauer stimmende 
Vit 2) ilnas; in got ivulla, nhd. Wolle, vgl. aslav. vläna. So sind 
urgerm. pp, tt, kJc wohl durchgängig durch Assimilation eines 
n an den vorhergehenden einfachen Verschlußlaut entstanden, 
wenn sich dies auch nicht immer im einzelnen nachweisen 
läßt. Vgl. rupfen, nd. ruppen neben raufen = got. rdupjan, 
ritzeyi, ahd. rizzan und rizzön {zz aus ü) neben reißen, ahd. 
r'i^an = alts.-ags. ivriian. Unser bacJcen (wohl verwandt mit 
griech. (for/co), das ursprünglich nur im Präsens Gemination 
hatte, geht auf eine Präsensbilduug wie griech. ddx]-oj zurück 
(vgl. Fiexionslehre). Diese Doppelkonsonanteu entsprechen aber 
nicht bloß idg. bn , du, gn, sondern auch älterem germ. Sw, 
cfn, gn, sei es, daß die dem n vorangehenden Laute auf 
idg. Medialaspirata zurückgehen oder nach dem Vernerschen 
Gesetz auf idg. Tenuis. Vgl. ahd. lecMn, lecchön gegen got. 
bildigön „belecken"; zucken gegen ziehen, gezogen. 

Ferner ist konsonantisches u {iv) au vorhergehendes n 
assimiliert. So ist f//m>2, ühd. dunni, imoYd. pminr = \2ii. tenuis. 
Den gleichen Ursprung hat nn in rinneyi, got. rinnatz (vgl. 
aind. rinvati „er läßt fließen"); in got. minniza = mhd. minner, 
nhd. minder (vgl. lat. tnimio); in Kinn, got. Idnnus = griech. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. ■ 3 



34 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

yivvq, aind. hamis, wobei die Gemination ausgegangen ist 
von den Formen, in denen ii konsonantisch wurde (vgl. aind. 
Jianväm G. PL). 

Anm. Vgl. Kluge, PßB. 9, 157 ff. Kauffmann, ib. 12, 504flf. 

Ausfall. 

§ 34. Zwischen Vokal und tv ist g (g) ausgefallen. Vgl. 
got, sndiws — lat. nix, nivis aus *nigivis\ got. mawi „Mädchen" 
aus *magwi zu niagus „Knabe" (verwandt Magd); Aue, mhd. 
omve (ursprünglich „von Wasser umflossenes Land") zu got. aJva 
„Wasser", ahd. aha = lat. aqua. 

Konsonantisches i (j) scheint gemeingerm. vor folgendem 
i ausgefallen zu sein, vgl. ahd. neriu (ich erhalte am Leben) 
— neris, nerit, zellu (ich zähle), worin die Verdopplung durch 
ursprünglich folgendes j bewirkt ist, — zelis, seilt; in got. 
nasjis, nasjij) hat wahrscheinlich Wiederherstellung des^ statt- 
gefunden. Ebenso ist konsonantisches u {w) vor u geschwunden, 
vgl. anord. sund „das Schwimmen" zu schwimmen, got. swimman. 

Gemeingermanisch ist auch der Ausfall eines Nasals vor 
h mit Hinterlassung von Dehnung des voraufgehenden Vokals. 
Beispiele: got. ]>ag]cjan (denken) — ])ähta (ich dachte), got. 
hührus (Hunger) — huggrjan (hungern). Doch ist der Vorgang 
vielleicht erst in den Einzeldialekten zum Abschluß gelangt, da 
aw/i im Ags. zu öh geworden ist, also die spezifisch ags. Ver- 
dumpfung des a vor Nasal vorangegangen zu sein scheint. 

Anm. Über andere Ausstoßungen, die für die Verhältnisse in den 
jüngeren Perioden weniger wichtig und zum Teil auch nicht so sicher 
sind, vgl. Streitberg, Urgerm. Gramm. § 129. 

Einschiebung. 
§ 35. Zwischen 5 und r hat sich ein t als Übergangslaut 
entwickelt. Vgl. Strom, anord. straumr = air. sruaim, verwandt 
mit griech. (ttti „er fließt" = aind. sravati; Ostern, verwandt 
mit aind. usrd „Morgenröte", lat. aurora; Schwester, got, swistar 
= lat. soror aus "^svesor, wobei das t ausgegangen ist von 
Formen wie got. Dat. (Lok.) swistr = aind. svasri. 

Auslautgesetze. 
§ 36. Ursprünglich im Auslaut stehende Dentale sind im 
Germ, wie im Griech. geschwunden. So ist ein idg. t ge- 



Konsonanten: Ausfall, Einschiebung, Auslaut. 35 

schwunden in den sogenannten sekundären Endungen der 
dritten Person Sg. und PI., vgl. got. batrdi (er trage) = griech. 
cft'Qoi, aind. hJiärct (Grundform *bheroii), got. hernn (sie trugen), 
worin n aus idg. -nt (vgl. lat. legebant). Ein idg. d ist ge- 
sehwunden im N. A. Sg. des Neutrums der Pronomina, vgl. got. 
Jva = lat. quod, während unser tvas = ahd. hna^, alts. huat, 
eine im Got. geschwundene Nebenform voraussetzt, die dort 
*Jvata zu lauten hätte, in der das t durch eine angehängte 
Partikel geschützt ist. Dieselbe Partikel in got.Jjcita = ahd. da^ 
und in got. ita = ahd. i^, e^. Eine Nebenform */>a liegt vor 
in ahd.-mhd. deist „das ist", deich „das ich" = da ist, da ich. 

Anm. Wo überlieferte Formen auf Dental ausgehen, ist dahinter 
ein Vokal abgefallen. So in den sogenannten primären Verbalendungen, 
vgl. got. bairip „er trägt" = idg. *bhereti, bairip „ihr tragt" = idg. "^bherete, 
bairand „sie tragen" = idg. *bheronti. 

§ 37. Ebenso ist ursprünglich auslautender Nasal abge- 
fallen. Vorher war auslautendes ni wie im Griech. zu n ge- 
worden. Auf m ging ursprünglich aus, wie im Lat., der A. Sg. 
aller Nomina außer den Neutris nach konsonantischer Deklination 
(die i- und w-Stämme eingeschlossen). Als n erseheint das 
Akkusativsuflfix im Germ, noch in Pronominalformen, wo es 
durch eine angehängte Partikel geschützt war, vgl. got. pana 
(griech. ror), hana = den, iven und danach beim Adj., vgl. 
got. hlindana, ags. hlindne, alts. hlindan (daneben helagna), ahd. 
blintan, nhd. blinden. Sonst ist es abgefallen, vgl. got. handu 
(Hand), ahd, ivini (Freund), geba (Gabe), und mit weiterem 
Verlust eines Vokals got. gast (= lat. hostem), dag (idg. auf 
-om). Der gleiche Abfall liegt vor im G. PI. (lat. -um, griech. 
-cov), vgl. got. dage, gibö usw. 

Anm. Wo im Germ. Nasal im Auslaut erscheint, ist dahinter etwas 
abgefallen, vgl. got. berun „sie trugen" mit Verlust des auslautenden 
Dentals (vgl. §36), m im D. PI. (got. dagnm, gastim usw.) aus -mis, in 
der l. Sg. Ind. Präs. (got. im „ich bin", ahd. bim) aus -mi (griech. elfil). 

Vokale. 

§ 38. Bei der aus dem Altertum übernommenen Einteilung 

der Sprachlaute in Vokale und Konsonanten ist die Funktion 

innerhalb der Silbe maßgebend gewesen. Es lag die Anschauung 

zugrunde, daß jede Silbe einen Vokal enthielte, dem sich 

3* 



36 1,1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

die Konsonanten, die mitklingenden Laute in bezug auf Klang- 
stärke unterordneten. Dies traf für das Griech. und Lat. zu, 
darf aber nicht für alle Sprachen verallgemeinert werden. 
Eine Silbe muß nicht notwendigerweise einen Vokal enthalten. 
Auch solche Laute, die nach der herkömmlichen Einteilung 
zu den Konsonanten gerechnet werden, können wie die Vokale 
als die klangstärksten einer Silbe funktionieren, nämlich alle 
Dauerlaute. Insbesondere sind die Nasale und die sogenannten 
Liquidae (I, r) dazu geeignet und erscheinen so in verschiedenen 
Sprachen. Auch dem Nhd. sind sie nicht fremd, allerdings auf 
unbetonte, also auf Ableitungs- und Flexionssilben beschränkt. 
Nach der verbreitetsten Aussprache wird da, wo wir in un- 
betonter Silbe em, en, el, er schreiben, in Wirklichkeit kein e 
gesprochen, vgl. II § 11 L Anderseits können auch Vokale, 
ebenso wie sonst Konsonanten, eine untergeordnete Stellung 
einnehmen, am leichtesten, je enger bei ihrer Bildung die 
Öffnung des Mundkanals ist. Am geeignetsten sind daher / 
und u, die den Reibelauten j und w nahe stehen, in die sie 
daher, wo sie dem klangvollsten Laute der Silbe vorangehen, 
leicht übergehen. Unser j und w sind auf diese Weise aus 
i und u entstanden, die aus der idg. Ursprache überkommen 
und in den älteren Perioden des Germ, noch erhalten sind. 
Engl, lü wird noch jetzt als u gesprochen. Nach dem Vor- 
schlag von Sievers gebraucht man jetzt die Bezeichnung Kon- 
sonanten im Anschluß an den ursprünglichen Sinn auch bloß 
mit Bezug auf die Stellung in der Silbe, und stellt dann den 
Konsonanten nicht die Vokale gegenüber, sondern die Sonanten, 
d. h. diejenigen Laute, die innerhalb der Silbe die größte 
Klangfülle haben, die den Silbenakzent tragen. Es können 
demnach nach dieser Terminologie Vokale konsonantisch sein 
(jetzt gewöhnlieh so bezeichnet: i, u) und Laute, die nach 
der älteren Terminologie als Konsonanten bezeichnet werden, 
sonantisch (jetzt gewöhnlich so bezeichnet: r, n). 

Streng genommen müßte man auch die zweiten Kompo- 
nenten der Diphthonge als Konsonanten bezeichnen. Allerdings 
sprechen wir jetzt z. B. au so, daß wir unmittelbar, nachdem 
wir zur Stellung für a eingesetzt haben, sogleich den Übergang 
zur Stellung für u anschließen, wobei rasch hintereinander alle 
zwischen a und u liegenden Vokale erklingen, so daß weder 



Vokale. 37 

a noch u als ein deutlich gesonderter Laut erscheint; ent- 
sprechend die anderen Diphthonge. Es ist aber auch eine 
Aussprache möglich, bei der man eine Zeitlaug in der Stellung 
für den ersten Komponenten verharrt und dann rasch zu der 
für den zweiten übergeht, wobei beide deutlicher gesondert 
bleiben. Dies scheint die ursprüngliche idg. gewesen zu sein. 
Wenn wir in der systematischen Darstellung, abweichend von 
strenger Konsequenz, die konsonantischen Vokale, soweit sie dem 
Sonanten der Silbe vorangehen, mit den Konsonanten im alten 
Sinne zusammen behandeln, dagegen, soweit sie dem Sonanten 
folgen, mit den Vokalen zusammen, so geschieht dies mit 
Rücksicht auf die jüngere Entwicklung, indem die ersteren 
sich meist zu Reibelauten entwickeln, die letzteren dagegen 
vielfach mit dem vorhergehenden Sonanten zu einfachen Lauten 
kontrahiert werden, während umgekehrt einfache Laute sieh 
zu Diphthongen entwickeln. 

§ 39. Das Aiud. besaß die Vokale a, i, u als Längen und 
als Kürzen, e und o nur als Längen, und zwar so, daß die- 
selben leicht als sekundäre Zusammenziehungen aus ai und au 
zu erkennen waren. Außerdem dienten l und r auch als 
Sonanten. Die vergleichende C4ramniatik betrachtete die 
sonautischen l und r von Anfang an als unursprtinglich, sah 
dagegen lange Zeit in der Beschränkung auf die Vokale a, i, u 
Bewahrung des ursprünglichen Zustandes. was mit theoretischen 
Anschauungen zusammentraf, wonach diese Vokale überhaupt 
als die Extreme auch die Grundvokale sein sollten, aus denen 
die übrigen entwickelt wären. Die größere Mannigfaltigkeit 
der europäischen Sprachen leitete man dann im allgemeinen 
aus einer Spaltung des a - Lautes in a, e, o ab. 

Im Aind. spielte ein Vokalwechsel eine große Rolle in der 
Wortbildung und Flexion. So wechselte a mit ä, i mit ai, u 
mit au. Zur Erklärung des Wechsels haben schon die alten 
indischen Grammatiker eine Theorie ausgebildet. Danach sind 
die Grundvokale, aus denen sich die übrigen Vokale und die 
Diphthonge entwickelt haben, die kurzen a, i, u, r. Diese 
haben eine Verstärkung erfahren durch ein vorgesetztes a, 
wodurch also ä, ai, au, ar entstanden sind. Dazu kommt eine 
nochmalige Verstärkung durch ein weiteres vorgesetztes a, 
wodurch äi, äii, är entstanden sind, während a + ä nur wieder 



38 I, 1. Stellang des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

ä ergeben kann. Die erste Verstärkung bezeichnen die Inder 
als Guna, die zweite als Wrddhi (Wriddhi). Diese Theorie 
eignete sich die vergleichende Sprachwissenschaft an mit der 
Modifikation, die eine entschiedene Inkonsequenz war, daß r 
nicht als Gruudvokal anerkannt, sondern als eine Abschwächung 
angesehen wurde. Für die Verstärkung wurde der Ausdruck 
„Vokalsteigerung" üblich, und man sonderte die Vokale und 
Diphthonge nach den vorausgesetzten Grundlauteu in eine a-, 
i- und it-Eeihe. 

§ 40. Die germanischen Sprachen zeigten eine größere 
Mannigfaltigkeit als das Indische. Da aber im Got. anscheinend 
e und nur als Längen vorhanden waren, so begünstigte das 
die Theorie von den drei Grundvokalen. Auch im Germ, 
gewahrte man einen Vokalwechsel innerhalb der Wortbildung 
und innerhalb der starken Konjugation. Diesen zuerst von 
ten Kate beobachteten Wechsel (vgl. § 5) nannte Grimm Ablaut. 
Er behandelte denselben isoliert als eine speziell germanische 
Erscheinung und nahm an, daß er sich zuerst im st. Verb, 
entwickelt habe und von da erst in die Wortbildung übertragen 
sei. Wo sich in der Wortbildung ein Ablaut fand, ohne daß 
ein verwandtes st. Verb, zu belegen war, nahm er an, daß ein 
solches verloren sei, eine Anschauung, die noch lange nach- 
gewirkt hat. Demnach setzte er sechs Ablautsreihen an, denen 
sechs Klassen der ablautenden st. Verba entsprachen. Zur Be- 
stimmung der Ablautsstufen in den Formen der st. Verba ist 
die Kenntnis von vier Formen erforderlieh, der 1. Sg. Ind. Präs., 
mit der alle übrigen Formen des Präs. stimmen, der 1. Sg. 
Ind. Prät., mit der ursprünglich die übrigen Formen des Sg. 
stimmen, der 1, PI. Ind. Prät., mit der der ganze PI. des Ind. 
und der Opt. (Konj.) des Prät. stimmt, und dem sogenannten 
Part. Perf. 

Ich gebe im folgenden die von Grimm aufgestellten Ab- 
lautsreiheu, aber nicht in der von ihm gewählten Reihenfolge, 
sondern aus Gründen, die später erhellen werden, in derjenigen, 
die zuerst Braune in seiner Gotischen Grammatik eingeführt 
hat. Auch bezeichne ich die Grundlaute, zum Teil abweichend 
von Grimm, nach dem gegenwärtigen Staude der Wissenschaft. 
In Klammer setze ich daneben die schon gemeingerm. daneben 
vorkommenden Modifikationen. 1) i — ai — i (got. steiga 



Ablautsreihen. 39 

„ich steige", stdig, stigum, stigans). 2) eu {iu, eo) — au — u 
(o), in einigen Wurzeln auch ü (got. hiiiga „ich biege", hdug, 
hiigum, hugans — got. Inlca „ich seliließe", Idiih, luJciim, ItiJcans). 
3) e (^) — a — w (o) (got. hinda, band, hundiim, hundans). 
i) e (i) — a — e — ii {o) (got. tiima „ich nehme", nam, 
nemum, numans). 5) e (^) — a — e (got. giha, gaf\ gehum, 
gihans). 6) a — 6 (got. fara, för, forum, farans). Den Wechsel 
e — in einigen reduplizierenden Verben (got. Uta „ich lasse", 
Prät. lailöt) rechnete Grimm nicht zum Ablaut. 

§ 41. Im Gegensatz zu den Anschauungen Grimms suchte 
die vergleichende Grammatik den Ablaut zu dem Vokalwechsel 
in anderen idg. Sprachen in Beziehung zu setzen und die 
Steigerungstheorie auf ihn anzuwenden. Mau suchte also die 
Grimmschen Ablautsreihen auf die als idg. angesetzten Reihen 
mit Grundvokal a, i, u zurückzuführen, ein Verfahren, das dann 
auch in die Einzeldarstellungen germanischer Dialekte über- 
ging. In die ^'-Reihe wurde unsere erste Klasse untergebracht, 
zugleich aber auch reduplizierende Verba wie got. Jiditan 
„heißen"; in die t«- Reihe unsere zweite, zugleich a))er redu- 
plizierende Verba wie got. stdutan „stoßen"; in die a- Reihe 
Klasse 3 — 6 und reduplizierende Verba mit a oder e im Präs., 
wie got. haldan „halten" oder Utan „lassen". Es leuchtet ein, 
daß mit dieser Einordnung zur Erklärung der Grimmschen 
Ablautsreihen herzlich wenig geleistet war. Unklar blieb, wo- 
her die Verschiedenheit von Klasse 3 — 6, woher der Wechsel 
von e und a zwischen Präs. und Prät, weshalb im Präs. bald 
e, bald a, woher das u im Prät. und Part. usw. Wenn auch 
einige Parallelen in den anderen idg. Sprachen gefunden waren, 
in der Hauptsache mußte der Ablaut immer noch als eine 
spezifisch germanische Entwicklung erscheinen, für die es an 
einer Erklärung fehlte. 

§ 42. Erst ein völliger Umschwung der Anschauungen 
von den Vokalverhältnissen der idg. Ursprache ermöglichte 
auch ein Verständnis der germanischen Vokalverhältnisse. 1871 
erschien ein Buch von A. Amelung, „Die Bildung der Tempus- 
stämme durch Vokalsteigerung im Deutschen", in dem richtigere 
Einsichten über die Vokalentsprechungen in den europäischen 
Sprachen dargelegt wurden, die aber zunächst wenig Beachtung 



40 I, 1. Stellnng des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

fanden. Durch die Entdeckung Verners (vgl. § 27) wurde man 
nachdrücklich auf die Bedeutung des Akzents für die Laut- 
entwicklung hingewiesen. Verner selbst schloß an seinen Haupt- 
auftatz Bemerkungen „zur Ablautsfrage" an mit manchen 
richtigen Ahnungen. Gleich darauf zeigte Osthoff (PBB. 3, 1 ff.) 
den Einfluß des Akzents auf die wechselnde Gestalt der Stamm- 
form in der Deklination. Hieran knüpfte dann Brugmann an 
in zwei Aufsätzen, die in Curtius' Studien zur griech. u. lat. 
Gramm., Bd. 9 erschienen, durch die eine wesentlich neue Auf- 
fassung der idg. Vokalverhältnisse angebahnt wurde, gestützt 
auf eine Untersuchung der Entsprechungen in den Einztl- 
sprachen. Hierin traf Brugmann teilweise, ohne ihn zu kennen, 
mit Amelung zusammen, über den er aber erheblich hinaus 
gelangte. Es folgte eine lebhafte Erörterung der in Betracht 
kommenden Fragen, an der sich eine Reihe von Forschern 
beteiligte. Als gesichertes Ergebnis können wir folgende Haupt- 
punkte betrachten. 1) Der Vokalismus der idg. Grundsprache 
stand dem der europäischen Sprachen, namentlich dem des 
Griech. näher als dem des Sanskrit. Er war viel mannigfacher, 
als man früher angenommen hatte. Es bestanden die Vokale 
a, e, i, 0, u als Kürzen und als Längen; dazu wahrscheinlich 
ein reduzierter Vokal, ähnlieh unserem unbetonten e, den man 
im Anschluß an die ebräische Grammatik als Seh wa -Vokal zu 
bezeichnen pflegt, und für den das Zeichen 9 üblich ist. Mit 
i und u als zweitem Komponenten bildeten die übrigen Vokale, 
auch die langen, Diphthonge. Außerdem aber gab es im Idg. 
Silben, in denen nicht ein Vokal, sondern ein Nasal oder r 
oder l als Sonant fungierte. 2) Die Ableitung des idg. Vokal- 
wechsels aus Steigerung ist aufzugeben, vielmehr ist er zu 
einem großen Teile aus einer Abschwächung zu erklären, indem 
in schwachtoniger Silbe oder, wie man es auch bezeichnet, auf 
Tiefstufe der ursprüngliche Sonant der Silbe reduziert oder 
ganz ausgestoßen ist. Infolgedessen ist teilweise eine Silbe 
fortgefallen, teilweise aber ist die von der Schwächung be- 
troffene Silbe geblieben, indem der dem ursprünglichen Sonanten 
voraufgehende oder folgende Konsonant nun zum Sonanten 
geworden ist. Auf diese Weise sind die sonantisehen Nasale 
und Liquidae entstanden, aber auch sonantisehes i und u. Es 
wird somit ganz im Gegensatz zu der früheren Anschauung 



Vokale des Idg. Germ. Entsprechungen. 41 

eine ältere Stufe vorausgesetzt, in der nur a, e, o, vielleicht 
in mehreren Schattierungen, als Sonanten bestanden, dagegen 
i und u nur als Konsonanten (in Verbindungen wie ia, ie oder 
ai, ei usw.). Diese beiden Vokale verhielten sich also genau 
wie die Nasale und die Liquidae. 3) Außerdem kam auch 
bei stärkerem Tongewicht (auf der Hochstufe) ein Wechsel 
der Qualität vor, z. B. zwischen e und o, den man auf Ver- 
schiedenheit des musikalischen Tones zurückzuführen pflegt, 
auch ein Wechsel zwischen Kürze und Länge. 

Anm. Statt Nasaüs souans setzen manche Forscher die Verbindung 
eines reduzierten Vokals mit Nasal an, manche auch statt Liquida sonaus 
eine entsprechende Verbindung. Ich kann nicht finden, daß diese Au- 
setzung eine größere Wahrscheinlichkeit für sich hat. Genaue Laut- 
bestimmungen für die idg. Grundsprache sind natürlich unmöglich. 

§ 43. Die Hauptveränderungen, welche die idg. Vokale 
im Germanischen erlitten haben, sind die folgenden. 

1) Idg. a und o sind im Germ, zusammengefallen; die 
Kürzen erscheinen als a, die Längen als o. Der Zusammenfall 
ist auch im Baltisch-Slavischen eingetreten. Einen Zusammen- 
hang braucht man aber darum kaum anzunehmen, um so 
weniger, als im Slav. umgekehrt a Vertreter der Länge und o 
der Kürze ist. In unbetonten Silben findet man noch in 
historischer Zeit teilweise o für idg. o, aber auch für idg. a. 
Mit a ist wie in allen Sprachen außer dem Ind., wo es als / 
erscheint, auch idg. Schwa zusammengefallen. 

2) Die sonantischen Nasale und Liquidae sind zu iim, un, 
ur, ul entwickelt, mitunter auch mit umgekehrter Stellung zu 
mu, nu, ru, In. Die Entwicklung in den übrigen Sprachen ist 
eine wesentlich andere gewesen, und sie weichen auch unter 
sich stark ab, was die Erkenntnis der Entsprechungen lange 
verhindert hat. Im Aind. erscheinen l und r meist noch als 
Sonanten (in r zusammengefallen), im Griech. als ccq, al oder 
Qa, la, im Lat. meist zunächst zu or, ol (vor Vokalen zu ar, al). 
Die sonantischen Nasale sind im Aind. und im Griech. vor 
Vokalen zu am, an, vor Konsonanten zu bloßem a, im Lat. in 
der Regel zu ein, en {im, in) geworden. 

3) Jünger, aber auch noch gemeingerm. sind weitere Ver- 
änderungen. Idg. e (e) ist vielfach zu i geworden, zuerst in 
unbetonter Silbe, wo nur in wenigen, noch nicht aufgeklärten 



42 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Fällen e geblieben ist, dann in betonter Silbe stets, wenn ein 
zur gleichen Silbe gehöriger Nasal darauf folgte, vor anderen 
Konsonanten, wenn die folgende unbetonte Silbe ein i enthielt, 
sei es als Sonant oder Konsonant {j). Auf entsprechender 
Assimilation beruht der Übergang von idg. ei zu i. Idg. eu 
ist wahrscheinlich zunächst auch nur vor folgendem i (j) zu 
iu geworden, erst durch jüngere einzelsprachliche Entwicklung 
auch vor folgendem u. Als gemeingerm. dürfen wir wahr- 
scheinlich -auch eine Spaltuug des u betrachten, die das idg. 
u wie das aus Nasal oder Liquida entwickelte betroffen hat. 
Es ist erhalten stets vor Nasal, der zur gleichen Silbe gehört, 
sonst, wenn in der folgenden Silbe ein u oder i (auch kon- 
sonantisches i) stand, dagegen vor a, e, o der folgenden Silbe 
zu geworden. Wenigstens ist diese Entwicklung dem Skand. 
und Westgerm, gemein, das Got. geht hier seine eigenen Wege. 
Eine entsprechende Wandlung von eu in eo vor a, e, o zeigt 
sich gleichfalls im Skand. und Westgerm., aber teilweise mit 
Ausnahmen unter konsonantischen Einflüssen. Eine der jüngsten 
gemeinsamen Veränderungen ist die Dehnung von Vokalen bei 
Ausfall eines Nasals vor h (vgl. § 49). 

§ 44. Bevor wir dazu übergehen können, die Lautent- 
sprechungen durch Beispiele zu veranschaulichen, müssen wir 
noch einige Hauptveränderungen der verwandten Sprachen be- 
sprechen. Die Schicksale der sonantischen Nasale und Liquidae 
und des Seh wa -Vokales sind schon in § 43 behandelt. Im 
Griech. sind sonst die ursprünglichen Verhältnisse am besten 
bewahrt. Doch ist kurzes und langes u durchgängig zu v 
geworden, auch in den Diphthongen. Dabei ist zu bemerken, 
daß ov, das man als U spricht, von Hause aus auch lautlieh 
ein Diphthong war (idg. ou). Ferner sind die Vokale mit Jota 
subscriptum ursprünglich wirkliche Diphthonge mit langem 
ersten Komponenten gewesen. Natürlich muß man überall auf 
das Urgriech. zurückgehen, wobei namentlich zu berücksichtigen 
ist, daß attisch ?/ zum Teil auf lang a zurückgeht. Im Lat. 
ist wie im Griech. zunächst die Scheidung von a, e, o bewahrt, 
doch ist e vor sonantischem und konsonantischem u zu o ge- 
worden, Diphthonge sind kontrahiert und viele andere sekun- 
däre Veränderungen eingetreten, die sieh übrigens zum Teil 
noch an der Hand der ältesten Überlieferung verfolgen lassen. 



Verhältnis der germ. zu den idg. Vokalen. 43 

§ 45. Ich stelle nunmehr den germanischen Vokalen ihre 
idg. Entsprechungen gegenüber. 

Germ, a ist 1) = idg. a. Vgl. uhd. Acher, got. aJcrs = 
griech. cr/QÖg, lat. ager\ Sah, got. sali = lat. sal; got. aljis 
(erhalten in Elend, ahd. elilenti „fremdes Land") = lat. alms\ 
ah, got. af = griech. dji6, lat. ab\ landschaftlieh Alie ,.Fluß", 
got. aha = lat. aqua\ got. and-, Präp., erhalten in Antlitz, 
Antwort, abgeschwächt zu ent- = griech. dvri Im Diphthong: 
got. diz „Erz", ahd. er (wozu das Adj. erin = nhd. ehern) = 
lat. aes\ got. diws „Zeit", woraus ewig abgeleitet ist, = lat. 
aeviim, grieeh. alc')v\ got. dulcan „sich vermehren" = lat. augere. 
Hierher gehört im allgemeinen das a im Präs. der starken 
Verba, also in der sechsten Klasse und in Verben, die im 
Got. das Prät. durch Reduplikation bilden. 

2) r= idg. d. Vgl. Vater, got. fadar = griech. jrarfjo, 
lat. 2^ttfe>', aind. j)//(1; Statt, Stadt, got. stajjs, verwandt mit 
griech. otaroq, aind. sthitas „gestellt"; liede, got. ralijö = 
lat. ratio. 

3) = idg. 0, welches der häufigste Fall ist. Vgl. Gast, 
got. gasts =^ IsitJiostis] Ast, got asts = griech. oCog (aus *oö(3oc); 
acht, got. ahtdu = griech. oxtoj, lat. octo; Rad = lat. rota; 
das, got.J)ata = griech.ro. Im Diphthong: {ich) iveiß, got. 
ivdit = griech. oidu] ein., got. dins = lat. unus, alat. oinos; 
got. ])di „die" (M.) = griech. roi:, got. hairdis „du tragest" 
= griech. fpigoic; rot, got. rduj)s = altgallisch Boudus, air. 
r^?ac?, verwandt mit lat. rüher. Hierher gehört das a im Sg. 
Prät. der ablautenden Verba nach Klasse 1 — 5. In den 
ältesten Lehnwörtern können wir den Übergang noch ver- 
folgen. Lat. oleum erscheint im Got. als alew. Aus dem Kelt. 
stammen Main == Moeniis, Mainz, ahd. Mtginza (e Umlaut 
von a) = Moguntiacum, mhd. Waskenivald = Vosegus, ahd.- 
mhd. Walh „Welscher" (woraus luälliisch, 7velsch), das auf den 
gallischen Völkernamen Volcae zurückgeht. 

§ 46. Germ, e, zum Unterschied von dem jüngeren durch 
Umlaut aus a entstandenen e als e bezeichnet, ist = idg. e. 
Vgl. sechs, ahd.-mhd. sehs = lat. sex; sehn, ahd. zehan = lat. 
decem] essen, ahd. e^^an = lat. edere. Im Diphthong: ahd. Jceosan, 
erst jünger Jiiosan, mhd. kiesen, verwandt mit griech. yei'ouai. 



44 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

§ 47. Germ, i 1) = idg. i. So stets im Diphthongen ai, 
vgl. got. icdit „ich weiß'' = griech. oida, und da, wo es im 
Wechsel mit ai oder i steht, so in got. ivitum „wir wissen^*, 
im PI. Prät. und im Part, der Verbn nach Ableitungsreihe 1: 
got. stigum, stigans zu steiga „ich steige". Vgl. ferner Fisch, 
got. fisls = Isit. 2^ iscis] Witive, got. ividuwö = lat. vidna; 
urnord. (auf Runeninschriften) ^astin {r = dem aus 5 ent- 
standenen r-Laut) = lat. liosüs. 

2) = idg. e. So vor Nasal in gleicher Silbe, vgl. in (Präp.) 
= griech.tr; ahd. ^w/" „fünf" = griech. jrt'rre ; im Präs. von 
Verben nach der dritten Ablautsreihe : binden usw. Vor 
folgendem i: ahd. mitti (erhalten in Ilittag) = lat. medius\ 
auch wo das i früh ausgestoßen ist, z. B. in ist = griech. toxi. 
Meist steht es dann in Wechsel mit e, so in Verben der 
Klasse 3 — 5, vgl. ahd. du i^ps, er i^^it neben e^^an; vgl. 
ferner ahd. herg — gibirgi, erda — irdisc. Weiteres II § 120. 

Häufig ist i = e in unbetonten Silben, vgl. ahd. elina 
„Elle" = griech. co?Jv)i; das i von got. sigis „Sieg" entspricht 
dem e in lat. generis zu genits; die Endungen der 2. 3. Sg. Ind. 
Präs. der starken Verba (vgl. ahd. biris, birit) gehen auf idg. 
esi, eü zurück; das i in ich, alts. ic = lat. ego erklärt sich 
aus der enklitischen Verwendung des Wortes. Der Diphthong 
in geht auf idg. eii zurück, vgl. ahd. er Tiiusit mit dem Inf. 
lieosan. 

Der Übergang von e zu i läßt sich noch au den von den 
Kömern überlieferten Eigennamen verfolgen. In Segestes gegen- 
über got. sigis sind noch beide e unberührt; in Segimerus, 
Segimundus bei Tacitus ist erst das unbetonte e zu ^ geworden. 

§ 48. Germ, u und das daraus entstandene o ist 1) = idg.M, 
so stets in den Diphthongen eu, in, eo und au und, wo es in 
Wechsel mit diesen steht, also in der zweiten Ablautsreihe. 
Vgl. ferner got. juk „Joch" = lat. juguni; ahd. turi „Tür" = 
griech. />('(>«; ^ot. pu „du" = lat. t«t; got. wi „nun" = griech. 
rv\ got. hunds „Hund" = griech. xvror, G. xrroc; got. fllu 
..viel" = griech. jtoIv. 

2) ist u aus sonantischem Nasal oder sonantischer Liquida 
entwickelt. Vgl. got. Jmnd „hundert" = griech. ^xaröv, lat. 
centum, aind. satdm (idg. ¥ml6m)\ got. taihun „zehn" = lat. 



Verhiiltnis der j^erm. zu deu idg. Vokalen. 4o 

decem, griech. f)^x«; g-ot. sihun „sieben'' = lat. Septem, grieeli, 
ijTTä\ un- „un-" = lat. in-, griech. dr- r'-; got. guma „Mann" 
(erhalten in Bräutigam) = lathomo, alat. Aewio; got. paiirsiis 
„dürr" = aind. trsüs; got. tculfs „Wolf" = aind. rrkas. Hier- 
her gehören PI. Prät. und Part, der dritten Klasse und das 
Part, der vierten, vgl. got. hundum, hundans, niimans (ge- 
nommen) und mit anderer Stellung des Vokals ahd. driiscun, 
gidroscan zu drescan „dreschen". 

Für die Scheidung der beiden ii hat man einen Anhalt 
an den umgebenden Konsonanten. Doch ist idg. u auch neben 
Kasal oder Liquida möglich, vgl. oben Jninds. 

§ 49. Germ, ä ist erst spät aus an vor li entwickelt. Das 
zugrunde liegende a kann ^^^ idg. a sein, wie wahrscheinlieli 
in got. fähan, mhd. vähen „fangen", oder idg. o, wie in got. 
l)ähta „ich dachte" zu JjagJija, verwandt mit alat. toiigeo. 

§ 50. Germ. e. Es sind zwei verschiedene c- Laute zu 
unterscheiden, von denen wahrscheinlich der eine (e^) offen, der 
andere {e-) geschlossen war. Jener erscheint im Skand. und 
Westgerm, in betonten Silben als ä, dieser zunächst als e 
(ahd. als ea, ia); im Got. sind beide zusammengefallen. 

gl ist = idg. e. Vgl. got. {ga-)deps, ahd. tat, nhd. Tat, 
verwandt mit griech. Tith?/gr, ahd. sämo = lat. semen (ver- 
wandt got. -seps, ahd. sät\ got. mena, ahd. 7näno „Mond" = 
lit. menii, griech. (itjv; ahd. iiuär „wahr" := lat. venis; got. 
etum, ahd. ä^iim „wir aßen" = lat. edimus. 

e2 erscheint 1) in einer nicht großen Zahl echt ger- 
manischer Wörter, in denen es zum Teil in Ablaut zu i oder i 
steht, weshalb mau vermutet, daß es Vertreter von idg. ei sei. 
Vgl. got. her, ahd. hiar „hier", got, fera, ahd. fiara „Seite"; 
ags. Mn, mhd. kien' „Kien". Nicht ganz klar ist das Ver- 
hältnis von alts. meda, ahd. miata, nhd. Miete zu got. mizdo, 
ags. meord = griech. giOihog. 2) im Skand. und Westgerm, 
im Prät. von Verben, die im Got. ein redupliziertes Prät. 
bilden, vgl. alts. Jiet, ahd. hia^, nhd. hieß gegen got. haihdit; 
alts. let, ahd. lia§; nhd. ließ gegen got. lailöt. Jedenfalls be- 
ruhen hier die gotischen Formen auf einer anderen Grundlage 
als die der übrigen Sprachen. 3) in Fremdwörtern. Schon 
im Got. erscheint Kreis, dem ahd. Kriach entspricht, aus 



46 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Graecus. Sonst entspricht e^ lateinischem e, vgl. ahd. ziagal 
„Ziegel" aus lat. tegula. 

§ 51. Germ, ö (ahd. uo, nhd. ü) ist 1) = idg. ö. Vgl. 
gotfötus „Fuß" = griech.-dorisch jrroc; got.flödus „Flut", ver- 
wandt mit griech. jücoco; got. bloma „Blume", verwandt mit 
lat. flos; got. ra])j6 (nhd. Rede) = lat. ratio. 

2) = idg. ä (der häufigere Fall). Vgl. got. brö])ar = lat. 
fräter; alts. mödar = lat. mäter, urgriech. iiärrjQ\ got. hölta 
„Buche" = \2ii. fagns\ got. J)o „die" = urgriech. r«. Die got. 
Feminina auf a wie giba „Gabe", die in verschiedenen Kasus 
noch unverkürztes ö aufweisen (^.V\. gibös, Y).^\. gibom)^ ent- 
sprechen den griechischen und lateinischen nach der ersten 
Deklination. Die got. Verha auf -on wie salhön entsprechen den 
lateinischen nach der ersten Konjugation und den griechischen 
auf -äco. 

§ 52. Germ, i (got. ei geschrieben) ist 1) = idg. t. Vgl. 
got. freidjan „schonen" (wozu mhd. vrithof, nhd. umgebildet 
zu Friedhof), verwandt mit aind. pritds „lieb"; got. szvein 
„Schwein" = lat. sinmim, also Substantivierung eines Adj. 

2) meist = idg. ei. Vgl. got. steiga „ich steige" = griech. 
6tdx(D\ got. teilia „ich zeihe" = lat. dico (aus idg. *deiJxö). 

3) spät entwickelt aus in vor Ji. So vielleicht in got. 
leiJva „ich leihe" = lat. linquo. in kann erst aus efl ent- 
standen sein, so in got. peiha „ich gedeihe", wie sich daraus 
ergibt, daß der PI. Prät. und das Part, im Ags. ])un^on, ^e- 
Pmigen lauten. 

§ 53. Germ, ü ist 1) = idg. ü. Vgl. ahd. müs „Maus" 
= ]a.t.mus, griech. /frc; ahd. sü „Sau" := lat sUs, griech. rc; 
ahd. i^tar „Euter" = aind. üdJiar (lat. über). 

2) spät entstanden aus ufi = idg. u. Vgl. got. ])ühta Part, 
zu ])ugJijan „dünken", got. hührus „Hunger" gegen huggrjan 
„hungern". 

§ 54. Wir können nun dazu übergehen, die germanischen 
Ablautsreihen aus den idg. Vokalabstufungen abzuleiten. In 
bezug auf die letzteren ist wohl noch nicht alles vollkommen 
klargelegt. Einige Abstufungen spielten von Anfang an eine 
größere Rolle als andere. Im Germ, mußte durch lautlichen 



Erklärung der germ. Ablautsreihen. 47 

Zusammenfall manche Abstufung verdunkelt werden, während 
bei anderen die ursprüngliche Scheidung klar gewahrt wurde. 
Die von Anfang an häufigeren Abstufungen haben dabei noch 
mehr das Übergewicht erhalten. 

§ 55. Die ursprünglich häufigste Reihe war diejenige, in 
der auf der Hochstufe e mit o wechselte, in der starken Kon- 
jugation so verteilt, daß e dem Präs. (bei Betonung des Wurzel- 
vokals), dem Prät. zukam, vgl. griech. nivco — {/ti/ova, 7.ti::to) 
— Uloma, Fut. D.evaoitcu — eiXijXovihc; reichlich erhalten ist 
dieser Wechsel im Griech. in der Wortbildung, vgl. f/tgco — 
-(fOQOQ. Im Germ, entspricht Wechsel zwischen e (/) und a. 
Von den Grimmschen Ablautsreihen gehören hierher 1 — 5 nach 
unserer Anordnung. Eine Sonderung derselben ergibt sich erst 
nach dem Vokalismus der Tiefstufe und ist bedingt durch die 
den ursprünglichen Sonanten umgebenden Konsonanten. Inner- 
halb der starken Konjugiition erscheint die Tiefstufe nach dem, 
was in § 28 über die Betonung bemerkt ist, im PI. Prät. und 
im Part, bei manchen Verben auch im Präs., wovon sich aber 
im Urgerm. nur geringe Reste erhalten haben, die dann meistens 
früh getilgt sind. 

In die erste Reihe gehören die Wurzeln, in denen auf den 
Sonanten ein i folgte. Wurde jener auf der Tiefstufe aus- 
gestoßen, so wurde dieses zwischen Konsonanten zum Sonanten 
der Silbe (got. stiguni gegen steigan). In die zweite Reihe 
gehören die Wurzeln, in denen auf den Sonanten ein a folgte, 
das ebenso wie i auf der Tiefstufe zum Sonanten wurde {hiignm 
gegen hiugan). In die dritte Reihe gehören die Wurzeln, in 
denen auf den Sonanten Nasal oder Liquida mit noch einem 
Konsonanten folgte. Auch hier war die Entwicklung ganz 
analog, indem der Nasal oder die Liquida sonantisch wurden. 
Dadurch, daß später aus denselben ein u entwickelt ist 
(hundiim gegen bindan), ist der Parallelismus zu Reihe 1 und 2 
verdunkelt worden. Außerdem gehören hierher auch einige 
Wurzeln, in denen der erste der auf den Sonanten folgenden 
Konsonanten nicht Nasal oder Liquida, deren Anlaut aber eine 
Konsonantenverbindung mit Liquida ist. In solchen Wurzeln 
ist nach Ausfall des Sonanten die diesem vorangehende Liquida 
sonantisch geworden, das später daraus entwickelte u steht in 
Angleichung an die Hochstufe nach der Liquida (vgl. ahd. driishm 



48 I, 1 . Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

ZU dresJcan „dreschen"). In die vierte Reihe gehören Wurzeln 
mit einfachem Konsonanten nach dem Sonanten, und zwar 
erstens solche, in denen dieser Konsonant Nasal oder Liquida 
ist, zweitens solche, in denen derselbe zwar ein anderer Laut 
ist, in denen aber dem Sonanten eine Konsonantenverbindung- 
mit Nasal oder Liquida vorangeht. In den letzteren mußte 
die Entwicklung die gleiche sein wie in der zweiten kleineren 
Gruppe der dritten Reihe (got. Part, hrukans zu brikan „brechen"). 
In den ersteren müßte man bei gleicher Behandlung Verlust 
einer Silbe erwarten. Die germanischen Formen des Part, wie 
got. haürans zu hairan aus *brronös vertreten wahrscheinlich 
eine Stufe, in der die Abschwäch ung weniger weit gegangen 
ist. In der fünften Klasse, in der auf den Sonanten der Wurzel 
einfacher Konsonant folgt, der nicht Nasal oder Liquida ist, 
hat das Part, e wie im Präs., was auf Ausgleichung beruhen 
kann. Über das e im Prät. der vierten und fünften Reihe 
vgl. § 57. 

Einbuße einer Silbe findet sich innerhalb der regelmäßigen 
starken Konjugation anscheinend nicht, wenn auch vielleicht 
versteckt, worüber weiter unten. Einen Rest solcher Einbuße 
haben wir aber in (sie) sind, Kouj. (ich) sei usw. gegenüber 
ist, vgl. lat. sunt, sim gegen est. Ferner ist Zahn, ahd. sand, 
got. tunjms --=■ lat. dens, griech. oöovq eigentlich Part, zu essen, 
got. itan = lat. edo. Daß auch in der Deklination solche Ab- 
stufung einmal vorbanden war, zeigt Knie, got. kniu gegen 
lat. gemi, griech. yövi\ 

Daß der Ablaut nicht auf die sogenannten Wurzelsilben 
beschränkt war, ist im Germ, noch deutlich erkennbar. In die 
Reihe e-o gehört der Auslaut der Stämme, die im Griech. und 
Lat. die zweite Deklination bilden, vgl. grieeh. Xvxog mit dem 
Vok. lvx£ oder ahd. tago-, taga- in Zuss. mit dem Gen. iage-s 
(got. dagis); ferner der sogenannte thematische Vokal (Binde- 
vokal) der Präsensstämme, vgl. griech. Ivete mit Xi-ovtl (att. 
IvovOl) oder got. hairip „ihr tragt" mit bairand „sie tragen". 
Auch die Tiefstufe mit Ausstoßung des Sonanten ist daneben 
vorhanden bei den «-Stämmen, deren Auslaut ursprünglich 
zwischen ei, oi und i wechselte, vgl. ansteis N. PI., anstdis 
G. Sg., anstim D. PI. von ansts (aus *anstis) „Gunst"; bei den 
«-Stämmen, deren Auslaut zwischen eu, ou und u wechselte, 



Erklärung der germ. Ablautsreihen. 49 

Vgl. got. sunjus N. PI. und suniwe G. PI., sunclus G. Sg., simiis 
N. Sg. ; bei den w- Stämmen, deren Auslaut zwischen en, on 
und n wechselte, vgl. got. abin D. Sg., ahan A. Sg., ahne G. PI. 
von aba „Mann". 

§ 56. Dem Wechsel zwischen e und o entsprach ein 
solcher zwischen e und ö, vgl. griech. Q?jy)^i\ai — tQQor/a. Auch 
dieser war in der germanischen starken Konjugation noch vor- 
handen, liegt aber nur noch im Got. vor bei Verben, welche 
die Reduplikation bewahrt haben, vgl. letan „lassen", Prät. 
lailot. Andere Belege: Part. a\i^. gitän, dazu tat, got. ga-de]).s 
— Inf. ahd. ^Mow, a\ts. dön\ sihd. räiva neben ruotva „Ruhe"; 
ahd. bläen „blähen" — bluomo = got. blöma „Blume". Als 
Tiefstufe dazu erscheint Schwa -Vokal, vgl. got. lats (ahd. la^, 
nhd. laß) zu Ictan ; ahd. bad (nhd. Bad) zu bäen (nhd. bähen). 

§ 57. In manchen Fällen erscheinen idg. e und ö oder 
eins von beiden neben e und o. Es liegt dann meistens eine 
Dehnung der letzteren vor, mitunter auch eine Kontraktion mit 
einem folgenden Vokal, vgl. griech. jccct/jq, jrcatQa, f:VjrdTC0Q, 
BvjtdroQa. Im Germ, ist e neben e (i) nicht selten, vgl. got. 
qens — qinö, beide in der Bedeutung „Weib"; ahä.bära „Bahre" 
zuberan „tragen"; ahd. ginämi „genehm" zu wmaw „nehmen". 
Aber das e im PI. Prät. der vierten und fünften Ablautsreihe 
ist sicher anders aufzufassen. Nach den sonstigen Analogien 
wäre hier Ausstoßung des Sonanten der Wurzelsilbe zu er- 
warten, also z. B. zu giban eine Wurzelgestalt gb. Es wird 
auch keine andere Erklärung möglich sein, als daß diese Stufe 
wirklich zugrunde liegt, und daß in dem ge von got, gebum 
die Reduplikationssilbe steckt, wobei freilich noch viele 
Schwierigkeiten übrigbleiben. 

§ 58. Außerdem besteht im Germ, noch ein verbreiteter 
und deutlicher Wechsel, der zwischen a und ö in der sechsten 
Ablautsreihe. Diese Reihe ist durch Zusammenfall und 
Mischung verschiedener idg. Reihen entstanden, indem ja germ, 
ö = idg. ä oder ö, germ. a = idg. a oder o oder Schwa -Vokal 
sein kann. In einigen Fällen ist der lange Vokal des Prät. 
als Grundvokal aufzufassen und das a des Präs. als Schwa- 
Vokal, der in der Tiefstufe (bei Betonung des thematischen 
Vokals) wie in der e-, ö- Reihe entstanden ist. Nach diesem 

Paul, Deutsclie Grammatik, Bd. 1. . 4 



50 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Muster seheinen sich andere Stämme gerichtet zu haben. Auf 
diese Weise begreift es sich auch, daß das Part, mit dem Präs. 
übereinstimmt. Das ö im PI. Prät. kann nur auf früher An- 
gleichung an den Sg. beruhen. 

§ 59. Im Idg. gab es wahrscheinlich auf der Hochstufe 
einen Wechsel zwischen a und o und zwischen ä und ö, der 
dem von e — o, e — o parallel war. Dieser mußte im Germ, 
durch den Zusammenfall von a und o schwinden. Daher konnte 
im Got. bei reduplizierenden Verben wie sJcdidan, stdutan 
(stoßen), haldan, höpan (sich rühmen) keine Verschiedenheit 
des Vokals zwischen Präs. und Sg. des Prät. bestehen. Die 
Tiefstufe zu den Wurzeln mit idg. a als Grundvokal ist selten, 
sie liegt aber z. B. vor in ahd. sc'idon schw. Verb, zu sceidan, 
wahrscheinlich in stutzen zu stoßen, got. stdutan. 

§ 60. Die reduplizierenden Verba des Got. zeigen im PI. 
des Prät. die gleiche Stufe wie im Sg. Dies kann nur Folge 
einer Angleichuug sein, da man nach der ursprünglichen Be- 
tonung Tiefstufe erwarten müßte. Diese Angleichuug wird auch 
nicht gemeingerm. sein, sondern nur got. oder ostgerm. Im 
Anord. liegt die zu erwartende Abstufung noch deutlich vor 
bei einigen vokalisch anlautenden Wörtern, vgl. j6k — juhim 
von aulca „vermehren" aus *eauh — ^euJcuni. Verschiedenheit 
zwischen Sg. und PI. zeigen im Anord. auch die Präterita von 
hlaupa, büa, hgggva. Die im Skand. und Westgerm, verbreiteten 
Präterita mit e, e oder eo (vgl. ahd. hiaz = alts. Mt zu liei^an, 
steo^ zu stö^an) lassen sich kaum aus den gotischen Formen 
ableiten. Es ist wahrscheinlicher, wenn auch noch Schwierig- 
keiten genug übrigbleiben, daß den Ausgangspunkt Plural- 
formen mit Tiefstufe gebildet haben. 

§ 61. Idg. i und u scheinen die Tiefstufen zu langen 
Sonanten mit folgendem oder vorangehendem i oder u gewesen 
zu sein, also z. B. l zu ei oder ie. So gehen die got. Feminina 
auf i, das aus i verkürzt sein muß, wie mawi „Mädchen", auf 
ursprüngliche ?c- Stämme zurück, die im Lat. die 5. Deklination 
bilden. Ebenso Tiefstufe zu ie ist das i im Opt. Prät., vgl. 
got. hercima, ahd. hänm „wir trügen" und im Opt. Präs. der 
Verba ohne thematischen Vokal, vgl. ahd. stm „wir seien". 
Im allgemeinen läßt sich aus dem Germ, die Entstehungsweise 



Erklärung der germ. Ablautsreihen. 51 

von i uud ü nicht mehr erkennen. Doch ist es klar, daß die 
Präsentia der 2. Ablautsreihe mit ü, wie ahd. sügan = nhd. 
saugen, auf Bildungen mit Betonung des thematischen Vokals 
zurückgehen. Auch in der 1. xVblautsreihe können sich ent- 
sprechende Bildungen befunden haben, die aber als solche nicht 
mehr zu erkennen sind, weil idg. i uud ei im Germ, zusammen- 
gefallen sind. 

§ 62. Die germanischen Ablautsreihen sind nicht schlecht- 
hin Fortsetzungen indogermanischer Eeihen. Konnten schon 
im Idg. manche Vokale verschiedenen Reihen angehören, so 
war das im Germ, nach dem vielfachen Znsammenfall ursprüng- 
lich verschiedener Vokale noch viel mehr der Fall. Dadurch 
aber war der Übertritt aus einer Klasse in eine andere er- 
möglicht uud hat auch nicht selten stattgefunden. Auf diese 
Weise konnten dann einige seltenere Abstufungen ganz in den 
geläufigen aufgehen. 

Anm. Noch nicht urgerm. war der Übertritt aus der dritten in die 
erste Klasse bei dem Verb, got.peihan, ahd. dihan „gedeihen". Im Ags. 
lautet das Verb. /je'on, lautlich dem got./iei/w« entsprechend, aber PI. Priit. 
pun^on, Part, ^epungen. Das beweist, daß wir für die Gestalt des Präs. 
die Stufen *penh, pivh, pih anzunehmen haben. Dieselbe Entwicklung 
liegt vor in got. preihan gegenüber unserem dringen, in dem sich das 
Präs. den übrigen Formen angepaßt hat, vgl. ags. ^re'on — prii7igo7i, ge- 
/jrungen. Auf entsprechende Weise sind frühere Übergänge erfolgt. So 
ist bei manchen Verben der dritten Klasse das i des Präs. = idg, i 
als Tiefstufe der ersten Ablautsreihe, z. B. in schivinden , ahd. suintan, 
woueben ahd. suinan, noch mhd. sicinen. Die Wurzelvokale der Verba 
fahren, graben, mahlen (ahd. malan — Prät. muol) gehüren nach Ausweis 
der verwandten Sprachen ursprünglich in die Ablautsreihe e — o ; daher 
auch noch das n in Furt und grübeln, ahd. grubilön. 

§ 63. In allen germanischen Sprachen haben die un- 
betonten Silben Vokalausstoßungen und Vokalverkürzungen er- 
fahren. In bezug auf die ersteren gehen die drei Hauptgruppen 
ihre besonderen Wege, wenn sie auch vielfach im Ergebnis 
zusammentreffen. Dagegen hat sieh die älteste Verkürzung 
wohl in allen gleichmäßig vollzogen, freilich im Got. nach, im 
Nord- und Westgerm, vor der ältesten Ausstoßung. Dadurch 
ist im Auslaut urgerm. ö = idg. ä oder ö wahrscheinlich 
zunächst zu o geworden, das im Got. zu a, im Nord- und 
Westgerm, zu u geworden ist, vgl. N. Sg.: got. giba (Gabe), 



52 1, 1. Stellang des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

SigB.^iefu, anord. gjgf(aus *gedu) N. PL N.: got, waürda (Worte), 
alts. Word, woneben noch fatii (Fässer); 1. Sg. Ind. Präs.: got. 
giba (ich gebe), alid. gibu; N. Sg. der männlichen w- Stämme: 
got. Jiana (Hahn). Ferner urgerm. i = idg. t zu i, vgl. got. 
gebi (er gäbe) gegen gebeis (du gäbest), gebeima (wir gäben) usw.; 
N. Sg. einer Gruppe der weiblichen ^a- Stämme (eigentlich je- 
Stämme): maivi (Mädchen). Bestimmte Fälle sind ausgenommen, 
vgl. G. PL sämtlicher Nomina: got. dage, gibö usw.; N. Sg. der 
weiblichen dw-Stämme: got. tuggö (Zunge), auch der männlichen 
w- Stämme im Westgerm.: ahd. hano, dem im got. Vianö ent- 
sprechen müßte; N. Sg. der weiblichen In-Stämme: got. managei 
(Menge); Adverbia wie galeiJw (gleich). Zweierlei Erklärungen 
sind aufgestellt. Nach der einen (von Leskien herrührenden) 
hätte ein ursprünglich folgender Nasal, der Nasalierung des 
Vokals hinterlassen hätte, die Verkürzung verhindert, nach der 
anderen ein eigentümlicher Silbenton (Zirkumflex). 



Deklination. 

§ 64. Das Deklinationssystem des Germ, zeigt gegenüber 
dem idg. eine erhebliche Verminderung des Formenreichtums. 
Von den drei Numeri hat sich der Dual nur beim Pron. der 
ersten und zweiten Person erhalten, außerdem in vereinzelten 
Resten, in denen die Dualfunktion nicht mehr deutlich ist. 
Kasus hatte das Idg. acht, wenn man den Vok. mitzählt, näm- 
lich außer den im Lat. vorliegenden einen Lokativ, der 
eigentlich auch noch im Lat. vorhanden ist {domi usw.), und 
einen Instrumentalis, den man vielleicht richtiger Soziativus 
nennen würde, indem er wahrscheinlich ursprünglich die Be- 
gleitung und erst weiterhin das Werkzeug, das Mittel bezeichnete. 
Allerdings waren diese acht Kasus schon im Idg. nicht durch- 
weg geschieden. Für das Neutrum galt die aus der griech. 
und lat. Schulgrammatik bekannte Regel von der Gleichheit 
der drei Kasus: Nom., Akk., Vok. Ein besonderer Vok. be- 
stand nur im Sg. Ein AbL Sg. wurde vielleicht ursprünglich 
wie im Aind. nur von den o -Stämmen gebildet, während bei 
den übrigen der Gen. die Funktion des Abi. mit versah. Im 
PL hatten Dat. und AbL die gleiche Form. Im Dual waren 
die Kasus noch weniger auseinandergehalten. Ein gewisser 



Auslautgesetze. Deklination. 53 

Ansatz zur Kasusvermischung war also schon in den idg. Ver- 
hältnissen gegeben. Die weitere Reduktion im Germ, erfolgte 
zum Teil durch lautlichen Zusammenfall, zum größeren Teil 
aber durch Übergreifen eines Kasus in die Funktion eines 
anderen, wodurch mehrere gleichwertige Formen entstanden, 
von denen allmählich die einen als liberflüssig ausgeschieden 
wurden. Die Herabsetzung der Zahl auf vier war noch nicht 
urgerm. Das Got. unterscheidet noch den Vok. Sg. vom Nom., 
soweit der letztere auf s ausgeht (skalk gegen skalls), ein 
Unterschied, der im Westgerm, durch den Abfall des s getilgt 
werden mußte. Die vier Kasus Dat., Lok., Abi., Instr. sind 
nicht gleich wie in der jetzigen Sprache in einen zusammen- 
gefallen. Wir finden daneben im Sg. noch Reste eines Instr., 
die sieh erst allmählich verloren haben. Die zuletzt übrig- 
gebliebene Form, welche die Funktionen der vier idg. Kasus 
in sich vereinigt, bezeichnet man als Dat., sie entspricht aber 
im Sg. zumeist dem Lok. und im PI. dem Instr. des Idg. 

§ 65. Eine Tendenz zur Vereinfachung zeigt sich auch in 
bezug auf die Flexionsklassen der Substantiva. Solche Klassen 
unterscheidet man in den idg. Sprachen nach dem Auslaut des 
Stammes. So macht man gewöhnlich die beiden Haupt- 
abteilungen vokalische und konsonantische Deklination, unter- 
scheidet weiter o-, «-Deklination usw. Hierbei ist zu bemerken, 
daß die i- und die «-Deklination konsequenterweise der 
konsonantischen zugerechnet werden muß (vgl. § 42). Dem 
entspricht auch ursprünglich die Flexion der i- und M-Stämme, 
was sich auch darin kundgibt, daß sie in der griechischen 
Schulgrammatik mit den übrigen konsonantischen Stämmen in 
die dritte Deklination eingeordnet sind. Im Lat. sind wenigstens 
die 2-Stämme in der dritten Deklination untergebracht, während 
für die «-Stämme eine besondere vierte angesetzt ist. Im 
Germ, allerdings haben die i- und die z<-Deklination eine Ent- 
wicklung genommen, durch die sie der vokalischen näher 
gerückt sind. 

§ Qd. Von Hause aus war wohl die idg. Flexion eine im 
wesentlichen einheitliche, so daß die nämlichen Kasussuffixe 
an die verschiedenartigen Stämme antraten. Doch hatte von 
Anfang an das Neutrum eine besondere Stellung in den drei 



54 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

gleichen Kasus. Ferner gab es für manche Kasus mehrere 
Bildungsweisen, die sich dann auf die verschiedenen Stämme 
verteilten, so z. B. im N. Sg. Bildungen mit und ohne s (vgl. 
lat. liortus, ars — mensa, pafer). Ferner beeinflußte der Akzent 
die Gestalt der Stammformen wie der Suffixe. Es gab Wörter 
mit festem und mit wechselndem Akzent, daher auch solche 
mit fester und mit wechselnder Stammform. Endlich traten 
auch schon Kontraktionen des vokalischen Stammauslauts mit 
dem Suffixvokal ein. So war also auch schon die idg. Flexion 
vor der Sprachspaltung mannigfach differenziert. 

§ 67. Im Germ, sind die durch wenige Wörter vertretenen 
Flexionsklassen im allgemeinen durch die von Anfang an 
häufigeren und regelmäßigen aufgesogen. Gut behauptet hat sich 
die der zweiten griech. und lat. entsprechende o- Flexion i) (ge- 
nauer e-, o-Flexion), Maskulina und Neutra umfassend, wobei sieh 
die Jo-Flexion als eine besondere Unterabteilung abhebt. Ferner 
die der ersten griech. und lat. entsprechende ä- Flexion'), nur 
Feminina umfassend. Mit den ^«-Stämmen in nahe Berührung 
getreten sind die ursprünglichen j/e- Stämme, die im Lat. die 
fünfte Deklination bilden. Auch die «-Deklination hat sieb 
gut behauptet, wobei eine Spaltung zwischen Maskulinis und 
Femininis eingetreten ist, indem die ersteren sich der ö-Dekli- 
nation genähert haben. Die weniger zahlreichen «t-Stärame 
hatten ihre Eigenart im Urgerm. noch gut bewahrt und sind 
erst durch jüngere Entwicklung in der i- und o- Deklination 
aufgegangen. Von den sonstigen kongonantischen Stämmen 
haben sich die mehrsilbigen auf n (vgl. lat. Jiomo, ratio) dauernd 
behauptet und sogar andere, namentlich Feminina in ihre 
Analogie hinübergezogen. Im übrigen ist die konsonantische 
Deklination schon im Urgerm. im Verfall begriffen, der dann 
in den einzelnen Dialekten immer weiter geht. Die Flexion 
der mehrsilbigen m- Stämme bezeichnet J. Grimm als schwach, 
die der übrigen als stark. Wenn nun auch die Erwägungen, 
auf die Grimm diese Unterscheidung gründete, sich vom idg. 



') Von Germanisten wird vielfach die o-Deklination als a-Deklination, 
und die ä- Deklination als ö- Deklination bezeichnet Da aber diese Be- 
zeichnungen auch vom germ. Standpunkt aus nicht ganz zutreffen, scheint 
es mir zweckmäßiger, die vom idg. Standpunkt aus gewählten beizubehalten. 



Deklination. 55 

Standpunkte aus als nicht stichhaltig erweisen, so muß doch 
zugegeben werden, daß vom germ. Standpunkte aus die Ein- 
teilung zweckmäßig ist und einer in die Augen fallenden Ver- 
schiedenheit entspricht. 

§ 68. Noch eigenartiger hat sich im Germ, die Flexion 
der Adjektiva entwickelt. Im Idg. war dieselbe von der der 
Substantiva nicht verschieden, nur daß an dem Adj. der Unter- 
schied der drei Geschlechter ausgeprägt w^ar. Im Germ, haben 
sieh zwei verschiedene Arten der Deklination herausgebildet, 
die von Grimm als die starke und die schwache bezeichnet 
werden. Das Adj. hat ihm wohl die erste Veranlassung zu 
dieser Unterscheidung gegeben. Die starke Adjektivflexion ist 
dadurch entstanden, daß die ursprünglichen Formen zu einem 
großen Teile durch solche ersetzt sind, die nach Analogie der 
Pronomina gebildet sind, insbesondere des Dem., aus dem der 
Artikel entwickelt ist. Ansätze dazu finden sich auch in anderen 
Sprachen. Es gibt infolge davon Formen, die noch nach der 
ursprünglichen Art mit den substantivischen übereinstimmen 
(vgl. N. Sg. M.: got. blinds = dags), unter denen sich einige 
auch nicht von den pronominalen unterscheiden (vgl. G. Sg. M. 
u. N.: got. hlindis = dagis = J)is), und Formen, die nur zu den 
pronominalen stimmen (vgl. D. Sg. M. u. N.: got. blindamma = 
])amma gegen daga). Die alten Formen sind nicht immer durch 
die neuen ganz verdrängt (vgl. N. Sg. N.: got. Wind wie icaürd 
und blindata wie pata). Das Schlußergebnis ist nicht in allen 
Dialekten ganz das gleiche (vgl. D. Sg. F.: got. hlinddi wie gihdi 
gegen ahd. hlinteru wie dem). Das schwache Adj. war ur- 
sprünglich ein abgeleitetes Subst, wie es auch in anderen 
Sprachen gebildet wurde, vgl. griech. otQaßcor „Schieler" zu 
OTQccriö^ „schielend". Aber nur dem Germ, eigen ist es, daß 
diese Bildungen daneben auch adjektivische Funktion entwickelt 
haben. Im allgemeinen konnte im Urgerm. jedes Adj. stark 
und schwach flektiert werden, doch gab es auch einige, denen 
nur eins von beiden zukam. 

Außerdem ist die Tendenz zur Vereinfachung beim Adj. 
noch stärker gewesen als beim Subst. Für M. und N. ist die 
ö-Deklinatiou zur Alleinherrschaft gelangt, wobei die _yo-Dekli- 
nation eine besondere Abart bildete. Beim F. herrschte von 
Anfang an die «-Deklination. Bei den o- Stämmen wurde das 



56 I, 1. Stellung des Germ, inuerhalb der idg. Sprachen. 

des Stammauslautes im F. durch ä ersetzt, bei den kon- 
sonantischen Stämmen, die i- und ^<- Stämme eingeschlossen, 
wurde das F., soweit es vom M. unterschieden wurde, mit 
Suffix ja- gebildet. Durch Angleichung an das F. sind gemein- 
germ. die i- und w-Stämme im M. und N. der Flexion der jo- 
Stämme gefolgt bis auf den N. Sg. des M. und den N. A. Sg. 
des N., soweit letzterer nicht pronominal gebildet ist, vgl. got. 
Jirdins — hrdinjamma, hardus, hardu — liardjata, hardjanima. 
Durch die W.eiterentwicklung ist dann auch die im Got. noch 
bewahrte DiflFerenz zwischen dem N. Sg. und den übrigen Kasus 
ausgeglichen, so daß die meisten i- und m- Stämme zu jo- 
Stämmen, einige zu reinen o- Stämmen geworden sind. Auf 
analoge Weise sind die Partizipia Präs. (w^Stämme) im Skand. 
und Westgerm, zu ^"o- Stämmen geworden. Eine andere Art 
konsonantischer Flexion, die der Komparative (s- Stämme) ist 
dadurch verschwunden, daß für diese die schwache Flexion 
zur Alleinherrschaft gelangt ist. 

§ 69. Was die Flexion der Pronomina betrifft, so hat 
sich die des geschlechtslosen Pron. {ich, du, sich), wie in anderen 
Sprachfamilien, so auch im Germ, besonders eigenartig ent- 
wickelt, während die des geschlechtlichen im wesentlichen eine 
Fortsetzung der idg. ist. 

In bezug auf Zahlwörter ist als eine Eigenheit hervor- 
zuheben, daß die für 4 — 12, wo sie für sich, nicht neben einem 
Subst. stehen, die Flexion der substantivischen i- Stämme an- 
genommen haben. Wenigstens stimmen darin das Got. und das 
Westgerm, überein. 

Konjugation. 

§ 70. Beim Verb, ist der ursprüngliche Formenreichtum 
des Idg , wie er im Griech. vorliegt, noch viel mehr zusammen- 
geschmolzen als beim Nomen. Die Tempora sind auf zwei 
eingeschränkt, Präsens und Präteritum. Das letztere entspricht 
in der starken Konjugation dem ursprünglichen Perf. (dem Perf. 
secundum des Griech.). Der Ursprung des schwachen Prät. 
ist streitig, aber seine ursprüngliche Flexionsweise entspricht 
der eines Aorists oder Imperfektums Von den ursprünglichen 
Modi ist der Konjunktiv untergegangen. Unser sogenannter 



Deklination. Konjugation. 57 

Konj. entspricht dem ursprünglichen Opt. Ein Imperativ wird 
nur vom Präs. gebildet. Ein Medium, zugleich mit der Funktion 
des Pass. war im Urgerm. noch vorhanden, aber schon im 
Verfall begriffen. Nur das Got. hat dasselbe noch, und zwar 
nur Präsensformen. Auch ein Dual liegt im Got. noch vor und 
ist erst später geschwunden. Ein Inf. wird nur zum Präs. 
gebildet, und zwar in einer nur dem Germ, eigenen Weise. 
Das Part. Präs. ist erhalten, dagegen das Part. Perf. nur in 
Resten, die als solche nicht mehr empfunden werden (vgl. 
got. herusjös „Eltern", eigentlich „geboren habende"). Dagegen 
hat sich ein Verbaladj. eng an das Konjugationssystem an- 
geschlossen, das man nicht ganz passend als Part. Perf. zu 
bezeichnen pflegt. 

§ 71. Ebenso zeigt sich eine starke Tendenz zur Ver- 
einfachung der großen Mannigfaltigkeit der Bildungsweisen. 
So zunächst im folgenden. Der ans der griech. Schulgrammatik 
bekannte Unterschied der Verba auf -co und der auf -iti war 
schon idg. Er zeigt sieh nicht bloß in der Bildung der 1. Sg. 
Ind. Präs., sondern das allgemeinere Charakteristikum der Verba 
auf -oj ist, daß der allen Formen des Präs. zugrunde liegende 
Stamm im Auslaut den sogenannten thematischen Vokal ent- 
hält (e — 0, vgl. § 55). Im Germ, ist die Präsensbildung ohne 
thematischen Vokal nur bei wenigen, besonders häufigen Verben 
erhalten geblieben, wenigstens wenn wir absehen von der 2. 
und 3. sehw. Konjugation im Ahd. Die regelmäßige Konjugation, 
die starke wie die schwache, zeigt die Verallgemeinerung des 
Präs. mit thematischem Vokal. 

§ 72. In der st. Konjugation ist die Bildungsweise des 
Prät. (Perf.) aus der Grundsprache überkommen. Charakteristisch 
aber für das Germ, ist die gute Erhaltung des Ablauts einer- 
seits und die Beseitigung der Reduplikation anderseits. Grimm 
unterschied zwischen ablautenden und reduplizierenden starken 
Verben. Diese Unterscheidung trifft aber auch nicht einmal 
für das Got. zu, da es in dieser Sprache auch Verba gibt, die 
Ablaut mit Reduplikation verbinden. Und ursprünglich ist 
jedenfalls die Reduplikation das eigentliche Charakteristikum 
des Perf. gewesen, dem sich der Ablaut nur zufällig beigesellt 
hat. Nur soviel können wir sagen, daß Gleichheit des Wurzel- 



58 I, 1. Stellung des Germ, innerhalb der idg. Sprachen. 

Vokals mit dem des Präs. Bewahrung der Reduplikation, Ver- 
schiedenheit die Beseitigung begünstigt hat, weil ^ine Art der 
Charakterisierung genügte. Wie im einzelnen die Beseitigung 
der Reduplikation in den Grimmschen sechs Klassen vor sieh 
gegangen ist, läßt sich kaum ausmachen, zumal da über die 
Verhältnisse im Idg. noch manche Zweifel obwalten. Wenn 
die in § 57 berührte Vermutung über das e im PI. der vierten 
und fünften Klasse richtig ist, so würde dort eigentlich eine 
verdeckte Bewahrung der Reduplikationssilbe vorliegen. Von 
den Verben, die im Got. die Reduplikation bewahrt haben, 
zeigen einige auch im Anord., Ags. und Ahd. noch deutliche 
Spuren derselben, wenn auch teilweise mit Umbildungen, Auch 
die gewöhnlichen Formen mit scheinbarer Modifikation der 
Wurzelsilbe (vgl. ahd. riat, steo^ usw.) sind jedenfalls nicht 
durch Abfall der Reduplikationssilbe entstanden, sondern die- 
selbe wird in ihnen noch verdeckt erhalten sein. 

§ 73, Die Präsensbildung war ursprünglich eine mannig- 
fache wie im Griech. Die einfachste Bildung, bei der das 
Präs. nur durch den thematischen Vokal charakterisiert ist 
(vgl. griech. (psgco, lat. /ero), hat im Germ, die komplizierteren 
stark zurückgedrängt. Doch sind Reste derselben zurück- 
geblieben. Bildungen mit Suffix -jo (vgl. lat, capto) noch 
ziemlieh zahlreich, z, B, got, hafja (ich hebe) — Prät, ]idf\ 
mit Suffix -710 (vgl, griech. dfixiw): got. fraiJma (ich frage) — 
Prät. /ra/i; mit Suffix -n^'o: Sihä.. yhmaJiannu — Viät giuimog; 
mit infigiertem Nasal (vgl. lat. tundo): got, standa (ich stehe) 
— Prät. siö]). Aber überwiegend sind die Abweichungen vom 
Normalen schon im Urgerm. beseitigt, eine Entwicklung, die 
sich dann in den Einzelsprachen noch weiter fortsetzt. Es 
sind dadurch die Verschiedenheiten zwischen Präs, einerseits 
und Prät. und Part, anderseits eingeschränkt. Dabei ist also das 
besondere Präsenssuffix vielfach durch den bloßen thematischen 
Vokal ersetzt. In anderen Fällen ist aber auch umgekehrt 
ein Element, das ursprünglich nur dem Präs. angehörte, in 
das Prät. und Part, gedrungen. So gehört das n von Verben 
wie got. skeinan (scheinen) ursprünglich nur dem Präsens- 
stamme an; desgleichen das t von Verben wie ahd, flehtan 
(flechten), das sk von Verben wie got, J)nsMn (dreschen). 
Doppelnasal ist in manchen Verben (z. B. in rinnan) aus 



Konjugation. 59 

nv (nu) entstanden, und das v gehörte ursprünglich nur dem 
Präsensstamme an. 

§ 74. Für das Germ, besonders charakteristisch ist die 
Bildung des sogenannten sehwachen Prät. mit Hilfe eines 
Dentalsuffixes. Zur Entstehung dieses Prät. haben vielleicht 
verschiedene Faktoren zusammengewirkt. Dafür spricht auch, 
daß dem Dental in einigen Fällen idg. dh zugrunde zu liegen 
seheint (vgl. alts. hahda zu hahen), in anderen idg. t (oder th) 
(vgl. got.])ähta zu paglxjan), während in den meisten beides 
möglich ist. Früher war die herrschende Ansicht, die besonders 
durch die gotischen Formen begünstigt wurde, daß eine 
Zusammensetzung mit dem Prät. des Verbums tun vorliege, 
wobei also der Dental auf idg. dh zurückgeführt wurde. Dabei 
bleiben mehrere Schwierigkeiten. Aber der Versuch das Prät. 
aus dem Part, abzuleiten, wobei der Dental auf idg. t zurück- 
geführt wurde, kann nicht als geglückt betrachtet werden. 
Beziehungen zwischen Prät. und Part, sind allerdings vorhanden, 
aber erst sekundären Ursprungs. Sie zeigen sich schon darin, 
daß in der schwachen Konjugation nicht wie in der starken 
das Verbaladj. auf -wo-, sondern das auf -to- als Part, an- 
gegliedert ist. Und diese Beziehung hat weiter gewirkt. Für 
die ursprüngliche Entstehung des schw. Prät. aber werden noch 
andere Momente in Betracht kommen, wenn auch die darüber 
aufgestellten Vermutungen noch nicht vollständig befriedigen 
können. 

Auch die verschiedenen Klassen der sehw.Verba haben sich 
im Germ, eigentümlich gestaltet, wenn auch auf idg. Grundlage. 
In der ersten Klasse (vgl. ^oi.nasjan „retten" = nähren) ging der 
Präsensstamm auf -jo- {-je-) aus. Es sind darin Verba zusammen- 
gefallen, in denen sich -jo- unmittelbar an einen Konsonanten 
anschloß und solche, in denen ein i =^ idg. e vorherging. Keste 
der Scheidung zeigen sich noch im Got. Das Prät. und Part, 
enthält gewöhnlich ein /, das auf idg. e zurückgehen kann 
(vgl. got. nasida, nasijjs), aber eine Anzahl von Verben bildet 
das Prät. ohne i (vgl.gotjjaglija — Jjähta, ])ä}its). Die zweite 
Klasse entspricht der lat. ersten Konjugation und den griechischen 
Verben auf -cao. Der Auslaut des Verbalstammes ist -o = idg. «, 
daher Prät. und Part: got. sa2b6-da, salbo-ps. Im Präs. bestand 
eine Erweiterung durch Suffix -jo-, die im Ags. am deutlichsten 



60 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

vorliegt, vgl. den Inf. sealfian, dem ein gotisches ^salhö-jan 
entsprechen würde; die abweichenden Formen 2., 3. Sg. Ind. 
und 2. Sg. Imp. sealfas, sealfaä, sealfa sind jedenfalls auf *sal- 
dö{j)is usw. zurückzuführen mit früher Ausstoßung des j und 
nachfolgender Kontraktion. Die einfacheren Präsensformen got- 
ahd. salbon usw. ließen sich aus dieser Grundlage durch Ver- 
allgemeinerung ableiten. Doch kann es sein, daß von Anfang 
an auch Formen ohne die Erweiterung durch -jo- bestanden 
haben, die dann des Themavokals entbehrt hätten, weshalb die 
1. Sg. Ind. auf -nii ausgegangen wäre. Dazu stimmt, daß dieselbe 
im Ahd. und Alts, abweichend von den übrigen Dialekten auf 
-m (-w) ausgeht. Ahnliche Verhältnisse scheinen in der dritten 
Klasse bestanden zu haben, die der lat. zweiten Konjugation 
und den griech. Verben auf -t'co entspricht (vgl. got. hdban, 
ahd. haben). Im Prät. und Part, scheint wenigstens ein Teil der 
hierher gehörigen Verba ursprünglich keinen Mittelvokal gehabt 
zu haben (vgl. alts. Jiahda, sagda, libda). In den ahd. Formen 
auf -eta, -et könnte e den ursprünglichen Auslaut des Verbal- 
stammes vertreten (vgl. lat. dele-vi, dele-tus)\ es könnte aber 
auch dem got. -dida, -dips entsprechen, worin das di jedenfalls 
erst auf sekundärer Entwicklung beruht. 

§ 75. Charakteristisch für das Germ, ist auch die Aus- 
bildung einer Anzahl sogenannter Präteritopräsentia. Es sind 
Perfekta, die als Resultatsbezeichnuugen präsentische Bedeutung 
angenommen haben, während das ursprüngliche Präs. unter- 
gegangen ist. Es gibt deren auch in anderen idg. Sprachen, 
und eins, got. tvdit (ich weiß) = griech. olöa ist als uridg. 
anzusetzen. Aber dem Germ, eigen ist es, daß sich dazu noch 
eine ziemliehe Anzahl anderer Verba gesellt haben, und daß 
zu denselben ein neues Dentalprät. wie in der schw. Kon- 
jugation gebildet ist. 



Kap. 2. Gliederung* der germanischen Sprachen. 

§ 76. Die germanischen Sprachen gliedern sich zunächst 
in drei Hauptgruppen, die wir als nordgerm. (nordisch, skan- 
dinavisch), ostgerm. und westgerm. bezeichnen. Von den ost- 
germanischen Dialekten ist uns nur das Got, speziell das 



' Nord-, Ost- nnd Westgermanisch. 61 

Weatgot. durch zusammenhängende Texte genauer bekannt. 
Man rechnet außerdem zu den Ostgermauen die Gepiden, 
Vandalen, Rugier, Turcilingen, Sciren, in der Regel auch die 
Burgunden und Bastarnen. Aber nur zum Teil läßt sich die Zu- 
sammengehörigkeit dieser Stämme nach sprachliehen Kriterien 
bestimmen, zum Teil wird sie durch geschichtliche Zeugnisse 
gestutzt, zum Teil nur auf Grund ihrer ursprünglichen Wohnsitze 
angenommen. Zu den Westgermanen gehören die Stämme, die 
von Anfang unserer Überlieferung in dem heutigen Deutschland 
angesiedelt waren, aus denen die Deutschen, Niederländer, 
Friesen und Engländer hervorgegangen sind, von denen aber 
auch ein Teil romanisiert ist. 

§ 77. Statt der hier angesetzten Dreiteilung wird auch 
eine ursprüngliche Zweiteilung angenommen, indem nord- und 
ostgerman. zu einer Gruppe zusammengefaßt werden, für die 
dann die gemeinsame Bezeichnung ostgerm. gewählt wird. Diese 
Anschauung ist in Deutschland besonders von Müllenhoif und 
Scherer vertreten. Die Beweise dafür hat Zimmer zusammen- 
zufassen versucht (Zs. fdA. 19, 393). Seine Aufzählung der Ver- 
schiedenheiten zwischen westgerm. und ostgerm. im weiteren 
Sinne läßt sich noch vervollständigen. Aber diese beweisen 
im allgemeinen nur die nähere Zusammengehörigkeit der west- 
germanischen Stämme, keine Verwandtschaft der Ostgermanen 
im engeren Sinne mit den Nordgermanen. Denn eine solche 
Verwandtschaft läßt sich nicht auf die Übereinstimmung in 
Bewahrung des Ursprünglichen gründen, sondern nur auf ge- 
meinsame Neuerungen. Nur eine solche dem Nord- und Ost- 
germ. gemeinsame Neuerung hat Zimmer beigebracht, die Ver- 
wandlung von geminiertem w in ggiv, vgl. got. triggws, anord. 
trijggr (Akk. tryggvan) = ahd. gatriimi „getreu". Dazu können 
wir noch einen nur durch wenige Fälle vertretenen analogen 
Wandel von geminiertem i stellen, das im Anord. als ggj, im 
Got. allerdings etwas abweichend als ddj erscheint, vgl. got. 
twaddje, anord. tveggja = ahd. ziveiio „zweier" G. PI. Ferner 
hat Sievers auf eine Verschiedenheit der Silbentrennung hin- 
gewiesen. Wo iii zwischen Vokalen stand, wurden ursprünglich 
beide konsonantischen Vokale mit dem folgenden Sonanten zu 
einer Silbe verbunden, vgl. aind. na-vyas „neu", wo die Schreibung 
über die Silbentrennung keinen Zweifel läßt. Im Westgerm. 



62 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

hat sich die SilbeEgrenze lange behauptet; infolgedessen hat 
i das u wie jeden anderen Konsonanten verdoppelt und ist 
dann geschwunden, so daß u-w entstanden ist. Im Ost- und 
Nordgerm, dagegen ist u mit dem vorhergehenden Vokal zum 
Diphthongen verbunden, vgl. got. niujana „neuen" Akk. Sg., 
anord. mjjan = ahd. niu-wan. Anord. ey, Gen. eyjar „Insel"' 
entspricht unserem Aue, ahd. ouue, d. i, ou-we, dessen ursprüng- 
liche Form in Scadinavia, Batavia überliefert ist; im Got 
fehlt das Wort, kann aber nach sonstigen Analogien mit 
Sicherheit als *am, Gen. *diijös angesetzt werden. 

Das sind die Momente, auf die sich die Annahme stützen 
kann, daß in alter Zeit eine nähere Berührung zwischen Nord- 
germaneu und Ostgermanen stattgefunden hat. Dagegen 
scheidet sich das Skand. entschieden vom Got. und geht mit 
dem Westgerm, zusammen in der Wandlung des idg. e zu ä. 
In der jüngeren Entwicklung zeigen sich noch weitere Be- 
rührungspunkte zwischen Skand. und Westgerm., der Wandel 
von ^ in r, der «-Umlaut, der Ersatz der Reduplikation durch 
Vokalwechsel. Von den letzteren Vorgängen können wir frei- 
lich nicht wissen, ob sie sich nicht auch über ostgerm. Dialekte 
erstreckt hätten, wenn diese sich lange genug in der Nachbar- 
schaft von nord- oder westgerm. Sprachen erhalten hätten. 
Die ganze Vergleichung wird überhaupt dadurch mißlich, daß 
uns das Ostgerm, vollständiger nur auf der Stufe vorliegt, die 
es im 4. Jahrhundert erreicht hat, aus späterer Zeit nur in 
schwachen Trümmern, während umgekehrt die zusammen- 
hängenden Denkmäler des Westgerm, und Nordgerm, erst viel 
später beginnen und von den früheren Entwicklungsstufen nur 
geringe Reste bewahrt sind. Es ist daher auch nicht aus- 
geschlossen, daß manche von den Eigenheiten, . die wir jetzt 
als gemeinwestgerm. erkennen, auch von ostgermanischen 
Stämmen wirklich geteilt sind oder unter anderen geschicht- 
lichen Bedingungen hätten geteilt werden können. 



Ostgermanisch. 

§ 78. Unsere Kenntnis des Ostgermanischen beruht im 
wesentlichen auf den uns erhaltenen Teilen der Bibelübersetzung 
des Ulfilas und den Bruchstücken einer Erklärung des Evan- 



Ostgermanisch. 63 

geliums Joliaimis, die man als Skeireins zu bezeichnen pflegt. 
Diese Denkmäler liegen uns in Handschriften des G. Jahr- 
hunderts vor. Der Text ist darin durch Nachlässigkeit und 
durch absichtliche Bearbeitung au manchen Stellen verändert. 
Doch ist in der Hauptsache der Sprachcharakter des 4. Jahr- 
hunderts bewahrt. Dazu kommen einige kleine Aufzeichnungen 
aus späterer Zeit, sowie das bei griechischen und lateinischen 
Schriftstellern überlieferte, fast nur aus Eigennamen bestehende 
Material. Solches liegt auch von anderen ostgevmanischen 
Stämmen vor. Für die Grammatik ist daraus nicht sehr viel zu 
gewinnen. Noch weniger aus einigen kurzen Runeninsehriften. 
Es läßt sich auch nicht feststellen, wieweit das Gotische des 
Ulfilas als gemeinostgerm. betrachtet werden kann. 

Anm. Die zuverlässigste kritische Ausgabe der gotischen Texte 
ist die von W. Streitberg, „Die gotische Bibel", Heidelberg 1908. 1910. 
Von besonderen grammatischen Darstellungen des Got. sind jetzt die 
maßgebenden: Braune, „Gotische Grammatik", Halle ISSO. 81912 und 
Streitberg, „Gotisches Elementarbuch", Heidelberg 1897. S-^IQIO. Eine 
knappe Darstellung, die zur ersten Einführung in die germanische Sprach- 
wissenschaft bestimmt ist, gibt Kluge, „Die Elemente des Gotischen", 
Straßburg 1911 (Grnndr. d. germ. Phil.-M). Vgl. außerdem die „Geschichte 
der got. Sprache" im Gruudr. d. germ. Phil., in der 1. Aufl. von Sievers 
(I, 407), in der '2. Aufl. von Kluge (I, 497). Das Wortmaterial der griech. 
und lat. Schriftsteller ist in folgenden Schriften behandelt: Wrede, „Über 
die Sprache der Ostgoten in Italien" (QF. 68), Straßburg 1S91. Ders., 
„Über die Sprache der Wandalen" (QF. 59), Straßburg 18Sö. W. Wacker- 
nagel, „Sprache und Sprachdenkmale der Burguuden" (Kl. Sehr. 3, 334). 
Kögel, „Die Stellung des Burgundischen innerhalb der germ. Sprachen" 
(Zs. fdA. 37, 223). Die Ostgermanen sind frühzeitig in anderen Völkern 
aufgegangen, allerdings nicht ohne Spuren in deren Sprache zu hinter- 
lassen. Nur in der Krim hat ein kleiner Rest seine Sprache wenigstens 
bis über die Mitte des 10. Jahrhunderts bewahrt. Über diese hat der 
Holländer Busbeck Aufzeichnungen hinterlassen. Am ausführlichsten hat 
darüber gehandelt Loewe, „Die Reste der Germanen am schwarzen Meere", 
Halle 1896. 

§79. Aussprache. Ulfilas hat sich eines besonderen 
Alphabets bedient, dem im wesentlichen das Griechische zu- 
grunde liegt. In den neueren Ausgaben und Grammatiken 
umschreibt man dasselbe durch lateinische Zeichen. Es hat 
sich dafür ein festes Herkommen gebildet, doch nicht ohne 
einige Schwankungen. Man darf aber nicht ohne weiteres mit 
den lateinischen Buchstaben den uns geläufigen Lautwert ver- 



64 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

binden. Für die Konsonanten ist besonders folgendes zu be- 
merken. Der velar-palatale Nasal wird im Anschluß an das 
Griech. durch g wiedergegeben, vgl. laggs = nhd. lang, s 
bezeichnet immer einen harten (tonlosen) Laut, für den weichen 
(tönenden) wird ^ verwendet, h ist im Silbenanlaut vielleicht 
schon wie unser h gesprochen, aber nach dem Sonanten der 
Silbe wie unser eh. p bezeichnet den in § 18 beschriebenen 
Reibelaut, b und d sind nach Vokal als weiche Reibelaute 
zu sprechen (=-- urgerm. d, et), wie sich aus dem Wechsel mit 
f und ]) ergibt (vgl. unten). Ein entsprechender Wechsel 
zwischen g und h findet nicht statt ; man hat daraus geschlossen, 
daß g überall als Verschlußlaut zu sprechen ist, was freilich 
auffallend wäre, da sich in anderen germanischen Sprachen 
gerade der velare Reibelaut besonders gut behauptet. Die 
dem idg. und urgerm. i und u entsprechenden Laute werden 
jetzt durch j und iv (früher v) bezeichnet; manche Umstände 
sprechen dafür, daß w im Got. schon Reibelaut gewesen ist 
wie in unserer Schriftsprache. Für die Verbindungen kw und 
hw werden im gotischen Alphabet einfache Zeichen angewendet. 
Schon lange ist es üblich, für die erstere q zu verwenden 
(z. B. in qiman „kommen'"), neuerdings ist es üblich geworden, 
für die letztere die Ligatur h zu gebrauchen. Daß die ein- 
fachen Zeichen des Got. auf Einfachheit der Laute deuten, 
kann nicht mit Sicherheit angenommen werden. Sollten die- 
selben wirklich einfach gewesen sein, so ist darin gewiß keine 
Altertümlichkeit des Got. zu sehen, sondern eine sekundäre 
Veränderung (vgl. § 16). Was die Vokale betrifft, so be- 
zeichnen e und immer einen langen Vokal, und zwar einen 
geschlossenen, dem i oder u nahestehenden, / immer einen 
kurzen, a und u können lang oder kurz sein, ersteres nur vor h. 
Für langes i wird in Anschluß an die spätgriechische Aussprache 
das diphthongische Zeichen ei verwendet. Die Verbindungen 
ai und au bezeichnen entweder einen kurzen oder einen langen 
Laut. Wo es erforderlich scheint, wird der kurze durch Akzent 
über dem i oder u, der lange durch Akzent über dem a be- 
zeichnet, ai ist zweifellos als offenes e, aü als offenes o zu 
sprechen, äi und du entsprechen den idg. Diphthongen; es 
ist nicht sicher, ob sie noch diphthongisch ausgesprochen sind, 
oder als offene lange e und o. Von manchen wird auch eine 



Eigenheiten des Gotischen. 65 

dreifache Aussprache des a? und au angenommen: Diphthong, 
langes offenes e oder o, kurzes ott'ones c oder o. Welelie Aus- 
sprache in jedem einzelnen Falle anzunehmen ist, läßt sich 
nicht immer mit Sicherheit entscheiden, und es stehen sich 
mitunter darüber verschiedene Ansichten gegenüber. 

§80. Eigenheiten des Gotischen. Der Wechsel 
zwischen e und /, u und o hat sich im Got. ganz abweichend 
vom Nord- und Westgerm, gestaltet. Idg. e und i sind in 
betonter Silbe vollständig zusammengefallen. Sie erscheinen 
sonst als i, vor r und h (auch Jo) als e, geschrieben ai, vgl. 
hairan, saikan gegen gihan, iaihum Prät. von teihan (zeihen) 
gegen stiyuni. Auch für die Reduplikatioussilbe setzt man ai 
an; es müssen sich dann Formen wie saisö (ich säte) nach 
solchen wie haihüit (ich hieß) gerichtet haben. Noch in anderen 
Fällen ai als Kürze anzusetzen, ist bedenklich. Entsprechend 
ist der Wechsel von u und o in betonter Silbe nicht wie im 
Nord- und Westgerm, vom Vokal der folgenden Silbe abhängig, 
sondern aii steht vor r und h, sonst u, vgl. baürans (geboren), 
taiihans (gezogen) gegen numans (genommen), gutans (gegossen). 
In unbetonter Silbe steht vor h i und u, \g\.parihs (ungewalkt) 
und die enklitische Partikel -uJi; vor r ist e zu a geworden, 
vgl. luJcarn aus lat. lucerna, fadar = ahd. fater. 

e und 6 haben eine dem i und tt nahestehende Aussprache 
angenommen. Daher ist das urgerm. offene e, das im Nord- 
und Westgerm, zu ä geworden ist, mit dem ursprünglichen 
geschlossenen, dem im Nord- und Westgerm, e (ahd. ea, ia) 
entspricht, zusammengefallen (vgl. § 50). 

Ausstoßung von kurzen Vokalen in unbetonter Silbe ist 
in eigenartiger Weise erfolgt. Im allgemeinen sind nur die 
Endsilben davon betroffen, im Gegensatz zum Nord- und 
Westgerm.; sie ist nicht bloß in offener Silbe eingetreten wie 
im Westgerm., sondern auch vor s, z\ u bleibt im Gegensatz 
zu den übrigen Vokalen erhalten. Vgl. die Nominative Sg. dags 
aus *dagaz, älter *dago0, gasfs aus *gastie gegen sum(s, die 
Akkusative Sg. dag aus *daga{m), gast aus *'gasti(m) gegen sunu, 
den Dativ (Lok.) Sg. hrojjr = lat. fratri, die Nominative PI. 
maus aus *manniz {-iz = griech. -tq der 3. Deklination), sunjus 
aus *suniiviz, den Imperativ hair = griech. g^tQi, die 2. 3. Sg., 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 5 



66 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

3. PI. hairis, hairip, hmrancl mit Verlust eines i im Auslaut, 
die Präposition af = ahd. aha, grieeh. (cjto. Die gemeingerm. 
Verkürzung langer Vokale (vgl. § 63) ist im Got. nach der 
Vokalausstoßung erfolgt, im Nord- und Westgerm, vor derselben. 

In den unbetonten Silben hat sich im Got. a entwickelt 
gegen einen dunkeln Vokal des Nord- und Westgerm. Dies 
zeigt sieh in der gemeingerm. Verkürzung des auslautenden ö ; 
vgl. got. ^iZ^a (Gabe) gegen agB.^iefu, anord. p'jp/' (aus "^gedii); 
got. giba (ich gebe) gegen ahd. gihu; got. daga D. Sg. gegen 
ahd. tagu Instr. Ursprünglich kurzes o erscheint vor m im Nord- 
und Westgerm, als u gegen got. a; vgl. D. PL: got. dagam — ahd. 
tagum, anord. dggum; got. giham (wir geben) — anord. gjgfiwi. 

Die weichen Reibelaute sind im Auslaut und vor s ver- 
härtet. So ist zu s geworden. Die meisten auslautenden 
s gehen auf urgerm. s zurück. Das ergibt sich aus dem Got. 
selbst, indem ^ erscheint, wenn die Partikeln -u oder -lüi an- 
treten. Es ergibt sich ferner daraus, daß im Skand. Übergang 
in r vorliegt und auch im Westgerm., soweit nicht Abfall 
eingetreten ist, vgl. z. B. got. dags = anord. dagr, got. is = 
ahd. er, got. gihös G. Sg. und N. PI. von giba (Gabe) = anord. 
gjafar, got. nimis (du nimmst) = anord. nenir, got. us = ahd. 
ur (noch nhd. in Zuss. als ur- und er-), b nach Vokal ist zu 
/ geworden. Zu giban lautet der Imp. gif, die 1. 3. Sg. Prät. 
gaf. Got. hldifs (Brot) hat /" nur im N. und A. Sg. (Mdif), in 
den übrigen Kasus erscheint das ursprüngliche b (5), also N. PI. 
hldibos usw. Die Präp. af lautet, mit der Partikel -uh verbunden, 
abuh mit dem Laute, der dem in ahd. aba entspricht, d nach 
Vokal ist zu J) geworden. Zu Uuda lautet die 1. 3. Sg. Prät. 
bdup, zu stal)S (Stelle) der G. stadis, zu nasijjs (Part, zu nasjan 
„retten") nasidis, bairip (er trägt) erscheint mit Partikel als 
bairidu. 

Nach nichthaupttonigem Vokal sind weiche (tönende) 
Spiranten in harte (tonlose) übergegangen und umgekehrt, und 
zwar hat sich das Verhältnis so geregelt, daß weiche Spirans 
steht, wenn ein harter Konsonant vorangeht, harte, wenn ein 
weicher Konsonant vorangeht, vgl. frdisiubnt (Versuchung) — 
ivaldufai (Gewalt), manniskddus (Menschlichkeit) — gdunöjjus 
(Trauer), dujyida (Ode) — meri]>a (Gerücht), hatiza D. von haiis 
(Haß) — agisa D. von agis (Sehrecken). 



Eigenlieiteu des Gotisclien. C7 

Wo IV nat'li Ausstoßung des folg-enden Vokals in den 
Auslaut oder vor 5 geraten ist, hat es mit vorliergeliendem 
kurzen Vokal einen Diphthong gebildet, vgl. hnlu (aus '''Jenewu) 
„Knie" — G. Jüniivls, fdus (aus '^'f'aivaz) „wenig" — PI. faivdi 
Diese Behandlung entspricht derjenigen in den westgerni. 
Sprachen. Dagegen nach langem V^okal oder Diphthongen und 
nach Koasonant bleibt iv (als Reibelaut?), vgl. sdkvs „See", 
waürstiv „Werk". Ein Wechsel zwischen ait und (z. B. in 
iaui „Werk" — G. tojis) ist wohl so zu erklären, daß oiv zu- 
grunde liegt, und daß lo vor j geschwunden, vor vokalischem 
i mit u zum Diphthongen au verschmolzen ist. Andere nehmen 
Verkürzung des ö vor Vokal oder Übergang in offenen Laut 
an. Eine ähnliche Verschiedenheit der Ansichten besteht in 
bezug auf die reduplizierenden Verba wie saian „säen". Zu- 
grunde liegt wahrscheinlich eine Präsensbildung mit -jo- (vgl. 
mhd. scejen), und "^'sc-jan ist durch Verschiebung der Silbeu- 
grenze zu ''^sci-an, sdian geworden. Andere nehmen Verkürzung 
oder Übergang in den offenen Laut vor Vokal an. 

Charakteristisch ist für das Got. die frühzeitige Beseitigung 
von Unregelmäßigkeiten durch Ausgleichungen, So ist der 
grammatische Wechsel in der st. Konjugation ausgeglichen, 
meistens zugunsten des Konsonanten des Präs., vgl. got. te'üia, 
täili, taihum, taihans gegen ahd. zihu, zeh — zigum, gasigem. 
Daß im reduplizierten Prät. die Pluralformen Avahrscheinlich 
erst im Got. den Singular formen angeglichen sind, ist oben 
§ 60 bemerkt. Die Bildung des Prät. und Part, in der ersten 
schw. Konjugation ohne Mittelvokal (vgl. § 74) ist nur bei 
wenigen Verben bewahrt, während andere sieh der regel- 
mäßigeren Bildung auf -ida angeschlossen haben. So heißt es 
got. sdicida „ich suchte", faiirhtida „ich fürchtete", während 
anord. söita, ahd. foralda auf "^'solda, *faürhta hinweisen. In 
der dritten schw. Konjugation ist das di im Prät. und Part. 
(vgl. habdida, hahdijjs) aus dem Präs. übertragen (vgl. § 74). 

In der Deklination zeigen sich manche x\bweichuugen des 
Got. vom Nord- und Westgerm., die sieh wahrscheinlich er- 
klären aus verschiedener Auswahl aus Doppelformen von 
ursprünglich gleicher oder gleich gewordener Bedeutung. So 
endigt der G. PI. in den meisten Deklinationsklassen auf -e, 
während die nord- und westgerm. Formen auf -ö vveisen. Der 



68 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

D. Sg. M. und N. der Pronomina und Adjektiva endigte vor 
der Verkürzung im Got. auf e (vgl. Ivammeh „jemand" aus 
Ivanwie-iih), während abd. -ti (Imemu) auf -ö weist. Vgl. ferner 
D. Sg. der a- Deklination got. gihcii gegen ahd, gchii, auord. 
gjgf aus *^e5o; G. und D. Sg. der «-Deklination got. anstdis, 
anstdi gegen ahd. ensii; D. Sg. der «-Deklination got. smidu 
gegen ahd. suniu, anord. syni\ N. Sg. der schw. Maskulina 
got. hana gegen ahd. hano, dem got. *han6, anord. Jiane, dem 
got. *hane entsprechen müßte. 

Die konsonantische Deklination ist stärker im Verfall als 
im Anord. und Ags., und zwar spielt dabei Übertritt in die 
«-Deklination eine Rolle, vgl. fötiis „Fuß". Bei den Ver- 
wandtschaftsbezeichnungen hat dieser Übertritt wenigstens im 
PI. stattgefunden {broprjus „Brüder"). 

Nordgermauisch. 

§ 81. Die nordgerm. oder skandinavischen Sprachen sind 
erst spät zu literarischer Verwendung gelangt. Doch sind wir 
über die früheren Entwicklungsstufen nicht ganz ohne Kunde, 
nämlich durch Runeninschrifteu, daneben durch die frühzeitig 
in das Finnische und Lappische aufgenommenen Lehnwörter. 

Anm. Eine Orientieruüg über das Gesamtgebiet der skandinavischen 
Sprachen gibt Ad. Noreen in dem Abschnitt „Geschichte der nordischen 
Sprachen" im Grundr. d. germ. Phil. (1. Aufl. 1,417—525. 2. Aufl. 1,518 

— 649. 3. Aufl. [als besonderer Band] 191c!). Als Ergänzung dazu dient 
der Abschnitt „Skandinavische Mundarten" von Lundell (1. Aufl. I, 945 

— 959. 2. Aufl. I, 14S3 — ISOß). Die vollständigste und zuverlässigste Dar- 
stellung der älteren Sprachstufeu gibt Noreen, „Altnordische Grammatik", 
I. „Altisländische und altnorwegische Grammatik unter Berücksichtigung 
des Urnordischeu", Halle 1SS4. ^19u3. II. „Altschwediscbe Grammatik mit 
Einschluß des Altgutnischen", 1904. Als Einführung in das Anord. können 
dienen Noreen, „Abriß der altisländischen Grammatik", ^Halle 1905; Holt- 
hausen, „Altisländisches Elementarbuch", Weimar 1895; A. Heusler, „Alt- 
isländisches Elementarbuch", Heidelberg 1915. Eine eigenartige, sehr 
ausführliche Darstellung des Neuschwedisclien gibt das noch im Erscheinen 
begriffene Werk von Noreen, „Värt Spräk", Lund 1903 ff. Die grund- 
legende Arbeit über die finnisch-lappischen Lehnwörter ist Thomsen, „Über 
den Einfluß der germanischen Sprachen auf die finnisch-lappischen", über- 
setzt von Sievers, Halle 1870. Vgl. jetzt E. N Setälä, „Bibliographisches 
Verzeichnis der in der Literatur behandelten älteren germanischen Bestand- 
teile in den ostseefinnischen Sprachen". Unter Mitwirkung von Fach- 
genosseu und Schülern herausgegeben. Ilelsingfors und Leipzig 1912 — 13. 



Eigenheiten des Skandinavischen. C9 

§ 82. Die älteste Gestalt des Skand., die man gewöhnlich 
als das Urnordisehe bezeichnet, liegt uns vor in kleineren 
ßimeninschriften aus der Zeit von ca. 300 bis 700. Sie stammen 
zumeist aus Dänemark und Schleswig, einige jüngere aus 
Schweden. Sie zeigen eine Entwicklungsstufe, die ungefähr 
dem Got. des Ulfilas entspricht, zum Teil aber noch altertüm- 
licher ist. Wir finden noch Vokale bewahrt, die im Got. schon 
ausgestoßen sind, vgl. dagciR, ^) scistin, horna = got. dags, gasts, 
liaürn. Die gleiche Altertümlichkeit zeigt die älteste Schicht 
der finnisch-lappischen Lehnwörter. Dagegen fehlen noch die 
Hauptcharakteristika der späteren nordischen Sprachen. 

Die Weiterentwicklung während der Vikingerzeit (ca. 700 
— 1050) läßt sich wieder an der Hand von Runeninsehriften 
verfolgen, die zum Teil schon etwas umfänglicher sind. Auch 
aus dieser Periode stammen Lehnwörter im Finnischen und 
Lappischen, auch schon einige im Keltischen und Angel- 
sächsischen. Jetzt entwickelt sieh der spezifisch nordische 
Charakter der Sprache. Es zeigen sich auch schon Ansätze 
zu mundartlicher Differenzierung, 

§ 83. Man scheidet die skandinavischen Mundarten ge- 
wöhnlich zunächst in zwei Gruppen, ostnord. und w^estnord. 
Diese Scheidung hält sich an die literarischen Denkmäler. Sie 
ist nicht ausreichend, wenn man auch die wenig oder gar 
nicht in der Literatur vertretenen Mundarten berücksichtigt. 
Das Westnord, hat sich von Norwegen aus auf die Färöer und 
nach Island verbreitet; es herrschte im MA. auch auf den 
britischen Inseln; auch auf dem britischen Festlande waren 
viele Skandinavier angesiedelt, aber nicht bloß Norweger, 
sondern auch Dänen. In westnordischer Sprache sind literarische 
Aufzeichnungen seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts 
gemacht. Die uns tiberlieferten poetischen Stücke sind zum 
Teil früher entstanden, aber dann natürlich nicht ganz in der 
ursprünglichen Gestalt aufgezeichnet. Aus dem 18. bis 15. Jahr- 
hundert haben wir eine sehr reiche Literatur, an der den 
Isländern der Hanptanteil zufällt. Man pflegt diese Literatur 
und die Sprache, in der sie geschrieben ist, schlechthin als 



^) R bezeichnet den auf tönendes s zurückgehenden Laut, der in 
den ältesten Runeninsehriften noch von dem alten r geschieden ist. 



70 I, 2. Gliederuug der germ. Sprachen. 

altnordisch zu bezeichneu, wodurch man sich nicht verleiten 
lassen darf, sie als gemeinnord. zu betrachten. Genauer sind 
die Bezeichnungen altnorwegisch und altisländisch. 

§ 84. Das Auord. ist wegen seiner reichen und im Ver- 
hältnis zum Ostnord, immer noch älteren Überlieferung für uns 
der Hauptvertreter der skandinavischen Sprachen. In bezug 
auf die Schreibung ist zu bemerken, daß man die Länge der 
Vokale jetzt gewöhnlich nach handschriftlichem Vorgang durch 
den Akut bezeichnet, wobei man auch kurzes und langes ä als 
ie und (B unterscheidet. Daneben findet sich die von J. Grimm 
für alle germanischen Sprachen eingeführte Schreibweise (a — tl, 
ä — oi). Mit y wird der Umlaut des u bezeichnet. Besondere 
Zeichen sind p, das einen Mittellaiit zwischen a und o, und <7, 
das einen unserem ö ähnlichen Laut bezeichnet. 

Wir müssen uns hier mit einer kurzen Charakteristik des 
Anord. begnügen, die im allgemeinen auf das Skandinavische 
überhaupt zutrifft. Ihr besonderes Gepräge erhält die Sprache 
vor allem durch zahlreiche Assimilationen. Außer dem i-Umlaut 
besteht auch ein «-Umlaut, der auch durch konsonantisches u 
(r) hervorgebracht werden kann. Dadurch ist a zu g geworden 
(vgl. SQk aus "^sdku = nhd. Sache, hgyn aus '''' hanin, PL von 
hani „Kind"), d zu ö (vgl. ötom = ahd. äpan „wir aßen''), 
i zu y (vgl. syngva = got. siggwan „singen"). Durch Kom- 
bination von i- und «-Umlaut ist aus a entstanden (vgl. seMva 
= got. sagqjan „senken"). Auf Assimilation beruht auch die 
sogenannte Brechung des e zu ja, jo (jo) aus älterem ea, 
CO, vgl. Jijord {hJQvd)^ Gen. Jijardar = got. halräa „Herde", 
hairdös. Beispiele von konsonantischen Assimilationen: Nasale 
werden an folgende harte Verschlußlaute assimiliert, vgl. dreJcka 
„trinken", veir (aus *veitr) „Winter"; das Prät. von binda 
„binden" lautet hatt, das von ganga geJik, weil im Auslaut 
Verhärtung des weichen Lautes eingetreten war; ip ist zu II, 
n]) zu nn geworden, vgl. gull = got. gulp „Gold", finna = 
got. ßn])an „finden"; das aus weichem s entstandene r hat sich 
an vorhergehendes l, n, s assimiliert, vgl. lieill = got. hdils 
„heil", steinn = got. stdins „Stein", ht ist zu tt geworden 
mit Dehnung des vorhergehenden Vokals, vgl. mdtta = got. 
mahta „mochte". Nasal, der durch frühen Vokal- und Kon- 
sonantenabfall in den Auslaut getreten ist, fällt ab, so im Inf. 



Eigenheiten des Skaudinavischen. 71 

{binda usw.), im A. PI. {daga, gesti = got. dagans, gastins), iu 
der schw. Dekl. Qiana G. D. A. Sg., A. PL), in einsilbigen 
Wörtern mit Ersatzdelinung {i ..in", d „an"). Vokalausstoßungen 
sind in reichem Maße eingetreten, nicht bloß in Endsilben, 
sondern auch in Mittelsilben ohne die Einschränkungen, welche 
für das Got. und die, welche für die westgerm. Sprachen 
gelten. Als eine Eigenheit mag noch hervorgehoben werden 
die Bildung eines neuen Medio-Passivums durch AnSchmelzung 
des ßeflexivpron. an die Verbalformen. 

§ 85. In Island ist der Zusammenhang mit der älteren 
Sprache und Literatur niemals ganz abgebrochen. Die ein- 
heimische Sprache hat eine gewisse literarische Geltung, 
wenigstens neben dem Dänischen, behauptet. Natürlich sind 
mannigfache Veränderungen eingetreten. Doch hat sich nament- 
lich die ältere Schreibweise den Lautveränderungen zu Trotz 
ziemlich behauptet. Eigenartig hat sich das Färöische ent- 
wickelt. In Norwegen ist während der langen Vereinigung 
mit Dänemark das Dänische zur Schriftsprache geworden, 
während das Norwegische sich nur als mundartliche Sprache 
mannigfach gespalten erhalten hat. Gewisse Besonderheiten 
hat das norwegische Dänisch immer behauptet, namentlich 
eine altertümlichere Aussprache und viele aus den norwegischen 
Mundarten entlehnte Wörter. In neuerer Zeit ist der Versuch 
gemacht, aus den Mundarten eine eigene norwegische Schrift- 
sprache zu schaffen. Durchschlagenderen Erfolg hat eine 
gemäßigtere Richtung gehabt, die mit Beibehaltung der 
dänischen Grundlage doch die norwegischen Besonderheiten 
zu pflegen sucht. 

§ 86. Das Ostnord, ist uns in seinen älteren Entwicklungs- 
stufen aus verhältnismäßig vielen und umfänglichen Runeu- 
inschriften leidlich bekannt, aber die handschriftlichen Auf- 
zeichnungen reichen nicht weiter als bis in die zweite Hälfte 
des 13. Jahrhunderts zurück. Auch im späteren MA. ist die 
Produktion viel geringer gewesen als in Norwegen und Island. 
Zwei Schriftsprachen haben sich aus dem Ostnord, entwickelt, 
schwedisch und dänisch. Die Grundlage der schwedischen 
Schriftsprache ist das Südschwedische, das dem Dänischen 
näher stand als den nördlichen schwedischen Mundarten, so 



72 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

daß die beiden Schriftsprachen sich auch heute noch ziemlieh 
nahe stehen, näher allerdings in der Schrift als in der Aus- 
sprache. Weiter entfernt sich davon ursprünglich die Sprache 
der Insel Gotland, die aus der älteren Zeit durch Runen- 
inschriften und dann namentlich durch Gesetzesaufzeichnungen 
bekannt ist. Das Schwedische und das Dänische sind seit 
dem späteren MA. sehr stark durch das Niederdeutsche, weiter- 
hin auch durch das Hochdeutsche beeinflußt, nicht nur im 
Wortschatz, auch in der Wortbildung und Syntax, so daß sie 
viel von dem echt skandinavischen Charakter eingebüßt haben. 



Westgermanisch. 

§ 87. Der Zusammenhang der westgermanischen Sprachen 
wird durch eine Reihe gemeinsamer Veränderungen erwiesen 
(doch vgl. § 77 Schluß). 

1. Ursprünglich auslautendes z ist abgefallen. So im N. Sg., 
vgl. ags. dceg, ahd. tag = got. dags, anord. dagr. Im G. Sg., 
vgl. ahd. geba (ags. 6 '<'/e)j e>«5// (zu «»5^ „Gunst"), hanin, fafer 
= got. gihös (anord. gjafar), anstdis, hanins, fadrs. Im N. PL, 
vgl. ahd. taga, gebä, belgi, hanun = got. dagös (anord. dagar), 
gibös, balgcis, lianans. Im Adv. des Komparativs, vgl. ahd. ba^ 
gegen das Adj. be^pro = got. batis (anord. betr), batisa. Nur 
in einsilbigen Pronominalformen ist z als r, wenigstens im 
Hochdeutschen, erhalten, vgl. er, huer, ivir, ir, mir, dir. In allen 
Fällen, wo der Konsonant .abgefallen ist, fiaden wir im Anord. 
r, und auch im Got. ist zu erkennen, daß s erst durch das 
spezifisch gotische Lautgesetz (vgl. § 80) aus z entstanden ist. 
Dies z war zunächst nach dem Vernerschen Gesetz in den 
nichtendungsbetonten Wörtern aus s entstanden und dann auf 
die enduDgsbetonten übertragen. Es gibt keinen Fall, in dem 
wir genötigt wären, Abfall von hartem s anzunehmen. 

Anm. Ursprünglich auslautendes hartes s ist vielleicht erhalten im 
N. PI. der o- Stämme: alts. dagos, ags. da^as gegen anord. dagar, ahd. taga; 
ferner in einigen Genitiven Sg. konsonantischer Stämme : ahd. nahtes, 
alts. burges usw. 

2. Die Vokalausstoßung ist nach eigenartigen Gesetzen 
erfolgt, die sowohl von denen des Got. als von denen des 
Skand. abweichen, wenn auch die Ergebnisse vielfach zu- 



Eigenheiten des Westgermanischen. 73 

sararaentreffen. In Ubereinstimmuog- mit dem Skand., aber im 
Gegensatz zum Got. werden nicht nur Vokale der Endsilben, 
sondern auch solche der Mittelsilben betroffen, ferner nicht 
bloß ursprünglich kurze, sondern auch die gemeingermanisch 
verkürzten; im Gegensatz zum Got. und Skand. nur Vokale in 
offenen Silben (auch solchen, die erst durch Abfall des z otfen 
geworden sind). Dazu kommen besondere Wirkungen des 
Akzents und der Quantität der vorhergehenden Silbe. Wir 
können dem Gesetze flir die Vokalausstoßung folgende Fassung 
geben: kurzer (auch gemeingermanisch verkürzter) Vokal in 
schwächstbetonter offener Silbe ist ausgestoßen nach neben- 
toniger Silbe stets, nach haupttoniger nur, wenn sie lang war. 
Allerdings sind die ursprünglichen Verhältnisse frühzeitig durch 
Ausgleichung gestört. — Als Beleg für die Behandlung der 
auslautenden Vokale kann der N. A. Sg. der u- und /-Stämme 
dienen; vgl. ahd. sunu — liand = got. siinns, siinu — handiis, 
handu; ahd. numi .,Freund" (= anord. viur, v'in, dem ^oi.^ivins^ 
'"tvin entsprechen würde) — gast. Allerdings sind es im Ahd. 
nur noch wenige kurzsilbige i-Stämme, die Erhaltung des i 
zeigen; daß aber die übrigen ihr i erst durch sekundäre Aus- 
gleichung verloren haben, beweist das Ags.. in dem die ver- 
schiedene Behandlung der kurzsilbigen und langsilbigen Stämme 
noch durchgehend bewahrt ist. Im N. A. der o-Stämme sollte 
mau die entsprechende Verschiedenheit erwarten, aber die 
überwiegende Zahl der langsilbigen und mehrsilbigen Wörter 
hat frühzeitig die kurzsilbigen in ihre Analogie hinüber- 
gezogen, daher got wie hüs, nagul. Die verschiedene Be- 
handlung hat sich noch erhalten im ersten Gliede von Zu- 
sammensetzungen, vgl. sßüoliüs oder spüaliüs gegen dinchüs. 
Als Beispiel für den aus ursprünglichem ö verkürzten Vokal 
kann der N. A. PI. der Neutra dienen, vgl. alts.-ags. fatu 
(Gefäße) — ivord. Im Ahd. haben sieh die kurzsilbigen nach 
den langsilbigen gerichtet, so daß alle Formen endungslos 
sind. Ferner der N. Sg. der weiblichen a- Stämme. Im Ags. 
sind die ursprünglichen Verhältnisse rein bewahrt, vgl. ^iefii 
(Gabe) — Idr (Lehre) — fren (Frevel = got. fair'ma). Im 
Ahd. werden die Akkusativformen g'eha, Ura, firina auch für 
den Nom. verw^endet, aber alte Nominative mit Abfall des 
Endvokals sind im Ahd. noch vielfach belegt, und einige 



74. I, 2. Gliederiiug der gcrm. Sprachen. 

reichen in bestimmten Formeln noch ins Mhd. hinein, vgl, z. B. 
des lülrdet huo^ „dagegen tritt Abhilfe ein" gegen sonstiges 
huo§e. Ferner haben die Eigennamen den Unterschied zwischen 
Nom. und Akk. noch im Mhd. bewahrt, vgl. Friderün — Fride- 
rüne. Ein verkürztes i ist abgefallen in Bildungen wie ahd. 
hmingiii gegen den Akk. liuninginne , Imninginna, der erst in 
jüngerer Zeit auch als Nom. gebraucht wird; ferner in Eigen- 
namen wie mhd. Kriemhilt, Akk. Kriemhilde. — In bezug auf 
die Behandlung des Mittelvokals zeigt sich unser Gesetz im 
Ahd. noch am deutlichsten im Prät. und Part, der ersten 
schwachen Konjugation. Den gotischen Formen nasida, nasips, 
•dis (zu nasjan „retten"), hrannida, hrannips, -dis (zu hrannjan 
„brennen") entsprechen im Ahd. nerita, ginerit, flektiert ginc- 
ritcr, ginerites usw., aber hrania, gibrennit, flektiert gibranter, 
gibrantes usw. Das Verhältnis, das zwischen gibrennit und 
gibrantes besteht, zeigt sieh im Ags. bei allen Substantiven 
und Adjektiven mit langer erster Silbe, vgl. morgen — morsnes^ 
dcofol (Teufel) — deofles gegen mä'sen (Kraft) — mägenes. 
Das Ahd. dagegen hat anscheinend Bewahrung des Mittel- 
vokals in den flektierten Formen. Daß dabei aber sekundäre 
Ausgleichung eine Rolle gespielt hat, zeigen Reste synkopierter 
Formen, z. B. unses usw. im Frank, zu unser (durch Assimi- 
lation au5 unsres entstanden), herro „Herr", Komparativ zu 
her, der sonst heriro lautet. 

Anm. Vgl. Sievers, PBB. 4, 522 ft"., 5, 63 ff.; Paul 6, 124 ff. 

3. Der Vokalausstoßung gegenüber steht die Entwicklung 
eines Vokals aus einem Sonorlaute, die man mit einem Sanskrit- 
worte als Svarabhakti zu bezeichnen pflegt. Vor m, n, r, l ist 
ein Vokal zunächst dann entwickelt, wenn diese Laute durch 
die Vokalausstoßung sonantiseh geworden wären; vgl. ahd. 
achar = got. ahrs, anord. «Ar; ahd. uuintar = got. wintrus, 
anord. vetr; ahd. fogal = got. fugls, anord. fugl; ahd. zeihhan 
= got. tdiJcns, anord. tdJcn. Weiterhin ist der Vokal auch in 
die flektierten Formen solcher Wörter eingedrungen, zunächst 
derjenigen mit kurzem Vokal und einfachem Konsonanten vor 
dem Sonorlaut, in denen er schon durch die ältesten ahd. Texte 
allgemein geboten wird, also fogales oder fogeles usw. Erst 
später treten Formen wie acJcares, zeihhane statt der älteren 
acJcres, seihhne auf, so daß es für die dreisilbigen Formen mit 



Eigculiellcu des Westgermanischen, 75 

langer Tonsilbe keinem Zweifel unterliegt, daß ihr Mittelvokal 
erst durch Analogie aus dem N. A. übertragen ist. — Ein Vor- 
gang, den anscheinend das Ags. nicht mitgemacht hat, ist die 
Entwicklung eines Svarabhaktivokals zwischen l oder r und 
folgendem Labial oder Velar. Lautgesetzlich scheint dieselbe 
nur eingetreten zu sein, wenn beide Konsonanten zu derselben 
Silbe gehörten, vgl. ahd, nuorahta (er wirkte) = got. ivaürhia, 
ahd. furihtcn, Prät. forcüita = got. faürldjan, ahd. herald 
(glänzend) = got. hairlits, ahd. duriüi (durch) = got. JiairJi. 
Danach sollte mau erwarten bei Wechsel der Silbengrenze 
h'erag, G. hergcs, harug, G. hurgi usw. In solchen Fällen war 
aber Ausgleichung nach beiden Seiten möglich, daher großes 
Schwanken und mundartliche Abweichungen. — Sicher gemein- 
westgerm. ist die Entwicklung eines sonantischeu i zwischen 
/• und j (konsonantischem /). So ist z. B. für got. nasjan west- 
germ. nerijan eingetreten, ahd. gewöhnlich nerkni geschrieben, 
im älteren Mhd. neregen, dann ncrgen. 

4. Einfache Konsonanten werden durch folgende Sonorlaute 
verdoppelt. Am weitesten erstreckt sich die Verdopplung 
durch folgendes j. Sämtliche Konsonanten sind davon betroffen, 
auch wenn ihnen langer Vokal oder Konsonant voranging; vgl. 
alts. hcllea, ahd. hcUa, ags. hei, G. helle = got. lialja; ahd. seilen 
(übergeben), ags. siellan = got. saljan; alts. sdtean, ags. settan 
(setzen) = got. satjan. Gemiuiertes ir (konsonantisches ?f) er- 
scheint als utv, wobei das u mit dem vorhergehenden Vokal 
einen Diphthongen bildet, vgl. ahd. frauive (geschrieben f raune), 
mhd. fromve aus urgerm. *fru-u'jö (anord. Freijja). Eine schein- 
bare Ausnahme macht r mit vorhergehendem kurzen Vokal; 
in Wirklichkeit folgte hier auf das / nicht j, sondern so- 
nantisches /, vgl. 3. Vielfach ist Wechsel zwischen einfachem 
und geminiertem Konsonanten entstanden, der dann teilweise 
wieder durch Ausgleichung beseitigt ist. Darüber ist noch 
eingehend in der Lautlehre zu handeln. — Nur die harten 
Verschlußlaute scheinen verdoppelt zu sein durch iv und r; 
und auch bei diesen zeigt das Ags. Abweichungen, vgl. ahd. 
nacJcot, ags. nacod = got. naqajjs, ahd. ackar, ags. cecer = got. 
ahs, ahd. hitiar, ags. hit{t)or = got. bditrs. Auf Dehnung 
durch folgendes n zurückzuführen sind wahrscheinlich die 
Nebenformen ahd. hiajipo, rappo zu hiaho, rabo (Jirahan) u. a. 



76 I, 2. GliederuDg der gerin. Sprachen. 

Aniii. Vgl. Paul, PBB. 7, 104 ff.; Kauffmann, ib. 12, 504 ff., ins- 
besondere 520 ff. Weiteres Material bringt Ernst Reuter, „Nhd. Beiträge 
zur westgerm. Konsonantengemination", Freiburg, Diss. 1906. 

5. In unbetonter Silbe ist tv nach Velaren fortgefallen, 
vgl. ahd. sinlian, ags. sincan = got. sigqan, anord. seMva; ahd. 
singan = got. siggivan, anord. syngva; ahd. engi = got. aggwus; 
ahd. aha (Wasser, Fluß) = got, aha; ahd. sehan = got, saikan; 
ahd. lihan = got, leilvan. 

Anm. Eide andere Auffassung, wonach schon im Urgerm. Formen 
mit w und ohne tv nebeneinander bestanden hätten, ist schwerlich haltbar. 

6. Urgerm, Ö ist durchgängig, auch nach Vokal zu d ge- 
worden, vgl. alts. fader, ags, fceder = anord, faöir, alts, mödar, 
ags. modor = anord, mödir. 

7. Die 2. Sg, Ind, Prät, der starken Verba zeigt eine ab- 
weichende Bildung. Während sie im Got. und Skand. auf t 
ausgeht {= idg, tha) und im Wurzelvokal mit der 1, und 3, Sg. 
tibereinstimmt, ist im Westgerm, diese Bildung nur bei den 
Präteritopräsentia erhalten (ahd, du mäht), das eigentliche Prät. 
dagegen geht aus auf i, und stimmt in der Ablautsstufe mit 
dem PI. und dem Konj. überein, vgl. ahd, gabi, mhd. gcehe, ags, 
scefe gegen got,-anord. gaft. Die westgerm. Formen sind nichts 
anderes als in den Ind. übertragene Konjunktive, die ihr 
ursprünglich im Auslaut stehendes s (vgl. got, gebeis, anord. 
gcefir) nach dem westgerm, konsonantischen Auslautsgesetz 
eingebüßt haben. Im Ags. lauten auch wirklich Ind. und Konj. 
gleich, während im Ahd. im Konj. das s analogisch wieder 
hergestellt ist, so daß von neuem eine Unterscheidung ge- 
schaffen ist (uuäri — uuäris). 

8. Die Form des A. PI. ist da, wo sie im Urgerm. noch 
von der des Nom. abwich, durch die letztere verdrängt; vgl, 
ahd. taga, alts. dagos, ags, da^as = got, dagös — dagans, anord. 
dagar — daga\ ahd, gesti, ags. gieste = got. gasteis — gastins, 
anord. gestir — gesti; ahd, sunt = got. sunjus — sununs. 

9. Von den weiblichen a- Stämmen wird im G. PI, eine 
erweiterte Form gebildet, die zur schwachen Deklination 
stimmt, vgl. ahd. geböno, ags. ^iefena = got. gibö, anord. gjafa. 
Im Ags. sind die den got. und skand, entsprechenden Formen 
{^iefa usw,) noch daneben vorhanden und sogar überwiegend. 



Eigenheiten des Westgermanischen. 77 

10. Noch muß darauf hingewiesen werden, daß die west- 
gerni. Sprachen auch im Wortschatz viele gemeinsame Eigen- 
tümlichkeiten zeigen, vgl. die Zusammenstellungen in Kluges 
Etymologischem Wörterbuch, die aber seit der 7. Aufl. fort- 
gelassen sind. Auch in Wortbildung und Syntax zeigen sich 
manche gemeinsame Eigenheiten. Ich verweise z. B. auf die 
Verwendung der Ortsadverbia als Ersatz für die Kasus der 
entsprechenden Pronomina, vgl. ahd. dar ana, nhd. daran = 
SigB.J)cer 011. 

§ 88. Als allen Westgermanen gemeinsam kann mau auch 
gewisse Abschwächuugen in den unbetonten Silben betrachten, 
die aber doch kein Charakteristikum der Gruppe bilden, weil 
sie sich im Nordgerm, in analoger Weise vollzogen haben. So 
ist ai in unbetonten Silben früh zu e kontrahiert, vgl. ahd. 
hahes, habet (du hast, er hat) = got. Jiahrus, hahdij), ahd. gebes, 
gebem (du gebest, wir geben) Konj. Präs. = got. gibdis, gibuinia, 
ahd. blintem (blinden) D. PI. = got. blinddim. Desgleichen au 
zu ö, vgl. ahd. simo (Sohnes) == got. sundus. Gemeinsam ist 
ferner eine zweite Verkürzung auslautender Vokale (vgl. über 
die erste § 63). Von dieser sind betroffen: 1) die bei der ersten 
Verkürzung verschont gebliebeneu Längen, vgl. G. PI. ahd. tago, 
worto, sungono usw., N. Sg. ahd. zunga, herza = got. tuggö, 
lidirtö, Adv. giWiho = got. galeiJcö] 2) die erst durch den 
westgermanischen Abfall des s in den A-uslaut getreteneu 
Längen, vgl. ahd. geba G. Sg. und N. A. PL = got. gibös, ahd. 
dera G. Sg. ::= got pisös, ahd. blinto N. PI. = got. hlindös; 3. die 
kontrahierten Diphthonge, vgl. ahd. blinte N. PI. M. = got. blinddi, 
ahd. gebe, habe 3. Sg. Konj. Präs. = got. gibdi, Jiabdi, ahd. ahto 
(acht) = got. ahtdu. Hierbei ist zu bemerken, daß sich o 
gespalten hat in a (= ags. e) und o (= ags. a), ohne daß sich 
bisher dafür eine befriedigende Erklärung gefunden hat. Einige 
Ausnahmen (N. PI. M. tagä, G. Sg. sunö) verlangen eine besondere 
Erklärung. Die so entstandenen Verhältnisse haben sich am 
längsten im Alemannischen erhalten, während die nördlicheren 
Dialekte frühzeitig Verkürzungen auch vor Konsonant voll- 
zogen haben. 

§ 89. Die Hauptmasse der Westgermanen blieb in ununter- 
brochenem Zusammenhange, indem sie entweder die Ursprung- 



78 I, 2. Gliederung der gerrn. Sprachen. 

liehen Sitze beibehielt, oder sich langsam nach verschiedenen 
Seiten hin vorschob und so eine Erweiterung der Grenzen 
herbeiführte. Zunächst ging diese Erweiterung vornehmlich 
nach dem Süden, etwas auch nach Westen zu, später auf Kosten 
der Siaven nach dem Osten. Aber einige Stämme, wie ein 
Teil der Sueven und die Langobarden, lösten sich durch plötzliche 
Auswanderung gänzlich von den übrigen los und waren zu 
wenig zahlreich, um unter der vorgefundenen Bevölkerung ihre 
Sprache zu behaupten. Ein Teil der Franken blieb zwar 
zunächst im Zusammenhange mit dem Kerne des Volkes, wurde 
aber unter die ältere Bevölkerung von Gallien versprengt. So 
wurde also ein Teil der Westgermanen, ebenso wie die meisten 
Ostgermanen romanisiert, nicht ohne Spuren in den romanischen 
Sprachen zu hinterlassen. 

An in. Verhältnismäßig reichliche Reste sind uns von der Sprache 
der Langobarden erhalten, besonders in den Gesetzbüchern, vgl. Brückner, 
„Die Sprache der Langobarden", Straßbarg 1S95 (QF. 75). 

Englisch. 
§ 90. Nur eine früh ausgewanderte Gruppe von Stämmen 
hat die aus der Heimat mitgebrachte Sprache bewahrt und 
dann natürlich selbständig weiter entwickelt, die Angelsachsen 
(Angulseaxan, lat. Anglosaxones), wie sie nach den beiden Haupt- 
stämmen gewöhiüich genannt werden. Sie sind hauptsächlich 
während des 5. Jahrhunderts von der Küste der Nordsee nach 
Großbritannien eingewandert. Neben den Angeln, die den 
nördlichsten Teil des Gebietes einnahmen, und den Sachsen 
werden namentlich noch Juten genannt, die sich im Süden (in 
Kent) niederließen. Die letzteren darf man jedenfalls nicht mit 
den später ganz Jütland bewohnenden Skandinaviern in 
Zusammenhang bringen, ebeusow^euig die Sachsen mit dem 
später so bezeichneten^ Hauptstamme Niederdeutschlands ; da- 
gegen w'erden sie identisch sein mit den Saxones der antiken 
Schriftsteller. Jedenfalls hatte die Sprache der verschiedenen 
an der Einwanderung beteiligten Stämme noch einen wesentlich 
einheitliehen Charakter. Unter den Mundarten des Kontinents 
steht ihr das Friesische am nächsten. Man setzt daher eine 
anglo- friesische Sprachgemeinschaft an. Die Anglofriesen 
pflegt man den Ingävones des Tacitus gleichzustellen. Die 



Anglofriesisch. Englisch. 79 

Übereinstimmung' zwischen Ag-.s. und Fries, zeigt sich in folgenden 
Punkten. Westgerm, a in geschlossenen Silben ist im allgemeinen 
zu ce geworden (ag5. fcet, afries. fet); ausgenommen ist a vor 
Nasal, wofür in ags. Hss. l)ald a. bald o geschrieben wird 
{man — mon), was auf einen Zwischenlaut deutet. Entsprechend 
ist ä = germ. e vor Nasal verdumpft (ags. möna, afries. mona 
= ahd. memo „Mond"), sonst zu ce (c) geworden (ags. sJcepan^ 
afries. sUpa = ahd. släfan); für ä aus an erscheint 6 oder 
daraus verkürztes o (ags.-afries. hrolde = got.-ahd. hrähta). 
In unbetonten Silben ist westgerm. o zu a geworden (ags.-afries. 
fana, fona = ahd. fano ..Fahne"), a zu e (ags.-afries. tunge = 
ahd. zunga, ags. eagc, afries. äge = ahd. aiiga). Mit einiger 
Wahrscheinlichkeit kann mau auch hierher ziehen, daß h und g 
vor hellen Vokalen und vor j im Mengl. und im Fries, zu 
palatalen Affrikaten geworden sind; vgl. engl. churcJi, afries. 
tmirJce; afries. ledea = got. lagjan. Im Ags. zeigt allerdings 
die Schrift diesen Übergang noch nicht, doch kann immerhin 
ein Ausatz dazu schon auglofries. gewesen sein. Während in 
diesen Punkten sich das Alts, zum Ahd. stellt, geht es mit dem 
Ags. und Fries, zusammen in dem Schwund der Nasale vor 
ursprünglich hartem Reibelaut, der mit Dehnung des voraul- 
geheuden Vokals verbunden ist, vgl. alts.- afries.- ags. {is = 
ahd. uns, uöer = got. anj)ar, ahd. ander, fif = ahd. finf. 

§ 91. Die älteste Entwicklungsstufe der germanischen 
Sprache in Britannien (bis ca. 1100 oder 1150) pflegte mau 
früher in wissenschaftlichen Werken allgemein als angelsächsisch 
zu bezeichnen, während man die nur deu einen Hauptstamm 
berücksichtigende Bezeichnung „englisch" den späteren Ent- 
wicklungsstufen vorbehielt. Dagegen gilt in den einheimischen 
Quellen von Anfang an engUsc (in den lateinischen aber ge- 
wöhnlich lingiia Saxonka). In neuerer Zeit hat man angefangen, 
„englisch" als allgemeine Bezeichnung zu verwenden und dann 
nach der beim Deutschen üblichen Art drei Perioden als alt-, 
mittel- und neuengl. zu unterscheiden, wobei altengl. dasselbe 
bezeichnet wie angelsächsisch, während mau früher das Wort 
für die älteste Stufe des Mengl. gebrauchte. 

Abgesehen von den schon besprochenen Punkten, in denen 
es mit dem Fries, übereinstimmt, ist das Ags. auch sonst besonders 
durch Eigenheiten im Vokalismus charakterisiert. Von den 



80 I, 2. GliedeniDg der germ. Sprachen. 

germ. Diplithongen erscheint ai als d (cm = got. ciins, abd. 
ein), an als ea (eage = got. di(gö, abd. migd), eu als eo (/eo/" 
^= got. Zni/s, abd. leoh). Kurze Dipbthonge sind durch die 
sogenannte Brechung entstanden. Diese beruht auf der Ein- 
wirkung folgender Konsonanten, die entweder an sich von 
dunkler Klangfarbe sind, oder die eine solche durch Einwirkung 
eines folgenden dunklen Vokals erhalten haben. Dadurch ist 
e zu eo geworden, vgl. heorie = got. hairtö, abd. herza\ 
meolcan = abd. melkan\ fcoJitan = ahd. fehtan; eofor = abd. 
ebur „Eber"; a zu ea, vgl. earm = ahd. arm, eald = ahd. 
alt. eaJda = ahd. ahio „acht", Jwafoc = ahd. hahuh „Habicht", 
Der i-Umlaut ist frühzeitig durchgeführt und auch da ein- 
getreten, wo das i durch die westgerm. Vokalausstoßung 
geschwunden ist. 

An in. Eine Orientierung über die Entwicklung des Englischen gibt 
Kluge im Grundriß der germ. Phil. I, S. 780 — 930. 2926— 1151. Die um- 
fänglichste und zuverlässigste Darstellung des Ags. ist Sievers, „Ags. 
Gramm." 1882. M898. 

§ 92. Für die weitere Entwicklung des Engl, kommen in 
hohem Maße fremde Einflüsse in Betracht. Auffallend gering 
sind die keltischen. Dagegen bat die ausgedehnte Ein- 
wanderung von Skandinaviern, Dänen und Norwegern nicht 
unerhebliche Einwirkungen hinterlassen, vornehmlich in den 
nördlichen Mundarten, aber auch in der Schriftsprache. Der 
Grundcharakter des Engl, konnte dabei wegen der nahen 
Verwandtschaft nicht wesentlich modifiziert werden. Viel ein- 
schneidender wurde der französische Einfluß. Nach der Er- 
oberung Englands durch die Normannen (1066) wurde England 
zweisprachig. Das Französische war die Sprache der vor- 
nehmen Gresellschaft und neben dem Latein auch die offizielle 
Sprache. Es nahm zunächst in den literarischen Erzeugnissen 
des Landes einen viel breiteren Raum ein als das Englische. 
Langsam vollzog sich ein Umschwung. Erst im Jahre 1362 
wurde der Gebrauch des Engl, für das mündliche Gerichts- 
verfahren vorgeschrieben, und erst seit dieser Zeit begann es 
allmählich sich einen Platz in den Parlamentsverbaudlungen 
zu erringen. Wenn auch das Franz. bis zum Ende des MA. 
noch eine ziemliche Rolle spielte, so nahm doch die engl. 
Literatur im 14. und 15. Jahrb. einen gewaltigen Aufschwung. 



Englisch. Deutsch — Niederländisch. 81 

Die lange Dauer der Doppelspraebigkeit vcranlaßte die 
Aufnahme einer großen Masse franz. Spraehgutes in das Engl. 
Bei alledem blieb der germanische Grundeharakter bewahrt. 
Germanisch sind die Reste der Flexion, die Pronomina, die 
Zahlwörter, und auch sonst zwar nicht die meisten, aber im 
allgemeinen doch die am häufigsten gebrauchten Wörter. 
Außerdem hat sich das zunächst mit dem franz. Akzent auf- 
genommene Sprachmaterial allmählich dem germ. ßetonungs- 
priuzip fügen müssen und damit auch dem heimischen Laut- 
charakter. Die Abschwächung der Flexionsendungen, die allen 
germanischen Sprachen infolge der Übereinstimmung in der 
Betonung gemeinsam ist, hat sich im Engl, früher und 
gründlicher vollzogen als im Deutscheu. Das mußte auch ohne 
den Einfluß des Franz. zu einem Ersatz der Kasus durch An- 
wendung von Präpositionen führen. 

Deutsch und Niederländisch. 

§ 93. Die kompakte Masse der Westgermauen, die in 
ununterbrochenem Zusammenhange geblieben ist, scheidet sich 
jetzt in zwei Nationen, die deutsche und die niederländische. 
Diese Scheidung ist aber ziemlich jung, und es beruht auf 
allerhand zufälligen Umständen, daß sich gerade zwei Schrift- 
sprachen herausgebildet und in dieser bestimmten Weise ab- 
gegrenzt hab^n. Mit den alten Mundartengrenzen decken 
sich die jetzigen politischen und schriftsprachlichen Grenzen 
nicht. Unter der Bezeichnung „deutsch"' war früher auch das 
Niederländische eingeschlossen, wie denn in England „dutch" 
schließlieh sogar nur am Ndl. haften geblieben ist. Ahd. diutisc 
ist aus deot (mhd. diet) „Volk" abgeleitet; diutisca zunga (lat. 
lingua theodisca) bezeichnet ursprünglich die volkstümliche 
Sprache im Gegensatz zum Latein. In der Bezeichnung lag 
also nichts, wodurch die Abgrenzung des Gebietes bestimmt 
wurde. Es war natürlich, daß sie auf die germanischen Be- 
wohner des alten deutschen Reiches erstreckt und dann wieder 
infolge der selbständigen Entwicklung der Niederlande ein- 
geschränkt wurde. 

Wir müssen zunächst ohne Rücksicht auf die Schriftsprachen 
eine Gliederung des deutsch -niederländischen Gebietes nach 

Paul, Deutsehe Urammatik, Bd. 1, 6 



82 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

den Mundarten versuchen. Wir haben schon in § 4 gesehen, wie 
mißlich es ist, auf einem Gebiete, innerhalb dessen der Verkehr 
an keiner Stelle unterbunden ist, eine bestimmte Anzahl von 
Mundarten aufzustellen und gegeneinander abzugrenzen. Es 
kann dabei nicht ohne eine gewisse Willkür abgehen, indem 
manche Übergangsstufen vernachlässigt werden. Da aber eine 
grammatische Darstellung nicht leicht ohne Dialektbezeich- 
nungen auskommen kann, müssen wir uns auch an ein be- 
stimmtes System halten, dürfen aber dabei nicht vergessen, 
daß damit die tatsächlichen Verhältnisse nur einen unvoll- 
kommenen Ausdruck finden. 

Ein vollständiges Bild von den mundartlichen Verschieden- 
heiten, insbesondere von ihren Grenzen, läßt sich nur für die 
Gegenwart gewinnen, vgl. darüber § 7. Viele Denkmäler der 
älteren Zeit können wir überhaupt nicht sicher lokalisieren. 
Die Texte, die uns nicht in Originalniederschrift erhalten sind, 
bieten gewöhnlich eine Mischung aus der Mundart des Schreibers, 
später auch mitunter noch des Druckers und seiner Vorlage, 
zugleich Mischung älterer und jüngerer Formen. Zwar gibt es 
noch mancherlei Mittel, um zu einer richtigen Beurteilung des 
Überlieferten zu gelangen. So kann z. B. die Beobachtung 
des Versbaues und namentlich der Reime dazu dienen, den 
Lautwert der Schriftzeichen genauer zu bestimmen und die 
Sprache eines Dichters von Entstellungen durch die Schreiber 
zu reinigen. Doch läßt sich mit solchen Kriterien nicht alles 
entscheiden. 

Die Beobachtung der neueren Mundarten bleibt also ein 
unentbehrliches Hilfsmittel zur Erkenntnis der älteren Sprachen. 
Es verhält sieh nicht so, daß die Zustände der Gegenwart 
durchweg aus überlieferten Zuständen der Vergangenheit 
abgeleitet werden könnten; wir sind vielmehr oft darauf an- 
gewiesen, aus den Zuständen der Gegenwart Rückschlüsse auf 
die der Vergangenheit zu machen. Dabei kann es sich freilich 
nicht um eine einfache Übertragung handeln. Die jetzt be- 
stehende starke Difi'erenzierung, wonach völlige Übereinstimmung 
immer nur höchstens zwischen wenigen benachbarten Orten 
besteht, ist erst ganz allmählich entstanden. Je weiter man 
in der Zeit zurückgeht, um so mehr Unterschiede fallen fort. 
Genauer das Alter der einzelnen Unterschiede zu bestimmen 



Mundartliche Gliederung des Deutschen. 83 

ist freilich in den meisten Fällen unmüg-lich. — Die Grenzen 
des Deutschen gegen die benachbarten Sprachen haben sich 
im Laufe der Jahrhunderte stark verschoben. Zunächst hat 
sieh das Deutsehe nach Westen und Süden zumeist über früher 
romauisiertes Gebiet ausgebreitet. Dies ist der Hauptsache 
nach schon vor Beginn der literarischen Überlieferung geschehen. 
Doch auch später ist das Deutsche nach dieser Richtung noch 
an manchen Stellen vorgeschoben. Seit der Zeit Karls des 
Großen, in stärkerem Maße erst seit dem 12. Jahrhundert hat 
sich das Deutsche über früher slavisches und baltisches Gebiet 
ausgebreitet. Hierbei fanden sich zum Teil Einwanderer aus 
verschiedenen Gegenden Deutsehlands zusammen, deren Sprache 
sich erst nach und nach ausglich. So entstanden neue Mund- 
arten, wie sie in der älteren Zeit (im Ahd. und And.) noch 
nicht vorhanden gewesen waren. Es sind ferner deutsehe 
Kolonien in romanisches, slavisches und ungarisches Gebiet 
eingesprengt, in denen dann die Mundart infolge der Loslösung 
vom Mutterboden oft eine eigenartige Entwicklung genommen 
hat. Auf eine besondere Art ist das Deutsche in die russischen 
Ostseeprovinzen eingesprengt, indem es Sprache der vornehmeren 
Klassen geblieben ist. Anderseits ist das Deutsche auch an 
manchen Stellen durch die romanischen und slavisehen Sprachen 
zurückgedrängt. — Auch innerhalb des Deutscheu haben 
Wanderungen nicht bloß Einzelner, sondern auch geschlossener 
Gruppen stattgefunden, wodurch Mundarteninseln entstanden 
sind, die dann allerdings leicht dem Einflasse der abweichenden 
umgebenden Mundart unterliegen konnten. An den meist schon 
von Hause aus nicht sehr festen Grenzen benachbarter Mund- 
arten konnten sieh leicht kleinere und größere Verschiebungen 
vollziehen. Wieweit sich zwischen benachbarten Gebieten 
Übereinstimmung erhielt oder Spaltung eintrat, das war natürlich 
in hohem Maße durch die größere oder geringere Intensität 
des Verkehrs bedingt. Und diese stand wiederum im Zu- 
sammenhange mit der politischen Gliederung. Auch die religiöse 
Spaltung hat dabei eine Rolle gespielt. Durch die territoriale 
und religiöse Zerrissenheit Deutschlands ist die Dialektspaltung 
begünstigt worden. Anderseits aber haben die Verschiebungen 
in der politischen und konfessionellen Gliederung es mit sich 
gebracht, daß mitunter Gebiete, die sich sprachlich nicht 



84 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

besonders nahe standen, miteinander vereinigt wurden, was 
dann leicht eine gewisse Ausgleichung in der Sprache ver- 
anlaßte oder wenigstens vor weitergehender Spaltung schützte. 

Anm. 1. Eine Gescliiclite des Deutschen mit Ausschluß des Ndl. 
und Fries, gibt 0. Behaghel, Gesch. der deutschen Sprache im Gruudr. 
»526—633. 26.50—780. => in einem besonderen Bande, Straßburg 1911. MÖK,;. 
Darin sind die mundartlichen Verhältnisse besonders berücksichtigt. Vgl. 
außerdem Behaghel, „Die deutsche Sprache", 5. Aufl., Wien u. Leipzig 1911 
(populäre Einführung). Über die Darstellungen, die das Got. mit dem 
Hochd. verbinden, vgl. § 11. 

Anm. 2. Über die Bezeichnung „deutsch" vgl. Behaghel, Gesch. d. 
d. Spr. § 1 und die dort verzeichnete Literatur. 

Anm. 3. Über die Grenzen des Deutscheu und ihre Verschiebung 
vgl. Behaghel, Gesch. d. d. Spr. § 2 — 26, woselbst reichliche Literatur- 
angaben. 

Anm. 4. Eine Bibliographie der deutschen Mundarten gibt Kauff- 
mann im Grundr. d. germ. Phil.- I, S. 1507—30 und Mentz, „Bibliographie 
der deutschen Mundartenforschung", Leipzig 1892. Vgl. ferner „Die 
deutschen Mundarten". Eine Monatsschrift für Dichtung, Forschung und 
Kritik, begründet von Pangkofer, fortgesetzt von Frommann, Nürnberg 
1853 — 57. Als Vierteljahrsschr. Nördliugen 1858. 9. N. F. Halle 1877; 
Nagl, „Deutsche Mundarten", Wien 1896 flf.; Zs. für hochdeutsche Mund- 
arten von Heilig u. Lenz, Heidelberg 1900 ff. Proben der verschiedensten 
Mundarten gibt Firmenich, „Germaniens Völkerstimmen'', Berlin 1843 — 08. 

Anm. 5. Einen Versuch, die Grenzen für eine Eeihe von mundart- 
lichen Eigenheiten festzustellen, hat Wencker in Marburg unternommen 
auf Grund von mundartlichen Umschreibungen bestimmter Sätze in allen 
Ortschaften des norddeutschen Bundes. Als Frucht dieser Bemühungen 
erschien „Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland" I, 1. Straßburg 
1881. Das Unternehmen ist dann auf das ganze deutsche Reich ausgedehnt, 
und es sind eine Reihe von Karten durch Wencker und seine Mitarbeiter 
fertiggestellt, die aber nicht durch den Druck veröffentlicht sind. Berichte 
über die abgeschlossenen Karten sind von Zeit zu Zeit durch Wrede 
im A. f. d. A. von Band 18 an veröffentlicht. Das für den Sprachatlas 
eingeschlagene Verfahren hat viele überraschende Ergebnisse zutage ge- 
fördert. Doch wird auch durch Nachkontrolle an Ort und Stelle manches 
zu berichtigen sein. 

§ 94. J. Grimm schied die deutschen Mundarten, wie dies 
schon vor ihm geschehen war, in nieder- und hochdeutsche. 
Erst allmählich fand man es zweckmäßiger eine Dreiheit 
anzusetzen: nieder-, mittel- (binnen-) und oberdeutsch. Diese 
UnterscheiduDg beruht hauptsächlich auf der verschiedenen 
Stellung zn der zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebung. 
Man könnte danach defiuieren: niederdeutsch ist das Gebiet, 



Mundartliche Gliederuug des Deutschen. Friesisch. 85 

in (lern die Verseliiebuug auf der untersten .Stufe stehen ge- 
bliel)en ist (gewölinlicli sagt man nicht ganz mit Kecht: in 
dem keine Verschiebung eingetreten ist) ; oberdeutsch dasjenige, 
in dem sie am weitesten gegangen ist; mitteldeutsch dasjenige, 
in dem sie auf einer Zwischenstufe steht. Doch diese Konsequenz 
entspricht nicht ganz der allgemein anerkannten Abgrenzung. 
Es findet sich namentlich jetzt in dem als oberd, bezeichneten 
Gebiete noch ein Gradunterschied in der Verschiebung. 

Legt man den Stand der Lautverschiebung der Einteilung 
zugrunde, so hat dieselbe natürlich erst Geltung seit dem 
Vollzug derselben, also etwa seit dem 6. Jahrh. Alter sind 
sieher manche andere mundartliche Verschiedenheiten, deren 
Grenzen sich teilweise mit den alten Stammesgrenzen gedeckt 
haben werden. Trotzdem scheint es mir zweckmäßig, von der 
oben bezeichneten Dreiteilung auszugehen, wobei aber der Vor- 
behalt gemacht werden muß, daß dieselbe nicht zur Aufstellung 
eines Stammbaumes verwendet werden darf. 



A. Niederdeutsch. 
1. Friesisch. 

§ 95. Wie wir in § 00 gesehen haben, teilt das Friesische 
mit dem Ags. eine Anzahl alter Eigentümlichkeiten. Durch 
die Auswanderung nach England ist die anglofriesische Gruppe 
erheblich geschwächt worden. Doch herrschte die eigenartige 
Sprache derselben während des MA. noch auf einem großen 
Gebiete längs der Nordseeküste sowie auf den zugehörigen 
Inseln. Ja Teile des Stammes scheinen auch weiter südlich 
in sächsisches Gebiet eingesprengt zu sein. Wenn wir diese 
Sprache als friesisch bezeichnen, so soll damit nicht gesagt 
sein, daß alle, die sie gesprochen haben, von der Völkerschaft 
abstammen, welche die Alten als Frisii bezeichnen. Sie können 
auf andere sprachlich verwandte Völkerschaften zurückgehen. 
Im Laufe der Zeit ist das Friesische immer mehr von den be- 
nachbarten frärkischen und sächsischen Mundarten aufgesogen, 
teilweise auch durch das Dänische zurückgedrängt. Fries, 
steht dem Hd. besonders fern, namentlich die Verwandlung der 
Palatale in Zischlaute verleiht ihm einen eigentümlichen 
Charakter. Aber im Gegensatz zu dem ursprünglich näher 



86 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

verwandten Ags. ist es mit den eigentlich deutsehen Mund- 
arten immer in Berührung geblieben, weshalb seine spätere 
Entwicklung mehr der von diesen eingeschlagenen analog 
gewesen ist. 

Man teilt das Fries, in drei Hauptdialekte: west, ost- imd 
nordfries. Das Westfries, erstreckte sich ursprünglich zwischen 
Fly und Lauwers. Jetzt wird es noch in Westfriesland ge- 
sprochen, während es sonst von sächsischen oder fränkischen 
Elementen überwuchert ist. Das Ostfries, wurde im MA. in 
der niederländischen Provinz Groningen, in dem ehemaligen 
hannoverschen Ostfriesland und dem Hauptteile von Oldenburg 
gesprochen. Allmählich ist es auf zwei ganz kleine Gebiete 
eingeschränkt, die Insel Wangeroog und das Saterland. Das 
Nordfries, an der Nordseeküste von Schleswig- Holstein und 
auf den Halligen ist auch mehr und mehr zurückgedrängt. 
Zum Nordfries, rechnet man auch die Sprache der Inseln 
Amroem und Föhr, Sylt, Helgoland, die aber doch wieder 
besondere Eigenarten zeigen. 

Das West- und Ostfries, ist uns durch Denkmäler des 
späteren MA., namentlich Kechtsquellen bekannt. Man nennt 
die darin niedergelegte Sprache altfries. Dieselbe ist in 
mancher Beziehung altertümlicher als das Mhd. einer früheren 
Zeit, aber begreiflicherweise doch nicht so altertümlich wie das 
Ahd. oder Alts. Das Westfries, hat ein gewisses literarisches 
Leben bis auf den heutigen Tag behauptet. Die ostfries. 
Literatur ist mit dem MA. zu Ende gegangen. Das Nord- 
und Inselfries, hat niemals eine eigene Literatur gehabt, und 
Aufzeichnungen derselben reichen nicht weit zurück. 

Anm. Eine ausführliche Orientierung über das Fries, gibt Siebs, 
Grnndr. der germ. Phil. I', S. 723—779. -1152—1464; über die friesische 
Literatur ders. II a, 494 ff. ^11, 521 ff. Die älteren ßechtsquellen bei Richt- 
hofen, „Friesische Rechtsqnellen'', Berlin 184U. Dazu „Altfriesisches 
Wörterbuch", Güttingeu 1840. Eine Einführung in das Afries. gibt Heuser, 
„ Altfriesisches Lesebuch mit Grammatik und Glossar'', Heidelberg 1903. 
Über friesische oder anglische Eigenheiten der Sprache an der Bode und 
Unstrut handelt Bremer, PBB. 9,579. Aufzeichnungen, die noch weitere 
Verbreitung des Ostfries, im 17. Jahrh. bezeugen, sind das „Wurstener 
Wörterbuch von Westing", hrsg. von Bremer, PBB. 13,530 und Angaben 
über die Herlinger Mundart von Cadovius- Müller, hrsg. von Kükelhans, 
Leer 1875. 



Friesisch. Niedersächsiseh. 87 

2. Niedersächsiseh. 

§ 9<). Das Niedersächsisehe umfaßt jetzt ein sehr großes 
Gebiet. Es gehört da/Ai ein Teil der nördlichen Niederlande, 
die Provinz Westfalen außer dem Kreise Siegen (docli deckt 
sieh die Grenze zwischen Westfalen und der Rheinprovinz 
auch sonst nicht ganz mit derjenigen zwischen sächsisch und 
fränkisch), die Provinz Hannover, abgesehen von den Resten' 
des Friesischen und einer mitteldeutschen Kolonie um Klaus- 
tal, Waldeck, Lippe, der nördlichste Zipfel des ehemaligen 
Kurhessen, Braunschweig, die Hauptmasse von Oldenburg, 
Schleswig- Holstein, soweit es nicht dänisch oder friesisch ist, 
Hamburg, Lübeck, Bremen, der Regierungsbezirk Magdeburg, 
von dem südlichsten Teile abgesehen, Teile von Anhalt, Mecklen- 
burg, Pommern, Brandenburg ohne den südlichsten Teil, West- 
und Ostpreußen, abgesehen von einem kleinen mitteldeutschen 
Gebiet. 

Zur Zeit Karls des Großen war das niedersächsische Gebiet 
erheblich kleiner. Das Fries, hatte noch eine beträchtliche 
Ausdehnung. Das Dänische reichte weiter südlich. Der große 
östliche Teil bis über die Elbe hinaus war von slavischen oder 
baltischen Stämmen bewohnt, deren Sprache erst allmählich 
bis auf geringe Reste zurückgedrängt worden ist. In dies 
Kolonisationsgebiet sind nicht ausschließlich Niedersachsen ein- 
gewandert. So sind die sumpfigen Niederungen der Oder und 
Weichsel zum Teil von Nieder- und Mittelfranken urbar gemacht. 
Besonders gemischt waren wohl die Einwanderer in Preußen, 
da sich der deutsche Orden aus allen deutschen Stämmen 
rekrutierte. Die Sprache der hier im 14. Jahrh. entstandenen 
Literatur ist mitteldeutsch. 

Die Grenze des alten niedersächsisehen Gebietes gegen 
das Mitteldeutsche ist ziemlich konstant geblieben. Dagegen 
hat auf dem Kolonisationsgebiet eine Verschiebung zugunsten 
des letzteren stattgefunden. Teilweise ist wohl von Anfang 
an die Bevölkerung eine gemischte gewesen, und nur das 
anfängliehe Übeigewieht des niederd, Elements unter dem Ein- 
flüsse des benachbarten Mitteldeutschen gebrochen. Wittenberg 
zeigt sich schon durch seinen Namen als ein ursprünglich 
niederd. Ort. In den Urkunden der Stadt Halle ist im Laufe 
des 15. Jahrhunderts die niederd. Sprache durch die mitteld. 



88 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

abgelöst, lu die Gegend von Klaustal sind mitteldeutsche 
Bergleute eingewandert. 

§ 97. Die älteste Entwicklungsstufe des Niedersäclisischen, 
die der althochdeutsclien entspricht, pflegt man als altsächsisch 
zu bezeichnen. Sie ist literarisch vertreten durch den Heliand, 
Fragmente einer poetischen Bearbeitung der Genesis und einige 
nicht sehr umfängliche Prosatexte und Glossen. Die prosaischen 
Stücke lassen sich zum Teil genauer lokalisieren. Die spezielle 
Heimat des Heliand ist viel umstritten und meines Erachtens 
nicht festzustellen. Auch zeigen die Hss. mundartliche Ver- 
schiedenheiten. 

Anm. Grammatische Behandlungen des Alts, sind außer den schon 
genannten, die mit derjenigen anderer Mundarten verbunden sind (Grimm, 
lloltzmann, Bethge): Heyne, „Kleine alts. n. anfräuk. Gramm.", Paderborn 
1873. 2 1910; Holthausen, „Alts. Elementarbuch-', Heidelberg 1S99; Gallee, 
„Alts. Gramm." 1891. ^lyio. Sehr ausführlich ist Behaghel, „Die Syntax 
des Heliand", Prag, Wien, Leipzig 1897. 

§ 98. Für die mittlere Periode ist die entsprechende 
Bezeichnung mittelsächsisch nicht üblich geworden, die ja 
allerdings auch leicht mißverstanden werden könnte. Mau ge- 
braucht allgemein mittelniederdeutsch. Diese Bezeichnung ist 
aber ungenau, indem darin auch das Niederfränkische mit ein- 
begriffen werden kann. Besonders ist Verwirrung dadurch 
entstanden, daß man einen Teil des Niederfränkischen als 
niederländisch ausgesondert, einen andern dagegen mit dem 
Niedersächsischen zusammengeworfen hat. Das Mnd. im engeren 
Sinne ist in bezug auf literarische Verwendung erheblieh hinter 
dem Hochdeutschen zurückgeblieben. Die wenigen aus Nieder- 
deutschland stammenden Dichter haben zunächst (seit Ausgang 
des 12. Jahrhunderts) versucht hochdeutsch zu schreiben. Im 
13. Jahrh. sind einige niederd. Prosatexte entstanden. Erst 
das 14. und 15. Jahrh. bringt reichlichere Aufzeichnungen in 
niederd. Sprache, auch manche poetische, in denen aber auch 
zum Teil hochdeutscher Einfluß zu verspüren ist. Im 16. Jahrh. 
wird das Nd. allmählich durch das Hd. aus der Literatur 
verdrängt. 

Anm. Vgl. Lübben, „Mnd. Gramm, nebst Chrestomathie und Glossar", 
Leipzig 18S2. Besser ist Agathe Lasch, „Mnd. Gramm.", Halle 1914. Der 
Wortschatz des Mnd. ist verzeichnet bei Schiller- Lübben, „Mnd. Wörter- 



Nicdcrsächsisch. Niederfränkisch. 89 

buch", Bremen 1875 — Sl. Kin Auszuf;^ daraus, der aber auch Ergänzungen 
bringt, ist Lübbcu-Walthcr, „Mud. Ilandwörterbnch'', Norden u. Leipzig 

1885—88. 



3. Niederfränkisch. 

§ 00. Niederfränkisch ist die Hälfte von Belgien, während 
die andere Hälfte französisch ist, Holland, soweit es nicht 
sächisch oder friesisch oder gemischt ist, und der nördliche 
Teil der Kheinprovinz jenseits Düsseldorf. Germanische Mund- 
arten, wohl teils fränkische, teils sächsische, erstrecken sich 
auch etwas nach Frankreich hinein und haben sich früher 
noch weiter erstreckt. Ein südlicher Streifen, abgegrenzt 
durch eine Linie zwischen Mors und Kempen, der teils zu 
den Niederlanden, teils zur Rheinprovinz gehört, hebt sich von 
dem übrigen ab durch teilweise Verschiebiing des A", so daß 
man ihn ganz streng genommen nicht mehr zum Nd. rechnen 
dürfte. Die älteste Entwicklungsstufe des Altniederfränk. ist 
vertreten durch eine Psalmenübersetzung, die uns nur teilweise 
aus älteren Drucken und durch Auszüge, die sogenannten 
Glossen des Lipsius, bekannt ist, während die Handschrift ver- 
loren gegangen ist. Im 12. Jahrh. ist der südliche Streifen ver- 
treten durch Bruchstücke eines Legendars und die Dichtungen 
Heinrichs von Veldeke. Diese Werke stehen nach den An- 
regungen, denen sie folgen, wie nach ihren Wirkungen mit 
der hochdeutschen Literatur in Verbindung. Dagegen ist im 
13. Jahrh. in den Niederlanden eine von der hochdeutschen 
unabhängige Literatur entstanden, zuerst stark unter fran- 
zösischem Einfluß stehend, allmählich sich zu größerer Selb- 
ständigkeit entwickelnd. Anfangs waren an derselben haupt- 
sächlich die jetzt belgischen Provinzen beteiligt. Die Literatur- 
sprache erhielt dadurch einen vorwiegend fränkischen, speziell 
westniederfränkischen Charakter. Auf die nördlichen Provinzen 
übertragen, wurde sie von manchen friesischen und sächsischen 
Elementen durchsetzt: Indem diese Provinzen ihre Selbständig- 
keit errangen, wurde sie in ihnen erst recht zur Staats- und 
Gemeinsprache, die nicht mehr, wie das Niedersächsische oder 
das Niederfränkische, in dem bei dem deutschen Reiche ver- 
bliebenen Gebiete von der hochdeutschen Schriftsprache unter- 
drückt werden konnte. In den südlichen Niederlanden dagegen 



90 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen. 

verfiel die früher blühende Literatur, und das Französische 
wurde die eigentlich herrschende Schriftsprache. Doch sind 
im 19. Jahrh. in Belgien die Bestrebungen, dem sogenannten 
Flämischen wieder mehr offizielle Geltung und literarische 
Entfaltung zu verschaflfen, nicht ohne Erfolg geblieben, 

Anm. Die Sprache der anfräuk. Psalmen ist am ausführlichsten 
behandelt von A. Borgeld, „De ondoostnederfrankische psalmen. Klank- 
en vormleer". Groningen, Diss. 1S09. Über den südlichen Streifen vgl. 
Busch, Zs. f.d. Phil. l(i, 171; Th. Frings, PBB. 41, S. 103. Über die Sprache 
Heinrichs von Veldeke vgl. die grundlegende Arbeit von W. Braune, Zs. 
f. d. Phil. 4, 249 ff.; dazu Behaghel in seiner Ausgabe; C. Kraus, „Heinrich 
V. Veldeke und die mhd. Dichtersprache" Halle 1 S99 ; Kern, „Zur Sprache 
Veldekes" in Phil. Stadien, Festgabe für Sievers, Halle 1896. Eine 
Orientierung über das Ndl. gibt Jan te Winkel im Grundr. der germ. Phil. 
I, 634—722. -781 — 921. Die beste Einführung für das Mndl. bietet 
Franck, „Mndl. Grammatik", Leipzig 1883. -1910. Lexikalisch ist das 
Mndl. behandelt von Oudemans, „Bijdrage tot en Middel- en Oudned. 
Woordenboek", Arnhem 1869 — 80; Verdam (und Verwijs), „Mnl. Woorden- 
boek", s'Gravenhage 1882flf. Der Neundl. Wortschatz erfährt nach dem 
Muster des Grimmschen Wb. eine ausführliche Behandlung in dem 
„Woordenboek der Nederlandsche Taal", begründet von M. de Vries und 
L. A. te Winkel, s'Gravenhage u. Leiden 1864 ff. Außerdem vgl. Franck, 
„Etymologisch Wb. der Ned. Taal", s'Gravenhage 1884 — 92. 2. Aufl. besorgt 
von van Wyk 1912. 

B. Mitteldeutsch. 

§ 100. Den Grundstock des Mitteid. bilden fränkische 
Mundarten, die in der ahd. Periode allein literarisch vertreten 
sind. Später sind Mundarten hinzugekommen, die durch Koloni- 
sation auf ehemaligem slavischen Gebiete entstanden sind. 

Das Fränkische ist durch die Lautverschiebung in ver- 
schiedene Teile auseinander gerissen. An das Niederfränk. 
schließt sich südlich zunächst ein Gebiet an, das zuerst von 
Braune als mittelfränk. bezeichnet ist. Es umfaßt die Haupt- 
masse der Rheinprovinz, Luxemburg, von Westfalen den Kreis 
Siegen, den nordwestlichen Zipfel des ehemaligen Herzogtums 
Nassau. Dieses Gebiet zerfällt aber wieder in zwei nicht un- 
wesentlich verschiedene Teile, einen größeren nördlichen mit dem 
Hauptort Köln und einen kleineren südlichen mit dem Hauptort 
Trier. Für den ersteren ist die Bezeichnung ripuarisch ein- 
geführt, für den letzteren die Bezeichnung moselfränk., die 
insofern nicht recht passend ist, als auch rechtsrheinisches Land 



Niederfränkiseh. Mitteldeutsch. 91 

dazu gehört. Hauptsächlich aus diesem Teile des Mittelfränk. 
stammen die fälschlich als Sachsen bezeichneten Kolonisten in 
Siebenbürgen, deren Dialekt daher auf der gleichen Stufe der 
Lautverschiebung steht, aber natürlich infolge der Loslösung 
vom Mutterboden auch eine eigenartige Entwicklung durch- 
gemacht hat. An das Mittelfränk. schließt sieh südlich die 
Mundart an, für die man jetzt die freilich an sich ungenaue 
Bezeichnung rheinfränk. gebraucht. Nach dem Stande der 
Lautverschiebung kann man in dieselbe auch das Hessische 
miteinbeziehen. Dann gehört dazu der südlichste Streifen der 
Rheinprovinz, Deutsch -Lothringen, die bayrische Pfalz, der 
nördlichste Streifen des Elsaß, die Hauptmasse der Provinz 
Hessen, Hessen -Darmstadt, ein nördlicher Teil von Baden und 
Württemberg, ein Zipfel des bayrischen Franken mit Aschaflfen- 
burg. In einem südlichen Streifen erfolgt allmählich ein 
Übergang zum Alemannischen. Man bezeichnet denselben als 
südfränk. Zu diesen westlichen Mundarten kommt noch das 
Ostfränkische in einem Gebiete, in das Franken erst ziemlich 
spät eingedrungen sind, wo sie sich mit älterer germanischer, 
später im Osten mit slavischer Bevölkerung gemischt haben. 
p]s gehört dazu die Hauptmasse der bayrischen Provinzen 
Franken, Teile von Württemberg und Baden (Wertheim, Tauber- 
bisehofsheim), die thüringischen Herzogtümer Meiningen, Hild- 
burghausen, Koburg, das Vogtland, d. h. die Fürstentümer Reuß 
und ein Teil des Königreichs Sachsen. Das Süd- und Östfränk. 
faßt man auch unter der Bezeichnung ob er fr an k. zusammen. 
]\Ianche Forscher sind dafür eingetreten, dieses Oberfränkische 
zum Oberdeutschen zu rechnen. Allerdings unterscheidet es 
sich jetzt in bezug auf die Lautverschiebungsstufe nicht von 
dem zunächt anstoßenden Alemannischen und Bayrischen. Aber 
in der ahd. Zeit besteht ein deutlicher Unterschied, und nach 
anderen Momenten stellt sich das Östfränk. zum Mitteid. 

Als ostmitteld. bezeichnet man die Mundarten eines 
Gebietes, das zum bei weitem größten Teile erst den Slaven 
abgewonnen ist. Das Ostmitteld. scheidet man wieder in 
thüringisch, obersächsisch und schlesisch. Zum 
Thüringischen gehören die Herzogtümer Weimar-Eisenach, Gotha, 
Altenburg, die Fürstentümer Schwarzburg, ein Teil der Provinz 
Sachsen (ungefähr der Regierungsbezirk Erfurt), die Umgegend 



92 I, 2. Gliederung der germ. Sprachen, 

von Klaustal; zum Obersächsiselien das Königrcieli Sachsen 
außer dem Vogtlande uud der Lausitz, von der Provinz Sachsen 
ungefähr der Regierungsbezirk Merseburg und der südliche 
Rand des Regierungsbezirks Magdeburg, Anhalt, der südliche 
Teil der Provinz Brandenburg, ein Teil von Böhmen; zum 
Schlesischen Preußisch- und Österreichisch -Schlesien, soweit 
es nicht slavisch ist, die sächsische Lausitz, Teile von Böhmen, 
das Deutsche in Mähren; dazu kann auch wohl das Deutsche 
in der Provinz Posen gerechnet werden und das kleine mittel- 
deutsche Gebiet in Preußen. Doch sind namentlich die Grenzen 
zwischen obersächs. und thüring. schwer genau zu bestimmen. 

Anm. Die Abgrenzung der md. Mundarten nach dem Stand der 
Lautverschiebung ist zuerst aufgestellt von Braune in seiner Abhandlung 
„Zur Kenntnis des Fränkischen und zur hochdeutschen Lautverschiebung", 
PBB. 1, 1. Eine wichtige Ergänzung dazu gibt K. Nörrenberg, „Studien 
zu den niederrheinischen Mundarten", PBB. 9, 371. Über Grenzen und 
Gliederung des Obersächs. handelt C. Franke, „Der obersächsische Dialekt", 
Progr. von Leisnig 1S85. Vgl. ferner dessen Abhandlung „Ostfränkisch 
und Obersächsisch", Bayerns Mundarten I, S. 374; II, S. 73 u.317. Über das 
Schlesische orientiert W. von Unwerth , „Die schlesische Mundart in ihren 
Lautverhältüissen grammatisch und geographisch dargestellt", Breslau 1908. 

C. Oberdeutscli. 

§ lOL Das Oberdeutsche scheidet sich zunächst in zwei 
Hauptgruppen, bayrisch und alemannisch in weiterem Sinne. 
Das Bayrische zerlegen wir in drei Untergruppen, nordbayr. 
oder ober pfälzisch in der Oberpfalz, dem anstoßenden Teile 
v<m Böhmen und einem Teile von Franken mit Nürnberg; 
mittelbayr. in Nieder- und Oberbayern, abgesehen von dem 
südlichsten Rande, dem nördlichen Teile von Salzburg, Ober- und 
Niederösterreich; südbayr. in dem Südrande von Oberbayern 
im südlichen Teile von Salzburg, Tirol und Kärnten, Steiermark. 
Bayrische Sprachinseln sind in italienisches, slavisches und 
ungarisches Gebiet eingesprengt. Das Alemannische im weiteren 
Sinne zerfällt in das Schwäbische und das Alemannische 
im engeren Sinne. Ersteres umfaßt die Hauptmasse von 
Württemberg, Hohenzollern und die bayrische Provinz Sehwaben, 
in der aber das Allgäu einen Übergang zum Alemannischen 
bildet. Letzteres umfaßt die deutsche Schweiz, Vorarlberg, das 
südliche Baden, das Elsaß bis auf den nördlichen fränkischen 



Kap. B. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 93 

Teil. Es teilt sich wieder in HocL- und Niederalem. Zu 
ersterem gehört die Schweiz außer Basel und angrenzende 
Teile von Baden und Elsaß. 

Anm. Über die Gliedernug der bayr. Mundarten vgl. Sehatz, ,,Die 
tirülische i\Inndart", Innsbruck 190.H. Die Abgrenzung und die Gliederung 
des Schwab, veranschaulicht IT. v. Fischer, „Geographie der schwäb. Mund- 
art", Tübingen 1S95. Darin werden, wie im Weuckerschen Sprachatlas, die 
Grenzen für eine Anzahl wichtiger Eigenheiten auf Karten dargestellt. 

Kap. 3. Übersicht über die Entwicklung des 
Hochdeutschen. 

§ 102. Wir fassen die beiden oben geschiedenen Gruppen 
des Ober- und Mitteldeutsehen doch wieder als hochdeutsch 
zusammen. Dies geschieht zunächst, weil sie von Anfang an 
eine literarische Einheit bilden, so daß es nicht wohl angeht, 
eine besondere oberdeutsche und eine besondere mitteldeutsche 
Literatur zu unterscheiden. So ist denn auch aus ihrer gegen- 
seitigen Beeinflussung unserer Gemeinsprache, wie man gewöhn- 
lich sagt, die hochdeutsche Schriftsprache erwachsen, und zwar 
so, daß das Mitteid., speziell das Ostmitteid. den eigentlichen 
Grundstock gebildet hat. 

Man unterscheidet gewöhnlich drei Entwicklungsstufen 
des Hochdeutschen: alt-, mittel- und neuhochdeutsch. Das 
erste rechnet man vom Beginn der zusammenhängenden Auf- 
zeichnungen (etwa 750 — 770) bis gegen das Ende des 11. Jahrb. 
Als Kriterium für die Abgrenzung gegen das Mhd. betrachtet 
man die Abschwäehung der vollklingenden Vokale in den 
unbetonten Silben zu schwachem e, wobei aber zu berück- 
sichtigen ist, daß dieselbe nicht auf dem ganzen Gebiete zu 
gleicher Zeit erfolgt ist, und daß im Alemannischen die langen 
Vokale ihre alte Qualität bis in das Mhd., ja zum Teil bis ins 
Nhd. bewahrt haben. Die Grenze zwischen Mhd. und Xhd 
läßt man gewöhnlich mit der Grenze zwischen Mittelalter und 
Neuzeit zusammenfallen, wobei dann die Wirksamkeit Luthers 
für die Begründung der Gemeinsprache in Anschlag gebracht zu 
werden pflegt. Im übrigen läßt sich eigentlich kein bestimmtes 
Kriterium für die Abgrenzung angeben. Die charakteristischen 
Unterschiede unserer jetzigen Schriftsprache von der Sprache 



94 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeatschen. 

in der Blütezeit der mhd. Literatur sind teils älter, teils jünger. 
Zum Behuf genauerer Uutersclieidung gebrauche ich die Be- 
zeichnungen spätmittelhoehdeutsch (14. 15. Jahrh.) und altneu- 
hochdeutsch (16. 17. Jahrh.). 



Die grammatische und lexikalisclie Behandlung 
des Hoehdeiitseheu. 

§ 103. Wenn ich im folgenden neben der grammatischen auch die 
lexikalische Behandlung berücksichtige, so ist dies dadurch begründet, daß 
die letztere vielfach zur Ergänzung der erstereu herangezogen werden 
muß, zumal da sie im allgemeinen reichhaltiger und ausführlicher gewesen 
ist als jene. 

§ 104. Behandlungen der ganzen Entwicklung des Hd. in größerem 
Rahmen sind schon früher erwähnt (Grimm, Wilmauus, Kanffmann, 
Behaghel). Auf guter Beherrschung der Literatur beruht Lichtenberger, 
„Histoire de la laugue Allemande", Paris 1S95. Die Darstellung der älteren 
Literatursprache mit derjenigen der modernen Mundarten ist verbunden 
bei Weinhold, „Bayr. Grammatik", Berlin 1867 uud „Alem. Grammatik", 
Berlin 1S63. Sie steht leider auf einem veralteten Standpunkt, uud die 
verkehrte Anordnung macht eine Übersicht über die Entwicklung un- 
möglich. Wörterbücher, die Ahd. und Mhd., z. T. auch Got. umfassen, 
sind Wackernagel, „Wörterbuch zum altdeutschen Lesebuch" 5. Aufl., Basel 
1878 uud Schade, „Altdeutsches Wörterbuch", Halle 1872 — 82. Letzteres 
enthält auch reichhaltige Vergleichuugen mit den übrigen germanischen 
Sprachen, sowie mit den indogermanischen und romanischen. 

§ 105. Das Ahd. hat eine besondere Darstellung gefunden durch 
Braune, „Ahd. Grammatik", Halle 1886. 3. 41911^ wodurch alle früheren 
Darstellungen antiquiert sind. Derselbe hat einen Abriß veröffentlicht 
Halle *190G. Sehr eiogehend sind Schatz, „ Altbairische Grammatik", 
Göttingen 1907 und Frauck, „Altfränkische Grammatik", Göttingen 1909. 
Spezielle grammatische Behandlungen einzelner Denkmäler enthalten z. T. 
die Ausgaben derselben. Der Wortschatz des Ahd. hat früh eine aus- 
führliche Darstellung gefunden durch Graff, , Althochdeutscher Sprach- 
schatz", Berlin 1834 — 42. Die Anordnung darin ist nach sogenannten 
Wurzeln gemacht und folgt nicht dem gewöhnlichen Alphabet. Daher ist 
noch ein alphabetisches Register angeschlossen von Maßmaun (allerdings 
auch nicht rein alphabetisch), Berlin 1846. Spezialwörterbücher enthalten 
manche Ausgaben. 

§ 106. Die vollständigste grammatische Behandlung des Mhd., ab- 
gesehen von der Syntax, bietet Weinhold, „Mhd. Grammatik", Paderborn 
1877. *1883. Die Darstellung darin ist besser als in der alem. und bair. 
Gramm., steht aber doch nicht auf dem neuesten Standpunkt der Forschung. 
Kürzere Darstelluugen sind: Weinhold, „Kleine mhd. Grammatik", Wien 1881. 



Die grammatische Behandlung des Hochdeutschen. 95 

Dritte wesentlich verbesserte Aufl. besorgt von Ehrismann 190.3; Paul, 
„Mhd. Grammatik", Halle 18S1. »1913 (von der 2. Aufl. an mit Syntax); 
Michels, „Mhd. Elementarbuch", Heidelberg litOO. 21912. Ausführlicher als 
die Gramm, ist der Wortschatz behandelt: Miiller-Zarncke, ,. Mhd. Wörter- 
buch", Leipzig 18.54 — 61; Lexer, „Mhd. Handwörterbuch", Leipzig IStj'J — 78. 
Beide zusammen sind unentbehrlich. Letzteres war ursprünglich als Register 
zu ersterem und als ein kürzerer Auszug daraus gedacht, wollte aber zu- 
gleich Ergänzungen bringen. Dieser letzte Zweck ist aber zur Haupt- 
sache geworden. Ein bequemes Hilfsmittel für Anfänger ist Lexer, „Mhd. 
Taschenwörterbuch", Leipzig 1879. 

§ 107. Für das Nhd. müs.sen wir auch die älteren, rein praktischen 
Zwecken dienenden Darstellungen aufführen, weil sie, so unvollkommen 
sie sein mögen, für uns den Wert von Quellenschriften haben. Eine 
Geschichte derselben findet man bei Raumer, „Geschichte der germanischeu 
Philologie in Deutschland", München 1870; Paul, „Geschichte der ger- 
manischen Philologie" in seinem Grundriß I, S. 9; am ausführlichsten bei 
Jellinek „Geschichte der nhd. Grammatik von den Anfängen bis aui 
Adelung" LH., Heidelberg 1913. 1914. 

§ los. Die ältesten grammatischen Schriften sind besprochen und 
größtenteils abgedruckt bei Joh. Müller, „Quellenschriften und Geschichte 
des deutschsprachlichen Unterrichts bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts", 
Gotha 1882. Dieselben wollen dem Lese- und Schreibunterricht dienen. 
Sie zerfallen in zwei Klassen, eine mehr elementare, hauptsächlich für den 
Leseunterricht bestimmte, und eine mit orthographischen Anweisungen für 
berufsmäßige Schreiber und Notare. Von der ersteren Art reicht die älteste 
noch in das 1-5. Jahrh. zurück: Hueber, „Modus legendi", Landshut 1477 
(Müller S. 9). Im 16. Jahrh. verfaßte VaL Ickelsamer eine Schrift „Die 
rechte weis auffs kürtzist lesen zu lernen", wovon die erste Ausgabe 1.527 
erschienen ist (vgl. V. Moser, Zs. f. d. Phil. 47, S. 116), die zweite 1534 in 
Rothenburg a. d. Tauber (Müller S. 52). An ihn schließen sich an Peter 
Jordans „Leyenschül" 1533 (Müller S. 110), Jacob Grüszbeutels „Stimmen- 
büchlein" 1531. 1534 (Fechner, 4 seltene Schriften des 16. Jahrh.), Ortholph 
Fuchspergers „Leeszkonst", 1542 (Müller S. 166). Unabhängig dagegen ist 
das „Euchiridion" von Joann Kolrosz, Basel 1530. Die andere Art ist in 
Anweisungen zur Anfertigung von Schriftstücken eingefügt, wie sie schon 
im MA., seit dem 15. Jahrh. auch in deutscher Sprache, üblich waren. 
Hierher gehört der „Schryflftspiegel", Köln 1527 (Müller S. 382), die „Ortho- 
graphia" des Schlesiers Fabian Fraugk als Anhang zu seiner „Cantzley", 
Wittenberg 1531 (Müller S. 92) und die „Orthographia" im ..Handbüchlein" 
des Schwaben Meichszner 1538 (Müller S. 160). Ickelsamer verfaßte später 
auch ein Werk unter dem Titel „Ein Teutsche Grammatiea" (Müller S. 120, 
besondere Ausgabe von Kohler, Freiburg i. B. 1S8I), das aber im wesent- 
lichen doch nur eine Orthographie bietet, ausgezeichnet durch sorgfältige 
Beobachtung der Aussprache. 

§ 109. Zur Abfassung eigentlicher Grammatiken führte zunächst das 
Bedürfnis des Unterrichts von Ausländern in der deutschen Sprache, 



96 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

weshalb sie auch lateinisch abgefaßt sind. Die ältesten Versuche sind 
sehr unvollkommen, unvollständig und sklavisch an die übliche lateinische 
Grammatik angeschlossen, weshalb sie auch vielfach unnützen Ballast mit- 
führen. Erst langsam hat man sich von diesen Übelständen etwas 
freigemacht. Kurz hintereinander sind zwei Grammatiken erschienen: 
Laureutius Albertus Ostrofrancus, „TeutschGrammatick oder Sprach-Kunst", 
1573 (neue Ausg. von C. MüUor-Fraurenth, Straßburg 1895); Albert Oelinger, 
,.Unterricht der Hoch Teutschen Spraach", Straßburg 1574. Beide Werke 
zeigen mannigfache Berührungen, weshalb einer den andern benutzt haben 
muß. Nach der Erscheinungszeit müßte Oelinger der Plagiator sein, was 
nur deshalb bezweifelt worden ist, weil Oelinger auf eine unrechtmäßige 
Benützung seines Manuskripts zu deuten scheint. Es folgt Clajus, „Gram- 
matica Germanicae linguae ex Bibliis Lutheri Germauicis et aliis eins 
libris collecta'", Leipzig 15751 (neue Ausg. v. F. Weidling, Straßburg 1894). 
Dies Werk hat bleibenderen Erfolg gehabt (eine 11. Aufl. ist noch 1720 
erschienen), und es schließt sich daran die Weiterentwicklung im 17.Jahrh. 
an. Diesen Erfolg verdankt es nicht sowohl besonderen Vorzügen der 
Darstellung, als vielmehr seinem Anschluß an die Sprache Luthers. Auch 
nach dem Erscheinen vollständigerer Grammatiken wurden noch elemen- 
tarere Hilfsbücher zur Erlernung des Lesens und Schreibens veröffentlicht, 
so z. B. Sebastian Helbers „Tentsches Syllabierbüchlein" 1593 (neue Aus- 
gabe v. G. Roethe, Freiburg i. B. 1S82); J. Rd. Sattler, „Teutsche Ortho- 
graphey vnd Phraseologey", Basel 1607. 

§ 110. Im 17. Jahrhundert gingen Anregungen zur Behandlung der 
deutschen Grammatik einerseits von den Sprachgesellschaften aus, ander- 
seits von den pädagogischen Bestrebungen des Ratichius, der Erteilung des 
Unterrichts in der Muttersprache verlangte. So wird für die Grammatiken 
allmählich der Hauptzweck Belehrung für Deutsche in der Schriftsprache 
und Festsetzung derselben. Noch lateinisch abgefaßt sind: St. Ritter, 
„Grammatica Germanica Nova", Marburg 161G; H. Schöpf, „Institutioues 
in linguam Germanicam sive Alemannicam", Mainz 1625. Die erste deutsch 
abgefaßte Grammatik sucht die Methode des Ratichius zur Geltung zu 
bringen : Joh. Kromayer, „Deutsche Grammatica, zum newen Methodo, der 
Jugend zum besten zugerichtet", Weimar 1618. Es folgen: Jac. Brucker, 
„Teutsche Grammatic", Frankf 1620; Tilemann Olearins, „Deutsche Sprach- 
kunst", Halle 1630. Im Auftrage der Fruchtbringenden Gesellschaft ver- 
faßt ist Ch. Gueintzeus „Deutscher Sprachlehre Entwurf", Cöthen 1641. 
Alle früheren Grammatiken übertrifft bei weitem an Ausführlichkeit 
Just. Gg. Schottelius, „Teutsche Sprachkunst", Braunschweig 1641. '•' 1651. 
Diese ist dann eingefügt in seine „Ausführliche Arbeit von der Teutschen 
Haubt Sprache", Braunschw. 1663. Hier ist sie umrahmt von allerhand 
historischeu Untersuchungen, die aber auf seine Darstellung der Grammatik 
so gut wie gar keinen Einfluß gehabt haben. Er beschränkt sich eben- 
falls auf Festsetzung des für seine Zeit Gültigen, wobei allerdings manches 
schon Veraltete mitgeschleppt wird. Weniger wichtig sind: I. Girbert, 
„Deutsche Grammatica oder Sprachkunst", Mülilhauseu 1653; Nath, Duesius, 



Nhd. GrammatikeD. 97 

„Compendium grammatlcae Gernianicae'', Amsterdam 1666; Is. Pölman, 
„Neuer huochdeutseher Donat, zum Grund gelegt der neuen hoochdeutscheu 
Grammatik", Berlin 1671. Ders., „Neue kurtz- und deutliche Sprachkunst-', 
Kegensburg 1687. I. Bijdikers „Grundsätze der Teutsclien Sprache Im 
Reden und Schreiben", Cöln a. d. Spree 161)0, haben bedeutend gewonnen 
durch die Bearbeitung vuu J. Lb. Frisch (Berlin 1723) und sind später 
durch neue Zusätze vermehrt von J. Jak. Wippel (Berliu 1 746). 

§ 111. Aus dem 18. Jahrhundert sind zu erwähnen Cp. E. Steinbach, 
„Knrtze und gründliche Anweisung zur deutschen Sprache", Rostock u. 
Parchim 1724; J. B. v. Autesperg, „Kayserliche Deutsche Grammatick", 
Wien 1747. Einen maßgebenden Einfluß gewann Gottsched mit seiner 
„Grundlegung einer deutschen Sprachkunst, nach den Mustern der besten 
Schriftsteller des vorigen und itzigen Jhrh.", Leipzig 1748. Diesen Ein- 
fluß verdankt das ziemlich oberflächlich geirbeitete Werk hauptsächlich 
dem Umstände , daß es entschieden mit dem Anschluß au die ältere 
Tradition brach und einen zeitgemäßen Standpunkt einnahm. Es erlebte 
bis zum Jahre 1776 sechs Auflageu und wurde erst durch Adelungs 
Arbeiten verdrängt. Auch erschien ein kürzerer „Kern der deutschen Sprach- 
kunst", Leipzig 1753. ^1777. Ganz abhängig von Gottsched ist (H.Braun) 
„Anleitung zur deutschen Sprachkunst zum Gebrauch der Schulen in den 
Churlanden zu Baiern", München 1765, umgearb. Aufl. Salzburg 1776. 
Selbständiger sind J. Mch. Heinzen, „Anmerkungen über des Herrn Prof. 
Gottscheds deutsche Sprachlehre", Göttiugen 1759; J. Sgm.Yal. Popowitsch, 
„Die notwendigsten Anfangsgründe der deutschen Sprachkunst, zum 
Gebrauch der österr. Schulen ausgefertiget", Wien 1754; K. F. Aichinger, 
„Versuch einer deutscheu Sprachlehre", Frankf. u. Leipz. 1753; Oh. F.Hempel, 
„Erleichterte hochdeutsche Sprachlehre", Frankfurt 1754; J. F. Heynatz, 
„Deutsche Sprachlehre zum Gebrauch der Schulen", Berlin 177U. M8ü3; 
Jac. Hemmer, „Deutsche Sprachlehre zum Gebrauch der knrpfälz. Lande", 
Mannheim 1775; F.K.Fulda, „Grundregeln der deutschen Sprache", Stuttgart 
1778. Bei Fulda findet mau zuerst Berücksichtigung der Mundart mit dem 
Bestreben, Verhältnisse der schwäb. Mundart maßgebend für die Schrift- 
sprache zu machen. Den Höhepunkt erreicht die bloß gesetzgebende 
Richtung iu Johann Caspar Adelung. Er verfaßte zuerst im Auftrag der 
preußischen Regierung die „Deutsche Sprachlehre zum Gebrauch der 
Schulen in den preuß. Landen", Berlin 1781. ''ISlö, dann „Auszug aus 
der deutschen Sprachlehre für Schulen", Berlin 1781. *1S18, endlich sein 
Hauptwerk, „Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache", 1. 2. Bd. 
Leipzig 1782. 83. Er hat seine Vorgänger ausgiebig benutzt. In bezug 
auf Mustergültigkeit schließt er sich an deu allerdings nun nicht mehr 
modernen Standpunkt Gottscheds an. Er dringt mit Erfolg vor allem auf 
logische Genauigkeit, während ihm der Sinn für Volkstümlichkeit und 
Bildlichkeit gänzlich abgeht. Die Schulgrammatik der folgenden Zeit ist 
lange von ihm abhängig geblieben. 

§ 112. Die geschichtliche Behandlung des Nhd. beginnt erst mit 
J. Grimms Grammatik, die aber doch nur einen kurzen Abriß bietet. Nur 
Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 7 



98 1, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

langsam sind die Ergebnisse der Sprachgeschichte in die mehr für praktische 
Zwecke, namentlich für den Schulunterricht bestimmten Grammatiken 
eingedrungen. Unter diesen sind hervorzuheben: Götzinger, „Die deutsche 
Sprache", Stuttgart 1S36. 39; K.W. L. Heyse, „Ausführliches Lehrbuch der 
deutschen Sprache", Hannover 1838. 49. Die Übergangszeit vom Mhd. 
zum Nhd. behandelt Kehrein, „Grammatik der deutschen Sprache des 
fünfzehnten bis siebenzehnten Jahrhunderts", Leipzig 1854 — 56. MSßS. 
Die zahlreichen kleineren Schulgrammatiken brauchen hier nicht aufgeführt 
zu werden. In eigenartiger Weise ist der Standpunkt der neueren Sprach- 
wissenschaft vertreten von Sütterlin, „Die deutsche Sprache der Gegen- 
wart", Leipzig' 1900. ^iOlO. Von kürzeren Hilfsmitteln mag noch als das 
beste erwähnt werden Sütterlin und Waag, „Deutsche Sprachlehre für 
höhere Lehranstalten", Leipzig 1905. ^1908. 

§ 113. Von den Mundartengrammatikeu führe ich hier nur einige 
an, die nach Umfang und Methode von besonderer Bedeutung sind. 
A. Schmeller, „Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt", München 
1821. J. Winteler, „Die Kerenzer Mundart des Kantons Glarus", Leipzig 1876. 
Kanffmann, „Geschichte der schwäbischen Mundart im Mittelalter und in 
der Neuzeit", Straßb. 1890. A. Hensler, „Der alemannische Konsouantismus 
in der Mundart von Baselstadt", Straßb. 1888. J. Schatz, „Die Mundart 
von Imst", Straßb. 1897. Lessiak, „Die Mundart von Pernegg in Kärnten", 
(PBB. 28, 1). 

§ 114. Lateinische alphabetische Wörterverzeichnisse mit deutscher 
Übersetzung gab es schon im MA. Nachdem man in der Humanistenzeit 
anfing, aus dem Deutschen in das Lateinische zu übersetzen, wurden 
auch deutsch-lateinische Wörterbücher zum Bedürfnis. So entstand z. B. 
Pt. Dasypodius, „Dictionarium Latinogermanicnm et vice versa Germanico- 
latinum", Straßbnrg 1535 ff. Das erste Wörterbuch, in dem die Darstellung 
des deutschen Wortschatzes zum eigentlichen Zweck gemacht ist, ist Josua 
Maaler (Pictorius), „Die Teütsch spraach. Dictionarium germanicolatinum 
novum", Zürich 1561. Es sollte, wie die ältesten Grammatiken, in erster 
Linie dem Bedürfnis der Ausländer dienen. Der Zweck ist freilich nur 
unvollkommen erreicht, weil es nur eine.Umsetzung des lateinisch-deutschen 
Wörterbuchs von Frisius (1556) ist. Seit dem 17. Jahrhundert erschienen 
wesentlich für Deutsche bestimmte Verzeichnisse des zur Zeit geltenden 
Wortgebrauches: Gg. Henisch, „Deixtsche Sprach und Weißheit. Thesaurus 
Linguae et Sapientiae Germanicae", Augsburg 1616 (nur bis G reichend). 
(Kaspar v. Stieler, als Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft „der 
Spate" genannt) „Der deutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, oder 
deutscher Sprachschatz", Nürnberg 1691. Cp. E. Steinbach, „Vollständiges 
deutsches Wörterbuch", Breslau 1734. v. Antesperg, „Das deutsche Kayser- 
liche Schul- und Canzeley -Wörterbuch", Wien 1738. Von den zur Ver- 
mittlung mit fremden Sprachen bestimmten Wörterbüchern ist hervor- 
zuheben Mth. Kramer, „Das herrlich große deutsch-italiänische Dictionarium", 
Nürnberg 1724. Anderer Art, die veralteten Wörter bis ins 15. Jahrh. 
zurück berücksichtigend, ist J. Lh. Frisch, „Deutsch -lateinisches Wörter- 



Nhd. Grammatiken und Wörterbücher. 99 

bnch", Berlin 1741. Alle früheren Wörterbücher übertriilft bei weitem an 
Vollständigkeit Joh. Christoph Adelungs „Versuch eines vollständigen 
grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart", Leipzig 
1774 — fe(i, in 2. Aufl. 1793 — 1801 nicht mehr bloß als Versuch bezeichnet. 
Sein Hauptzweck ist die Feststellung des geltenden Sprachgebrauchs, wobei 
sich sein einseitiger Standpunkt wie in seinen grammatischen Arbeiten 
geltend macht. Er führt aber auch viele landschaftliche Gebrauchsweisen 
und solche, die er mißbilligt, auf. Altere Texte berücksichtigt er nur, 
soweit sie zu seiner Zeit noch gelesen wurden. Belege gibt er nur aus- 
nahmsweise, abgesehen von den Bibelzitaten. Geschichtliclie Auffassung 
fehlt natürlich, dagegen ist die logische Schärfe in der Aufstellung und 
Unterscheidung der Bedeutungen rühmlich anzuerkennen. Jo. H. Campe, 
.,Wörterbuch der deutschen Sprache", Braunschw. 1807 — 1 1 (bearbeitet von 
Radlof und Bernd), bringt Ergänzungen zu Adelung mit stark puristischer 
Tendenz. 

§ 115. Eine umfassende, wirklich geschichtliche Behandlung ist in 
dem großen „Deutschen Wörterbuch" in Angriff genommen, das von den 
Brüdern Grimm begonnen ist, fortgeführt von Karl Weigand, Rudolf 
Hildebrand, M. Heyne, Lexer, Ernst Wülcker, wozu in neuerer Zeit noch 
eine Reihe anderer gekommen sind, so daß das Werk wahrscheinlich bald 
seinem Ende zugeführt werden wird. Es ist mit der Zeit immer aus- 
führlicher, das Material immer vollständiger geworden. Den Fortschritten 
in der Ausschöpfung der Quellen entspricht allerdings nicht ein gleicher 
Fortschritt in der Verarbeitung des Materials. Das vollständigste voll- 
endete Wörterbuch ist das von D.Sanders, Leipzig 1859 — 65, wozu noch 
ein Ergänzungswörterbuch (1879 — 85) gekommen ist. Es bringt reichlich 
Belege aus dem 18. und 19. Jahrh., durch welche z.T. auch das Grimmsche 
Wb. Ergänzungen erfahren hat, aber ohne geschichtliche Auffassung und 
in ungeschickter Anordnung. Weigand, „Deutsches Wörterbuch", Gießen 
1857 — 71. 3 1878, gibt eine kürzere, auch die Fremdwörter einschließende 
Znsammenfassung des deutschen Wortschatzes, wobei besonderes Gewicht 
auf die Etymologie und die Altersbestimmung der Wörter gelegt ist. In 
einer Neubearbeitung von K. von Bahder, Herm. Hirt und Karl Kant 
(1909 — 10) ist die Etymologie noch mehr in den Vordergrund getreten. 
Einen ähnlichen Zweck wie Sanders auf besserer historischer Grundlage ver- 
folgt M.Heyne in seinem „Deutschen Wörterbuch", Leipzig 18S9 — 95; dazu 
eine kleine Ausgabe 1 896. Für weitere Kreise bestimmt ist auch H. Paul, 
..Deutsches Wörterbuch", Halle 1896. M908, worin das Hauptgewicht auf 
die Bedeutungsentwicklung gelegt ist. Eine andere Richtung vertritt Friedr. 
Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache", Straßburg 
1883. **1915. Ein wissenschaftliches Fremdwörterbuch mit Belegen ist be- 
gonnen von Hans Schulz, „Deutsches Fremdwörterbuch", Straßburg 1910 ff. 

§ 116. Mundartliche Wörterbücher von größerem Umfange, die auch 
die ältere Literatur berücksichtigen, sind: Schmeller, „Bayerisches Wörter- 
buch", München 1827 — 37, 2. Aufl. mit Benutzung der früher zurück- 
gelegten Sammlungen Schmellers bearbeitet von Frommanu 1S09 — 78; 



100 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

„Schweizerisches Idiotikon", begründet von Stäup und Tobler und von 
anderen Bearbeitern fortgeführt, Frauenfeld ISSl ff.; „Wb. der ElsRssischen 
Mundarten" von E.Martin und H.Lienhart, Straßburg 1899—1907; H.Fischer, 
„Schwäbisches Wb.", Tübingen 1904 ff.; „Siebenbürgisch-sächsisches Wb. 
Mit Benutzung der Sauimlungen Joh. Wolffs hrsg. vom Ausschuß des Vereins 
für siebeub. Landesk.", Straßb. 1908 ff. In Vorbereitung ist ein bair.-österr. 
Wb. auf Veranlassung der Akademien der Wiss. in München und Wien, 
und ein rheinisches Wb. 

§ 117. Von Arbeiten über die Sprache einzelner Schriftsteller nennen 
wir: Carl Franke, ,.Grundzüge der Schriftsprache Lutbers", Görlitz 1888, 
2. Aufl. 1913. 14; C. Froramann, „Versuch einer grammatischen Darstellung 
der Sprache H. Sachs'", Nürnberg 1878; W. Fundinger, „Die Darstellung 
der Sprache des Erasmus Alberus", Freiburg 1892; Virg. Moser, „Sprach- 
liche Studien zu Fischart", PBB. 36, lü2; Gebbard Himmler, „Zur Sprache 
des Ägidius Albertinus" I. Progr. München 1901—2, II. Fassau 1902—03; 
W.Metzger, „Logaus Sprache", Diss. München 1904; Larsson, Grundzüge 
der Sprache Logaus", Diss. Upsala 1904; Curt Blankenburg, „Studien über 
die Sprache Abrahams a. S.Clara", Diss. Halle 1897; A. Urbach, „Über 
die Sprache in den deutschen Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte 
V. Orleans", Greifswald 1899; P. Drechsler, „Wencel Scherfter und die 
Sprache der Schlesier" (Germ. Abb. XI), Breslau 1895; Adolf Becker, „Die 
Sprache Friedrichs v. Spee", Diss. Berlin 1912; H. Groschup, „Die Sprache 
J. Chr. Günthers", Diss. Leipzig 1900; A. Lange, „Über die Sprache der 
Gottschedin in ihren Briefen", Diss. Upsala 1901; Horäk, Die Entwicklung 
der Sprache Hallers", Progr. Bielitz 1890, I.Teil; Hans Käslin, „A. v.Hallers 
Sprache in ihrer Entwicklung dargestellt", Diss. Freiburg -Brugg 1892; 
Sune Hildebrand, „Die Discourse der Mahlern und der Mahler der Sitten 
sprachlich verglichen", Diss. Upsala 1909; Haus Birlo, „Die Sprache des 
Parnassus Boicus", Diss. München 1908; Würfl, „Über Klopstocks poetische 
Sprache" (Herrigs Archiv 64, 271; 65, 250); F. Petri, „Kritische Beiträge 
zur Geschichte der Dichtersprache Klopstocks", Diss. Greifswald 1894; 
Aug. Lehmann, „Forschungen über Lessings Sprache", Braunschweig 1875; 
E. Schmidt, „Lessing" II, 683 ff.; Fritz Tyrol, „Lessiugs sprachliche Revision 
seiner Jugenddramen", Diss. Berlin 1893; Theod. Längin, „Die Sprache des 
jungen Herder", Diss. Freiburg, Tauberbischofsheim ,1891; Rud. Ideler, 
„Zur Sprache Wielands. Sprachliche Untersuchungen im Anschluß an 
Wielands Übersetzung der Briefe Ciceros", Berlin 1908; Aug. Lehmann, 
„Goethes Sprache und ihr Geist", Berlin 1852; E. Albrecht, „Zum Sprach- 
gebrauch Goethes", Crimmitschau 1877; Paul Knauth, „Goethes Sprache und 
Stil im Alter", Leipzig 189S; Curt Pfütze, Die Sprache in J. M. R. Lenzens 
Dramen", Diss. Leipzig, Braunschweig 189(); F. M. E. Kasch, „Mundartliches 
in der Sprache des jungen Schiller", Diss. Greifswald 1900; W. Pfleiderer, 
„Die Sprache des jungen Schiller in ihrem Verhältnis zur nhd. Schrift- 
sprache" (PBB. 28, 273); Georg Minde-Pouet, „Heinrich v. Kleist, seine 
Sprache und sein Stil", Weimar 1897; K. G. Andresen, „Über die Sprache 
J. Grimms", Leipzig 1870. 



Sprache einzelner Schriftsteller. Ahd. Lautverschiebung. 101 

Charakteristik des Ahd. 

Konsonanten. 
§ 118. Von den charakteristischen Eigenheiten, durch die 
sich das Hochdeutsche schon im Beginn der literarischen Über- 
lieferung von den übrigen Avestgerm. Mundarten abhebt, kommt 
in erster Linie die sogenannte zweite oder hochdeutsche Laut- 
verschiebung in Betracht. Ist schon die erste Verschiebung 
nicht als ein einheitlicher Vorgang zu betrachten, so kann es 
vollends bei der zweiten nicht zweifelhaft sein, daß wir es mit 
einer Reihe von Einzelvorgängen zu tun haben, die sich nicht 
gleichzeitig vollzogen, und die sich auch nicht alle über das 
gleiche Gebiet erstreckt haben. Es ist dadurch also nicht 
bloß ein Gegensatz zum Nd. geschaffen, sondern zugleich eine 
Abstufung innerhalb des Hochd. selbst. 

Urgerm. Tennis. 

§ 119. Der älteste Vorgang, der etwa ums Jahr 600 
abgeschlossen war, ist die Verschiebung der einfachen Tennis 
nach Vokal zu geminiertem harten Reibelaut. Dadurch ist 
also p zu if geworden; h zu dem Laute unseres cli, im älteren 
Ahd. hh, im Auslaut h geschrieben; t zu einem harten gelispelten 
5-Laut, der im Ahd. und Mhd. gewöhnlich durch s bezeichnet, 
also von der Affrikata in der Schreibung nicht unterschieden 
wird, von neueren Grammatikern als ^ von der Affrikata z 
unterschieden. Vgl. ahd. treffan =-alts. drepan, ahd. gisMffan 
= got. shapans, alts. gisliapan\ ahd. uuaJihen = got. ivakan, ahd. 
rchlian = got. tvriJian; ahd. e§^an = got. itan, ahd. uui^^an 
= got. tvitan. Zur Erklärung der Gemination des Reibelautes 
nimmt man an, daß die Tennis zunächst zur Affrikata {pf, kch, z) 
geworden, und daß dann weiter das erste Element dem zweiten 
assimiliert sei. Im Auslaut tritt natürlich Vereinfachung ein, 
vgl. sJcif — shi/fes = alts. sMp. Vereinfachung ist auch nach 
langem Vokal und Diphthong eingetreten, vgl. ahd. lilauf{f)cm 
= got. hldupan, ahd. muo^{^)an (müssen) = got. mötan, ahd. 
suohhen, suo-chen = got. sökjau. 

Diese Verschiebung erstreckt sich über das ganze hoch- 
deutsche Gebiet, doch zeigt das Mfränk. charakteristische Aus- 
nahmen. Der N. A. Sg. N. der Pronomina lauten hier wie im 



102 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

Nd. dat, ivat, it, dit, wonach auch allet. Von diesen Formen 
findet sieh dit auch noch im Rheinfränk. und Hess. Ferner 
lauten von Verben wie setzen, letsen, hoe^en (büßen), groe^en 
die Präterita satte, latte, hoete, groete, die Partizipia gesät, 
gelat, gehoet, gegroet. Im Ripuarischen findet sich auch üt = 
hd. ü^ (aus). Diese verschiedenen Fälle haben das gemeinsam, 
daß t im Silbenauslaut stand (vgl. PBB. 6, 554). Das Ripuarisehe 
hat auch tip = hd. üf, also auch ein Fall, in dem die Tenuis 
im Silbeuausläut steht. 

Anderseits greift eine Verschiebung noch über in den 
südlichen Streifen des Nfränk. Dort ist Je nach Vokal im 
Auslaut verschoben, dagegen nicht zwischen Vokalen. In 
mhd. Zeit besteht ein Wechsel zwischen rouch und roiiJces, 
sprach und spräken. Dieser ist in der jetzigen Mundart durch 
Ausgleichung zugunsten des h beseitigt, so daß ch nur noch 
in den isolierten Formen ich, mich, dich, ouch geblieben ist. 

§ 120. Was die Tenuis in den übrigen Stellungen betrifft, 
so können wir zunächst zwei Hauptgruppeu unterscheiden. In 
den Verbindungen sp, sh, st, ht, ft ist wie im Urgerm. die 
Verschiebung unterblieben. In ihnen ist die Tenuis immer 
nicht sehr energisch, namentlich ohne Aspiration gesprochen, 
weshalb in manchen ahd. Texten die Schreibungen sb, sg, sd, 
hd, fd erscheinen. Dieselbe Erscheinung finden wir bei der 
Aufzeichnung lebender ober- und mitteldeutscher Mundarten. 
Ferner ist die Verschiebung unterblieben in der Verbindung- 
fr, vgl. ahd. triuua „Treue" = got. triggiva, ahd. iretan == got. 
tnidan, ahd. uuiniar. Gen. uuintres, = got. tvintriis, ahd. hlütar 
„lauter". Gen. hlütres = got. hlütrs. Dagegen der Verschiebung 
ausgesetzt ist die Tenuis im Anlaut (abgesehen von tr), im In- 
und Auslaut nach r, l und Nasal und in der Gemination, und 
und zwar ist das Ergebnis gewöhnlich Affrikata, teilweise aber 
auch bloßer harter Reibelaut. Hierbei verhalten sich aber die 
verschiedenen Tenues verschieden und nicht in allen genannten 
Stellungen gleich, und indem die einzelnen Fälle der Ver- 
schiebung sich nicht über das gleiche Gebiet erstrecken, ist 
dadurch die Veranlassung zu mannigfacher mundartlicher 
Differenzierung gegeben. 

§ 121, Am gleichmäßigsten ist die Verschiebung des t zu 
s eingetreten. Vgl. ahd, sehan = got. taihun, ahd. ziohan = 



Hochdeutsche Lautverschiebung. 103 

got. tiuhan, ahd. gihan = got. teihan; ahd. herm = got. liairid, 
ahd. «Mi«-^ = got. ivaürts; ahd. 5aZ^ = got. 5«?^, ahd. smiilzan 
= nö.. smelten] ahd. pflanza aus \s.t. planta; ahd. 5m^ = got. 
sJcaits, ahd. sesmn = alts. settean (got. saijan). Diese Ver- 
schiebung erstreckt sich noch über das ganze hochdeutsche 
Gebiet, nur findet sich im Mfränk. tuschen = zivischen. Doch 
ist sie etwas jünger als die Verschiebung der einfachen Tennis 
nach Vokal. Wenigstens, wenn für den Wandel von t zu ^|' mit 
Recht Durchgang durch die Affrikata angenommen wird, muß 
die Übergangsstufe bereits verlassen gewesen sein, als tt zu sz 
wurde. Sonst wären ja westgerm. t und tt zusammengefallen. 

§ 122. Eingeschränkter ist das Gebiet, in dem p ver- 
schoben ist. Soweit sich dasselbe erstreckt, ist p zur Affrikata 
pf geworden, im Ahd. und auch noch im Mhd. gewöhnlich ph 
geschrieben. Vgl. 2i\id. phUgan =^ 9.gs. plegan, txM. j^Muog = 
iX2,^.plög\ ahd. ap)hul = ags. ceppel, ahd. sceplian = alts. sceppean 
(got. sJcapjan); ahd. gilvmpli (nhd. Glimpf, wozu glimpflich) = 
ags. selimp. Auch nach l und r ist p zunächst zur Affrikata 
verschoben, die sich aber im Laufe der ahd. Zeit weiter zu 
bloßem Reibelaut entwickelt hat, vgl. ahd. helphan, mhd. helfen 
■= got. hilpcm, ahd. uuerphan, mhd. iverfen = got. tvairpan, 
ahd. thorpf dorf = alts. thotp. Im Anlaut ist die Verschiebung 
unterblieben im Mittel- und Rheinfränkischen; nach w und in 
der Gemination ungefähr in dem gleichen Gebiet, außerdem 
im Ostmitteldeutschen, abgesehen von dem südlichsten Teile 
des Thüringischen; nach l und r nur im Ripuarischen, in das 
sich aber auch zum Teil allmählich f eingedrängt hat. 

§ 123. Für urgerm. k im Anlaut, nach w, l, r und in der 
Gemination wird im Ahd. in den fränkischen Texten k (c) wie 
in der jetzigen Schriftsprache geschrieben, in den bairischen 
und alemannischen ch (selten Jih); nur in dem fränkischen 
Isidor herrscht auch ch. Was für eine Lautung mit der 
Schreibung ch gemeint ist, läßt sich nicht sicher ausmachen. 
Für die älteste Zeit kann jedenfalls nicht der Laut unseres 
ch gemeint sein, da dieser durch lih (im Auslaut durch h) 
wiedergegeben wird. Für die spätere ahd. Zeit, in der die 
Sehreibung lih durch ch verdrängt wird, muß die Möglichkeit 
erwogen werden, daß ch, auch wo es an Stelle des schrift- 



104 Ij 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

sprachlichen h steht, den bloßen Reibelaut bezeichnen kann. 
Die heutigen mundartlichen Verhältnisse stimnoen nicht zu der 
ahd. Unterscheidung zwischen Frank, und Bair.-Alem. Jetzt 
geht vielmehr eine Grenze durch das Oberd. hindurch, indem 
der nördliche Teil mit dem Frank, darin übereinstimmt, daß h 
höchstens bis zur Aspirata verschoben ist, während im süd- 
lichen Teil Verschiebung bis zur Affrikata und bloßem Reibe- 
laute stattgefunden hat (vgl. II § 169). 

Urgermanische weiche Reibelaute (Medien). 
§ 124. Wie wir in § 19 gesehen haben, sind die ur- 
germanischen weichen Reibelaute teilweise in allen germ. 
Dialekten in Verschlußlaute übergegangen, nämlich nach Nasal, 
in der Gemination und im Anlaut. Eine Ausnahme bildet 
nur anlautendes s, das im Ags. und Alts, als Reibelaut 
erhalten geblieben ist. In einem Teile des heutigen Nd. 
erscheint es als Verschlußlaut; wie alt der Übergang ist, 
läßt sich nicht ausmachen. Reibelaut {j) hat jetzt auch das 
Mfränk., vielleicht aus alter Zeit bewahrt. Schon gemein- 
westgerm. ist ferner der Übergang des dentalen Reibelautes 
zum Verschlußlaut in allen Stellungen (vgl. § 87, 6). Da- 
gegen ist die Verschiebung des labialen und velar-palatalen 
Reibelautes zum Verschlußlaut nach Vokal, l und r im Nd. 
unterblieben. Diese ist also eine spezifisch hochdeutsche 
Erscheinung, und auch von dem hochdeutschen Gebiete stellt 
sich ein Teil zum Nd. Der labiale Reibelaut ist jedenfalls im 
Mfränk. geblieben, geschrieben v, vgl. loven, werven. Auch im 
Rheinfränk. erscheint in mhd. Zeit Reibelaut, doch ist es nicht 
so sicher, ob darin Bewahrung des ursprünglichen Zustande« 
anzunehmen ist. Wieweit sich die Verschiebung des g zum 
Verschlußlaut erstreckt hat, ist nicht mit Sicherheit zu be- 
stimmen. Heute besteht der Reibelaut nicht nur in Mittel- 
deutschland, sondern auch in Teilen von Oberdeutschland. 
Doch bleiben auch hier Zweifel, wieweit Bewahrung des 
Ursprünglichen', wieweit erst wieder jüngere Entwicklung aus 
dem Verschlußlaut vorliegt. 

§ 125. Noch eine weitere Veränderung haben die weichen 
Reibe- und Verschlußlaute durchgemacht, nämlich Verlust des 



Hochdeutsche Lautverschiebung. 105 

Stimmtones, woran sich dann bei den Versehlnßlauten zum 
Teil eine Verstärkung der Artikulation, Übergang von Lenis in 
Fortis angeschlossen hat. Westgerm, d ist im Bair.. Alem. und 
auch im Ostfränk. zu t verschoben, im Rheinfränk. schwankt 
die Schreibung zwischen d und t. Anders verhält es sich in 
der Labial- und Velarreihe. Hier erseheint im Bair. und Alem. 
Schwanken in der Schreibung zwischen h und i? und zwischen 
g und k (c), während im Fränkischen wie in der jetzigen 
Schriftsprache nur b und g geschrieben werden. Das Schwanken 
im Oberd. ist zuerst von Winteler so gedeutet, daß als Laut- 
wert stimmlose Lenis anzusetzen sei. Das Oberdeutsche hatte 
nach Vollzug der hd. Lautverschiebung in der Labial- und 
der Velarreihe weder einen Laut, der der lateinischen Media, 
noch einen, der der lateinischen einfachen Tenuis entsprach. 
Lifolgedessen wurde beim Lesen des Lateinischen sowohl für 
die Media wie für die Tenuis die stimmlose Lenis eingesetzt, 
und weiterhin bei der Niederschrift des Deutschen beide 
lateinische Schriftzeichen gleichwertig gebraucht. In der Deutal- 
reihe konnte diese Vermischung nicht eintreten, weil sich hier 
d und t im Oberdeutschen deutlich gegenüber standen. Da- 
gegen kann das Schwanken zwischen d und t im Rheinfränk. 
in ähnlicher Weise gedeutet werden als auf tonlose Lenis 
weisend. Die Auffassung Wintelers trifft sieher auf das Alem. 
zu. Für das Bair. hat man neuerdings angenommen, daß h in 
allen Stellungen wirklich zur Fortis verschoben sei. Dann 
müßte später eine Rückwandlung zur Lenis eingetreten sein. 
Denn in der mhd. Zeit tritt auch im Bair. p in der Schreibung 
gegen b zurück wie noch mehr Je gegen g. Wirkliche Fortis 
mußte zweifellos in der Gemination entstehen, wo sie auch die 
jetzige Schriftsprache hat (vgl. Bippe ^= ags. ribib), Brücke 
= ags. bnjc{^). In der Schreibung besteht auch hier Wechsel: 
bb, pp, pb und gg, cJc, cg. 

Gegenwärtig haben auch alle md. Mundarten den Stimm- 
ton der Medien verloren, abgesehen vom Ripuarischen und 
Schlesisehen, die in der Bewahrung des Stimmtones mit dem 
Nd. übereinstimmen. Der Verlust könnte im Md. später ein- 
getreten sein als im Oberd. Doch wird für das Ahd. tönende 
Aussprache des b und g noch nicht dadurch erwiesen, daß in 
den fränkischen Denkmälern nicht wie in den oberdeutschen 



106 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hoclideutschen. 

Wechsel in der Schreibung- mit p und h besteht; denn hier 
war h und wenigstens im Rheinfräuk. auch p für die urgerm. 
unversehobenen Tenues in Anspruch genommen. Jüngere Ver- 
schiebungen der zunächst im Ahd. entstandenen Verhältnisse 
sind zweifellos anzunehmen, namentlich Übergang von Fortis 
in Lenis und von Lenis in Fortis. Darüber später. 

Ur^ermanische harte Reibelaute. 

§ 126. Urgerm. f ist in Oberdeutschland und dem größten 
Teile von Mitteldeutschland als stimmloser Reibelaut erhalten 
geblieben. Im Nd. und Ripuarisehen ist es inlautend nach 
tönenden Lauten tönend geworden und so mit dem schrift- 
sprachlichem 1) entsprechenden Laute zusammengefallen. Daher 
reimt hier hove {Hofe) auf love (lohe). Stimmloses f = urgerm. f 
unterschied sich zunächst von dem neuen, aus ^j verschobenen 
f dadurch, daß letzteres ursprünglich immer geminiert war 
und deshalb selbst bei Vereinfachung der Gemination mit 
größerer Intensität gesprochen wurde, so daß sich altes und 
ueues f im allgemeinen als Lenis und Fortis gegenüberstanden. 
Vielleicht hat auch eine Zeitlang die Verschiedenheit bestanden, 
daß das alte f schon wie jetzt labiodental war, während das 
neue noch rein labiale Artikulation bewahrte; doch läßt sich 
dies nicht erweisen. Der Unterschied zwischen Lenis und 
Fortis zeigt sich in der Schreibweise, wenn er auch in dieser 
nicht konsequent durchgeführt ist. Die Fortis kann durch 
Doppelschreibung charakterisiert werden, die Lenis durch die 
Verwendung von v (ii) neben f. Daraus ergibt sich aber, daß 
auch altes f als Fortis gesprochen wurde in der Verbindung 
ft und im Auslaut, wo niemals v geschrieben wird. 

§ 127. Urgerm. h mit der Doppellautung {h — y) ist durch 
die hochdeutsche Lautverschiebung nicht verändert. Soweit 
der ursprüngliche Laut (7) bewahrt ist, ist er mit dem aus 
einfachem Je nach Vokal verschobenen Laute zusammengefallen. 
Geschrieben wird er ursprünglich hh zwischen Vokalen, h im 
Auslaut und in den Verbindungen ht und hs. 

§ 128. Urgerm. J) dagegen hat sieh nicht erhalten. Es hat 
auf hoch- und niederdeutschem Gebiete die gleiche Entwicklung 
durchgemacht, aber so, daß dieselbe vom Süden ihren Ausgang 



Hochdeutsche Lautverschiebung. 107 

genommen und sieb erst allmählich weiter nach Norden ver- 
breitet hat. Zunächst ist es '/ur Lenis geworden, in dem 
nördlichen Gebiete, das tönende Verschluß- und Reibelaute 
kennt, zur tönenden Lenis, weiterhin ist es in den Verschluß- 
laut (iT) übergegangen. Das gewöhnliche Schriftzeichen für den 
Reibelaut ist ih, seltener wird dJi und noch seltener d au- 
gewendet. Von den bair. und alem. Texten bieten nur die 
allerältesten noch th neben d. Länger dagegen behauptet sich 
jenes im Frank, und schwindet um so später, je weiter man 
nach Norden kommt. Schließlich ist es auch im Nd. durch d 
ersetzt. Dies neue d ist mit dem westgerm. d zusammen- 
gefallen, wo dies nicht weiter zu t verschoben ist. 

Westgerm. 7^/" mußte zur Fortis {tt) werden, vgl. fethdhahlia 
im ahd. Isidor, später fetiahlia „Fittige", smitlitlia in den 
Schlettstädter Gloss. (ags. smiööe), später smitta „Sehmiede". 

Anhang: Behandlung der Fremdwörter. 
§ 129. Die Laute der Fremdwörter werden bei ihrer Auf- 
nahme zunächst nur soweit verändert, als es die Anpassung 
an den heimischen Lautcharakter verlangt. Wo dem fremden 
Laute in der heimischen Sprache keine genaue Entsprechung 
gegenüber steht, wird dafür der nächst verwandte Laut ein- 
gesetzt, ein Vorgang, den mau als Lautsubstitution zu bezeichnen 
pflegt. Nach der Einbürgerung eines Fremdwortes aber nimmt 
es natürlich Teil an den Veränderungen, denen die heimischen 
Wörter unterliegen. Demnach zeigen die schon im Ahd. vor- 
handenen Lehnwörter ein verschiedenes Verhalten, je nachdem 
sie vor oder nach der hochdeutschen Verschiebung aufgenommen 
sind. Vor der Verschiebung aufgenommen, also von dieser 
betroffen sind namentlich Wörter, die sich auf die materielle 
Kultur beziehen; nach der Verschiebung die meisten (doch 
nicht alle) auf christliehe Verhältnisse bezüglichen Wörter. 
In dem Verhalten zur Lautverschiebung haben wir also 
ein Kennzeichen für das Alter der Entlehnung. Außerdem 
gibt in manchen Fällen die zugrunde liegende Lautgestalt des 
lateinischen Wortes einen Anhalt für die Chronologie. 

Anm. Vgl. W. Franz, ,.Die lateinisch- romanischen Elemente im 
Althochdeutschen-', Straßburg 1SS4. K. Later, ,,De latijnsche woorden in 
het oud- en middeinederduitsch" (A. f. d. A. 32, 167). 



108 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

§ 130. Lat. t ist früh als t aufgeüommen und regelrecht 
zu ^ verschoben in strä^a aus sträta (ags. strcet), sai^pla aus 
scutella, cJmrbi^ aus {cu)-curhita u. a.; zu ^ in ziagal aus lat. 
tegula, phlanza aus lat. planta, minza (jetzt in Krausemünge, 
Ffeffermünse) aus lat. mentlia. Auch plmszi (unser Pfütze, ur- 
sprünglich in der Bedeutung „Brunnen") entspricht der Regel, 
indem das lat. e in puteus zu j geworden ist und Gemination 
des vorhergehenden t bewirkt hat (ags. 2^yii)- Dagegen in den 
jüngeren Entlehnungen ist es als t geblieben, vgl. tiirri (Turm) 
aus lat. turris, abhat (Abt) aus abbaieni usw. Zweimal zu ver- 
schiedenen Zeiten entlehnt ist lat. tabula; neben tavala besteht 
früher zabal, mhd. zabel (Spielbrett). Nebeneinander stehen auch 
spelza und spelta (Spelt) aus mlat. spelta. Neben porta, mhd. 
parte (Pforte) steht mfräuk. porze (vgl. PforzJieim). Hier könnte 
die Verschiedenheit vielleicht darauf beruhen, daß die Ver- 
schiebung im Mfränk. später eingetreten ist als in dem süd- 
licheren Gebiete. 

Zahlreich sind die Beispiele für Verschiebung des lat. p, 
vgl. pheffar aus lat. piper, pMfa aus lat. j^ipa, Jcaniph aus lat. 
camptis. Der Regel fügt sich auch linphar aus lat. cupnim, 
indem p) schon westgerm. durch das folgende r geminiert 
worden war. Nach der Lautverschiebung bestand zunächst im 
Oberd., mindestens im Alem. (abgesehen vielleicht von den 
Verbindungen sp und p)f und in der Gemination) kein dem 
lat. p genau entsprechender Laut (vgl. § 125), ebenso keiner, 
der mit dem lat. tönenden b genau übereinstimmte. Es wurde 
daher für beides tonlose Media, geschrieben b oder p, eingesetzt; 
vgl. bell — peh aus \2it.2)ix, -ceni, bira — pira (Birne) aus lat. 
pirum, berala — perala aus mlat. ^cr?*?a, bredigön — predigön 
aus lat. praedicare, bina — pina aus lat. poena. Da haben 
wir also den gleichen Laut wie z. B. in bechi, pecJii aus lat. 
baccinum, buli^ — pidi^ aus lat. boletus. Bei einigen Wörtern 
findet sich ein Schwanken in der Behandlung, das entweder 
darauf beruhen muß, daß sie mehrmals zu verschiedenen Zeiten 
aufgenommen sind, oder daß zur Zeit der Aufnahme die Laut- 
verschiebung in den verschiedenen Mundarten noch nicht gleich 
weit fortgeschritten war. So steht ahd. bnzza neben plmzzi. 
Lat. porta ergab oberd. p)orta, mhd. parte; pJiorta, pforte war 
zunächst nur md. Später, nachdem sich wieder ein Unter- 



Hochdeutsche Lautverschiebung: Lehnwörter. 109 

schied von Lenis und Fortis henuisgebildet hatte, ist wohl 
lat. p von Anfang- an durch ^j wiedergegeben oder es hat 
eine Augleichung an die lat. Grundformen stattgefunden (vgl. 
II § 138). 

Lat. c ist bei weitem in den meisten Fällen wie urgerni. J: 
behandelt, vgl. hehhari aus lat. hicarium, Icelili — chelih aus 
lat. cali'X, -cem, marldt — marchaf (Markt) aus lat. mercatus. 
So in den älteren Lehnwörtern auch vor hellen Vokalen, vgl. 
h'hhura — chihJmra (Kichererbse) aus lat. cicura, Idsta — cliista 
aus lat. cista, rcetih aus lat. rudix, -ceni. In ituicla — imiccha 
aus lat. vicia ist das / konsonantisch geworden und hat Gemi- 
nation des /i- Lautes bewirkt. In jüngeren Lehnwörtern ist 
lat. c vor hellen Vokalen der veränderten Aussprache gemäß 
durch z wiedergegeben, vgl. Jcrüsi — chnisi aus lat. crux, -cem, 
sins aus lat. census, erzihiscof aus lat. archiepiscopus. Nur in 
wenigen spät entlehnten Wörtern ist anlautendes lat.-rom. c 
durch die tonlose Media, geschrieben g oder Z: ersetzt, vgl. 
garminön — Icarminön (beschwören) aus mlat. carminare, mhd. 
gerner (Beinhaus) aus lat. carnarium, mhd. gollier — JioUier 
(Koller) aus franz. collier. Wenn diese Art der Vertretung- 
seltener ist als die des lat. j) durch h — p, so spricht das 
dafür, daß die Verschiebung des A- zu ch im Oberd. jünger ist 
als die des p zu pli. Wenn g im Inlaut statt des lat. c 
erscheint, wie in fogat (Vogt) aus lat. vocatus, so ist wohl 
eher anzunehmen, daß eine vulgärlat. Form mit Erweichung 
zugrunde liegt. 

§ 131. Lat. d ist in älteren Lehnwörtern zu t verschoben, 
soweit diese Verschiebung reicht, vgl. tisc aus lat. discus, tämo 
(Damhirsch) aus dama, traJiho aus draco. In jüngeren ist es d 
geblieben, vgl. (fir)dam')iön aus danmare. 

§ 132. Wir schließen hier auch die Behandlung des lat. v 
au. In den ältesten Entlehnungen wird dasselbe durch deutsches 
IV wiedergegeben, vgl. win aus vinum, ivicclia aus vicia, wtläri 
(Weiler) aus '>nllare, ivi{w)ari (Weiher) aus vivariiim, pliäwo 
aus pavo. In dieser Zeit war das lat. v noch wie das deutsche 
w = konsonantischem n. Das erstere aber ist viel früher als 
das letztere zu dem labiodentalen Reibelaute geworden, den 
wir jetzt in unserer Schriftsprache haben. Diesem lag für das 



110 I, 3. Übersicht über die Entwicklnng des Hochdeutschen. 

Gefühl des Deutschen das koDSonautische w nicht so nahe als 
der entsprechende stimmlose Reibelaut f. Man setzte diesen 
wohl beim Lesen des Lat. ein. Dies auf irischen Einfluß 
zurückzuführen ist kaum nötig. So war es weiterhin ganz 
natürlich, daß man in Lehnwörtern v wie urgerm. f behandelte, 
vgl. fers aus versus, fogat aus vocatus, hriaf aus breve. Und 
weiterhin ergab sich, daß man im Deutschen v («) neben / 
für den mit geringerer Intensität gesprochenen Laut verwendete 
(vgl. § 126). Auch für lat. h, das in vulgärer Aussprache zum 
Reibelaut geworden war, konnte f (v) eintreten, vgl. tavala aus 
tabula (daneben tabala). 



Vokale. 

§ 133. Die urgermanischen Diphthonge ai und au sind 
im Alts, außer vor j oder tv zu e und 6 kontrahiert, im Ahd. 
dagegen nur in bestimmten Stellungen: ai zu e vor li, r, w 
und im Auslaut, vgl. got. fdihs (bunt) = ahd. feh, tdih (er zieh) 
= ahd. ^eh, mdis (mehr) = ahd. mer, sdi (siehe) = ahd. se\ au 
zu 6 vor den Dentalen t, d, ^, s, r, l, n und vor h, vgl. got. 
rdu])S = ahd. rot, got. bdup (er bot) = ahd. bot, got. du])S 
(leer) = ahd. ödi, got. gdut (er goß) = ahd. gö^, got. Iduss = 
ahd. lös, got. dusö (Ohr) = ahd. öra, got. Idun =^ ahd. Ion, 
got. lidulis = ahd. höh. Wo ai und au nicht kontrahiert sind, 
sind sie zu ei, ou geworden. Die Schreibung ai erscheint nur 
noch in einigen der ältesten Texte, länger hat sich au erhalten. 

Umgekehrt hat sich urgerm. 6 zu einem Diphthonge ent- 
wickelt. Nachdem die Schreibung eine Zeitlang zwischen o (oo) 
oa, ua, uo geschwankt hat, hat sich im allgemeinen uo fest- 
gesetzt, vgl. got. blöp (Blut) = ahd. bluot, got. göps (gut) = 
ahd. guot. Entsprechend ist e^ gu ea, jünger ia geworden, 
vgl. got. her (hier) =^ ahd. Mar, got. Kreks (Grieche) = ahd. 
Kriach, alts. red (er riet) = ahd. riat. 

Zu dem urgerm. Übergang vor e in i vor Nasal und 
folgendem i (j) ist im Ahd. noch ein solcher vor « gekommen, 
vgl. hiru^ (Hirsch), nnltih (Milch), die 1. Sg, Ind. Präs. der 
starken Verba: Mlfu, niniu, gibu usw. Umgekehrt ist urgerm. i 
in einer Anzahl von Wörtern zu e geworden, vgl. steg neben 
gastigan, bell (Pech) aus lat. piceni, uuessa neben uuissa (er 



Ahd. Vokale. 111 

wußte), lernen neben Urnen, skef neben skif (Schi^). Die über- 
lieferten Verhältnisse sind ganz unregelmäßig, aber doch wohl 
auf eine ältere Regelmäßigkeit zurückzuführen, so daß etwa 
ein Wechsel bestanden hätte wie imessa — PI. nuissum, Konj. 
miissi oder sJiif — sMff'es. 

§ 134. Keine Besonderheit des Ahd. ist der Umlaut, die 
partielle Assimilation des Vokals einer betonten Silbe au ein 
i (j) einer folgenden unbetonten Silbe. Diese ist allen ger- 
manischen Sprachen gemein, die nicht wie das Got. früh unter- 
gegangen sind. Aber sie ist nicht überall gleichzeitig und 
gleichmäßig durchgeführt. Während z. B. im Ags. auch ein /, 
das durch die westgerm. Vokalausstoßung geschwunden ist, 
Umlaut hinterlassen hat, ist dies im Hochd. nicht der Fall. In 
diesem spielen auch gewisse Hinderungen und Hemmungen des 
Umlauts eine Rolle. Im Ahd. zeigt sich zunächst, wenigstens 
in der Schreibung, nur der Umlaut des kurzen a als e. Auch 
dies nicht ausnahmslos: a ist nicht zu e gewandelt, wenn i 
nicht in der nächstfolgenden Silbe steht, sondern durch eine 
Zwischensilbe getrennt ist, daher z. B. magadi neben megidi, 
G. D. Sg. und N. PI. von magad (Jungfrau) : ferner vor h, l, r 
in gewissen Verbindungen, teils auf dem ganzen Gebiete, teils 
weniffstens im Oberd. 



Entwicklung des Ahd. zum Mhd. 

Konsonanten. 
§ 135. Frühzeitig ist anlautendes iv vor l und r fort- 
gefallen, zumeist schon vor dem Beginn unserer Überlieferung, 
so daß nur noch vereinzelte Belege von iv vor r im Ahd. zu 
verzeichnen sind. Nur im Mfränk. hat sieh tv vor r wie im 
Xd. auch später behauptet. Jünger ist der Abfall des an- 
lautenden h vor l, n, r, iv, vgl. z. B. hladan, linigan (sich neigen), 
liring, luver Qiuer geschrieben). In Oberdeutschland vollzieht 
sich der Abfall schon um 800, je weiter nach Norden, um so 
später. Inlautendes konsonantisches i erscheint nach Kon- 
sonanten in den ältesten Quellen als i oder häufiger e, aber 
fast nur noch vor dunklen Vokalen, vielleicht nur eine Modi- 
fikation des Konsonanten andeutend (vgl. § 136). Es schwindet 



112 I, 3. Übersicht über die Entwickiiiug des Hochdeutscheu. 

im Süden gleichfalls früher als im Norden. Über den all- 
mählichen Übergang von th in d ist schon in § 128 gehandelt. 
Wohl erst mit Beginn der mhd. Periode wandelt sich sli (sc) 
in seh, ein Vorgang, der sich allmählich über das ganze hoch- 
deutsche Gebiet und auch einen großen Teil Niederdeutseh- 
lands erstreckt. Doch hat die Schreibung lange geschwankt, 
und der Lautwert, den seh bezeichnet, wird nicht von Anfang 
an der gleiche gewesen sein wie heute. Im späteren Ahd. ist 
i nach Nasal zu d erweicht. 



Vokale. 

§ 136. Der Diphthong eo (aus urgerm. eu), der in den 
ältesten Denkmälern herrscht, wandelt sich zu io und weiter 
im Spätahd. zu ie. Entsprechend wandelt sich ea (aus urgerm. e'^) 
zu ia und dieses noch früher als eo zu ie, so daß also die 
beiden ursprünglich ganz verschiedenen Laute im Mhd. zu- 
sammenfallen. 

Die durchgreifendste Veränderung im Vokalismus der Wurzel- 
silben ist die weitere Durchführung des Umlauts. Dadurch wird 
ä zu ce, u zu ü, ü zu ü, gewöhnlich iu geschrieben, o zu ö, 
b zu cß, ou zu öu, uo zu üe\ das von der Verschiebung zu e 
verschonte a wird zu einem sehr offenen a-Laut, in den Hss. ä, 
daneben aber auch e geschrieben. Auffallend ist dabei, daß 
der Umlaut sich erst zeigt zu einer Zeit, wo das den Umlaut 
wirkende sonautische i schon zu e abgeschwächt und das 
konsonantische ausgefallen ist. Sievers hat zur Erklärung die 
Hypothese aufgestellt, daß i zunächst auf die vorhergehenden 
Konsonanten gewirkt habe (sogenannte Mouillierung), und daß 
dann die noch länger bewahrte Modifikation der Konsonanten 
den voraufgehenden Vokal beeinflußt habe. Seine Auffassung 
von der Entstehung des Umlauts wird gewiß das Richtige 
treffen. Aber wir werden auch anerkeimen müssen, daß der 
Umlaut in der gesprochenen Sprache schon längere Zeit vor- 
handen gewesen ist, ehe er eine graphische Bezeichnung fand. 
Der Umlaut des ü hat wenigstens schon bei Notker eine 
Bezeichnung gefunden, nämlich durch iu (z. B. hriute, G. Sg. 
von hrüt), was dadurch veranlaßt ist, daß der Diphthong iu 
im AI. zu langem ii kontrahiert und daher mit dem Umlaut 



Übergang vom Ahd. zum Mhd. 113 

zusammengefallen war. Es ist unwahrselieinlich, daß die übrigen 
Vokale uicbt auch schon gleichzeitig- umgelautet gewesen sein 
sollten. Es fehlte zunächst nur an einer geeigneten Bezeichnung. 
Bleibt doch auch noch in den meisten mhd. Hss. der Umlaut des 
und u unbezeichnet, wiewohl die Reime das Vorhandensein 
desselben beweisen. 

§ 137. Noch stärker hebt sich das Mhd. vom Ahd. ab 
durch die Schwächung der Vokale in den unbetonten Silben. 
Hierbei stellt sich das AI. in Gegensatz zu den übrigen Mund- 
arten. Die alten Vokallängen des Westgerm, sind hier noch 
zu Notkers Zeit unverkürzt erhalten. Daher bewahren die- 
selben ihre eigentümliche Qualität bis in die mhd., teilweise 
bis in die nlid. Zeit. Dagegen sind im Frank, die langen 
Vokale in den unbetonten Silben frühzeitig gekürzt, etwas 
später auch im Bair. Sie haben daher weiterhin das gleiche 
Schicksal wie die ursprünglichen Kürzen. Das Endergebnis 
war, daß die verschiedenen volltönenden Laute alle in einen 
Vokal zusammenfielen, der mit e (in md. Hss. daneben auch 
mit i) bezeichnet wurde und sich nicht wesentlich von unserem 
jetzigen schwachen e unterschieden haben wird, welches mit 
einer Reduktion des Stimmtones oder, wie es Sievers bezeichnet, 
mit Murmelstimme gesprochen wird. Der Vorgang vollzog sich 
wahrscheinlich in folgender Weise. Zuerst trat die Reduktion 
des Stimmtones ein, während die Verschiedenheit der Qualität 
noch eine Zeitlang blieb und erst allmählich ausgeglichen 
wurde. So erklärt sich wohl zum Teil das starke Schwanken 
der Schreibung in den jüngeren ahd. Texten. Nur bei Notker 
sehen wir in der Übergangszeit eine feste Regelung. Vom AI. 
abgesehen, wird in gänzlich unbetonter Silbe nur das ursprüng- 
lich diphthongische iu erhalten. Dagegen hat der Nebeuton 
die Abschwächung verhindert. Aus dem Sehwanken desselben 
werden sich gleichfalls viele Schwankungen der Schreibung 
erklären. 

Übergang vom Mlid. zum Nhd. 

§ 138. Wir berühren hier nur die bedeutsamsten Ver- 
änderungen, die für die nhd. Gemeinsprache von Wichtigkeit 
geworden sind. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 8 



114 I, 3. Übersicht über die Entwicklung des Hochdeutschen. 

Die stärksten Wandlungen hat der Vokal ismus erfahren. 
Vom Südosten ist seit dem 12. Jahrh. eine Bewegung aus- 
gegangen, durch welche die langen Vokale i, ü, iu zu den 
Diphthongen ei, au, eu gewandelt sind. Die Diphthongisierung 
hat sich zunächst über das ganze bairisehe Gebiet erstreckt, 
später auch über das östliche Mitteldeutschland, auch über 
einen Teil des westlichen und über das Schwäbische, das 
dadurch von dem AI. im engeren Sinne abgetrennt ist. Dabei 
sind die neuen Diphthonge iu den Mundarten, von gewissen 
Ausnahmen abgesehen, nicht mit den älteren mhd. ei, ou, öu 
zusammengefallen. Dagegen sind in Mitteldeutschland die 
Diphthonge ie, uo, üe frühzeitig zu einfachen Längen geworden, 
ohne wieder mit den alten Längen i, i'i, iu zusammenzufallen. 

§ 139. Im Ausgang des MA. haben sich erhebliche 
Quantitätsverschiebungen vollzogen, Dehnungen ursprünglich 
kurzer Vokale und in beschränkterem Maße auch Verkürzungen 
ursprünglich langer. Diese Veränderungen sind nicht überall 
gleichmäßig und gleichzeitig eingetreten. Dem ursprünglichen 
Stande am nächsten ist das Hochal. geblieben. Sehr stark 
sind die Veränderungen im Ostmd. gewesen, welches der nhd. 
Gemeinsprache zugrunde liegt. 

§ 140. Schon im früheren Mhd. vollziehen sich gewisse 
Vokalausstoßungen, die bereits in der Blütezeit der mhd. 
Literatur abgeschlossen sind. Seit dem 13. Jahrh. macht die 
Ausstoßung weitere Fortschritte, sowohl in den Mittel- wie in 
den Endsilben. So werden im Oberd. alle -e im Wortende 
abgeworfen. Das Md. ist iu dieser Hinsicht konservativer 
gewesen. Ein entgegengesetzter Vorgang war die Entwicklung 
eines konsonantischen r zu einer besonderen Silbe nach ei, au, 
eu = mhd. i, ii, iu {Geier, sauer, Feuer aus gir, sür, viur). 

§ 141. Weniger durchgreifend waren die Veränderungen 
im Konsonantismus. Wo ein im Mhd. kurzer Vokal vor ein- 
fachem Konsonanten nicht gedehnt worden ist, ist der Konsonant 
verdoppelt {Gottes, Kammer), mh ist zu mm assimiliert, zuerst 
im Md. {Lammes aus lamhes). Anlautendes 5 vor l, m, n, iv 
ist seit ca. 1300 zu seh geworden, zuerst in Oberdeutschland, 
dann auch in Mitteldeutschland und dem größten Teile von 
Niederdeutschland {Schlange, schmieden, schneiden, Schwert 



Übergang vom Mlid. zum Nhd. Gemeinsprache. 115 

aus slange, smiden, sniden, swert), inlautendes s in manchen 
Fällen nach r {herrschen aus hersen), mundartlieh auch sonst. 
Auch vor t und p ist anlautendes s in den Laut seh über- 
gegangen, aber mit Beibehaltung der älteren Schreibung. 
Inlautendes fr ist nur in wenigen Fällen als Reibelaut erhalten, 
mit vorhergehendem ä zu an kontrahiert (Pfcm aus pfäive)^ 
nach dunklem Vokal lautgesetzlieh, nach hellem durch Analogie- 
wirkung ausgefallen, nach l und )• zu h geworden {Schivalhe, 
Farbe aus sivalive, varive). 

§ 142. Sehr beträchtlich siud die Veränderungen gewesen, 
die sich in der Flexion teils schon in mhd., teils erst in nhd. 
Zeit infolge von Aualogiewirkungen vollzogen haben. Massen- 
haft ist Übertritt aus einer Flexionsklasse in eine andere 
erfolgt, zum Teil mit Geschlechtsweehsel. Auch haben sich 
durch Mischung einige neue Flexionsklassen der Substantiva 
herausgebildet. In der Flexion der starken Verba ist die Aus- 
gleichung zwischen Sg. und PI. des Prät. die hervorstechendste 
Erscheinung. Daneben zeigt sich eine Auflösung der alten 
Klassen durch abweichende Behandlung der einzelnen Verba. 



Kap. 4. Die Eiitsteliuiig" der Oemeinspraclie. 

§ 143. Die Entstehung einer über den Mundarten stehenden 
Gemeinsprache oder, wie man gewöhnlieh sagt, Schriftsprache 
ist ein langsamer, sich stufenweise vollziehender Vorgang, von 
dem man nicht sagen kann, daß er in einer bestimmten Zeit 
zum Abschluß gelangt ist. Wieweit eine solche schon vor 
der nhd. Zeit vorhanden gewesen, ist eine vielfach erörterte 
Streitfrage. Lachmann hat in der Vorrede zu seiner Auswahl 
aus den hochdeutschen Dichtern des 13. Jahrhunderts (1820) die 
Ansicht ausgesprochen, daß in der Blütezeit der mhd. Poesie 
eine Art Gemeinsprache bestanden habe, die von der ritterlich - 
höfischen Gesellschaft gesprochen und von den Dichtern an- 
gewendet sei. Diese Auffassung hat zunächst allgemeinen 
Beifall gefunden. Man bezeichnete die vorausgesetzte Sprache 
als Hofsprache, höfische Sprache, und nahm an, daß sie vom 
kaiserlichen Hofe ausgegangen, daß daher ihre Grundlage das 
Schwäbische sei. Noch weiter ging Müllenhofi" in der Vorrede 



116 I, 4. Die Entstehnag der Gemeinsprache. 

zu den Denkmälern deutscher Poesie und Prosa aus dem 
8. — 12. Jalirb. (1864). Er nahm au, daß schon unter Karl dem 
Großen sich eine Hofsprache gebildet habe, deren Grundlage 
das Rheinfränkische gewesen sei. Von dieser sei die ahd. 
Literatur auch in den anderen Landschaften beeinflußt. Sie 
sei dann von den sächsischen Kaisern übernommen und mit 
niederdeutschen Elementen versetzt. Unter den Saliern habe 
sie wieder rein fränkischen Charakter gewonnen, unter den 
Hohenstaufen- vorzugsweise schwäbischen, doch nicht ohne 
Einfluß der älteren fränkischen Grundlage. In ähnlicher "Weise 
sei sie weiter gewandert und gewandelt und habe in der 
kaiserlichen Kanzlei in Böhmen eine Gestalt erhalten, die 
sowohl der kaiserlichen Kauzlei unter den Habsburgern als 
der sächsischen Kanzlei und damit der Sprache Luthers zur 
Grundlage gedient habe. Auf diese Weise würde also die 
nhd. Schriftsprache in kontinuierlichem Zusammenhange mit 
den Bestrebungen Karls des Großen stehen. Gegen diese 
Konstruktion einer ahd. und mhd. Hofsprache sind begründete 
Bedenken erhoben, und der Streit darüber, wieweit im MA. 
schon eine sprachliche Einigung und eine Abweichung von der 
älteren mundartlichen Grundlage gediehen sei, hat dann hin 
und her gewogt. 

An in. Eine Widerlegung von MüUenhoffs Aufstellungen über die 
kaiserliche Hofspracbe in der ahd. Zeit hat meiner Überzeugung nach 
Braune gegeben in seiner Abhandlung „Zur Kenntnis des Fränkischen" 
(PBB. I, 1, vgl. besonders S. 41 f.). Die übliche Auffassung von der mhd. 
Hofsprache bekämpfte zuerst F. Pfeiffer, „Über Wesen und Bildung der 
höfischen Sprache in mhd. Zeit" (Wien. Akad. 1S61 und Freie Forschung, 
S. 3ü9ff.). Noch entschiedener ablehnend war mein Habilitationsvortrag 
„Gab es eine mhd. Schriftsprache'?", Halle 1873, an dessen Aufstellungen 
ich allerdings nicht mehr in allen Einzelheiten festhalte. Weiterhin be- 
handeln die Frage: Heinzel, „Zur Geschichte der niederfränk. Geschäfts- 
sprache", Paderborn 1S74; Behaghel, „Zur Frage nach einer mhd. Schrift- 
sprache", Basel 1SS6; Socin, „Schriftsprache und Dialekte im Deutschen 
nach Zeugnissen alter und neuer Zeit", Heilbronn 1S8S, S. Suff.; Kauffmann, 
PBB. 13, 464ff.; H.Fischer, „Ztfl- Geschichte des Mhd.", Progr. Tübingen 
18S9; Brandstetter, „Prolegomena zu einer urkundlichen Geschichte der 
Luzerner Mundart", Einsiedelu 1890 und „Die Luzerner Kanzleisprache 
1250— 160U", 1892; Böhme, „Zur Kenntnis des Oberfränk. im 13., 14. und 
15. Jahrh.", Diss. Leipzig 1S93; Behaghel, „Schriftsprache und Mundart", 
akad. Rede Gießen 1S97; Bohnenberger, PBB. 20,209; Zwierzina in Ab- 
handlungen zur germ. Phil. (Festgabe für Heinzel), Halle 1898, S. 437 ff.; 



Verhältnisse in der ältereu Zeit. 11' 

Ders. ..Mhd. Studien", Zs. f. d. A. 44. 45; C. Kraus, „Heinr. v. Veldeke und 
die iDlid. Dichterspraclic", Halle 1899; Böhme, „Zur Geschichte der sächs. 
Kanzleisprache" I, Halle 1890; Singer, „Die luhd. Schriftsprache", Mit- 
teilungen d. Ges. f. d. Spr. in Zürich V, 1900; Roethe, „Die lieimvorreden 
des Sachsenspiegels", Abb. d. Ges. d. Wiss. zu Güttingen, phil.-hist. Kl, 
N. F., Bd. 2 Nr. S, Berlin 1899; Tümpel. „Niederdeutsche Studien", Bielefeld 
und Leipzig 1898. 

§ 144, Versuchen wir uns ein Bild von den Verhältnissen 
der älteren Zeit zu machen. Die Entwicklung der Poesie führt 
wohl immer mit einer gewissen Notwendigkeit zu einer größeren 
oder geringeren Entfernung von der gewöhnlichen Umgangs- 
sprache. Die altgerm. Poesie ist darin nach gewissen Seiten 
ziemlich weit gegangen, wozu das Bedürfnis der Verstechnik, 
besonders das der Alliteration viel beigetragen hat. Sie hat 
sich allmählich einen reichen Wortschatz geschaffen, der der 
Umgangssprache und, seitdem es eine eigentliche Literatur 
gibt, der Prosa fremd ist. So stehen ihr für alle häufig zur 
Verwendung kommenden Begriffe wie Mann, Frau, Roß, Schwert, 
Kampf usw. mehrere synonyme Bezeichnungen zu Gebote, aus 
denen je nach den Erfordernissen der Alliteration eine Auswahl 
getroffen werden konnte, sei es, daß sie aus verschiedenen 
Mundarten geschöpft hat, oder sei es, was das Gewöhnliche 
sein wird, daß sonst außer Gebrauch gekommene Wörter nur 
in ihr durch ununterbrochene Tradition festgehalten sind. 
Ferner sind viele Wörter, zumeist Zusammensetzungen, nur für 
die Zwecke der Poesie gebildet, die einerseits der Rede einen 
eigentümlichen Schmuck geben, anderseits auch die Anpassung 
an das Bedürfnis der Alliteration erleichtern. Dazu kamen 
wohl manche syntaktische Besonderheiten, namentlich Altertüm- 
lichkeiten. Daß aber auch Laut und Flexion sich abweichend 
von den gesprocheneu Mundarten und einheitlicher als diese 
gestaltet hätten, läßt sich nicht erweisen. 

§ 145. Die Anfänge der ahd. Literatur zeigen deutlich 
die mundartlichen Besonderheiten der Landschaften, in denen 
die einzelnen Denkmäler entstanden sind. Es liegt aber in 
der Natur der schriftlichen Aufzeichnung, daß so manche Ver- 
schiedenheiten der Aussprache in ihr nicht zur Erscheinung 
kommen. Abgesehen davon, daß Betonung, Tempo, die Art des 
Übergangs von einer Artikulationsstellung zur andern im 



118 I, 4. Die Entstellung der Gemeinsprache. 

allgemeinen nicht bezeichnet werden, so vertreten auch die 
einzelnen Buchstaben nicht einen genau bestimmten Laut, 
sondern eine Gruppe von Lauten, die einander mehr oder 
weniger nahe stehen, aus denen einen zu wählen dem Leser 
überlassen bleibt. So vertritt oft innerhalb derselben Mundart 
ein Zeichen mehrere Laute, und so brauchen in verschiedenen 
Mundarten die mit einem Zeichen verbundenen Laute sich 
nicht zu decken. Daß dagegen in der ahd. Zeit irgendeiner 
Mundart ein Vorzug vor den anderen zuerkannt wäre, dafür 
gibt es keinen Anhalt. Die mundartlichen Verschiedenheiten 
waren noch nicht so groß, daß sie das gegenseitige Verständnis 
verhindert hätten, zumal in der schriftlichen Aufzeichnung. 
Wo ein Schreiber einem anderen Dialektgebiete angehörte als 
seine Vorlage, setzte er dieselbe unbedenklich in seinen Dialekt 
um. Ebenso vertauschte er zu seiner Zeit unüblich gewordene 
Wörter und Formen mit den ihm geläufigen jüngeren. Dies 
blieb, solange sich die Verbreitung der Texte durch Abschriften 
vollzog, das übliche Verfahren. Indem die Umsetzung gewöhn- 
lich nicht konsequent durchgeführt wurde, entstand ein Gemisch 
verschiedener Mundarten und verschiedener Zeiten, welches 
aber niemals so gesprochen wurde. Die Möglichkeit solcher 
Anpassung an die verschiedenen Mundarten machte den Mangel 
einer überall verstandenen Gemeinsprache weniger fühlbar. Die 
übliche Umsetzung war auch ein Hindernis für die Verbreitung 
einer von der Willkür der Schreiber unabhängigen Norm, 

Die Inkongruenz zwischen Schrift und Aussprache mußte 
sich mit der Zeit noch steigern, indem die erstere den Ver- 
änderungen der letzteren nicht immer sofort nachkam. Es ist 
dies sehr begreiflich, weil die Veränderungen der Aussprache 
sich im allgemeinen langsam kontinuierlich vollziehen, während 
die der Schreibung sprungweise vorgenommen werden müssen. 
Dazu kommt, daß öfters neue Laute entstehen, für die zunächst 
keine geeigneten Zeichen zur Verfügung stehen. So erklärt es 
sich z. B., daß der Umlaut teilweise lange ohne Bezeichnung 
geblieben ist. Durch dieses Zurückbleiben der Schrift konnten 
wieder manche mundartlichen Besonderheiten verdeckt bleiben. 

§ 146. Die noch lange nur in mündlicher Überlieferung 
lebende Volksdichtung bewahrte, auch nachdem sie von der 
Alliteration zum Reime übergegangen war, manche sprachliche 



Schrift und Aussprache. Mhd. Dichtersprache. 119 

Eigenheiten, namentlich Alterttimlichkeiten im Wortsehatz, auch 
einige in der Syntax, sowie Freiheiten der Wortstellung. Doch 
war der Abstand von der Umgangssprache nicht mehr so groß 
wie in der älteren Alliterationsdichtung. Die geistlichen und 
ritterliehen Dichter verhalten sich dazu verschieden, teils mehr 
oder weniger sich anschließend, teils überwiegend oder gänzlich 
ablehnend. Auf einer schiefen Auffassung beruht es, wenn 
Lachmann Wörter des Volksepos, die von manchen Dichtern 
gemieden werden, als uuhöfisch bezeichnet. Die hiifischen 
Dichter der Blütezeit bildeten ihrerseits einen neuen Kunststil 
aus von zum Teil sehr individueller Färbung, der zur Nach- 
ahmung reizte. Dadurch konnten jüngere Dichter veranlaßt 
werden, Wörter zu gebrauchen, die der ihnen natürlichen Mund- 
art fremd oder in der Umgangssprache bereits veraltet waren. 
Auch in Lautgestalt und Flexion stellten sich bei den Dichtern 
des 12. und 13. Jahrh. schon manche Abweichungen von ihrer 
heimischen Mundart ein. Einerseits suchten sie Eigenheiten 
zu vermeiden, die anderswo Anstoß erregt hätten. So ver- 
mieden die alemannischen Dichter im allgemeinen die voll- 
klingenden Endvokale ihrer Mundart, zumal da durch dieselben 
das Reimen erschwert worden wäre. So vermieden die bairisehen 
Dichter die noch jetzt in der Mundart bewahrten, aber für 
den PI. gebrauchten Dualformeu e^, enl'er, wobei aber zu 
berücksichtigen sein wird, daß die jetzt untergegangenen alten 
Piuralformen wohl damals noch daneben in Gebrauch gewesen 
sein werden. Anderseits nahm man auch aus anderen Dichtern 
Formen auf, die der eigenen Mundart fremd waren, namentlich, 
wenn sie für den Reim besonders bequem waren. So brauchen 
alemannische Dichter mitunter die bairisehen Formen gen, 
gel usw., steti, stet usw., häufiger bairische die alemannischen 
gän, gät, stän, stät usw. Formen wie gesät (gesetzt) im Reim 
auf stat sind vom Niederrhein in das alemannische Gebiet über- 
tragen, gewiß nur in der Kunstsprache. 

Trotzdem zeigen sich in der Literatur des 13. Jahrh. 
deutlicli die landschaftlichen Verschiedenheiten, so daß auch 
aus den Reimen der Dichter im allgemeinen ihre Heimat zu 
bestimmen ist. Daß innerhalb des Hd. die Sprache irgend- 
einer Gegend als mustergültig für die übrigen betrachtet 
worden sei, davon ist keine Spnr zu bemerken. Dagegen hat 



120 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

es die Geringfügigkeit des Anteils, den Niedersaehsen au der 
literarischen Entwicklung im 12. und 13. Jabrh. gehabt, mit 
sieh gebracht, daß die wenigen daher stammenden Dichter sich 
eng an hochdeutsche Vorbilder anschlössen, so daß sie sich 
auch bemühten, sich hochdeutscher Sprache zu bedienen. Aber 
einen bestimmten Einzeltypus des Hd. hatten sie dabei nicht 
im Auge. Am nächsten lag ihnen natürlich Anschluß an eine " 
md. Mundart, in die sie dann mehr oder weniger von ihrem 
heimischen Nd. einmischten. 

Im 14. und 15. Jahrh. nehmen die Unterschiede in der 
geschriebenen Sprache zu, wie sie es jedenfalls in der ge- 
sprochenen taten. Zu alledem aber wuchs wohl die Differenz 
zwischen beiden, und kam die erstere noch mehr unter die 
Herrschaft der Tradition. Und bei allen Fortschritten der 
Spaltung bildet sich ein Ansatz zu der in den folgenden Jahr- 
hunderten sich vollziehenden Einigung. 

§ 147. Als eigentlicher Begründer der nhd. Schriftsprache 
gilt, wenn auch neuerdings viel bestritten, doch richtig ver- 
standen mit Recht, Luther. Man darf aber nicht glauben, daß 
er die Absieht gehabt hätte, etwas ganz Neues zu begründen 
oder etwa die ihm geläufige Mundart zur herrschenden zu 
machen. Vielmehr ist er der Überzeugung, sieh an etwas schon 
Bestehendes anzuschließen. Bekannt ist seine Äußerung darüber 
(Tischreden Kap. 70:) „Ich habe keine gewisse sonderliche 
eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen 
Deutschen Sprache, das mich beide Ober und Niderlender ver- 
stehen mögen. Ich rede nach der sechsischen Oantzeley, welcher 
nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland. Darumb ists 
auch die gemeinste deutsehe Sprache. Keiser Maximilian vnd 
Churfürst Friderich, Hertzog zu Sachsen haben im Römischen 
Reich die Deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache 
gezogen." Verfolgen wir die Spur, auf die uns diese Äußerung 
hinweist. Die Urkuudensprache war vor 1300 ganz über- 
wiegend lateinisch. Erst seit dem 14. Jahrh. geht man all- 
mählich zum allgemeinen Gebrauch der deutschen Sprache 
über. Zunächst hatte die Urkundensprache einen lokalen 
Charakter, so daß sie ein taugliches Mittel zur Bestimmung 
der Dialektgrenzen ist. Allmählich bilden sich gewisse land- 
schaftliche Zentren, was damit zusammenhängt, daß man sich 



Vorstufen der nhd. Schriftsprache. 121 

an gegebene Muster anschloß. Die kaiserliche Kanzlei wurde 
deutsch unter Ludwig dem Baicr. Anfangs bietet sie ein 
ziemlich buntes Bild nach der verschiedenen Herkunft der 
Schreiber. Eine größere Regelmäßigkeit finden wir in der 
böhmischen Kanzlei Karls IV., dessen Regierung überhaupt für 
das Kanzleiwesen epochemachend ist (vgl. Burdach, Vom Mittel- 
alter zur Reformation, Halle 1893). In Böhmen begegnen sich 
obersächsisch, schlesiseh und oberpfälzisch. So entstand hier 
eine Urkundensprache, die im Vokalismus und Konsonantismus 
der späteren Schriftsprache sehr nahe stand. Aber es läßt sich 
kein geschichtlicher Zusammenhang zwischen beiden nachweisen, 
wie er gewöhnlich angenommen wird. Unter den Habsburgern 
nimmt die Sprache der kaiserlichen Kanzlei wieder einen 
wesentlich bairischen Charakter an. Einwirkung derselben 
auf andere Kanzleien hat im MA. schon in beschränktem Maße 
stattgefunden. Es handelt sich dabei besonders um die Ein- 
führung der neuen Diphthonge ei, au, eu statt der älteren 
Längen l, ü, in (vgl. § 138). Doch darf man nicht jedes Auf- 
tauchen derselben auf Einwirkung der kaiserlichen Kanzlei 
zurückführen. Vielmehr ist es meistens dem Eindringen in 
die Volkssprache der betreffenden Gegend zuzuschreiben, 
welches natürlich unabhängig von der kaiserlichen Kanzlei 
erfolgt ist. Was die sächsischen Kanzleien betrifft, so bemerkt 
man bei der Albertinischen Linie seit der Mitte des 15. Jahrb., 
bei der Ernestinischen erst etwas später ein Bestreben, gewisse 
mundartliche Eigenheiten zu vermeiden. Ob dazu den Anlaß 
die kaiserliche Kanzlei gegeben hat, bleibt zvreifelhaft. Schwer- 
lich hat Luthers Annahme eines förmlichen Übereinkommens 
zwischen Kaiser Maximilian und Kurfürst Friedrich irgend- 
welchen Grund. Die Übereinstimmung zwischen den beider- 
seitigen Kanzleien ist auch bei weitem nicht so groß, als man 
nach der Äußerung Luthers glauben sollte. Der Hauptpunkt, 
in dem sie übereinstimmen, ist die Diphthongisierung der 
alten Längen. Daß sich ihnen schon die übrigen Kanzleien 
angeschlossen hätten, ist in dem Umfange, wie dies Luther 
annimmt, auch nicht richtig. Dagegen hatte sich die Ein- 
wirkung der kaiserlichen Kanzlei schon von Luther unabhängig 
auf manche literarischen Erzeugnisse erstreckt, wobei der An- 
trieb nicht sowohl von den Schriftstellern als von den Druckern 



122 I. 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

ausging-. Der Übergang zum Buclidruck hat überhaupt die 
Entstehung und Ausbreitung einer Gemeinsprache ganz wesent- 
lich gefördert. Die Drucker hatten das größte Interesse daran, 
daß die von ihnen veröffentlichten Werke in der Gestalt, die 
ihnen zuerst gegeben war, durch ganz Deutschland verbreitet 
werden konnten, und eben der Druck ermöglichte dies und 
schützte vor willkürlicher Umsetzung. Zwar kam Veränderung 
der Mundart in Nachdrucken noch immer vor, mußte aber doch 
naturgemäß gegenüber der Zeit, wo die Verbreitung durch 
Abschrift geschah, erheblich eingeschränkt werden. Weiterhin 
trug die durch den Druck bewirkte Verbilligung der Bücher 
wesentlich zur Verbreitung der Kunst des Lesens und Schreibens 
bei. Ein eigentlicher Volksschulunterricht ist dadurch erst 
ermöglicht worden. Wenn in Baseler und Straßburger Drucken 
schon im zweiten Dezennium des 16. Jahrh. entgegen der dort 
herrschenden Mundart die neuen Diphthonge eingeführt sind, 
so erklärt sich dies daraus, daß die Drucker davon eine größere 
Verbreitung erwarteten. Daß sie es waren, nicht die Verfasser, 
ergibt sieh zum Teil aus handschriftlichen Aufzeichnungen der 
letzteren und aus ihren Reimen. 

Anm. Von Arbeiten tiber die Entstehung der nhd. Schriftsprache 
nenne ich außer den schon § 143 Anm. angeführten die folgenden: 
Rückert, „Geschichte der nhd. Schriftsprache", Leipzig 1875, 1.2., eine 
unvollendet gebliebene Arbeit, in der Betrachtungen über die Verände- 
rungen der Literatursprache im MA. und im 16. Jahrh. angestellt werden, 
wobei das eigentliche Problem, das Verhältnis von Schriftsprache und 
Mundart, kaum gestreift wird. Kluge, „Von Luther bis Lessiug", Straßburg 
1S8S. 3 1897. Pietsch, „Luther und die nhd. Schriftsprache", Breslau 1S83. 
Burdach, „Die Einigung der nhd. Schriftsprache", Habilitationsschrift Halle 
1S84. K. V. Bahder, „Grundlagen des nhd. Lautsystems", Straßburg 1890. 
Kauflfmann, „Geschichte der schwäbischen Mundart", Straßburg 1890. 
Brandstetter, „Die Reception der nhd. Schriftsprache in Stadt und Land- 
schaft Luzern 1600—1830", Einsiedeln 1891. A. Geßler, „Beiträge zur Ent- 
wicklang der nhd. Schriftsprache in Basel", Diss. Basel 18S8. Yv". Scheel, 
„Jaspar v. Geunep und die Entwicklung der nhd. Schriftsprache in Köln",' 
Westd. Zs. Ergänzungsb. VIII, Trier 1893. W. Beese, „Die nhd. Schrift- 
sprache in Hamburg während des 16. und 17. Jahrh.", Progr. Kiel 1901. 
A. Heuser, „Die nhd. Schriftsprache während des 16. und 17. Jahrh. in 
Bremen", Diss. Kiel 1913. L. Hahn, „Die Ausbreitung der nhd. Schrift- 
sprache in Ostfriesland", Leipzig 1912. Ein Versuch zur Behandlung der 
landschaftlichen Verschiedenheiten im 16. Jahrh. ist Virgil Moser, „Historisch- 
grammatische Einführung in die frühneuhochdeutschen Schriftdialekte", 
Halle 1909. Über die Sprache der verschiedenen Kanzleien handeln außer 



Einfluß des Buchdrucks. Luthers Sprache. 123 

mehreren der schon genannten Arbeiten: B. Arndt, „Der Übergang vom 
Mhd. zum Nhd. in der Sprache der Breshiuer Kanzlei" (Germ. Abh. 15). 
Brandstetter, „Die Luzerner Kanzleisprache 1250 — 1600", Geschichtsfrennd 
XLA''II, 227 (1892). Wagner, „Die Kanzleisprache Reutlingens", (Progr. 
Wilhelmsrealschule) Stuttgart 1910. Agathe Lasch, ,,Gt'Schichte der Schrift- 
sprache in Berlin bis zur Mitte des Ifi. Jahrh.", Dortmund 1910. 

§ 148. Wenn Luther die sächsische Kanzlei für muster- 
gültig' erklärt, so bezieht er dies nur auf die äußere Sprach - 
form. An anderen Stellen spricht er sich abfällig über die 
Kanzleisprache aus, indem er selbst eine volksmäßigere Aus- 
drucksweise anstrebt. Von einer bis ins einzelne feststehenden 
Norm ist er noch weit entfernt. Zwischen seinen frühesten 
und seinen spätesten Werken ist ein merklicher Abstand. So 
zeigen z. B. die ersteren stärkere Kürzungen nach oberdeutscher 
Weise. Bis zuletzt bleiben noch viele Schwankungen. Dies 
hinderte aber doch nicht, daß im Gegensatz zu anderen Mund- 
arten und lokalen Schriftsprachen Luthers Sprache als ein in 
wesentlichen Stücken einheitlicher Typus gefaßt werden konnte. 
Die Verbreitung von Luthers Schriften übertraf bei weitem 
alles bisher Dagewesene. Seine Bibel, sein Katechismus, seine 
Kirchenlieder drangen in die tiefsten Schichten des Volkes, 
wurden die Grundlagen für Predigt und Volksschulunterricht. 
Der letztere w^urde von Luther und seinen Anhängern aufs 
eifrigste gefördert, und zwar insbesondere, damit der gemeine 
Mann die Bibel in seiner Muttersprache lesen könne. So wurde 
Luthers Sprache rasch zu einer Autorität, allerdings zunächst 
neben derjenigen der kaiserlichen Kanzlei. Von den Zeugnissen 
darüber stellen einige beides nebeneinander, ohne mit den Ver- 
schiedenheiten zu rechnen. Andere führen nur eine von den 
beiden Autoritäten an. An Stelle der kaiserlichen Kanzlei wird 
im 17. Jahrh. auch das Reichskammergericht genannt. Daneben 
werden gewisse Hauptdruekorte als maßgebend bezeichnet. 
Endlieh wird seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. auch schon 
eine bestimmte Landschaft als Heimat der besten Sprache 
genannt, nämlich diejenige, von der Luther ausgegangen ist, 
Obersachsen. Von den Grammatikern des 16. Jahrh. stellten 
Albertus und Oelinger die in ihrer Heimat übliche Drucker- 
sprache dar, die von der kaiserlichen Kanzlei und von lite- 
rarischer Tradition beeinflußt noch viele lokale Besonderheiten 
zeigte. Clajus dagegen hielt sich genau an Luthers Vorbild. 



124 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

für das er auch in spraehliclier Hinsicht eine abgöttische Ver- 
ehrung- an den Tag legt. Unter den sich mannigfach durch- 
kreuzenden Einflüssen behält die Sprache des 16. Jahrh. noch 
einen mehr oder weniger mundartliehen, jedenfalls aber stark 
landschaftlichen Charakter. 

Anm. Ich führe einige der charakteristischsten Zeugnisse an für die 
als mustergültig angesehene Sprache : Fabian Frangk betrachtet als solche 
„Keyser Maximilians Cantzley vund diser zeit D. Luthers schreiben." 
Noch bei Balthasar Schupp im Teutschen Lehrmeister heißt es: „Und 
wer recht gut Teutsch lernen wil, der lese fleißig die Teutsche Bibel, 
die Tomos Lutheri, und die Reichs -Abschiede." Hier. Wolf in seiner 
Schrift „De orthographia germanica" 1556 kennt „una communis lingua 
germanornm ... in aula Caesarea." Joh. Rud. Sattler in seiner „Teutschen 
Orthographey" 1610 nennt die kaiserliche und mehrerer Fürsten und Städte 
Kanzleien und das Kammergericht zu Speier, ohne Luther zu erwähnen. 
Opitz bemerkt in seiner Deutschen Poeterey (1624): „Cancelleyen, welche 
die rechten lehrerinn der reinen spräche sind." Mathesius (Hist. Mart. 
Lutheri, Predigt 17): „Meichsner, sagen auch die anslender, wenn sie untern 
leuten gewesen und irs landsmanns vergessen, reden ein gut deutsch. 
Drumb erwecket der Sone Gottes ein deutschen Sachsen, der gewandert 
war, und die Biblien Gottes in Meichsnische zung brachte." Konr. Geßner 
in der Vorrede zu Maalers Wörterbuche: ,,Simt qui tractui circa Lipsiam, 
elegantioris sermonis, quo Lntherus etiam libros suos condiderit primas 
deferant." Scioppius sagt 1626, die „communis dialectus" der Deutschen 
stamme von den Meißnern und werde erlernt zu Speier und am keiser- 
lichen Hof. Ph. Zesen (Rosam. S. 203): „Die Meißner (welche die aller- 
lihblichst' und reineste Sprache haben) . . .". 

§ 149. Am vollständigsten behauptete die Schweiz, ab- 
gesehen etwa von Basel, ihre Eigenart, sowohl der kaiserlichen 
Kanzlei gegenüber als der Sprache Luthers, an den sie sich 
ja auch in der Kirchenreformation nicht anschloß. Zwar 
erschien 1523 in Basel ein Nachdruck von Luthers Neuem 
Testament, für das sich dann eine Erklärung der „außlendigen 
Wörter auf unser teutsch" nötig machte. Aber bald darauf 
ging man zur Umsetzung in alemannischen Yokalismus mit 
manchen sonstigen Veränderungen über. In solcher Gestalt 
erschien die ganze Bibel zuerst Zürich 1531 und behauptete 
sich bis 1665. Dagegen war es von entscheidender Bedeutung 
für die feste Begründung einer Gemeinsprache, daß der größte 
Teil von Niederdeutschland dem Lutherschen Bekenntnis bei- 
trat und dadurch auch unter den Einfluß der Lutherschen 
Sprache kam. Verbreitet war ja der hochdeutsche Einfluß 



Zeugnisse. Die Schweiz. Niederdeutschland. 125 

schon früher. Zwar hatte sich im 14. und 15. Jahrh. eine 
eig-entlich nd. Literatur entwickelt, dabei war aber wenigstens 
die poetische niemals frei von hd. Einflüssen. Um so geringer 
war jetzt die Widerstandsfähigkeit. Zwar wurde Luthers 
Bibelübersetzung in das Nd. umgesetzt. Das Neue Testament 
erschien in Wittenberg 1522, die ganze Bibel in Lübeck 1534, 
zum letzten Male 1621. Doch zog man vielfach bald den 
echten Lutherschen Text vor. Befördert wurde dies dadurch, 
daß sich viele aus Mitteldeutschland stammende Prediger über 
Niederdeutschland verbreiteten und anderseits viele nieder- 
deutsche Theologen in Wittenberg studierten. So ging dann 
in der Literatur der Übergang zum Hochdeutschen überraschend 
schnell vor sich. Burckard Waldis ließ seinen Verlorenen 
Sohn 1527 in Riga in nd. Sprache aufführen, veröffentlichte 
ibn aber 1531 auf Hochdeutsch; seinen Esopus schrieb er von 
Anfang an hochdeutsch (1548). Johann Agricola veröffentlichte 
seine zuerst nd. in Magdeburg ohne Jahr erschienene Sprich- 
wörtersammlung 1529 in Hagenau hochd. Kantzow verfaßte 
nm 1532 eine pommersche Chronik in nd. Sprache, arbeitete 
sie aber zweimal hocbd. um. So kann man wohl sag(!n, daß 
die nd, Literatur noch im Laufe des 16. Jahrhunderts von 
der hochd. verdrängt ist. Bemerkenswert ist das Zeugnis 
des Michrälius in seiner Pommerschen Chronica (1639): „Wir 
andern Sachsenleute haben nun auch an unserer Muttersprache 
einen solchen Eckel gehabt, daß unsre Kinder nicht ein Vater- 
unser, wo nicht in Hochteütseher Sprache beten, und wir keine 
Pommerische Predigt fast mehr in gantz Pommern hören mögen''. 
Was noch in späterer Zeit in nd. Sprache erschienen ist, muß 
als eigentliche Dialektliteratur betrachtet werden. Einiger- 
maßen zutreffend charakterisiert Sebastian Helber in seinem 
Teutschen Syllabierbüchlein (Freiburg i. Uechtl. 1593 S.31— 3): 
„Viererlei Teütsche Sprachen weiß ich, in denen man Bücher 
druckt, die Cölnische oder Gülichische, die Sächsische, die 
Flämmisch od' Brabantische, vnd die Ober oder Hoch Teütsche. 
Vnsere gemeine Hoch Teütsche wirdt auf drei weisen ge- 
druckt: eine möchten war nennen die Mitter Teütsche, die 
andere die Donawische, die dritte Höchst Reinische: (dan das 
Wort Oberland nicht mehr breüehig ist). Die Drucker so der 
Mittern Teutschen aussprach als vil die Diphthongen ai, ei, 



126 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

au, ec. belangt, halte, verstee ich die vö Meinz, Speier, Franek- 
furt, Wiirzburg, Heidelberg, Nürnberg, Straßburg, Leipsig, Erd- 
furt, vnd andere, denen auch die von Cöleu volgen, wan sie 
das Ober Teütseh verfertigen. Donawische verstee ich alle 
in den Alt Baieriseheu vnd Schwebischen Lande, den Rein 
vnberürt. Höchst Reinische lestlich, die so vor iezigen jareu 
gehalten haben im Drucken die Sprach der Eidgenossen oder 
Schweitzer, der Walliser, vnd etlicher beigesessener im Stiflft 
Costantz, Chur vii Basel." 

§ 150. Im 16. Jahrh. wurde es für die Entwicklung der 
Gemeinsprache von entscheidender Bedeutung, daß Ostmittel- 
deutschland, Schlesien und Obersachsen zum Hauptsitz der 
durch Opitz eingeleiteten neuen Renaissanceliteratur wurde. 
Die aus Niederdeutschland stammenden Dichter schlössen sich 
natürlich an die Schlesier und Obersachsen an, trugen daneben 
dazu bei, daß niederd. Elemente, besonders im Wortschatz hie 
und da auch in der Lautgestalt, in die Schriftsprache ein- 
zudringen begannen. Den gleichen Anschluß erstrebten die 
Nürnberger, während allerdings im Südwestd. Schriftsteller 
wie Moscherosch und Grimmeishausen einen volkstümlicheren 
Charakter und damit eine stärker mundartlich gefärbte Sprache 
bewahrten. Österreich und Bayern standen abseits. Was an 
literarischen Erzeugnissen hier entstand, wirkte nicht auf 
die Allgemeinheit, wie es anderseits von der norddeutschen 
Literaturbewegung ziemlich unberührt blieb. So konnte hier 
die Tradition der kaiserliehen Kanzleisprache fortwirken, blieb 
aber unter solchen Verhältnissen auf eine untergeordnete Rolle 
beschränkt. Besonders zäh hielt die Schweiz an ihren Eigen- 
tümlichkeiten fest, blieb aber eben deswegen auch ohne einen 
über ihre Grenzen hinausgehenden Einfluß. Doch wurde 
wenigstens in einer revidierten Ausgabe der Bibel von 1567 — 69 
der Anschluß an die Gemeinsprache durchgeführt. Auch in 
die Urkunden drang dieselbe allmählich ein. 

Luthers Sprache steht bei den Dichtern der Opitzischen 
Richtung noch immer in hohem Ausehen. Sie folgen aber 
doch auch ihrem natürlichen Sprachgefühl, für welches manches 
bei Luther Gewöhnliche schon veraltet ist, manches Neue 
Bürgerrecht gewonnen hat. Umgekehrt passen sich die Neu- 
drucke von Luthers Bibel wenigstens in Laut- und Flexions- 



17. Jahrb. IS. Jahrb.: Obersachsen, Schweiz. 127 

Verhältnissen allmählich dem jüngeren Sprachgebranch an. Die 
Doppelformigkeit. die der Sprache Luthers, wie tiberhaupt der 
des 16. Jahrb., in so reichem Maße eignete, wurde immer mehr 
durch Ausschaltung eingeschränkt. Von Wichtigkeit war. daß 
Opitz die starken Kürzungen des Oberd. verpönte. Allerdings 
bedienten sich die schlesischen Dichter auch mancher Eigen- 
arten ihrer Mundart, die der Gemeinsprache nicht auf die Dauer 
einverleibt wurden. 

Luthers Bibel und die neue Literatur wirkten auch zu- 
sammen auf die grammatische Behandlung der Sprache. An 
die Luthergrammatik von Clajus knüpfte die "Weiterentwicklung 
an. Die Verfasser von Grammatiken und Wörterbüchern 
stammten ganz überwiegend aus dem nördlichen Deutschland 
und standen zum Teil in naher Beziehung zur zeitgenössischen 
Literatur und zu den Sprachgesellschaften, die in den gleichen 
Gegenden ihren Sitz hatten. So wurde auch hierdurch der 
von Ostmitteldeutschland ausgegangene Sprachtypus gestützt. 
Zugleich wurde die Literatursprache immer mehr zu einem 
künstlichen, von mundartlicher Grundlage losgelösten Produkte, 
bei dessen Festsetzung die Theorie einen großen Einfluß gewann. 

§ 151. Für das 18. Jahrb. wurde es zunächst von ent- 
scheidender Bedeutung, daß sich Leipzig zu einem Mittel- 
punkte der Literatur entwickelte. Mit dem Einfluß der von 
hier ausgehenden literarischen Erzeugnisse verband sich der 
theoretische von Gottscheds Grammatik, in der eben diese 
Erzeugnisse als maßgebend hingestellt wurden. Daneben 
machen sich aber Gegenströmungen bemerkbar. Gegenden, 
die bisher abseits gestanden haben, gewinnen Anteil an der 
literarischen Entwicklung. Den Anfang macht die Schweiz. 
Anschluß an die norddeutsche Literatursprache mußte erst 
gewonnen sein, bevor die Schweizer Schriftsteller Beachtung 
über ihre Grenzen hinaus finden konnten. Dabei konnte es 
aber doch nicht ausbleiben, daß sich zahlreiche Eigenheiten 
der heimischen Mundart einmischten. Außerdem behaupteten 
für sie die Dichter des 17. Jahrb. immer noch eine gewisse 
Autorität, die ihnen anderswo nicht mehr zuerkannt wurde. Sie 
bemühten sich allerdings, ihre Besonderheiten mehr und mehr 
abzustreifen. Das zeigt ein Vergleich der verschiedenen Aus- 
gaben von Hallers Gedichten. Auch bei Bodmer und Breitinger 



128 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

finden wir das gleiche Bestreben. Doch wehren sie sich auch 
gegen die Ansprüche der Obersachsen auf unbedingte Autorität. 
Weiterhin traten Schriftsteller aus dem südwestlichen Deutseh- 
land in die vorderste Reihe. Wieland paßte sich von vorn- 
herein verhältnismäßig gut au den herrschenden Sprachtypus 
an, worin wir wohl eine Wirkung seiner im Kloster Bergen 
zugebrachten Schulzeit zu sehen haben. Dagegen staken 
Goethe und Schiller zunächst tief in den landschaftlichen 
Besonderheiten ihrer Heimat. Sie streiften dieselben aber 
allmählich ab, wozu gewiß ihre Übersiedelung nach dem öst- 
lichen Mitteldeutschland vieles beitrug. Bayern und Öster- 
reich blieben auch jetzt noch ziemlich abseits. Die hier 
entstehenden Erzeugnisse bewahrten zumeist einen stark pro- 
vinziellen Charakter, was sich auch in ihrer Sprache zeigte. 

§ 152. An der grammatischen Behandlung des Deutschen 
fingen auch Süddeutsche an regeren Anteil zu nehmen. Manche 
von ihnen zeigen noch ein starkes Widerstreben gegen die 
norddeutsche und Luthersche Sprache. Fulda sucht die alten 
im Schwäbischen bewahrten Vokalunterschiede zur Geltung zu 
bringen. Auf der andern Seite vertritt die Bairische Sprach- 
kunst den engsten Anschluß an Gottsched. 

Neben der mehr unbewußten Einmischung mundartlicher 
Eigenheiten beginnt bei den Schriftstellern eine bewußte Auf- 
lehnung gegen zu starke Einschnürung. Klopstock bemüht 
sich energisch um eine Differenzierung der poetischen Sprache 
von der prosaischen. Er suchte diese Absicht z. B, durch 
kühne, zum Teil dem Lat. nachgebildete Konstruktionen, durch 
neugeschaffene Zusammensetzungen, anderseits auch durch den 
ungewöhnlichen Gebrauch einfacher Wörter statt der üblichen 
Zusammensetzungen zu erreichen. Einen andern Weg zur Ver- 
mannigfaltigung des sprachlichen Ausdrucks schlug Herder 
vor, schon in den Fragmenten. Er wies auf die Umgangs- 
sprache und die Mundarten bin als eine Quelle, aus der man 
schöpfen sollte, um Eigenart zu gewinnen. Seine Anregung 
fand in der Sturm- und Drangperiode reichlich Befolgung. 
Dazu kam die Verwertung älteren Sprachguts zu charakte- 
ristischer Färbung, wozu Goethe das Beispiel gab in seinem 
Götz und den sich an die Art Haus Sachsens anlehnenden 



18. Jahrb. Gegenwärtiger Zustand. 129 

Dichtungen. Auch Wieland suchte für die Behandlung mittel- 
alterlicher Stoffe mittelalterliche Ausdrücke neu zu beleben. 

Gegen alle diese Bestrebungen wendete sieh Adelung. 
Er beharrte bei dem nun nicht mehr modernen Standpunkt 
Gottscheds, daß die Sprache der besten Schriftsteller aus der 
ersten Hälfte des 18. Jahrb., vornehmlich die der Obersachsen 
als mustergültig anzusehen sei. Ihm kam es auf feste Regelung 
aller Einzelheiten an. Klarheit und logische Richtigkeit waren 
sein Ideal. Die Bedürfnisse der Poesie spielten dagegen keine 
Rolle. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß er mit seiner Fest- 
setzung der äußeren Sprachform durchgreifenden Erfolg hatte 
und zu einer maßgebenden Autorität wurde, bei der sich die 
bedeutendsten Schriftsteller Rats erholten, daß er aber mit 
seiner immer engherziger werdenden Beschränkung des Wort- 
schatzes nicht durchdrang, und daß die Poesie den ihr not- 
wendigen freieren Spielraum ihm gegenüber behauptete. 

§ 153. In der neueren Zeit hat sich die äußere Form der 
Gemeinsprache nur noch wenig verändert. In der Orthographie 
sind mancherlei Expe^-imente gemacht, die aber schließlich 
doch nur zu geringen Modifikationen der offiziell anerkannten 
Schreibweise geführt haben. Anders steht es mit dem Wort- 
gebrauch. Mancher Bedeutungswandel hat sich vollzogen, 
manches übliche Wort ist unüblich geworden oder ganz außer 
Gebrauch geraten, mehr andere sind neu aufgekommen. Ver- 
änderungen in den Kulturverhältnissen, besonders die Fort- 
schritte der Technik brachten auch sprachliche Bedürfnisse 
mit sich, die befriedigt werden mußten. Infolge davon drangen 
auch manche neuen Fremdwörter ein. Anderseits bewirkten 
puristische Bestrebungen, daß zum Ersatz für Fremdwörter neue 
Bildungen aus deutschem Wortmaterial geschaffen, oder schon 
vorhandenen neue Bedeutungen untergelegt wurden. 

§ 154. Gegenwärtig haben wir eine Norm für den schrift- 
lichen Ausdruck, die nur in wenigen Fällen die Wahl zwischen 
gleichberechtigten Formen zuläßt, und die, soweit es sich um 
grammatische Verhältnisse handelt, nur wenigen landschaft- 
lichen Besonderheiten einige Duldung gewährt, vgl. z. B. nordd. 
des Bauers — südd. des Bauern, nordd. er hat gesessen — südd. 
er ist gesessen. Anders steht es mit dem Wortschatz. In bezug 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 9 



130 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

auf diesen bestehen noch große Verschiedenheiten auch in der 
offiziellen und literarischen Sprache. Häufig- teilt sieh Deutsch- 
land danach in zwei Teile, gewöhnlieh einen nördlichen und 
einen südlichen, mitunter auch einen östlichen und einen west- 
lichen, nicht selten aber auch in mehr als zwei Teile. Wir 
dürfen sagen, daß es für eine Anzahl von Begriffen noch keinen 
gemeindeutschen Ausdruck gibt. Dahin gehören namentlich 
Haus- und Ackergeräte und viele Gewerbe, aber auch manches 
andere. Ein erster Schritt zur Ausgleichung ist gemacht, wenn 
solche Ausdrücke wenigstens anderswo als in ihrer Heimat 
verstanden werden. 

Der poetischen Sprache bleibt immer eine etwas größere 
Freiheit zugebilligt, auch in bezug auf die äußere Gestaltung. 
Wo den Dichtern neben der gewöhnliehen Form noch eine 
andere gestattet ist, da verhält es sich im allgemeinen nicht 
80, daß diese von ihnen oder ihren Vorgängern neu geschaffen 
ist, sondern es liegt Bewahrung älterer Doppelformen vor, aus 
denen die prosaische Sprache schon eine bestimmte Auswahl 
getroffen hat, vgl. z. B. bietet — leut, Bett — Bette, Auge — 
Aug\ Mehr Raum zu schöpferischer Tätigkeit bleibt den 
Dichtern im Wortgebrauch und in der Wortbildung. 

Eine Einschränkung erleidet die Herrschaft der Norm 
nicht nur in Versen, sondern auch in ungebundener Rede 
durch das Streben der Schriftsteller nach Charakterisierung der 
Personen, bis zu einem gewissen Grade auch der Örtlichkeiteu. 
Dies führt zu mehr oder weniger weit gehender Einmischung 
landschaftlicher Eigenheiten, schließlich geradezu zur An- 
wendung der Mundarten, bei Verlegung der Handlung in eine 
entferntere Vergangenheit auch zu altertümlicher Färbung der 
Sprache. Die unbedingteste Geltung verbleibt daher der Norm 
in der in jeder Hinsicht unpoetischen, der wissenschaftliehen, 
didaktischen, geschäftlichen Sprache. 

Anm. Es gibt eine Anzahl von Schriften, die sich speziell mit 
Sprachrichligkeit beschäftigen, die aber teilweise von Gesichtspunkten 
ausgehen, die nicht durchweg zu billigen sind. A. Lehmann, „Sprachliche 
Sünden der Gegenwart", Braunschweig 1877; K.G.Keller, „Deutscher 
Antibarbarus", Stuttgart 1879; K. G. Audresen, „Sprachgebrauch und 
Sprachrichtigkeit'', Heilbronn 1880; G. Wustmann, „Allerhand Sprach- 
dummheiten", Leipzig 1891. Myü9; Theodor Matthias, „Sprachleben und 
Sprachschäden", Leipzig 1S92. ■'1914. 



Gegeuwärtiger Zustaud. Schrifdlche und mündliche Norm. 131 

§ 155. Die Gemeinsprache ist ziuijlcbst schriftlich fixiert. 
Damit ist auch eine Regelung der gesprochenen Sprache ge- 
geben, aber doch nur innerhalb gewisser Grenzen. Wir haben 
schon in § 145 gesehen, daß in der Niederschrift ein Teil der 
mundartlichen Besonderheiten verdeckt wird. Umgekehrt läßt 
die Schreibung auch demjenigen, der bemüht ist, sich genau 
an die Buchstaben zu halten, noch einen ziemlich weiten 
Spielraum in der Aussprache und gestattet ihm, sich des 
Lautmaterials zu bedienen, das er sich vor der Erlernung des 
Lesens nach der besonderen Sprechweise seiner Heimat an- 
geeignet hat. Ja diese Gewohnheit läßt ihn manche entschiedene 
Abweichung von der Schrift, die eine genaue Beobachtung 
feststellen könnte, tibersehen. Dazu kommt, daß die deutsche 
Schreibweise zwar sehr viel phonetischer ist, als z. B. die 
französische oder die englische, aber doch in manchen Punkten 
den Anforderungen der Phonetik direkt widerspricht. Aus dem 
Gesagten erhellt, daß die schriftliche Norm der Ergänzung 
durch eine mündliche bedarf. Es fragt sich, wo eine solche 
Norm zu finden ist. Zurückzuweisen ist der Anspruch irgend- 
einer bestimmten Gegend. Das Obersächsische, von dem die 
Gemeinsprache ausgegangen ist, hat längst eine ziemlich 
abweichende Entwicklung genommen. Wie die schriftliche 
Fixierung der Gemeinsprache sich von landschaftlicher Grund- 
lage losgelöst hat, so bedarf auch die mündliche einer solchen 
Loslösung. Fragen wir, wo diese am vollkommensten erreicht 
ist, so kann die Antwort nur sein; auf der Bühne. Nirgends 
sonst ist das Bedürfnis sich möglichst leicht verständlich zu 
machen so groß. Dabei bildeten Schauspielergesellschaften 
von annähernd homogener Zusammensetzung, die nur an einem 
bestimmten Orte vor einem gleichfalls wesentlich homogenen 
Publikum spielten, doch immer eine Ausnahme. Die ge- 
wöhnlichen Wanderungen ganzer Truppen wie einzelner Schau- 
spieler nötigten zu einer möglichst ausgeglichenen, für ver- 
schiedenartiges Publikum gleich faßlichen Sprechweise. Neben 
dem Streben nach Verständlichkeit waren es auch ästhetische 
Rücksichten, die auf die gleiche Bahn drängten. Ein har- 
monisches Zusammenspiel ist bei stärkeren mundartlichen Ver- 
schiedenheiten der Mitwirkenden unmöglich. Außerdem hat die 
Mundart immer etwas Charakteristisches, was da, wo es nicht 



132 I. -1. Die Entstehnng der Gemeinsprache. 

in bestimmter Absieht gewollt ist, störend wirkt. Es gab also 
Antriebe genug zur Regelung der Aussprache. Es war aber auch 
mehr als anderswo die Möglichkeit zu einer solchen Regelung- 
gegeben. Der Schauspieler bedurfte ja überhaupt einer Schulung 
für seinen Beruf, der sich auch auf den Gebrauch der Stimme 
erstreckte. Achtsamkeit auf die Funktionen seiner Spreeh- 
werkzeuge war für ihn eine selbstverständliche Forderung. 
Der vielfache Wechsel des Aufenthaltes, der rege Austausch 
zwischen deii verschiedenen Gesellschaften stellten eine über das 
ganze Gebiet der deutschen Sprache sich erstreckende Wechsel- 
wirkung her. Immerhin hat es geraume Zeit gedauert, bis 
ein einigermaßen genügender Ausgleich zustande kam. Das 
zeigen die früher häufigen Klagen über das schlechte Zusammen- 
passen der Aussprache. Um über manche strittigen Punkte 
zur Einigung zu gelangen, fand im April 1898 in Berlin eine 
Beratung unter Vertretern der Bühne und einigen Germanisten 
statt. Die Ergebnisse derselben wurden unter dem Titel 
„Deutsche Bühnenaussprache" 1898. 3 1905 veröffentlicht. Eine 
nochmalige Revision wurde vorgenommen von einem wieder 
aus Vertretern der Bühne und Germanisten bestehenden Aus- 
schuß im März 1908. Im Auftrage dieses Ausschusses ver- 
öffentlichte Th. Siebs eine Neubearbeitung der ,. Deutschen 
Bühnenaussprache", Bonn 1909. i"1912. Die darin gegebenen 
Vorschriften sind allerdings teilweise willkürlich und lassen 
doch manche Punkte unentschieden. Die Absicht dieser Schrift 
geht dahin, nicht nur für die Bühne, sondern auch für die 
Allgemeinheit, insbesondere für den Schulunterricht die Aus- 
sprache zu regeln. Doch, abgesehen davon, was im einzelnen 
dagegen einzuwenden ist, so scheint es mir zwar nicht zweifel- 
haft, daß für die Aussprache des Schriftdeutschen Annäherung 
an die Bühnensprache zu erstreben ist, man muß sich aber 
auch klar machen, daß diese Annäherung innerhalb gewisser 
Grenzen eingeschlossen ist, die schwer zu übersteigen sind, 
deren Übersteigung aber auch gar nicht erforderlich ist. Es 
ist doch nicht überall der gleiche Grad von Deutlichkeit nötig, 
den der weite Raum des Theaters verlaugt. Wer denselben 
auch im gewöhnlichen Gespräch anstrebte, würde unnatürlich 
und affektiert erscheinen. Es ist auch durchaus nicht nötig, 
daß alle Deutschen genau nach dem gleichen Kanon sprechen. 



Bühnensprache. I<j3 

Soweit das gegenseitige Verständnis zwischen Angehörigen 
verschiedener Landesteile durch deren Besonderheiten nicht 
behindert ist, verdienen sie eher Schonung als Ausrottung. In 
der Schule muß man allerdings einen strengeren Maßstab 
anlegen, insbesondere für das Lesen. Aber wer den Versuch 
zu radikaler Unterdrückung aller landschaftlichen Eigenheiten 
machen wollte, der würde bald gewahr werden, daß er eine 
Sisyphusarbeit unternommen hätte, wobei viel Zeit und Mühe 
ohne nennenswerten Erfolg vergeudet wäre. Es ist daher 
ein ansprechender Gedanke, für die verschiedenen deutschen 
Gebiete besondere Ausspracheregeln aufzustellen, die deren 
Eigenheiten bis zu einem gewissen Crade Rechnung tragen. 

Anm. Vgl. über die prinzipiellen Fragen Braune, „Über die Einigung 
der deutschen Aussprache" Akad. Rede Heidelberg 1904; darin wird aber 
meiner Überzeugung nach der Schreibung ein zu großer Einfluß auf die 
Aussprache eingeräumt. Mit der Festsetzung des einzelnen beschäftigen 
sich mehrere Schriften von W. Vietor: „Elemente der Phonetik und Ortho- 
graphie des Deutschen, Englischen und Französischen", Heilbronn 1S84. 
-1S&7; „Kleine Phonetik des Deutschen, Englischen und Französischen" 
'>. Aufl. 1913; „Die Aussprache des Schriftdeutschen" T. Aufl. 1909; 
.,Deutsches Aussprache -Wörterbuch", Leipzig 19(i8ff. Darin sind manche 
sorgfältigen Beobachtungen niedergelegt, aber auch manche willkürlichen 
Vorschriften gemacht und gleichfalls der Schreibung eine ungebührliche 
Autorität zugewiesen. Versuche zu einer landschaftlichen Regelung haben 
gemacht: Zimmermann, „Die Aussprache des Hochdeutschen in unserem 
Seminar", Jahresbericht Meersburg Ostern 1890; IL Luick, „Deutsche Laut- 
lehre mit besonderer Berücksichtigung der Sprechweise Wiens und der 
österreichischen Alpenländer", Leipzig u. Wien 1904. 

§ 156. Haben wir bisher unser Augenmerk hauptsächlich 
auf die Entstehung der gemeinsprachlichen Norm gerichtet, 
so müssen wir jetzt noch feststellen, wie sieh unter dem Ein- 
flüsse dieser Norm auf der älteren mundartlichen Grundlage 
die Sprachverhältnisse allmählich gestaltet haben. Für den 
Beginn des 16. Jahrh. müssen wir voraussetzen, daß die normale 
Umgangssprache eines jeden die heimische Mundart war, die 
allerdings in den Städten wohl nicht ganz frei von literarischen 
Einflüssen und etwas von der Bauernsprache abgerückt war. 
Die Ansätze zu einer gemeinsprachlichen Norm wirkten zunächst 
auf die zur Veröffentlichung bestimmten Schriftstücke, erst 
später auf private Aufzeichnungen. Einflüsse der Norm auf 
die gesprochene Sprache machten sich jedenfalls zuerst beim 



134 I, 4. Die Entstehung der Gemeinsprache. 

Lesen geltend, weiterhin in dem. was sieh an die Lektüre 
anschloß, in der Predigt, im Schulunterricht, endlich im Verkehr 
mit Angehörigen eines anderen Mundartengebietes. Ein der 
Norm mehr oder weniger angenäherter Sprachtypus hatte 
daher zunächst nirgends die Alleinherrschaft, er trat neben 
eine ältere mundartliche Sprechweise als eine künstliche 
Sprache neben die natürliche. An diese heftet sich dabei 
noch keine Geringschätzung. Das so geschilderte Verhältnis 
ist keineswegs eine bloße Voraussetzung. Es besteht noch 
gegenwärtig in der Schweiz, wo auch die Gebildetsten im 
Verkehr mit Landsleuten sich der Mundart bedienen. Im 
nördlichsten Deutschland, ist der Zustand bis vor nicht sehr 
langer Zeit ähnlich gewesen. In einem weitereu Stadium der 
Entwicklung hat dann die künstliche Sprache gegenüber der 
natürlichen immer mehr an Boden gewonnen, ist von einem 
Teile der Bevölkerung, der besonders stark unter dem Einflüsse 
von Schule und Literatur steht, in immer ausgedehnterem 
Maße angewendet, und die Fähigkeit zu dieser Anwendung 
erscheint immer mehr als ein Kennzeichen von Bildung. Die 
weitere Folge ist dann gewesen, daß ein Teil der heran- 
wachsenden Jugend einen Sprachtypus, der für ihre Eltern 
noch eine künstliche Sprache gewesen war, von vornherein als 
seine natürliche Sprache erlernt, der sich dann doch wieder 
später ein der Norm noch mehr angenäherter Typus zur Seite 
stellt. Ein solcher Vorgang konnte sich mehrmals wiederholen. 
Anderseits konnte es nicht ausbleiben, wenn eine Mundart 
und ein der Gemeinsprache zustrebender Typus nebeneinander 
von den gleichen Personen gesprochen wurden, daß auch in 
jene manches aus diesem übertragen wurde und dann auch 
auf solche Personen überging, die direkt gar nicht oder nur 
wenig von der Gemeinsprache beeinflußt waren. So entstanden 
eine Menge Zwischenstufen zwischen der reinen Mundart und 
der gemeinsprachlichen Norm. So ist das Niederd. in den 
größeren Städten allmählich bis auf geringe Reste unter- 
gegangen, und an seine Stelle ist ein mit nd. Elementen ver- 
setztes Hochdeutsch getreten. 

§ 157. Für die Gegenwart kann mau sagen, daß fast 
jeder einzelne im Laufe der Zeit zweisprachig, ja mitunter 
dreisprachig wird, indem er zu der natürlichen Sprache, die 



Verhältnis der gesprochenen Sprache zur Norm. 135 

er sich in der Kindheit erworben hat, eine der gemeinsprach- 
lichen Norm näher stehende künstliche erlernt. Der Abstand 
zwischen beiden kann sehr verschieden sein, je nachdem die 
natürliche der reinen Mundart, die künstliche der Gemeinsprache 
näher oder ferner steht. Hei dem einen gehen beide weit aus- 
einander, bei dem andern unterscheidet man sie etwa nnr als 
sorgfältigere oder nachlässigere Sprechweise. In der Schweiz 
sind Schweizerdeutsch und das sogenannte gute Deutseh scharf 
voneinander getrennt, letzteres zwar mit landschaftlichem Laut- 
material gesprochen, aber sonst doch bei den Gebildeten eng 
an die Schriftsprache angeschlossen. Auch bei dem, der zu 
angestammtem Niederdeutsch später Hochdeutsch erlernt, ist 
der Abstand groß, wenn auch bei vielen die Annäherung an 
die Schriftsprache nicht so weit geht als in der Schweiz, 
namentlich deshalb, weil als nächstes Vorbild weniger diese 
als ein Stadtdialekt dient. In Mittel- und Oberdeutschland 
ist der Abstand zwischen natürlicher und künstlicher Sprache 
im allgemeinen nicht so groß, indem einerseits die erstere, 
zumal in den Städten sich nicht so weit von der Gemeinsprache 
entfernt, anderseits die letztere mehr mundartliche Bestandteile 
bewahrt als das gute Deutsch der Schweizer. Natürlich besteht 
auch in den Städten Niederdeutschlands zwischen der Sjjrache 
der niederen Volksschichten und derjenigen der Gebildeten 
kein klaffender Unterschied und mannigfache Abstufung. Unter 
solchen Verhältnissen ist es auch ganz begreiflich, daß die 
künstliche Sprache eines Teiles der Bevölkerung der Gemein- 
sprache nicht so nahe kommt, als die natürliche eines anderen. 
Die Entwicklung drängt auf eine immer wachsende Annäherung 
an die Gemeinsprache, aber anderseits wird man wohl be- 
haupten dürfen, daß sie niemals zur Aufhebung aller land- 
schaftlichen Verschiedenheiten führen wird. 



Teil IL 

Laiitlelire. 



Kap. 1. Orthographie. 

§ 1. Zur Aufzeicbnuug- des Deutschen bat man sieh des 
lateinischen Alphabets bedient. Dieses litt an manchen Mängeln. 
Die Vokalquantität blieb unbezeichnet und damit auch manche 
feinere Unterschiede der Qualität. Für den /;-Laut standen 
drei Zeichen zur Verfügung- k, c, q; Je allerdings nur wenig 
verwendet, q nur in der Verbindung qu\ c hinwiederum hatte 
zu der Zeit, als die Aufzeichnung deutscher Texte begann, 
einen doppelten Lautwert. Für den u-Lsmt hatten sich zwei 
verschiedene Zeichen gebildet, u und v, beide ursprünglich 
für souautisches wie für konsonantisches m verwendet. Das 
konsonantische u war aber in der ahd, Zeit im Lateinischen 
schon zu dem Laute unseres tv geworden, so daß beide Zeichen 
für zwei verschiedene Laute gebraucht wurden. 

§ 2. Der Lautbestand einer Sprache deckt sich niemals 
mit dem einer anderen. So auch der des Ahd. nicht mit dem 
des Lat. Man konnte zwar im allgemeinen für die deutschen 
Laute solche Zeichen verwenden, deren Lautwert im Lat. sich 
nicht sehr von jenen unterschied; aber es gelang doch nicht, 
jedem lateinischen Zeichen einen besonderen Laut und jedem 
nur einen zuzuweisen. Der Luxus Ic, c, q und n, v wurde bei- 
behalten. Die konsonantische Verwendung der letzteren wurde 
neben der sonantischen übernommen, aber da zurzeit kein 
sich mit dem lateinischen deckender deutscher Laut bestand, 
wurden sie für den entsprechenden tonlosen Laut gebraucht, 
der schon eine Bezeichnung durch f gefunden hatte. Wenn 
nun auch f und v (ii) zum Teil zur Unterscheidung von 
Intensitätsgraden dienten, so geschah dieses doch nicht kon- 
sequent, und so entstand ein neuer Luxus, der bis jetzt fortlebt 
(roll — füllen). Diese Verwendung des v {uj führte dann wohl 
weiter dazu, daß für konsonantisches u (jetzigem 7v entsprechend) 



140 II, 1. Orthographie. 

neben einfachem ii {v) doppeltes eingeführt wurde (suert — 
freuuida „Freude"). Zur Unterscheidung der Vokalquantität 
sind zwar im Ahd. verschiedene Ansätze gemacht, die aber 
nicht zu allgemeiner Geltung gelaugt sind und in der späteren 
Zeit nicht fortgewirkt haben. Auch zwei deutlich verschiedene 
Qualitäten des kurzen e haben sich mit einem Zeichen be- 
gnügen müssen. Das Zeichen z mußte nicht bloß den Doppel- 
laut, den es jetzt bezeichnet, vertreten, sondern auch einen 
einfachen harten Reibelaut, der im Lat. kein Gegenstück hatte. 
Das h mußte außer dem Hauchlaute auch den Laut unseres 
jetzigen ch bezeichnen. Später trat dafür das Doppelzeichen ch 
ein, dessen Lautwert in den ältesten Texten nicht sicher fest- 
zustellen ist. Das Zeichen g konnte einen Verschluß- oder 
einen Reibelaut bedeuten. Im Oberd. gab es keinen genau 
dem lat. g oder h, h oder p entsprechenden Laut, sondern einen 
gewissermaßen in der Mitte stehenden, zu dessen Bezeichnung 
man nun zwischen g und Je, h und p schwankte. 

§ 3. Manche dieser Unzuträglichkeiten wurden im Laufe 
der Zeit beseitigt. Aber es bildeten sich manche neue. Der 
Umlaut des o und des u wurden lange nicht oder nicht kon- 
sequent bezeichnet, bis allmählich ö und ü allgemein wurden. 
Für einen zunächst aus dem Doppellaut sJc entwickelten ein- 
fachen Laut gelangte mau zu der komplizierten Bezeichnung seh. 
Im Beginne der neueren Zeit tauchte wieder das Bestreben 
auf, die Länge der Vokale kenntlich zu machen, wobei man 
aber ohne alle Konsequenz zu verschiedeneu Mitteln griff. 
Neben der schon in einigen ahd. Denkmälern angewendeten 
Verdopplung, die noch das rationellste Mittel ist, stellten sich 
zwei andere Mittel, die sich zufällig infolge der Lautentwick- 
lung dargeboten hatten, worüber weiter unten gehandelt werden 
wird, e (hinter i) und h. Dabei blieb aber die Länge doch in 
sehr vielen Fällen unbezeichnet. Die zunächst bestehenden 
großen Schwankungen in der Sehreibung wurden allmählich 
beseitigt, aber nicht nach durchgreifenden einheitlichen Grund- 
sätzen, sondern nach willkürlicher Festsetzung für die einzelnen 
Wörter. Hierbei sind Rücksichten nicht phonetischer Natur 
mitbestimmend gewesen. Einerseits das Prinzip der Analogie, 
wonach Formen, die als untereinander verwandt empfunden 
wurden, möglichst gleich geschrieben wurden, soweit dadurch 



Schriftzeichen. Analogie. Differenziemug. Reformbestrebnngen. 141 

nieht eine dem Gebrauche zuwider laufende Aussprache ver- 
anlaßt wurde, also z. B. 3fann nach Mamies usw. gegen älteres 
man, kann, Iconnte nach J:önnen neben älterem lan, Jionte. 
Leid nach Leides usw. gegen älteres leit, geivandt, venvandt 
nach tuenden gegen älteres geivant, vcrwant, Kälte nach halt 
gegen älteres Ixlte, älter nach alt gegen älteres elter, Häute 
nach Haut gegen älteres heute. Dieses Prinzip wurde nach 
allmählicher Vorbereitung zuerst von Schottel mit größerer 
Konsequenz durchgeführt. Anderseits machte sich bei den 
Grammatikern das Bestreben geltend, gleichlautende Wörter 
von verschiedener Bedeutung durch die Schreibung zu unter- 
scheiden, wozu also das Vorhandensein mehrerer Bezeichnungen 
für den gleichen Laut verwertet wurde, z. B. viel — fiel, Meer — 
mehr, leeren — lehren, Lerche — Lärche. Auch die allmählich 
üblich werdende Schreibung der Substantiva mit großen Anfangs- 
buchstaben diente diesem Zwecke. Unter Berücksichtigung 
solcher Gesichtspunkte gelangte die Festsetzung der Schreibung 
für die einzelnen Wörter mit Adelung zu einem gewissen Ab- 
schluß, an dem zunächst wenig geändert wurde. 

§ 4. Bei dieser Entstehungsart unserer Orthographie konnte 
es nicht ausbleiben, daß dieselbe mit vielen Mängeln behaftet 
war. So begreift es sich denn auch, daß allerhand Versuche 
zu mehr oder weniger durchgreifender Reform auftauchten. 
Besonders seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. begannen 
dieselben weitere Kreise zu ergreifen. Zwei verschiedene 
Richtungen standen sich anfangs gegenüber, die sogenannte 
historische und die phonetische. Die erstere ging von Ger- 
manisten aus. J. Grimm hatte, so sehr er es auch von Hause 
aus ablehnte, die Sprache zu meistern, doch für viele Aus- 
weichungen der nhd. Schriftsprache von der allgemeinen Regel 
den tadelnden Ausdruck „unorganisch" geprägt. Diese Miß- 
billigung übertrug sieh auch auf die orthographischen Neue- 
rungen des Nhd. Grimm selbst hat keine ernstlichen Schritte 
zur Beseitigung derselben unternommen. Aber unter den von 
ihm ausgehenden Anregungen gingen andere vor, zuerst nament- 
lich Weinhold. Es läßt sich dabei eine radikale und eine 
gemäßigtere Richtung unterscheiden. Manche gingen soweit, 
auch an den Lautstand zu rühren, z. B. wieder Schreibungen 
wie ivürhen, Küssen, Wirde, Leffel, leschen einzuführen. Auf 



142 II, 1. Ortbügraphie. 

rein orthographischem Gebiete wurde besonders das Dehnungs-A 
und das h nach t angefochten. Von phonetischem Staudpunkte 
aus waren schon früher Reformversuche gemacht, so im 
18. Jahrb. von Klopstock. Im 19. ging die Bewegung zunächst 
hauptsächlich von Vertretern der Stenographie aus, als deren 
Wortführer Michaelis in einer Reihe von Schriften auftrat. 
Weiterhin reizte der Ausbau der phonetischen Wissenschaft 
zur Anwendung derselben auf die Praxis der Rechtschreibung. 
Auch hier steht neben einer radikalen eine gemäßigte Richtung. 
So sehr sich auch die beiden Reformbewegungeu in ihren 
Grundsätzen unterschieden, so trafen sie doch in manchen 
Forderungen zusammen. Ihnen gegs^nüber vertrat einen streng 
konservativen Standpunkt Sanders, der sich für das Ver- 
deutliehungsprinzip ereiferte, also auch für möglichste Unter- 
scheidung gleichlautender Wörter. Einen gemäßigteren Ver- 
teidiger fand die herkömmliche Orthographie iu Rud. v. Raumer. 
Die infolge dieser Bestrebungen einreißende Unsicherheit, die 
teilweise auch in die Schulen eindrang, veranlaßte die deutschen 
Regierungen zum Einschreiten. Es wurde im Jahre 1876 eine 
Konferenz von Sachverständigen oder solchen, die man dafür 
ansah, nach Berlin berufen, um über eine Regelung zu be- 
schließen. Zugrunde gelegt wurde eine Denkschrift von Rud. 
V. Raumer, in der nur geringe Änderungen vom Herkömmliehen 
vorgeschlagen waren. Die Konferenz fand sich aber veranlaßt, 
erheblich darüber hinaus zu gehen. Das Ergebnis erschien im - 
Druck unter dem Titel: „Verhandlungen der zur Herstellung 
größerer Einigung in der deutsehen Rechtschreibung berufenen 
Konferenz, Berlin, den 1. bis 15. Januar 1876", Halle. Ein 
Grundfehler bei den Beratungen war, daß man nicht unter- 
schied zwischen dem, was von einem idealen Standpunkte aus 
anstrebenswert war, und dem, was sich für den Augenblick 
erreichen ließ. Dazu kam, daß über die Einzelheiten nach 
Zufallsmajoritäten entschieden wurde. So konnte das Ergebnis 
niemand befriedigen. Auf der einen Seite waren die Ab- 
weichungen von dem Gewohnten so groß, daß sie auf die 
meisten befremdend wirken mußten. Anderseits blieb man 
doch weit entfernt von einer wirklich durchgreifenden und 
konsequenten Vereinfachung. Die Regierungen konnten sich 
nicht entschließen, die Vorschläge der Konferenz anzunehmen. 



ReformbestrebuDgen. Offizielle Regelung. 1-43 

Man griff wieder auf die Raumersche Denkschrift zurück. Im 
Anschluß an dieselbe erschien zuerst in Bayern ein offizielles 
Reg-elbueh (1879). Ihm folgte Preußen (1880) und die übrigen 
Bundesstaaten; weiterhin auch Osterreich und die Schweiz. 
Die Hauptabweichung von dem bisher Üblichen bestand dabei 
in einer teilweiseu Beseitigung des tli. Im einzelnen zeigten die 
verschiedenen Regelbtteher allerhand kleine Abweichungen von- 
einander. Verfasser des preußischen Regelbuches war Wilmanns. 
Dieser veröfientlichte auch einen lehrreichen „Kommentar zur 
preußischen Schulorthographie", Berlin 1880, in 2. Aufl. unter 
dem Titel „Die Orthographie in den Schulen Deutschlands", 
Berlin 1887. In einer neuen Konferenz 1901 wurden die noch 
bestehenden Differenzen zwischen den Regelbtichern der ver- 
schiedenen Staaten, Österreich und die Schweiz eingeschlossen, 
ausgeglichen unter gänzlicher Beseitigung des th in deutschen 
Wörtern. Für den deutschen Buchdruck als maßgebend an- 
erkannt ist jetzt K. Duden, „Rechtschreibung der Buchdruckereien 
deutscher Sprache", -^^^910. 

Anm. Vgl. meine Abhaudlaug „Zar orthographischen Frage", Deutsche 
Zeit- und Streitfragen 143, Berlin 18S0 und Kap. 21 meiner ..Prinzipien 
der Sprachgeschichte". 

§ 5. Daß auch nach der neuesten Regelung unsere Ortho- 
graphie mit vielen Mängeln behaftet bleibt, läßt sich nicht in 
Abrede stellen. Ob es noch einmal zu einer gründlicheren Reform 
kommen wird, ist schwer vorauszusagen. Der Widerstand gegen 
eine solche ist groß, wie schon die Aufregung vieler Kreise 
über die geringen jetzt durchgeführten Änderungen gezeigt hat. 
Immer stellt sich die Gewohnheit der jetzigen Generation, die 
schon die Erlernung der Orthographie hinter sich hat, dem 
Interesse der neu heranwachsenden Generation entgegen. Jeden- 
falls aber wird es gut sein sich klar zu werden über die Bahnen, 
die eine künftige Reform einschlagen müßte, und die Vorurteile 
zu bekämpfen, die einer solchen im Wege stehen. 

§ 6. Die Forderungen der sogenannten historischen Richtung- 
müssen, soweit sie nicht zufällig aus anderen Gründen annehmbar 
sind, durchaus zurückgewiesen werden. Man darf z. B. den 
5-Laut in Wasser nicht anders schreiben als den in Messe, 
weil jenes auf mhd. wa^^er, dieses auf mhd. messe zurückgeht. 
Unsere Schreibung hat dem Bedürfnis der Gegenwart zu dienen 



144 II, 1. Orthographie. 

und nicht über Sprachgeschichte zu belehren. Die Reform 
kann kein anderes Ziel verfolgen als eine bessere Anpassung 
der Schreibung an den gegenwärtigen Lautstand. Damit soll 
aber nicht gesagt sein, daß die radikalen Forderungen mancher 
Phonetiker im ganzen Umfange erfüllt werden müßten. Man 
darf nie vergessen, daß unsere Orthographie lediglich dazu da 
ist, einem bestimmten praktischen Zwecke zu dienen, das Lesen 
und Schreiben möglichst zu erleichtern, auch die Erlernung 
desselben. Dabei kann nur auf das Bedürfnis der Inländer, 
nicht zugleich auf das der Ausländer Rücksicht genommen 
werden. Eine Schreibweise, mit Hilfe deren sich auch der 
Außenstehende eine annähernde Vorstellung von den Lauten 
einer Sprache machen könnte, die imstande wäre das gesprochene 
Wort einigermaßen zu ersetzen, wäre für die Allgemeinheit viel 
zu kompliziert. Sie könnte von niemand erlernt oder gehand- 
habt werden ohne eine gründliche phonetische Schulung. Von 
der Orthographie des gemeinen Lebens kann man nur ver- 
langen, daß aus ihr derjenige, der mit der Sprache schon 
vertraut ist, erkennt, welche Laute er einzusetzen hat. "Wenn 
die Buchstaben auch an und für sich einen Zweifel darüber 
lassen, auf welchen unter einer Gruppe von verwandten Lauten 
sie deuten, so wird doch der der Sprache Kundige ohne 
weiteres den ihm geläufigen wählen. Er wird auch, wo es 
der Sprachgebrauch verlangt, einen Wechsel nach der Betonung 
oder nach dem vorausgehenden oder folgenden Laute oder der 
Stellung innerhalb der Silbe eintreten lassen, z. B, das Ti in 
Kind weiter vorn bilden als in Kunst oder als Norddeutscher 
das 5 in Eis anders sprechen als in Eisen. Verschiedene Zeichen 
in solchen Fällen würden ihm das Lesen nur erschweren und 
das richtige Schreiben vielleicht unmöglich machen. Aller- 
dings, wo die verschiedenen Landschaften aus den betreffenden 
verwandten Lauten eine verschiedene Auswahl treffen, wo z. B. 
die einen mit dem Buchstaben h die Vorstellung eines tönenden 
Lautes, die andern die eines tonlosen verbinden, da wird man 
durch die Schreibung nicht belehrt, welche Aussprache als 
korrekt zn betrachten ist. Doch ist auch mit diesem Nachteil 
ein gewisser Vorteil verbunden. Jedenfalls ist es gut, daß die 
Schreibung die Auswahl zwischen mehreren Aussprachen läßt, 
wenn eine Entscheidung über den Vorzug der einen noch nicht 



Eeformbedürftigkcit der jetzigen Orthographie. 145 

getroffen ist. Aber selbst, wo dies der Fall ist, würde diese 
Entscheidung, wenn sie schon durch die Schreibung angegeben 
wäre, auf viele Leser von anderer Gewöhnung befremdlich 
wirken. Und jedenfalls ist, wie wir schon in I, Kap. 4 gesehen 
haben, die Einigung in der Schreibweise dadurch bedeutend 
erleichtert, daß mit dieser nicht zugleich die Aussprache zu 
schroff fixiert wurde. 

§ 7. Eine Forderung der Phonetiker ist, daß jedem ein- 
fachen Laute ein einfaches Zeichen entsprechen soll. Hier- 
gegen verstößt unsere Orthographie mit den komplizierten 
Zeichen ch und seh. Der Ubelstand ist aber nicht so groß, 
daß eine Ersetzung des Altgewohnten durch Neuerfandenes 
besonders erstrebenswert wäre. 

§ 8. Ein entschiedener Mangel ist es, wenn derselbe Buch- 
stabe mehrere Laute vertreten muß, ohne daß die Verschieden- 
heit durch die verschiedene Stellung innerhalb des Wortes 
bedingt ist. Abgesehen von der Vokalquantität, auf die wir 
noch zurückkommen, kommt hier das Nebeneinander von offener 
und geschlossener Qualität des e in Betracht. Wir haben zwar 
zwei Zeichen, ä und t% zur Verfügung, aber das letztere bleibt 
doppellautig. Nun bestehen aber gerade in bezug auf die Unter- 
scheidung der beiden Laute (vgl. §§51,2. 52. 53) so große 
landschaftliche Unterschiede, daß jeder Versuch die Scheidung 
in der Schreibung durchzuführen, auf starken Widerstand bald 
von der einen, bald von der andern Seite stoßen würde. 

§ 9. Störender als der Mangel ist in unserer jetzigen 
Orthographie der Überfluß von Zeichen. Dieser macht die 
Erlernung derselben zu einer Quälerei für die Jugend, bei der 
viele schöne Zeit vergeudet wird, die besser angewendet 
werden könnte. Hierher gehört die Verwendung von /' und v 
für den gleichen Laut, vor allem aber die Mehrheit der 
Dehnungszeichen. Es werden drei verschiedene Mittel zur 
Bezeichnung der Dehnung verwendet, und dabei bleibt die- 
selbe doch in vielen Fällen unbezeichnet, zum Teil gerade in 
solchen, in denen sie an keinem sonstigen Merkmal erkennbar 
ist, z. B. vor r + Dental {Art, Erde), vor cli {Bucli gegen Spruch). 
Wenn das Dehnungs-/i vor ?, r, m, n Anwendung findet, so 
könnte man wohl sagen, daß dies einen gewissen Nutzen hat, 

Paul, Deutsclie C4riimmatik, Bd. 1. 10 



146 II, 1. Orthographie. 

wenn nocli ein Konsonant darauf folgt, z. B. in Formen des 
Präteritums wie ivählte, nährte^ mahnte; aber daneben stehen 
malte, Jclärte, schämte u. a. Als ein Argument für die Bei- 
behaltung der ungleichmäßigen Schreibung hat es immer gedient, 
daß dadurch die Möglichkeit gegeben ist, gleichlautende Wörter 
zu unterscheiden. Aber wenn die gesprochene Sprache nicht 
sehr unter dem Vorhandensein gleichlautender Wörter leidet, 
warum sollte das Übel für die geschriebene größer sein? Wer 
wird wohl im Zusammenhang der Kede mahlen und malen, 
lehren und leeren, oder gar fiel und viel, mehr und 3Ieer mit- 
einander verwechseln? Außerdem bleiben ja auch noch Wörter 
genug, die in der Schreibung so wenig wie in der Aussprache 
unterschieden werden, wie der Hut — die Hut, laden (auf 
einen Wagen) — lade^i (einladen). Wenn die Unterscheidung 
gleichlautender Wörter überhaupt irgendwelchen Vorteil ge- 
währt, so ist derselbe jedenfalls lächerlich gering gegenüber 
der Mühe, die jetzt die Erlernung der willkürlichen Fest- 
setzungen macht. Zur Beseitigung des Hauptübels unserer 
Orthographie wäre natürlich die gleichmäßige Durchführung 
eines einfachen Längezeichens die gründlichste Lösung. Aller- 
dings würden auch dabei einige landschaftliche Verschieden- 
heiten Schwierigkeiten bereiten. Aber auch der Verzicht auf alle 
Dehnungszeichen wäre dem jetzigen Zustande bei weitem vor- 
zuziehen. Fälle, in denen dabei Wörter mit langem Vokal und 
solche mit kurzem in der Schrift zusammenfallen würden, sind 
kaum zu finden, so daß also bei einem der Sprache Kundigen 
kein Zweifel auftauchen könnte. Außerdem gibt es für die 
meisten Wörter andere Merkmale, an denen man die Quantität 
erkennt, wenigstens solange analogische Sehreibungen wie 
Jcann, kannte beibehalten werden. Diejenigen Fälle, in denen 
ein solches Merkmal fehlt, sind insbesondere die, in denen 
auch jetzt die Länge unbezeichnet bleibt. 

§ 10. Die Einschränkung des phonetischen Prinzips durch 
die Analogie ist innerhalb gewisser Grenzen kaum ein Übel- 
stand, ja zum Teil ein Vorteil. Wir haben schon gesehen, 
welche Schwierigkeiten sich ergeben würden, wollte man alle 
geringen Modifikationen eines Lautes, die durch die Stellung 
innerhalb des Wortes veranlaßt werden, durch besondere 
Zeichen unterscheiden. Dabei würden nun auch störende 



Reformbedürftigkeit der jetzigen Orthographie. ^'^' 

DiflFerenzen zwischen nahe verwandten Formen entstehen, die 
jetzt vermieden werden. Man müßte den anlautenden Kon- 
sonanten in kann anders schreiben als den in J:önnen, den 
in Kunst anders als den in Künste. So würde auch die Ein- 
führung mehrerer Zeichen für den Reibelaut cJi, bei dem der 
akustische Unterschied größer ist, den Zusammenhang zwischen 
Bach und Bäche, Spruch und Sprüche stören. Die Beibehaltung 
der Doppelschreibung im Silbenauslaut {kann, honnte) ist aller- 
dings etwas umständlicher als die ältere Vereinfachung {Ican, 
künde), man kann aber gewiß nicht sagen, daß sie störend 
wirkt oder schwer zu erlernen ist; außerdem bietet sie einst- 
weilen den Vorteil, daß sie über die Kürze des voraufgehenden 
Vokals keinen Zweifel läßt. Ein anderer Hauptfall von ana- 
logischer Sehreibung ist die Beibehaltung von h, g, d im 
Silbenauslaut. Hier stellt sich dem Ersatz derselben durch 
eine streng phonetische Schreibung die Abweichung in der 
Aussprache zwischen Norden und Süden entgegen. Anfecht- 
barer ist die analogische Verwendung des ä (vgl. § 46). 

§ 11. Ein schwer befriedigend zu lösendes Problem bietet 
die Schreibung der Fremdwörter. Bei der Frage, ob Beibehaltung 
der fremden oder Anpassung an die deutsche Orthographie 
vorzuziehen sei, macht es natürlich einen Unterschied, bis zu 
welchem Grade die Einbürgerung gegangen ist, und da gibt 
es eine mannigfaltige Abstufung. Auch hat derjenige, der die 
fremde Sprache kennt, ein anderes Verhältnis zu den aus ihr 
entlehnten Wörtern, als der, dem sie fremd ist. Die radikale 
Eindeutschung der Fremdwörterschreibung, wie sie jetzt für 
die Buchdrucker vorgeschrieben ist, wirkt auf viele befremdend 
und bringt manche Unzuträglichkeiten mit sich. Dabei ist es 
eine Inkonsequenz, daß der Schreibende trotzdem bekunden 
soll, daß er weiß, wo ein griechisches 9^ oder r zugrunde liegt. 



Kap. 2. Silbentreimung. 

§ 12. Im einfachen Worte gehört ein einfacher Kon- 
sonant zwischen zwei Vokalen stets zur zweiten Silbe {Bo-te 
usw.). Doppelkonsonant verteilt sich auf die beiden Silben 
{Man-nes, Got-tes)\ bei den Verschlußlauten gehört die Bildung 

10* 



148 II, 2. Silbentreunnng. 

des Verschlusses zur ersten, die Lösung zur zweiten Silbe. 
Auch ch und seh nach kurzem Vokal sind als geminiert auf- 
zufassen und verteilen sich daher unter die beiden Silben. 
Von zwei verschiedenen Konsonanten gehört in der Regel der 
eine zur ersten, der andere zur zweiten Silbe {Hör-ner, al-ie). 
So stets nach kurzem Vokal; nach langem dagegen werden 
gewisse Konsonanten Verbindungen, im allgemeinen solche, die 
auch im Wortaulaut stehen können, zur zweiten Silbe gezogen, 
vgl. Ostern, ' Osten, wo es mit langem Vokal gesprochen wird, 
gegen Os-ten mit kurzem Vokal; ferner Fälle, in denen die 
Konsonantenverbinduug erst durch Vokakiusstoßuug entstanden 
ist: nie-drig, wi-drig, liei-tre neben hei-tere, ma-gre neben ma-gere, 
ich he-gle neben ich ke-gele, e-kle neben e-Jcele, ü-hrig, ü-hle 
neben ü-hele, auch JE-bne, e-dle, ei-tle, heisre neben E-hene, 
e-dele, ei-tele, heisere. Der Doppellaut ^ wird nach langem 
Vokal oder Diphthong gleichfalls zur zweiten Silbe gezogen 
{rei-zen)\ nach kurzem Vokal ist jetzt die Sehreibung iz durch- 
geführt, wodurch eben angedeutet wird, daß die Bildung des 
^-Verschlusses zur ersten Silbe gehört. Bei dreifacher Kon- 
sonanz werden entweder zwei zur ersten und einer zur zweiten 
oder einer zur ersten und zwei zur zweiten Silbe gezogen, und 
zwar findet das letztere nur statt bei den Verbindungen, die 
auch nach langem Vokal zur zweiten Silbe gezogen werden, 
vgl. Gerste, an-dre neben an-dere, mun-tre neben mun-tere, 
ich hum-ple, Schivän-ze, Schwär-ze, Strüm-pfe. 

§ 13. Für Zusammensetzungen und syntaktische Ver- 
bindungen, die sich der Natur einer Zusammensetzung nähern, 
gilt jetzt im allgemeinen die Regel, daß die Elemente durch 
Silbentrennung auseinander gehalten werden, daher an-eignen, 
cmf-arheiten, Ur-ahne usw. Wo ein Unterschied der Aussprache 
zwischen In- und Auslaut besteht, da ist auch für das vordere 
Glied einer Zusammensetzung die Auslautaussprache maßgebend. 
Daher verlieren in Norddeutschland die Lenes ihren Stimmton 
in Wörtern wie aus-arbeiten , Wand-uhr, ab-urteilen, Schlag- 
anfall. Wo geminierter Konsonant geschrieben wird, wird er 
auch im vorderen Teile einer Zusammensetzung nur einfach 
gesprochen (EocJc-ärtnel). Die zu Suffixen gewordenen zweiten 
Kompositionsglieder wie -lieh behalten dabei noch ihre ur- 
sprüngliche Geltung. Daher glaub-lich, iäg-lich, red-lich (gegen 



Einfache Wiirter. Zuss. Syntaktische Verbindungen. 149 

ne-blig usw). Auch vor -lein ist die Silhentrennimg- die gleiche 
wie vor einem Kompositionsglied, vgl. Knäh-lein, Eäd-lein. 
Von -haß verstummt leicht das h, was dann auch die Silben- 
trennung beeinflußt, so daß eine Aussprache wie schivat-zaft 
entsteht. Die Entstehung des Suffixes -heit (vgl. § 173) aus 
der Verschmelzung von mhd. -eg und -heit setzt eine von der 
Gliederung der Bestandteile abweichende Silbentrennung voraus. 
Immerhin finden in der Umgangssprache wohl doch manche 
Hintiberziehungen von Konsonanten zur folgenden Silbe statt, 
und zwar um so leichter, je geringer die Tonstärke derselben 
ist. Man wird z. B. eher Ffar-ramt als Ffar-rämter sprechen. 
In der älteren Sprache ist die Hinüberziehung gewiß ver- 
breiteter gewesen. Daher stammen eine Anzahl von Resten 
in der gegenwärtigen Sprache. Im Ahd. wurde der Auslaut 
der Ortsadverbia hiar, dar, tvär, wo sie in enger Verbindung 
mit einem präpositionellen Adverbium standen, zu diesem hin- 
übergezogen: hia-ranna, däranna, tvä-ranna. Als daher r 
im Auslaut abfiel, blieb es in diesen Verbindungen erhalten, 
daher noch jetzt da-ran, da-ruuf, da-rin, ivo-ran, wo-rauf usw. 
gegen da und wo. Ferner haben wir die Silbentrennung 
he-ran, Jie-raiif, hi-nan, ki-nauf usw., vo-run, vo-rauf, vo-rüber, 
0-bacht, vol-lenden, au-fen-thalt, ander-thalh, ullen-thalhcn 
''mit Verstummung des li), den Ga-raus machen, allein, trotz 
der Doppelschreibung gesprochen a-lein. Dazu kommen die 
landschaftlichen a-mende == „vielleicht" und uni-niun-dunim 
[ummen-dumm) = um-und-wn. Infolge der Assimilation des t 
an f (vgl. § IGl) ist die Silbentrennung em-pfangcn, em-pfehlen, 
em-pfinden entstanden. Hinüberziehung ist auch gewöhnlich 
bei enger enklitischer Anlehnung eines Pronomens an eine 
Verbalform, vgl. sa-g'ich, sa-g'es, ta-tes, ta-tich,'ta-ter. Daß 
diese Silbentrennung im Mhd. bestand, zeigen Reime wie 
hat er : vater, tuot er : muoter, sa^ er : wa^^er. Sehr häufig 
ist die Hintiberziehung in Personen- und Ortsnamen, bei 
denen au den ursprünglichen Sinn nicht mehr gedacht zu 
werden pflegt. 

Auni. 1. Beispiele für Personennamen: Gim-ther .aus ahd. Gunda- 
hari, Wal-ter aus ahd. Walt-hari , Mei-nert axLS Meinhard , Ec-kej-t a,us 
Eck-hard, Burkard aus Biirg-liard, Är-nold ans Arn-icalt, Berch-told, 
Ru-dolf aus *Ruod-ii-olf, Wol-fram aus wolf-ram {ram ans ahd. hraban 
..Rabe"), Ber-tram, Kuk-nert aus Kuon-rät. Beispiele für Ortsnamen: 



150 II, 3. Akzent. 

Sal-zach, Stei-nach {ach = „Fluß"), Schivar-za (a = ach), Wal-dan. 
Stei-nau, Brau-nau, Grü-nau, Vo-rau, Ober-nau, Wal-deck, Scliö-neck. 

Anm. 2. Aus einer Verschmelzung eng zusammengehöriger Wörter 
erklärt sich auch der Antritt eines Konsonanten an ein vokalisch an- 
lautendes Wort, wie z. B. in mundartlichem Nast für Ast aus Ver- 
bindungen wie ein Ast, den Ast; desgl. die umgekehrte Erscheinung, 
der Abfall eines anlautenden Konsonanten, z. B. in Otter (bayr. Atter) aus 
mhd. näter von der Verbindung ein näter. Zusammenstellungen aus der 
elsässer Mundart gibt Erdmann, Zs. f. d. Phil. 35, S. 423/4. Solche Vor- 
gänge zeigen sich am häutigsten in Ortsnamen. So ist in denselben häufig 
ein m vorgetreten oder vorn abgefallen infolge davon, daß ihnen häufig 
am oder im vorherging, vgl. z. B. Imbach aus Minvebach, Mimbach. 



Kap. 3. AliZeilt. 

§ 14. Das Wort Akzent bezieht mau entweder auf die 
Abstufung der Tonhöhe (musikalischer Akzent) oder auf die 
Abstufung der Tonstärke (dynamischer Akzent). Der erstere 
variiert nach den Mundarten. Außerdem dient er zum Aus- 
druck syntaktischer Beziehungen, worüber später zu handeln 
sein wird. Hier beschäftigen wir uns nur mit dem dynamischen 
Akzent. Derselbe ist auch vielfach durch syntaktische Ver- 
hältnisse bedingt, worauf wir in der Syntax und in der Wort- 
bildungslehre zurückkommen müssen. An dieser Stelle haben 
wir es nicht sowohl mit den Ursachen der Tonabstufung zu 
tun, wie mit einer Beschreibung derselben als eines wichtigen 
Faktors der Lautentwicklung. 

Anm. Über Betonung vgl. Sievers, PBB. 5, 522; Paul ib. 6, 139; 
Huß, „Lehre vom Akzent der deutschen Sprache", Altenburg 1877; Reichel, 
„Von der deutscheu Betonung", Diss. Jena 1S8S; Kluge, „Urgermanisch' 
(im Grundr. M'JIS) III. Kap. 18—21; Behaghel, „Deutsche Sprache" (Grundr. 
M911) §69—129; Paul, „Deutsche Metrik" (Grundr. 2) §7 — 14; Saran. 
„Deutsche Verslehre", München 1907, S. Sff. 

§ 15. Eine Abstufung der Tonstärke findet schon inner- 
halb der einzelnen Silbe statt. Man spricht daher von Silben- 
akzent. Denjenigen Laut, in den die größte Stärke fällt 
bezeichnen wir nach Sievers mit einer Modifikation der antiken 
Terminologie als Sonanten, im Gegensatz zu den etwa voraus- 
gehenden oder folgenden Konsonanten. Mit Sievers unterscheiden 
wir auch als verschiedene Arten des Silbenakzents den ge- 



Silbenakzent. Wortakzent. 151 

schnittenen und den geschliffenen Akzent. Geschnitten ist der 
Akzent, wenn er, nachdem er seine höchste Stärke erreicht 
hat, gleichmäßig herabsinkt, wobei wieder zu unterscheiden 
ist zwischen dem energisch geschnittenen Akzent oder Akut, 
bei dem noch im Moment der stärksten Intensität von dem 
Sonanten auf den folgenden Konsonanten tibergegangen wird, 
wie in nhd. Bitter, Garten, und dem schwach geschnittenen 
Akzent oder Gravis, bei dem das Herabsinken schon innerhalb 
des Sonanten beginnt, wie z. B. in nhd. geben. Bei dem 
geschliffenen Akzent oder Zirkumflex dagegen findet nach an- 
fänglichem Herabsinken der Stärke noch einmal ein schwächeres 
Hinaufsteigen statt. Der Zirkumflex spielt noch in manchen 
Mundarten eine Rolle, in der Schriftsprache kommt er nur 
gelegentlich in einsilbigen stark betonten Wörtern vor. 

§ 16. Gewöhnlieh bezieht man das Wort Akzent nur 
auf das Stärkeverhältnis der verschiedenen Silben zueinander. 
Genauer sollte man sagen: das Verhältnis der Sonanten der 
einzelnen Silben zueinander. Da man nur in Sätzen spricht, 
so regelt sich auch das Tonverhältuis erst innerhalb des Satz- 
zusammenhanges. Wir können von rein phonetischem Stand- 
punkt aus, ohne Rücksicht auf Worttrenuung, einen Satz in 
eine Reihe von Abschnitten teilen, die wir mit Sievers als 
Satztakte bezeichnen. Als Beispiel möge der Satz dienen: 
niemals \ hätte ich ge- \ glaubt \ so von dir he- \ trogen zu \ 
iverden. Hierin haben wir also nebeneinander ein-, zwei-, drei-, 
viersilbige Sprechtakte. Innerhalb jedes Sprechtaktes trägt die 
erste Silbe den stärksten Ton. Natürlich kann ein Satz auch 
mit einer oder mehr schwachtonigen Silben beginnen, wie ein 
Musikstück mit einem Auftakt. Zwischen den Anfangssilben 
der Sprechtakte findet immer noch eine Abstufung der Stärke 
statt. Von dieser können wir zunächst absehen und schreiben 
allen diesen Silben, auch wenn sie nur das Mindestmaß erreichen, 
einen Hauptton zu. Im zweisilbigen Sprechtakt ist die zweite 
Silbe unbetont, wobei aber der Abstand von der ersten Silbe 
verschieden sein kann, vgl. z. B. Hausherr — häuslich — 
Hauses. Im dreisilbigen Sprechtakt besteht zwischen der 
zweiten und dritten Silbe in der Regel noch eine Abstufung. 
Wir schreiben dann der einen einen Nebenton zu, den wir 
mit dem Gravis bezeichnen können, vgl. Hausväter, Haüshedärf. 



152 II, 3. Akzent. 

Im viersilbigen Sprechtakt fällt regelmäßig ein Nebenton ent- 
weder auf die zweite Silbe (vgl. Haüstöchterchen) oder häufiger 
auf die dritte, so daß der Sprechtakt wieder in zwei Teile 
zerlegt wird, weshalb man in manchen Fällen schwanken kann, 
ob ein oder zwei Sprechtakte, ob Haupt- und Nebenton oder 
zwei Haupttöue anzunehmen sind. Takte von mehr als vier 
Silben sind selten. 

§ 17. Für das einfache deutsche Wort gilt das uns schon 
als gemeinger-manisch bekannte Gesetz, daß der stärkste Ton 
auf die erste Silbe fällt, die vom Sprachgefühl als das konstante 
Element, die Wurzel, gefaßt wird. Dagegen sind die Fremd- 
wörter in der Regel zunächst mit der fremden Betonung auf- 
genommen, haben sich aber, soweit sie völlig eingebürgert sind, 
z. T. der deutschen Betonungsweise assimiliert. In den ältesten 
Lehnwörtern aus dem Lateinischen ist schon von Anfang unserer 
Überlieferung an der Akzent auf die erste Silbe zurückgezogen, 
80 daß sich nicht feststellen läßt, ob sie noch eine Zeitlang 
innerhalb des Deutschen die lateinische Betonung bewahrt 
haben, vgl. z. B. Fenster aus fenestra, Kessel aus catillus, 
Schüssel aus scutella, Kette (ahd. ketina) aus catena, Mörtel 
aus mortdrium, Münze (ahd. müni^^a) aus moneta, Münster 
aus tnonasteriiim, Pferd (ahd. pherfrit) aus paravaredus. Auch 
später scheinen manche Wörter schon bei oder gleich nach 
der Aufnahme den Akzent verschoben zu haben, vgl. Harnisch 
aus frz. harnais, Herold aus frz. heraut. Die meisten jüngeren 
Fremdwörter sind nicht nur mit der fremden Betonung auf- 
genommen, sondern haben dieselbe in der als korrekt geltenden 
Sprache bewahrt. Sogar der Wechsel der lat. Betonung ist 
geblieben in Doktor — Doktoren usw. Sekundäre Verschiebung 
ist eingetreten in Banner neben Pannier = mhd. haniere, 
Panzer = mhd. panzier. In Tabak ist der Akzent zurück- 
gezogen, dagegen in den Zuss. Katitahäk, Schnupftabak ist die 
fremde Betonung geblieben. Nicht allgemein ist die Zurück- 
ziehung in Kaffee, insbesondere pflegt die Betonung der End- 
silbe zu bleiben, wo es eine Kaffeewirtschaft bezeichnet, in 
welchem Falle auch die Schreibung Cafe beibehalten zu werden 
pflegt. Landschaftlich sind noch manche Verschiebungen, wo 
die Schriftsprache die fremde Betonung bewahrt oder wieder- 
hergestellt hat, vgl. Keste = Kastanie, Anis = Anis, Kami 



Wortakzent. Fremdwörter. 153 

= Kamin, Kän{n)l = Kanal. Im Mhd. betonte man pdlas, 
jetzt wieder Faldst\ mhd. alter mit Absehwächung unter dem 
Einfluß des verschobenen Akzents, nhd. wieder Altar; mhd. 
helfant jetzt wieder Elefant, während die ältere Betonung 
geblieben ist in Elfenhein. Eine große Rolle spielt die Akzent- 
verschiebung bei Personennamen. 

Anm. Die hebräischen Personenuamen mit Endbetonnug sind mit 
dieser aufgenommen und haben dieselbe teilweise noch im Mhd. bewahrt 
{Adam, David usw.). Diese ungewöhnliche Bctomuig konnte sich auf die 
Dauer nicht halten. Auch wo in lat. Namen darch Abfall der Endung 
der Ton auf die letzte Silbe fiel, ist die Zurückziehung eingetreten, soweit 
sie gebräuchliche Vornamen geblieben sind, vgl. Marti7i, Valentin, Sebastian, 
Florian, Christian, August, Philipp, auch Jöliann neben Johann. Namen, 
die in der Schriftsprache mit der fremden Betonung bewahrt sind, haben 
noch daneben vielfach in der Volkssprache frühzeitig Zurückziehung 
des Akzents und infolge davon Lantreduction erfahren, vgl. Bartel aus 
Bartholomäus, Jochen aus Joachim, Mathiy, Ayidres, Dorte, Dortchen aus 
Dorothee. So weist auch die Form Veiten auf eine ältere Verkürzung als 
Valentin. Manche ehemalige Vornamen sind in so reduzierter Gestalt 
immer noch als Familiennamen üblich, vgl. Zacher aus Zacharias, Merten{s) 
aus Martin, Metz aus Matthias, Matz aus Matthäus. Auch neben Maria 
erscheint frühzeitig Mär ja, woraus Merge, erhalten in dem Ortsnamen 
St. Mergen. In Oberdeutschland ist bei allen fremden Namen eine Zurück- 
ziehung des Akzents auf die erste Silbe eingetreten, die verhältnismäßig 
jung sein muß, weil sie sonst keine Veränderung der Form im Gefolge 
gehabt hat, vgl. Alois, Dionys, Marie, Elies, Helen, Lids, Theres. 

§ 18. Auf deutsches Wortmaterial wirkt die Betonung 
der Fremdwörter zunächst insofern ein, als aus demselben 
Ableitungen mit den fremden Suffixen -ei (mhd. -le) und -ieren 
gebildet werden, vgl. Bäckerei, Malerei, hausieren, hofieren. 
Aber auch in einigen Wörtern deutschen Ursprungs ist offenbar 
nach dem Vorbilde von Fremdwörtern der Hauptton auf die 
zweite oder dritte Silbe gerückt, der ursprünglich nur ein 
Nebenton zukam: Hollünder neben dem volkstümlichen Holder, 
Holler, Wacholder, wohl mit Anlehnung an Holder, womit 
es ursprünglich nichts zu tun hat, Forelle aus mhd. förhele, 
Hermelin aus mhd. harmelin, Diminutivum zu härm, das Be- 
zeichnung einer Wieselart ist, von der das Pelzwerk genommen 
wird. Noch auffallender ist die Verschiebung in lebendig, wo- 
neben noch im 17. Jahrb. lebendig, welche Betonung auch 
neueren Mundarten zugrunde liegt. 



154 IT, 3. Akzent. 

§ 19. In mehr als zweisilbigen Wörtern kann nocli eine Ab- 
stufung zwischen den Silben stattfinden, die nicht den stärksten 
Ton tragen. Wenn wir zunächst vom Zusammenhang der Rede 
absehen, so spielen dabei zwei Momente eine Rolle. 1) Die 
Silben mit volltönendem Vokal haben den Vorzug vor denen 
mit schwachem e. Den letzteren stehen auch diejenigen gleich, 
die ein erst aus e entwickeltes i (vgl. § 101) enthalten. Man 
spricht daher Meinungen, Junglinge, Furstmnen, Kenntnisse 
usw.; 2) kommt es auf die Gliederung der Ableitungssuffixe 
an, wobei ein ähnliches Prinzip gilt wie bei Zusammen- 
setzungen, deren einer Bestandteil schon eine Zusammensetzung 
ist (vgl. unten § 25). Man betont daher mörderisch, wässerig, 
Zauberer, weil diese Wörter Ableitungen sind aus Mörder, 
Wasser, Zauber. Beide Momente können zusammenwirken, 
z. B. in Förderung, Hindernis. Sie können aber auch in Wider- 
streit geraten; dann erhält das erstere den Vorzug, daher 
meiningisch, Meiriinger. Wo zwei Silben mit schwachem e 
oder i nebeneinander stehen, von denen die zweite einen 
riexionsvokal enthält, hat im isolierten Worte kaum eine vor 
der anderen den Vorzug, vgl. z. B, ledige, Fittiche, kindische. 

§ 20. Was die Zusammensetzungen betrifft, so muß 
man zunächst unterscheiden zwischen solchen, die nach einem 
urgerm. und teilweise schon idg. Typus gebildet sind, und 
solchen, die erst in jüngerer Zeit durch Zusammenwachsen 
einer syntaktischen Verbindung entstanden sind. Bei den 
letzteren richtet sich die Betonung nach syntaktischen Ge- 
setzen, vgl. z. B. zusammen, zufrieden, behende (aus ahd. bi 
henti „bei der Hand") überein, durchaus, vielleicht. Die alten 
Zusammensetzungen zerfallen nach dem zweiten Bestandteil in 
nominale und verbale. 

§ 21. Für die nominalen Zusammensetzungen, deren erster 
Bestandteil ursprünglich ein Subst. in der Stammform oder ein 
Adv. ist, gilt die Regel, daß die Wurzelsilbe des ersten Be- 
standteils stärker betont ist als die Wurzelsilbe des zweiten 
Bestandteils: vgl. Hauptmann, Urteil, Undank, fischreich, vor- 
nehm. Eine Ausnahme bilden, vielleicht schon von urgerm. 
Zeit her, die Zusammensetzungen mit der Partikel ga-, die 
daher wie in verbalen Zuss. zu ge- geschwächt ist, vgl. Gebot, 



Stellung des Nebeiitons. Zusammensetzungen. lo5 

geheim. An die nach urg-erm. Typus gebildeten Wörter haben 
sich später auch diejenigen mit Gen. als ersten Bestandteil 
angeschlossen, wie Landsmann, Liebesldimnier , JErbsensiip2)e, 
lebensfroh, und auch solche, die aus der Verschmelzung eines 
Adj. mit einem Subst. entstanden sind, wie JEdelmchm, Ober- 
Meid, wiewohl bei syntaktischer Verbindung eines Adj. mit 
einem Subst. das erstere normalerweise nicht stärker betont 
ist als das letztere. Diese BetoDungsweise gilt allerdings nicht 
ganz ausschließlich. Bei Gegensätzen kann der stärkere Ton 
auf das zweite Element fallen, vgl. der Hausherr, nicht die 
Hausfraii. Immer betont man Jahrhi'indert, Jahrtausend, weil 
es sich dabei stets um einen Gegensatz zu einer anderen 
Zahl handelt. Regelmäßige Betonung des zweiten Bestandteils 
besteht auch in gewissen Zuss. mit dem verstärkenden all-, 
vgl. allein (mhd. aleine), allmächtig, allgntig, alhvissend, all- 
mählich; dagegen Allmacht, was dafür spricht, daß bei der 
Fortrückung des Tones von all- auch das weiter unten be- 
handelte Streben nach Abwechslung zwischen betonten und 
unbetonten Silben maßgebend gewesen ist. Sehr verbreitet 
ist Betonung des zweiten Bestandteils in Ortsnamen, vgl. 
Greifsivdld, Stralsimd, Oberhöf, Neuendhr, Flanegg, Königs- 
höfen, Waltershatisen , Mar quartstein. Eine allgemeine Aus- 
nahme bilden noch die Wörter, in denen der erste Bestandteil 
bloß zur Verstärkung dient. In diesen sind beide Bestandteile 
gleich stark betont, vgl. Ersndrr, Mordshünger, steinreich, 
(verschieden von steinreich), bliitjüng, ürdlt. 

§ 22. Bei den verbalen Zusammensetzungen liegt der 
stärkere Ton auf dem zweiten Bestandteil, dem Verbum. Dies 
gilt aber nur für die eigentlichen oder festen Zusammen- 
setzungen, bei denen die Elemente nie getrennt werden. Man 
pflegt daneben auch andere Verbindungen mit einem Verbum 
zusammenzuschreiben, solange dies durch die Stellung er- 
möglicht wird, vgl. ahstehen, aufstehen. Diese sind aber nicht 
als eigentliche Zusammensetzungen zu fassen, da die Stellung 
des ersten Bestandteils wie die jeder anderen adverbialen 
Bestimmung wechselt, vgl. ich stehe auf. Von diesen ist also 
hier abzusehen. Als erste Bestandteile von festen Zusammen- 
setzungen dienen ursprünglich nur Adverbia, die auch als 
Präpositionen fungieren, wie durch, um, über, unter, und solche, 



156 II, 3. Akzent. 

die jetzt niebt mehr als selbständige Wörter vorkommen, wes- 
balb man sie niebt ganz passend als Präfixe bezeichnet, nämlieb 
he-, ge-, ent-, er-, ver-, zer-. Dazu sind getreten miß- und voll-. 

§ 23. Der näcbststärkste Akzent fällt in der Zusammen- 
setzung auf die Tonsilbe desjenigen Bestandteils, der nicht 
den stärksten Ton trägt, vgl. Hausväter, Ldndesväier, höf- 
mdnnisch, übertreffen, unterschätzen. Dabei werden auch solche 
Kompositionsglieder, die zu Suffixen herabgedrückt sind, noch 
wie die übrigen bebandelt, ausgenommen -lieh, das einem 
eigentlichen Ableitungssuffix gleichsteht und wie diejenigen mit 
unursprünglichem i keinen Vorzug vor denen mit schwachem e 
hat, so daß also liehliche mit gnädige in der Betonung übereiu- 
stimmen. 

§ 24. Von den Zusammensetzungen müssen unterschieden 
werden die Ableitungen aus Zusammensetzungen. Die 
letzteren folgen in der Betonung dem Grund worte, daher 
tjberhrmger, Überbringung, Erbauer, Erbauung, anderseits dnt- 
ivbrten, tirtellen, verüntreiien als Ableitungen aus Antivori, 
Urteil, Untreue. Ursprünglich wird beides genau auseinander 
gehalten. Im Nhd. aber sind manche Verschiebungen ein- 
getreten, namentlich hat Anlehnung von neugebildeten Sub- 
stantiven an die entsprechenden verbalen Zuss. stattgefunden, 
wodurch Bildungen entstanden sind wie Bestand, Verstand, 
Betrag, Ertrag, Vertrag. 

§ 25. Zusammensetzungen aus mehr als zwei Elementen 
gibt es nicht, abgesehen von ganz modernen Bildungen von 
der Art wie schwarzrotgolden. Wo mehrere Nomina in einer 
Zus. vereinigt sind, verhält es sich vielmehr so, daß eine Zus. 
wieder zu einem Gliede einer Zus. geworden ist. Die Be- 
tonung ergibt sich ursprünglich, indem man das Gesetz für 
die nominalen Zuss. mehrmals anwendet. Landeshauptmann 
gliedert sich in Landes und Hauptmann, folglich fällt der 
stärkste Ton auf die Silbe Lan-, der nächststärkste auf die 
Silbe -haupt. Hauptmannsrang gliedert sieh in Hauptmanns 
und Hang, folglieh fällt der stärkste Ton auf die Silbe Haupt 
und der nächststärkste auf -rang. Dabei ist wieder zu be- 
rücksichtigen, daß -lieh ganz wie eine Ableitungssilbe behandelt 
wird, daher irrtündich, landschaftlich, annehmlich gegen an- 



Zusammensetzungen. 1^7 

nehmhär. Das Grundprin/.ip erleidet allerdings zalilreiehe 
Ausnahmen, die teils logische, teils rein mechanische Ursachen 
haben. Noch häufiger als bei den einfachen Zuss. ist Betonung 
des zweiten Bestandteils zur Regel geworden. So begreif- 
licherweise in Sonnenaufgang, Sonnenuntergang , in Oher- 
regienmgsrat u. dgl., außer wenn der Gegensatz zu einfachem 
Regierungsrat hervorgehoben werden soll. In Ortsnamen nnt 
Alt{en)-, Neu{en)-, Hohen-, Nieder{n)-, Ober-, Unter- u dgl, 
außer wenn die sonst gleichnamigen Orte eben durch diese 
Zusätze in Gegensatz zueinander gesetzt werden sollen. Ins- 
besondere gibt ün- vor den mit -har und -licJi aus Verben 
abgeleiteten Bildungen den ihm eigentlich zukommenden 
Hauptton an den zweiten Bestandteil ab, wenn dieser für 
sich unüblich ist, vgl. ünherechenhar, ünhezdhlbar, imhtgrcif- 
lieh, unerschütterlich gegen unversöhnlich, ünhemcrJchar. Rein 
mechanisch wirkt die Neigung zwischen betouten und unbetonten 
Silben abzuwechseln. Vermieden werden drei Silben hinter- 
einander mit absteigender Betonung. Wo diese der Hauptregel 
gemäß bestehen sollte, verliert die zweite Silbe ihren Ton. 
So sollte in Urgroßvater, da es aus Ur- und Großvater zu- 
sammengesetzt ist, die Silbe groß stärker betont sein als va-\ 
in Wirklichkeit ist groß unbetont geworden. Infolge solcher 
Verschiebung erhalten dann auch Silben einen Nebeuton, die 
nach dem Grundprinzip unbetont sein würden. Man sagt also 
nicht bloß Größherzoge, sondern auch Größherzbg, nicht bloß 
Mdrhgräf innen, sondern auch Mdrligräfm. Vgl. ferner Ers- 
bistiim, Bergabhäng, Gichtanfall, Göldeinfiilir, unabhängig, un- 
zulänglich, unfolgsam, unhaltbar, unzutreffend, unnachsichtig, 
unumstößlich, unliebsam, unanständig, unvollkommen. Wo auf 
die zweite Silbe erst noch eine unbetonte folgt, da behält jene 
zwar noch einen Nebentou, der aber schwächer ist als der der 
vierten Silbe, vgl. unvorteilhaft, unübersichtlich, unangenehm, 
unangebracht, ünziiverlässig. Eine andere Möglichkeit, das 
Zusammentreffen einer Haupthebung mit einer starken Neben- 
hebuug zu vermeiden, war der Verlust des Tones in der Silbe. 
auf die eigentlich die Haupthebung fallen sollte. So erklärt 
sich absonderlich, vortrefflich, vorz/iglich, ausführlich, aus- 
schließlich, absichtlich neben aüsführUch, ausschließlich, absicht- 
lich, wahrhaftig , ivahr scheinlich neben wahrscheinlich. Dieses 



158 II, 3. Akzent. 

meehauische Moment hat auch mitgewirkt, wo un- seinen Ton 
an die nächstfolgende Silbe abgegeben hat, vgl. unfaßbar, un- 
sagbar, unsäglich, untröstlich. Hierher gehören eigentlich auch 
untadelig., unzählig, in denen -ig für älteres -lieh eingetreten 
ist (vgl. § 182). Auch in vielen Bildungen mit -bar und -lieh, 
in denen un- seinen Hauptton abgegeben hat, tritt noch eine 
mechanische Verschiebung ein, indem un- einen Nebenton 
behält gegenüber der nächstfolgenden Silbe, der nach dem 
Grundprinzip der stärkste Nebenton zukommen sollte, vgl. im- 
abänderlich, imaussprechlich, imausbleiblieh\ entsprechend wird 
auch imaufhdltsam betont. 

§ 26. Innerhalb des Satzgefüges fallen die Haupttöne 
auf die stärkstbetonten Silben der Einzelwörter. Zusammen- 
setzungen von größerem Umfang können zwei Haupttöne tragen, 
von denen natürlich der eine stärker ist als der andere, vgl. 
z. B. Haüsmetster stelle, Begierungsbedmter, auch wohl Anwalts- 
Icdmmer. Natürlich läßt sich hier keine scharfe Grenze ziehen. 
Anderseits fällt aber nicht auf jedes Wort ein Hauptton. Die- 
jenigen Wörter, die im Satzgefüge unbetont sind oder nur einen 
Nebenton tragen, bezeichnen wir als enklitisch (proklitisch). 
Als enklitisch betrachtet man allgemein die Pronomina, wenn 
sie nicht in einem Gegensatz stehen, die Präpositionen, Kon- 
junktionen und die sogenannten Hilfsverba. Doch können auch 
viele andere Wörter gelegentlich enklitisch werden, worüber 
in der Syntax zu handeln ist. Einfluß auf die Lautgestalt 
zeigt sich in der Regel nur bei denen, die normalerweise der 
Enklisis unterworfen sind. Mehrsilbige Wörter behalten auch 
in der Enklisis einen Nebenton auf der Wurzelsilbe. Einsilbige 
werden unbetont vor einer haupttonigen Silbe, können aber 
auch einen Nebenton tragen vor einer unbetonten Partikel in 
der Zusammensetzung oder einem noch schwächer betonten 
selbständigen Wort, vgl. von Händen — von Gehurt, von der 
Hand. Der Satzzusammenhang beeinflußt auch die Stellung 
des Nebentons innerhalb eines Wortes. Vor einem Hauptton 
ist ein Nebeuton unmöglich. Wo in einem dreisilbigen Worte 
die zweite und dritte Silbe an sich in der Tonstärke nicht 
wesentlich verschieden sind, erhält vor einem Hauptton die 
zweite Silbe einen schwachen Nebenton {mutiges Pferd), dagegen 
vor einer unbetonten Silbe die dritte einen entschiedeneren 



Zusammensetzungen. Satzbetonung. l-^Q 

Nebenton {mutiges Gespann). Wo die dritte Silbe an sich 
einen Nebenton hat, verliert sie denselben vor einem Hauptton 
{Heiterhed — Heiterkeit herrschte). Wo die zweite Silbe den 
Nebenton trägt, die dritte unbetont ist, erhält die letztere doch 
eine gewisse Verstärkung, wenn eine unbetonte Silbe darauf 
folgt {Meinimgen gesägt gegen Melnangen sägen). 



Kap. 4. Allgemeines über die Vokale. 

§ 27. Vergleicht man den Vokalismus unserer Gemein- 
sprache mit dem des Mhd., so zeigt sich eine weitgehende 
Verschiedenheit hinsichtlich der Quantität. Im späteren MA. 
haben sich in ausgedehntem Maße Dehnungen ursprünglich 
kurzer und in geringerem Umfange Verkürzungen ursprünglich 
langer Vokale vollzogen. 

Anm. Vgl. Kräuter, „Die Prosodie der nhd. Mitlauter" (PBB. 2, 5ül ); 
Paul, „Vokaldehnuug und Vokalverkürzung im Nhd." (PBB. 9, 101); 
Burghauser, „Die nhd. Dehnung" (Progr. der Staatsrealschule Karolinental) 
1S91; Ritzert, „Die Dehnung der mhd. kurzen Stammsilbenvokale in den 
Volksmundarten des hochd. Sprachgebiets" (PBB. 23, 131); A. Elsässer, 
„Die Kürzung der mhd. langen Stammsilbeuvokale in den hochdeutschen 
Mundarten", Diss. Heidelberg, Halle 1909. 

Yokaldeliimug. 

§ 28. Man hat früher unbedenklich angenommen, daß 
alle betonten kurzen Silben des Mhd. im Nhd. verlängert sind 
entweder durch Dehnung des Vokals oder durch Verdopplung 
des folgenden Konsonanten, vgl. Bote, Gottes = mhd. bo-te, 
go-tes. Gegen diese Auffassung hat sich Kräuter gewendet. 
Er behauptet, daß die Doppelschreibung nur die Kürze des 
Vokals anzeige, und daß nicht bloß dieser, sondern auch die 
Silbe als Ganzes kurz geblieben sei. Hiergegen ist zunächst 
zu bemerken, daß jedenfalls in Got-tes gegenüber mhd. go-tcs 
auch eine lautliche Gemination des Konsonanten eingetreten ist 
in dem Sinne, wie man überhaupt von Konsonantengeminatiou 
reden kann, nämlich daß der Konsonant, während er im Mhd. 
nur zur hinteren Silbe gehörte, sich im Nhd. auf die vordere 
und hintere verteilt. Bei Verschlußlauten heißt dies, daß die 
Bildung des Verschlusses zur vorderen, die Lösung desselben zur 



160 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

hinteren Silbe gehört. Was dann die Silbenquantität betrifft, so 
sind lang- und kurz relative Begriffe. Die erste Silbe in Mannes, 
Gottes ist allerdings nicht so lang wie die in it. anno, otto. 
Wenn wir aber deshalb jene überhaupt nicht mehr als lang 
anerkennen wollten, dann müßte auch sonst unseren sogenannten 
langen Silben die Länge zumeist abgesprochen werden. Zunächst 
ist klar, daß die Quantität in Gottes keine andere ist als in 
Bettes, Wette usw., wo die Gemination schon mhd. ist. Man 
wird auch del* ersten Silbe von Kalbes, harte, Landes, mochte 
keine größere Länge zuschreiben. Aber auch die Vokale, die 
wir als lang bezeichnen, mögen sie im Mhd. kurz oder lang 
sein, sind nicht so lang, daß eine damit schließende Silbe 
mehr Zeit in Anspruch nähme, als eine mit kurzem Vokal und 
Konsonant, so daß also die erste Silbe von Bote, gute auf 
gleicher Linie steht mit der von Wette. Danach müssen wir die 
Umgestaltung des Quantitätsverhältnisses im Nhd. beurteilen. 

§ 29. Im Mhd. bestand ein scharfer Unterschied zwischen 
kurzen und langen betonten Silben. Als kurz müssen die 
Silben betrachtet werden, die auf einen kurzen Vokal aus- 
gehen, als lang diejenigen, die mit einem langen Vokal oder 
Diphthongen oder mit einem Konsonanten schließen. Der Nom, 
man ist daher ebensogut mit Länge anzusetzen wie der Gen. 
mannes. Irreführend ist die gewöhnliche Fassung der Kegel, 
wonach eine Silbe mit kurzem Vokal dadurch lang wird, daß 
auf denselben mehrere Konsonanten folgen. Denn was die 
erste Silbe von mannes, landes lang macht, ist eben der 
Umstand, daß der erste von den beiden Konsonanten zu ihr 
gehört, während der zweite, der zur hinteren gehört, an sich 
nichts zur Quantität der vorderen beiträgt. Die Veränderung, 
die sich in der nhd. Gemeinsprache vollzogen hat, ist nun als 
eine Ausgleichung der Silbenquantität zu fassen, bei der die 
ursprünglich langen Silben etwas eingebüßt, die ursprünglich 
kurzen etwas gewonnen haben. Dabei spielt auch der Silben- 
akzent eine Rolle, vgl. § 15. Der Gravis verbindet sieh am 
leichtesten mit Vokallänge. Die im Mhd. bestehende Verbindung 
von Vokalkürze mit Gravis in hote, gotes ist dadurch beseitigt, 
daß entweder unter Beibehaltung des Gravis eine mäßige 
Dehnung des Vokals erfolgt ist (Bo-te), oder unter Beibehaltung 
der Vokalkürze Übergang in den Akut (Got-tes). 



VokaldehnuQg. löl 

§ 30. Die weitere Frage ist nuu: unter welchen Be- 
dingung-eu ist die Dehnung eingetreten oder unterblieben? Der 
erste Eindruck, den man von den jetzt bestehenden Ver- 
hältnissen gewinnt, ist der einer hochgradigen Willkür und 
Regellosigkeit. Man könnte versucht sein, dieselbe aus Dialekt- 
niischung zu erklären. Aber eine methodische Untersuchung 
ergibt, daß eine solche Annahme unnütig ist, und daß sich die 
Unregelmäßigkeiten zwanglos aus Ausgleichung zwischen ver- 
wandten Formen nach verschiedenen Richtungen erklären. Um 
die lautliche Entwicklung festzustellen, müssen wir uns zunächst 
an die Fälle halten, in denen eine Einwirkung der Analogie 
ausgeschlossen ist. Erst so tritt die Gleichförmigkeit in der 
Entwicklung zutage. Ferner ergibt sich, daß auch hier die 
Verhältnisse in der Gemeinsprache zu denen in den ostmd. 
Mundarten stimmen, wenn auch in einem Teile derselben sich 
Besonderheiten finden, die nicht in die Gemeinsprache über- 
gegangen sind; endlich, daß auch die Entwicklung des Nd. 
prinzipiell damit übereinstimmt, wenngleich die Ergebnisse im 
einzelnen mehrfach abweichend ausfallen mußten wegen Ver- 
schiedenheit der Silbenquantität im Mnd. und Mhd.. die durch 
Lautverschiebung entstanden war {iva-ter — iva^-^er, pa-pe — 
pfaf-fe usw.). 

§ 31. Zunächst ist die Dehnung bedingt durch einen 
l>estiramten Grad von Tonstärke. Ganz unbetonte Vokale bleiben 
kurz, nicht bloß schwaches e, sondern auch vollklingende Vokale 
in Fremdwörtern, vgl. z. B. agieren, Papier, pariereti, polieren, 
visieren-, besonders lehrreich sind Fälle, in denen ein ver- 
wandtes Wort mit betontem langen Vokal daneben steht: 
probieren — Frohe', liirieren — Kto: Wie die Fremdwörter 
sind deutsche Wörter mit Akzentverschiebung behandelt, vgl. 
Hollunder, Forelle, ebenso das mit fremder Endung gebildete 
hofieren gegen Hof. Auch bei proklitisehen Wörtern, die 
gewöhnlich mit einem stärker betonten zusammengeschrieben 
werden, läßt sich der Gegensatz beobachten, vgl. heran usw. 
gegen her\ voran, voraus, vorüber nach nordd. Aussprache 
gegen vor, im voraus; ivohlan vielfach mit Kürze gesprochen 
gegen ivohl; vielleiclit, YiclUebchen gegen viel. Es genügt 
dagegen zur Hervorbringuug der Dehnung schon der Nebenton. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. [j 



162 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

Das zeigen Wörter wie Hersöge, Bischöfe, Trübsal usw., urhar, 
genügsam usw., Brosam. 

§ 32. Verhindert wird die Dehnung der betonten Silben 
durch folgende Doppelkonsonanz. Eine Ausnahme bilden a 
und e vor r + t, d und s. Länge haben in der jetzigen Schrift- 
sprache Art, Bart, Fahrt, Hardt, Scharte, Schwarte, zart, Harz, 
Quarz; Erde, Herd, Herde, Pferd, wert, werden (aber ivirst, 
ivurden, geivorden), Schwert] Kürze dagegen Hellebarde, Garten, 
hart, Marder, Marter, Karte, Quart, warten, Gegenwart, gegen- 
wärtig, Warze (doch auch Warze gesprochen), Arzt, Erz, Erz-, 
Gerte, fertig, Herz, März, Schmerz, Scherz. In mittel- und 
niederdeutschen Mundarten findet sich in manchen Wörtern 
Kürze gegenüber der Länge und Länge gegenüber der Kürze 
der Schriftsprache. Adelung schreibt vor Arzt gegen Ärzenei, 
Erz gegen Erzvater. Auch vor rsch findet sich in einigen 
Fällen Dehnung: Arsch, Barsch. Wir werden daraus schließen 
müssen, daß früher Doppelformigkeit bestanden haben muß. 
Wie diese zu erklären sei, darüber können wir erst später 
eine Vermutung wagen. Andere Vokale werden vor den be- 
treffenden Konsonantenverbindungen nicht gedehnt. Doch spricht 
man in Norddeutschland zum Teil mit Anlehnung an das Nd. 
Bord, Norden. 

Als eine Ausnahme dürfen wir wohl auch Fälle betrachten 
wie niedrig, neblig, Wagner, Malder, Friedrich, in denen beide 
Konsonanten zur hinteren Silbe gezogen werden. Die Länge 
des Vokals ließe sich ja hier durch Angleichung erklären. 
Auch kommt in Betracht, daß zwischen den beiden Kon- 
sonanten immer ein Vokal ausgestoßen ist, der zum Teil auch 
daneben noch vorliegt. Aber auch nach der Vokalausstoßung 
war, vorausgesetzt daß die Silbentrennung immer die gleiche 
gewesen ist wie jetzt, keine Veranlassung zur Beeinflussuug 
des Vokals durch die Doppelkonsonanz. Derselbe konnte daher 
wie sonst in offener Silbe gedehnt werden. Wenn widmen zum 
Teil mit Länge neben der Kürze gesprochen wird und früher 
auch in der Schreibung iviedmen (z.B. Goe., Br. 29,1,6) erscheint, 
so ist dies wohl Nachwirkung der älteren dreisilbigen Form 
(mhd. widemen). Die Länge in Geburt ließe sich wohl aus 
Angleichung an gebären, geboren erklären, doch ist bemerkens- 
wert, daß der Vokal in gebürtig kurz ist. 



Vokaldehnung. 163 

§ 33. Von den besprochenen Fällen abgesehen, findet 
sich allerdings langer Vokal vor Doppelkonsonanz in reich- 
lichem Maße, aber nur, wo eine Erklärung durch Ausgleichung 
möglich ist, z, B. in Verbalformen wie du lebst, er lebt, er lebte, 
gelebt, oder in Zuss. wie Vorwand, HoliUveg. Niemals, wo ein 
solcher Anschluß unmöglich ist. Beweisend für unsere Regel 
sind namentlich solche Fälle, in denen der Ausgleich unter- 
blieben ist, vgl. die Zuss. Herberge, Herzog zu Heer, Vorteil, 
vorivärts, barfuß, Meerrettig (trotz der Schreibung mit Kürze 
gesprochen), Wollust, wohlfeil (teils mit Kürze, teils mit 
Länge gesprochen), diesseits (gewöhnlich mit Kürze gesprochen), 
jenseits, obgenannt zu oben, nämlich zu Name (teils kurz, teils 
lang gesprochen), Urteil gegen sonstiges Ür-, das vor vokalisch 
anlautendem zvv^eiten Gliede entstanden sein muß, z. B. in uralt, 
wonach sich Fälle wie Urgroßvater gerichtet haben. Namentlich 
bei Eigennamen, in denen das Gefühl für den Ursprung 
geschwunden war, ist die Kürze erhalten, vgl. Herbert, Her- 
mann, Herivart, Herweg, Hollberg, Hollweg, Hoffmann, Hoff- 
meister. Auch in einigen Ableitungen ist der Wechsel bewahrt: 
vor — vorn, Labsal (neben Labsal) — laben, Haffncr (früher 
häufig so and noch jetzt als Eigenname) neben Hafner — 
Häfen, polnisch — Polen. Allgemein ist die Differenz in der 
Quantität des Vokals zwischen verwandten Wörtern nicht aus- 
geglichen, wenn zugleich eine DiiYerenz in der Qualität des 
Vokals (abgesehen vom Umlaut) oder im Konsonantismus 
bestand, vgl. Tracht, trächtig — tragen; Schlacht, schlachten — 
schlagen; Geivicht — iviegen; Gift — geben; Sicht, Gesicht — 
sehen ; Geschichte — geschehen ; Gelübde — geloben ; auch Jagd, 
(in Norddeutschland gesprochen Jacht) läßt sich hierher stellen. 
Verschiedene Behandlung zeigen auch die Doppelformen fahl — 
falb, geel — gelb, quer — siverch, nordd. Fuhre — Furche. 
Selbstverständlich ist keine Ausgleichung eingetreten zwischen 
Vv^örtern, die in ihrer Bedeutungsentwicklung weit auseinander 
gegangen sind wie Hof — hübsch., gar — gerben, auch nicht 
in der isolierten Genitivform fugs zu Flug. Auch innerhalb 
der starken Konjugation sind Reste des Wechsels der Vokal- 
quantität bei gleichzeitiger Verschiedenheit der Qualität erhalten: 
du nimmst, er nimmt — nehmen, du trittst, er tritt — treten; 
dazu kommt nach nordd. Aussprache du gibst, er gibt, du liest, 

11* 



164 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

er liest mit Kürze. Anhd. und noch mundartlich sind mit 
gleichzeitiger Bewahrung des Konsonantenwechsels du siehst, 
er sieht, es geschieht zu sehen, geschehen. In manchen md. Mund- 
arten ist der Wechsel zwischen Länge und Kürze im Präs. der 
starken Verba auch sonst bewahrt. Noch konsequenter im Nd., 
vgl. ik hreJce — dti hrikst, he hrikt; ik dräge — du drechst, he 
drecht. In der schwachen Konjugation dagegen hat die Schrift- 
sprache allgemein Ausgleichung eintreten lassen, abgesehen 
von dem Part, gehabt und dem isolierten beredt. In md. 
Mundarten finden sich auch hier weitere Reste des Wechsels. 
Zwischen mögen und mochte hat die Verschiedenheit des Kon- 
sonanten Ausgleichung verhindert. 

Scheinbare Ausnahmen sind noch Magd, Vogt, Krebs, Obst. 
Diese gehen auf mhd. maget, voget, krebe^, obe^ zurück, und es 
haben sich die zweisilbigen Formen noch längere Zeit neben 
den einsilbigen gehalten (noch jetzt nd. öivest, erzgebirgiseh 
üwest). Die einsilbigen Formen mit Länge sind daher wohl 
als Kompromißformen zu fassen, landschaftlich findet sich 
daneben auch Kürze. Magdeburg wird an Ort und Stelle mit 
Kürze gesprochen neben Magd. In ahnden und fahnden = 
mhd. anden, vanden kann keine Lautentwicklung vorliegen. In 
fahnden hat wahrscheinlich Anlehnung an das noch im Anhd. 
erhaltene mhd. vähcn „fangen" stattgefunden. Ahnden berührt 
sich in der einen Bedeutung mit ahnen, durch das es beeinflußt 
sein wird. 

§ 34. Die Stellung eines Vokals vor Doppelkonsonanz 
ist, wenn wir von den schon oben ausgesonderten Beispielen 
abweichender Silbentrennung {nie-drig usw.) absehen, im Grunde 
nur ein Fall der Stellung vor einem zur gleichen Silbe gehörigen 
Konsonanten, und wir können wirklich unsere Regel dahin 
erweitern, daß die Dehnung nur in offener, nicht in geschlossener 
Silbe eingetreten ist. Eine Ausnahme machen die auf ein- 
faches r ausgehenden Wörter. Beweisend dafür sind diejenigen, 
die keine verwandten Formen neben sich haben, in denen der 
Vokal in offener Silbe steht: er, der, tver, wir, ihr, mir, dir, 
dar, her, für, vor, empor, tvahr in ivahrnehmen, getvahr. Im 
übrigen sind die Verhältnisse zwar nicht so klar wie vor 
Doppelkonsonanz, weil vor einfachem Konsonanten der Wechsel 
in der Silbentrennung vielfach Veranlassung zum Wechsel in 



VokaldehnuDg. 165 

der Quantität und damit Aviedcr Gelegenheit zur Ausgleichung 
gab. Doch gibt es noch ausreichende Mittel, una die laut- 
gesetzlichen Verhältnisse zu erkennen. Zunächst ist die Kürze 
geblieben, wo keine flektierten Formen daneben standen, in 
denen der Vokal oflfen werden konnte, vgl. an, in, von, hin, 
im, mit, ab, ob, daroh (gegen oben, Obacht), doch, noch, bis, 
CS, das {daß), iras, des, wes. In der Nominal- und Verbal- 
flexion sind die ursprünglichen Verhältnisse stark durch Aus- 
gleichung gestört. Doch fehlt es nicht an Resten des Wechsels. 
In der Flexion der starken Maskulina und Neutra gilt jetzt 
gleichmäßige Durchführung der Länge oder Kürze durch alle 
Kasus als das Korrekte. Aber in der nordd. Aussprache, auch 
der Gebildeten, hat sich bei einer Anzahl von Wörtern die 
Kürze im N. A. Sg. neben Länge in den übrigen Kasus erhalten, 
vgl. Schlag — Schlages; Tag, Betrag, Ertrag usw., Bad, liad. 
Grab, Gas, Glas, Gras, Schmied (trotz der Schreibung), Trog, 
Hof, Zug; Ad. kennt auch Kürze m Lob. Der Wechsel besteht 
auch im Nd., doch nicht überall in den gleichen Wörtern. 
Durchgehend durch alle deutschen Mundarten ist die Kürze 
in dem Adv. iveg = mhd. emvec. Sie zeigt sich auch in Eigen- 
namen wie Schmidt, Brockhoff, Eclihoff, Kirchhoff, Osthoff. 
Von Femininen zeigt den Wechsel Stadt — Städte nach nordd. 
Aussprache (südd. Städte). Neben hröte steht oberd. hröt, 
allgemein geblieben in Schildkröt. Von Adjektiven hat grob 
den Wechsel in der nordd. Aussprache bewahrt. In der st. Kon- 
jugation haben die gleichen Verba, die in der 2. 3. Sg. Ind. Präs. 
die Kürze bewahrt haben, dieselbe auch im Sg. des Imp., also 
nimm, tritt, nordd. auch gib, lies. Kurz ist auch der Imp. sich 
in den Mundarten, in denen er sich erhalten hat. Entsprechend 
heißt es im Nd. brik, g)f, rt, dagegen dräge. Im Sg. Prät. der 
st. Verba der vierten und fünften Klasse ist die Länge des 
a durch Angleichung an den PI. entstanden. Die Kürze ist 
üoeli in manchen nd. und md. ^Mundarten erhalten. Auch die 
uordd. Stadtsprache bewahrt die Kürze in ich, er mag. 

§ 35. Erhaltung der Kürze findet sich zum Teil vor ein- 
fachem Konsonanten, auf den suffixales -er, -el oder -en folgt. 
Halten wir uns an die jetzige Schriftsprache, so scheint es, 
daß die Natur des zunächstfolgenden Kons, maßgebend dafür 
gewesen ist, ob Dehnung eingetreten ist oder nicht. Sie besteht 



166 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

im allgemeinen vor den Lenes h, g, d, s und vor f, vgl. z. B. 
Leber, eben, Wagen, Nagel, Igel, Faden, Adel, nieder, Faser, 
Basen, Hasel, Ofen, Schwefel. Dagegen herrscht Kürze vor 
Verschlußfortis und vor m, vgl. Gatter, Vetter, Wetter, Gewitter, 
Zither, Zwitter, Dotter, Lotter-, Butter, Luther, wittern, wittern, 
Sattel, Bettel, Vettel, Zettel, ICapitel, Titel, Büttel; Artikel, 
Matrikel; Kappel, Koppel, Kuppel, kuppeln; zusammen, Hammer, 
Kammer, dämmern, Schimmer, Sommer, Nummer, Schlummer, 
Trümmer, Hammel, sammeln, Semmel, Himmel, Schimmel. Vor n 
ist die Kürze erhalten in Bonner und Banner, vor l in Fller, 
Böller, Koller, Söller, schillern, Schiller (zu mhd. schilhen = 
nhd. schielen). Doch sind auch in der Schriftsprache manche 
Wörter abweichend behandelt. Länge haben Makel, mäkeln, 
Kater, Vater (woneben mundartlich väter weit verbreitet) und 
die aus dem Nd. aufgenommenen Stapel, Takel, Kote, Köter; 
Kürze Widder; einige Wörter mit bb sind mehr landschaftlich 
und nd. Ursprungs, vgl. wabbeln, krabbeln, kribbeln, knabbern, 
sabbern. Aber der allgemeinen Schriftsprache gehören einige 
Wörter an mit geminierter Fortis aus mhd. einfacher Denis, 
vgl. sappeln, woueben anhd. säbeln, doppelt aus frz. double: 
flattern, schnattern, Zettel = mhd. fladeren, snaderen, sedel 
(lat. schedula). Auch Wittum mit unursprünglichem u aus 
mhd. wideme gehört hierher, daneben noch landschaftlich 
Widern, Wedem. Die Anlehnung an Witwe wird erst Folge des 
konsonantischen Lautwandels sein. Im Anhd., auch bei Lu. 
finden sich viele Abweichungen von der gegenwärtigen Qualität. 
Desgl. in md. Mundarten. Noch größer ist das Schwanken im 
Nd., wo sich zeigt, daß Länge und Kürze von der Natur des 
folgenden Konsonanten ganz unabhängig sind. Hier findet 
sich auch ein tönendes geminiertes s, das in manchen Wörtern 
auch in die nordd. Stadtsprache übergegangen ist, vgl. quasseln, 
dusseln, Busseltier, drusseln (im Halbschlummer sein), nusseln 
(undeutlich sprechen, langsam machen). Die Partizipia haben 
wir bisher beiseite gelassen, weil in ihnen zum Teil Ausgleichung 
nach anderen Verbalformen möglich war. Doch war eine solche 
ausgeschlossen bei den Verben der ersten Klasse, die sich der 
überwiegend geltenden ßegel fügen, vgl. geschnitten, geritten 
gegen gemieden. Dasselbe gilt von gesotten gegen gebogen usw., 
doch heißt es auch geboten. In getreten könnte die Länge 



Vokaldehnung. 167 

auf Ang'leichung an die Präsensformen beruhen, aber nicht in 
(jeheten neben hitien. Die Mundarten zeigen auch hier ein 
regelloses Schwanken. Aus alledem ergibt sich, daß einmal 
durchgängige Doppelformigkeit bestanden ha))eu muß, die 
nach verschiedenen Seiten hin ausgeglichen ist, wobei die Natur 
des Konsonanten erst eine sekundäre Rolle gespielt hat. Zur 
Erklärung der Doppelformen verweise ich auf § 111. Dort 
wird ausgeführt, daß eine Zeitlang Formen mit ausgestoßenem 
schwachen e vor l, r, m, n neben solchen mit erhaltenem e 
bestanden haben müssen, so daß also der vorangehende Ton- 
vokal zum Teil vor einfachem, zum Teil vor doppeltem Kon- 
sonanten stand. So erklärt sich vielleicht auch der Wechsel 
der Quantität des a und e vor den Verbindungen von r mit 
Dental (Art — Garten). Die Kürze ist hier vielleicht auch 
durch folgendes en geschützt wie vor einfachem Konsonanten. 
§ 36. Innerhalb der Flexion des Subst. war durchgängig 
Veranlassung zur Entstehung eines Wechsels gegeben und da- 
mit die Möglichkeit zur Ausgleichung nach zwei verschiedeneu 
Seiten. Bei den st. Maskulinen und Neutren mit PI. auf -e ist 
ganz überwiegend Ausgleichung zugunsten der Länge ein- 
getreten; zugunsten der Kürze nur in Bitt, Schnitt, Tritt, 
Unschlitt und in Zinn, woneben aber früher auch Zin gestanden 
hat, wie die häutigen Schreibungen Zihn und Zien beweisen. 
Von denen mit PI. auf -er haben Dehnung Glied, Tal, auch 
Bad, Bad, Glas, Gras nach der mustergültigen Aussprache, 
Kürze Gott, Blatt, Brett. Abweichungen kennt Ad.: ,,Brett, 
besser Bret, weil das t auch im PI. einfach lautet"; „Blatt, 
besser Blatt". Von den sw. Maskulinen, denen auch diejenigen 
zugerechnet werden müssen, die jetzt im Nom. n angenommen 
haben, zeigen Dehnung Pate, Spaten, Bote, Knoten, Kragen, 
Magen, Bogen, Laden, Schaden, Friede, Graben, Bähe, Buch- 
stabe, Hase, Biese, Käme und die jetzt stark gewordeneu 
Hahn, Schivan; Kürze Gatte, Schatten, Schlitten, Keffe. Die 
Mundarten zeigen mancherlei Abweichungen. Die Feminina, 
die jetzt nach der gemischten Deklination gehen, haben über- 
wiegend Dehnung, darunter auch einige mit t: Kote, Pfote, 
Schote, Kröte; Kürze haben Matte, Platte, Kette, Quitte, Schnitte, 
Sitte (ursprünglich m.). Motte, Botte, Bütte (mhd. hüten), Hütte, 
Granne, Kachtigall. Ursprünglich identisch sind wahrscheinlich 



168 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

Zote und Zotte; jedenfalls ersclieint früher in beiden Be- 
deutungen sowohl einfaches als doppeltes f. Mhd. state ist 
nur im D. PI. erhalten {zustatten Jiommen usw.) und in den 
Zuss. stattlich, statthaft. Auch hier viele mundartliehe Ab- 
weichungen. Beim Adjektivum hat die Ausgleichung zugunsten 
der Länge entschieden, außer in glatt, matt, satt, fromtn, toll. 
Die Länge in den Pronominal formen dem, den, wem, iven, ihm, 
ihn erklärt sich nicht bloß aus dem Einfluß der Formen der, 
er usw., sondern auch aus den noch im 16. Jahrh. vorhandenen 
volleren Nebenformen deme, tvcme, ime und den erweiterten 
Formen denen, ihnen. 

In der schwachen Konjugation ist die Ausgleichung zu- 
gunsten der Länge ausgefallen, wo nicht Anlehnung an ein 
Nomen vorliegt, wie in begatten, frommen, gestatten, bei dem 
allerdings der Zusammenhang mit dem mhd. Subst. state kaum 
noch empfunden wird. Auch in der starken ist, soweit nicht 
Wechsel erhalten ist, Länge durchgedrungen. Eine Ausnahme 
macht nur das Präs. und Part, von kommen. Verallgemeinerung 
der Kürze zeigt noch das Prät.-Präs. sollen. 

Eine scheinbare Ausnahme bildet mannig-, das sich aber 
aus dem danebenstehenden manch mit Vokalausstoßung erklärt. 
Eine entsprechende Erklärung dürfen wir annehmen für Bottich 
= mhd. hotech, woneben noch jetzt mit Ausstoßung des Vokals 
Böttcher steht, für Drillich, Zwillich, woneben Drilch, Zwilch 
häufig belegt sind, für Mennig{e), woneben früher Meng{e), 
Menje und für Wittib als Nebenform zu Witive. 

§ 37. Unter den Mundarten steht das Hochal. der Schrift- 
sprache am fernsten. Hier ist z. B. Kürze in offener Silbe 
erhalten, dagegen Dehnung in geschlossener Silbe vor Lenis 
eingetreten, genau umgekehrt wie in der Schriftsprache. Nicht 
ganz so weit entfernt sich von derselben das Niederal. und 
Bair. Weit verbreitet im Gegensatz zur Schriftsprache ist 
Dehnung vor ursprünglich auslautender Doppelkonsonanz, vgl. 
z. B. köpf — PI. köpf, fisch — PI. f)sch. Diese Erscheinung 
ist bair.-östr., ostschwäb., ostfränk., schles., stidwestthüring. 
Außerdem wirken in manchen Mundarten gewisse Konsonanten- 
verbindungen dehnend: Nasal oder r, l -\- Kons., cht, chs. 



VokaldehnuDg. VokalverkürzuDg. 169 

Vokal Verkürzung. 

§ 38. AiK'h die Vokalverkürziing der Gemeinspraclie 
erklärt sieb aus der Tendenz zur Ausgleichung der Silben- 
quantität. Sie ist daher eingetreten vor Doppelkonsonanz, 
ausgenommen wenn dieselbe ganz zur hinteren Silbe gezogen 
wurde. Wegen der Silbentrennung haben wir Bewahrung der 
Länge vor st in Biest, Frkster, Biester, Kloster, Ostern, 
Österreich, Trost, husten, pusten, Schuster, Wust, Wüste, ivüst, 
düster, liüstcr. Länge und Kürze nebeneinander haben Osten, 
Rost (zum braten). Mundartlich erscheint die Kürze auch in 
manchen Wörtern, die in der Schriftsprache nur mit Länge üblich 
sind. Kürzung mußte natürlich eintreten, wo eine Hinüberziehung 
der Konsonanten zur folgenden Silbe unmöglich war, wie in 
Ost, auch zum Teil vor den Ableitungssilben -en, -er, vgl. weiter 
unten. Auch vor tsch (aus älterem ^'?) finden wir in einigen 
Fällen Länge: hätscheln^ grätschen, tratschen, quietschen. Bei 
JRätsel kann es zweifelhaft sein, ob lautgesetzliche Bewahrung 
der Länge oder Angleichuug an rateti vorliegt. Vielleicht 
gehört Brezel hierher, das wohl auf ein mhd. hrcezel zurück- 
gehen muß, da das gewöhnlich allein augesetzte hrezel kaum 
Dehnung hätte erfahren können. Lautgesetzlich ist jedenfalls 
die Bewahrung der Länge in Die-triSt. Sonst ist vermutlich 
auch die Länge von a, e, ä bewahrt vor rt, rcl, da vor ihnen 
sogar die entsprechenden Kürzen gedehnt sind, doch ließen 
sich alle vorkommenden Fälle auch durch Ausgleichung erklären, 
vgl. gelahrte, Gebärde. 

§ 39. Wo sonst Länge vor Doppelkonsonant bewahrt 
scheint, wie z. B. in er hört, er hörte, er tvähnt, er ivähnte, ist 
vielmehr Angleichung an verwandte Formen eingetreten. Wo 
eine solche nicht möglich war, liegt die Verkürzung vor. Vgl. 
Acht (gerichtliche Verfolgung), sacht (aus a.s.scl,fto = ahd. sanfto), 
echt (aus mnd. ehacht = mhd. chaft), dicht (mhd. dihte, anhd. 
auch deicht), Fichte (mhd. viehte), Licht (mhd. lieht), Docht, 
woneben Dacht (mhd. däht, döht), Gerücht (nd. Form, = mhd. 
gerüefte), nüchtern (mhd. nüechtern), brachte, gebracht, dachte, 
gedacht, bedacht usw., du hast, Klafter, Krapfen (mhd. kräpfe), 
Pfründe (mhd.pfrüende), fing, ging, hing (noch lange fieng, gieng, 
Meng geschrieben), stiint (mhd. stuont), Lerche (mhd. lerclie), 



170 II, 4. Allgemeines über die Vokale. 

{ge)horchen (neben hören), herrschen (mhd. hersen, jetzt an Herr 
angelehnt), Birne (mhd. dierne), irgend (uilid. iergen), üzt (mhd. 
ieze), elf (mhd. einlef, eilf] letzteres noch lange in der Schreibung 
bewahrt), Elster (wohl zunächst aus eilster = mhd. agelster). 
Nelke (aus neilJce = mnd. negelkin, vgl. oberd. Nägelein), Sense 
(wohl zunächst aus seinse aus älterem segense), ivuchs, woneben 
tviichs nach Analogie der anderen Verba der gleichen Klasse 
(Adelung: tcUchs, bei anderen tvüclis). Auch in verdunkelten 
Zuss. liegt Kürze vor, vgl. zwanzig, früher auch zwensig (aus 
mhd. zweinzic), herrlich, Herrschaft (mhd. herltch, herschaft, 
jetzt an Herr angelehnt), Hochzeit, Hoffort (mhd. höchvart), 
Nachbar (mhd. nächgehür), Bromheere (mhd. Irämher), Lorbeer 
neben Lorbeer (lör- aus lat. laurus), Winzer (mhd. ivinzürl), 
Ummet (mhd. uoniät), Grummet (mhd. gruonmät), enttveder (mhd. 
eindeweder) und die Eigennamen Gerbert, Gertrud, Gerlind (mhd. 
^er „Speer"), Lrland, Island, Konrad (aus mlat. Conradus auf- 
genommen, dieses aus dem Nd., = mhd. Kuonrat), Kunze (mhd. 
Kuonze Koseform zu Konrad), Otmar, Ulrich (ahd. Uodalrich, 
mhd. Uolrich), Ulmann, Bullmann (mhd. Buohnan), Ortsnamen 
wie Bottberg, Bottdorf Auch ivahrlich wird trotz der Schreibung 
gewöhnlich mit Kürze gesprochen, desgleichen vierzehn, vierzig, 
Viertel. In nd. und md_. Mundarten finden sich noch sehr viel 
mehr Verkürzungen. Wo die alten Längen i, u, iu nicht 
diphthongisiert sind, ist auch noch viel mehr Gelegenheit zur 
Verkürzung gegeben, ebenso wo ei und au kontrahiert sind. 
Insbesondere wird im Nd. in der starken Konjugation die 
2. 3. Sg. Ind. Präs. regelmäßig verkürzt, vgl. z. B. ik läte, du 
letst, he let. Desgleichen in manchen md. Mundarten. Auch 
in der 1. schwachen Konjugation findet sich zum Teil noch 
Wechsel. In der nordd. Stadtsprache spricht man ich Jcrije, 
du Jcrtchst, er krocht, er krwhte. Viele Mundarten haben Ver- 
kürzung im Superlativ und in den Diminutivbildungen, vgl. 
nd.-md. der klenste zu klen (klein); ruhlaisch hünnchen zu Huhn, 
sonneberg. büchla zu Biich. 

Scheinbare Ausnahmen sind Mond, soweit es auf Monat 
(mhd. mänöt) zurückgeht, und Papst = mhd. bäbest. Doch 
erklärt sich in ihnen die Länge aus den zweisilbigen Neben- 
formen. Ebenso aufzufassen ist wohl Propst = mhd. lyröbest, 
das allerdings gewöhnlich, aber wohl unrichtig mit Kürze 



Yokalvcrkiirzuug. 171 

angesetzt wird. Umgekehrt erklärt sieh die Kürzung in Jldtich 
aus mild, rcetich (gewöhnlich wird fälschlich relich augesetzt) 
= lat. räclix aus flektierten Formen mit Ausstoßung des un- 
betonten Vokals. 

§ 40. Die Ableitungssilben -eni, -en, -er, -el mußten in 
demselben Umfange, wie sie Erhaltung der Kürze veranlaßt 
haben, auch Verkürzung der Länge bewirken. Kürze zeigt 
die Schriftsprache in Blatter, Natter, womit Otter eigentlich 
identisch ist (vgl. § 242), Futter (mhd. fiioter), Mutter, Jammer, 
Wappen und in dem aus iväfen umgebildeten Waffe, liüssel 
(mhd. rüezel), Troddel (zu mhd. trade), Krüppel (mhd. krüepel, 
vgl. §140,4), Scliäclier {mh(\.. schächcere), Linnen (aus dem Nd. 
aufgenommene Form für Leinen), immer, nimmer (mhd. iemer, 
niemer, woneben aber auch schon immer, nimmer). In den 
meisten Wörtern zeigt die Schriftsprache Bewahrung der Länge. 
Wiederum besonders vor den Lenes, vgl. Bruder, Busen, doch 
auch in Atem, Ekel. Die Mundarten haben die Verkürzung 
noch in manchen anderen Wörtern, umgekehrt aber auch zu- 
weilen Länge gegenüber der Kürze in der Schriftsprache. 
Ebenso zeigen sich Abweichungen im älteren Nhd. Häufig 
ist dort die Schreibung Futer, Jamer; Wapen wird noch von 
Adelung gefordert. 

§ 41. Da wir annehmen müssen, daß die Lautentwicklung 
sich innerhalb des Satzgefüges vollzogen hat, so wird es 
begreiflich, daß die Verkürzung auch in manchen Fällen 
vor auslautendem einfachen Konsonanten eingetreten ist. So 
werden z. B. nebeneinander gestanden haben er hat im Satz- 
sehluß und vor Vokal und er hat gesagt, auch Jiät er gesagt 
bei enklitischer Anlehnung des Pronomens. In der Schrift- 
sprache ist hat verallgemeinert gegen geht, stellt, tut. So 
begreift sich wohl auch die nordd. Aussprache genüg neben 
dem korrekten genüg und das gleichfalls nordd. nach neben 
nach, bei welchem letzteren aber auch die Unbetontheit als 
Veranlassung zur Kürzung in Betracht kommt. Verallgemeinert 
ist die Verkürzung in den st. Verben der zweiten Klasse mit z 
im Mhd.: verdroß, floß, goß, genoß, schloß, schoß; diesen haben 
sich dann auch kroch, roch, soff, troff = mhd. krouch usw. 
angeschlossen. 



172 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

§ 42. Die anscheinenden Willktirlichkeiten lassen sieli 
nnnmehr leicht durch die Annahme von Ausgleichung nach 
verschiedenen Seiten hin erklären. Wo eine solche möglich 
vpar, hat die Schriftsprache zum Teil im Gegensatz zu den 
Mundarten überwiegend für die Länge entschieden. Kürze 
ist durchgedrungen in Schloß, Genosse, Bache, Schuppe (mhd. 
schuojje), lassen, müssen (mhd. miie^en), brüllen (mhd. hrüelen). 

§ 43. Man kann jetzt die Frage aufwerfen, ob in den 
Fällen, für die wir oben Erhaltung der Kürze angesetzt haben, 
nicht zum Teil sekundäre Verkürzung eines früher gedehnten 
Vokals anzunehmen ist. Natürlich kommen nur solche in 
Betracht, in denen eine Vokalausstoßung stattgefunden hat, 
z. B. du nimmst, er nimmt aus älterem nimmest, nimmet. Doch 
läßt sich über das chronologische Verhältnis der Vokaldehnung 
und der Vokalausstoßung zueinander nichts Sicheres ausmachen. 
Auch haben ja Formen mit und ohne schwachem e vielfach 
lange nebeneinander gestanden. 



Kap. 5. Die einzelnen Vokale 
der betonten Silben. 

Kurzes a, 

§ 44. Kurzes a entspricht normalerweise einem mhd. und 
urgerm. a. Über die Entsprechung in den übrigen idg. Sprachen 
8. 1, § 45. Vgl. z. B. ah, ach, acht, Achse, Achsel, Acker, Affe, 
all, Alp, alt, Amme, Amsel, Amt, an, ander, Angel, Angst, 
Apfel, Arbeit, arg, arm, Arm, Asche, Ast, Acct und viele andere 
Wörter, die alle aufzuzählen unnötig ist. Natürlich erscheint 
a auch in Lehnwörtern in Übereinstimmung mit der Grund- 
sprache, vgl. z. B. Altar, Arche, Arzt (aus mlat. archiater, griech. 
aQ'/^icaQÖc). 

Kürzung aus mhd. ä = urgerm. e liegt vor in Blatter, 
Jammer, Klafter, Natter, Waffe, Wappen, Bache, hast, hat, lassen, 
tappen (zu mhd. täpe „Tatze"), nach (neben nach), Nachhar, 
wahrlich (nach verbreiteter Aussprache); aus gemeingerm. C4 
(aus aü) Acht (mhd. ähte) „gerichtliche Verfolgung", brachte, 
gebracht, dachte, gedacht^ aus nd. ä = hd. an in sacht (alts. 
säfto, vgl. § 39). Aus ai (ei) verkürzt ist es in sivanzig, woneben 



Kurzes a. Langes a. 173 

anlid. noch zivainzig fnoch im Parn. boic), ziveinzig, ferner 
spätmhd. nnd anhd. zwensiy. Rätselhaft ist das a in fachen 
{an f., entf.), da das seit dem 15. Jahrh. nachweisbare Wort 
früher fochen lautet (aus lat. focare'i). Nicht klar ist auch, 
wie sich das a iu Span{ferl;eJ) zu dem in älterer Zeit über- 
wiegenden und noch mundartlichen Spen- (mhd. spene „Mutter- 
milch") verhält. 

Anm. 1. Fracht stammt aus dem Ndl. Wenn es wirklieb, wie 
gewöhulich angenommen wird, mit alid. frcht „Verdienst" identiscli ist, so 
ist die unregelmäßige Lauteutwickliing nicht auf dem Boden des Hochd. 
zu suchen. Neben Torte findet sich früher Tarte, so Weigand und Sa.. 
vgl. außerdem Wi. 11,3, 247,10; ersteres stammt aus dem It., letzteres 
aus dem Franz. Neben boxen aus engl, box findet sich im IS. Jahrh. 
baxen; Belege aus Bürger und Schi, im DWb., vgl. noch Wi., Luc. 1,338, 
Herder 23, 28. 29, Blumauer, Aen. 38^1 , Kotzebue 1, 85. 87. Das bair. 
helle a als Umlaut (vgl. § 4G) erscheint zuweilen in Drucken, vgl. Narrin 
Schikaneder, Laster 4 ; es ist in die Schriftsprache gedrungen in der Form 
Hachse, Haxe (besonders auf Speisekarten) neben Hechse. 

Anm. 2. Nebeneinander stehen im Mhd. danne uud derine, wayme 
und xvenne. In der Schriftsprache hat sich allmählich eine Differenzierung 
zwischen dann und denn, tvann und wenn durchgesetzt. Die Doppelhei: 
dannoch — dennoch ist zugunsten des letzteren beseitigt; Belege für 
dannoch (dannocht) aus dem 16. Jahrh. im DWb., es steht noch bei 
Schi. 9, 380,16. 

Langes a. 

§ 45. Langes a hat eine doppelte regelmäßige Entsprechung. 
Es ist entweder = mhd. d oder = mhd. a. Ersteres ist der 
Fall im Präs. ursprünglich reduplizierender Verba (blasen, braten, 
raten, schlafen) ; im PI. Prät. starker Verba der vierten und 
fünften Klasse (gaben, naltmen, von da auf den Sg. übertragen) ; 
vgl. ferner Aal, Aas, Abend, Ader, ah, {nach)ahmen, Ahorn, 
Ameise, Atem, Bahre, -bar. Blase, brach, da (lokal), Draht, 
Frage, befahren (einer Sache ausgesetzt sein), Gefahr, Unflat, 
Gnade, Graf, Grat, Büchgrat, Haar, Haken, ja, Jahr, Kahm 
oder Kahn (Schimmel), Kram, kramen, Lage, Mal, Mahl, 
Mahd, malen (vom Maler), Maß, nach (daneben mit Kürze), 
7iahe, -nähme (in Abnahme usw.), Nadel, Naht, ]}rahJen, Qual, 
rasen, Bat, Same, Saat, Schaf, Schale (Gefäß), Schlaf, Schmach, 
SchnaJce, Schwabe, Schivager, Span, Sprache, Strafe, Strahl, 
Tat, getan. Wage, ivagen, etiva, Wahn, wahr. Zu den 



174 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

germanischen Wörtern sind einige Lehnwörter getreten, vgl. 
Uar, Paar, Fapst, PfaJil, Plan, Plage, Staat, Straße; anhd, 
und noch poetisch ist fahen (= fangen), worin gemeingerm. d 
aus an zugrunde liegt. 

Größer ist die Zahl derjenigen Wörter, in denen die Länge 
erst durch die nhd. Dehnung aus mhd. a entstanden ist, vgl. 
Aar, Abenteuer, aher, Adel, Ahn, ahnden, Arsch, Art, Bad, 
Bahn, bar, Bart, dar, Fahel, Faden, fahl, fahnden, Fahne, 
fahren. Fahrt, faseln, Faser, Fladen, Gabel, Gaden, gar, Glas, 
graben, Grab, Graben, gram. Gras, haben, Hafer, Habicht, 
Hafen, Hag, Hagel, hager, Hahn, Harz, Hase, Hasel, Jcahl, 
Kahn, Kater, Jdagen, Knabe, Kragen, Kran, Kranich, Iahen, 
laden. Lade, Laden, lahm, Made, Magen, mager, mahlen, 
mahnen, Maser, Nabe, Nabel, Nagel, nagen, Name, Nase, Pfad, 
Rabe, Puid, Piade{n), gerade, ragen, Ilahe, Piahmen, Basen, 
Saal, sagen, Sahlweide, schaben, schaden, schal. Schale (natür- 
liche Sehale von Früchten usw.), Scham, Schar, Scharte, schmal, 
Schnabel, Schivad(en), Schivan, schivanen, Schivarte, sparen, 
Spaten, Stab, Staden, Gestade, Star, Tadel, Tafel, Tag, Takel, 
Tal, Taler, traben, tragen, Vater, Wabe, Wade, Wagen, Wahl, 
Wahn- in Wahnsinn, Wahmvitz (sekundär an Wahn == mhd. 
ivän angelehnt), tvahren, ivahrnehmen, gewahr, Ware, Wasen, 
tvaten, zagen, Zahl, zahm, Zahn, zart, Zaser. Kaum sicher 
zu bestimmen ist die ursprüngliche Quantität von Sahne. 
Kontraktion von ahe liegt vor in Gemahl, Mahlschatz, Plan 
(„Überzug über einen Wagen" = mhd. blähe), Stahl; zweifelhaft 
' ob auch in dem aus dem Nd. entlehnten Tran, das man mit 
mhd. trahen „Träne" identifiziert hat, wobei aber doch der 
Bedeutuagsübergang bedenklich ist. 

Auffallend ist das a in Puihm = mhd. rouni, wofür man 
nhd. Baum erwarten müßte, was nur mundartlich ist. Wahr- 
scheinlich ist schon für die ältere Sprache räm neben roum 
anzusetzen, welche Formen sich zueinander verhalten würden 
wie sträm und stroum („Strom", s. § 80). Scheinbar einem 
mhd. e entspricht ä in Lager. Die alte Form Leger, gewöhnlich 
Läger geschrieben, reicht noch bis ins 17. Jahrb., während 
Lager schon bei Lu. herrscht. Der Vorgang ist wohl der 
gewesen, daß im PI. die Läger das ä als Umlaut gefaßt und 
dadurch ein Sff. das Laqer veranlaßt ist. wofür auch der Umstand 



Langes a. e (ä). 175 

spricht, (laß der PI. LiUjer nocli im 18. Jahrb. (auch jetzt 
mundartlich) verbreitet ist, während für den Sg schon Lager 
feststeht. Da in zeitlichem Sinne = mhd. dö erklärt sich aus 
einer Vermischung- mit dem räumlichen da = mhd. da, wofür 
spätmhd. und anhd. nicht selten mit Verdumpfung- do erscheint. 

Aam. 1. Bei Hahn könnte man ancli au eine Vermischung mit 
mhd. räm „Schmutzüberzug" denken, doch wird diese Vermischung be- 
greiflicher, wenn von Anfang an Doppelformen bestanden. Mundartlich 
und auch bei Schriftstellern des 17. und selbst des 18. Jahrh. findet sich 
auch liohni. 

Anm. 2. Zuweilen erscheint nach bair. Aussprache a für ü bei 
Schriftstellern, vgl. Madd Schikaneder, W. ],H)5; 2, 31.^. So sind ins- 
besondere Ortsnamen in bair. Form in die jetzige Schriftsprache ge- 
drungen: Graz, früher Graz geschrieben; Pashig, Schtcablng usw. 

Anm. 3. Über das a in hahnebiichen s. § S9. 

§ 46. Die jetzige Schriftsprache unterscheidet zwei ver- 
schiedene Qualitäten des langen e, eine offene, dem a näher 
stehende und eine geschlossene, dem i näher stehende; für 
die Kürze dagegen kennt sie nur eine Qualität, die offene, 
während die oberdeutschen, auch manche md. Mundarten, auch 
bei der Kürze offene und geschlossene Qualität unterscheiden. 
Die Schreibung ist eine doppelte, aber die Verwendung der 
beiden Zeichen e und ä (aus älterem ä) d.eckt sich nicht 
mit dem phonetischen unterschiede. Bei der Kürze hat das 
Nebeneinander von e und ä [Lerche — LärcJte) überhaupt 
keine lautliche Bedeutung. Bei der Länge wird zwar ä aus- 
schließlich für den offenen Laut verwendet, aber e nicht aus- 
schließlich für den geschlossenen (gehen mit offenem, dehnen 
mit geschlossen! e). 

Die ältere Sprache kennt mehr Unterschiede. Für die 
Kürze bestanden ursprünglich drei verschiedene Qualitäten: 
eine ganz offene, für die allein in älteren mhd. Hss. ä au- 
gewendet wird, aber auch nicht konsequent, und die man in 
normalisierter Schreibung durch ä wiedergeben sollte, was 
aber bisher nicht allgemein geschehen ist; eine mittlere, die 
ungefähr dem jetzigen schriftsprachlichen offenen e entsprochen 
haben wird, und die in Grammatiken und Wörterbüchern mit 
e bezeichnet zu werden pflegt; eine geschlossene. Geschlossene 



176 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

Aussprache hatte das durch Umlaut aus a entstandene e, so- 
weit es schon im Ahd. vorhanden Avar, wofür man, wenn es 
besonders charakterisiert werden soll, die Schreibung e an- 
wendet; die mittlere Qualität kam dem urgerm. und dem 
aus i entstandenen (vgl. I § 138) e zu, abgesehen von einigen 
Fällen, wo es durch den folgenden Konsonanten oder durch 
ein folgendes i zu geschlossenem e entwickelt war; ganz offen 
war der erst im Mhd. hervortretende Umlaut des a, für den 
im Ahd. noch a geschrieben wird. Längen waren zwei ver- 
schiedene vorhanden: der Umlaut von ä, in den mhd. Hss. 
teils ä teils e geschrieben, in normalisierten Texten durch ce 
wiedergegeben ; das aus urgerm. ai kontrahierte e (vgl. I § 133). 
Ursprünglich hatte ersteres die ganz offene Qualität wie kurzes 
ä, letzteres die mittlere wie e. 

Der ursprüngliche Stand änderte sich dann folgendermaßen: 
e bewahrte die mittlere Qualität nur im Bair. und Ostschwäb.; 
auf dem übrigen Gebiete hatte es schon im 13. Jahrh. ge- 
schlossenen Laut, der auch der Schriftsprache zugrunde liegt. 
Im Md., auch ostfränk. und südfränk. eingeschlossen, ist früh- 
zeitig für die ganz offene Qualität die mittlere, weniger offene 
eingetreten und damit der Grund zu den Verhältnissen in der 
jetzigen Schriftsprache gelegt. Infolge davon gilt hier schon 
um 1200 ein Reim wie geslähte : rehte als rein. Eine andere 
Folge ist, daß die Schreibung ä in md. Hss. nicht üblich ist. 
Bis auf die Gegenwart ist die dreifache Qualität im Bair. 
erhalten, wo der ganz offene Laut jetzt als helles a erscheint, 
z. B. in närrisch, i tvar = ich iväre. "Dagegen ist im Bair. 
insofern eine Verschiebung der ursprünglichen Verhältnisse 
eingetreten, als e vor h, g, d, t, s in den geschlossenen Laut 
übergegangen ist, ein Vorgang, der nach Ausweis der Reime 
schon um 1200 vollzogen war. Im AI. ist die alte Scheidung 
von e und e besser bewahrt, dagegen sind die ganz offene 
und die mittlere Qualität, die im 13. Jahrh. noch streng ge- 
schieden waren, im späteren MA. auf dem größten Teile des 
alem. Gebietes zusammengefallen, und zwar meistens in einen 
sehr offenen Laut. 

Die Störung der ursprünglichen Quantitätsverhältnisse am 
Ausgange der mhd. Zeit hat zunächst wohl keinen Einfluß auf 
die Qualität gehabt. In der Folge aber ist die Quantität 



e (ü). 177 

insofern maßgebend geworden, als die kurz gebliebenen oder 
verkürzten ^- Laute im nördlichen Teile von Deutschland (den 
größten Teil von Mitteldeutschland eingeschlossen), und in der 
Schriftsprache in den offenen Laut zusammengefallen sind, 
während bei den ursprünglich langen oder gedehnten Vokalen 
der Unterschied auch hier gewahrt ist, abgesehen von dem 
nördlichsten Niederdeutschland. Aber auch bei der Länge 
deckt sieh die heutige Unterscheidung der zwei Qualitäten 
nicht mit der ursprünglichen. Eine weitgreifende Verschiebung 
hat sich vor allem durch Wirkung der Analogie vollzogen. 
Eine solche hat sich sowohl in bezug auf den Laut als in 
bezug auf die Schreibung geltend gemacht. Die jetzige Ver- 
wendung des Zeichens ä ist zwar nicht ausschließlich, aber 
doch vorwiegend durch das Prinzip der Analogie bedingt. 
Eine Erweiterung erfuhr die älteste sparsame Anwendung des 
Zeichens zuerst im AL Hier wurde es im Spätmhd. und im 
16. Jahrh. häufig auch für älteres e gebraucht. Dies war nach 
dem Zusammenfall der früher geschiedenen « und e ganz 
natürlich. Das phonetische Prinzip wurde dadurch nicht durch- 
brochen. In Mitteldeutschland war die Verwendung des cV 
in der ersten Hälfte des IG. Jahrh. noch sehr selten. Erst 
allmählich drang es von Oberdeutschland aus ein, und von Anfang 
an macht sich die Tendenz geltend, es vorzugsweise da für 
den e-Laut zu verwenden, w^o derselbe vom Sprachgefühl als 
aus a entstanden empfunden wurde. Eine Forderung nach 
dieser Richtung wird schon von Fab. Frangk aufgestellt 
(Müller S. 98) gegen den herrschenden Schreibgebraueh seiner 
Zeit. Weiterhin wird dies Prinzip von Laur. Albertus vertreten 
(B2). Gueintz, Schottel, Girbert führen es dann entschiedener 
durch, wenn auch noch nicht ganz mit der Konsequenz wie 
die Späteren, namentlich Adelung. Für die Kürze konnte es 
sich auf dem Gebiete, wo nur noch eine Lautung bestand, ohne 
Hemmung durchsetzen. Anders bei der Länge. Hier war das 
Zeichen ä nach den ursprünglichen Verhältnissen nur soweit 
geeignet, als mhd. ce oder « zugrunde lag; dagegen vertrug 
es sich nicht mit der geschlossenen Qualität des gedehnten 
mhd. e. Der in der Sprache lebendige Umlaut war also 
zunächst ein doppelter. Wo der Umlaut analogisch auf Fälle 
übertragen wurde, denen er lautgesetzlich nicht zukam, wie in 

Paul, Deutsehe G-rainraatik, Bd. 1. 12 



178 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

der Bildung des PL und der Steigerungsformen der Adjektiva, 
konnte an sieh die eine oder die andere Art maßgebend werden. 
Es seheint aber, daß von Anfang an die dem a näher stehende 
Qualität bevorzugt ist. Es war aber auch möglich, daß ver- 
möge der Analogie die eine Qualität durch die andere verdrängt 
wurde. Dies ist sicher ohne irgendwelche Einwirkung der 
Schreibung bis zu einem gewissen Grade in den oberdeutschen 
Mundarten geschehen, wo sich jetzt die beiden Umlautsarten 
nach bestimmten Kategorien der Flexion und AYortbildung ver- 
teilen. Es war somit auch die Möglichkeit gegeben, daß die 
eine Art des lebendigen Umlauts die andere allmählich ganz 
verdrängte. Wieweit in Mitteldeutschland die offene Qualität 
die geschlossene schon vor Einführung des Zeichens ä verdrängt 
hatte, wieweit erst umgekehrt die Schrift die Aussprache be- 
einflußt hat, wird sich schwerlich genau ausmachen lassen. 
Aber auch in den nd. Mundarten hat das .Analogieprinzip 
gewirkt. 

Die landschaftlichen Verschiedenheiten in der Aussprache 
des e sind noch so erheblich, daß sich kaum für alle einzelnen 
Fälle Vorschriften geben lassen, die Allgemeingültigkeit be- 
anspruchen dürfen. Die von Siebs, Bühnenaussprache 'o S. 39 
gegebenen Regeln sind sehr willkürlich und nicht der Be- 
folgung wert. 

Anm. Vgl. Franck, Zs. fdA. 25, 21S. Luick, PBB. 11, 492 und 14, 127. 
Kauflfmann, Geschichte der schwäbischen Mundart, § 63 fif. Paul, PBB. 
12,548. Kauflftnann, ib. 13, 393. Holthausen, ib. 370. Heilborn, ib. 567. 
Braune, ib. 573. v. Bahder, Nhd. Lautsystem 104. Heusler, Germ. 34, 112. 
Bohnenberger, ib. 194. Nagl, PBB. 18,262. Zwierziua, Zs. fdA. 44,249. 
Tritschler, PBB. 38, 389 (Grammatikerzeugnisse). 

Kurzes c (ä). 

§ 47. Wir betrachten zuerst das durch Umlaut entstandene e. 
Ob dasselbe ursprünglich die geschlossene Qualität (= ahd. e) 
oder die ganz offene (= ahd. a) hatte, ist für die jetzige 
Schriftsprache gleichgültig. In beiden Fällen wird ä geschrieben, 
soweit dasselbe als aus a entstanden empfunden wurde. So 
im PL der Substantiva {Bäche, Lämmer), auch da natürlich, 
wo der LTmlaut erst durch Analogie eingeführt ist (Stämme, 
Äcker, Dächer, vgl. Flexionslehre); in der 2. 3. Sg. Ind. Präs. der 



Kurzes e (ä). 179 

starken Verba {wäschst, ivüscht, hältst, hält)\ im Konj.Prät,, in der 
dritten st. Konjugation analogisch statt ä eingeführt ispränge)\ 
im Komparativ und »Superl., teils erst analogisch eingeführt 
(schivächer); in sonstigen Ableitungen, wo die Beziehung zum 
Grundwort lebendig ist, vgl. Gänslcin, Gänschen, Verständnis, 
Wächter, Bäcker, Kälte, Ärmel (wonebeu allerdings bis in die 
neuere Zeit die Schreibung Ermel bestanden hat), Gelände, 
7nännlich, gänzlich, läppisch, schänden, händigen, einhändigen, 
ändern, ärgern, JcränJceln, ächzen usw. Zweifelhaft ist, ob in 
dem nur landschaftlichen Färse „junge Kuh" das Bewußtsein 
der Zugehörigkeit zu Farre „Stier" für die Schreibung maß- 
gebend gewesen ist oder vielmehr das Streben nach Unter- 
scheidung von dem gewöhnlichen Ferse. Das junge Verb. 
plänkeln, früher hlänkehi, hlänkern ist an hlank angelehnt, 
wovon es Ad. herleitet. In schivätzen hat sich ä festgesetzt, 
weil unumgelautetes schivätzen daneben steht. Auch das ä in 
ätzen erklärt sich vielleicht daraus, daß wenigstens in der 
Bedeutung „speisen" atzen daneben steht. Weiter ist ä ein- 
geführt in einigen Fremdwörtern mit Rücksicht auf das a des 
Grundwortes: März, Lärm, Schärpe, bei v»'elchen letzteren ä 
Wiedergabe des hellen romanischen a zu sein scheint, vgl. 
PBB. 30, 210. Vgl. auch § 51 Anm. 5. Auch die Schreibung 
Gränze (aus slav. granica) hat sich lange neben Grenze be- 
hauptet. 

Dagegen ist die Schreibung mit e beibehalten in allen 
Fällen, wo keine Formen mit a daneben standen, die als 
Grundformen hätten angesehen werden können, sei es, daß 
solche niemals vorhanden gewesen, oder daß sie frühzeitig 
untergegangen sind, vgl. Becken, Bemme, Bengel, Bernstein, 
besser, Bett, blecken, blenden, Bremse („Hemmvorrichtung"), 
dengeln, Ecke, Egge, Elle, emsig, Ende, Engel, Enkel, Ente 
(mhd. ant, PI. ente), Eppich, Erbe, Erbse (= mhd. ärivei^ neben 
arivei^ mit Umlaut durch ei). Ernte, Erz, Erz- (aus lat. archi), 
Esche (mhd. asch, PI. esche), Espe, Esse, Essig, Fels, Ferkel 
(zu mhd. varch „Schwein"), Fessel, Fetzen, fremd, Gemse, Gerte, 
Hecht, Held, Hemde, hemmen, Hengst, Her- in Herberge, Herzog, 
Herbst, herb (mhd. hänve), Kelch, Kerker (mhd. karkcere, kär- 
kcere), Kessel, Kette, Ketzer, Krempe, krempeln, Lende, Gelenk, 
(ZU mhd. lanke „Weiche"), Lenz, mengen, Mergel, Messer, 

12* 



180 II, 5. Die einzeluea Vokale der betouten Silben. 

Mette, Metze, metzgen, Nessel, Nestel, Netz, Pfennig, pferclien, 
Becke, retten, Schenliel, schlendern, scldenJcern, Sclavelle, Gespenst 
(zu mhd. Spanen „verlocken"), abspenstig (ebendazii, trotz 
Luthers ahsimmien), Sperber (mhd. sparwosre, spärivcBre). 
Sperling, steclcen, stemmen, streng, WecJcen, tvelcJi, Wels, ivelsch 
(mhd. tvälhisch zu Walch „Welscher"), Wette, wetzen, Zettel 
(Aufzug eines Gewebes). Auch die schwachen Verba der ersten 
Klasse haben im allgemeinen, wo sie nicht als deutliche Ab- 
leitungen aus Substantiven oder Adjektiven mit a erschienen, 
e behalten, trotz dem a im Prät. und Part; nicht bloß, wo 
dieses durch Angleichung an das Präs. beseitigt ist, wie ia 
verderben, lenken, merken, recken, schwemmen, sengen, senken, 
trennen, sondern auch, wo es bewahrt ist, also in brennen, 
kennen, nennen, rennen, senden, zvenden. Das e des Präs. 
wurde eben als das Ursprüngliche empfunden, das a des Prät 
als das abgeleitete, das Verhältnis also nicht anders aufgefaßt 
als der Ablaut zwischen helfen und half. So ist wohl auch 
das e von denken i\\y ursprünglicher betrachtet nicht nur als 
das a des Prät., sondern auch als das a von Gedanke, welches 
Wort wegen der Zusammensetzung mit ge- als Ableitung er- 
scheinen mußte. Das gleiche gilt von Geschmack im Verhältnis 
zu schmecken. Für die aus st. Verben abgeleiteten Kausativa 
konnte das a des Prät. nicht maßgebend werden, daher 
schtvemmen zu schwimmen — schivamm, wohl aber das des 
Präs., daher fällen zu fallen. Für die Schreibung wälzen ist 
wohl weniger das untergegangene st. Verb, walzen, als das 
Subst Walze und' das daraus abgeleitete schw. Verb, tvalzen 
entscheidend gewesen. Sicher ist drängen an Drang angelehnt. 
Hinzutretende lautliche Differenzierungen haben die Angleichung 
verhindert; daher Henne zu Hahn wegen des Quantitätsunter- 
schiedes, decken zu Dach, wecken zu wachen, {be)netzen zu naß, 
henken, Henker, Gehenk zu hangen wegen der Verschiedenheit 
des Konsonanten. Wenn das Gefühl für den etymologischen 
Zusammenhang infolge divergierender Bedeutungsentwicklung 
geschwunden oder wenigstens stark geschwächt ist, hat sich 
natürlich auch kein « eingestellt, vgl. behende aus ahd. hi 
henti „bei der Hand", enge neben Angst, Heft, heften und das 
durch eigenartige Bedeutungsentwieklung ganz losgetrennte 
heftig neben Haft, haften, Heller zu Hau, hetzen zu hassen, 



Kurzes e (ä). 181 

Tcennen zu ich kann, Jlensch aus Mann, prellen neben x)rall€n, 
renken neben Hank, Hanke, Scheffel zu Schaff, zerschellest 
(trans.) neben schallen, schwenken neben Schwank, schwanken, 
Spengler zu Spange, sperren neben Sparren, stellen zu Stall 
(näher an stehen angeschlossen), Stengel neben Stange, Strecke 
neben strack, stracks. Treppe neben Trappe. In manchen 
Fällen ist auch noch lautliche Differenzierung hinzugekommen: 
Geselle zu Saal, fertig zu Fahrt, Hecke zu Hag, gerben zu gar, 
Menge zu inancher, letzen, letzte zu laß, ausmergeln zu Mark, 
Geschlecht zu schlagen, Stempel zu staynpfen, Vetter zu Vater. 
Auch in Eltern bat sich c behauptet, wiewohl die ursprüng- 
liche Identität mit dem Komparativ von alt selten verkannt 
ist, und wiewohl deshalb viele Grammatiker, auch noch Adelung 
die Schreibung mit ä empfohlen haben. Bekenntnis und Er- 
kenntnis, denen das einfache Kenntnis erst nachgebildet ist, 
sind Ableitungen aus den Partizipien bekannt, erkannt und werden 
daher im 17. 18. Jahrh. auch mit ä geschrieben, aber die un- 
mittelbare Anlehnung an bekennen, erkennen hat dem e zum 
Siege verholten. Ebenso verhält es sich mit {er)kenntUch, doch 
steht daneben früher eine ältere Bildung erkenn{e)lich. 

Anm. 1. Daß bei manchen Wörtern die Schreibung lange geschwankt 
hat, ist ganz natürlich, da das angenouimcnc Prinzip der subjektiven Auf- 
fassung noch Spielraum genug ließ. So wird von manchen büsser ver- 
langt mit Rücksicht auf basz, Häller mit Rücksicht auf die Herkunft von 
Hall; Hemmer verlangt einhällig wegen Hall, Aichinger widernpänstiq 
wegen sjxinnen. Auch ganz falsche Etymologien mischten sich ein. 
Gottsched verlaugt Amte, weil es von Ähren komme (desgl. Hemmer, 
Abh. 102); änisiy, weil von Ämse = Ameise (desgl. Hemmer, vgl. ämsiger 
Herder 17,62); Mätzger, weil von lat. mnctare; die Hacken, weil von 
Haken oder Hang. Frau Gottsched schreibt Vätter. Auch das Streben 
nach Unterscheidung gleichlautender Wörter hat mitgewirkt. Gottsched 
(auch Bair. Sprachk.) verlaugt Mälze (mit Anlehnung an Maaß) gegen 
Metze „Hure"; ferner Feuerässen gegen esuen. 

Anm. 2. Für die Schreibung der zu kennen gehörigen Ableitungen 
\gl. Kännhiisz El. Schlegel, Sehr. 50,3, Känntnisse{n) Herd. 17, :r29. 
18, 131 usw., s. auch DWb.; Bekänntnisz Herd. 17, 1G6, Schi. 3, 124, 25; 
Erkäntnisz Op K. 215,18, Herd. 13, 87; unkänntlich Herd. 13,167; Er- 
känntlichkeit Goe. Br. 1, 229,9. 

§ 48. Wo mhd. e = urgerm. (idg ) e zugrunde liegt, wird 
fast durchgängig e geschrieben. Hierher gehört das e im 
Präs. der st. Verba. Vgl. ferner belfern, Berg, betteln, Bremse 



182 II, 5. Die einzelnen Vokale der betouten Silben. 

(als Insektbezeiehnung), Gehresten, Brett, Bechsel, DrecJc, Ernst, 
etivas, etlich, etwa, Feld, Felge, Fell, fern, Ferse, Flecl', frech, 
GecJc, gelb, Geld, gern, Gerste, gestern, grell, hell, Helm, Icerhen, 
Kerl, Kern, Klecl(s), Kriecht, Kresse, lecken, melden, Nest, 
Quelle, Bechen, rechnen, recht, Schelm, Scherbe, Sehens, schlecht, 
Schmerz, Schnecke, schnell, schivelgen, Schioester, sechs, selber, 
selten, Specht, Spelt, Stelze, steppen, Stern, Sterz, Weif, welk, 
Welle, Werder, Werg, Werk, Westen, Wetter, Zeche, Zelt, Zweck, 
Ziverchfell. Mjt dem urg-erm. e ist das e in alten Lelinwörtern 
aus dem Lat. zusammengefallen, so in Elfenbein, Fenster, Fest, 
Keller, Beiz, Berle, Fest, pressen, Best, Tempel, Vers, Zelle, 
Zettel {schedulä). In einigen wenigen Fällen ist die Schreibung 
mit ä für e durchgedrungen: rächen, das die Grammatiker als 
Ableitung von Bache gefaßt haben, während das Verhältnis 
umgekehrt ist (mhd, rechen — räche); Lärche als Baum- 
bezeichnung zum Unterschied von Lerche', dämmern, plärren 
ohne ersichtlichen Grund. Unser -wärts in aufwärts usw. geht 
auf mhd. -ivertes zurück, während in dem damit verwandten 
-ivärtig in gegemvärtig usw. das ä Umlaut aus a ist. 

Anm. 1. In einigen Wörtern war ursprüngliches e im Mhd. zu ge- 
schlossenem e entwickelt, teils unter dem Einfluß eines folgenden i, teils 
unter dem eines seh oder st, so in Helm, Schelm, sechs, dreschen, gestern. 
Schwester. Für die Schriftsprache ist dies bei dem Zusammenfall aller 
kurzen e von keinem Belang. 

Anm. 2. Demmerung schreibt nach dem DWb. noch Le.; vgl. auch 
Morgendemmerung Th. Jones 1, 17. 

§ 49. In einigen Wörtern geht das zugrunde liegende 
mhd. e auf ursprüngliches i zurück, in Blech (mndl. blic), es 
= mhd. e^, keck und Quecksilber (engl, quick), Klette womit 
klettern verwandt sein wird, lecken verwandt mit got. Iciigön, 
lernen (mhd. lernen und Urnen), schlecken (mhd. sticken), 
Schnepfe (ndl. snip — snep, engl, snipe), Speck (ags. spie). 
Wechsel (verwandt mit lat. vices), Welt (vgl. lat. vir); ferner in 
Lehnwörtern aus dem Lat.: Becher (aus vulgärlat. bicarium). 
Messe (aus missa), Bech (aus^)/a; — picem), Semmel (ursprünglich 
mit der Bedeutung „feines Weizenmehl" aus simila), Senf (aus 
sinapi). Auffallend ist das e in Mennige (mhd. minig und 
menig) aus lat. mininm. Nordd. Brell in gleicher Bedeutung 
wie südd. Drillich ist erst im Nhd. aus dem Nd. entlehnt; es 



Kurzes e («)• 1°'^ 

kann mit Drillich iirspriing-licli identisch sein, jedenfalls gehört 
es wie dieses zu drei. 

Anm. Im Mhd. steht auch se/i?/" neben schif, scherni neben schirm; das 
Prät. von wissen lautet ivesse, \veste neben ivisse, iviste, vgl. Flexionslehre. 

§ 50. Es erübrigen noch einige besondere Entstehungs- 
weisen des e. Verkürzung aus m\^. e liegt vor in herrlich, 
Herrschaft, herrschen, denen mhd. her = nhd. hehr zugrunde 
liegt, wenn sie auch jetzt unmittelbar an Herr angelehnt sind, 
welches eigentlich der Komperativ von her ist, ahd. her{i)ro, 
aber schon im Mhd. zu herre verkürzt; in Lerche = ahd. 
Urahha; in dem aus dem Nd. aufgenommenen ecJif = mhd. 
ehaft (vgl. § 39); in Eigennamen wie Gertrud, Gerhert, deren 
erster Bestandteil = mhd. ger ist (vgl. § 39). Verkürzung aus 
mhd. (e liegt vor in ächten, in den Konjunktiven hrächte, dächte, 
in Schacher mit sekundärem Umlaut aus mhd. schächcere: 
Bettich aus mhd. rcetic (nicht wie häufig angesetzt wird retic) 
aus lat. radix, radicem. Ob drechseln hierher gehört ist 
zweifelhaft; ahd. drahsil „Drechsler" pflegt mit langem a an- 
gesetzt zu werden, aber zunächst wohl nur wegen der falschen 
Verknüpfung mit dräen „drehen"; nach den Schreibungen kann 
ebensogut Kürze angesetzt werden; bei Williram steht einmal 
drähsel und einmal drdJtsel; schon im j. Tit. reimt es auf 
wehsei. Infolge geringer Tonstärke ist ce verkürzt in Triichseß 
(mhd. truhsce^e), ansässig, aufsässig (vgl. mhd. widersce^e, 
tvidersce^ec) , Wildbret (mhd. wilthrcete). Auf ein aus ei kon- 
trahiertes e gehen zurück die aus dem Nd. aufgenommeneu 
Wörter fett (mhd. schon im 14. Jahrb.) = hd. feist, mhd. reibet 
und schleppen = mhd. sleipfen (s. § 140, 2). Ferner elf, wo- 
neben sich die ältere Form eilf wenigstens in der Schreibung 
bis ins 19. Jahrb. hinein bewahrt hat; entweder aus mhd. eint- 
weder {eindeiveder), welches noch im 16. Jahrb. vorkommt, 
während anderseits etitiveder auch schon im Spätmhd. erscheint. 
Erst auf deutschem Boden ist auch die Verkürzung in Renntier 
eingetreten, da in älterer Zeit dafür noch Bein, Been, Beentier 
erscheint; zugrunde liegt anord. hreinn, dän.-schwed. ren. Auf 
ein erst durch Kontraktion entstandenes ei geht c zurück in 
Nelke aus mnd. negelMn, doch wohl durch die Zwischenstufen 
7i€ilken, nelhen; Sense aus mhd. segense durch die im Mhd. 
bezeugten Zwischenformen seinse, sense; Elster, früher häufig 



IS-t II. 5. Die eitzelnen Vokale der betonten Silben. 

Älster gesebrieben. anhd. aiiuh AUier nvch Gil Blas o. 17L 
Stephanie. Neugierde 4ß aus mhd. egelster neben agelsür cocL 
Musäüs AgJaster r. in gen gen Himmel;, anhd. zuweilen geen 
geschrieben., aas mhiLgem, kontrahiert aas ahd.gegiH; wobei 
die Kürzung Folge des proklitischen Gebrauches ist. 

Durch Verschiebung des Silbenakzents ist je aus ie ent- 
standen in jeüt, jeglicher f's. § 193». Nicht klar ist die Ent- 
stehung des ä in Fächer aus älterem focher, föcher (ans lat. 
focariusY). wavon auch fcichdn aus untergegangenem Fechel 
..Fächer" nicht zu trennen sein wird. De.?gl. das e in Kette 
-Volk wilder Hühner" aus mhd. Jmite, dessen regelrechte Ent- 
sprechung in Mundarten fortlebt: literarisch erscheint noch im 
IS. Jahrh. Kitte. 

Langes e (ä). 

§ 51. Langes e oder ä kann auf mhd. Länge zurückgehen. 
und zwar entweder auf e oder auf ee. 

1. ^fhd. e. kontrahiert aus urgerm. ai (s. I § 133;. liegt 
zugrunde in Klee, Schnee, See. weh, Ehe, Seele, eicig: ehern 
(mhd. erin aus er „Erz"), ehe^ eher, erste. Ehre., hehr, 7:ehren 
(wenden), lehren, sehr, rersehren: Fehde, flehen, Lehen. Reh. 
Schlehe: icenig. Gleichfalls mhd. e, wenn auch in seinem 
Ursprünge nicht so klar, liegt zugrunde in ztcen (mhd. zu:ene\ 
dem veralteten Mask. zu 2>.cei und in gehen und stehen ^mhd. 
gen, sten, Nebenformen zu gän, stän). In allen diesen Fällen 
hat die Schriftsprache geschlossenen Laut. Ii&z . schon 

im Mhd. manche e in Free ■ ' ' _ ' , : J^^^g^h 

auch Zeder, der Eigenname j , - -pätlat. 

Dehnung des ursprünglich kurzen e verdankeiL Auch bei 
jüngerer Entlehnung ist fremdsprachliches e als abgeschlossener 
Laut behandelt. 

Acm. 1. ^eben beide sieht alid.-iiilid. bede, und diese Nebenfonn 
reickt in der Liteiatiir bis ins IS. Jahrh. Aaeh SehL in seiner frühesten 
Zeit imd Hölderlin sehreiboi noch beede. Für die Doppelheit hat Sievers 
die richtige Erklärung gefonden: zngmnde liegt got. bai ßäi .beide die": 
bei Verschmelzaiig zu einem Worte mofite der Diphtong blähen, dagegen 
s^rlbständiges bai maßte zu *be kontrahiert werden. 

Anm. 2. Zu den Würtem mit e ans ai gehört aaeh mhd.^ef- -Wurf- 
spieß", erhalten in Eigennamen wie Gerhard und mit Yerkörzung in Gerbert, 
Gertrud usw., mh Absehwäehnng in unbetonter Silbe z. B. in Brndiger, 
Rieger, auch nenbelebt in diehtetisdier Spnu^he. Länger in der leboidigen 



Langes e (ä). 185 

Sprache geblieben ist das ursprünglich mit ger identische Gehren für ver- 
schiedene Gegenstände, deren Gestalt Ähnlichkeit mit der Gerspitze hat, 
so = „Rockschoß", „spitzzulaufendes Ackerstück". 

2. Mhd. (p. der Umlaut von ä. erscheint regelmäßig als 
offener Laut. Wo es deutlich als Umlaut empfunden wird, 
wird es durchaus mit «' geschrieben, vgl. Drähte, näher, du 
rätst, ich wäre, mäßig, Kränker, Gräfin, Gemälde, liätsel, wähnen, 
hewähren usw. Auch in andern Fällen hat die Schreibung 
mit ä den Sieg davongetragen: Gefäß (mhd. gevce^e), Gräte 
(mhd. gräf, PI. grcete), Käse (aus lat. caseus), Krähe, Märchen, 
fähig (zu mhd. fähen „fangen"), gäbe (in gang und gäbe), jähe, 
spät (daneben oberd. spät, eigentlich Adverbialform), bähen 
(mhd. bcBJen), blähen, krähen, mähen, 7iähen (dazu Naht, 
Xähterin), säen (dazu Saat), prägen, schmähen (dazu Schniacli). 
Bei einigen könnten also immerhin vervv^andte Wörter maß- 
gebend für die Sehreibung gewesen sein, bei andern ist dies 
ausgeschlossen. Daneben gibt es eine Anzahl von Wörtern, in 
denen die Schreibung mit e durchgedrungen ist, und bei diesen 
ist auch die Aassprache ins Schwanken geraten. Nach der 
mir geläufigen Aussprache, die wohl in einem großen Teile 
von Nord- und Mitteldeutschland herrscht, haben den offenen 
Laut behalten Hehl (mhd. hcele), bequem (mhd. bequceme), 
genehm (mhd. genoeme), angenehm, vornehm, Hering (mhd. als 
hcerinc, nicht als herinc anzusetzen), selig, stets, stetig, 
unstet, fehlen, während Schere (mhd. schcere), leer (mhd. Imre)^ 
schwer (mhd. swcere), das daraus abgeleitete beschweren, drehen 
(mhd. drcejen), wehen (mhd. wcejeti) den geschlossenen Laut 
angenommen haben. Der letztere findet sich also vor r und 
vor Vokal {h ist nur graphisch), vor diesem jedoch nicht durch- 
gehend; man könnte an einen älteren Wechsel in der Aussprache 
zwischen drehen und drehte usw. denken. Doch ist die Aus- 
sprache gegenwärtig nach Landschaften verschieden, und ebenso 
gehen die Zeugnisse und Vorschriften der älteren Grammatiker 
weit auseinander, bei denen freilich wohl oft theoretische 
Vorurteile die unbefangene Beobachtung beeinträchtigen, ab- 
gesehen von Fulda, dessen Angaben als zuverlässig für die in 
Schwaben herrschende Aussprache gelten dürfen. Im ganzen 
scheint es, daß durch die Schreibung mit e die geschlossene 
Aussprache sieh allmählich auch in solche Gegenden verbreitet. 



186 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

WO die natürliche Aussprache die offene ist. Besonders verhält 
es sich mit selig. Volksetymologisch sind daran augelehnt 
die Ableitungen aus Substantiven auf -sal wie trübselig. Diesen 
kommt ihrem Ursprünge nach geschlossener Laut zu; aber 
soviel mir bekannt ist, wird überall das e von selig und das 
von trübselig usw. übereinstimmend entweder offen oder ge- 
schlossen gesprochen. 

In Fremdwörtern wird lat. ae jetzt überall durch ä wieder- 
gegeben und .daher auch die offene Aussprache beibehalten. 

Anm. 1. Ursprüngliclie Länge wird auch für Schemel, früher auch 
Schämel geschrieben, anzunehmen sein, das gewöhnlich mit Kürze angesetzt 
wird. Die ahd. Schreibung scamil wäre sonst nicht zu erklären, und auch 
nicht die wohl allgemeine offene Aussprache. Die jetzt iu manchen Mund- 
arten bestehende Kürze kann sekundär sein, 

Anm. 2. Schreibungen mit ä statt des jetzigen e: läer Simplic. 27; 
lär noch im Parn. boic, vgl. 1, 4. 5; ärühen Simplic. 13S. 341. Noch Ad. 
bemerkt, daß man eigentlich stäts schreiben solle, wie in einigen ober- 
deutschen Gegenden wirklich geschähe. 

Anm. 3. Von den sehr einander widersprechenden Angaben der 
Grammatiker seien einige Proben gegeben: bequem offen Brockes, Ad.; 
selig offen Omeis (Hl 6), Heynatz (auch itiühselig), Ad., geschlossen Moritz, 
beides Tüllner (1718), Wahn (1720); stet, stetig, stets offen Heynatz, Ad., 
Moritz; fehle)i offen Heynatz, Ad., der Reim Fehler: Thaler e-ebilligt von 
Brockes; Schere offen Fulda, Ad., geschlossen Gottsched, Moritz; leer ge- 
schlossen Gottsched, Ad.; schwer offen Fulda, Ad., geschlossen Omeis (1716), 
Moritz; heschioeren darf nicht auf ehren gereimt werden nach Volck (1711); 
drehen offen Brockes, Fulda, Heynatz, Ad., geschlossen Moritz; wehen offen 
Brockes (anders als die ^yehen), Heynatz, Ad., geschlossen Hempel (1754), 
Moritz. Hemmer (1771) gibt auch für mäen und säe« geschlossenen Laut an. 

Anm. 4. Wo früher mhd. re durch c wiedergegeben wurde, wurde e 
auch für lat. ae geschrieben. So schreibt Lu. Egypten, Phariseer, Bartholo- 
tneus usw. Und noch lange finden sich solche Schreibungen. 

Anm. 5. Das ä von Säbel geht auf slavisches a zurück, das auch 
in den romanischen Sprachen erscheint. Sollte mit dem ä, wofür in 
älterer Zeit auch e, nur das helle fremdsprachliche a wiedergegeben sein 
(s. § 47)? Säbel wird im DWb. aus al.- Schwab. Schriftstellern (noch bei 
Hebel und scherzhaft bei Schi.) belegt, vgl. noch Stephanie, Die Werber III, 1. 

Anm. 6. Nicht wahrscheinlich ist, daß das ä iu Wörtern wie Majestät 
Wiedergabe eines hellen a sein soll, da im Mhd. dafür immer d erscheint. 
Es liegt wohl eher Einfluß des Frauz. vor. 

§ 52. In den meisten Fällen ist nhd, langes e erst durch 
Dehnung aus Kürze entstanden. Mhd, geschlossenes e (alter 
Umlaut) hat zumeist die geschlossene Qualität bewahrt, wo es 
nicht als durch Umlaut entstanden empfunden ist, vgl. Beere, Beet, 



Langes e (ä). 187 

(lehnen, edel (Zusammenhang mit Adel durcli die Bedeutangs- 
entwicklung gelockert), EJde (Nebenform zu Elle), elend, Esel, 
Heer, Hefe, hehren (fegen), Meer, Bede, redlich, bescheren, sehnen, 
Wedel, tvehren. Anderseits hat das durch sekundären Umlaut 
entstandene « offene Qualität bewahrt in Frevel ^= mhd. frävele, 
ahd. frafali; Mähre, das auf ein mhd. märhe „Stute" zurück- 
gehen muß, woneben allerdings merhe mit geschlossenem e 
bestanden zu haben scheint; Fferd aus mhd. j^härfrit, j^härit, 
phärt\ ferner Wljrter, in denen das lange ä durch Kontraktion 
aus mhd. ähe entstanden ist.: Ähre (mhd. äher K), Träne (mhd. 
trahen M., PI. trähene), Zähre (mhd. Malier M., PI. nähere), er- 
wähnen (mhd. getvähenen), vermählen (mhd. mc'thelen); Mädchen 
aus Mägdclien, allmählich aus allmächlich (s. § 184); Bildungen 
mit den schweren Ableitungsuffixen -lieh, -lein, -dien wie väterlich, 
Väterlein, Väterchen. Von Anfang an offene Qualität wird 
meistens auch da eingetreten sein, wo der Umlaut auf ana- 
logischer Übertragung beruht, z. B. in Pluralen wie Stäbe, 
I\ägel, in Komparativen wie zarter, magerer. Dagegen hat 
eine ausgedehnte Verschiebung stattgefunden bei dem ursprüng- 
lich geschlossenen Umlauts -e, wo dasselbe noch deutlich als 
aus a entstanden empfunden wurde. Hier ist in der Schrift- 
sprache die Schreibung mit ä und damit die offene Aussprache 
durchgeführt, vielfach im Gegensatz zu den lebenden Mundarten, 
also Schläge, Bäder, du fährst, härtig, schälen, zähmen usw. 
Man schreibt auch wählen, als wenn es eine Ableitung aus 
Wahl wäre, wiewohl in Wirklichkeit das Verb, älter ist als 
das Subst.; ferner nähreyi, wiewohl das zugrunde liegende 
mhd. nern das Kausativum zu genesen ist, weil es jetzt in der 
Bedeutung sich an Nahrung, nahrliaft anschließt; sogar q^uälen 
ist mit Rücksicht auf Qual durchgeführt, während mhd. queln 
und quäle weit voneinander abstehen. Das ä von 31ähne 
kommt wohl daher, wie die Form auch zu erklären sein 
mag, daß noch einige Zeit die unumgelautete Form daneben 
bestanden hat. Für Käfg (übrigens noch spät Kefig ge- 
schrieben) weiß ich keine andere Erklärung, als daß es an 
das Grundwort lat. cavea angelehnt ist. Ob bei ähnlich noch 
ein Bewußtsein der Zugehörigkeit zu an mitgewirkt hat. ist 
zweifelhaft. Offene Aussprache hat sich aber auch, ohne daß 
eine Grundform mit a daneben steht, und unter Beibehaltung 



188 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

der Schreibung' mit e in einer Anzahl von Wörtern eingedrängt. 
Die landschaftliche Begrenzung dieses Vorganges wäre noch 
näher festzustellen. Offenes e ist mir geläufig vor g in Flegel, 
gegen, Gegend, begegnen, hegen, Gehege, Kegel, legen, regen, 
Schlegel, heivegen\ vor & in heben, Hebel, Kebs{iveib), Knebel, 
vor r in wehren. Neben gegen hat es allerdings auch im Mhd. 
ein gägen gegeben aus ahd. gagani (vgl. Zs. fdA. 44, 360), aber 
wegen der übrigen Fälle kann man um die Annahme eines 
sekundären Lautwandels nicht herumkommen. 

Anm. 1. Von Grammatikern wird auch Wörtern, deren e wir oben 
mit geschlossener Qualität angesetzt haben, offene zugewiesen. Dahin 
gehören Beere Ad., Heer Brockes, Ad., Meer Brockes, Ad., mehren Ad.; 
Ad. hält also das e vor r für offen, setzt es auch für einige Fälle an, in 
denen mhd. e zugrunde liegt. Ferner deJuien Brockes, Heynatz, Ad., als 
schlesisch bezeichnet von Mäzke (1780), (die Schreibung auszudähnen 
Clarissa 1, Personenverzeichnis), edel Heynatz, Ad., als schles. von Mäzke, 
Elend Heynatz, Ad., Esel Heynatz, Ad., als schles. von Mäzke, Hefen 
(Hefe) Ad., Rede Brockes, Ad., reden Heynatz, sehnen Brockes, Ad., 
Wedel Heynatz, Ad. 

Anm. 2. Der Übergang von geschlossenem e in offenes ist für die 
oben aufgezählten Wörter größtenteils schon früher bezeugt; für Flegel 
Heynatz, Moritz, Ad., Mäzke (als schlesisch); gegeji Ad., Gegend Heynatz, 
Ad., begegnen Ad. (dagegen geschlossene Aussprache bezeugt für diese 
drei Brockes, beides nebeneinander Denst 1773); hegen Heynatz, Ad.; 
Kegel Heynatz, Ad., (als schles.) Mäzke (geschlossen Moritz); legen Heynatz, 
Ad. (geschlossen Moritz); Sohle gel Montz: bewegen Heynatz, Ad. (geschlossen 
Moritz); heben Brockes, Heynatz, (als schles.) Mäzke (geschlossen Volck 
1711, Moritz); Hebel Heynatz (geschlossen Moritz); Kebs offen Ad.; Knebel 
offen Heynatz. 

§ 53. Wo mhd. e gedehnt ist, ist im allgemeinen die 
Schreibung mit e und offene Aussprache bewahrt. In den 
meisten Fällen liegt urgerm. e zugrunde. So im Präs. der 
St. Verba wie geben, nehmen usw. Vgl. ferner Besen, beten, 
Breme (= Bremse, nur noch mundartl.), Eber, eben, Erde, 
Feder, fegen, begehren, gel (als Nebenform zu gelb), Herd, 
Kehle, Krebs, Mehl, Nebel, quer, Rebe, Hegen, Schmer, Schwert, 
Segel, streben. Weg, iverden, wert, zehn. Bei einigen hat sieh 
die Schreibung mit ä festgesetzt: Bär (Gottsched leitet es von 
baar ab, beer wird z. B, noch im Simplic. und in der Banise 
geschrieben), gebühren, verbrämen (zu spätmhd. brem, anhd. 
Bräme „Einfassung"), gären {mhA. jesen, als Ableitung aus gar 
gefaßt), jäten, Käfer, Säge (= mhd. sege, woneben mit Ablaut 



Langes e (ü). 189 

sage, das auch iu neueren Mundarten fortlebt und vielleiebt 
die Schreibung- mit ä veranlaßt bat), Schädel {ScJtcdel noch 
bei Schikaneder, W. 1, 119), beschälen (aus mhd. seh el „Zucht- 
hengst", wohl an schälen zu Schale angelehnt), schräg (vielleicht 
wegen der Verwandtschaft mit Schrägen), Schwäher (mhd. 
sweher, an Schwager = mhd. siväger angelehnt), schivären 
(eitern), spähen, Strähne. Auch schämen wird hierher zu 
stellen sein, denn die Reime der mhd. Dichter weisen auf 
Schemen (vgl. Zwierziua, Zs. fdA. 44, 312 Anm., wo aber eine 
gewiß unhaltbare Auffassung vertreten wird), das im Ablauts- 
verhältnis zu dem daneben gebräuchlichen schämen steht; von 
den Grammatikern ist der e-Laut als Umlaut zu Scham gefaßt. 
In einigen Fällen ist jetzt geschlossene x\usspraehe verbreitet, 
wenn auch nicht ausschließlich herrschend: enthehren, Herde, 
Met, scheel, geschehen, Schemen, scheren, sehen, Sehne, Speer, 
iveder. 

Anm. 1. Grainmatikerzeuguisse : entbehren offen und gescblosseii 
Seume (1733), offen Ad. {enthähren steht Clarissa 2, 505), geschlossen 
Heynatz, Moritz; Mtt offen Ad., geschlossen Moritz; scheel offen Ad., ge- 
schlossen Heynatz, Moritz, Brockes mißbilligt den Reim Fthler : schetler; 
geschelien offen Chr. Weise, besser offen als geschlossen Heyuatz, Deust 
(1773); Schemen offen Ad.; scheren offen Senme (1733, zu unterscheiden 
beschären und bescheeren), Heynatz, Ad.; sehen offen Chr. Weise, Volck 
(nicht zu reimen auf gehen), Omeis (1716), Hentsche (1729), besser offen 
als geschlossen Heynatz, Denst, offen in Obersachsen, geschlossen in 
Kiedersachsen Brockes, geschlossen Ad.; Sehne offen Ad., geschlossen 
Moritz; Speer offen Ad.; tceder offen Ad., geschlossen Omeis (1716;. 
Denst, Moritz. Auch Wörtern, die oben mit offenem e angesetzt sind, 
wird von manchen Grammatikern geschlossenes zugewiesen. Es soll nach 
Omeis Regen, nach Moritz begehren, Nebel, Schmeer, Segel, verwegen mit 
geschlossenem e gesprochen •werden. 

Anm. 2. Predigen geht zurück auf ahd. bredigön, dieses auf lat. 
praedicare. Das aus ae verkürzte e mußte gewiß zunächst offen sein, es 
konnte aber wohl durch Einwirkung des i der folgenden Silbe geschlossen 
werden. Mir ist geschlossene Qualität geläufig. Ad. bezeichnet das e als 
offen, Moritz als geschlossen. 

§ 54. Wie unter den kurz gebliebenen mhd. e (vgl, § 49). 
80 gehen auch unter den im Nhd. gedehnten einige auf idg. / 
zurück. Hierher gehören er (= lat. is), her (von einem Pro- 
nominalstamme hi-), hieben (verwandt mit mhd. Miben, anhd. 
beJcleiben), leben (verwandt mit Leih, bleiben), Leber (ags. Ufer, 
anord. lifr), schweben (verwandt mit dem gleichbedeutenden 



190 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

mhd. s weihen), Steg (verwandt mit Steig), iver (= lat. quis), 
Wergeid und Wertvolf (Ad. schreibt Wälirwolf) , deren erster 
Bestandteil ahd. wer (= lat. vir) ist; wahrsclieinlieb aueb Häher 
(ags. higora), in dem die Schreibung mit ä eingeführt ist. 
Niederdeutschen und vielleicht auch mitteldeutschen Ursprungs 
scheint das e (ä) in heben und gähnen, die mhd. hihen und 
ginen lauten. Geschlossenes e hat ledig (Ad. setzt es allerdings 
mit offenem .an), woneben mhd. lidec; die geschlossene Aus- 
sprache wird durch die oberdeutschen Mundarten als alt er- 
wiesen und erklärt sich wahrscheinlich aus einem Schwanken 
zwischen -ag und -ig im Ahd. (nicht belegt). Geschlossenes e 
besteht auch schon im Mhd. in jener {got. jdins), wahrscheinlich 
durch das vorhergehende j bewirkt. Auffallend dagegen ist 
geschlossener Laut in Ulmen = mhd. Venen neben linen. Aller- 
dings erklärt Ad. das e für offen und Gottsched will sogar 
Lahne, ahlähnen schreiben, wogegen in der Bair. Sprachkunst 
protestiert wird. Mhd. lenen ist ursprünglich nur intr. und ihm 
steht trans. leinen zur Seite, das noch im Oberd. fortlebt 
(literarische Belege im DWb., vgl. noch anleihnet Amadis 1, 394). 
Verwechslungen kommen aber schon im Mhd. vor, und daher 
könnte lehnen mit geschlossenem e auf md. lenen ^= leinen 
zurückgehen. Geschlossenes e besteht nach der mir geläufigen 
Aussprache auch in dem wahrscheinlich hierher gehörigen 
Schemen (verwandt mit mhd. schime „Schimmer"). Auf lat. i 
zurück geht das e in Segen = ahd. segan aus lat. Signum. 
Anm. Auch für kleben und leben gibt Moritz geschlossene Qualität an. 

§ 55. Besondere Entstehungsweisen. In einigen aus dem 
Nd. entlehnten Wörtern ist e gegen die hochdeutsche Regel 
aus ai kontrahiert: Geest (als Gegensatz zu Marsch), Beede, 
(Rhede), verwandt mit bereiten. In einigen anderen ist wohl 
nicht das Nd. allein maßgebend gewesen, sondern auch md. 
Mundarten, die in jüngerer Zeit ei zu e kontrahiert haben, 
besonders das Obersächs.: Lehm, wofür oberd., auch in der 
Literatur Leimen; Feldwebel, im 16. Jahrh. noch Felchveibel; 
Lu. gebraucht wegern für weigern und nach ihm viele Schrift- 
steller bis ins 18. Jahrh. Zweifelhaft ist, ob Feme hierher 
gehört, da sich im Mhd, veime und ve'me (md.) nebeneinander 
finden. Aus dem Ndl. stammt Teer, bei dem der Ursprung des 
langen e nicht ganz klar ist (ags. teoru, anord. tjara). Auf- 



Langes e (ä). 191 

klärung bedarf uocli das e in Demut, demütig usw. Die ge- 
wöhnliehe ahd. Form ist deomnoti, die in der gewöhnlielien 
mhd. Form diemüete ihre Fortsetzung hat, wonach man nhd. 
Diemut erwarten sollte. Daneben findet sich ahd. diumuoti, 
deumuoti und entsprechend mhd. diumäete, deumüete und 
demüete, vorzugsweise in md. Quellen. Von Beginn der nhd. 
Zeit herrscht Demut fast ausschließlich. Zur Aufklärung hilft 
auch nichts der Vergleich mit der Form Demant für Diamant, 
die im älteren Nhd. bis zum Beginn des 18. Jahrb. die ge- 
wöhnliche ist und später noch von Dichtern gebraucht wird. 
Durch Vertauschung des Silbenakzents ist langes e entstanden 
in je, jeder, jemand (s. § 193). Aus dem Nd. aufgenommen, 
auch nur in Norddeutschland üblich ist Hede „Werg". Wenn 
daneben ags. Jieord steht, so muß das Verhältnis wohl dasselbe 
sein wie das von alts. meda (unser Miete) zu ags. meord 
(= got. mizdö). Jedenfalls darf mau sich nicht auf Hede be- 
rufen, um etwa die Annahme eines Ausfalls von r in Ekel, 
eheln zu rechtfertigen und es mit einem oberd. Verb. crJcen, 
erJceln in Zusammenhang zu bringen. Man wird vielmehr 
Kontraktion aus urgerm. ai annehmen müssen. Ekelname 
scheint erst durch Volksetymologie au Ekel angelehnt zu sein 
und auf ud. okelname, ökelname zurückzugehen, dessen erster 
Bestandteil zu got. aukan „vermehren", „hinzufügen" gehört. 
Das Adj. hämisch, das seit dem 15. Jahrb. auftaucht, könnte 
man versucht sein mit lieimisch zu identifizieren, das anhd. in 
dem gleichem Sinne vorkommt; doch spricht die offene Qualität 
nicht dafür; eine Vermischung liegt allerdings vor, wenn Le. 
10, 427, 6 hämtückische schreibt. Mehltau beruht auf Volks- 
etymologie, die mhd. Form ist miltou, die noch in Ober- 
deutschland fortlebt, vgl. Mihlthau Wi. II 3, 457, 21. 

An ID. 1. Die Formen Leim oder Leimen herrscheu noch im Anhd. 
Erst im 18. Jahrh. werden sie allmählich aus der allgemeinen Schrift- 
sprache verdrängt, vgl. DWb. Noch Gottsched setzt der Leimen an, 
worin ihm natürlich die Bair. Sprachkunst folgt. Wi. ändert im Amadis 
aus feuchtem Leimen in aus Lehm (11,1). Feldwaibel finde ich noch bei 
Hensler, Judenmädchen 85. Belege für wegern: Gryphius T. 33, 362. 
69,595. 175,718; Chr. Weise, Mach. 90,8; Gü Blas 3,94; Hagedorn 2,131; 
Insel Fels. 1, 17, 12. 34, 13. 290, 25; Clarissa 2, 48. 3, 49 u. ö.; vgl. außerdem 
Sanders. 

Anm. 2. Die oflfene Qualität des e in Feldwebel ist wohl ebenso zu 
beurteilen wie die in Knebel usw. (vgl. § 52). Nach Brockes wäre auch 



192 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

iu Ekel von den Niedersachsen ä, dagegen von den Obersachsen e ge- 
sprochen. Wenn Ad. für Bhede offene Aussprache angibt, so liegt dies 
wohl daran, daß ihm das Wort von Hause aas fremd war. 

Anm. 3. Für die bis über die Mitte des 18. Jahrh. häufige Form 
Ebentheuer = Abenteuer ist jedenfalls keine lautliche Entwicklung an- 
zunehmen, sondern volksetymologische Entstellung. 



Kurzes i. 

§ 56. Kurzes i geht in der Regel auf mhd. i zurück. 
Dieses kann = idg. i sein, so im PI. Prät. (im Sg. durch Aus- 
gleichung) und im Part, der ersten starken Konjugation {hissen, 
gebissen usw.); in den zu den Verben dieser Klasse gehörigen 
Ableitungen wie Biß, Griff, Pfiff, Ritt, Bitter, Biß, ritzen, 
Schritt, Schlich, Schliff, schlitzen, verschmitzt, Schnitt, schlitzen, 
Strich, gewiß, Witz, dazu in manchen anderen wie Hitze, List, 
mischen (wenn es nicht aus lat. miscere entlehnt ist), Mist, 
Schiff, schimmern, schwitzen, Zivilling, Zwirn, zwischen, Zwitter, 
bezichtigen. Lat. i liegt zugrunde in Birne {pirum), Bischof, 
dichten (clictare), Kicher{erhse) , Tisch (discus). Kiste, Christ, 
grieeh. y in Kirche (xvQiaxor). Bei weitem in den meisten 
Fällen aber ist mhd. i erst gemeingerm. aus idg. e entstanden, 
so im Präs. der dritten, vierten, fünften starken Konjugation, 
in allen dazu gehörigen Ableitungen wie Sicht, Geschichte und 
in einer großen Menge anderer Wörter. In einigen alten Lebn- 
w^örtern liegt lat. (grieeh.) e zugrunde, das erst auf deutschem 
Boden zu ^ geworden ist. Der Übergang ist zum Teil durch 
folgenden Nasal veranlaßt. Schon ahd. sind Minze {Krausem., 
Pfefferm) aus menta, Pfingsten aus jrtjTfjxoOTfj , Zins aus 
census. Noch in jüngerer Zeit scheint sich der Übergang voll- 
zogen zu haben in Pinsel aus penicellus, mhd. noch gewöhnlich 
pensei (bensel), welche Form sich auch im Nhd. noch lange 
hält; in Ginster, älter Ginst, im 10. Jahrh. geneste aus lat. genista. 
Durch folgendes j ist der Übergang veranlaßt in Kirsche, ahd. 
Tiirsa, dem ein nach den rom. Sprachen vorauszusetzendes 
vulgärlat. *ceresia zugrunde zu liegen seheint. Mispel aus lat. 
mespila ist im Ahd. nur mit e in der Wurzelsilbe nachgewiesen, 
das auch noch bis ins Nhd. hinein erscheint; dennoch kann 
wohl nur das ursprüngliche i der Mittelsilbe die Veranlassung 
zum Übergang gegeben haben. 



Kurzes i. 193 

Anm. Pickelhanhe ist eine volksetymologische Umwandlung aus mhd. 
beckenhiihe, anhd. heckelhanbe. Umgekelirt steht ein e für i in Hirngespeiiste 
(häufig bei Kant und Wieland) statt Hirngespinste infolge falscher Ableitung. 

§ 57. Verkürzt ist / aus mhd. ie, das im Md. zunächst 
zu langem i kontiahiert war (s. § 60), in den Präterita fing, 
ging, hing, bei denen sieh die Schreibung mit ie bis in die 
neueste Zeit hinein erhalten hat der oberdeutschen Aussprache 
g-emäß. F(n*ner in Dirne, Fichte (oberd. im 16. Jahrh. noch 
Fiechtc), irgend (mhd, iergen), nirgenä{s), Licht (Lu. schreibt 
noch Hecht, und diese Schreibung ist bis ins 17. Jahrh. gewöhnlieh). 
In Viertel, vierzelm, vierzig ist die etymologische Schreibung 
beibehalten, während in der Aussprache Kürzung eingetreten 
ist, die Ad. auch für vierte ansetzt. Über die früher üblichen 
Formen itzt, itzo vgl. § 193 Anm. 2. Die Formen immer und 
nimmer erscheinen schon im Mhd. neben ivyner, niemer, durch 
Schreibung und Reime erwiesen, während anderseits Lu. jmer. 
nimer mit einfachem m schreibt. In nicht = ahd. ni io tviht 
ist die Verkürzung schon im Mhd. vorhanden. In einigen 
Fällen ist ? auch aus mhd. i verkürzt. Die betreffenden Formen 
stammen dann aus Mundarten, in denen i nicht diphthongiert 
ist: dicht {deicht im DWb. aus B. Waldis belegt, noch livländ.- 
esthl,), {ein Schiff, die Anher) lichten (aus der nd. Schiffer- 
sprache, dafür im 17. Jahrh. auch leichten, also eigentl. „leicht 
machen"), Linnen neben Leinen (nd. Form, durch die west- 
fälische Leineniudustrie verbreitet), Winzer (aus mhd. ivinzürl, 
noch jetzt als Familienname Weinzierl, von alemannischen 
Weingegenden her verbreitet), landschaftl. auch Wingert (aus 
mhd. wingarte). Wenn statt des mhd. qutt, dessen Länge durch 
zahlreiche Reime erwiesen wird, quitt getreten ist, so beruht 
dies wohl auf Anlehnung an das frz. qititte. Wohl in ältere 
Zeit zurück geht die Verkürzung in tilgen = ahd. tilegön. Wenn 
das spätahd. auftretende ivinzig wirklich eine Weiterbildung 
zu tcenig ist, so müßte man wohl annehmen, daß zunächst 
Verkürzung und dann Übergang von e zu / unter dem Einfluß 
des Nasals eingetreten wäre. 

Anm. Anders verhält es sich mit der Kürzung in -lieh, Dietrich usw., 
worüber § 112. 

§ 58. Da in einem sehr beträchtlichen Teile Deutsch- 
lands durch Wegfall der Lippenruudung ii mit /, ö mit e, eu 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 13 



194 II, 5. Die einzelnen Vokale der betouten Silben. 

mit ei zusammeng-efallen ist, so begreift sieh, daß sich vielfach 
Unsicherheit über die zu wählende Schreibung eingestellt hat, 
und daß manche Abweichungen von dem Ursprünglichen sogar 
durch die Grammatiker sanktioniert sind. Kurzes i für mhd. ü 
hat sich in folgenden Fällen festgesetzt: Bims{stein) = mhd. 
hünie^ (aus lat. pitmex), Gimpel = spätmhd. gümpel, Gipfel (wahr- 
scheinlich zu m\i(\.. gupfe in der gleichen Bedeutung), hirre = mhd. 
Tiürre {ü aus wi, got. qairrus), Kissen = mhd. Jciissen, Kitt 
= mhd. kütte, Tih = mhd. hüle^ (aus lat. boletus). Schlingel 
= anhd. schlungel, sclilüngel, spritsen = mhd. sprützen, Strippe 
(md.) = mhd. (obd.) strupfe, Zille = mhd. zillle. Für das schon 
verbreitete Knittelvers haben die neueren Regelbücher wieder 
Knüttelvers eingeführt. Eigentümlich verhält es sich mit 
Findet-, Findling, findig, ausfindig, spitzfindig] ihnen liegt das 
Subst. Fund zugrunde, sie sind aber direkt an das Verb, fnden 
angelehnt. Auf alter Doppelformigkeit beruht das frühere 
Nebeneinander von hutzeln und kitzeln (schon ahd. chuzzilön 
und chizzilön). Auch neben mhd. würJcen stand schon ein 
md. tvirken. 

Anm. 1. Die Zurückdrängung des älteren ii durch i ist nicht bei 
allen Wörtern gleichzeitig erfolgt. Bims scheint im Nhd. von Anfang an 
durchgeführt zu sein. Gipfel ist erst seit dem 15. Jahrh. belegt, einmal 
als güpfel und einmal als gipfel, mit ii auch noch im 16. Jahrh. Gümpel 
taucht spätmhd. auf und reicht bis ins 18. Jahrh. (vgl. Weigand, außerdem 
Chr. Weise, Erzn. 26. 57, Gottsched, Schaubühne, Vorr. 5), daneben Gimpel 
schon bei Henisch (1616). Kürre reicht bis ins 17. Jahrh. , in dem aber 
auch schon kirre geschrieben wird; daneben erscheint anhd. dialektisches 
körre, auch bei Lu. Küssen ist noch im 18. Jahrh. die überwiegende Form 
und wird noch von Ad. angesetzt. Die Belege im DWb. ließen sich noch 
erheblich vermehren, vgl. z.B. Rabener, Sat. 4, 116; Sturz (Erzähler 10,27); 
Bode, Yorick 1,105; Hermes, Soph. 11.1,3; Wi., Idris »4, 4; Merk. 76, 
IV, 150; Lenz, Lustsp. 282; Heinse 4, 118; Lafontaine, Clara du Plessis 
1, 170; Kissen erscheint anhd. nur vereinzelt, dringt im 18. Jahrh. allmählich 
vor, ist z. B. die Form Goethes. Kütt setzen die Wörterbücher noch bis 
Anfang des 18. Jahrh. an; das DWb. bringt einen Beleg noch aus Claudius, 
und für das Verb, kütten noch aus J. Paul und Kiickert; vgl. dazu noch 
Wi. 11,1, 20,5. 3,45,37, Cicero, verhüttet Herder 2, 117,1. Pülze steht 
noch bei Chr. Weise, Mach. 85,10; das DWb. belegt in die Bülze gelin 
noch aus Menantes (1728). Schlungel steht noch bei E. Schlegel, Sehr. 72, 24; 
Eckhoff, Mutter- Schule 47; Lenz, Lustsp. 55. Spritzen {Spritze usw.) ist 
schon aus dem 16. Jahrh. belegt, aber noch lange dauert das Schwanken 
zwischen ii und t; beides findet sich z.B. bei Schi., il findet sich noch bei 
Leisewitz (Jul. IV, 6 [107, 2]), Arndt (Wanderungen 105), Tieck (Lov. 2, 169), 



Kurzes i. 195 

Novalis, Rückert (s. DWb.)- Knittelvers ist wohl im IS. 19. Jahrh. die ge- 
wöhnliche Schreibung, so bei Gottsched, Goe. ; doch Ad. setzt Knüttelvers 
an; vgl. auch Knüttelrehn Herder 0, 384, Knüttellied, ib. 1, 4(i9. Fündelhaus 
belegt das DWb. noch aus Sturz, Fünde.lkind noch aus Wi., Fündling u.a. 
noch aus Moser, Wi., Kotzebue, A. W. Schlegel, vgl. noch W. Alexis, 
Cabauis 4, 233; fündig setzt noch Steinbach an, ausfündig, im DWb. aus 
Wi. und Bürger belegt (vgl. auch Schi. .^, 51,27; Heine 7, 143), wird noch 
von Ad. angesetzt, desgl. spitz fündig, belegt aus Wi., Goe., Schi., Heine 
(vgl. noch Stephanie, Bekanntschaften 65). Daneben findet sich in diesen 
Wörtern schon frühzeitig, zum Teil schon im 15. Jahrh., i. Neben kitzeln 
ist noch im IS. Jahrh. hutzeln eine geläufige Schreibweise; es ist über- 
fiiissig, die Belege des DWb. noch zu vermehren. Schon im Ahd. steht 
neben oberd. wnrchan fräuk. tvirkan, im Mhd. ist icirken die md. Form, 
die auch Ln. angenommen hat. In Oberdeutschland halten sich Formen 
mit ü bis ins 18. Jahrb., vgl. tvürkt Wi., Mus. ^b\ ; ivürken Wi. II, 1, 355, 18, 
ausgetüürkt noch in der Ciceroübersetzung neben sonstigem ivirkeyi; Bühl, 
Teil 8; Würkung Wi. 11,3, 259,27 u. ö.; ivürklich Wi., Mus. US, Wi. 11,3, 
140,19. 1,355,18; Würcklichkeit Meißner, Skizzen 5,91; über ü bei dem 
j, Schiller und seinen schwäbischen Zeitgenossen vgl. PBB. 28, 285. 

Anm. 2. Der nordd. Vulgärsprache angehörig, zuweilen auch von 
Schriftstellern gebraucht (Le., Musäus), ist Schip'pe „Schaufel" für älteres 
Scldlppe, oberd. Schupfe zu dem Verb, schiqrpen, oberd. schupfen. Auch 
nordd. vulgär stij)pen ist wohl = oberd. stapfen. 

Anm. 3. Auch in anderen Wörtern als den genannten begegnen 
vielfach gelegentliche Schreibungen mit i für ü. Sehr schwankend ist die 
Schreibung bei dem erst gegen Ende des 18. Jahrh. üblich werdenden 
tüfteln (s. Sa.). Nicht selten ist Knittel (s. DWb.). Für Tüttel{chen) 
(s. § 70) findet sich nicht selten Tittel infolge von Verwechslung mit 
Titel, daher auch Schreibung mit einfachem t (s. Sa.). Vgl. ferner z. B. 
Bindiges Le. 10, 337, 8 (anderes bei Er. Schmidt, Lessiug ' 2, 7U4); Kichelchen 
„Küchlein" Wi. II, 3, 429, 36; das zerhiillte Blättchen Goe., Br. 21, 129, 18; 
Zindkraut, Zindpulver, Zindpfanne Simplic. 229 ; dichtige Blessuren Stephanie, 
Werber 73. Wenn Le. 4,431,22 schlieszig statt schlüssig schreibt, so hat 
er das Wort unmittelbar an schließen angelehnt. Ebenso überdrießig 
18, 347, 14 an verdrießen. 

§ 59. Sehr auffallend ist das i in wichsen statt wachsen 
(eigentl. = „mit Wachs bestreichen"). Es muß nach den sonstigen 
Analogien und nach der ahd. Schreibung (incerat, miahsit) ur- 
.sprünglieh den ganz ofifenen Laut gehabt haben. Im Mhd. ist 
es nicht nachgewiesen. Erst um 1700 tauchen nach Weigand 
fast gleichzeitig die beiden Formen Brachsen und tvichsen auf, 
von denen die erstere bald verschwindet. In Parallele damit 
könnte man Trichter setzen. Nach dem Schwanken der älteren 
Schreibung zwischen trahter{e) und trehter{e) (ans mlat. trac- 

13* 



196 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

tarius) muß man gleichfalls ganz offenen Lant ansetzen; Tr achter 
nach bair. Mundart noch im Parn. boic. Aber da neben dem 
schon spätmhd. erscheinenden trichter auch die Schreibung 
triecJder vorkommt, so fragt es sich, ob nicht Trichter vielleicht 
aus trieJder verkürzt, also von einer anderen Grundlage aus- 
zugehen ist. Später Übergang von e in / unter dem Einfluß 
eines folgenden i liegt vor in dem Lehnwort Pfirsich (aus 
persicus). Mhd. ist pfersich, erst am Ende des 15. Jahrb. taucht 
2)firsich vereinzelt auf, aber pfersich bleibt bis ins 17. Jahrb. 
die gewöhnliche Form und erhält sich bis ins 18. Jahrb. (vgl. 
noch Wi. II, 1, 293, 15). Scheinbar ist der Übergang von e in 
i in Bitte (zuerst spätmhd.) =^ mhd. bete; es liegt Anlehnung 
an das Verb, bitten vor. Wenn neben Quirl bis in neue Zeit 
hinein Qiierl verbreitet ist, so beruht dies wohl, da das 
Schwanken bis in das Spätmhd. zurückgeht, wo das Wort 
zuerst auftaucht, auf alter Doppelformigkeit. Über das ? in 
Quitte vgl. § 165. 

Anm. Rätselhaft ist die durch Lu. üblich gewordene Form Hippe 
„Sichelmesser" für Heppe, worin das e aus mhd. fe verkürzt ist, siehe 
§ 140, 4 Anm. 

Langes i. 

§ 60. Langes / hat zwei regelmäßige Entsprechungen: 
mhd. ie und /. Ersteres ist in Mitteldeutschland schon in 
mhd. Zeit zu ^ kontrahiert, während in Oberdeutschland die 
diphthongische Aussprache bis auf den heutigen Tag bewahrt 
ist. Für die Schriftsprache ist die md. Aussprache maßgebend 
geworden, aber eine Einwirkung des Oberd. wird wohl darin 
zu sehen sein, daß die Schreibung ie sich behauptet hat. Das 
mhd. ic hat wieder verschiedenen Ursprung. 

1) Es ist = ahd. ea, ia und geht weiterhin auf e - zurück 
(vgl. I § 50) in einigen echt germanischen Wörtern : hier, Kien, 
Krieg, Jcriegen, schief, schier. Stiege, Zier, Miete (got. misäö, 
alts, meda), wahrscheinlich auch in Striemen, in die als Nom. 
PI. M.; im Prät. der im Got. reduplizierenden Verba, die im 
Präs. a oder ei haben {fiel, blies, schied usw.); in alten Lehn- 
wörtern einem lat. ursprünglich langem oder in der Volks- 
sprache gedehntem e entsprechend: Brief {am breve), Fieber 
(anhd. zuweilen Feber mit Wiederanlehnung an das Grundwort), 



Langes i. 197 

Priester (aus preshyter), liiemen („Ruder"' aus remus), Spiegel 
(aus speculum), Ziegel (aus fegula), Zieche („Bettüberzug" aus 
iJieca). Auf lat. ae gehen zurück Grieche (schon got. Krehs) 
und Fäeß (als Landschaftsbezeichnung aus Bhaetia). 

2) In den meisten Fällen gelit mhd. ic auf ahd. eo, io (idg. ei() 
zurück, so ini Präs. der starken Verba nach der zweiten Klasse 
{bieten, fliegen usw.), vgl. ferner Bier, Dich, dienen. Fliege, 
Friesel, Griehe, Gries, Kiefer (Föhre), Kiel (Schiffskiel), Knie, 
lieb, Lied, liederlich, niedlich, Niere, niesen, Niet, Pfriem, 
Piiemen (ledernes Band), siech, Spieß (als Waife), Stief-, Stier, 
tief, Tier, Vlies. Zweifelhaft ist, ob Flieder hierher gehört, 
ein norddeutsches Wort, das in der Schriftsprache erst spät 
auftaucht. Auf ahd. eo geht auch zunächst zurück der Vokal 
des Prät. der im Got. reduplizierenden Verba mit dunklem 
Präsensvokal (ti, 6, an), wie rief, stieß, lief. Desgl. in vier 
(got. fidivör)] in nie und wie = ahd. neo, hiveo, in denen e 
aus ai kontrahiert ist (got. ni eine , Imiivu). Über den Über- 
gang von mhd. ie in je vgl. § 193. 

3) In Lehnwörtern entspricht mhd. ie französischem ie 
(mit Ton auf dem zweiten Element). Diesen Ursprung hat 
ühd. ie in Panier, Bevicr, in Bildungen wie Barbier, in den 
Verben auf -ieren (afrz. ier = er in der jetzigen Schriftsprache). 
In den Verben ist die Schreibung mit bloßem i bis in die 
neuere Zeit weit verbreitet gewesen, wohl infolge der unrichtigen 
Annahme, daß frz. -ir zugrunde läge. Durch die neuesten 
Regelbücher ist ie vorgeschrieben. 

§ 61. Soweit das lange i auf mhd. i zurückgeht, ist zum 
Teil die Sehreibung mit einfachem i beibehalten, vgl. dir, mir, 
wir, Biber, Distel, {Äugen)lid, ivider (gegen), sowie die Lehn- 
wörter Bibel, Bisam, Fibel, Tiger. In den meisten Fällen ist 
aber auch hier ie eingeführt nach dem Vorbild der Wörter 
mit altem ie, vgl. bieder (mhd. biderbe), Biene, Diele, dieser, 
Fiedel, Giebel, ergiebig, Gier, gierig, Glied, Griesgram, Kiefer 
(Kinnbacken), Kiel (Federkiel), Kies, Kiesel, liegen, nieder. 
Biege, Biegel, Biese, rieseln, Schiefer, schielen, Schiene, Schien- 
bein, Schmied, schmieren, Sehtvieger, Schwiele, schwierig, Sieb, 
sieben, Sieg, siedeln, Siegel, Spiel, Spieß (Bratspieß), Stiefel, 
Stiel, Striegel, Tiegel, Trieb, viel, Wiebel, Wiedeliopf, wieder 
(abermals, wiewohl es das gleiche Wort ist wie ivider), iviegen. 



198 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

tüiehern, langwierig, Wiese, Wiesel, Ziege, Ziel, siemen, Ziemer, 
Zwiebel, Ziviebach, Zwielicht, Zwietracht, ziviefach usw.; die 
Präterita und Partizipia der ersten starken Konjugation, soweit 
sie Dehnung- erfahren haben {sie mieden, gemieden usw.), wohin 
auch ursprünglich gediegen gehört; du gelierst, er gebiert. Ein 
h als Dehnungszeichen nach i ist nur eingeführt in den Pro- 
nominalformen ihm, ihn, ihr, ihrer, ihnen. Dagegen ist e selbst 
vor folgendem h eingedrungen in Vieh (mhd. vihe) und in den 
Verbalformen du siehst, er sieht, sieh, geschieht, befiehlt, 
stiehlt usw. 

In den meisten Fällen liegt auch dem gedehnten i idg. e 
zugrunde. Ursprüngliches i haben bieder, Biene, Glied, Augenlid, 
Kiel, Kies, Kiesel, nieder. Biege, rieseln, Schiene, Schmied, Sieb, 
Wiedehopf, wi{e)der, wiehern. Wiese, Ziege, zwie-\ die Präterita 
und Partizipia der ersten Klasse der starken Verba und die 
Ableitungen aus diesen Verben. Auf lat.-rom. i geht das i in 
Stiefel und Striegel zurück. Zwiebel ist = ahd. stvibollo, worin 
Zivi- gefaßt sein wird wie zwifalt, wahrscheinlich aber erst 
infolge einer volksetymologischen Umdeutung auf Grundlage 
von lat. cuepula. 

Anna. Die heatige Schreibung hat sich natürlich erst allmählich 
festgesetzt. Die Verwendung von ie für mhd. i beginnt schon früh und 
findet sich in einigen Wörtern auch bei Ln. Noch Fulda will der 
schwäbischen Aussprache gemäß ie auf die Fälle beschränkt wissen, in 
denen mhd. ie zugrunde liegt. Anderseits sind auch Grammatiker für 
gänzliche Beseitigung des e nach i eingetreten, z. B. Sehottel, aber ohne 
damit wirklich Ernst zu machen, abgesehen von den konsequenten Ver- 
tretern des phonetischen Prinzips. 

§ 62. Verlust der Lippenrundung liegt vor in Mieder 
= mhd. müeder {ü neben ie noch bis ins 17. Jahrb.), in Griebs 
„Kerngehäuse" = mhd. grübe^, in Striezel (landschaftliche 
Bezeichnung eines Gebäcks) = mhd. strützel. In einigen Wörtern 
liegt urgerm. i zugrunde. Diese sind aus einer Mundart auf- 
genommen, in der das i nicht diphthongiert ist. Aus dem AI. 
stammt Bise „Nordostwind" ; aus dem Nd. Fliese, Miete in 
den Bedeutungen „aufgeschichteter Haufen" und „Milbe", Riefe 
„vertiefter Streifen, z. B. an einer Säule", Schwiemel „Schwindel", 
„liederlicher Mensch", wozu das Verb, schwiemeln, Spier{chen)j 
Wiepe „Strohwisch", wahrscheinlich auch in Kiebitz (oberd. 
Geibitz). Es sind also Wörter, die vorwiegend der nordd. 



Langes i. u. 199 

Umgangssprache angeboren. Wenn für mhd. fnßiof, anhd. freif- 
liof (eingehegter, geschützter Hof) sich jetzt Friedhof fest- 
gesetzt hat, so beruht das auf Anlehnung an Frieden. Das 
sehw. Verb, versiegen ist keine unmittelbare Fortsetzung des 
mhd. st. Verb, versihen, das anhd. noch als verseihen oder ver- 
seigen fortlebt, am längsten erhalten im Part, versigen, sondern 
eine an dieses Part, angelehnte Neubildung. Aus dem Nd. 
stammt Kiepe „auf dem Rücken getragener Korb", auf Küpe 
zurückgehend. Auffallend ist das / in Schierling = mhd. 
scherlinc, ahd. sceriling. {Blat)igcl für älteres Egel beruht auf 
einer Verwechslung mit dem gewöhnlichen Igel. Zuweilen 
kommt auch die umgekehrte Vertauschung vor. Auch Blid- 
eigel vgl. Veit Weber, Sagen 122. 

Anm. 1. Gelegeutliche Schreibungen mit i für ü kommen auch sonst 
vor, vgl. z.B. Steigbiegel Frau Gottsched, Schaub. 3,4; biegein Eberl, 
Limonadehütte 5, Holtei, Erz. Sehr. 10, T; gebiegelt und geschniegelt Kotzebue 
18,55; Ziegel Le. 5, 175,5. 

Anm. 2. Erst im Nhd. aufgenommen ist Fries aus frz. frise, Miene 
aus frz. mine; ins Spätmhd. zurück geht liefern ans frz. livrer. Aus dem 
Ndl. stammt Niete (niet „Nichts"). 

II. 

§ 63. Aus dem Lat. waren zwei Zeichen für den «-Laut 
überkommen: u und v. Diese wurden im Ahd. gleichwertig 
verwendet, sowohl für das souantische u als für das kon- 
sonantische (= unserem iv) in bestimmten Stellungen (suert, 
svert). In anderen Stellungen wurde für das letztere uii ver- 
wendet wieder mit den Variauten vv, nv, vii, woraus unser iv 
entstanden ist (vgl. § 162). Weiterhin wurden u und v wiederum 
gleichwertig auch für das gelindere /" verwendet (s. § 150), 
also z. B. hofes, hoves, lioues. Die gleichwertige Verwendung 
von u und v sowohl für den Vokal, wie für den /"-Laut dauert 
noch bis ins Anhd., und zwar hat sich hier der Gebrauch fest- 
gesetzt, daß V im Anlaut, n im Innern des Wortes gebraucht 
wird. Man schreibt also z. B. V7is, vrsaclie, dmion, vnuersticht. 
Dann wird zunächst u statt v im Inlaut beseitigt. Erst um 
die Mitte des 17. Jahrb., z. B. bei Schottel wird die heutige 
Unterscheidung von n und v durchgeführt. 



200 II, 5. IMe einzelnen Vokale der betonten Silben. 

Kurzes u. 

§ 64. Kurzes u ist = rahd. u. Dieses ist entweder nr- 
sprüDgliches (idg.) « oder im Urg:erm. aus sonantischem Nasal 
oder l, r entwickelt (vgl. I § 48). Das erstere ist der Fall in 
Brust, Bucht (aus dem Nd.), Verdruß, duclien, Duft, Flucht, 
Fluß, Guß, Hund, Kluft, Kuß, Luchs, Luft, Lust, Verlust, 
Nuß, Nutzen, putzen, Geruch, Schlucht, Schmuck, Schnupfen, 
Schuß, Sturm, Sucht, 'Ur{teil), Zucht, zucken, zupfen; überall 
da. wo in verwandten Wörtern Ablaut naeh der zweiten Reihe 
besteht. Das letztere in der Mehrzahl der Fälle; so im Part, 
der dritten Klasse der starken Verba {gedrungen usw.) ; in den 
Ableitungen, die zu dieser Klasse gehören wie Wurf, auch 
Gunst, Kunst, sowie in solchen, die zur vierten Klasse gehören 
wie Bruch, Spruch; außerdem in zahlreichen anderen Wörtern, 
vgl. Burg, dulden, Dung, dunkel, durch, {Not)durft, Funke, 
Furt, Huld, hundert, Hunger, krumm, kund, Lunge, Mund, 
(yor)mund, munter, Rumpf, Schuld, Schurz, Sturz, um, un-, 
unter, Wulst, wund, Zunft u. a. Es bleiben natürlich Fälle, 
in denen sich der Ursprung nicht mit Sicherheit bestimmen 
läßt. In Lehnwörtern entspricht u lateinischem «, so in Buchs, 
Bursch (mlat. hur so), Busch, Butter, Frucht, Kupfer, Null, 
Turm, auch in Gruft aus mlat. grupta = krypta. Aber auch 
lat. war vor Nasal + Kons, zu u geworden, so in dem sehr 
früh aufgenommenen Pfund aus pondus, in Kunkel aus vulgär- 
lat. conucla. Ferner findet sich u aus o in dem spätmhd. auf- 
genommenen Cluster, woneben anfänglich auch Munster aus 
mlat. monstra, it. mosira, frz. monstre, und in kuppeln aus 
copulare. In und ist u auch = mhd. u, ist aber erst im 
späteren Ahd. entstanden, während im älteren Ahd. auti, enti 
bestehen, etwas jünger inti, indi. 

§ 65. Verkürzung aus langem u = mhd. uo liegt vor in 
Futter, Grummet (gruonmät), Mutter, verrucht (zu mhd. ruochen), 
Schuppe, ich muß, mußte, ich stund, wuchs, wahrscheinlich auch 
in Mulde (aus muolte[r\)^ in genug nach nordd. Aussprache; 
ferner in Personennamen wie Kunze, Ulrich, Ullmann, Bull- 
tnann. Scheinbar auf mhd. o geht u zurück in Furcht {Forcht 
daneben noch bis ins 18. Jahrb., mundartl. noch heute), in 
Wirklichkeit liegt eine Anlehnung an das Verb, fürchten vor, 



Kurzes und lauges u. 201 

das sich nun bloß durch den Umlaut unterscheidet. Ebenso 
erklärt sich das Prät. durfte, durch Anlehnung an das Präs. 
(vgl. Flexionslebre). Wahrscheinlich auch nur 8chein])ar ist 
der Übergang von i in u im Prät. ivvßte = mhd. iviste (vgl. 
Flexionslehre). 

Laufes u. 

§ 66. Langes u hat zwei regelmäßige Entsprechungen. 
Es ist erstens = mhd. wo und zweitens = mhd. u, soweit 
dasselbe Dehnung erfahren hat. Im ersteren Falle wird es 
im Oberd. noch als Diphthong gesprochen. In der Schreibung 
zeigt sieh eine Nachwirkung in dem Haken, der in der deutschen 
.Schrift angewendet wird; derselbe ist der Rest eines über- 
geschriebenen 0, wird nun aber für jedes u, auch für das kurze 
verwendet. Mhd. no liegt zugrunde in Blume, Blut, Bruch 
(1 „Sumpfwiese". 2 veraltet „Hose"), Bruder, Brut, Buhe, 
Buhle, Buch, Buche, Bug, Busen, Buße, fluchen, Fluh (schweiz. 
.,Felswand"). Flur, Flut, Fuder, Fug, Fuhre, Fuß, Glut, Grube, 
Gruß, gut, Huf, Behuf, Hufe, Huhn, Hut (in beiden Bedeutungen, 
mhd. huot — huote), klug, Krug, Kuchen, Kufe, Kuh, Luder, 
lugen, Muhme, Mus, Musze, Mut, genug, Pflug, Pfuhl, ruch{los), 
Ruder, rufen, Ruhe, Ruhm, Ruhr, Ruß, Rute, Schnur (zum 
Binden), Schuh, Schule (altes Lehnwort aus lat. scJiola), Schur, 
Schwur, Simk, Spule, sputen, Stuhl, Stufe, Stute, suchen, Tuch, 
-tum, tun, Ufer, Wucher, Wust, Wut, zu\ im Prät. der sechsten 
Klasse [fuhr, trug usw.). 

§ 67. Geringer an Zahl sind die Fälle, in denen mhd. u 
zugrunde liegt, \^\. Bude, Buhne, Busel, Flug, Gehurt, Grude 
(aus dem Nd.), hudeln, Jude (doch vgl. § 73), Jugend, Kugel, 
Kur{fürst), Lug, Schuh, Schnur (Schwiegertochter), Spur, Sttibe, 
sudeln, Truhe, Zuher, Zug. Auch du und nu {nun) müssen 
auf mhd. du, nu zurückgeführt werden, nicht auf die Neben- 
formen du, nü. Erst nhd. nachweisbar sind Nudel, Pudel, 
Rudel, Strudel, für die aber wohl gedehntes u anzusetzen ist. 
Meistens handelt es sich um ursprüngliches u; in Gehurt ist 
u aus r entwickelt. 

§ 68. Scheinbar einem mhd. ü entspricht u in Natur 
= nihd. naifirc; es liegt aber eine erneute Anlehnung an das 



202 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

lat. Grundwort vor; die Fortsetzimg der mlid. Form Nataur ist 
im Spätmlid. und Anhd. belegt. Dagegen liegt wirklich altes ii 
zugrunde in einigen aus dem Nd. aufgenommenen Wörtern, die auch 
nur der nordd. Sprache augehören: Kruke (vgl. § 171,2), Krume, 
Kule, Luke, prusten, pusten, Puter. Aus dem Ndl. aufgenommen 
ist Uhr, das als üre (aus lat. hora) zuerst im 15. Jahrh. im 
Mfränk. auftritt. Piune ist aus dem Nordischen aufgenommen 
(verwandt mit raunen). Knute stammt aus dem Russ., Schmus 
aus dem Hebräischen. Eigentümlich ist der Ursprung des u iu 
nur aus mhd. netvcere (es wäre denn, daß). Im Spätmhd. und 
Anhd., sowie mundartl. finden sich eine Menge verschiedener 
Formen. Was die Entstehung der jetzigen Form betrifft, die 
sich von Mitteldeutschland aus in der Schriftsprache festgesetzt 
hat, so kann das u wohl nur aus dem mhd. tv entwickelt sein, 
das ja noch konsonantisches u war. Es bildete sich wohl 
nach Ausstoßung der schwachen e zunächst eine Form nuer, 
dann mit Verschiebung des Silbeuakzentes nüer, woraus durch 
Kontraktion nur. 

ü. 

§ 69. Der Laut wurde zunächst durch ü bezeichnet, woraus 
unser jetziges Zeichen entstanden ist. Doch ist in den meisten 
mhd. Handschriften die Unterscheidung von u noch nicht durch- 
geführt. Diese fehlt vollends, wo noch v angewendet wird 
(vgl. § 63). Für die Majuskel wird häufig Ue angewendet, 
statt dessen früher auch zuweilen Ui, z. B. von Bode und 
Schikaneder. Auch sind Versuche gemacht, ü durch y zu 
ersetzen, z. B. von Bodmer und im Anschluß an diesen. 

Kurzes ü. 

§ 70. Kurzes ü ist = mhd. ü. Als Umlaut von « steht 
es zum Teil noch in lebendigem Wechsel mit diesem, vgl. Lüste, 
gelüsten, drücken, rücken usw. Es kann statt dessen auch mit 
wechseln, vgl. voll — füllen. Loch — Lücke. Es steht auch 
in manchen Fällen, in denen keine Nebenformen mit u oder o 
vorhanden sind, vgl. Brücke, lücken, Füllen (zu mhd. vole), 
Gülte (landschaftl. „Abgabe"), rümpfen (abgeleitet aus dem 
mhd. st. Verb, rimpfen, aber nicht mit diesem identisch), Schlüssel, 



Langes n. Kurzes ü. 203 

Tütlel, Tüllelchen („Punkt über dem /", eigeutl. ,.Bru8twarze"). 
Über Sehwanken zwischen h und ü vgl. § 119. Auch in alten 
Lehnwörtern ist lat. n zu mhd. ü umgelautet: luichse {huxis), 
Kümmel (cumimmi), Kürbis [cucurhita), Kürschner (zu mhd. 
Jiürsen ..Pelzrock" aus mlat. crusina), Küster (mlat. ciistor = lat. 
ciistos mit Sekundärumlaut nach Analogie der Wörter auf -er 
= mhd. -cere), Ffütae (ahd.j^fu^^i au8 puteus). Schüssel (scuteUa), 
tünchen {tunicare). In anderen liegt lat. o zugrunde, das zu- 
nächst vor Nasal oder vor / der folgenden Silbe zu u geworden 
ist und dann Umlaut erlitten hat: Küche (coquhin), Münster 
{monasterium), Münze {nioneta), Müller (mhd. mülncere aus 
tnolinarh(s) \ vgl. auch Mönch § 82 und Filz § 58. Auch in 
fünf geht das // auf mhd. ü zurück. Es liegt aber urgerm. / 
(idg. e) zugrunde. Das i ist in der Übergangszeit vom Ahd. 
zum Mhd. durch die umgebenden Konsonanten zu n verdumpft. 
So ist aus ahd. fnf mhd. funf entstanden und daneben die 
flektierte Form fünve (ahd. finf). Auf die letztere geht die 
nhd. zurück. Von da hat sich der Umlaut auch auf die 
zusammengesetzten Zahlwörter verbreitet. Nicht bloß Lu. und 
Clajus, sondern noch Gottsched, Ad., Le., Herder u. a. schreiben 
fünfzehn, fünfzig, und die unumgelauteten Formen herrschen 
noch in den Mundarten und in der Umgangssprache. Früher 
ist die Ausgleichung in der fünfte durchgedrungen. 

Anm. Küstt ist gegen Ende des 17. Jabrh. aufgenommen aus udl. 
knste (jetzt kitst), dieses aus afrz. coste (jetzt cöte). 

§ 71. In mehreren Fällen ist kurzes ü aus langem ge- 
kürzt, das auf mhd. üe zurück geht. Es steht dann zum Teil 
im Wechsel mit verkürztem «, vgl. füttern, Mütter, müssen, 
stünde, wüchse. Isoliert steht ü in brüllen = mhd. hrüelen, 
Gerücht = mhd. gerüefte, vgl. § 189, nüchtern aus ahd. mioh- 
tarnin, Weiterbildung zu mwhtarn aus lat. nocturnus, Pfründe 
= mhd. pfrüende, ahd. pfriionta aus vulgärlat. provenda = lat. 
praebenda, wobei freilich die Entstehung des Umlauts unklar 
bleibt. Eine Verkürzung liegt jedenfalls auch vor in dem von 
Lu. eingeführten Küchlein im Verhältnis zu nd. küketi; es liegt 
wohl umgelautetes ü zugrunde. 

§ 72. In einigen Wörtern ist ü für / eingetreten. Der 
Zusammenfall beider Laute in den meisten deutscheu Land- 



204 II, 5. Die einzeluen Vokale der betonten Silben. 

Schäften kouute genügen, um unberechtigte Sehreibungen mit 
;/ zu veranlassen. Dazu sind dann zum Teil falsche Etymo- 
logien gekommen. Hierher gehören flüstern (erst seit dem 
18. Jahrh., auch in diesem noch vorherrschend flistern), rüffeln 
(seit dem 18. Jahrb., identisch mit rijfchi „durch die Biffel = 
Hechel ziehen"), Würde und tcürdlg (seit dem 17. Jahrh. 
herrschend, mhd. icirde, ivirdec zu ivert). Vielleicht gehört 
auch gültig hierher; es besteht zwar schon im Mhd. ein güliec 
zu gnlte, aber das uhd. Wort schließt sich näher an mhd. gelt 
„Zahlung" an. Etwas anders verhält es sich wohl, wenn das 
ältere schUpf{e)rig (mhd. und anbd.) durch schlüpf(e)rig ver- 
drängt ist. Ersteres gehört zu mhd. sUpfen, slifen (nhd. 
schleifen), letzteres ist wohl nicht bloß eine Umbildung des 
ersteren unter Anlehnung an schlüpfen, sondern eine selbständige 
Bildung aus diesem, so daß also von zwei Synonymen das eine 
über das andere den Sieg davongetragen hat. In einigen 
Fällen ist durch die neueren Eegelbücher i wiederhergestellt, 
wo ü schon das gewöhnliche geworden war. So ist Hälfe 
die Form Luthers, die auch Ad. ansetzt, entschieden die 
herrschende gewesen; sie auszumerzen war eigentlich kein 
Grund, da Hilfe und Hülfe zwei gleichberechtigte Bildungen 
sind. Sprüchwort statt des älteren Sprichwort war seit der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrh. aufgekommen unter Anlehnung 
an Spruch, doch schon Ad. entscheidet sich für Sprichivort. 
Auch die ältere Schreibung Sintflut („große, allgemeine Flut", 
bei Lu. Sindflut) ist wieder gegen die schon spätmhd. auf- 
tauchende und dann allgemein gewordene, auf etymologischer 
Umdeutung beruhende Schreibung Sündflut empfohlen. Außer 
den aufgeführten Wörtern, in denen ü fest geworden ist, hat 
68 sich früher auch in manchen anderen für t eingedrängt und 
ist teilweise mit einer gewissen Regelmäßigkeit verwendet. 
Die früher häufige Schreibung Hüfthorn beruht auf falscher 
Ableitung aus Hüfte; durch die neueren Regelbücher ist das 
ältere Hifthorn vorgeschrieben. 

Anm. 1. Belege für flistem im DWb. 3, 1804. Vgl. noch Clarissa 1, 65; 
Zacbariä, Pbaet. 5, 23; Bode, Yorick 1,56; Möller, Wikinson 17; Scliletter, 
Philos. Dame 18; Schi. 1, 189, S5. 3, 31,22; Heinse 4,45 u. f.; Eberl, Eipl- 
dauer 5; Lafontaine, du Plessis 1,91. Für Geflister Belege im DWb. 
4,11 2146; vgl. noch Mnsäns, Volksm. 3, 191. Noch Ad. setzt flisterti 
und Geflister an, nnd selbst noch Sa. betrachtet i als das normale. 



Kurzes und langes ü. 205 

Anm. 2. Ganz gewöhnlich war lange Zeit die Schreibung Gebürge. 
Das DWb. bringt dafür zahlreiche Belege aus dem 15. bis 19. Jahrb., die 
sich leicht vermehren lassen, vgl. z.B. Simplic. 504; Lohenst., Arm. 1,58'J; 
Nicolai, Keise 1,66; VVi., Ob. '3,1; Herder 18,56; Musäus, Volksm. 
1, 166 u. ö.; Kotzebue 17, 231 if.; Tieck, Phaut. 1, 239. 243 u. ü. (daneben 
Gebirge). Andere Wörter, die öfters in der Sclireibnng uiit ü begegnen, 
sind kipjjen (s. DWb. 1d, vgl. noch timgeküppt Herder 1.3,301), Küste 
(Beispiele ans dem 15. bis 18. Jahrh. DWb. Id, vgl. ferner Eobinson 71: 
Le. 17, 218, 3; Eva König [Le. 21, 88, 1]; Schikaueder, W. 1, 253), kritzeln 
(im DWb. unter 2 b Belege aus dem 15. Jahrb., krülzelt Le. 1, 337,12), 
sticken {Seiden atücktin Gryphius, Horrib. 34; gestückten Kleidern Chr. Weise. 
Was. 4b; eine Weste zu stucken Eva König [Le. 2u, 271, 12]; Stücker Le. 6, 
387, ai; Goldstücker ib. 387, 24. 388,7; Stückerey Iffland, Mündel bO, wohl 
an Stück angelehnt, vereinzelt allerdings anch erstikken Le. 17,16, 13), be- 
ziehten, bezichtigen (Belege für ü im DWb. und namentlich bei Sa., öfters 
bei Goe., vgl. 8, 164,18. 50, 123, 112. II 3, 163,17, noch öfter bei Schi.. 
vgl. 3, 401,2. 592,14. 5l, 186, 3879. 7,283,31, noch bei Rückert 11,454. 510. 
Anlehnung au züchtigen, Bezüchtig img Heine 6, 375). Wohl nur gelegentliche 
Entgleisungen sind Grüllenfünger Chr. Weise, Erznarren 8; Büljbenstösze 
Le. 1, 357, 5; Gerüchte (Tischgericht) Th. Jones 1, 388; gebüntzte (mit Binsen 
behangeue) Haar Weckherlin 43,21; gemüscht Le. 18, 29. Schmünke ist 
wenigstens bei Le. gewöhnliche, wenn auch nicht ausschließliche Form, 
vgl. außer den Belegen im DWb. 5, 144,22. 24; ein Beleg aus einein 
alten Glossar im DWb. 

Langes ü. 

§ 73. Langes ü ist normalerweise entweder == mlid. üe 
oder diireli Dehnung aus mhd. ü entstanden. Im ersteren Falle 
kann es noch in lebendigem Wechsel mit « stehen, vgl. z. B. 
Brüder, Hühner, er führe, Güte, Gemüt, büßen, gtüßen, rühmen. 
Verdunkelt ist der Zusammenhang zwischen Mus und Gemüse. 
In anderen Fällen sind überhaupt keine deutlich verwandten 
Formen mit ii mehr vorhanden: hlühen, brühen, Brühl, Drüse, 
früh, fühlen, grün, kühn, müde, mühen, Bühe, rügen, rühren, 
Büpel, sprühen, spülen, ungestüm, sühnen, süß, trübe, Ungetüm, 
üben, wühlen, ivüst. Mhd. üe liegt auch zugrunde in prüfen 
aus vulgärlat. provare (frz. proKver), wobei der Umlaut noch 
unaufgeklärt ist. 

Gedehntes // steht zuweilen auch noch in lebendiger 
Wechselwirkung mit n, vgl. Züge, spüren. Meist ist dies nicht 
der Fall. Hierher gehören Bügel, Bühel, Bühne, gebühren, 
Flügel (doch daneben Flug), für, grübeln, Hügel, Kübel, Lüge 
(doch daneben Lug), Lügner, Brügel,Büde, schüren, Tür, übel, üher 



206 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

(zurückgehend auf das ahd. Adv. tibiri, auf die Präp. = ahd. 
uhar ist der Umlaut erst später übertragen worden), übrig, 
Zügel. Pfühl == mhd. pfülwe ist früh aus lat. pulvinus ent- 
lehnt. Das landschaftliche Jude beruht wohl auf alter Tradition 
(ahd. Jadeo), so daß Jude wohl als neuerliche Anlehnung an 
Judaeus zu fassen ist. Auf lat. o zurück geht das ü in Mulde = 
ahd. midi aus spätlat. molma. Kurzes ü wird auch zugrunde 
liegen in dem erst nhd. aus dem Nd. aufgenommenen Nüster. 
Zu drüber ist erst nhd. drüben gebildet nach dem Verhältnis 
von drunter zu drunten, dazu weiter hüben. 

§ 7-4. Unregelmäßige Entsprechungen. Aus dem Nd, 
stammt Süd{en). Die hoehd. Form Sund erscheint noch in 
Ortsbezeichnungen wie Sundgau. Die ud. Form süd mit Aus- 
stoßung des n und Ersatzdehnuug (vgl. I § 90) verbreitet sich 
schon seit dem 13. Jahrh. ins Hochd. "Wenn das ü nicht weiter 
zu au entwickelt ist, so ist dies Folge erneuten nd. Einflusses. 
Wenn endlich ü herrschend geworden ist, so geht dies auf die 
ältere ndl. Aussprache zurück. Noch in einigen anderen aus 
dem Kd. oder Ndl. entlehnten Wörtern geht ü auf ü (= mhd. iu) 
zurück: Düne (im Hochd. seit dem 17. Jahrh.), düster (alts. 
thiustri, seit dem 16. Jahrh. hochd.), Hüne („Riese", gleich- 
lautend mit der Vöikerbezeichnung mhd. Hiune „Hunnen", all- 
gemeiner verbreitet durch Wi.), Stüber (ndl. stuiver). Scheinbar 
= mhd. uo ist ü in Sühne (mhd. suone), es liegt aber eine 
Umbildung nach dem Verb, sühnen vor. An Stelle von ie hat 
sich ü festgesetzt in lügen unter Anlehnung an Lüge, wobei 
auch das Bestreben nach Unterscheidung von liegen = mhd. 
ligen mitgewirkt haben wird. Die Verdrängung des ie durch 
ü beginnt im 17. Jahrh., in dem aber noch ie überwiegt, das 
dann im Beginn des 18. Jahrh. verschwindet. Erst später ist 
trügen für triegen durchgedrungen, das noch im 18. Jahrh. 
gewöhnlich ist und von Ad. verteidigt wird. Hierbei wirkte 
Anlehnung einerseits an Trug, anderseits an das früher durch- 
gedrungene lügen wegen der häufigen Verbindung der beiden 
Wörter. Längere Zeit war auch die Schreibung lüderlich für 
liederlich verbreitet infolge falscher Ableitung aus Luder und 
verdrüßlich mit unmittelbarer Anlehnung an Verdruß, während 
es vielmehr aus dem untergegangenen mhd. verdrieß abgeleitet 
ist. Auch schlüßen und schwürig sind nicht selten. Auch in 



Langes ü. Kurzes o. 207 

Geschwür, wie die herrschende Schreibung ist, beruht das ü 
wohl auf älterem ^; Belege für die Schreibung Geschwier 
im DWb. 

Aum. 1. Über Süd vgl. Webrlc, Zs. idWf. 7, 12S. Nd. Wörter mit 
urspriinglicheiu ü. die laudschaftlich auch in hochd. Rede iiud in der 
Literatur vorkommen, sind noch ßühre („Überzng" bei Voß), Büse („Boot 
zum Heringsfang", ndl. buis), Küken (Küchlein). 

Anm. 2. Über die Schreibung lüderlich vgl. DWb. unter (i. Die 
Ableitung von Luder haben Stieler, Gottsched, Bair. Sprachk. , Hemmer 
(Abb. 103). Bemerkenswert ist eine Äußerung von Le. (5, 278,29): der 
verschämte Herr Pastor Lange giebt das erste Beiwort durch einen 
.^artigen Bruder Lüderlich'' oder viebnehr nach seiner Rechtschreibung 
..Liederlich''. Belege für verdrüßUch im DWb. Sp. 2.56. 7. Diese lassen 
sich leicht bedeutend vermehren, vgl. Gryphius, Horrib. 26; Ziegler, 
Ban. 89, 20; £. Schlegel, Ästh. Sehr. 46, Hö; Le. 3, 329, 17. 4, 425, 26; An- 
drews 453; Schröder, Portrait 117; Hermes, Soph. R. 1,239; Heloise 
1,74 usw.; Miller, Briefw. 1, 69 usw.; Babo, Otto 8; Schi., Br. 5, 51; 
Meißner, Skizzen 1,9; Novalis .5, 17; Tieck in allen seinen Schriften; 
Holtei, Erz. Sehr. 13, 17; Stifter 3, 190; Gutzkow, Ritter 4, 211. 222 usw.; 
Verdrüszlichkeit Le. 17, 8,32; La Roche, Sternhelm 40,32; Hensler, Groß- 
vater 61; Bauerufeld 3, lb2; auch das Verb, wird zuweilen mit ü ge- 
schrieben: verdrihzt Le. 4, 420, '21; Schi., Br. 2, 374. Umgekehrt schreibt 
Le. 18, 347, 14 überdrießig. Belege für schlüßen Ziegler, Ban. 50, 36. 76, 39; 
Hink. Teufel 156; Le. 17, 6,2; Bretzner, Eheprokurator 49; Gutherziger 
Murrkopf 51 ; abzuschlüszen Gleich, Eppo 51 ; beyschlüszen La Roche, Stern- 
heim 143,17; entschlüßen Lohenstein, Cleop. 63U; Schletter, Eilfertige 65; 
Stephanie, Werber 165; amschlüszen Hoffmanswaldau, Kürschner 21,25 
und sonst; Entscldüszung Lohenstein, Arm. 17». 64 a; Le. 104, 16; schlüszlich 
wird von Frisch angesetzt, vgl. ferner Le. 18, 340, 12; Thom. Jones 4, 2if7; 
Friedel, Christi u. G. 34. Für schtcürig bringt das DWb. eine Menge Bei- 
spiele ans dem 17. und 18. Jahrh.; vgl. noch Schi. 2, 357,11, Br. 3,460. 
4^55. 5,344. 7,149 und sonst; Iffland, Dienstpflicht 142; Schivürigkeit 
Wi., Merk. 5,112; Musäus, Volksm. 1,192 usw.; Herder 5, 18 und sonst; 
Schi. 1, 89, 34; Meißner, Sk. 3, 137. Natürlich finden sich gelegentliche 
Schreibungen mit ü auch bei anderen Wörtern; vgl. z. B. flüßen Hoffmanns- 
waldan (Kürschner 51, 27), genüßen Hink. Teufel 42. 267, Goethes Mutter 
156, 12 und sonst; rüchen Renter, Schelm. 109; schüszen Schikaneder 2, 283; 
stüsze (3. Sg. Konj. Prät.) Le. 1, 319, 20; langivürig Schi. Br. 3, 7. 4, 224 
und sonst; gefrilhrt Le. 3, 231,32. 



Kurzes o. 

§ 75. Kurzes o ist gewöhnlich Fortsetzung des mhd. o. 
Dies ist normalerweise frühzeitig zunächst aus germ. u ent- 
standen (s. I § 43, 3). Dies n kann = idg. u sein oder aus 



208 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

sonantischem l oder r entwickelt (s. I §43,2). Ersteres ist 
der Fall im Part, der st. Verba nach der zweiten Klasse {ge- 
h-ochen usw.), ferner z. B. in Bock, Hort, Kopf, Spott, Stock, 
Tochter. Letzteres im Part, der dritten Klasse {geholfen usw.), 
ferner z. B. iu Gold, hold, voll, Wolle, Wort. Anderen und 
jüngeren Ursprungs war das mhd. o in kommen (ahd. qiieman, 
s. Konjugation), Woche (aus ahd. tveJiha, durch Einfluß des w), 
dort (ahd. darot, jünger dorot); in Eigennamen wie Bein(Ji)old 
(= Beinwald); in den Eigennamen auf -hold {== hcdd), denen 
Appellati va wie Baufhold, Sauf hold nachgebildet sind; in oh 
(= ahd. oha, älter iht(), soll {= ahd. scal, auch mhd. dialektisch 
noch saT), in welchen zwei AYörtern die Verdumpfung mit der 
Enklisis zusammenhängen wird. 

§ 76. In nicht wenigen Fällen ist o an Stelle von 
mhd. II zur Herrschaft gelangt, im allgemeinen schon bei Lu., 
wenn sich bei ihm auch noch manche Schwankungen finden. 
Fast regelmäßig vor tm, vgl. Sonne, Wonne, Nonne, Tonne, 
die Partizipia geronnen, gesonnen, entronnen, gewonnen. Nur 
Brunnen macht eine Ausnahme, doch steht daneben die poetische 
Form Bronnen. Keine Konsequenz besteht vor mm, vgl. einer- 
seits beklommen, geschtvommen, Trommel und auf mhd. einfaches 
m zurückgehend Sommer, fromm., ich komme, anderseits brummen, 
bummeln (doch auch Ohrbommel), dumm, Hummel, krumm, 
Kummer, stumm usw. Durchaus unregelmäßig ist das o in 
sonder, sondern, sonst (mhd, sus), trocken, Hundsfott (mhd. vui, 
„weiblicher Geschlechtsteil"), Trotz, woneben allgemein noch 
Trutz, in der Formel Schutz und Trutz. Kein lautlicher Über- 
gang, sondern Augleichung an das Grundwort liegt natürlich 
vor in Fällen wie golden = mhd. gülden (später gülden), 
antworten = mhd. antwürten. Auch konnte = mhd. künde wird 
durch Anlehnung an können (s, Flexionslehre) entstanden sein. 
Anm. 1. Vgl. Jos. Metzner, Nhd. o für mhd. u. Ein Beitrag zur 
Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache, Würzburg 1913. In 
dieser Schrift ist reiches Material für den Übergaug von u in o (m in ö) 
aus den Mundarten und aus den Kanzleisprachen beigebracht. Schwerlich 
aber ist der Verf. im Recht, wenn er, einer Anregung Brenners folgend, 
zu der Annahme neigt, daß o für u aus dem Nfränk. und Mfränk. durch 
Vermittlung der Kanzleien in die Schriftsprache gekommen sei. Das 
würde in Widerspruch stehen mit allem, was wir sonst von der Ent- 
wicklung unserer Schriftsprache wissen. Auch würde damit nicht erklärt 



Kurzes o. 209 

werden, warum o, das dort allgetueiu vor Nasal nnd Kousoriant ein- 
getreten ist, nur in den bestimmten Fällen schriftsprachlich geworden ist. 
Wenn anch manches noch unaufgeklärt bleibt, so werden wir doch die 
mundartliche Grundlage auch hier in Ostmitteldeutschland zu suchen 
haben, trotzdem daß heute auf einem großen Teile dieses Gebietes wie 
in Niederdeutschland u herrscht. Luthers Beispiel scheint entscheidend 
gewesen zu sein. 

Anm. 2. Sunne erscheint noch zuweilen bei oberd. Schriftstellern 
des IC). Jahrh. (s. DWb. 1591), noch häufiger Nunne. Über die Partizipia 
vgl. die Darstellung der Konjugation. Trumniel reicLt noch in das 
IS. Jahrb., vgl. Gottsched, Schaub. 2, Vorr. b-ff., Wi. II 1, 163, 37. 360, Ic. 
3,131,28. 491,14 und sonst. Summer erscheint bei oberd. Schriftstellern 
im 16. Jahrb., absichtlich hervorgesucht zweimal bei Heine (s. DWb. 1509). 
Auch frum(m) ist noch im 16. Jahrb. oberdeutsch. Die Formen sonder, 
sondern usw. herrschen schon im 16. Jahrh. fast ausschließlich. Länger, 
bis ins 17. Jahrh., erhält sich sunst neben sonst (vgl. DWb. 1732. 3). 
P. Gerhard schreibt 3!i, 1 umsonst, reimt aber auf Gunst. Neben trocken 
erhält sich trucken bis ins 18. Jahrh. Gueintz (Orth. 53) setzt triicken. 
trucknen an; trucken bei Opitz 2,77. 13,64, Ziegler, Banise 13,16, Reuter, 
Schelm. 42, Hink. Teufel 141; trucknen Reuter, Schelm. 50, Hink. Teufel 243, 
lusel Felsenb. 187,4. 204,30; Abtrncknmig Gryphius, Squenz 19. Für 
Hundsfutt, PI. Hundsfütter gibt das DWb. Belege auch aus dem 18. Jahrh., 
vgl. noch Goe. 39, 121, 24; Hundsfott scheint erst im 17. Jahrh. aufgekommen 
zu sein. Neben doppelt aus frz. double erscheint anhd. häufig dupx)el{t). 
Wenn anhd. Bosch neben Busch erscheint (vgl. noch Simplic. Sehr. K. 3. 
329, 17), so beruht das auf alter Doppelformigkeit. Die Nebenform lucker 
(vgl. DWb., außerdem Robinson 95. 1(i5) beruht vielleicht auf Anlehnung 
an das jetzt veraltete gleichbedeutende luck. 

Anm. 3. Vereinzelte Beispiele von o für m : Bollenbeißer Le. (s. DWb.), 
Musäus 5,249; knorrt er Goe. Br. 1,30,6; Botte für Butte, Bütte, noch bei 
Rückert 11, 304. Umgekehrt u für o: Wullkammer Maier, Boxberg 52. 3. 
Nicht selten ist Kuffer für Koffer, vgl. DWb., außerdem Frau Gottsched, 
Haustranz. 5, 8. 5,181 u. ö. ; Quistorp Hypochondr. 11,1 (4,304); Nicolai, 
Nothanker M163; Hermes, Soph. R. 5,523. 

Anm. 4. Die früher verbreitete, anfangs vorherrschende F uim Koffee 
für Kaffee stammt aus dem Engl, oder Ndl. 

§ 77. Aus mhd. ö verkürzt ist o in Hochzeit = mhd. 
höclizit, Hoffart = mhd. höchvart, horchen = mhd. hörechen, in 
Ortsbezeichnungen wie Homburg aus Höhenhury. Verkürzung 
aus 6 = mhd. a (vgl. § 80) liegt vor in Docht (woneben mund- 
artlieh, auch bei Schriftstellern Dacht) aus mhd. täht, Brom- 
heere. = mhd. brämber. 



Paul, Deutselie Grammatik. Bil. 1. 14 



210 II, 5. Die einzeluen Vokale der betonten Silben. 

Langes o. 

§ 78. Laages o ist normalerweise entweder = mhd. ö oder 
= mhd. 0. Mhd. o ist in echt deutschen Wörtern aus urgerm, 
au kontrahiert (vgl. I § 133) und kann daher nur vor Dentalen, 
h und im Auslaut erscheinen. Hierher gehören die Wörter 
hloß, Bohne, Bosheit, erbosen, Brot, Floh, Floß, froh, Frohn 
in Frohnleichnam usw., Frohne, groß, hoch, Hohn, Kloß, Lohe 
(Gerberlohe), Lohn, Los, los, Lot, Not, Ohr, Osi{en), Ostern, 
roh, Rohr, Bost (zum Rösten), rot, schon, schonen, Schoß, 
Schote, Schrot, schroten, Sod, stoßen, Stroh, Tor M., Tod, tot, 
tosen, Trost, die Präterita der zweiten Klasse wie hot, floh, 
von denen es erst im Nhd. auf solche wie bog, flog übertragen 
ist (mhd. bouc, flouc). Nicht aus au kontrahiert, in seinem 
Ursprünge nicht völlig aufgeklärt ist das o in mhd. so (got. 
swo). Aus dem Nd. aufgenommen ist Pfote, dessen o wahr- 
scheinlich auch aus au kontrahiert ist. In einigen schon im 
Mhd. vorhandenen Wörtern geht ö auf lat. o zurück: Krone, 
Böse, Thron, Ton. In anderen liegt lat. au zugrunde. Diese 
sind so früh entlehnt, daß sie gemeinsam mit den echt deutschen 
Wörtern die Kontraktion des au zu o durchgemacht haben: 
Kohl (caulis), Kloster (claustrum), hosen == ahd. Jcösön, Ab- 
leitung aus ahd. kosa (causa), Lor(beer) {laurus), Mohr (Maurus), 
der Eigenname Lorenz {Laurentius). 

§ 79. Mhd. kurzes o, das gemeingerm. aus u entstanden 
ist (s. I § 43, 3), liegt zugrunde in Boden, Bogen, Bohle, bohren, 
Bote, brodeln, Brosamen, Bohne, Fohlen (mhd. t'oZ[(e], vermischt 
mit Füllen), Hobel, Hode, Hof, hohl, holen, Honig, Hose, 
Kloben, Knoblauch, Knoten, Koben, ICoher, Kobold, Kohle, Lob, 
loben, Loden, Lohe (Flamme), lohen, Moos, oben, Ofen, Propst 
(mhd. probest), empor, roden, Rogen, schmoren, Schober, Sohle, 
Sole, Sporen, toben, Tor N., Trog, Vogel, vor, ivohl, ivohnen, 
Zobel, die Partizipia der zweiten st. Klasse wie geflohen, ge- 
schoren. Auf mhd. geht auch das 6 in oder zurück; das o 
ist aber durch Verdumpfung unter dem Einfluß der Enklisis 
aus älterem e entstanden: ahd. eddo = got. aipjjau, edo 
jünger odo. 

§ 80. Unregelmäßige Entsprechungen. Einem mhd. u ent- 
spricht in Solm = mhd. sun. Die mnd. Form ist sone, und o 



Langes o. 211 

für u reicht schon in mbd. Zeit in das Md. hinüber. Oberd. 
Mundarten haben noch jetzt ii, und dies erscheint noch bei 
oberd. Schriftstellern des 16. Jahrb. 

In einer Anzahl von Wörtern entspricht langes o einem 
mbd. ä. Regelmäßiger Übergang von ä in ö findet sich in 
oberdeutschen Mundarten, und wenigstens im Elsässisch- 
Baslerischen geht derselbe bis zu geschlossenem o. Teilweisen 
Zusammenfall von altem ä und ö kennen auch andere oberd. 
Mundarten. Schreibung und Reime zeigen, daß der Übergang 
bis in die mbd. Zeit zurückgeht. Doch werden die o unserer 
Schriftsprache kaum aus dem Oberd., vielmehr auch zunäcbst 
aus dem Ostmd. abzuleiten sein. Lu. scbreibt in seiner Frühzeit 
nicht selten o, auch in Wörtern, in denen sich in der jetzigen 
Schriftsprache ä behauptet hat (vgl. Franke- I § 80). Für 
diejenigen, in denen sich jetzt o festgesetzt hat, läßt sieh keine 
feste Regel aufstellen. An Einfluß eines vorhergehenden w 
kann man denken bei u'o {a erhalten in etwa), Woge (mbd. 
wäc M.), sie tvogcn (wonach ich wog)., Argwohn; doch vgl. dem- 
gegenüber Wahn, Wage, tvagcn. Ein tc war ursprünglich auch 
vorhanden in Kot, das auf quät zurückgeht; man hat an- 
genommen, daß darin uä zu o verschmolzen sei, da aber früher 
auch quot und anderseits Jcät vorkommt, so werden wohl die 
Verdumpfung des ä und der Ausfall des konsonantischen ii als 
zwei voneinander unabhängige Vorgänge zu betrachten sein. 
Ferner ist die Verdumpfung öfters vor Nasal eingetreten, wo 
auch viele Mundarten Zusammenfall von altem ä nnd ö haben 
eintreten lassen, in Oiim (mbd. äme aus mlat. ama, woraus 
[nach]ahme7i abgeleitet ist), ohne, Ohnmacht (mbd. ämaht, nhd. 
an ohne angelehnt), Mond, Monat, Montag. Ursprünglich nicht 
in allen Formen war der Nasal vorhanden in Mohn aus mbd. 
mähe schw. M. neben gewöhnlicherem mäge, das sich bis in 
neuere Zeit erhalten bat in Magsame; ferner in Ton (des Töpfers) 
aus mbd. tähe F. Aus dem Nd. aufgenommen ist Drohne (alts. 
dran, dräiio, dräna), wofür ahd. mit x\blaut treno, das sich 
noch in oberd. Mundarten fortsetzt. Von einer Regelmäßigkeit 
des Überganges kann auch hier keine Rede sein. Anderseits 
ist auch in anderen Fällen durchgedrungen: Brodem, Bohle 
(mbd. tähele), Odem neben Atern, Schlot, Zofe (junges Wort zu 
mhd. zäfen „schmücken"), Boß (landschaftlich „Honigwabe" 

u* 



212 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

= rahd. rd^). Nicht ganz sicher ist der Ursprung des o in 
Strom, da im Mhd. nebeneinander sträm und stroum bestehen, 
doch ist es wahrscheinlich, daß Strom, welches auch schon im 
Mhd. vorkommt, auf das erstere zurückgeht. 

Scheinbar einem mhd. uo entspricht o in Almosen, welche 
Form durch Luthers Bibelübersetzung zur Herrschaft gekommen 
ist. Das beruht aber wohl auf Beeinflussung durch das 
grieeh. Grundwort {üstnjouvr?/), Almtisen findet sich daneben 
noch im 16. Jährh. Wenn Dom an Stelle des mhd. tuom (altes 
Lehnwort aus lat. domus), anhd. thum getreten ist, kann nd. 
Einfluß vorliegen, aber wohl auch Neuentlehnung aus frz. 
dorne, dessen gewöhnliche Bedeutung allerdings „Kuppeldach'" 
ist (vgl. § 209, Anm. 5). Unklar ist, woher das o in Donrnt 
= mhd. Tuonouwe stammt. (Tonaw schon Ackermann aus 
Böhmen 47, 19.) Aus dem Nd. aufgenommen ist Moor, das 
sich seit dem 17. Jahrh. in der Schriftsprache eingebürgert 
hat, = mhd. muor, das noch in oberd. Mundarten fortlebt. 
Desgl. wohl das erst seit dem 18. Jahrh. in der Schriftsprache 
nachgewiesene höhnen (glätten, polieren) = ags. hönian, mhd. 
hüenen. Zunächst aus dem Nd. stammt auch Boot, das weiterhin 
auf engl, boat (ags. hat) zurückgeht (vgl. § 204). Ähnlich verhält 
es sich mit Lotse, wofür früher Lootsmann aus einem engl. 
loadsman (Geleitsmann). Auf hebräisches 6 geht das o in 
l'oscher zurück. 

Anm. 1. Über den Wandel von o zu 6 vgl. Bahder, S. l.J4ff. Wo 
geht bis ins 13. Jahrh. znrück, iva herrscht aber zunächst noch, Lu. schreibt 
es bis 1521. Dagegen geht warum auf mhd. warnmhe, ahd. wara umbi 
zurücli , wobei allerdings Verwechslimgen mit ivormn = ahd. war umbi 
nicht selten sind. Lu. schwankt zwischen argwahn und argwöhn. Ersteres 
noch oft im Simplic. Es steht in der ersten Ausgabe von Rachels Sat. H, 247, 
wofür die späteren Argwohn bieten. Zesen hat noch nrgwähnisch. Neben 
Wage findet sich anhd., auch bei Lu. öfters woge (s. DWb. Sp. 348), ebenso 
für das Verb, loogen neben wagest (ib. Sp. 394). Lu. schreibt zuerst kat, 
das sich noch bis ins 17. Jahrh. findet. Ahm neben Ohm setzen noch 
Schöpf und Stieler an. Lu. schreibt für ohne bis 1521 aucli an; am 
längsten erhält sich das a in amverden, das durch das 16. Jahrh. noch 
häufig ist und sich noch in der Insel Felsenb. findet. Lu. schreibt 
ammechtig neben ohnmechtig. Früh hat sich o in Mond, Montag, Monat 
festgesetzt; doch vgl. mahn-tages Zesen 86, mahnden ib. 118. Dagegen 
hat sich Mahn neben Mohn noch lange gehalten; Gottsched setzt beides 
nebeneinander au, Bair. Sprachk. nur Mahn; letzteres noch öfters bei Le. 
[vgl Mahnstüngeln 7,420,30). T{h)an steht noch im 16. Jahrh. neben 



Langes o. ö. 213 

Thun. Bradcm neben Brodem wird von Ilenisch und Stieler angesetzt, 
Brndem vun Froycr (1722). Dnhle neben Dohle wird in Wörterbüchern 
jioch bis auf Steinbach angesetzt; es steht noch bei Bode, Pickel (17(;9) 1,13; 
Lu. bat schön Dole (Thole); daneben anhd. diile. Das Zusammengehen der 
vokalischen mit der konsonantischen Diti'erenz in Atem — Odem ist ziemlich 
jung; Lu. hat Athetn, Adern, Odem; Othem ist noch im 18. Jahrh. nicht 
selten. Noch manche andere Wörter erscheinen früher in literarischen 
Quellen mit o für d. Nicht selten ist Waffen (vgl. DWb. unter Waffe 
Sp. 253), wobei nicht immer feststeht, M'ie weit Kürznng eingetreten ist; 
Lu. reimt W^affen auf getroffen. Neben Span erscheint zuweilen Spov, 
PI. Spöhne Jul. v. Braunschw. 22;i. 271; allgemein ist Rotspon, vgl. auch 
Spohioein im DWb. Bei Opitz (2, ö3) steht ich before (: Tnore). 

Aum. 2. Der im DWb. und bei W^eigand angeführte augebliche 
Beleg für bahnen ans H.Sachs beruht auf Mißverständnis; er ist unter 
bahnen zu stellen. 

Anm. 3. Auffallend sind die im DWb. vornehmlich aus Lu. belegten 
Formen bosam, bösem = Busen (vgl. noch bösen Weise, Klügste L. 345), 
die wohl nur auf nd. Einfluß zurückgehen können. 

Anm. 4. Wenn neben Tubak früher und noch landschaftlich 'Tobak 
(auch Tubak) gebraucht wird, so beruht dies auf Entlehnung aus dem Engl. 



Ö. 

§ 81. Mhd. (e ist regelrecht als Umlaut aus 6 entwickelt. 
Ursprünglich kurzes ö hätte in echt deutscheu Wörtern bei 
ungestörter Lautentwicklung nicht entstehen können. Denn 
vor i der unbetonten Silbe stand ursprünglich nicht o, sondern 
a, das durch den Umlaut zu ü werden mußte. Nichts- 
destoweniger ist kurzes oder erst sekundär gedehntes ö in 
der jetzigen Schriftsprache weit verbreitet. Entstanden ist 
dieses ö auf verschiedene Weise. Wirklich aus o umgelautet 
ist es in einigen alten Lehnwörtern, so in Ol = ahd. oli aus 
lat. oleum, Söller = ahd. solar i aus lat. solar iuni, Mörtel aus 
ahd. "^mortari (in dieser Bedeutung erst in der jüngeren Form 
vier (er belegt) aus lat. mortarium, womit wahrscheinlich ur- 
fcprtinglich identisch Ilörser = ahd. morsari, woneben einmal 
der PI. mortara, in dem Städtenameu Cöln aus lat. colonia. 
Hierher ist auch wohl Körper zu stellen, das erst aus mhd. 
Zeit belegt ist. Nicht klar ist es, woher der Umlaut in dem 
erst spätmhd. nachgewiesenen, aus dem Slav. entlehnten Schöps 
stammt; es muß doch wohl ursprünglich in der Gestalt *slcopiz 
aufgenommen sein (tschech. shopec). In echt deutschen Wörtern 
kann ö als Umlaut aus o entstanden sein infolge von früh- 



214 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

zeitiger Ausgleichung, so in dem Konj. möchte = ahd. tnojiti 
statt des zu erwartenden ^muldi mit Anglei ehung an den 
Ind. molita. Ferner vor den schweren Suffixen -lieh, -lein 
(mhd. -lin), -chen (mnd. -Mn), wo der Umlaut wahrscheinlich 
erst später durchgedrungen ist, vgl. göttlich, Töchterlein, 
Töchterehen\ desgl. in den Bildungen auf -er, ahd. äri, vgl. 
Köhler, Förster, Köcher. In anderen Fällen ist älteres ü 
(ahd. u) infolge partieller Angleiehung durch ö verdrängt, so 
in Göttin, bei Notker gutenna, mhd. noch zuweilen gütinne: 
Höhle = mhd.hüle, das noch im 16. Jahrh. fortlebt; hohem, 
hörnern, an Stelle von mhd. hülsin, hiirnhi getreten, die gleich- 
falls noch im 16. Jahrh. fortleben; Knöchel, mhd. und anhd. 
noch hiüchel. Lautlicher Übergang von ü zu ö wird für 
einige Fälle anzunehmen sein, vgl. weiter unten. Besonders 
aber ist die Zahl der ö vermehrt, durch die analogische Aus- 
breitung des Umlauts namentlich in der Piuralbildung, vgl. 
z. B. Böcke, Frösche, Hörner. 

Kurzes ö. 

§ 82. Kurzes ö als Umlaut zu o, über dessen Ursprung 
in § 81 gehandelt ist, erscheint meist noch in lebendigem 
Wechsel mit diesem, vgl. z. B. Böcke, Wörter, möchte, Köchin, 
tvörtlich. Gelockert ist der Zusammenhang zwischen Knöchel 
und Knochen. Kein o mehr zur Seite hat jetzt röcheln, Böschung 
(wahrscheinlich zu mhd. hosch = husch), plötzlich (zu veraltetem 
Blotz, spätmhd. und 2i\i)iA. plütdich) und die Lehnwörter Mörser, 
Mörtel, Cöln (s. § 81). Vielleicht lautlich aus ü entwickelt, wie 
aus u (vgl. § 76) ist ö vor Doppelnasal in den Konjunktiven 
schivömme, sonne und in gönnen, können, denen aber dünn 
mit bewahrtem ü gegenübersteht. Es bleibt daher auch die 
Möglichkeit zu erwägen, ob das ö nicht durch partielle An- 
gleiehung an die Formen mit o entstanden ist. Ausgeschlossen 
ist eine solche Erklärung für Mönch = mhd. münech; die 
Form ist md. Ursprungs (Lu. hat münch und mönch), Münch hat 
sich in der Literatur bis tief ins 17. Jahrh. behauptet, lebt in 
Mundarten noch jetzt, auch in dem Städtenamen München (D. PL). 

Anm. Neben röcheln steht mhd. und anhd. rücheln (rühelen). Wenn 
auch rächein geschrieben wird (vgl. DWb. Sp. 18, außerdem El. Schlegel, 
Sehr. 103, 5. 27), so beruht dies auf falscher Ableitung aus Rachen. 



Kurzes ö. 21i> 

§ 83. In einer Anzahl von Wörtern ist ö an die Stelle 
von älterem geschlossenen e getreten: ergötzen = mhd. er geizen, 
Kausativiim zn erge^^en = verge^^en, also eigentlich „vergessen 
machen", dann „f^chadlos halten", Hölle, Löffel, löschen, erlöschen 
intr. mit ursprünglichem e, das durch den Einfluß des seh ge- 
schlossen geworden ist, Schöffe {Schöppe), schöpfen, wozu 
Schöpfer, Schöpfung, schröpfen, wölben, Gewölbe, ztvölf Das ö 
erscheint zuerst in oberd. Texten, Lu. hat es noch nicht. Mau 
könnte denken, daß ö in diesen Wörtern infolge des Zusammen- 
falls von ö und e in einem großen Teile des deutschen Sprach- 
gebiets und der dadurch entstandenen Unsicherheit als bloß 
mißbräuchliche Schreibung eingeführt sei. Wir finden aber 
auch in Mundarten, welche die Lippeurundung bewahrt haben, 
den Übergang von e zu ö in bestimmten Wörtern, wenn auch 
nicht in völliger Übereinstimmung mit der Schriftsprache. Die 
Veranlassung zur Verdumpfung kann nur in den voraufgehenden 
oder folgenden Konsonanten gesucht werden. Zwei weitere 
Wörter erscheinen aus gleicher Ursache früher häufig mit ö, 
bei denen dasselbe aber in der neueren Zeit wieder verdrängt 
ist: dreschen, dessen ursprüngliches e durch das sc/* geschlossen 
geworden war, und schrecken, das nur als schw. Verb, nach der 
ersten Klasse geschlossenes e hatte. Neben SchnörTicl erscheinen 
früher die Nebenformen Schnirl-el und SchnerJcel, die noch Ad. 
kennt; ob aber Schnörkel aus ScJtnerkel entstanden ist, wird 
sich schwerlich feststellen lassen. Ebenso unsicher ist es, ob 
die Schreibung nörgeln oder nergeln dem Ursprünge des Wortes 
mehr entspricht, da dasselbe erst seit dem 18. Jahrh. belegt ist. 
Wenn sich dörren frühzeitig statt des mhd. derren festgesetzt 
hat, so ist darin sicher kein Lautübergang zu sehen, sondern 
Anlehnung an dorren. 

Anm. 1. Vgl. Bahder, S. 168. Die Schreibung ergötzen tritt oberd. 
im 16. Jahrli. auf, in Mitteldeutschlaud driugt sie erst später ein. Noch 
im IS. Jahrh. besteht großes Schwanken. Die Bair. Sprachli. verlangt er- 
götzen. Aichinger (S. 42) begründet das ö durch Ableitung aus Götze. 
Anderseits zeigt sich eine rückläufige Bewegung. So hat Wi. ergötzen in 
ergetzen geändert. Schi, hat anfangs nur ergötzen geschrieben, später 
auch ergetzen. Ad. ist für ergetzen eingetreten, das auch in der Ausgabe 
1. H. von Goethes Werken durchgeführt ist. Helle herrscht noch im 
16. Jahrh., bei Fischart überwiegt Hölle. Schottel will Hölle zum Unter- 
schied von helle. Noch Stieler hat: Helle, alii Hölle. Leffel schreibt noch 
Stieler (1691), doch findet sich löffel schon im 15. Jahrh. (Buch der 



216 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

Beisp. 11,24). Auch löschen tritt schon im 15. Jahrh. auf (Wyle lo, 17. 
33, 16), anderseits findet sieh leschen noch im 18., vgl. Nene Heloise 2, 210, 
Hermes, Soph. R. 2, 251. 307, unausleschlich Neue Heloise 2,61 u. ü. 
Schöpfen ist in Oberdeutschland schon spätmhd. häufig, vgl DWb. unter 
I, 5, b; es ist auch allgemein bei Eyb, vgl. z.B. 1, 35,20. 3S, 25 (er- 
schöpf ung), 48, 4 (schöpffer). Es ist früh allgemein durchgedrungen. 
Schröpfen erscheint zwar vereinzelt schon im 15. Jahrh., wird aber erst 
im 18. häufiger. Über die Schreibungen Gewelbe und Gewölbe bringt das 
DWb. reichhaltige Zusammenstellungen (Sp. 6555). Danach scheint es, 
daß ö vom Westen ausgegangen ist. Im 1 7. Jahrhundert besteht starkes 
Schwanken, im 'Beginn des 18. gelangt ö in der Literatur zur Allein- 
herrschaft. Dröschen oder traschen wird im DWb. belegt aus Liedersaal, 
Witteuweiler, Brant, Dasypodius und aus Voß; vgl. noch Simplic. 87, 
Simplic. Sehr. K. 3,153, Moser, Phant. 3,156. Belege für schröcken, er- 
schrocken: Ang. Siles., Wandersmann 6, 3, 10; Rompier (DWb.); Lenz 
Lustsp. 60; Goe. Br. 1, 143,17 und sonst; Miller, Briefw. 1,227; Schi. 1 
1Ü9, 28. 111, 2. 113, 27. 115, 26. 2, 355, 20. 9, 376, 12. 3^6, 19; Br. 2, 284 
Schikaneder 2, 127; Hölderlin Ib, 50; Schröcken als Subst. Simplic. 226 u. ö. 
Gil Blas 4, 106; Schi. (DWb.); Schröck j. Goe. 3, 5SS; Schi. 3, 117,22 
schröcklich H.Sachs (DWb.); Simplic. 13 usw.; Schuppius (DWb.); Goe 
Br. 1, 20,27. 183, 12; Miller, Briefw. 1,23 usw ; Klinger, Otto 65, 17 
Gemmingen, Hausv. 56; erschröcklich H. Sachs (DWb.); Gryphins, T. 125 
377. 8; Chr. Weise, Mach. 81,30; Reuter, Schelm. 72; Miller, Briefw. 1,184 
Erschröcknüß Reuter, Schelm. 24; schrökhaft Schi. 3, 504, 15. Ad. hat die 
Entscheidung für e gegeben; verschröckt Miller, Briefw. 1,227. Mhd. seWe 
„Wohnsitz" lebt fort in dem oherd. Solde „Haus mit etwas Acker", wozu 
Söldner „Besitzer eines solchen", häufig als Familienname. Für lecken in 
dem Sinne „mit den Füßen ausschlagen" ist die Schreibung locken vOr 
den neuesten Regelbüchern ziemlich verbreitet gewesen. Für Esse er- 
scheint die Schreibung Össe schon bei Keisersberg (s. DWb. unter Össe) 
und wird von Goe. angewendet, vgl. außer den Belegen im DWb. Br. 8, 
223, 25. 23, 2,21; Össenjunge 35, 252,0. Der PI. von Apfel erscheint anhd. 
nicht selten als öpfel, welche Form dann auch in den Sing, übertragen 
wird, vgl. DWb. unter Öpfel, außerdem Oepffelbaum Op. K. 259, 13. Wenn 
neben fremd im Mhd. fröm{e)de häufig ist, das auch noch ins Anhd. 
hinüberreicht, so ist wohl nicht Übergang von e in ö anzunehmen, sondern 
alte Doppelformigkeit mit verschiedener Ablautsstufe. 

Anm. 2. Ohne Bedeutung ist es, wenn in Gebieten, welche die 
Lippenrundung verloren haben, ö neben e für den geschlossenen Laut in 
beliebigen Wörtern geschrieben wird. Belege aus dem 15. und 10. Jahrh. 
bei Bahder, S. 171 ff. Hänfig sind solche ö noch bei Weckherlin, vgl. z.B. 
bedöcket 47, 71 ; vollströcketi 47, l^O; Sförcke 47,145; zustöllen 48,7; Förtig- 
keit 51,6; rottend 53,27; charakteristisch zu verdorben (trans.) oder ver- 
derben (intr.) ]U6, 72. 



Kurzes und langes ö. 21/ 

Laufes ö. 

§ 84. LaDges ö ist zunächst regelmäßige Fortsetzung des 
rahd. ce, des Umlauts von ö. Meist steht es noch in lehendigem 
Wechsel mit diesem, vgl. z. B. Flöhe PI. zu Floh, er stößt, 
(jrößer, Brötchen, Getöse, Größe, tödlich, trösten, röten, nötigen. 
Isoliertes ö liegt vor in hlöde, böse, {ein)flößen, hören, Gekröse, 
öde, empören, Möhre (Zusammenhang mit Bohr nicht mehr 
empfunden), schnöde, schön, spröde, stören, FiJhn (aus lat. 
f(wonius). 

In anderen Fällen liegt Dehnung des mhd. ö vor, teilweise 
auch in lebendigem Wechsel mit gedehntem o, vgl. z. B. Vögel, 
Vöglein, gröber, löblich, teilweise ohne einen solchen, vgl. gröhlen 
(vulgär „schreien"), Knödel (Ableitung aus Knoten nicht mehr 
empfunden), Öl, zögern, Fabel (aus dem Franz.). Unklar ist, 
woher der Umlaut in Föhre (ahd. föraha) und Möhre (ahd. 
moraha) stammt. 

§ 85. Wie kurzes ö für mhd. e eingetreten ist, so auch 
in einigen Wörtern gedehntes ö: Flöz; schwören, das zwar 
schon im 16. Jahrh. auftritt, aber doch so, daß schweren bis 
ins 18. Jahrh. das Gewöhnliche bleibt; gewöhnen = mhd. {ge)- 
wenen (s. DWb. Sp. 6517. 18), bei dem es aber fraglich ist, ob 
ein Lautübergang vorliegt und nicht vielmehr Anlehnung an 
getvohn (gewohnt), gewohnen. Zweifelhaft bleibt, ob Löwe auf 
ein mhd. letve oder letve zurückgeht; die Schreibung mit ö ist 
wohl durch die Nebenform Leu(e), mhd. löuwe begünstigt; im 
17. Jahrh. findet sich öfters die Schreibung Löwe, während der 
Reim beweist, daß Lei{e gesprochen ist (vgl. DWb. Sp. 826). 
Spät aus dem Nd. aufgenommen sind PöJicl (Salzbrühe), pökeln 
(nd. Feckel im Anfang des 18. Jahrh.) und stöhnen (noch bei 
Frisch stehncn und stönen)\ aus dem Ndl. Köper (bei Friscli 
noch ICeper). Die ursprüngliche Qualität des e in diesen 
Wörtern ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Ursprünglich 
langes e liegt zugrunde in dem aus dem Nd. stammenden 3Föwe, 
im 17. Jahrh., noch bei Hagedorn Meive. Ferner in Böhmen 
= mhd. Beheim, im 17. Jahrh. Böheim (s. DWb.); die jetzige 
Schreibung ist durch das mlat. Bohemia beeinflußt. Für Kröte 
hnden sich im Ahd. die Doppelforraen chreta und chrota. die 
sieh zunächst auch weiter furtsetzen. Krott ist noch oberd. 



218 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

und allgemein in ScJiüdJcroU. In nordd. Vulgärspraehe wird 
Kräte als verächtliche Bezeichnung für ein Mädchen gebraucht. 
Das zuerst im Ostmd. auftretende Kröte ist wohl durch Mischung 
der beiden älteren Formen entstanden. Sehr zweifelhaft ist 
der Ursprung des ö in Köder aus mhd. querder (s. § 165). 
Kaum anzunehmen ist, daß ö durch Verschmelzung aus ue 
entstanden ist, denn ahd. quemmi gibt mhd. Jcomen. Auch 
reicht die Schreibung Keder bis ins 18. Jahrb., weshalb die 
Schreibung mit ö vielleicht nur einer Grammatikerlaune zu 
verdanken ist. Allerdings findet sich mhd. auch Jiorder und 
bis ins 16. Jahrb. körder, worin vielleicht Umlaut nach Analogie 
anderer Wörter auf -er anzunehmen ist. 

Das ö von versöhnen =^ mhd. versüenen könnte aus dem 
Nd. stammen, aber auch aus dem Bair.- Schwab., und auf 
letzterem Gebiete findet es sich schon spätmhd. Lu. hat U 
neben häufigerem ü. Während des 16. und 17. Jahrh. schwankt 
die Schreibung, auch später findet sich noch zuweilen ver- 
sühnen, wohl künstlieh wieder hervorgesucht. 

Aus dem Nd. stammt Schmöker^ in dem ö Umlaut des aus 
urgerm. au kontrahierten 6 ist (zu schmauchen). 

Fremden Ursprungs, ohne daß die Entwicklung ganz klar 
ist, ist ö in Flöte = mhd. fJoite (flöute, ßeute) aus afrz. flaute. 
Das ö von Börse stammt aus dem Ndl. (geschrieben beurs); 
das Wort ist ursprünglich identisch mit Burse, Bursche. 

Anm. 1. Wie für kurzes geschlossenes e, so wird auch für gedehntes 
in manchen Drucken beliebig ö geschrieben, so auch bei Weckherlin, vgl. 
z.B. Möhr (Meer) 47,32. 86. 14(i, hegögnen 47,72, wahr 47, 137, Lorbör 
48,20, hör 48,71, auszzulögen 4S, 79, nöliren 63,13, währen 63,14. Für 
mhd. e erscheint ö anhd. und später noch landschaftlich in röhren sowohl 
in dem Sinne „brüllen" als in dem Sinne „fallen lassen", s. DWb. ; auch 
von Ad. wird ö angesetzt. Für mhd. e wird ö öfters im 17. und Anfang 
des 18. Jahrh. geschrieben in verhohlen; das DWb. bringt Belege aus 
Fleming, Grimmeishausen, Logau, Lohenstein, vgl. auch floffmannswaldau 
K. 10, 19 u.U.; Cäsius und Stein bach setzen ö an; geknotet Möllai, Waltron 72; 
ivöhnen {=^ wähnen) Meißner, Skizz. 5, 263; enoöhneii Simplic. 505; schöckern 
F. Weisse, Opern 11,211 u. ü.; Schöckerhi Schletter, Eilfertige 16. 

Anm. 2. Über das Aufkommen von versöhnen und das Fort- 
leben von versühnen s. DWb. Sp. 1350. Weitere Belege für versühnen: 
P. Gerh. 14,9. 23,15. 31,2. 35, 1; F. Schlegel 9,232; Tieck, Cev. 354, 8; 
Müllner, Schuld 1708; Lenau 2,265; Versühnung Fouqne, Zaub. 3,187. Im 
einfachen Worte kommt ö nur vereinzelt vor, vgl. Gesöhnt sind eure Ver- 
brechen Herder 27, 119. 



Langes ö. ei (ai). 219 



Diphthonge. 

el (ai). 

§ 86. Die jetzige Schriftsprache verwendet zwei Zeichen, 
€1 und (allerdings viel seltener) ai für den gleichen Laut, der 
nach der mustergiltigen Aussprache besser allgemein durch ai 
wiederzugeben wäre. Dieser entspricht regelmäßig zwei ver- 
schiedeneu mhd. Lauten, i und ei. In den Mundarten sind 
diese beiden nicht zusammengefallen oder wenigstens nur in 
beschränktem Maße unter bestimmten Bedingungen. Daher 
wird in Oberdeutschland der Unterschied teilweise auch bei 
der Aussprache des Schriftdeutschen beibehalten. Gefordert 
wird der Unterschied z. B. von dem Schwaben Fulda (S. 46. 7). 
Im Bair.-Sehwäb., also auch in der kaiserlichen Kanzleisprache 
hat sich auch in der Schreibung lange die Unterscheidung 
zwischen ai = mhd. ei und ei == mhd. i behauptet. Noch der 
junge Schi, verwendet ai häufig, wo es die jetzige Recht- 
schreibung nicht kennt. Die Bair. Sprachk. unterscheidet 
zwischen Ais „ein Geschwür" und Eis „gefrorenes Wassef. 
Dagegen verwendet Lu. ei unterschiedslos ohne Rücksicht auf 
den Ursprung, ai daneben nur ausnahmsweise. Sein Beispiel 
ist maßgebend geworden. Nur Rücksicht auf die Etymologie 
und mehr noch das Bestreben, gleichlautende Wörter aus- 
einander zu halten, haben die norddeutschen Grammatiker be- 
stimmt, ai in einigen Wörtern zu bewahren. Doch haben sich 
z. B. von den Unterscheidungen, die Schottel S. 686 aufstellt, 
manche nicht behauptet. Noch eine andere Schreibvariante 
hat lange Zeit eine Rolle gespielt, nämlich p an Stelle des ?. 
Von manchen Schreibern und Druckern sind ei, ai und ey, ay 
unterschiedslos verwendet. Doch hat sich schon im 16. Jahrb. 
der Gebrauch gebildet, ey, ay ausschließlich oder vorzugsweise 
im Wortauslaut und vor unbetontem e zu schreiben, also Elf, 
Eytr. Der DiflFerenzieruugstrieb veranlaßte die Unterscheidung 
von sein als Fron. poss. und seyn als Inf. Diese Verwendung 
des y im Diphthong herrscht noch im 18. Jahrb., auch bei Ad. 
Heute erinnert daran noch die offizielle Schreibung Bayern, 
sowie die mannigfaltigen Schreibungen des Namens Meier, 
{Maier, Meyer, Mayer). 



220 II. 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

§ 87. Wo mhd. ei zugrunde liegt, wird jetzt in einigen 
Wörtern ai geschrieben. Etymologitiche Rücksichten sind maß- 
gebend gewesen bei Baier, Bayer (Bajovarii), Kaiser (Caesar), 
Laie (laicusj, Mai {Mujus). Dem Differenzierungstrieb ver- 
verdanken ihr ai Laib, Laich (gegen Leiche), Eain. Saite, Waid 
(Färbepflanze), Waise. Aber der Fluß Jlain wird sein ai kaum 
zum Unterschied von mein erhalten haben; die Schreibung 
beruht wohl auf alter Überlieferung. Weshalb sich in Maisch, 
hiaischen ai festgesetzt hat, ist nicht klar. Für bei weitem 
die meisten Wörter hat sich die Schreibung mit ei festgesetzt, 
vgl. leide (ältere Nebenform Icde, s. § 51, Anm. 1), Bein, heizen, 
bleich, breit, breiten, Ei, Eiche, Eid, Eidam, eigen, Eimer, ein 
(Zahlw.), Eiter, feige, feil, Feim {abgefeimt), feist, Fleisch, 
Geifer, geil, Geiß, Geißel, Geist, Gleis, Heide F., Heide M., 
lieikel, heil, Heil, heilig, heim, Heimchen, heimlich, heiser, 
heiß, -heit (-keit), Heister, heiter, kein, Kleid, klein, Kreis, -lei, 
leid, Leid, verleiden, beleidigen, oberd. Leim(en) = Lehm, leisten, 
Leisten, leiten, Leiter, Meier (altes Lehnwort aus lat. major), 
Mein{eid), gemein, meinen, Meise, Meißel, meist, Meister (altes 
Lehnwort aus lat. magister), neigen, nein, reichen, Beif (Ring), 
Beigen, licihen, rein, Beise, bereit, reizen, scheiden, Scheitel, 
schmeicheln, Schneise, Schrei, Schweif, schweifen, Schiveiß, 
schtveißtn, seichen, Seife, Seiger, Seil, Seim, Speiche, Speichel, 
spreiten, steigern, steil. Stein, Streich, streifen (umherschweifenj, 
Teig, teV^ (mürbe), Teil,Weibtl, weich,Weidmann, TFeüZwcr/c (häufig 
mit ai geschrieben), weiden, wozu Weide, weidlich, weigern, 
tveinen, ich iveiß. Zeichen, zeichnen, zeigen, zwei. Auf mhd. 
ti, das aus ahd. egi kontrahiert ist, gehen zurück Eidechse, 
Getreide (zu tragen), Meid (mhd. maget — G. D. Sg. und N. A. PI. 
meide aus ahd. mtgidi), die Eigennamen Einhard, Meinhard, 
Beinhard. Xicht genügend aufgeklärt ist die Zusammen- 
/.iehung in mhd. teidinc „Verhandlung"', das auf ahd. tagading 
zurückgeht (tagedinc, tägedinc noch daneben im Mhd.. auch 
iädinc). Daraus abgeleitet ist teidingen „verhandeln", das 
in der jetzigen Sprache noch in verteidigen fortlebt. (Anhd. 
und mundartl. auch vertädigen). 

Anm. 1. Mailand hat trotz dem \\2A. Milano schon in den ältesten 
Quellen den Diphthongen, vgl. Kluge, Zs. f. d. Phil. 31.500. Mit ai werden 
noch einige erst im Nhd. aufgenommene Wörter geschrieben im Anschluß 



ei (ai). 221 

an die fremden Grundwörter: Bai (frz. baie), Hai{fisch) (ndl. hnni), Mais 
(span. maiz). 

Anna. 2. Veraltet, aber von neueren Dichtern, zuerst von Uliland 
wieder aufgenouimen ist Gejaid = uihd. gejeide aus ahd. gijegidi. 

Anm. 3. Die Form f'eüen neben fehlen, die z.B. von Lu. und 
Gryphius gebraucht wird (vgl. noch Jul. v. Brauuschw.) , geht zurück auf 
mhd. reilen neben firlen aus frz. faillir. 

§ 88. Mild, i liegt zugrunde im Präs. der st. Verba der 
ersten Klasse {heißen usw.), ferner in hei, Beichte (mhd. biht 
durch Kontraktion aus hi-jilit entstanden), Beil (mhd. hihd), 
Blei, Brei, Deich, Deichsel, dein, drei, dreist, Eibe, Eifer, Eile, 
ein (Adv.), Eis, Eisen, eitel, Feige, Feile, Feind, Fleiß, frei, 
freien, Geier, Geige, Geisel, Geis, gleich, Gleißner, Grevf, greinen, 
Greis, heint (heute Abend), Heirat, Jceifen, Keil, Keim, heldeiben, 
Kleie, Kleister, kreißen, Leiche, leicht, Leim, Lein, leinen, 
Leinwand, leise. Leiste, Leite, mein, Neid, Pfeife, Beich, reich, 
Beif (g-efrorner Tau), reif, Beilie, Beim, Beis, Bhein, Scheibe, 
Schein, Scheit, scheitern, Schlei, Schleim, Geschmeide, ge- 
schmeidig, schneien, Schwein, Schweiz, seicht, seihen, sein (Inf. 
und Pron.), seit, Seite, steif, Streifen, Streit, Teich, Weib, Weichsel- 
(Mrsche), Weife, Weide (Weiden bäum), weihen, Weile, Weise, 
tveise, weisen, iveiß, iveit, Zeidler (Bienenzüchter), Zeile, Zeisig, 
Zeit, Ziveifel, Zweig, die Ortsnamen Speier und Steier. Für 
das Verb, eichen ist oft aichen geschrieben worden, wiewohl 
mhd. ichen zugrunde liegt, wobei das Bestreben nach Unter- 
scheidung von der Baumbezeiehnung Eiche eine Rolle gespielt 
hat. Dazu kommen eine Anzahl von alten Lehnwörtern. Lat. 
i liegt zugrunde in lattin {lutinus), Leier (mhd. Ure), Meile, 
Pfeil, Pfeiler, Schrein (scrinium), Schreiner, Seidel {situlus), 
Speicher {spicarium), Veilchen (Verkleinerungswort zu mhd. viol). 
Veit (Vitus). WeiJier (vivarium), Weiler (mlat. villare zu villa), 
Wein, landschaftl. Zeise (mlat. accisia)] kasteien (aus mhd. [md.] 
kastigen, wofür oberd. kestigen, lat. castigare), benedeien {bene- 
dicere), vermaledeien [maledicere). Als Fortsetzung der mhd. Form 
erscheint anhd. Pamrfe/s (noch beiWi.), welche Form dann durch 
neue Anlehnung an das Grundwort wieder verdrängt ist. Auch 
lat. e ist in einigen Wörtern durch ahd.- mhd. i wiedergegeben, 
während es in anderen als e aufgenommen ist (weiterentwickelt 
zu ie, vgl. § 60, 1): Feier (mhd. vire aus feria), Kreide {creta). 
Seide {seta), Speise (mlat. spe[n^^sa)\ lat. oe liegt zugrunde in 



222 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

Pein (poena). In mlid. Zeit ans dem Franz. entlehnt sind fein 
und Preis. Zunächst ins Nd. aufgenommen und von da um 
1500 ins Hoehd, gekommen ist ein anderes Prm aus frz. ^me, 
erhalten in xjreisgehen. Ein Lehnwort ist wahrscheinlich auch 
das im 15. Jahrh. auftauchende Meiler, wenn sich auch keine 
ganz sichere Etymologie geben läßt. Ein Lehnsuffix ist -ei 
aus mhd. -le aus lat. -ia oder frz. ie in Ahtei, Propstei usw. und 
danach in Ableitungen aus deutschen Wörtern wie Bäckerei. 
Regelrecht aus den mhd. Formen entwickelt sind Melodei, 
Phantasei u. a., welche durch neue Anlehnung an die Grund- 
wörter zurückgedrängt sind. Untergegaugen ist Prophezei aus 
mhd. projj^iesie, aber erhalten das daraus abgeleitete Verb. 
prophezeien. Slav. Ursprungs ist Peitsche (nd. pitsche). 

Anm. Melodei und Phantasei reichen in dichterischer Sprache bis 
in die neueste Zeit. Nebeneinander stehen Partei und Partie, ursprünglich 
ohne Unterschied der Bedeutung (vgl. Zs. fdWf. 11,91), erst allmählich 
differenziert. Für Copey bringt Schulz, Fremdwb., einige Belege aus dena 
16. Jahrh. Vgl. weiter Simplic. 282; Gil Blas 2,163; Wi. H. 26,97; co- 
2)eylich Goe. Br. 25, 174, 2. 257, 14 u. ö. Für Artillerie finden sich anhd. 
verschiedene Formen mit ei (ey), s. Weigand; vgl. noch Artollerey Simplic. 
157 ff. Wohl an die sonstigen Bildunj,'en auf mhd. ie angelehnt ist Liverei 
(Liberei), welche Form bis um die Mitte des 18. Jahrh. herrscht und noch 
von Schi, gebraucht wird. Umgekehrt führt Wi. Litanie (: sie) wieder ein 
(Idris 5, 55, 7). 

§ 89. Durch den Verlust der Lippenrundung ist in einem 
großen Teile Deutschlands eu zu ei geworden. In einigen 
Wörtern ist ein solches ei in die Schriftsprache gedrungen. 
Einem mhd. öii entspricht ei in ereignest, wofür noch im 
18. Jahrh. gewöhnlich eräugen, eräugnen. Es ist eine Ab- 
leitung aus Auge; die Schreibung mit ei suchte man durch die 
falsche Ableitung aus eigen zu stützen. Eine unrichtige An- 
lehnung liegt auch vor in Schleife in dem Sinne „Schlinge", 
„geschlungener Knoten", in dem es = mhd. slöufe ist, das zu 
sliefen „schlüpfen" gehört, während es jetzt zu schleifen zu 
gehören scheint. Ahnlich verhält es sich mit streifen, abstreifen, 
das auf mhd. ströufen zurückgeht, während es jetzt mit streifen 
„umherschweifen" zusammengeworfen ist, das Part, auch mit 
gestreift = mhd. gestrifet. Die landschaftliche Aussprache des 
eu hat auch die häufige Vermischung von zeugen (bezeugen) 
= mhd. singen mit zeigen = mhd. zeigen (bezeigen) verschuldet. 



ci (ai). 223 

Für eil = mhd. iu steht ei in Kreisel, woneben noch im 18. 
und im Anfang des 19. Jahrli. Kräusel geschrieben wird; es 
ist Dim. zu Kraus = mhd. Jcrüs (Krug), ei ist durch Anlehnung 
an Kreis, kreisen durchgedrungen. Ferner gehört hierher 
spreizen = mhd. spriuzen, schon im 16. Jahrh. mit ei, doch 
daneben bis in das 17. mit e«; Steiß = mhd. stiii^^ wofür 
Steuß noch bis in den Anfang des 18. Jahrh. erscheint. Über 
das ei von Schleier läßt sich schwer urteilen; das Wort ist 
jedenfalls fremden Ursprungs und erscheint im Mhd. in mannig- 
fachen Formen, überwiegend aber mit oi geschrieben, doch 
auch schon mit ei {ai). 

Auf jüngerer, speziell ostmd. Kontraktion beruht das ai 
in Hain, das seit dem 14. Jahrh. belegt ist, aus Hagen. Aber 
neben hainhüchen (noch bei Musäus 4, 156. 159) steht hage{n)- 
hücJien, noch gewöhnlicher hahnebüchen. Eider {Eideryans, 
-daunen) geht zurück auf isl. osör nach neuisländischer Aus- 
sprache. 

Aum. 1. Für eräugen, eraugnen sind im DWb. reichliche Belege 
gegeben, die zu vermehren überflüssig wäre. Schleife schreibt schon Lu., 
aber noch Grammatiker des 17. und aus dem Anfange des IS. Jahrh. 
geben Schleuffe als die normale Form. Für die Vermischung von zeigen 
und zeugen habe ich Zs. fdWf. 12,66 viele Belege beigebracht, die sich 
leicht noch vermehren lassen, vgl. z.B. iver edel gestein hab, der aol es 
■nit himverff'en, er zöug sy dann dem, der sy kenn Buch der Beisp. 14S, 15 
und oft SO; ein Einfall, der von einer ungemein mahler ischen Phantasie 
zeiget Le., Lack. 187,15; das zeigt von Genie Herder 1,279; Contrair 
zeigt es nur von einem geringen Sinne, sich um diese Nebendinge allzu- 
ängstlich zu kümmern Tieck 2'i, 13; alle Simptomen zeigen von Liebe 
Lambrecht, Das sechzehnjärige Mädchen, S. 39; die Engelländer können 
... nichts gültiges bezeigen E.Schlegel, Sehr. 20,8; Daß ihn die Alten 
auch tcirklich empfanden haben, scheint eine Stelle des Donatus zu be- 
zeigen Le., Laok. 18S, 17; daß dieser Umstand . . . allgemein angenommen 
müsse gewesen seyn, bezeiget eine Stelle des Lykophron ib. 134,7; ein 
Grundstück . . ., zu welchem der Dichter Lust bezeugt hatte Wi. II, 3, 563, 44j 
worüber er eine sonderbare Freude bezeugte Bode, Montaigne 2,118; du 
bezeugst Reue Gemmingen, Hausv. 62; wozu Sie doch auch Lust bezeugen 
Goe. Br. 1, 243,28; nunmehr muste er . . . sich euserlich bezeugen, als sey 
er . . . erfreuet Chr. Weise, Die klügsten Leute 172; tvie gelassen und 
freundschaftlich ich, in allen meinen Schreiben mich bezeugt habe Wi. II, 
2, 353, 32; wenn ihr euch unsern günstiger,, Absichten gemäß bezeugen 
wollet ib. 357,37; Sie bezeugten sich sehr zufrieden Goe. 22, 163, 16; wegen 
euers halsstarrigen Bezeugens Wi. II, 2, 192, iO n. ähnl. oft; das knechtische 
Bezeugen der Russen Schi., Dem. 154,28. 



224 II, 5. Die einzelneu Vokale der betonten Silben. 

Anm. "2. Auch Preiselbeere scheint zunächst auf Präuselbecre znrück- 
zugehen, wenn die Annahme richtig ist, daß es eine Umgestaltung von 
cech. brusnice ist. 

Anm. 3. Vereinzelte Schreibungen mit ei für eu kommen natürlich 
häufig, schon seit dem Spätmhd. vor. Wörter, die noch in neuerer Zeit 
öfters mit ei geschrieben werden, sind schleudern und schleunig. Belege 
für schleidern aus Le. und Herder im DWb. 054; vgl. noch Herder 18,277. 
23,184. 27,181. 190; Eberl, Mäunerfrevel 119. Belege für schieinig aus 
Fischart, Grimmeishausen, Le. im DWb. 6.57; vgl. noch Chr. Weise, Die 
klügsten Leute 1'5; Eberl, Weibertreae 123. 

Anm. 4. Für Fee, das im 18. Jahrh. neu aus dem Franz. entlehnt 
ist, erscheint im Mhd. im Anschluß an dialektische Aussprache des Franz. 
feie (auch feine). Fei(e) bleibt auch im Anhd. und bis ins 1 8. Jahrh. (z. B. 
bei Le.). Dazu gehört das erst spät auftretende gefeit. 

Anm. 5. Neben Papagai, welche Form mit der provenzalischen 
übereinstimmt, erscheint auch Papagoy. Einige Belege aus dem 17. Jahrh. 
im DWb. Vgl. ferner Gryphius, Horrib. 58; Loheustein, Cleop. BOSfi; 
Chr. Welse, Mas. 124 u. ö. ; Robinson 155; Kotzebue 5, 135. 12, 59. 

Anm. 6. Im Nd. und in einigen hochd. Mundarten ist ein ei durch 
Kontraktion aus (ej entstanden in Verben wie mhd. drcejen, mcejen usw.; 
vgl. die analoge Kontraktion von äw zu au (§ 93). Dies ei erscheint zu- 
weilen auch in literarischen Quellen. Bei Julius v. Braunschw. werden 
die Formen dreihet (= dreht) 527, verdreiet 290 aus dem Nd. stammen. 
Murner hat meyen : seyen (Badenfahrt 20, 29. 30) im Anschluß an da.s 
Elsässische. Belege für weie7i bringt das DWb. Sp. 71, 5. Bei den 
schlesischen Dichtern des 17. Jahrh. sind die kontrahierten Formen von 
mähen nicht selten , vgl. abgemeyt Opitz 9, 56 (: Leidt) , 28, 7 (: zeit). 
111, 56 (: Leidt), K. 157,414 {-.Kleyd), 288, 180 {izeit), abmeiht Lohenstein, 
Cleop. 1740 {-.Fruchtbarkeit), abgemeit Holfmannswaldaa K. 22, 26. 



au. 

§ 90. Nhd. au hat drei regelmäßige Entsprechungen. Es 
ist = mhd. oiij ü, äw. Über die Diphthongierung von mhd, ü 
vgl. I § 138. Mhd, ou und ü sind, von bestimmten Ausnahmen 
abgesehen, in den Mundarten ebensowenig zusammengefallen 
wie ei und 1 Aber in der Schreibung ist der Zusammenfall 
früher und durchgängiger eingetreten. 

§ 91. Mhd. ou liegt zugrunde in auch, Auge, Baum, Gauch, 
gaukeln, Gaumen, Haupt, Kauf, Knauf, Laub, Laube, glauben 
(mhd. gelouben), erlauben, Lauch, laufen. Lauge, JRaub, Rauch, 
raufen, Saum, Saumtier, schmauchen, Staub, taub, Taufe, taugen, 
Traufe, Traum, Zauber, Zaum. Ein w ist hinter dem au ge- 
schwunden (vgl. § 166) in Aue (mhd. owve), Frau, Gau, hauen, 



ei (ni). an. 225 

Jcrauen, genau, schauen, stauen, tauen, in den flektierten 
Formen von Tau (in beiden Bedeutungen). 

§ 92. Mhd. ü liegt zugrunde in Auer (-ochse, -huhn) = ür, 
Alraune (zu ahd. rüna^), aus, Bauch, Bauer, Bausch, brauchen, 
braun. Braus, brausen, Brausche, Braut, Daube, Daumen, 
fauchen, faul, Faust, Flaus, Flausch, Flause, Gaul, grauen, 
Graupe, Graus, grausam, Grauß, Haube, hauchen, Haus, 
Hausen, Haut, Jauche, jauchten, kauern, kaum,, Kauz, klauben, 
kraus, Krause, Kraut, lauern, Laus, lauschen, laut, lauter. 
Maul, Maus. Pauke, Pausback, plaMdern, rauh, Raum, raunen, 
Paiipe, Bausch, rauschen, Sau, sauber, sauer, saufen, saugen, 
saumselig, sausen, Schauder, Schauer, Schaufel, Schaum, 
schnauben, schnaufen, Schnauze, schrauben. Stauche, stauchen, 
Staude, staunen, Staupe, Strauch, straucheln, Strauß (in seinen 
verschiedenen Bedeutungen), Taube, tauchen, taumeln, tauschen, 
tausend, Traube, trauern, traut, Zaun. Ein lo ist aui^gefallen 
in bauen (bütven) und trauen (trüwen). Auch alte Lehnwörter 
mit ü haben natürlich den Übergang zu au mitgemacht: dauern 
=^ mhd. düren (durare), Daus (altfrz. dous), Flaum [pluma). 
Klause (clusa für clausa aus den Zuss.), Laune (luna), Mauer 
(murus), Maul{beere) (älter mürber, mörber aus morum), 
Maul{tier) (mulus), Mauser (aus mausen = mhd. mü^en, lat. 
mutare), Pflaume (ahd. phruma, lat. prunum), Baute (als 
Pflanzenbezeichnung = lat. ruta), Alaun (lat. alumen, frz. ahm). 
Auch Kapaun geht zurück auf mhd. kapim (frz. capon), Posaune 
auf mhd. busüne, Nebenform zu busine (frz. buisine). Auster 
stammt aus ndl. oester, gesprochen üster. 

§ 93. Auf äiv zurück geht au in Braue = mhd. brätve, 
Klaue = mhd. kläice, Pfau = mhd. phäive (aus lat. pavo). 
Mhd. bld, bläiver ergab lautgesetzlieh bla, blauer; bla wurde 
dann aber in Anschluß an die flektierten Formen durch blau 
verdrängt. Entsprechend verhält es sich mit grau und lau. 
Der Übergang ist jedenfalls eingetreten, als iv noch die Geltung 
von konsonantischem u hatte. Es liegt also wohl eigentlich eine 
Verschiebung der Silbengrenze vor. Die Schreibung aiv hat 
sich noch länger erhalten, als schon au gesprochen wurde. 

Anm. Neben hräice, kläive waren im Mhd. die kürzeren Formeu 
brd, klä verbreitet. Die erstere hat sich iin Nhd. noch lange fortgesetzt 
Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 15 



226 II, 5. Die einzelnen Vokale der betonten Silben. 

in der Zus. Augbra, Augenhra, und wie neben Braue auch Braune er- 
scheint, so auch Aughrane, Augbran (Ntr.), noch bei Herder 17, 3fil; 
seltsamerweise auch Augenbrame Andrews 69. 201. 

§ 94. Im Md. war imv frühzeitig zu ihv geworden, welches 
dann im Mhd. zu au werden mußte. In die jetzige Schrift- 
sprache aufgenommen sind hrauen = mhd. hriuwen, kauen 
= mhd. Muiven (im 18. Jahrh. noch häufig hauen, noch jetzt 
allgemein wiederkäuen), traun = mhd. entriuwen (in Treuen). 
Dazu kommt' das landschaftliche graulen = mhd. griuweln zu 
Greuel = mhd. griuwel. Ferner Knaul, in Norddeutsehland 
übliche, auch von Goe. gebrauchte Form für Knäuel = mhd. 
kliuivel. Dies au erscheint auch in Personen- und Ortsnamen, 
vgl. Naumann = Nemnann, Naumburg aus mhd. (se der) 
niuiven bürge, Naundorf, Nauheim. 

Einem mhd. ä entspricht au in anberaumen aus mhd. be- 
rämen zu räm „Ziel". Die Form muß aus dem Schwab, 
stammen, wo ä allgemein zu au geworden ist. 

Anm. Unklar ist, woher das au in Schaukel, schaukeln stammt. Im 
Mhd. besteht schocke sw. M. „Schaukel" und schocken „schaukeln". 



eu (äw). 

§ 95. Die Schreibungen eu und äu bezeichnen nicht zwei 
verschiedene Laute, deuten auch nicht auf verschiedenen 
Ursprung, sondern äu wird nach dem Analogieprinzip da ge- 
sehrieben, wo es als Umlaut von au empfunden wird. Der 
Aussprache entsprechen diese Schreibungen nicht, diese würde 
vielmehr durch oi richtiger bezeichnet werden, wie denn auch 
spätmhd. in manchen Handschriften oi oder öi geschrieben wird. 

§ 96. Eu ist 1. = mhd. öu (eu) als Umlaut von ou. 
Teilweise steht es noch in lebendigem Wechsel mit au, in 
welchem Falle allerdings der Umlaut oft erst sekundär ein- 
geführt ist, vgl. Träume, träumen, Häupter, Äuglein, gläubig, 
träufeln. Ohne solchen erscheint es in beugen, leugnen. Vom 
jetzigen Sprachgefühl sind auch säugen und ersäufen un- 
mittelbar an saugen, saufen angelehnt, denen aber mhd. sügen, 
süfen entspricht. Ein w ist hinter eu geschwunden in dräuen 
(älterere poetische Form für das jüngere drohen) = mhd. 
dröuiven, freuen, streuen, Heu = mhd. höuwe, Leu (poetische 



au. cu (üu). 22/ 

Nebenform zu Löice) = mhd. löuwe. lu Freude = mhd. fröude 
liegt Zusammen Ziehung aus ahd. freivida vor. 

§ 97. 2. ist eu = mhd. iu {ü). Dieses ist entweder 
Umlaut von ü oder es entspricht dem ahd. Diphthongen iu. 
Im ersteren Falle steht es noch oft in lebendigem Wechsel mit 
au = mhd. ü. Vgl. Häufe, Kräuter, Säure, säuern, läuten, 
bäurisch, Mäuschen. Aber auch andere Fälle gehören hierher: 
Eule, Euter, Beule, Beutel, Keule, keusch, Meuchel-, Bände, 
räudig, Beuse, Säule, säumen, schleudern, schleunig, schneuzen, 
seufzen, stäupen, sträuben, täuschen, heucheln, wohl auch 
räuspern, Scheune, Kreuz aus lat. criiceni. Ahd. iu liegt zu- 
grunde in den poetischen Formen du beutst, er beut, Imperativ 
beut usw. Ferner in deuten, deutsch, euch, Feuer, heuer, ge- 
heuer, heulen, heute, leuchten, Leumund, Leute, neun, reuten. 
Gereut, scheuen, scheuclien, Scheusal, scheußlich. Scheuer, 
Seuche, Steuer, steuern, teuer, Zeug, zeugen, die Völkernamen 
Preuße, Beuße. Ein tv haben hinter dem eu eingebüßt bleuen 
(= mhd. bliuwen), euer, Greuel, Knäuel, neu (mhd. niuwe), 
Beue, Sjrreu, treu (mhd. getriuwe), Treue. Freund = mhd. friunt 
ist = got. frijönds, Part, zu frijön „lieben". Teufel = mhd. 
titivel (woneben tievel) stammt aus griech.-lat. diavolus. Aus 
dem Franz. stammen Meute, 3Ieuterer, aus dem Ndl. Schleuse, 
Beut. Aus einer nd. Mundart stammt Beute (md. biute, zuerst 
im Passional). 

§ 98. 3. Als Umlaut zu au =■ mhd. äiv erscheint äu bloß 
in Bläue, bläulich, gräulich. 

§ 99. An Stelle von ei hat sieh eu festgesetzt in Iceuchen 
= mhd. Mchen. Keuchen erscheint seit dem 16. Jahrb., aber 
keichen erhält sich daneben, selbst noch das 18. Jahrh. hindurch 
und wird von Ad. angesetzt. Neben dem richtigen gescheit 
= mhd. geschide (zu scheiden) erscheint seit dem 17. Jahrh. 
bis auf die neueste Zeit gescheut, das man durch die falsche 
Ableitung von scheuen zu stützen suchte. Vom 16. bis 18. Jahrh. 
erscheint häufig Heurat, heuraten neben Heirat, heiraten 
= mhd. Idrat; mit Unrecht hat man wegen ahd. hiivo „Ehe- 
gatte" eine etymologische Berechtigung des eu angenommen. 
Nur scheinbar gehört hierher Betiter. Dieses stammt aus mlat. 
ruterus zu ruta „Rotte" und bedeutet ursprünglich nur „be- 



228 II, 6. Vokale der nnbetonten Silben. 

rittener Krieger". Es hat sich vom Ndl. und Nd. aus seit dem 
15. Jahrh. verbreitet. Es ist dann allerdings mit Reiter identi- 
fiziert, weshalb auch das Yerbum zuweilen in der Form reuten 
erseheint. 

Anm. Gelegentlich erscheint eu für ei auch in manchen anderen 
Wörtern. Su nicht selten in dreust, vgl. DWb., außerdem Herder 4, 238. 
338 u. ö. Donnerkeulen (D. PI.) Schi. 1, 321,227 geändert in -keilen, wozu 
Donnerkeule im DWb. aus Stieler belegt zu vergleichen ist, das doch 
wohl auch nur auf Verwechslung beruht. Ahgefäumter Heiuse 4, 35-5. 
Mückensäuger H. Jacobi, Merkur 76 111 6S, im DWb. aus Schuppius and 
Wi. belegt, fälschlich an saugen angelehnt. Für schmeicheln erscheint 
schon im 17. Jahrh. schmeucheln; Gottsched tritt für schmäucheln ein, das 
er aus schmauchen ableitet; ihm folgen seine Schüler. Lessiug schreibt 
heutern 4, 459, 35; streiichelt ib. 460, 5. 



Kap. 6. Yokale der uiil)e tonten Silben. 

Ableitungs- uud Flexioussilbeu. 

§ 100. Die im Mhd. durch den Nebenton geschützten voll- 
tonigen Vokale der Ableitungssilben sind auch im Nhd. meistens 
erhalten. Doch sind auch noch durch Verschiebung des Neben- 
tones einige weitere Abschwächungen eingetreten. Kurzes a 
war im Mhd. in einigen substantivierten Partizipien geblieben. 
Davon ist Heiland ins Nhd. tibergegangen. Mhd. tvigant 
„Kämpfer, Held" lebt in dem Eigennamen Wiegand, Weigand 
fort. Neben viant steht schon im Mhd. vient und zusammen- 
gezogen vmt = nhd. Feind. Gedehnt ist mhd. kurzes a in 
dem Suffix -sal: Lahsal, Mühsal, Scheusal, Schicksal, Trübsal. 
In anderen Wörtern ist -sal zu -sei abgeschwächt: Rätsel, 
Häcksel, Füllsel, Gemengsei, Einschiebsel, Überbleibsel, An- 
hängsel, Stöjjsel. i ist erhalten in dem Femininsuffix -in 
= mhd. inne {Freundin usw.); in -ing: Hering, Jüngling, 
Neuling, Fremdling, Findling, Flüchtling, Hänfling, Däunili7ig, 
Säugling, Zwilling, südd. Pfenning neben Pfennig, während 
ahd. kuning schon im Mhd. zu künic geworden ist = nhd. 
König, Eigennamen wie Flemming, Helbing, Nobeling, woran 
sich dann Ortsnamen ansehließen wie Elbing, Freising, Emmen- 
dingen, Göttingen, Tübingen, Elbingerode; in -nis = mhd. -nisse, 
vgl. Finsternis, Erkenntnis, Hindernis, Verzeichnis, u ist er- 



Vokale der Ableitangs- nnd Flexionssilben. 229 

halten in ung = mlid. unc, welches ursprünglich Patronymika 
bildete wie mhd. Botdunc (Solin des Botele), danach auch 
Völkerbezeichnungen wie Ämclunge, jetzt erhalten in Familien- 
namen Adelung, Härtung, ferner in Ilornung und in Ortsnamen 
wie Morungcn\ in den Femininen auf -«w^ = mhd. -unge {Ladung, 
Hoffnung usw.); in -nus = mhd. -nusse, bis ins 18. Jahrh. 
häufige, namentlich in Oberdeutschland übliche Nebenform zu 
-nis\ vereinzelt steht Lnimund = mhd. liunmnt, Al)leitung aus 
einem dem got. hlimna „Ohr" entsprechenden Worte, woneben 
schon im Mhd. liument bestand, das aus der Schriftsprache 
ausgestoßen ist, während es der Ableitung vedemuden = mhd. 
Iiumc{n)den zugrunde liegt. Mhd. i ist regelrecht zu ei ent- 
wickelt in dem Diminutivsuffix -lein (Knäblein usw.), doch 
bair. -l{e). Dagegen ist Abschwächung eingetreten in dem nordd. 
Suffix -dien = mnd. {e)l'in, ferner in den Stoffadjektiven auf 
-en = mhd. in, woneben aber im Md. schon früh -en erseheint, 
vgl. irden, seiden, wollen, golden, sogar mit weiterer Aus- 
stoßung des e silbern, Inipfern usw. Mhd. ei ist in einigen ver- 
einzelten Wörtern erhalten: Arleit, Ameise (mhd. ämei^e), 
Oheim; doch findet sich neben Olieim früher Gliom, woraus 
weiter mit Ausstoßung die noch jetzt gebräuchliche Neben- 
form Olim entstanden ist; die gleiche Ausstoßung liegt vor in 
Bölim{en) aus mhd. Beheim und in Erbse aus mhd. ärtvei§\ 
auch neben Ameise findet sich die mundartliche Form Emse. 
Mannigfache Schicksale hat das dem got. -ödus {^^ lat. -atus) 
entsprechende Suffix gehabt. Schon im ahd. stehen -oti und -^loti 
nebeneinander, ein Wechsel, der durch wechselnde Stellung des 
Nebentoues veranlaßt sein wird [lio nebentonig, ö ganz unbetont). 
Dementsprechend stehen im mhd. -oeie und -üete nebeneinander. 
V ist geblieben in Eutöde mit volksetymologischer Anlehnung 
an öde, die auch die Bedeutung modifiziert hat, während im 
Bair. das Wort noch für ein einzelstehendes Gehöft gebraucht 
wird. Warum sich Kleinod ohne Umlaut nach mannigfachen 
Schwankungen festgesetzt hat, ist. nicht klar, doch wird dabei 
die mlat. Form denodiuni oder dinodium eine Rolle gespielt 
haben, jirmuot erscheint schon im Mhd. neben armüete, vielleicht 
in Anlehnung an die Zusammensetzungen mit muot. Über das 
(/ in Heimat. Zierat vgl. unten § 102. In Gegend aus ahd. 
geginoti ist Abschwächung und dann Ausstoßung eingetreten. 



230 II, 6. Vokale der unbetonten Silben. 

Durchgängig geschwächt ist mhd. ce in dem Suffix -cere = nhd. 
-er {Schüler aus mhd. scJmoJcere, Kerker aus mhd. Jcarkcere, 
Köcher aus mhd. Icochcere). Absehwächung in Fremdwörtern 
liegt vor in Samniet, Samt aus mhd. sannt, in Arzt aus mhd. 
arsät, in Wams aus mhd. ivamheis. 

§ 101. Vor den palatalen Lauten g, ch und seh hat sieh c 
im Nhd. zu schwachem i gewandelt. In einigen Fällen könnte 
es scheinen, als ob ein älteres i bewahrt wäre, so in dem 
Suffix -isch = ahd. isc, welches aber schon im Mhd. gewöhnlich 
in der Gestalt -esch erscheint, vgl. irdisch, himmlisch usw.; 
daneben bestehen übrigens auch Formen mit Ausstoßung des e, 
wie deutsch (ahd. diutisc, mhd. tiutsch), welsch (mhd. wälhesch, 
aber auch schon wälsch), hübsch (mhd. hübesch), müllersch und 
so häufig in Ableitungen von Eigennamen, in dem substantivierten 
Mensch (mhd. mensche, ahd. mcnnisco). Unzweifelhaft sekundär 
ist das i in Harnisch = mhd. harnasch, harnesch. Nhd. -ig 
erscheint im Mhd. teils als -ic teils als -ec, wo^on ersteres auf 
ahd. -ig zurückgehen kann, letzteres auf ahd. -ag, vgl. heilig 
= ahd. heilag, mächtig = ahd. mahiig; die konsequente Durch- 
führung des i im Nhd. setzt den Einfluß des g außer Zweifel. 
Auch in den Subst. König, Pfennig liegt ahd. i zugrunde, aber im 
Mhd. herrscht küncc, und Honig geht auf ahd. hona{n)g zurück. 
In Essig und Jlettich liegt allerdings ahd. i zugrunde, aber 
Fittich, Bottich, Kranich, Lattich gehen auf ahd. fettah, botah, 
Jcranuh, lattuh zurück. Das ahd. Suffix -ahi setzt sich fort in 
Heisig, ferner mit sekundärem t in Dickicht, Röhricht, Weidicht, 
Kehricht. Suffix -icht in töricht usw. geht auf ahd. -aht, -cht, 
mhd. -cht zurück. Habicht ist ahd. habuh, mhd. habech. Enterich 
geht zurück auf ahd. antrecho; ihm ist Gänserich nachgebildet, 
während Wüterich und Fähnrich wohl eher an Eigennamen 
wie Dietrich angelehnt sind. So erklärt sich auch das i in 
Bräutigam, Nachtigall, in denen die Übereinstimmung mit ahd. 
briitigomo, nahtigala nur zufällig ist, da im Mhd. dafür all- 
gemein briutegome und nahtegal herrschen; desgl. in Eigen- 
namen wie Rüdiger = mhd. Rüedeger. Dieses durch den 
Palatal hervorgerufene / steht nicht mit dem aus alter Zeit 
bewahrten i in -in und -ing gleich, sondern ist in bezug auf 
Tonstärke von dem schwachen e nicht verschieden. Dagegen 
steht mit ihm das / in dem Suffix -lieh auf gleicher Stufe, 



Vokale der Ableitungs- und Flexionssilben. 231 

vgl. § 23. Anders zu beurteilen ist auch das i, welches im 
Md., noch in den ältesten Schriften Luthers für jedes beliebige 
schwache e geschrieben wird. 

Adiu. Mundartlich finden sich noch weitere durch den Paktal her- 
vorgerufene i, Vgl. Formen wie Ilerbrig = Herberge, Almerich, (in der 
Nähe von Naumburg) aus AUenburg, in denen das i zunächst aus 
sonantischem r entwickelt ist. 

§ 102. In einigen Wörtern erscheint a als Abschwächung 
aus einem anderen vollklingenden Vokal. So in Monat aus 
mhd. mänöt. woneben früher 3Ionet und das noch lange er- 
haltene Mond, das mindestens zum Teil auf mhd. niänöt zurück- 
geht. Als Länge erscheint ein solches a in Heimat (mhd. 
heimilete, daneben heimuot, heim6t[e\), woneben anhd. und mund- 
artlich Hoimet, Zierat (mhd. zier 6t) ^ auch mit Anlehnung an 
Hat häufig Zierrat geschrieben. Auch neben Kleinod erscheint 
spätmhd. und anhd. Kleinat und Kleinet. Noch auffallender 
ist die Entstehung der im Anhd. häufigen, namentlich in 
Nürnberg herrschenden und in altertümelnder Sprache noch 
später gebrauchten Form Pilgram aus Pilgrim (mhd. irilgerm, 
l)ilgerim)\ vielleicht war darin der Vokal ausgestoßen, so daß 
das a aus sonantischem m entwickelt wäre. Eine solche Er- 
klärung muß wohl aufgestellt werden . wo ein a vor m statt 
eines schon im Mhd. allgemein herrschenden schwachen e 
erseheint. So in Eidam (mhd. eidem) woneben noch im Anhd. 
Eidem, Eiden erscheint; in Brosayn = mhd. hros{e)me. 

Anm. ]. Über Pilgram vgl. Alfons Semler, Zs. fdWf. 11,40. Im 
Anhd. erscheinen noch andere Wörter mit sekundärem a vor m: Busam, 
Atntn, Oham (aus Oheim oder Ohem?), Peham (aus Beheim oder BeJiem?), 
Krisam aus mhd. Krisem (gr. xQiofia). Neben den besprochenen Formen 
mit am stehen auch solche mit um, namentlich in rheinischen Texten, vgl. 
Alfons Semler, Zs. fdWf. 11,44. 

Anm. "2. Anhd. erscheinen auch Formen wie Sam))iat . Hemmat 
(mhd. hemede), Wammas (mhd. wambeis). 

§ 103. Ausstoßung eines schwachen e ist in vielen Fällen 
schon vor 1200 eingetreten. Regelmäßig außer in manchen 
md. Texten ist e nach / und r mit vorausgehendem kurzen 
Vokal ausgestoßen, daher zal (Zahl) aus älterem zale, ahd. zala, 
zeln (zählen), ich sei, schar (Schar) aus älterem schare ahd. 
skara, D. PL scharn, varn (fahren), icJi var. Ferner ist e 
regelmäßig geschwunden nach den Ableitungssilben -er, -el, -em, 



232 II, G. Vokale der unbetonten Silben. 

-en, vgl. guoiem aus älterem guotcme, alid. gnotenw, ahscl aus 
alisele, ahd. ahsala, riter aus ritere, abd. ritari^ die flektierten 
Formen von tvagen lauten wagens, wagen D. Sg. N. A. G. PL, 
auch ü. PL aus wagenen\ von lüter (lauter) lauten die flektierten 
Formen Jüters, lüterm, lütern uud auch der diu das; lüter. Zu 
ivaiideln lautet auch die 1. Sg. Ind. Präs. icli wandel, zu 
vordem ich vorder. Aber auch außerdem ficden sich mancherlei 
Ausstoßungen, vgl. scelde (Glück) aus abd. sälida, schon bei 
Notker sälda, 'gemeinde aus ahd. gimeinida, er seiet, zeicte neben 
zeiget, zeigete aus ahd. zeigöt, zeigota, amt neben ambet und 
dienst neben dienest. AA'^enn wir von den zuerst behandelten 
Ausstoßungen nach l und r absehen, dürfen wir wohl annehmen, 
daß die Ausstoßungen immer nur vor oder nach einem Nebenton 
eingetreten sind, oder wie wir auch sagen können, in einem 
mehr als zweisilbigen Sprechtakte. 

§ 104. Im Nhd. ist die Ausstoßung noch viel weiter 
gegangen. Dabei zeigt sich eine Verschiedenheit zwischen 
Ober- und Mitteldeutschland. Ersteres neigt früher und stärker 
zur Verkürzung. Dort sind namentlich alle auslautenden e ab- 
gefallen und zwar schon im Laufe des 13. Jahrb. In der 
gegenwärtigen Schriftsprache besteht eine große Inkonsequenz. 
So stehen z. B. nebeneinander in der schwachen Deklination 
der Maskulina Affe, Bote — Herr, Fürst, Graf; bei den 
neutralen jo- Stämmen Gesinde, Gebinde — Glück (mhd. geJücke), 
Stück, Gemüt; bei den Femininen, die im Mhd. auf e ausgingen, 
Erde, Aue, Beue, Treue — Frau, Schau, Sehen; bei den adjek- 
tivischen ^"o-Stämmen, die im Mhd. alle auf e ausgehen, böse, 
blöde, feige — schiver (mhd. sivcere), dürr, getitig, grün, kühl. 
In bezug auf das e in Mittelsilben zeigt sich in manchen 
Fällen ein Sehwanken zwischen Beibehaltung und Ausstoßung. 
vgl. ich wand{e)re, Wand{e)rer, Wand{e)rung, ich wand{e)le, 
Verwand{e)lung , laut{e)re, and{e)re. In manchen Fällen hat 
OS den Ansehein, als ob Rücksicht auf die Verständlichkeit den 
Ausfall verhindert hätte, so in der Konjugation, vgl. er leidet, 
redet, rettet, redete, rettete neben er hilft, jagt, lobt, jagte, lobte; 
ferner Genitive wie Antlitzes neben Abends; während verkürzte 
Genitive wie Manns, Worts möglich sind, haben Haiises, Hasses^ 
Harzes keine verkürzten Nebenformen. In bezug auf die 
Endsilben zeigt sich in der gegenwärtigen Sprache die Neigung 



Vokalausstoßung in den Ableitiuigs- und Flcxionssilben. 233 

ursprünglicbes e nach den weichen Geräuschlauten h,(j,d,s 
beizubehalten, während es nach anderen Lauten stark der 
Auswertung unterworfen ist. Doch besteht hierin keineswegs 
Konsequenz. 

§ 105. Gehen wir von der jetzigen Sprache rückwärts, 
so ergibt sich für das Anhd. und zum Teil schon für das 
Spätmhd. in ausgedehntem Maße Doppelformigkeit. Ver- 
schiedene Behandlung nach der Natur des voraufgehenden 
Konsonaiiten besteht nicht; Rücksicht auf Verständlichkeit spielt 
keine Rolle. So stehen Formen wie des Haus neben Hauses, 
er redt, redte neben redet und redete, wie umgekehrt er lohet, 
lohete neben loht, lohte. Man könnte vielleicht meinen, daß die 
Mehrformigkeit auf Dialektmischung beruhte. Aber wenn es 
auch vielleicht nicht ausgeschlossen ist, daß eine solche bei 
der endgültigen Regelung der Schriftsprache eine geringe Rolle 
gespielt haben könnte, so ist doch nicht daran zu zweifeln, 
daß auch in dieser Hinsicht das Ostmd. die Grundlage für 
unsere jetzigen Verhältnisse gebildet hat, da die Doppel- 
formigkeit sich auch in solchen md. Texten zeigt, auf die noch 
kein gemeinsprachliches Muster eingewirkt hat. Bei der Ab- 
werfuDg des Endungs-t; könnte man an Einfluß der Elision vor 
folgendem anlautenden Vokal denken, aber kaum mit Recht. 
Die Elision spielt überhaupt in der natürlichen Rede eine viel 
geringere Rolle als bei vielen Dichtern, die unter dem Einfluß 
der lateinischen Metrik stehen. Volkstümlich ist sie fast nur 
in Verbalformen bei Anschluß eines enklitischen Pronomens, 
also in Fällen wie hör' ich, hört' ich, hört' er; ferner in einigen 
formelhaften kopulativen Verbindungen wie Hah' und Gut, Treu' 
und Glauhen, in Beih' und Glied. Die eigentliche Ursache 
für die Ausstoßung des e werden wir denselben Umständen 
zuzuschreiben haben, die wir schon als maßgebend für die 
ältere mhd. Ausstoßung anerkannt haben. Wir stellen also 
dafür das Gesetz auf: e ist in der schwächstbetonten Silbe 
des drei- oder mehrsilbigen Sprechtaktes geschwunden. Dieses 
Gesetz scheint mir, trotz aller durch Ausgleichungen bewirkten 
Verdunklungen, noch deutlich genug erkennbar, Avie im folgenden 
gezeigt werden soll. 

Anm. Vgl. K. v. Bahder, Idg. Forsch. IV, 352; Jellinek, Abhaud- 
Inngeu zur germ. Phil., Festgabe lür lleiuzel (1S9S), S. 31. 



234 II, 6. Vokale der nnbetouten Silben. 

§ 106. Zu unserem Gesetz stimmt zunächst die durch- 
gängige Ausstoßung eines mittleren e vor einem ursprünglich 
den Nebenton tragenden Suffixe. Vgl. Kindlein aus mhd. 
Tiindelin, Mündlein, Äuglein usw. ; Kindchen = mnd. IdndeMn , 
Weilchen, Mädchen usw.; Jüngling aus mhd. jüngelinc, Find- 
ling, Zögling usw.; Künstler aus mhd. Itünstelcere , Händler, 
Bildner aus bildencere, Gärtner, Wagner, Böttcher zu Bottich, 
in Eigennamen daneben Bötticher, Böttiger, ebenso Wagener, 
Wegetier usw.; Hoffnung aus hoff'enunge, Rechnung, Handlung, 
Wandlung, Wandrung, woneben allerdings die Formen 
Wandelung, Wanderung bestehen, in denen aber nicht Be- 
wahrung der Mittelsilbe vorliegt, sondern Wiederherstellung 
nach ivandeln, wandern] himmlisch, teuflisch, xiolnisch zu 
Himmel, Teufel, Bolen ; niedrig, uidrig, übrig, neblig, schivindlig, 
regnig, iväßrig woneben wässerig durch Angleichuug an Wasser: 
Trübsal aus trüebesal, Labsal. Auch vor einem e, wenn es den 
Nebenton trug, ist die Ausstoßung eingetreten, vgl. mancher 
aus mhd. maneger neben mannigfach, Hemde = mhd. hemede, 
fremd{e) = mhd. fremede, emsig = mhd. eme^pc, Witwe = mhd. 
witeive, Kebse = mhd. Jcebcse, ividmen aus mhd. ividemen, atmen. 
Im Superlativ ist Ausstoßung des Mittelvokals die Regel: der 
schönste, liebste. Erhalten ist e nach vorhergehendem d und t, 
vgl. tvundeste, gesundeste, älteste, lauteste, belcatinteste, scheinbar 
der größeren Deutlichkeit wegen. Doch finden sich in der 
älteren Sprache und auch jetzt noch Formen mit Ausstoßung 
daneben, und die Doppelformigkeit erklärt sich wohl ursprünglich 
aus einem Schwanken in der Stellung des Nebentons. Von der 
Erhaltung des e nach d und t machen übrigens wieder die 
Fälle eine Ausnahme, in denen dem Superlativsuffix eine Silbe 
mit suffixalem e vorhergeht; vgl. gebildetste, reizendste. Nach 
6-, ß und g ist gewöhnlich e erhalten; vgl. iveisesie, süßeste, 
gewisseste, Idlrzeste, aber daneben größte, beste, letzte. Nach 
seh besteht Schwanken, vgl. frisch{e)ste, aber nur närrischste, 
\fo eine suffixale Silbe vorhergeht. Über Ausstoßung und Bei- 
behaltung des e im Prät. der schw. Verba vgl. die Flexions- 
lehre. Auch vor Suffixen, die aus selbständigen Wörtern ent- 
standen sind, finden wir eine entsprechende Ausstoßung, vgl. 
friedlich aus mhd. vridelich, redlich, schädlich, täglich, friedsani, 
schadhaft usw. 



Vokalausstoßung in den Ableitungs- und Flexionssilben. 235 

§ 107. Anderseits ist auslautendes e nach nebentoniger 
suffixaler Silbe abgefallen, so in -in, -nis, -ung, -er aus nihd. 
-inne, -nisse, -uncje, -are. Ferner in Armut, Kleinod, Heimat. 
Nach -el, -er, -cn war der Abfall meist schon im Mhd. voll- 
zogen, doch ist wohl auch in manchen Fällen jüngerer Abfall 
eingetreten, wo das e im Mhd. erhalten oder wieder hergestellt 
war, so in Kollektivbildungen wie Gefieder, Geflügel, Gewitter. 
Bei den nominalen Zuss. zeigt sich eine Neigung, den zweiten 
Bestandteil zu verkürzen, vgl. Herzog = mhd. herzöge, Leichnam 
= Itchname, Junher = jnncherre, Wildbret = wüdhnete, Ant- 
tvort ■= antivürte , Demtit = diemüete. Besonders lehrreich 
sind solche Fälle, in denen das einfache Wort die volle Form 
bewahrt hat, vgl. HeimJcehr, Rückkehr gegen das allerdings 
nicht häufige Kehre, Ausfuhr, Einfuhr, Abfuhr gegen Fuhre, 
Mittivoch gegen Woche, Kirchweih gegen Weihe, Kirmes gegen 
Messe, Kurzweil gegen Weile. 

§ 108. In ursprünglich zweisilbigen Wörtern war au und 
für sich die Möglichkeit zur Erhaltung und zur Ausstoßung 
des e gegeben, zur letzteren insbesondere, wo sie durch Antritt 
eines Suffixes dreisilbig wurden. Aber auch sonst, wenn im 
Satzzusammenhang eine nebentonige Silbe folgte. In der gegen- 
wärtigen Sprache sind durchgehend die verkürzten Formen 
verallgemeinert, wo die Verschmelzung zu einer Silbe möglich 
war, vgl. Abt = mhd. abbet, Amt = ambet, Arzt = arzät, 
arzet, Hau2)t = Jtoiibct, Hecht = hechet, 3Iar]ä = market, 
Vogt = voget, Magd = maget, Jagd = jaget, Krebs = krebe^, 
Pelz = bellez, Obst = obe^, Binse (mit sekundärem -e) = bine^, 
Erbse (desgl.) = arivei^, ärivei^, Sims = sime^, Wams = ivam- 
beis, wammes, Axt = ackes, Nix = nickes, Dienst = dienest, 
Ernst = ernest, Hengst = hengest, Herbst = herbest, Papst 
= bäbes, Probst = probest, feist = reibet, nackt = nacket, 
Samt neben Sammet = saniit, Zimt neben Zimmet, Möncli 
= münech, Hanf = han{e)f, Senf = sen{e)f. 

§ 109. Bei den Wörtern, die im Mhd. auf -e ausgehen, 
ist, wie wir schon gesehen haben, die Behandlung in der gegen- 
wärtigen Sprache besonders willkürlich, weist aber auch auf 
ältere Doppelformigkeit zurück. Zu verschiedener Behandlung 
war im Satzzusammenhang vielfach Gelegenheit. Auch kommt 
in Betracht, daß solche Wörter oft auch als zweite Glieder 



236 II, 6. Vokale der imbetonten Silben. 

von Zuss. gebraucht wurden, und daß von da aus Übertragung 
der Kürzung auf das einfache Wort möglich war. So konnte 
z. B. Graf = mhd. gräve aus den Zuss. MarTcgraf, Ffalsgraf, 
Burggraf, Beichsgraf Deichgraf usw. entnommen werden. 
Doppelformigkeit setzt sich bei manchen Wörtern noch in der 
neueren, wenigstens in der poetischen Sprache fort. So stehen 
Formen wie Bette, Glücl~e neben dem gewöhnlichen Bett, Glück. 
Umgekehrt gestattet man sich manche Kürzungen, Dichter 
sogar solche wie Äug', LieV, manche nur vor Vokal, wo sie 
sich mit den doch nur aus dem Lat. entnommenen Hiatus- 
gesetzen entschuldigt glauben. Das Nähere über diese Ver- 
hältnisse wird in der Flexionslehre dargelegt werden. 

§ 110. Auch in der Behandlung der Flexionssuffixe läßt 
sich unser Gesetz zum Teil noch deutlich erkennen. So ist 
im Genitivsuffix -es Ausstoßung des e im allgemeinen notwendig 
in ursprünglich dreisilbigen Formen, vgl. Abends, Heilands, 
Herings. Gewöhnlich ist sie auch in den Genitiven von Zuss. 
wie KirchJiof, Tagewerk. Dagegen ist von einsilbigen Wörtern 
die unverkürzte Form das Normale, wenn auch die verkürzten 
Formen daneben möglich sind. Diese herrschen wieder im 
ersten Bestandteil altüberlieferter Zuss., vgl. Blidsfreimd, Guts- 
lierr, Hundstage, Kalbsbraten, Schafskopf, Landsmann, Bats- 
lierr, Mannsvolk, Weibsbild, Wirtshaus. Dadurch wird wieder 
unser Gesetz bestätigt. In jüngeren Zuss. bevorzugt man aller- 
dings wieder die vollen Formen, vgl. Jahreszeit, Todesfurcht, 
Leibeserben. Zu ausschließlicher Herrschaft ist die verkürzte 
Form gelaugt in den isolierten Formen Nachts, flugs, falls 
(Jceines falls , allenfalls, jedenfalls), keinesivegs, ehemals, sporn- 
streichs \ rechts, links, stracks, stets, nach welchen das s auch 
auf andere Adverbia übertragen ist wie blindlings, eilends, 
allerdings; in Genitiven, die die Funktion eines Nominativs 
angenommen haben: nichts, Bings, Zeugs. Das Nähere über 
die eigentlichen Genitive in der Flexionslehre, desgl. über die 
Dative Sg. In den Flexionsendungen sind übrigens die laut- 
gesetzlichen Verhältnisse auch dadurch stark verdunkelt, daß 
schon ausgestoßene e durch Analogie wiederhergestellt sind, 
vgl. z. B. Kieles = mhd. kils, ICehlen = mhd. kein, der heitere 
= mhd. der heiter, fahren = mhd. varn. Auch hierüber vgl. 
die Flexionslehre. 



Vokalausstoß nug in den Ableituags- und Flexionssilben. 



o?/ 



§ 111. In den Ableitungssilben -el, -er, -em, -en ist jetzt 
nach der verbreiteten Aussprache das e nur graphisch, während 
in Wirklichkeit sonantisches r, /, w, n gesprochen wird. Es 
ist also auch hier ein e verloren gegangen. Doch dieser Verlust 
ist nicht durchaus mit der sonstigen Ausstoßung des e auf 
gleiche Linie zu stellen. Vielmehr entspricht die sonantische 
Verwendung in vielen Fällen der sonstigen Beibehaltung 
des c, während der Ausstoßung konsonantische Verwendung 
entspricht, vgl. das Nebeneinander von eitele (gesprochen 
eitle) und eitle, lautere und lautre, verlorene und verlorne. 
So verhält es sich vor Vokal. Dagegen im Auslaut und vor 
Konsonant können die Sonorlaute als Konsonanten nur nach 
Vokal fungieren, die Nasale außerdem nach / und r, aber 
nicht umgekehrt l und r nach Nasal. Es ist also z. ß ein- 
silbiges sehn, salin neben zweisilbigem sehen, sahen möglich, 
ferner den Herrn für Herren, den Sporn aus älterem sporen, 
tveinte, warnte aus älterem iveinete, tcarnete] aber eit{e)l, Acl-{e)r, 
At{e)m, bad[e)n, Janim{e)r, Donn{e)r bleiben auch bei x\usfall 
des e zweisilbig, JEit{e)lkeit, Heit{e)rl'eit dreisilbig. Nach den 
sonstigen Analogien wird die Annahme berechtigt sein, daß 
wir zu unterscheiden haben zwischen dem jüngeren allgemeinen 
Übergang von el, er, em, en zu /, ;•, m, n und einem älteren 
Ausfall des e, nach dem die Sonorlaute nicht immer kon- 
sonantisch bleiben konnten. Ein solcher Ausfall wäre z. B. 
vorauszusetzen in ivunderlich, morgenlich, öffentlich, offenbar, 
wunderbar, Eigeyischaft, Eigentum, ivandelte, ican'ierte in 
Parallele mit redlich, schädlich, sagbar (mhd. sagebeere), Gesell- 
schaft (mhd. geselleschaft), iveilte, ivalirte (aus iveilete, ivahrete). 
Für den Auslaut wäre ein Schwanken je nach dem Tongewicht 
der im Satzzusammenhange folgenden Silbe vorauszusetzen. 
Vor vokalisch anlautendem Worte war auch die Möglichkeit 
gegeben, den Sonorlaut als Konsonanten zu diesem hinüber- 
zuziehen. Noch jetzt sind bei Anschluß eines enklitischen 
Fron, an ein Verb. Silbentrennungen üblich wie zwei-fVich, 
wan-dr^ich, rech-n^ich, behan-dVes (vgl. § 13). Für die ältere 
Zeit können wir auch solche wie *Ten-flist, *Wun-drist, *han- 
dleinmal, *Man-tlaus voraussetzen. Über die Konsequenzen, 
welche die verschiedene Behandlung von el, er, em, en für 
die Quantität des Vokals der vorhergehenden Silbe hat. vgl. § 35. 



238 II, 6. Vokale der unbetonten Silben. 

Wurzelvokale der zweiten Kompositionsglieder. 

§ 112. In der nominalen Zus.- sind die Wurzelsilben der 
zweiten Glieder vor den Ableitungs- und Flexionssilben bevor- 
zugt (vgl. § 23). Es fällt auf sie meistens ein Nebentou, durch 
den sie gegen Abschwäehung geschützt sind. Doch fehlt der 
Nebenton, wenn beide Glieder einsilbig sind und im Satz- 
zusammenhang nicht eine unbetonte Silbe folgt. Auch kommt 
es vor, wo die Zus. nicht mehr deutlich als solche empfunden 
wird, daß der Nebenton auf eine andere Silbe rückt. So sind 
denn auch in einer Anzahl von Fällen diese Wurzelvokale der 
Abschwäehung und sogar der Ausstoßimg unterlegen, so daß 
die Formen dann nicht mehr den Eindruck von Zuss. machen. 
Einige solche Zusammeuscbmelzungen gehen schon in die mhd., 
manche sogar bis in die ahd. Zeit zurück. So erscheint unser 
lieute schon im Ahd. als Jiiiitu, woneben nur noch selten 
hiutagu, ein alter Instrumentalis, dessen erster Bestandteil der 
Pronominalstamm Jii- ist (vgl. got. hinima daga „an diesem Tage"). 
Etwas jünger ist entsprechendes heint = mhd. Mndlit (in dieser 
Nacht) , Jiineht, liintt, Mute, Mut. Ferner heuer = mhd. hiure 
aus hlu järii. Mhd. iht „etwas", mit der Negation niht = nhd. 
nicJit geht zurück auf ahd. io tviJit „irgend ein Ding". Immer, 
nimmer = mhd. icmer, nietner aus ahd. io mer, nio mir. Neben 
mhd. ieman, nieman = nhd. jemand, niemand bestanden schon 
iemen, niemen, die aber wieder ausgestoßen sind. Nhd. solch, 
ivelch lauten so schon im Mhd»; sie gehen zurück auf ahd. 
so-lich, ive-lih, worin der zweite Bestandteil, das Subst. lieh 
„Gestalt" (nhd. Leiche) ist. Welt geht zurück auf ahd. weralt, 
zusammeugestitzt aus wer „Mann" = lat. vir (vgl. Werwolf) 
und alt „Alter"; dies ist zunächst abgeschwächt zu iverclt, 
woraus nach mhd. Synkopierungsgesetz iverlt geworden ist, 
dann im 13. Jahrh. durch Assimilation ivelt. Zu Messer ist 
die ältest überlieferte Form me^^irahs aus "^me^psahs zu mhd. 
ma^ „Speise" und sahs „Schwert"; durch die Zwischenform 
me^^ers ist mhd. nie^^er entstanden. Eimer = mhd. einher, 
eimher und Zuber = mhd. £!uher gehen zurück auf ahd. einbar, 
zwihar, worin -bar eine Ableitung aus dem Verbum heran 
„tragen" zu sein scheint. Beichte = mhd. hicht aus hi-jiht, 
zusammengesetzt aus der Partikel hi (vgl. § 114) und jiht zu 



Wurzelvokale der zweiten Kompositionsglieder. 239 

dem untergegangenen Verbum jehen „bekennen". Andere Ab- 
sehwächungen sind jünger. Verkürzung eines langen Vokals 
liegt vor in dem zum Ableitungssuffix gewordenen -lieh, das 
im Mhd. noch mit -lieh (spätrahd.-bair. -leicJi) wechselt. Es ist 
das oben erwähnte lieh (Leiche). Ferner in Wildbret = mhd. 
ivildhrcete (zu Braten). Das in § 102 behandelte eigentümliche 
a liegt vor in den zu Familiennamen gewordeneu Schlichart, 
Schuhart, woneben Schubert, die beide zurückgehen auf mhd. 
schuohworhte „Schuhmacher", dessen zweiter Bestandteil zu 
wirken gehört. Ferner in Nachbar = mhd, näcli-gehür (gebür 
= nhä. JBauer) , in Bräutigam = mhd. briutegome, hriutegume 
(ahd. gumo „Mann" =-- lat. hämo), in dem veralteten Urbar 
„Ertrag", „ertragfähiges Gut" aus mhd. urhor zu be'ni „tragen", 
woran sich dann das erst nhd. Adj. urbar angelehnt hat. Zu 
schwachem e ist die Wurzelsilbe geworden in Adler aus adelar 
(Edelaar), Junker aus jimcherre, Drittel, Viertel usw. aus dritte 
Teil usw., Urtel neben Urteil, bieder aus bi-derhe (vgl. § 114), 
albern, älter alber aus alwcere (ganz aufrichtig), Grummet aus 
gruonmät, Winzer aus mhd. winzürl (der Familienname Weinzierl 
zeigt noch die volle Form), Krammet{svogel) aus Kranewit 
„Kranichsholz", Bezeichnung des Wacholders (tirol. Kranewider 
..Wacholderschnaps"), Hierher gehören auch zivanzig, dreißig 
U8W,, in denen -zig ursprünglich ein selbständiges Wort ist 
(got, tigus). Es hat zwar den Anschein, als ob sich i von der 
ahd, Zeit her erhalten hätte, aber die mhd. Formen sind 
zweinzec, dri^ec usw,, und das i ist erst unter dem Einfluß des 
Palatals hergestellt wie in dem Suffix -ig. Landschaftlich 
Rübsen aus Rübsamen. Ausstoßung des Wurzelvokals liegt 
vor in echt aus ehacht, nd. Form für ehaft, Schulze aus schult- 
hei^e, daneben noch Schultheiß und mit geringerer Abschwächung 
der Familienname Schulteß, Schuster aus mhd. schuoch-siutcere 
zu siuwen „nähen", Wispel aus mnd. wikschepel zu wik „Stadt" (?) 
und schepel „Scheffel". Elf aus mhd, einlif, emlef (das lif 
bedeutete wahrscheinlich ursprünglich die Dekade), schon 
spätmhd. eilf und zwölf aus mhd. zwelif, zivelef, gewöhnlich 
schon zwelf. Ausfall des Wurzel vokals liegt auch vor in 
Jungfer aus Jungfrau durch die Zwischenstufe Jangfre, 
woraus nach Abfall des e Jungfr, geschrieben Jungfer, werden 
mußte. Ebenso erklärt sich Wimper aus mhd. wintbrä {brd 



240 II, 6. Vokale der unbetonten Silben. 

= Braue) durch die Zwischenform Wimpre. Auch in Mannsen, 
Weibsen aus mhd. mannes name, wibes nanie liegt wohl Ent- 
wicklung des nach der Ausstoßung des a übriggebliebenen 
Nasals zu sonantischer Funktion vor. Massenhaft sind die 
Abschwäcbungen in Personennamen,, bei denen der ursprüng- 
liche Sinn nicht mehr gefühlt wurde, besonders wenn sie zu 
Familiennamen geworden sind. 

Anm. 1. In den Mundarten erstrecken sich solche Abschwäcbungen 
noch viel weiter. So erscheinen z. B. Formen wie Höchst = Hochzeit, 
Harn fei, Mumfel ans Handvoll, Mundvoll, icolfel = wohlfeil, Wingert 
aus mhd. wingarte, Bongert, Bungert, Bangert aus mhd. boumgarte, Herbrig 
= Herberge. 

Anm. 2. Von Personennamen mögen hier nur einige Proben folgen. 
Frühe Verkürzung eines langen Vokals liegt vor in Dietrich, Heinrich usw. 
(der zweite Bestandteil = unserem Reich); in Ludwig, Hedwig (mhd. wie 
„Kampf"); jünger ist wohl die Verkürzung in Dietmar (Dittmar), Volk- 
mar usw. (mhd. mär = mcere „berühmt"). Abschwächung in Günther, 
Walther, Luther usw., worin der zweite Teil zu Heer gehört; in Volkelt 
ans Volkwalt, Bächtel aus Bächthold, Meiner(t) ans Meinhard; Ausstoßung 
in dem Familiennamen Seibt neben Seibot aus ahd. sigiboto; Ausstoßung 
nach r, welches dann sonantisch geworden ist, in Seifert (Seufert) aus 
mhd. Sifrit, Dankert slus Dankrat, Kuhnert (nd. Kohnert) aus mhä.Kuonrat, 
nhd. Konrad. 

Anm. 3. Auch in Ortsnamen erscheinen solche Abschwäcbungen; 
für Stuttgart spricht man an Ort und Stelle Stuckert, für Mannheim 
Männern. Auch in die offizielle Schreibung übergegangen ist die Ab- 
schwächung von -heim in Ortsnamen auf -ingen, die wenigstens zum Teil 
auf -ingheini zurückgehen. 



Tortonige Yokale in Fremdwörtern. 

§ 113. In den vortonigen Silben der Fremdwörter sind 
im allgemeinen die Vokale der Grundsprache beibehalten. 
Auffallenderweise aber erscheint in einigen Verwandlung eines 
anderen Vokals in a, die ähnlich wie das a in Ableitungs- 
silben und zweiten Kompositionsgliedern (vgl. §§ 102. 112) zu 
beurteilen sein wird. Hierher gehört Gardine (zuerst ndl. und 
niederrhein.) aus ital. cortina\ Halunke, woueben bis ins 18. Jahrb. 
Holunke, aus böhm. liolomek im 16. Jahrh, aufgenommen; 
Kaninchen, Dim. zu dem vom 15. bis 17. Jahrh. vorkommenden 
Kanin = ndl. konijn aus afrz. conin, während nordd. Karnikel 
sich im Suffix an lat. cuniculus anschließt; Kapelle „Schmelz- 



Vokale der vortonigen Silben und der Partikeln in der Zus. 241 

tiegel" aus lat. cupella, in. cottpelle; Kattun aus ndl. Ixttoen, 
dies aus frz. coton\ lavieren aus ndl. lavecrcn, loveeren zu Luf, 
ndl. loef; Lahritze (früher auch lecheritze) aus lat. liqniritia, 
gr. yXvxvQQtCa; Rakete ans ital. rocchetta^ staffieren aus nd. 
staffeeren, stoffeeren, ndl. stofferen aus afrz. estoffer. verwandt 
mit Stoß'. Auch für scli.murotsen , dessen Ursprung nicht auf- 
geklärt ist, erscheint früher sclimorotzen. Hier sehließen sich 
auch einige echt deutsche Zuss. mit Akzentverschiebung an: 
Wacholder aus mhd. ivecholter und Schlardffe, wenn es wirklich 
auf mhd. sluraffe zurückgeht {slür „Müßiggang"). Vielleicht 
gehört hierher auch Jiallö neben liolla aus mhd. lioJä^ Imp. zu 
Jioln „holen" und einem häufig bei Aufforderungen angehängten 
ä, eigentlich Zuruf an den auf dem entgegengesetzten Ufer 
befindlichen Fährmann; wenig wahrscheinlich ist es, daß in 
dem a noch die mhd. Nebenform haln zu Jioln fortlebt. 



Nicht haupttonige Partikeln iu der Zusammeusetzuug. 

§ 114. In den verbalen und den sich daran anschließenden 
nominalen Zuss. mußten zweisilbige Partikeln auf der Wurzel- 
silbe einen Nebenton tragen, die einsilbigen ganz unbetont 
sein. Infolge dieser Betonungsweise mußten mhd. volle- und 
misse- ihr e nach dem Nebenton verlieren, hinter, über, unter 
mußten nach unseren Ausführungen in § 111 gleichfalls das e 
früh einbüßen, aber doch, wenigstens außer vor Vokal, zwei- 
silbig bleiben. In den schon im Ahd. einsilbigen Partikeln 
mußte der Vokal der Wurzelsilbe im Mhd. zu schwachem e 
werden. Daher he- aus hi- (in betonter Stellung erhalten in 
hieder, vgl. § 112), ent- aus ahd. ant-, int- (in betonter Stellung 
erhalten in Antlits, Antwort), er- aus ahd. ar-, er-, ir- (in 
betonter Stellung erhalten als ur-, z. B. in Ursprung, Urteil), 
ge- aus ahd. ga-, gi-, ver- aus ahd. far-, fir-, teils = got. faür-, 
ahd. furi- (eigentlich die bei Vollton bewahrte Form, mhd.-nhd. 
für), teils = got. fra-, mit Verlust des Vokals zunächst zu fr- 
geworden, das noch in unserem fressen aas fr-essen vorliegt, 
sonst mit Entwicklung eines neuen Vokals aus dem vor Kon- 
sonant sonantisch gewordenen r, zer- = ahd. zar-, zir (mhd. 
noch in einigen substantivischen Zuss. als zur- bewahrt = 
got. tuz-). Neben ^er- erscheint im Mhd. se-, dieses ursprünglich 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 16 



242 II, 6. Vokale der unbetonten Silben. 

vor Konsonant, jenes vor Vokal entwickelt. Für dieses be- 
tritt spätmhd. und anhd. durch Vermischung mit der Präposition 
mhd. zt- (vgl. § 115) zu- ein, häufig auch bei Lu., z. B. ztistören 
= zerstören, und danach auch zur-. Weiter ist teilweise auch 
Verlust des Vokals eingetreten. Vor Vokal hatte ga- schon 
vor der Zeit unserer Überlieferung seineu Vokal verloren in 
gan „ich gönne" aus *ga-an und gunst aus ^'ga-unst. Desgl. 
hi- in erbarmen, schon ahd. irharmen aus *bi-armen (mhd. mir 
erbarmet „mir kommt arm, unglücklich vor"), woran sich barm- 
herzig anschließt. Etwas jünger ist die Ausstoßung in binnen 
aus bi-innan. Im Mhd. ist ge- vor vokalischem Anlaut häufig 
zu g- geworden, so namentlich in dem Partizipium ge^^en, 
woraus im Nhd. mit nochmaligem Antritt des ge- gegessen 
geworden ist. Schon bei Notker erscheint Ausstoßung des 
Vokals von ge- auch vor gewissen Konsonanten. In den oberd. 
Mundarten ist diese Ausstoßung allgemeiner durchgeführt. In 
Mitteldeutschland war sie wahrscheinlich auf die Stellung 
nach Nebenton beschränkt. Dafür sprechen die jetzt in die 
Schriftsprache aufgenommenen begleiten, begnügen und ver- 
gnügen. Sonst ist die Ausstoßung verallgemeinert in Glauhe, 
glauben, gleich, Glied, Glück, Gnade. Neben Geleis, gerade 
hört man oft auch Gleis, grade. In älteren Quellen findet 
sich auch öfters gnug bis ins 18. Jahrh. Ausfall des Vokals 
von be- vor Konsonant ist gleichfalls in den oberd. Mundarten 
verbreitet, in der jetzigen Schriftsprache hat er sich nur in 
bleiben = mhd. beliben festgesetzt. 

Anm. Zu = zer findet sich noch häufig im 17. Jahrh., reicht sogar 
bis ins 18. Vgl. zustöret Weckherlin 47, 120; zuschmättertes ib. 132; zii- 
bricht Op. 4, 36; zugeht 40,68; zubersten 40,62; zustört 40,87; zustürkt 
Gryphins T. 273,76 u. ö. ; zuschlug sie Rachel 1,132; zu herfzte und zu 
leckte Chr. Reuter, Schelm. 8 u. ö.; zureißen Gil Blas 3,84. 

Enklitische Wörter. 

§ 115. Zweisilbige enklitische Wörter haben einen Neben- 
ton auf der Wurzelsilbe. Einsilbige sind vor einem Hauptton 
unbetont, vor einer noch schwächer betonten Silbe können sie 
gleichfalls einen Nebenton tragen. In den ursprünglich zwei- 
silbigen Wörtern mußte nach den von uns schon behandelten 
Synkopierungsgesetzen in älterer und neuerer Zeit Ausstoßung 



Partikeln iu der Zus. Enklitische Wörter. 243 

des Endvokals eintreten. Im Mlid. stellten sicli neben die 
vollbetouteu Adverbialfoimen abe, ane, obe, vone = ahd. aba, 
ana, obu, fona, die enklitischen Präpositionsformen ab, an, oh, 
von, welche dann allmählich die ersteren verdrängten. Ahnlich 
spaltete sich die ahd. Konjunktion oba zunächst in obe und 
ob, wovon sich nur das letztere behauptete. Ebenso blieb von 
den Formen imile und und nur die letztere übrig. Im Dat. Sg. 
der Pronomina wichen die volltonigen Formen deme, weme, ime 
aus ahd. de'niu usw. vor den enklitischen dem, iveni, im zurück. 
Jünger ist die Verkürzung in der Konjunktion ivell, die 
ursprünglich nichts anderes als das Subst. Weile = mhd. wtle ist. 
In den einsilbigen Wörtern waren bei gänzlicher Uubetontheit 
die Vokale der Wurzelsilben der Abschwächung gerade so aus- 
gesetzt wie die unbetonten Ableitungs- und Flexionssilben, 
während sie in anderen Fällen durch den Nebeuton geschützt 
werden konnten. So war die Entstehung von Doppelformen 
möglich. Die ahd. Präp. bi wurde im Mhd. vor Hauptton zu be, 
z. B. in be.nte „beizeiten"; sie ist jetzt nur erhalten in behende 
(eigentlich „bei der Hand"), außerdem in der Verbalkomposition. 
Die Präp. in erscheint im Mhd. zu en abgeschwächt, unmittelbar 
vor Hauptton, vgl. enhende „in der Hand", enlant „in das 
Land", eneben aus ahd. in eban eigentlich „auf gleiche Linie", 
gewöhnlieh mit Verlust des Vokals neben, was sich im Nhd. 
fortsetzt. Auf ahd. ingegin geht entgegen zurück infolge einer 
Vermischung mit der Partikel ent. Assimilation liegt vor in 
empor, auch zunächst aus entbor entstanden. In anderen Fällen 
ist das mhd. en im Nhd. durch weitere Wirkung der Uu- 
betontheit ganz geschwunden, in iveg aus mhd. enwec, mitten 
aus mhd. emnitten (^mitten D. PI. des mhd. Adj. mitte), zwischen 
aus mhd. enzwischen {zwischen D. PI. eines Adj. ztvisch „zwie- 
fach"), traun aus mhd. entriuiven (iu Treuen). Sonst ist im 
Nhd. die volle Form in verallgemeinert, die sich namentlich 
vor dem noch schwächer betonten Artikel behauptet hatte. 
Die ahd. Präp. za, zi setzt sich im Mhd. nur in der ab- 
geschwächten Form ze fort, wofür vor vokalischem Anlaut 
häufig bloß z steht. Im späteren Oberd. verliert es auch vor 
Konsonant seinen Vokal, und so hat es sich iu den Mundarten 
bis heute erhalten. Diese Verhältnisse reflektieren sich noch 
im Parn. boic, wo häufig zc geschrieben wird, gewiß nicht der 



244 II, 6. Vokale der unbetonten Silben. 

wirklichen Aussprache gemäß, sondern mit künstlicher Wieder- 
herstellung statt des mundartlichen z. In die Schriftsprache 
ist nur sivar aus mhd. zewäre übergegangen. Schon im Mhd. 
erscheint neben ze die Adverbialform zuo als Präp. gebraucht, 
die dann im Md. und in der Schriftsprache jenes ganz ver- 
drängt hat. 

In den Verbindungen daran, darin usw. (vgl. § 13) kann 
der stärkere Xon auf den ersten oder den zweiten Bestandteil 
fallen. Schon im Mhd. erseheint dar zu der abgeschwächt, 
besonders in den Fällen, wo es durch Übertragung vor kon- 
sonantischem Anlaut steht, also z. B. in derhi, derzuo. Im 
Nhd, sind Formen wie derlei auf die Vulgärsprache beschränkt. 
Dagegen auch der edleren Umgangssprache und selbst der 
Literatur gehören Formen an mit gänzlicher Ausstoßung des 
Vokals vor vokalischem Anlaut, also dra^i, drauf, draus, drein, 
drin, drüber, drunter, drum. Diese herrsehen besonders in 
manchen Verbindungen wie er ist drauf und dran, es geht alles 
drunter und drüber, drein geben, reden, sprechen, Draufgänger. 
Neben draußen, drinnen, drüben, drunten gibt es überhaupt 
keine anderen Formen mehr. Dem drüben ist hüben nach- 
gebildet mit Anlehnung an hie. Hin und her sind vor vokalisch 
anlautenden Adverbien in der Umgangssprache zu n, r ab- 
geschwächt, also 'nan, 'ran, 'nauf, 'rauf, ^naus, 'raus, 'nein, 
'rein, 'nüber, 'rüber, 'nunter, ^num, 'runi. Die Negationspartikel 
urgerm. ni ist schon sehr früh mit vokalisehem Anlaut ver- 
schmolzen ; schon got. ist nist aus ni ist, ahd. nein aus ni ein, 
neo, nio aus ni eo, woraus mhd. nie, auch in nieman, niemer, 
ferner niht aus ni io wiht. Sonst erscheint ni im Mhd. als en, 
was wohl als »i gesprochen ist, in Verbindung mit einem 
vokalisch auslautenden enklitischen Worte auch als kon- 
sonantisches w, z. B, nun, dun. Nhd. ist es erhalten in mit 
nichten. 

Das Pronomen er wird in der Umgangssprache reduziert 
gesprochen, bei Anlehnung an ein vorhergehendes Verbum sogar 
als r, was allerdings nicht als korrekt gilt, aber schon im 
Mhd. vorbereitet ist, wo bat er auf vater reimen kann. Durch- 
gehender noch ist die Reduktion in es, das weiterhin bei An- 
lehnung an ein vorhergehendes Wort zu bloßem s wird, vgl. 
er hats, ich bins, ichs, ers. In der Umgangssprache hört man 



Enklitische Wörter. 245 

aiicli s' ist wahr, n. dgl. Nur der VulgärBpraehe angehölig sind 
Formen wie hatim, hattn, liattr für hat ihm, hat ihn, hat ihr, 
und se für sie, wofür bairiseh bei Anlehnung an das Verbum 
bloßes .9 {hahcns = haben Sie). Das Prou. du wird, wo es 
unbetont ist, in der Vulgärspraehe zu de {ivenn de kommst). 
Bei enklitischer Anlehnung an eine Verbalform verschmilzt das d 
mit dem auslautenden t derselben, vgl. was haste, ivas Jcamiste. 
Indem dann öfters auch das e fortfällt, entsteht der Schein, 
als ob gar kein Fron, vorhanden sei. Darüber wird noch in 
der Syntax gehandelt werden. In der Vulgärspraehe werden 
bei enklitischer Anlehnung an ein vorhergehendes Wort die 
Formen mir, dir, tvir, ihr zu mr, dr, wr, r. In der Vulgär- 
sprache wird der Artikel der, dem, den dr, dm, du gesprochen, 
die wird zu de und dies verliert im Oberd. weiterhin seinen 
Vokal, z. B. d'Leut, die Leute. Nicht auf die Vulgärsprache 
beschränkt ist Verkürzung von das zu s, wenn Anlehnung an 
ein vorhergehendes Wort möglich ist, z. B. er hafs Geld, Sie 
hahen's Wort. Seltener erscheint die Verkürzung des Gen. zu s, 
vgl. er geht's Abends aus; stets wird man sagen um's Himmels 
willen. Nicht so gewöhnlich ist die Verkürzung im Satzanfang, 
vgl. etwa s'Leben freut mich nicht mehr, s' Abends geh ich aus. 
Besondere Behandlung verlangen die Verschmelzungen von 
Präpp. mit den davon abhängigen Formen des Artikels. Ver- 
schmelzungen mit dem Akk. Ntr. des Artikels wie ans, ins, 
übers usw. sind nicht nur besonders häutig, sondern unter 
Umständen sogar notwendig, indem eine Differenzierung zwischen 
den Verschmelzungen und den vollen Formen eingetreten ist, 
worüber in der Syntax näher zu handeln sein wird. Vgl. z. B, 
ins Bett gehen, das parallel steht mit zu Bette gehen ohne 
Artikel. Verschmelzungen mit dem Dat. des Art. gehen zum 
Teil in die mhd. Zeit zurück. Aus an diime, in dorne, von 
deme sind mit Verlust des Nebentons auf der Wurzelsilbe des 
Art. zunächst anme, inme, vonme geworden, weiterhin ame, ime, 
vome und zuletzt ain, im, vom, die dann im Nhd. geblieben 
sind. Ferner ist ze dorne zu zeme, zem geworden, ze der zu 
zer, zt den zu zen\ wie ze mit zu vertauscht ist, sind im Nhd. 
diese Formen mit zimi, zur, zun vertauscht, welches letztere 
allerdings im 18. Jahrh. wieder ausgestoßen ist. Auch die 
Formen am, im, vom, zum, zur sind jetzt unentbehrlich, weil 



246 II, 0. Vokale der unbetonten Silben. 

sie sich in ihrer Funktion teilweise von den unverkürzten 
Formen differenziert haben, vgl. z. B. s:ur See parallel mit su 
Lande. Weniger allgemein und leicht vermeidbar sind andere 
Verschmelzungen wie aufem, aufen, ummen, vorm, fürn, etwas 
häufiger überm., übern, unterm, untern, hinterm, hintern. Auch 
inm, inn sind in der Vulgärsp räche gewöhnlich; für letzteres 
wird in literarischen Denkmälern zuweilen bloß in geschrieben, 
als ob gar kein Art. vorhanden wäre. Auch der unbestimmte 
Art. unterliegt Abschwächungen. Schon mhd. ist emviht für 
ein tviht, eigentlich „ein unbedeutendes Wesen", dann = „nichts", 
„nichtig". In der Vulgärsprache ist en (n) für ein gewöhnlich, 
auch konsonantisches n bei Anlehnung an er, für, vor; nmal 
wird auch durch Assimilation zu bloßem mal, vgl. s'war mal'n 
Mann. Auch für einen kommt en (n) vor, vgl. er haitn Buch 
gelmuft fürn Spottpreis. Mit Verlust der Wurzelsilbe sagt man 
nc, nem, ner, auch nen, welche Formen als vulgär zu betrachten 
sind, wenn auch manche Dichter, z. B. A. W. Schlegel und 
Grillparzer sich dieselben in edler Sprache gestatten. Die 
Versclimelzung son, flektiert sonen, sonem, soner, hat in der 
nordd. Umgangssprache solcher zurückgedrängt und bildet nun 
auch einen PI. {sone Menschen). 

Anm. Die Verschmelzung zun findet sich noch bei Le. {zun Sternen 
1, 271, 2) und Wi. {zun Waffen II, 2, 170, 27). Über in = in den s. 
Zs. f. d. U. 18, 729, vgl. z. B. in Busen Le. 1, 373, 13. 

Entwicklung einer Silbe aus konsonantischem r. 

§ 116. Im Gegensatz zu der sonstigen Ausstoßung steht 
die Entwicklung eines konsonantischen r zu einer besonderen 
Silbe, die er geschrieben wird, von der es aber zweifelhaft 
bleibt, ob in der Aussprache jemals ein e vorbanden gewesen 
ist, oder ob wir darin von Anfang an eine Schreibung für 
sonantisches r zu sehen haben. Diese Entwicklung ist ein- 
getreten nach den aus altem t, w, iu entstandenen Diphthongen 
ei, au, eu: Feier, Geier, Leier, Speier, Steter aus mhd. vire, 
gtr{e), lire, Spire, Stire; Auer{ochse), Bauer, Lauer, Mauer, 
sauer, Schauer, Trauer aus mhd. wr, gebür. Iure, müre, sür, 
schür, trüre; Abenteuer, Feuer, heuer, geheuer. Scheuer, Steuer^ 
teuer aus mhd. aventiure, viur, hiiire, gehiure, schiure, stiure, 
tiure. Lautgesetzlieh ist die Entstehung von er aus r nur im 



Entwicklung einer Silbe aus konsonantischem r. 217 

Silbenaiislaiit, so daß also bei den ursprünglich auf e aus- 
lautenden Wörtern die Abwertung desselben vorangegangen 
sein muß. Dies zeigt sich zunächst an einer Reihe von Ab- 
leitungen, in denen das r konsonantisch geblieben ist, weil es 
den Silbenanlaut bildete, vgl. stcir/sdi, bäurisch, schaurig, 
traurig, feurig, heurig, Säure, Maurer. Innerhalb der Flexion 
besteht noch regelmäßiger Wechsel bei Adjektiven. Daher 
saure, saures, saurem, saurer, sauren (für dieses hört man 
allerdings auch sauern). In der Flexion der Subst. ist jetzt Aus- 
gleichung eingetreten, vgl. des Feuers, die Mauern usw. In 
der Konjugation bewahren jetzt nur die Formen mit aus- 
lautendem e das konsonantische r, also ich daure, traute, 
maure, dagegen heißt es dauern, trauern, mauern. Aber bis 
tief ins 18. Jahrb. hinein sind die lautgesetzliehen Formen 
Feures, Mauren, dauren, lauren, trauren erhalten. In der 
Konjugation war -er ursprünglich nur vor t und st entwickelt, 
also z. B. in datierst, dauert, dauerte aus daurst, daurt, 
daurte. 

Außerdem liegt Entwicklung eines r zu einer Silbe vor in 
eitern aus mhd. erin zu dem jetzt untergegangenen er „Erz" 
durch die Zwischenformen eren, ern, und in eher aus mhd. er. 
Wenn auch die Nebenform mhd. e im Nhd. zu ehe geworden 
ist, so könnte man denken, daß sie durch eher beeinflußt ist. 
Dieselbe Veränderung zeigt aber auch das Subst. mhd. e = nhd. 
Ehe. In diesem ließe sich die Zweisilbigkeit wohl als eine 
Anlehnung an andere Feminina begreifen. Anderseits würde 
man geneigt sein, die analoge Entwicklung beider Wörter auf 
die gleiche Ursache zurückzuführen, also auf eine wirkliche 
Lautentwicklung, wofür auch wehe = mhd. we spricht. 

Anm. Lu. schreibt noch Banr, Feur, hat aber die Wörter doch 
vielleicht zweisilbig gesprochen. Dichter erlauben sich zuweilen ein- 
silbige Formen statt der korrekten zweisilbigen zu verwenden. So 
namentlich Wieland, vgl. z. B. Abertte-u'r Idris 1, 11, 8. 115, 6. 2, 34,3 usw.; 
Feu'r 1, 41, 4. 80, 5; lan'rt 1, 93, 5; gefei'rt 2, 38, 4; Ungeheu'rs 2, 57, 5. 
5,7,2; dau'rt 2, 60,7. 3, «0,6. 4, 45, 1; vermau'rt 3, 1,3; die Dnur 4, 
63,1 1 (geändert). 



248 II, 7. Vokalwechsel. 

Kap. 7. Vokaiweclisel. 

§ 117. Durch den Lautwandel ist oft ein einfacher Laut 
in mehrere gespalten. Eine solche Spaltung hat vielfach 
innerhalb von Gruppen verwandter Formen stattgefunden, so 
daß dann ein Lautwechsel zurückbleibt. Nicht selten ist 
dann im Laufe der Zeit der Wechsel durch Wirkung der 
Analogie wieder ausgeglichen. In anderen Fällen hat er sich 
lange erhalten, besonders dann, wenn er zufällig mit einem 
Funktionsunterschied zusammengetroffen ist. In diesem Falle 
pflanzt er sich leicht auch auf Neubildungen fort und drängt 
sich sogar in Gebiete ein, in denen er früher keine Statt hatte. 
Wir betrachten hier nur die durchgreifenderen Arten des Laut- 
wechsels, während wir auf die mehr vereinzelten nicht wieder 
zurückkommen. 

1. Umlaut. 

§ 118. Über die Entstehung des Umlautes ist I §§ 134. 136 
gehandelt. Im Nhd. reflektiert sich der Umlaut, soweit er 
noch als solcher empfunden wird, folgendermaßen: a — « (e), 
— ö, u — ü (als Länge und Kürze), au — äii (eu) = mhd. 
ou — öu oder ü — iu. Wir stellen die Fälle zusammen, in 
denen der Umlaut statt hat. 

Innerhalb der Nominalflexion erscheint der Wechsel zwischen 
unumgelautetem und umgelautetem Vokal bei den /-Stämmen: 
Sg. Gast — PI. Gäste (ahd. gesti usw.), Kraft — Kräfte; bei 
den Maskulinen ist der Umlaut so lebendig gewesen, daß er 
auf viele andere Stämme tibertragen ist, vgl. z. B. Nägel 
'-= ahd. nagala. Ferner haben Umlaut die Plurale auf r 
= ahd. ir, vgl. Lamm — Lämmer ; auch hier ist der Umlaut so 
lebendig gewesen, daß er bei dem weiteren Umsichgreifen 
dieser Bildungsweise immer mit derselben verknüpft geblieben 
ist. In der starken Konjugation kommt der Umlaut der 
2. 3. Sg. Ind. Präs. zu, die im Ahd. auf is{i), it ausgehen (du 
trägst, er trägt), und dem Konj. des Prät. {ich führe, du führest 
usw.); den mit ^-Suffix gebildeten Präteriten kam der Umlaut 
ursprünglich nur zu, soweit sie von Hause aus zweisilbig waren 
{möchte, dächte). 



Umlaut. 249 

Eine große Rolle spielt der Umlaut in der Wortbildung, wobei 
sieh jetzt teils große Regelmäßigkeit, teils Unregelmäßigkeit 
zeigt. In der Regel haben Umlaut die Diminutiva auf -lein 
= mhd. Im und -chen = mnd. Mn {Händlein, Händchen), auch 
wenn sie erst neu gebildet sind. Nicht ganz so durchgreifend 
ist der Umlaut bei den Femininbildungen auf -in, vgl. Gräfin, 
Köchin, jRätin; ausgenommen sind namentlich die Ableitungen 
aus Bildungen auf -er, soweit nicht schon die Grundwörter 
Umlaut haben, vgl. Haler in, Prahler in, Tadle rin, Badlerin. 
Weiter kommen in Betracht: die mit ge- zusammengesetzten 
Kollektivbildungen, deren Stamm urgerm. auf -jo ausging, vgl. 
Gedärme, Gehäuse, Geivünn, denen sich aber die jungen Um- 
bildungen aus Verben wie Getue, Gelaufe usw. nicht anschließen; 
die aus Adjekiven abgeleiteten substantivischen Eigenschafts- 
bezeichnungen auf -e = ahd. -t, vgl. Güte, Höhe, Länge; 
Bildungen auf -de = ahd. -ida, idi, vgl. Gebärde, Gemälde; auf 
-nis Ygl. Begräbnis, Verständnis, Erkenntnis (vgl. § 47, Anra. 2), 
doch dagegen Bewandtnis; auf -ling, vgl. Jüngling, Gründling; 
die iVdjektiva auf -lieh, vgl. häßlich, gütlich, löblich, väterlich, 
woneben aber auch solche ohne Umlaut vorkommen, namentlich 
junge Bildungen, vgl. faßlich, glaublich, tvahrlich, ivohnlich; auf 
-isch, vgl. mürrisch, mnlcisch, schiväbisch, fräfikisch, sächsisch, 
wogegen ohne Umlaut badisch, })olniscli, russisch, malerisch 
und die übrigen Ableitungen aus Bildungen auf -er; auf -(e)n 
= mhd. in, vgl. gülden (poetische Form), halbem (bair. Kälbernes 
„Kalbfleisch"), hölzern, aber meistens jetzt ohne Umlaut an 
das Grundwort angelehnt, vgl. golden, ivollen; Verba der 
1. schwachen Konjugation, deren Inf. im Got. auf -jan ausgeht, 
aus Subst. abgeleitet, vgl. grüßen, büßen, küssen, blättern, aus 
Adjektiven mit der Bedeutung „zu dem machen, was das Adj. 
bezeichnet"', vgl. ivärmen, erkälten, öffnen, ärgern, verlängern. 
Die Bildungen auf -er = mhd. -cere, ahd. -äri erscheinen teils 
mit, teils ohne Umlaut, ohne daß die Ursache der verschiedenen 
Behandlung genügend aufgeklärt ist, vgl. einerseits Bader, 
3Ialer, Radler, Taucher, Baucher, anderseits Gärtner, Händler, 
Schüler, Mörder, Töpfer. Auch bei dem gleichen Worte finden 
sich Schwankungen, die zwar in der jetzigen Schriftsprache 
meist wieder beseitigt sind, deren frühere Existenz aber zum 
Teil noch durch Familiennamen bestätigt wird, vgl. einerseits 



250 II, 7. Vokalwechsel. 

die Namen Burger, Forster, Gärtner, anderseits Hefner, 
Wegener. Die Überlieferung zeigt übrigens, daß sich der 
Umlaut erst allmählich immer weiter ausgebreitet hat. Er hat 
sieh sogar auf einige Wörter, in denen -er nicht auf älteres -oere 
zurückgeht, erstreckt {Küster, Körper). Das Suffix -ig geht 
teils auf ahd. -ag, teils auf ig zurück. Daher haben die 
Bildungen mit demselben teils Umlaut, teils nicht, vgl. mächtig, 
prächtig, hräftig, gütig, nötig, einfältig — gewaltig, Mutig, 
mutig, rosig', mannigfaltig. Doch entsprechen die heutigen 
Verhältnisse nicht immer der Suffixverschiedenheit im Ahd. 
Viele Bildungen sind auch erst in neuerer Zeit entstanden. 
Entsprechend verhält es sich auch mit dem Komparativ und 
Superlativ. Im Ahd. gehen dieselben teils auf -iro, -ist, teils 
auf -öro, -Ost zurück. Demnach mußten auch umgelautete und 
unuragelautete Formen nebeneinander stehen. Aber auch hier 
sind die ursprünglichen Verhältnisse nicht rein bewahrt. Im 
allgemeinen hat sich der Umlaut über sein ursprüngliches 
Gebiet hinaus verbreitet. In der Volkssprache mehr als in 
der Schriftsprache, in Süddeutschland mehr als in Nord- 
deutschland. Daher denn manche Schwankungen, vgl. dummer — 
dümmer, frommer — frömmer, gesunder — gesünder, glatter — 
glätter, nasser — nässer, zarter — zarter, magerer — magerer. 

Der Umlaut ist natürlich auch häufig eingetreten, ohne 
daß eine vom Umlaut nicht betroffene Form daneben stünde, 
vgl. Bett aus ahd. hetti (got. hadi), öde aus ahd. ödi, Flügel 
aus ahd. flugil, Schüssel aus ahd. scu^pla, Hecht aus ahd. 
hchhit, hüllen aus ahd. *huljan. 

§ 118. Manche Konsonanten hindern den Umlaut. All- 
gemein ist Umlaut des kurzen « unterblieben vor Id, It, vgl. 
dulden aus ahd. *dultjan, Huld aus ahd. huldi, Schidde, alter 
PL, zu dem ursprünglichen ?'- Stamm Schuld, später durch 
Schulden ersetzt, Gulden, Substantivierung des mhd. Adj. guldin, 
während die poetische Form gülden den Umlaut nach Analogie 
anderer Bildungen auf -in erhalten hat. Ferner ist der Umlaut 
des au = mhd. ou durch ursprünglich folgendes iv verhindert, 
vgl. Frau = mhd. frouwe, das ein j eingebüßt hat, wie anord. 
Freyja zeigt, Aue = mhd. ouive, anord. ey, Gen. eyjar. Scheinbar 
ausgenommen sind freuen, streuen, dräuen (ältere poetische 
Form für drohen). Es verhält sich aber damit folgendermaßen: 



Umlaut. 251 

im Ahd. bestand ursprünglich ein Wechsel zwischen tv und 
mr, d. h. zwischen einfachem und doppeltem konsonantischen 
u, wobei die Verdoppelung durch den Einfluß eines folgenden 
j veranlaßt war. Ein a vor iv wurde zu e umgelautet, dagegen 
au, jünger oii, nicht. So entstand der Inf. frotaven und ent- 
sprechend die übrigen Formen des Präs. außer der 2. 3. Sg. Ind. 
frewis, frewit und der 2. Imp. fretvi, Prät. freivita, Part, gifrewit. 
Im Mild, wurde nv zu eutv und dies hat sich verallgemeinert. 
Dagegen hat in dem sich analog verhaltenden Verbum {ver)- 
dauen diese Form die bis ins 17. Jahrb. vorkommende Neben- 
form {ver)däiien verdrängt. Aus ursprünglichem Nebeneinander 
von aw und auiv erklärt sich die Nebenform Gäu zu Gau, 
ersteres im ßair. für die ländliche Umgebung einer Stadt 
gebraucht und in ÄUgäu; die ursprüngliche Flexion im Ahd. 
war gewi — gouivcs (Verdoppelung des konsonantischen u 
wieder durch folgendes j veranlaßt), woraus sich dann durch 
Ausgleichung die Doppelformen entwickelt haben. In dem 
ursprünglich ganz analogen Heu aus ahd. lieivi — houwes hat 
sich nur die eine Form behauptet. 

§ 119. In anderen Fällen besteht ein Gegensatz zwischen 
Oberd. und Md., indem nur in ersterem der Umlaut unter- 
blieben ist. Vgl. V. Bahder, Grundlagen 199 ff. Bei genauerer 
Untersuchung zeigen sich allerdings auch im Oberd. einige 
Verschiedenheiten, vgl. Lessiak, A. f. d. A. 32, 126. Daher steht 
oft Luther mit umgelauteten Formen der kaiserlichen Kanzlei 
mit unumgelauteten Formen gegenüber. In der jetzigen Gemein- 
sprache sind teilweise die mitteldeutschen Formen, teilweise 
die oberdeutschen verallgemeinert. Kurzes u ist nicht um- 
gelautet vor gewissen Verbindungen mit Nasal, gg, cl:, ch, pf, 
tz. Ohne Umlaut sind in die Schriftsprache aufgenommen: 
Wonne aus mhd. wunne {wünne), Kunde, Icundig, dagegen 
künden, aber wiederum erkunden neben erkundigen, um (in 
älteren md. Texten um), {ah)sUimpfen (bei Ad., Voß u. a. stumpfen), 
hungern (anhd. auch hungern, wie Clajus vorschreibt), ducken 
{ducken daneben bis in den Anfang des 18. Jahrb.), schlucken, 
spucken, gucken, rupfen, schupfen {schuppen), stupfen, tupfen 
(nordd. tippen), zupfen, putzen, stutzen. Vgl. dagegen Brücke 
(oberd. Brück, Brücken, dazu Ortsnamen Brugg, Innsbruck usw.), 
Bücken = mhd. rücke, ahd. rucki (doch Bucksack aus dem Bair. 



252 II, 7. Vokalwechsel. 

aufgenommeu), Stück = abd. stuckl, Glück == mhd. gelücke, 
hucken, pflücken. Bei manchen Wörtern reicht das Schwanken 
bis in die neuere Zeit, wobei sich dann zum Teil Bedeutungs- 
diflFerenzierung eingestellt hat. Neben llücke steht die oberd. 
Form Mucke (vgl. Mit Geduld und Spucke fängt man eine 
Mucke) ^ welches in der abgeleiteten Bedeutung „eigensinniger 
Einfall" allgemein geworden ist. Neben oberd. Suh steht 
uordd. Sähe. Drücken und drucken werden jetzt so unter- 
schieden, daß drucken auf Buch- oder Zeugdruck beschränkt 
ist, eine Unterscheidung, die sich erst im Laufe des 18. Jahrh. 
durchgesetzt hat; Goe. gebraucht noch häufig drucken für 
drücken. Auch die jetzige Sonderung von zuckert und zücken 
ist jung; bis in den Anfang des 18. Jahrh. werden beide unter- 
mischt gebraucht. Ziemlich gleichgebräuchlich sind jucken 
und jucken; neben lüpfen und hüpfen haben sich lupfen und 
hupfen lauge auch in der Literatur erhalten. Auch rucken 
neben rücken gebraucht z. B. Goe. noch häufig, auch später 
wird es namentlich in intransitiver Verw^endung gebraucht 
(s. DWb.). Wenn nutzen neben nützen steht, so könnte dies 
darauf beruhen, daß im Ahd. 7mzzön neben nuzzen, nuzzan 
vorkommt, doch setzt sich auch das ahd. Adj. nuzzi jetzt als 
nütz und nutz fort, letzteres namentlich in dem substantivierten 
Nichtsnutz. Unklar ist, woher das Schwanken zwischen ur- 
sprünglich kurzem u und ü vor einfachem r stammt; in Kur, 
Kurfürst aus ahd. kuri ist u verallgemeinert, in der Zus. 
Willkür dagegen «Y; ferner ist u in Spur verallgemeinert, das 
nur auf ahd. *spuri zurückgehen kann, während spüren Umlaut 
hat wie Tür, für aus ahd. turi, furi. Das Schwanken zwischen 
duften und duften (letzteres im 18. Jahrh. sehr häufig) gehört 
wohl nicht hierher, sondern weist auf Verschiedenheit der 
Bildungsweise. 

Mhd. uo = nhd. ü, mhd, ou = nhd. au und mhd. ü = nhd. 
nii werden im Oberd. nicht umgelautet vor Labialen und Velaren. 
In die jetzige Schriftsprache sind ohne Umlaut aufgenommen 
rufen (mit j- Bildung im Präs.), suchen, Haupt aus ahd. houhit, 
doch daneben zu Raupten, Laiihe aus ahd. *lauhja, erlauben, 
glauben, raufen, Taufe aus ahd. tauft, taufen, gaukeln, zaubern. 
Lu. hat die Formen Heupt, erleuben, gleuben, reufen, Teufe, 
teufen, geukeln, zeubern, und diese erscheinen auch bis in das 



Umlaut. Wechsel zwischen e und i. ^oo 

17. Jahrb. Auch neben kaufen, (bis im Abd. die Doppelformen 
loufön und Jiouf(j)an zeigt, gebrauchen md. Schriftsteller (auch 
Lu.) bis ins 17. Jahrb. keufen, welches in den Mundarten noch 
fortlebt. Dagegen mit Umlaut sind aufgenommen Hübe (oberd. 
Fiiibe, noch bei Schi, in der 1. Ausg. der Räuber If, 155 und 
Rüekert), üben, betäuben, sträuben, stäuben, stäupen, beugen, 
leugnen, bäumen, säumen = mbd. soumen, träumen, säumen, 
säubern, träufeln, säumen = mhd. sümen, schäumen. 

2. Wechsel zwischen e und i, 

§ 120. Im Mhd. wechseln e und i, die im Nbd. teils 
kurz geblieben, teils gedehnt sind. Wie wir I § 43, 3 gesehen 
haben, ist urgerm. e zu ? geworden vor einem zur gleichen 
Silbe gehörigen Nasal, vor anderen Konsonanten nur, wenn in 
der nächstfolgenden Silbe ein i oder j stand, wobei zu beachten 
ist, daß auch ein i, welches durch die westgerm. Vokalsynkope 
geschwunden ist, diese Wirkung hinterlassen hat. Im erstereu 
Pralle ist kein Wechsel zwischen verwandten Formen entstanden. 
Daher z. B. im Präs. der 3. Klasse der starken Verba wie 
binden, schtvimmen durchgängiges i. Im letzteren Falle dagegen 
war vielfach Veranlassung zum Wechsel gegeben. Im Ahd. 
ist weiter e auch vor folgendem u zu i geworden. Daher 
haben im Ahd. die Verba der 3. Klasse, in denen nicht Nasal 
auf die Wurzelsilbe folgt, und die der 4. und 5. ein i im Sg. 
Ind. Präs. und in der 2. Sg. Imp., vgl. hilfu, hilßs, hüfit, hilf: 
im Imp. war das idg. e im Urgerm. zu i geworden, bevor es 
abfiel. Im Mhd. ist i in den gleichen Formen bewahrt, so 
auch in den jetzigen oberd. Mundarten, während im Mitteid. 
und in der jetzigen Schriftsprache in der 1. Pers. e eingetreten 
ist. Außerdem liegt der Wechsel noch in der Wortbildung 
vor, wenn auch vielfach durch Ausgleichung beseitigt, ans 
reichlichsten bei den Kollektivbildungen : Berg — Gebirge, 
Feld — Gefilde, Hecht — Gericht, Stern — Gestirn, Wetter — 
Geivitter, Feder — Gefieder. Vgl. ferner Herde — Hirt (ahd. 
herta — hirti), sehen — Sicht (?"- Stamm), geschehen — Geschichte 
(/-Stamm), geben — Gift (i- Stamm), begehren, gerti — Gier, 
Begier (ahd. giri), Begierde (ahd. giridä), Erde — irdisch, irden 
(mhd. irdin), geben — ergiebig, währen — langwierig, schivären — 



254 II, 7. Vokalwechsel. 

schwierig (nicht mehr als verwandt empfunden), reclit — richten 
(Verb, der 1. sw. Konj.), schlecht — schlichten (woraus erst in 
jüngerer Zeit schlicht gebildet ist), Fleck — flicken, Schmer — 
schmieren, scheel — schielen, gelb — vergilbt, Stern — gestirnt; 
hierher gehört ursprünglich auch wert — Würde aus mhd. ivirde, 
ahd. ivirdi. 

Im Ahd. hat sich urgerm. i unter gewissen Bedingungen 
zu e gewandelt, vgl. I § 133. Infolge davon ist aber in der 
jetzigen Sprache nur in wenigen Fällen ein Lautwechsel zurück- 
geblieben, vgl. Pech — pichen, Speck — spicken, keck — erquicken 
(die aber jetzt in der Bedeutung weit voneinander abweichen), 
er — ihn, ihm, ihr. Zwischen lernen und List fühlt man jetzt 
keinen Zusammenhang; Steg hat die gleiche Ablautstufe wie 
gestiegen, aber ohne daß beides in direkte Beziehung gesetzt 
wird. Mhd. Schwankungen wie schirm — scherm, schif — schef, 
Urnen — lernen sind jetzt beseitigt. 



3. Wechsel zwischen ti und o. 

§ 121. Auch hier liegt ursprünglich kurzer Vokal zugrunde, 
der im Khd. zum Teil gedehnt ist. Das urgerm. u ist außer 
vor einem zur gleichen Silbe gehörigen Nasal zu o geworden, 
wenn in der folgenden Silbe a, e oder o stand, vgl. I § 43. 
Auch hierbei haben Vokale, die schon durch die westgerm. 
Synkope ausgestoßen sind, diese Wirkung gehabt. Im MLd. 
zeigt sich der Wechsel innerhalb der starken Konjugation noch 
insofern, als da, wo der PI. des Prät. u hat, das Part, o zeigt, 
vgl. si hüten — geboten, si stürben — gestorben; im Nhd. ist dieses 
Verhältnis nur noch in wurden — geworden bewahrt. Wechsel 
in der Wortbildung: hold (o- Stamm) — Huld (ahd. huldi), Gold 
(o-Stamm) — Gidden (mhd. guldin); geborgen — Burg (i-Stamm), 
gebrochen — Bruch, geboren — Geburt, gerochen — Geruch, ge- 
flogen — Flug, geflohen — Flucht, erkoren — Kur, geschossen — 
Schuß, gesprochen — Spruch, geworfen — Wurf, gezogen — Zug, 
gekommen — kunft, genommen — {Ver)titmft. Da u vor folgendem 
i oder j zu ü umgelautet ist, so ergibt sich auch ein Wechsel 
zwischen o und ü. Zu den angeführten Wörtern gehören zum 
Teil flektierte Formen und Ableitungen mit ü, vgl. Sprüche, 
Einkünfte, brüchig, künftig, flüchten, flüchtig, Flüchtling. Es 



Wechsel zwischen a und o, ea und ie. 25a 

gibt aber auch Fälle, in denen das vermittelnde u neben o 
und ü fehlt, vgl. voll — füllen, Fülle (ahd. fulli), Zorn — sürnen, 
Knopf — knüpfen, Loch — Lücke, Tür (abd. luri) — Tor, für — 
for (ahd. /im' — fora), borgen — Bürge, dorren — dürr. Ein 
früher vorhandener Wechsel ist teils durch vollständige Au- 
gleichung beseitigt, vgl. golden neben dem poetischen gülden, 
wollen statt älterem wüllen zu Wolle, Antwort = mhd. ant- 
würte, teils durch eine partielle Angleichung, indem entweder 
für u oder für ü ö eingetreten ist. Ersteres ist der Fall 
in Furcht = mhd. vorhtc nach fürchten, ferner im Prät. durfte 
= mhd. dorfte nach dürfen, letzteres in hölzern gegen mhd. 
hülzin, hörnern gegen mhd. hürnin, auch golden früher neben 
golden, mögen = mhd. mügen nach mohte, wonach auch möglich 
= mhd. mügelich; auch neben dürfen, durfte findet sich bis 
ins 18. Jahrh. mit umgekehrter Angleichung dörfen, dorfte\ 
anhd. (noch bei Hermes) ist auch zörnen. Vgl. übrigens § 81. 

Aum. Ausgleichung zwischen hold und Huld findet sich bei den 
schlesischen Dichtern: Holde für Huld Op. 1,9; Hold für Huld Gryphius 
T. 3fi9, 216, Lohenstein Cleop. bfiS; huld für hold (: Gedult) Op. K. 215, hl. 
Neben Fülle steht Völle (s. die Belege bei Sa.), was auf die schon im 
Ahd. durch Ausgleichung entstandene Form folii zurückgehen kann. Ver- 
einzelt erscheint vollen statt füllen: ein gevölltes haus Gryphius T. 411,255; 
Völlerei ist an Stelle von Füllerei getreten , das bis in den Anfang des 
18. Jahrh. vorkommt, s. DWb. 



4. Wechsel zwischen ea und ie. 

§ 122, Dem Wechsel zwischen u und o steht der zwischen 
ahd. hl und eo, io parallel, vgl. I § 43. Ahd. io erseheint im 
Mhd. als Diphthong ie, im Nhd. als langes i, geschrieben ie; 
iu ist zu langem ü geworden und dann im Nhd. zu eit 
diphthongiert. Der Wechsel bestand ursprünglich in der 
zweiten starken Konjugation, vgl. hiutu, hiutis, hiutit, Imp. hiitt, 
während die übrigen Formen des Präs. io zeigen, also Inf. 
hiotan. Er behauptete sich im Mhd., auch noch bei Lu. mit 
der Modifikation, daß die 1. Pers. den Vokal des Inf. annahm, 
also ich biete, du beut{e)st, er beut(et), beut. Allmählich ist 
dann Ausgleichung zugunsten des ie eingetreten, nur in der 
poetischen Sprache haben sich von einigen Verben die Formen 
mit eu erhalten. Auch sonst sind nur wenige Beispiele des 



256 II, 7. Vokalwechsel. 

Wechsels übriggeblieben: siech — Seuche (abd. siuhM), Licht 
aus mhd. lieht — leuchten, tief — Teufe = abd. ^n</l, in der 
Bergmannssprache, während sonst Tiefe mit Angleichung an 
das Adj. zur Herrschaft gelangt ist, entsprechend auch Liebe. 
Vor tv hatte sich iu in allen Fällen behauptet, daher Reue, 
Treue, bleuen aus abd. riuiva, triuiva, bliuivan. 

5. Ablaut. 
§ 123. Die aus dem Idg. überkommenen Ablautsreihen 
(vgl. I § 40) sind durch die jüngere Lautentwieklung sehr iu 
Verwirrung geraten. Namentlich durch den Übergang von e 
in /', M in o, die Kontraktion von Diphthongen, den Umlaut 
und die nhd. Vokaldehnung ist vielfach Spaltung eines früher 
einheitlichen Lautes eingetreten. Dabei aber hat sich wieder 
Zusammenfall von Lauten verschiedenen Ursprungs ergeben. 
Wir betrachten zunächst die sechs Reihen, die in der starken 
Konjugation erscheinen. 

§ 124. 1. Reihe. 

urgerm. i ai i 

mhd. i ei — e i — e 

nhd. ei ei (ai) — e i — i — e — e 

steigen — stieg (bei Lu. noch steig) — stiegen, gestiegen; dazu 
Steig (mhd. stic) — steigern — Steg (mhd. stec), Stegreif, leiden 
(ursprünglich auch in der Bedeutung „gehen") — litt (bei Lu. 
noch leid) — gelitten; dazu leid, Leid (mhd. leit), leiten („gehen 
machen") — ledig (mhd. ledec). reißen (mhd. ri^en) — reiseti 
(mhd. reiben) — Biß, ritzen, beißen (mhd. bi^en) — beizen (mhd. 
beizen) — Biß, Bissen, bitter, zeihen — zieh (mhd. zech) — ge- 
ziehen; zeigen {va\\^. zeigen) — Verzicht, verzichten, bezichtigen, 
leihen (mhd. Uhen) — Lehen (mhd. lehen). lehren (mhd. leren) — 
List, lernen. Schweiß (mhd. swei^) — schwitzen, heiß (mhd. 
hei^) — Hitze. 



§125. 


2. Reihe. 




urgerm. eu {iu) 


au 


u 


mhd. iu — ie 


OU — öu — 6 — oe 


u — ü — — ö 


nhd. eu — ie 


au — äu {eu) — 6 — ö 


(*.) (a) (a) (a) 

u — Ü — Ö 






' 



Ablaut. 257 

biegen — bog (mhd. hone — hiigen) — gehogen ; dazu heugen (mhd. 
höugcn) — Bogen, Bug, Bügel, hüeJcen, Buchel. bieten (beut) — 
bot (mhd. bot — hüten) — geboten; dazu Gebot, Bote, Büttel, 
ziehen — sog (mhd. zöcli — sugen) — gezogen; dazu Zucht, Zügel, 
zucken, zücken, zögern, riechen — roch (mhd. rouch — ruchen) — 
gerochen ; dazu Bauch, rauchen, räuchern — Geruch, genießen — 
genoß {mh^. genö^ — genu^^en) — genossen; dazu Meßibrauch) 

— Genosse (mhd. genö^) — Genuß, Nutzen, Nutz, nützen, nütze. 
liehen — erlauben, glauben — Lob, loben — geloben, Gelübde, 
siech, Seuche — Sucht. 

In einigen Wurzeln besteht im Urgerm. auch ü, das sich 
im Mhd. in ü und iu spaltet, die im Nhd. zu au und äu (ew) 
werden und dadurch mit der Stufe urgerm. au zusammenfallen. 
Hierher gehört saufen (mhd. süfen) — 50/^' (mhd. souf — suff'en) — 
gesoffen; dazu ersäufen (mhd. ersäufen) — Suff, süffig, saugen 
(mhd. sügen) — sog (mhd. souc — sugen) — gesogen; dazu säugen 
(mhd. saugen). Treue (mhd. triiave), treu — trauen (mhd. trüiven) 

— Trost. 

§ 126. - 3. Reihe. 

urgerm. e — / a u — 

mhd. e — i a — e (a) u — n — — ö 

nhd. e — / a — e («) u — ü — — v 

binden — band — gebunden; dazu Binde, Gebinde — Band, an- 
bändeln, bändigen — Bund, Bündel, bündig, rinnen — rann — 
geronnen (mhd. gerunnen) ; dazu Rinne, Rinnsal — rennen — 
Runs, {blut)rünstig. brinnen (mhd.-anhd. st. V., jetzt unter- 
gegangen) — Brand, hremien — Brunst, brünstig, trinken — 
Trank, Getränk, tränken. Tränke — Trunk, schwingen, Schtvinge 

— Schwang, Schwengel, Schwank, schivenken — Schwung, bergen 
(birgst) — barg — geborgen ; dazu Berg (?) , Gebirge (?) — Burg, 
Bürge, borgen, verderben — verdarb — verdorben; dazu ver- 
derben (schw. V. mit Umlauts -e), derb (?), darben, darf — dürfen, 
{Not)durft, dürftig, iverden — ivard — wurden, geivorden ; dazu 
-ivärts (mhd. -ivert) — gegemvärtig. Rinde — Rand, blind — 
blenden. Gesinde (zu einem mhd. sint „Weg") — senden. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 17 



258 II, 7. Vokalwechsel. 

§ 127. 4. Reihe, 

iirgerm. e — i a e u — o 

mhd. e — i a — e ä — ce u — ü — o — ö 

(*) (a) (a) (a) ^ A (a) (a) (a) Ca> 

nhd. e — i a — e a — ä u — ü — o — ö 



nehmen {er nimmt) — nahm (mhd. nam — nämen) — genommen; 
dazu {Ein)nahme, genehm — Vernunft, gehären (mhd. hern 
„tragen) — gebar — gehören ; dazu Bahre, -har (mhd. -hcere, Adv. 
-häre eigentlich „tragend"), gebaren, Gebärde — Geburt, Bürde, 
Gebühr, gebühren, brechen, {Flachs)breche, gebrechlich — Brache, 
brach — Bruch, Broclcen, brocken, bröcJieln. ziemen (mhd. semen, 
e^ zimi) — zahm, zähmen — Zunft. 

§ 128. 5. Reihe. 

Urgerm. 4' — i a e 

mhd. e — i a — e ä — cb 

(a) (a) (a) (a) 

nhd. ei a — e da 



geben (er gibt), gegeben — gab (mhd. gap — gäben); dazu ergiebig, 
Gift, {Mit)gift — Gabe, gäbe, essen — ätzen, atzen — Fraß, 
gefräßig, sitzen, Sitz, gesessen, seßhaft (zu mhd. se^ j.Sitz), 
Sessel — Satz, setzen — Gesäß (mhd. gesce^e), Truchseß (mhd. 
iruchsce^e), ansässig (Weiterbildung zu mhd. ansoe^e). wägen 
und wiegen (beide aus mhd. wegen entstanden) — ivog (mhd. 
wac — wägen) — getvogen {mhd. geivegen; e erhalten in verwegen); 
dazu Weg, Wiege, Gewicht — beivegen (sw. V.), wackeln, Wagen — 
Wage, wagen, Woge (mhd. tväc M.). genesen — nahrhaft (zu mhd. 
nar „Nahrung"), Nahrung, nähren. 

§ 129. 6. Reihe. 

Urgerm. a 6 

mhd. a — e uo — üe 

(a) (a) (a) 

nhd. a — e{ä) ü — ü 

fahren, gefahren — fuhr ; dazu Fahrt, fertig, Fähre, Ferge (ver- 
altet „Fährmann") — Fuhre, führen; von dieser Wurzel erseheint 



Ablaut. Konsonanten. 259 

aüeh die Stufe u in Furt, graben, gegraben — grtih ; dazu Grab, 
Graben —Grube; auch hierzu die Stufe u in grübeln (ahd. 
grubilön). gestanden (zum Präs. ahd. stantan) — stund (verkürzt 
aus mhd. stuont) ; dazu Stadt, Statt, Stätte, Statt aus mhd. statc 
in zu Statten konmien u. dgl., wozu statthaft, stattlich, gestatten, 
Gestade. 

§ 130. Die Ablautsreihe urgerm. e — ö mit Schwundstufe 

^ A A (a)(a) 

a = mhd. ä, ce — uo, üe — a, e = nhd. a, ä— ü, ü — a, e er- 
seheint im Deutschen nicht mehr in der starken Konjugation; 
wohl aber in der Wortbildung: getan. Tat — tun\ spät — sputen; 
{TJn)flat (mhd. flät zu fcejen „spülen") — Flut; bähen (mhd. 
bcBJen) — Bad (V). 

§ 131. Nicht auf den idg. Ablaut zurück, wenn auch 
vielleicht durch Verhältnisse wie Hinge — Jclang — geldungen 
beeinflußt, geht ein Vokalwechsel in onomatopoetischen Wörtern, 
vgl. bimbambum, piffpoffpuff, ticJdacJc, gicJigacl', hiclliack, klipp- 
klapp, klingklang, Singsang, Schnickschnack, Mischmasch, Zick- 
zack, Wirrivarr, Krimskrams, Wischiivaschi, Tingeltangel, liruni- 
larum. Es werden auch schallnachahmende Verba, die sich 
nur durch den Wurzelvokal unterscheiden, formelhaft durch 
und verbunden, vgl. flimmern und flammern, klippen und klappen, 
knistern und knastern, kribbeln und krabbeln, ri schein und 
rascheln. Es ist wahrscheinlich, daß meistens das eine von 
den beiden erst dem anderen infolge des onomatopoetischen 
Triebes nachgebildet ist. 



Kap. 8. Allgemeines über die Konsonanten. 

§ 132. Wir teilen die Konsonanten nach dem Vorgange 
von Sievers zunächst in Geräuschlaute und Sonorlaute. Unter 
den letzteren verstehen wir diejenigen, die wie die Vokale 
durch eine Modifikation des Stimmtones entstehen, also die 
Nasale und l r. Nach einer strengen Systematik wäre die 
Einteilung allerdings wohl etwas anders zu machen. Ein anderes 
Einteilungsprinzip ergibt sich nach der Artikulationsstelle. 
Danach unterscheiden wir die drei Hauptgruppen: Labiale 
{p, ^! f, ^^> ^0? Velar -Palatale, gewöhnlich unrichtigerweise 



260 II, 8. Allgemeines über die Konsonanten. 

als Gutturale bezeiclinet {h, g, cli, ü), Dentale {t, ä, s, seh, n, 
l, r). Die Labiale zerfallen wieder in zwei Unterabteilungen: 
rein Labiale (i), b) und Dentilabiale {f, iv nach der heutigen 
mustergültigen Aussprache). Die velar-palatalen Laute können 
bald weiter hinten, bald weiter vorn am Gaumen gebildet 
werden, wonach man zunächst zwei Gruppen unterscheiden 
kann, die am hinteren weichen Gaumen, dem Gaumensegel, 
gebildeten Velare und die am vorderen harten Gaumen ge- 
bildeten Palatale. Die Dentale würden richtiger als Alveolare 
bezeichnet, da sie normalerweise im Deutschen <lurch Anlehnung 
der Zungenspitze an das Zahnfleisch (alveoli) gebildet werden. 
Wieder nach einem anderen Einteilungsgrunde scheiden wir 
die Geräuschlaute in Verschluß- und Reibelaute [p, h, k, g, t, d — 
f, w, eil, s, seh). Endlich unterscheiden wir zwischen Fortes 
und Lenes, je nachdem der Expirationsstrom und im Zusammen- 
hang damit der im Mundkanal geleistete Widerstand stärker 
oder schwächer ist. Die Verschluß -P>R'tes (p, Je, t) bezeichnet 
man gewöhnlich im Anschluß au die griech. Grammatik als 
Tenues, die Verschluß -Lenes (&, g, d) als Mediae. Die Ver- 
schluß- und Reibelaute können als Lenes unter Mitwirkung 
des Stimmtons (tönend) oder ohne eine solche (tonlos) gesprochen 
werden. Einen Unterschied zwischen Fortis und Lenis kann 
man auch bei den Sonorlauten machen, nur daß derselbe nicht 
bezeichnet wird außer eventuell durch Verdoppelung. 

§ 133. Wie in § 29 gezeigt ist, hat sich im Nhd. eine 
Ausgleichung der Silbenquantität vollzogen, von der nicht nur 
die Vokale, sondern auch die Konsonanten berührt sind. Die 
im Mhd. mit einem Kons, schließenden betonten Silben (vgl. 
Lan-des, Man-nes) sind in ihrer Quantität reduziert, wobei es 
eben der schließende Kons, ist, der Einbuße erlitten hat. Ander- 
seits haben die im Mhd. auf kurzen Vokal ausgehenden Silben, 
soweit dieser nicht gedehnt ist, eine geringe Vermehrung ihrer 
Quantität erfahren, indem der ursprünglich zur hinteren Silbe 
gehörige Kons, auf die vordere und hintere Silbe verteilt ist 
(mhd. go-tes = nhd. Got-tes). Hierbei erhalten die Konsonanten 
auch eine Verstärkung ihrer Intensität. In Niederdeutschland 
können dabei die Lenes h, g, d, s ihren Lenischarakter bewahren, 
indem die Verstärkung dem damit verbundenen Stimmton zu- 
fällt. Daher sind auch in die Schriftsprache manche Schreibungen 



Konsonauten: Allgemeiues. Labiale. 261 

mit hb, (jg, dd aufgenommen. Dagegen bedingt im Ober- und 
Mitteldeutschen, wo die Lenes ohne Stimmton gesprochen werden, 
die Verstärkung den Übergang in Fortis {zappeln usw. s. § 35). 
Das Oberdeutsche kennt, wie es scheint, auch eine Verstärkung 
des h, wobei dasselbe zu dem Laute des cli wird, der auch 
im Westgerm, die Verdoppelung des /* vertritt, vgl. § 189. 

§ 134. Die Ableitungssilben -el, -er, -en scheinen unter 
den gleichen Bedingungen, unter denen sie Kürze des vorauf- 
gehenden Vokals verbunden mit Verstärkung des dazwischen 
stehenden Kons, veranlaßt haben, eine solche Verstärkung auch 
bewirkt zu haben, wenn diesen Konsonanten noch ein anderer 
Kons, oder auch Diphthong vorherging. So ließe sich der 
Übergang von d in t in hinten, hinter, unten, unter und in 
poltern (vgl. § 202) erklären, ebenso der Übergang von h in p 
in Knorpel. Ferner erklärt sieh vielleicht so Morchel aus mhd. 
morhel und die Vorstufe färchelm aus färhelin zu unserem 
Ferkel, vgl. § 173. Auch Verstärkung des mhd. v, auf die 
Sehreibungen wie Zweiff'el, Teuffd hinzuweisen scheinen, könnte 
hierher gehören, vgl. § 152. 



Kap. 9. Die einzelnen Ueränsclilaute. 

Labiale. 

P- 
§ 135. In der Theaterspraehe wird p im Anlaut der 
betonten Silbe aspiriert gesprochen. Das Oberdeutsche kennt 
diese Aussprache für schriftsprachliches ^j nicht, außer hier 
und da bei Entlehnungen aus der Schriftsprache. Sonst findet 
sich die Aspirata, wo h und h nach Synkope aneinander stoßen, 
vgl. SLlam. 2)'' alte, 2^'' iiete = behalten, behüten. Das unaspirierte 
oberdeutsche p unterscheidet sieh vom b, da dieses auch ohne 
Stimmton gesprochen wird, weit weniger scharf, als das 
schriftsprachliche 7; vom schriftsprachlichen b. In Obersaehsen 
und Thüringen sind beide Laute vollständig zusammengefallen. 
Die aspirierte Aussprache des p im Schriftdeutschen kann 
wohl nur ausgegangen sein von den nördlichen Mundarten, die 
urgerm. jj nicht zu 2^f verschoben haben. Von da muß diese 



262 II, 9. Die einzelneu Geräaschlaute. 

Aussprache auch auf dasjenige p übertragen sein, das einen 
ganz anderen Ursprung hatte. 

§ 136. Nach der hochdeutschen Lautverschiebung war im 
Oberd., auch im Ost- und Südfräuk., urgerm. p nur in der 
Verbindung sp geblieben. So im Anlaut, vgl. spähen, spalten, 
Span, Spange, spannen, sparen, Sparren, spät, Spaten, Spatz, 
Specht, Speck, Speer, Speichel, speien, Sperber, Sperling, 
sperren, Spiel, Spieß, spinnen, spitz, spleißen, Splitter, Sporn, 
Spott, sprechen, spreiten, spreizen, Spreu, sprießen, springen, 
spritzen, spröde, sprudeln, sprühen, spucken, Spuk, Spule, 
spülen, Spund, Spur, sputen; in Lehnwörtern wie Speicher, 
Speise, Spiegel u. a. Seltener ist es im Inlaut, vgl. JEspe, 
Haspe, Haspel, Knospe, lispeln, Rispe, wispern; in dem Lehn- 
wort Mispel (lat. mespilus). Statt Wespe haben wir im Ahd. 
tvefsa, im Mbd. wefse; die nhd. Form ist wohl durch lat. vespa 
beeinflußt. In Wispel ist die Verbindung nicht ursprünglich; 
es ist erst im Nhd. aus dem Nd. aufgenommen und geht zurück 
auf älteres wichschepel. 

§ 137. Die jetzige Schriftsprache hat außerdem p (ab- 
gesehen von der besonders zu behandelnden Verbindung pf) 
wieder in einer beträchtlichen Zahl von Wörtern. Der Ursprung 
dieses neuen p ist verschieden. 

Anlautendes p findet sich in einer Anzahl aus dem Nd., 
zumeist ziemlich spät in die Schriftsprache aufgenommenen und 
zum Teil nur in Norddeutschland üblichen Wörtern, vgl. Fack, 
packen, Padde (Frosch) in norddeutscher Vulgärsprache, all- 
gemein üblich in Schildpatt als Stoflfbezeichnung, Felle nordd. 
„Schale von Obst, Kartoffeln u. dgl", zufrühest im Ndl. belegt, 
dazu pellen, Pellkartoffeln, piepen, piesacken (plagen), Pinke 
(eine Schiffsart), pinkeln (harnen), pinken (Funken schlagen), 
pinseln (weinerlich klagen), pissen. Placken (Fleck), pladdern 
(im Wasser plätschern, Wasser verschütten, Schweiz, pfladeren), 
plump, plumpen (pflumpf, pflumpfen, oberd. bei H. Sachs, 
Blumauer, Schi.), plustern (die Federn sträuben), Pocke (oberd. 
Pfoche), pökeln (zu mnd. p ekel „Salzbrühe"), Pott (Topf) in 
nordd. Vulgärsprache, allgemein in Pottasche, prahlen (zu mnd. 
präl „Lärm", „Prunk"), prall, prallest, prellen (schon mhd. in 
md. Texten), Pranger (zuerst mnl.), prickeln (mnd. prekelen), 



Labiale: p. 2Go 

prunken, prusten (schnauben, niesen), pusten, Pute{r); ferner 

die alten Lehnwörter Pacht (aus lat. pacta, mhA. pfahte „Vertrag", 

„Festsetzung"), Peyel (aus mlat pagella), Pinne (,.kleiner Nagel'', 

aus lat. pinna, das im Mlat. auch die Bedeutung „Nagel" hat, 

mhd. und anhd. ^^wwe), Pips (Krankheit des Federviehs, aus 

mlat. pipita = alat. pituita, ahd. pkiphi^, noch jetzt oberd, 

pßffis). Auch Paushack{e) wird hierher gehören; die oberd. 

Form Pfausbach noch bei Pest, und Gotthelf; es gehört zu 

einem oberd, Verb, pfausen; allerdings stehen daneben auch 

hausen, BaushacJc. 

§ 138. Aber auch für älteres h (oberd. Z; — })) hat sich 

jetzt in der Schriftsprache vielfach jj festgesetzt. Nach der 

I § 125 berührten Auffassung wäre ein solches p im Bair. 

schon in der frühahd. Zeit vorhanden gewesen. Sicherer ist, 

daß sich im Spätahd. ein Wechsel zwischen Lenis und Fortis 

nach dem Satzzusammenhange herausbildete, wie die Schreibung 

Notkers zeigt. Damit war die Möglichkeit gegeben, daß sich 

in manchen Wörtern p für b in der Mundart festsetzte. Für 

* . 
die spätere Regelung in der Schriftsprache kommt weiter der 

völlige Zusammenfail von b und j) im Obersächs.-Thüring. in 
Betracht. 

Noch andere Momente sind bei den Lehnwörtern zu be- 
rücksichtigen, in denen lat.-rom. ^ zunächst durch die Lenis 
ersetzt worden ist (vgl. I § 130). Hier konnte sich, nachdem 
überhaupt wieder anlautende Fortis in der Sprache vorhanden 
war, erneuerte Anlehnung an das Grundwort geltend machen. 
Besonders den gelehrten Grammatikern war die Rücksicht auf 
das Lat. natürlich, vgl. z. B. die Äußerung Aichingers (S. 53): 
„Peh besser als Beh, wegen des lat. pellis''. Wenn aber in 
der Schriftsprache auch gegen die oberdeutschen Mundarten 
p in solchem Maße durchgeführt ist, so beruht dies gewiß auch 
auf dem Einflüsse des Nd., auch des Mfränk. und Rheinfr. 
Denn hier, wo p im Anlaut nicht verschoben war, ist das 
lat. j) auch von Anfang au durch das heimische p wieder- 
gegeben. Lehnwörter, die in der älteren Sprache mit b ge- 
schrieben werden, mit p nur insoweit, als dies auch in ein- 
heimischen Wörtern für schriftsprachliches b geschrieben wird, 
sind folgende: Papst (ahd. bäbist, mhd. bähest, noch bei Lu. 
Babst, Bapst, dagegen mnd. pävest), unpaß {unbaß noch im 



264 II, 9. Die einzelnen Geräaschlaute. 

18. Jahrb.), Fate (mhd. hate — pate, hate noch anhd., mnd. ^acZe), 
FecJi (ahd. 6e7i — peh, mhd. JecÄ — pech, hech neben pec/i noch 
anhd., vgl. auch verlieht, Simpl. Sehr. B. 1, 13, 32, mnd. peJc — 
pik), Feh (aus pellicea, ahd. helliz — pelliz, mhd. helliz, hellez, 
mnd. pels, Beiz noch bis tief ins 18. Jahrb., Felz von Ad. vor- 
geschrieben), pelzen („pfropfen'' aus * impellitare, woraus prov. 
empeltar, ahd. helzön — p'elzön, mhd. und noch anhd. heizen — 
pelzen, noch bei Aichinger 53: pelzen oder heizen), Ferle (aus 
mlat. perula, ahd. herala — perala, mhd. und noch anhd. herle — 
perle, Lu. einmal herle, sonst perle), Filger (mhd. hilgerln — 
pilgerin), Pinsel {slub penicelhis, mhd. hetisel — pensei), Planke 
(aus vulgärlat. planca, mhd. hlanJce — planke, mnd. planke, 
Blancken noch bei Opitz 6, 90), Platte (mhd. hlate — plate, mnd. 
plate), Pöbel (mhd. bovel — povel, h noch im 16. Jahrb.), predigen 
{ahd. hredigön — predigön, mhd. bredigen), Punzen („Grab- 
stichel", daneben noch nhd. Punzen aus it. punzotie). Bei 
einigen anderen Wörtern überwiegt schon frühzeitig p: Palme 
(sihd. p ahn a, mhd. pahne — halme), prüfen {mhd. prüeven — 
brüeven). Bei manchen erscheint die Schreibung mit h nur 
vereinzelt oder gar nicht: Paar {haar Simpl. 505), Palast, 
Panther, Panzer, Paradies, Fein (ahd.^lna aus lai. poena), Plage 
{pläga Notker aus \9X.plaga), Preis, Priester, Presse, Propst 
{ahd. prohast aus lai. propositus). Jüngere Entlehnungen sind in 
die Literatursprache mit p eingeführt. Doch wird in ober- 
deutschen Mundarten noch bis in die neueste Zeit romanisches p 
durch die Lenis ersetzt. Aus dem Slav. stammt p in Peitsche, 
Fetschaft, Popanz u. a. 

Anm. Für die Ersetzung von rom. p durch b bieten oberdeutsche 
mundartliche Texte reichliche Belege. So schreibt auch Schi. Bläsier 
3, 361,9; barrdu 362, 17. 

§ 139. Aber auch in manchen einheimischen Wörtern ist 
älteres b in der Schriftsprache durch p> ersetzt, vgl. patzig 
(anhd. &a^^e^ — patzet zu Batzen), Pauke {mhd. büke — püke, 
auch anhd. noch Batike, allerdings vielleicht doch ein Lehn- 
wort), Petz (Bezeichnung des Bären, im 16. Jahrh. auch Betz, 
Koseform zu Bernhard), dazu ein Fem. Petze, picken (mhd. 
bicken, hecken, anhd. noch hicken), Plan{e) („Überzug über einen 
Wagen", mhd. und noch anhd. blähe), plänkeln, im 18. Jahrh. 
blänkeln, blankem (Ad.), plappern (erst nhd., anhd. blappern). 



Labiale: ij. 265 

plärren (mhd. Herren), platten (mhd. hlatzen — platzen), plaudern 
(verwandt mit mhd. Modern), Plempe, plempern, Pluderhosen 
(auhd. bluderhosen), pochen (mhd, und bis ins 17. Jahrh. hochen), 
Polster (ahd. holstar, mhd. und noch anhd. holster n^heu polster), 
poltern (spätmhd. holdem), Pracht (mhd. hraht „Lärm", im 
IG. Jahrh. bracht — pracht, letzteres bei Lu.), prägen (mhd. 
broechen, einbrägen noch Hermes, Soph. R. 4, 163), prangen (mhd. 
und noch anhd. brangen, Lu. prangen), prasseln (mhd. brasteln, 
brassein, dies noch bei Lu. und A. Gryphius), prassen (anhd. 
noch daneben brassen, ndl. brassen), preßhaft (für bresthaft, 
im 18. Jahrh. verbreitet), Pritsche (vgl. mhd. britzelmeister, 
anhd. auch noch Britsche, zu Brett), prudeln (früher auch 
hriideln), Prügel (mhd. und noch anhd. brügel), Pudel (Budcl 
noch im 18. Jahrb.), purzeln (anhd. noch burzeln, bei Lu. 
purzeln, burzelt schreibt noch Heine 2, 53), putzen (spätmhd. 
und anhd. butzen zu Butz), putzig (putzet Opitz, K. 291, 296, 
butzig Rückert 1, 110, ebenfalls zu Butz). In der nordd. Um- 
gangssprache herrscht auch Puchel für BucJicl (Rücken, Rücken- 
auswucbs). Am häufigsten ist die Vertausehung vor l und >• 
eingetreten. 

Selbst in Lehnwörtern, wo lat.-rom. b zugrunde liegt, hat 
sich mitunter p festgesetzt, vgl. Panier neben Banner, früher 
auch Panner (Goe., Stolberg, Rückert) = mhd. banier{e) aus 
frz. baniere; PicJcelhaube, anhd. noch BicJcelhaiibe = mhd. becJiCii- 
hübe, bechelhübe (mlat. bacinetum, bacilletum); Pilz, bis ins 
18. Jahrb., z. B. bei Le. Bilz, früher Bills = ahd. '-^buli^ aus 
lat. boletus; Pokal, früher auch Bohd, im 16. Jahrh. entlehnt 
aus it. boccale, wobei die Schreibung mit p) w^ohl durch An- 
lehnung an lat. poculum veranlaßt ist; Posaune = mhd. busine, 
busünc aus altfrz. buisine, anhd. noch busaune, bosaune; Pranke 
(Tatze des Bären), spätmhd. entlehnt aus mlat. (it.) branca. 
Hierher würden auch Posse, Possen, anhd. auch bosse, gehören, 
wenn sie richtig aus frz. bosse abgeleitet werden. Pavian geht 
zunächst auf ndl. baviaan zurück. 

In Potz Wetter usw. liegt eine Entstellung aus Kotz, 
Gottes vor. 

Anm. Auch iu literarischen Quellen erscheint Puckel, wie das Wort 
in nordd. Aussprache lautet, vgl. Rachel 6,540; Zachariä, Phaeton 84; 
pucklicht Gryphius, Squenz 2ü; Schoch (s. DWb.); Tieck, Phant. 2, 12. 



266 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Nordd. ist auch die Aussprache Pretzel für Bretzel. Noch von anderen 
Wörtern finden sich Formen mit 2^ für b nicht bloß bei älteren ober- 
deutschen Schriftstellern, sondern auch bei mitteldeutschen und bis in 
neuere Zeit. So wird Panse für das eigentlich nd. Banse „Getreide- 
scheune" im DWb. belegt bei Rabener und J. Paul (vgl. auch Fixlein 77). 
Flitz ist die Form Opitzens, vgl. K. 94, 782. 97,62 u. ö. Polier schreibt 
noch Raimund 1, 304 (in einer Theateranweisung). Pölzen belegt das 
DWb. noch aus Günther; A.Wall schreibt Pulsen (Deutsche Erzähler ^4, 33). 
Prülle für Brille bei Gryphius, Squenz 33 ; Prille Lohenstein. Bei Ziegier, 
Banise 185, 26 steht puff ein. Pasch erscheint schon bei Jeroschiu, ist ge- 
wöhnlich bei Lu. (neben Busch), allgemein bei den schlesischen Dichtern 
(Belege aus Op., Fleming, Logau im DWb.); desgleichen Gepmche, vgl. 
Op. 13, 165; Insel Felsenburg 129,37; Lohenstein, Arm. 16»; Cleup. 3366: 
Chr. Weise, Erzn. 32. Besonders verbreitet ist Pursch(e) für Bursche ; das 
DWb. bietet (unter Bursche und Pursche) Belege z. B. aus Op., Birken, 
Scherffer, Logau, Günther, Haller, Hagedorn, Zachariä, Lichtenberg, 
Schi.; vgl. außerdem Op. K. 338,425 {Purß gesellen); Rost, Vorspiel 721; 
Übersetzung des Andrews 40 u. ö.; Andre, Schale der Väter 90. 134; 
Rautenstrauch, Vormundschaft 4; Die falschen Entdeckungen, Personen- 
verzeichnis u. ö. ; Der Schneider und sein Sohn 22 u. ö.; Friedel, Christel 
und Gretchen 70; Miller, Briefwechsel 1,111.151. 238. 337; Goe. 12, 249, 650; 
Musäus, Volksm. 3, 120; Schi. 2, ;i2, 10. 14. Vgl. auch Drechsler, W. Scherfter 
S. 29; v. Unwerth, Schlesische Mundart S. 71. 

§ 140. Im Inlaut ist pp in der jetzigen Schriftsprache 
häufig. Es hat verschiedenen Ursprung. 

1. Es entspricht niederdeutschem hh, das durch die west- 
germanische Konsonantengeminatiou aus urgerra. 5 entstanden 
ist. Im Ahd. und Mhd. wird dafür auch hh und ph geschrieben. 
Die Entwicklung ist also analog der des ck in Bücken (mhd. 
rügge) usw., vgl. § 170. Hierher gehören: Knappe, ursprünglich 
Nebenform von Knahe; Rappe, mhd. mit der Bedeutung „Rabe", 
Nebenform zu mhd. rahe, rahen; Krippe = alts. crihhea, ags. 
crihh\ Rippe = alts. rihh(e)a, ags. rihh; Sippe = alts. sihhea, ags. 
sihb, got. sihja; Kluppe „gespaltenes Holz zum Klemmen", zu 
Miehen; Gestrüpp, struppig zu sträuhen; üppig = ahd. üppig zu 
uppa „Nichtigkeit" (got. ufjö „Überfluß"?). Auch Schneppe 
kann man hierher stellen; doch ist es erst im Nhd. aus nd. 
snehbe (snihhe) entlehnt, ursprünglich gleichbedeutend und 
verwandt mit Schnahel. 

Anm. Krippe hat im Mhd. und Anhd. eine Nebenform kripfe (be- 
sonders alem.) , die auf einen urgerm. Wechsel deutet. Neben Rippe hat 
sich die Schreibung Rihhe lange behauptet, vgl. außer den Beispielen im 
DWb. (Sp. 1026. 7) Simpllc. 40 {Ribbstöße); Bode, Klinkers R. 1, 286; Wi. II, 



Labiale: i). 2G7 

3. 20S, 15. 2S2, 11; Herder i:i, 273,97. 23, 3()'J; Bretzner, Eheprokurator 37; 
Musäus, Volksm. 4, 61; Tieck, Dou Quixote 1, 193. 201. 235. 4, 2fi9 u. ö.; 
Phant. 3, 33; Kotzebue 33, 251; II. Kleist 2, 402. 445; Clauren 1, 169. Rihbe 
schreibt Gueintz vor (Orth. 117). In der Bair. Sprachk. heißt es Rippen. 
besser Ribben. Die Schreibang mit bb ist wohl dadurch begünstigt, daß 
daneben wie im Mhd. eine Form mit einfachem h bestand (Riebe), die 
von Lu. ausschließlich gebraucht wird und noch bis in das 18. Jahrh. 
dauert (vgl. DWb.). — Wenn Geliert, Fab. 1 , 50, 4 schreibt mit strupfichtem 
Gefieder, so liegt wohl eine verkehrte Verhochdeutschung vor. 

2. Es entspricht Diederdeiitschem jop. In den meisten 
Fällen ist zwar in der Schriftsprache die Verschiebung zu pf 
durchgeführt. Doch sind auch manche Wörter mit unver- 
schobenem 2U^ aufgenommen, was nicht zu verwundern ist, da 
auch die meisten md. Mundarten die Verschiebung nicht mit- 
gemacht haben, worunter auch das Obersächsische und das 
Schlesische. Teilweise sind die Wörter mit unverschobenem jj 
auch jetzt nur in Norddeutschland üblich. In den meisten 
Fällen ist p^j schon urgerm., in einigen Fällen ist es erst durch 
die westgerm. Gemination aus einfachem ^j entstanden. Hierher 
gehören: Eppich = ahd. ephi, ephich, mhd. epfich aus lat. apium\ 
happen „schnappen", Happen „Bissen", Häppchen, dazu happiy 
j.zugreifend", „derb" (bei Schriftstellern erst seit dem 18. Jahrh.); 
hopp zu hüpfen; happen „abhauen" (aus dem Ndl. aufgenommen); 
Tiippen, Kipype; Klappe, Idappen, klappern; Klepper, Busch- 
Txlepper, früher auch Klöpper, teils an klappen, teils an klopfen 
augelehnt, anhd. auch Klopfer (s. DWb.), noch bei Wi. II, 2, 
473, 26 Busch-Klöpfer; Klöppel, klöppeln zu klopfen, anhd. 
und oberd. Klöpfel; knapp (aus dem Nd. und Ndl.); Knappsack 
(desgl.); Knüppel aus Klüppel = Klöppel entstanden, anhd. 
auch Knüpfel; K-uppe (erst seit dem Ausgang des 18. Jahrh. 
nachweisbar), falls es mit Kopf zusammenhängt; Lippe, wofür 
oberd. ursprünglich Lefze; nippen = oberd. nüpfen, nipfen; 
Quappe in Aalqiiappe, Kaulq^uappe (doch erscheint auch die 
Schreibung mit hh, vgl. Quabbenschmause Musäus, Volksm. 4,4); 
ruppiy zu rupfen (bei Chr. F. Weiße nebeneinander riqjpich 
und rupficht); schleppen = mhd. sleipfen, noch oberd. schleipfen, 
Nebenform zu tYa.\isitiyem. schleifen; schnippen = hsiiT.schnipfen. 
dazu Schnippchen, Schnippel, sclmippeln; schnippisch, heute 
wohl als zugehörig zu schnipjpen, Schnippchen empfunden, doch 
wohl anderen Ursprungs mit Rücksicht auf anhd. aufschnüppig, 



268 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

aufschnüpfig; Schnuppe, Sternschnuppe zu scJmupfen; Schuppe, 
Schippe „Schaufel" zu oberd. schupfen, wofür nordd. schuppen 
gewöhnlich ist, wozu auch beschuppen „betrügen"; Schuppen 
= mhd. schupfe, wofür oberd. gewöhnlich Schopf; stippen 
„eintunken" = mhd.-oberd. stupfen; Stoppel = mhd.-oberd. 
stuphel\ Strippe = mhd.-oberd. strupfe, strupfe; tippen „mit 
den Fingerspitzen berühren" = tupfen; Trappe „Fußspur", 
trappen, trappeln, Getrappel; Treppe, verwandt mit Trappe, nur 
nordd., = südd. Stiege; Wippe, Wippchen, ivippen, Wipper 
„Münzverfälscher". Zweifelhaft bleibt es, ob hierher gehören 
Lappen (schon spätmhd. loppe), womit vielleicht ursprünglich 
identisch ist mhd.-anhd. läppe „einfältiger Mensch", wozu 
läppisch, steppen (schon mhd.), Trappe als Vogelbezeichnung 
(schon mhd.). Auch Schöppe (früher auch bei nordd. Schrift- 
stellern häufig) ist hierher zu stellen; dem entspricht hochd. 
Schöpfe = ahd. scephio, während die Form Schöffe damit 
nicht identisch ist (ahd. sceffin). 

Anm. 1. Aus der nordd. Vulgärsprache tauchen auch manche andere 
Wörter gelegentlich in der Schriftsprache mit nnverschobenem x>P stuf. 
So ist z.B. Schneppe im DWb. bei Zachariä und Wi. belegt; vgl. noch 
Chr. Weise, Cath. 13fi, 3(»; Frau Gottsched, Heirat IV, 3 ff. Heute ist diese 
Form namentlich im übertragenen Sinne = „Hure" üblich. Häufig ist 
Schnuppen in der Literatur, vgl. außer den Belegen im DWb, Wi., 
Merkur 5, 44; Goe. 39, 3, 20; Br. 25, 247, 3; für Schnuptuch noch Gryphius, 
Squenz 1^; Chr. Reuter, Schelm. 12; Gil Blas 1, 195. Vgl. noch Ober- 
köpchen D. Schaub. ü, 421; Kupperstücke Chr. Weise, Erzn. 83; entschlipjjen 
= entschlüpfen Loheust. , Arm. 57 b; verstoppe 3. Sg. Konj. Steinhöwel, 
Aes. 113; eines albernen Tropps Le. 6, 12«, 34; Wippeis Gryphius, L. 418, 374. 
Über pp bei schlesischen Dichtern vgl. auch Drechsler, W. Scherffer S. 2^. 

Anm. 2. Kaum hierher kann gehören schoppen „stopfen", wiewohl 
im Mhd. daneben eine Form schöpfen steht; denn das Wort ist ent- 
schieden oberd. 

3. Es kann aus einer fremden Sprache übernommen sein, 
so in Imppe aus mlat. cappa, Mappe aus mlat. map>pa, Puppe 
ans m\?ii. puppa. 

4. Es kann durch die nhd. Konsonantengemination aus 
einfachem p entstanden sein. Dies j) kann wieder verschiedenen 
Ursprungs sein. Aus einer fremden Sprache übernommen ist 
es in Koppel, früher auch Kuppel = mhd. Jcopel, Jcup)el aus 
lat. copula, mlat. cupla, frz. couple, dazu Jctippeln; Kuppel aus 
it. cupola ; in dem Ortsnamen Kappel = Kapelle. Nd. p) liegt 



Labiale : p. 2G9 

zugrunde in dem vulgären jappen = nd. gapen; wahrscheinlich 
in rappeln aus veraltetem rappen = hochd. raffen, nd, ropen. 
Nd. scheint schlapp zu sein neben schlaff, doch stimmt dazu 
nicht, daß es auch bei oberd. Schriftstellern erscheint. Dazu 
gehört jedenfalls Schlappe = „Lappen" u. dgl., Schlapplmt, 
während Schlajype „Schlag", „Niederlage" andern unsicheren 
Ursprungs ist. Hierher würde auch Schoppen gehören, wenn 
es, wie gewöhnlich angenommen wird, mit mnd. schöpe = mhd. 
schlafe identisch wäre. Aber dieses ist Fem. und bedeutet 
„Schöpfkelle", und die ursprüngliche Heimat von Schoppen ist 
Südwestdeutschland, so daß an nd. Lautgestalt kaum gedacht 
werden darf, und die Ableitung von schöpfen abzulehnen sein 
wird. Gemination infolge von Verkürzung des voraufgehenden 
Vokals liegt vor in Schuppe = mhd. sclmope] Tappe „Pfote" 
= mhd. täpe, wozu die allgemein gebräuchlichen tappen, 
täppisch] Wappen = mhd. tväpen\ Krüppel = mhd. hrüepel. 
Über das einfache p des Mhd. vgl. § 144. 

Anm. Wenn Sclierffer Schupfenheer, Lohenstein, Arminius 49^' 
schupfichten Panzern schreibt, so ist dies wohl eine falsche Verhoch- 
dtutschung;. — Vielleicht ist Hippje „sichelartiges Messer" hierher zu 
stellen, vgl. § 59 Anm. Die ahd. Schreibungen häpypa, habha weisen auf 
eine germanische Urform *hebjd. Dazu stimmt das mundartliche Jiäpe, häp. 
Heppe kann erst durch Verkürzung entstanden sein. 

5. Endlich kann pp auch durch Gemination aus mhd. h 
entstanden sein. Dies ist der Fall in zappeln = mhd. nabeln, 
auch anhd. noch oft zabeln. zahlen, auch zabbeln, wahrscheinlich 
auch in schnnpp)ern neben schnobern, schnopern. 

§ 14L Wie einige Wörter mit uu verschobenem pp, so 
sind auch einige mit unversehobenem jj nach m in die Schrift- 
sprache aufgenommen. Vgl. Kämpe = mhd. l:empfe, wohl das 
gleiche Wort in der Bedeutung „männliches Schwein"; Klempner, 
früherer Klemperer = oberd. Klampferer\ Klump, Klumpen 
(vgl. den Kliimpffen Op. K. 149, 86); Krampe, Krempe, Krempel, 
hrempeln, verwandt mit Krampf] plump Adj., j^luwp, plumps 
Interj. (zuweilen verhochdeutscht plmnpf, pfl'ump)f), xüuinjjen. 
plumpsen] v er schrumpeln, am üblichsten im Part, verschrumpelt, 
zu schrumpfen] Stempel = mhd.- anhd. stempfei zu stampifen] 
strampeln, anhd. auch strampfein] trampeln zu mnd. trampen, 
verwandt mit got. trimpan] Tümpel = mhd.-anhd. tümpfcl] 



270 II, 9. Die einzelnen Geränschlaute. 

zimperlich = oberd. zimjjferlich. Auch Uumx)en, das erst im 
17. Jahrh. auftritt, wird hierher gehören. In Wimpel stimmt 
das p zum Nd. und Ags., da das Wort aber schon früh im 
Oberd. vorkommt, bleibt das Verhältnis rätselhaft. Auch 
Plempe, Plempel, verplempern, Schlampe, schlampig scheinen 
nach ihrem frühesten Vorkommen nicht nd. Ursprungs zu sein. 
Echt hochd. könnte x) nach m sein, wenn es auf pp zurück- 
ginge, das durch die westgerm. Gemination aus h entstanden 
wäre. Dies ist wohl der Fall in Wampe bair. = Wamme, 
mhd. wamhe. Ferner in Stumpen, wozu das allgemeiner übliche 
Stümpchen. Denn trotz der gleichen Bedeutung kann es nicht 
direkt zu Stutnp>f gestellt werden, weil es entschieden oberd. 
ist (auch bei Schi, und Hebel). Es muß vielmehr näher an 
stümmeln = mhd. stümheln angeschlossen werden. Wenn für 
letzteres auch stümpeln vorkommt, so ist das p wohl erst nhd. 
unter dem Einflüsse des -el entstanden, und da stümpeln früher 
auch den Sinn von stümpern hatte, so ist wohl für das letztere 
die gleiche Auffassung angezeigt. Natürlich kann mp auch 
fremden Ursprungs sein, so in Lampe, Bampe aus frz. rampe. 
Pumpe aus ix?., pompe. Durch Assimilation aus th entstanden 
ist p in Wimper aus wintbrä (Windbraue) und empor aus 
mhd. en{t)hor. 

Anm. Auch sonst erscheint zuweilen tnp für y^ipf nach der nordd. 
Vulgärsprache in literarischen Quellen, vgl. Rump Chr. Weise, Mas. 60; 
Strump Gryphius T. 113,90. Über mp bei Schlesiern vgl. noch Drechsler 
W. Scherffer, S. 29. 

§ 142. Unverschobenes p nach l hat ein geringeres Gebiet. 
Doch ist es auch in einigen Wörtern in die Schriftsprache ge- 
drungen: Stulpe, stülpen, aus dem Nd. aufgenommen; Tölpel 
= mhd. dörper, älter dorpmre, schon früh vom Nordwesten 
nach Oberdeutschland gedrungen. Unsicher ist der Ursprung 
des Ip in den erst nhd. auftretenden Wörtern Rülps, rülpsen, 
holpern, stolpern. In Alp {Alpdrucli) liegt Auslauts-^ für 
inlautendes h vor (mhd. PI. elbe, eiber, Ableitung elbisch); die 
Schreibung mit 2^ bat sich festgesetzt, weil flektierte Formen 
unttblich geworden waren. Fremden Ursprungs ist Zjj z. B. in 
Tulpe, Tolpatsch. Auch in Alpen stammt p aus lat. Alpes; die 
mhd., auch noch anhd. Form ist albe, woraus auch das bair. 
Alm (vgl. § 234). 



Labiale: j). 271 

Nach r erscheint p außer in dem jungen onomatopoetischen 
zirpen in Knorpel. Da anhd. daneben die Schreibung Jcnorhel 
gewöhnlich ist, so wird 2^ ^'s nhd. Verschärfung vor l auf- 
zufassen sein (vgl. § 134). Über Knirps vgl. § 143. 

Anm. Ein fremdes j) nach l bestand früher in pulpet aus lat. ^^uZ- 
pitum, woraus durch Assimilation Palt entstanden ist. Für Fulprf bringt 
das DWb. noch Belege aus Stoppe und Hermes. Es findet sich aber 
auch noch bei Storm 4,170. 7,75 u. ö. 

§ 143. Auf Assimilation beruht das }) io Iiai*pt = mhd. 
houhet. Eine ähnliche Assimilation ist vor hartem s eingetreten 
in Fapst = mhd. habes{t)\ in Knirps, das nach den mundart- 
lichen Formen (s. DWb.) wohl auf eine Grundform ^hiürhes 
(oder *Jcnürpe^) zurückzuführen ist. In den meisten Fällen 
steht 2^s für pps, ursprünglich P2)es, und es liegt dann gewöhn- 
lich nd.-mA. pp = oberd. ^j/" vor, vgl. Pi2}s (s. § 137), Kla2)s, 
Klops, Schna2)S, Sclnvip)S, gra2hsen, liop)S€n, {nh)knap)sen, piep)sen 
neben j;?>j)(?w, Stöpsel (Siöjifsel Goe.Bv. 2^,104^11), w^ofür 
oberd. Stöp)fel, Sto2^fen. Auch Mops wird hierher zu stellen 
sein. Aus dem Lat. übernommen ist ps in Kapsel. Das erst 
spät auftretende Ita2^s (bair. Repis) wird aus (semen) raincium 
abzuleiten sein. SchÖ2)s —- mhd. scliÖ2^e§ kommt von czech. 
sJcopec. 

§ 144. Einfaches 2^ zwischen Vokalen liegt in einigen aus 
dem Nd. aufgenommenen und zum Teil nur in Norddeutschland 
gebräuchlichen Wörtern vor: hapern (zuerst bei Schottel), Kaper, 
haptern (aus dem Ndl.), Kiepe nordd. „auf dem Rücken ge- 
tragener Korb", hieipen = nd, kn'q^en, woneben verhochdeutscht 
kneifen, Kneipte „Schenke", Kö2)er, ¥öpern (aus dem Ndl.), 
Kro2){zeug), verächtliche Bezeichnung für kleine Kinder u. a., 
piepen, Baupe = nd. rüpe, auffallenderweise schon früh (16. Jahr- 
hundert) nach Südwestdeutschland vorgedrungen, schra2ien nordd. 
vulgär „schaben", Stapel = hochd. Staffel, Staupe mit hoch- 
deutschem Vokalismus für nd. stÜ2)e, dazu stäupten, Wie2}e nordd. 
„Strohwisch". Auch Kiq^cr neben Küfer ist in Norddeutsch- 
land üblich (eine einfachere Bildung einem WeinJcü2)en in der 
Übersetzung des Thom. Jones 2, 155). 

Nach langem Vokal kann j) auch aus ptp vereinfacht sein, 
und in diesem Falle muß sich der Mangel der Lautverschiebung 
auch auf Mitteldeutschland erstrecken, vgl. obers. Kräpel 



272 II, 9. Die einzelnen Geränschlaute. 

„Pfannkuchen", Diminutivum zu mhd. Icräpfe „Haken", „Pfann- 
kuchen" (nach der Gestalt benannt). UreprüDgliches pp liegt 
vielleicht zugrunde in mhd. tväp)en (nhd. Wappen)^ das von 
Hause aus gleichbedeutend war mit iväfen (nhd. Waffe)\ so 
vv'ürde es sich wenigstens leichter erklären, daß iväpen früh- 
zeitig auch über das hochdeutsche Gebiet verbreitet ist; dazu 
würde auch die einige Male belegte Form Wapfen (DWb. 
Sp. 252) stimmen. Wir hätten dann also zuerst Vereinfachung 
nach langem Vokal und dann wieder Verdoppelung infolge der 
Vokalverkürzung. Das gleiche gilt mit größerer Sicherheit 
für das zuerst in md. Quellen belegte Krüppel. Die mhd. 
Schreibungen h-iqjtl, hropel neben hrnppel führen auf eine 
Grundform krüepel; auch im Nhd. sind die Schreibungen Krilpel 
und Kröpel verbreitet (s. DWb.); Le. schreibt mit deutlicher 
Bezeichnung der Vokallänge einer hrieplicliten Achte. Auch in 
mhd. schiwpe (nhd. Schuppe) liegt pp zugrunde, dieses ist aber 
echt hochdeutsch und ist durch die westgerm. Verdoppelung 
aus h entstanden (vgl. §140,4); es gehört zu schaben. Das 
gleiche wird für mhd. tdpe (nhd. Tappe) anzunehmen sein, da 
die Belege des Wortes nach Oberdeutschland weisen. Zweifelhaft 
bleibt der Ursprung des p in Graupe, zufrühest belegt in der 
Zus. isgrüpe (15. Jahrb.); es wird angenommen, daß das Wort 
aus dem Slav. entlehnt ist. 

Ursprünglich geminiertes p), durch Assimilation aus tb ent- 
standen, liegt in dem Eigennamen Lenpold, Leopold vor aus 
Liutbold. Entsprechend ist Biiprecht aus ahd. Paiodberaht ent- 
standen. Eigentlich Diminutivum dazu ist das Wort Faipel. 

§ 145. In der Schriftsprache ist h die Verschlußienis 
gegenüber der Verschlußfortis p. Nach nordd., für das Theater 
maßgebender Aussprache wird es mit Stimmton gesprochen, 
in Oberdeutschland und dem größten Teile von Mitteldeutschland 
ohne denselben. Der Stimmton fehlt natürlich auch in Nord- 
deutschland im Silbenauslaut, so daß b in der Aussprache mit 
p zusammenfällt, vgl. Lob, lobte \ desgleichen vor harten Kon- 
sonanten, vgl. gibst, gibt, gebt, gabst, hübsch. Im Inlaut ist 
aber die Aussprache als Reibelaut (= iv) mundartlich weit 
verbreitet, teils von urgermanischer Zeit her (vgl. I § 18), teils 



Labiale: b. 273 

durch sekundäre Rückwandlung, letzteres namentlich im Bair. 
und im nördlichen Alem. (Elsaß, Baden). In Ober- und Mittel- 
deutschland mischt sich diese Aussprache wohl auch ein, wo 
man nach der Schriftsprache zu reden bestrebt ist, was in 
Niederdeutschland kaum geschieht. 

Anm. Selten tritt auch in der Schreibung tv für b im Inlaut auf, 
vgl. Gewölwe Goe. Br. 1, 80, 25. 

§ 14G. Nhd. h ist die normale Entsprechung von urgerm. t 
(b). Über das Schwanken der Schreibung zwischen h und 2^ 
im älteren Nhd. vgl. I § 125. über die Festsetzung von j^ fttr 
älteres b — j3 vgl. § 138. Wie in einigen Lehnwörtern 2> durch- 
gedrungen ist trotz dem lat.-romanischen h, so in einigen h 
trotz dem lat. p: Birne, ahd. hira aus \sit. pirum (PI. ^:)?/"a); 
Bims{stein) = mhd. hünie^ aus lat. piimex; bunt, falls es mit 
Recht aus lait. punctus abgeleitet wird. Nicht hierher gehören 
einige Wörter, in denen zwar griech. jt zugrunde liegt, aber 
vermittelt durch lat. b: Buclis{bünm) aus lat. buxus (grieeh. 
Tiv^oq), Büchse aus mlat. buxis (griech. jiv^iq), Bütte =■ ahd. 
hutina aus mlat. butina (griech. jrvTiv?/). Bischof setzt eine 
vulgärlat. Form *{e)biscopus voraus (it. vescovo). Kübel geht 
auf mlat. cubellus neben ciipellus zurück. Bei der Aufnahme 
aus dem Nd. ist b für p eingetreten in Bremse „Maulkorb", 
„Hemmschuh", „Vorrichtung zum Hemmen einer Maschine", 
aus nd. premese, das so mit der Bezeichnung für das Insekt 
zusammengefallen ist. 

§ 147. Geminiertes b war nur im Norden möglich, wo 
der Stimmton erhalten war. In dem südlichen Gebiete, wo 
der Stimmton fehlte, mußte es zu pp werden. Die in der 
Schriftsprache vorliegenden bh beruhen daher auf nieder- 
deutschem Einfluß. Offenbar aus dem Nd. aufgenommen sind 
Ebbe (das Verb. mhd. vereinzelt als eppen), Krabbe {Krappe 
anhd. und noch bei Schubart, s. DWb. Ic), Eobbe (vereinzelt 
Boppe), Knubbe (bei Le., Wi.), schrubben (auch schruppen) 
nordd. „kratzen", „durch Kratzen reinigen", dazu Schrubber 
„Werkzeug dazu". In anderen Fällen ist die Gemination erst 
nhd., und hier können zum Teil die daneben stehenden Formen 
mit einfachem b die Schreibung beeinflußt haben. Hierher 
gehören grabbeln „nach etwas greifen", Irabbeln (daneben 

Paul, Deutsehe Grammatik, Bd. 1. IS 



274 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Jcrabeln, noch bei Goe.), kribbeln {Jcribeln im Passional, auch 
nhd. noch kribeln, hriebeln), labbern (verbunden mit dem 
synonymen schlabbern, auch labern), dazu labberig „kraftlos", 
„fade", wabbeln (auch wabeln, wappeln), wibbeln (daneben 
wiebeln, verbunden mit kribbeln, kriebeln), zabbeln neben zappeln 
(vgl. § 140,5); wohl auch sabbern und schlabbern {schlappern Wi., 
Amadis^ 1, 199, später geändert), bei denen aber auch die Gemi- 
nation alt sein könnte. Fremden Ursprungs ist bb in Sabbat. 
§ 148. Regelmäßig ist b im Spätmhd. aus w entstanden 
nach l und r, vgl. Milbe = mhd. milwe. Schwalbe = mhd. 
swalwe, albern = mhd. alwcere (Zus. aus al- und -wcere = war), 
Farbe = mhd. varive, Felber „Weidenbaum" = mhd. velwer, 
Weiterbildung aus v'elive, ahd. f'elawa, Garbe {Schafgarbe) = mhd. 
garive, herb{e) = mhd. härwe, mürbe = mhd. münve, Narbe 
= mhd. narwe, Sperber == mhd. sparwcere, Erbse aus mhd. 
arwei^, ärwei^. Im Mhd. bestand in manchen Wörtern ein 
Wechsel zwischen Formen mit und ohne w, weil dieses im 
Ahd. im Auslaut zum Vokal geworden und im Mhd. ganz 
geschwunden war, vgl. ahd. melo — m'elaives, mhd. m'el — melwes. 
Im Nhd. ist Ausgleichung nach der einen oder der anderen 
Richtung eingetreten. Zu Mehl lautet jetzt der Gen. Mehles 
nach der flexionslosen Form, das 16. Jahrh. kennt auch Melb; 
noch jetzt bair. ist die Ableitung Melber = mhd. melwcere 
„Mehlhändler". Dasselbe Verhältnis besteht zwischen gar 
= mhd. gar — gariver (wozu auch das Adv. gar) und gerben 
= mhd. gär wen (ursprünglich überhaupt „fertig machen"). 
Aus mhd. val — valwer haben sich zwei nhd. Wörter entwickelt, 
fahl und falb, die bis ins 18. Jahrh. völlig gleichwertig ge- 
braucht werden. Ebenso aus mhd. gel — gehver, nhd. geel und 
gelb; die letztere ist jetzt zur Alleinherrschaft gelangt, aber 
die erstere, nd. allgemein, erseheint z. B. noch bei Chr. Weise 
(Cath. 230, 13, Erzn. 32), Moser, Thümmel, Miller (Briefw. 1, 238), 
J. Paul, Geelschnabel bei Wi., Arndt. Übergang von mhd. w 
in b liegt auch vor in al. pfulben {ohne Ffidben Hebel zum 
Ffülben Wi.), Nebenform zu Pfühl aus ahd. phulwo schw. M., 
woneben phuliwi st. N. Bairischen Ursprungs ist wohl b in 
dem in alterttimelnder Rede gebräuchlichen Wittib, anhd. Witbe 
{Witbe oder Wittib Gueintz, Witbe noch Insel Felsen b. 85, 5. 
196, 13. 199, 9) für Witwe, wonach auch Wttber (z. B. Ziegler, 



Labiale: h. 275 

Ban. 45, 26, noch Insel Felsenb. 187, 35. 188, 19). Zwischen 
Vokalen ist h aus iv entstanden in Eibe = mhd. iive und in 
hieben (Prät. zu hauen), wonach auch im Sg.hieb (mhd. /ue — 
hiewen neben hin — hluiven). 

An in. Für das Alter des Übergangs von %v in b sind bemerkenswert 
die Reime vcrben : biderben Lohengrin 2777, geverbet : erbet ib. 3083, Scheiben 
(= schelwen) : selben Reinfrid v. Brannscbweig 4926. 

§ 149. Noch einige singulare Entstehungsweisen des b 
sind zu behandeln. Anlautendes b für iv hat sich festgesetzt 
in dem Lehnwort Baldrian, schon spätmhd. neben tvaldrian 
aus lat. Valeriana. Von dem b in Blachfeld, wofür vom 16. 
bis 18. Jahrh. auch blaches Feld erscheint, nimmt man an, daß 
es aus f durch Dissimilation gegen das f von Feld entstanden 
sei. Da aber blach schon im Mhd. in anderen Verbindungen 
vorkommt und in der Zus. blachmäl, so sind wohl eher zwei 
von Hause aus verschiedene Wörter mit gleicher Bedeutung 
anzunehmen. Unklar ist das schon in mhd. Zeit zurückgehende 
Nebeneinander von b und f in balzen — falzen (auch pfalzen), 
Balz — Falz von der Begattung des großen Federwildes. In- 
lautendes b ist aus V (= f) entstanden in Abenteuer (früher 
auch Fbenteuer) = mhd. avenüure aus frz. aventure. Vielleicht 
beruht das am Ende des MA. auftauchende b auf volks- 
etymologischer Anlehnung ; in Kerbel (ein Küchenkraut) = ahd. 
kervila (vgl. Zs. fdWf. 6, 183), aus lat. caerefolium früh entlehnt; 
schon mhd. herbei neben kervel, auch Jcerzvcl. Alter ist der 
Übergang von f (y) zu b in aber = ahd. avur, avar. Schon 
in ahd. Texten erscheint b, anderseits noch im älteren Mhd. v 
neben b. Der Lautwandel ist jedenfalls bei dem häufigen 
enklitischen Gebrauche des Wortes eingetreten, weshalb er 
auch von dem abgeleiteten Verb, mhd.-anhd. ävern, äfern nicht 
mitgemacht ist. Im Mnd. entspricht v (tönend, also wie jetziges 
w zu sprechen) sowohl hochd. b als hochd. f. Bei der Auf- 
nahme einiger nd. Wörter in die Schriftsprache ist daher v 
durch b ersetzt: schnauben = nd. snüven, Schraube, schrauben 
= nd. schrüve, schrüven (anhd. und noch bair. Schraufe, 
schraufen). Ebenso ist ndl. stuiver (bei Schottel noch Stüfer) 
zu Stüber geworden. 

Anm. 1. Jetziges traben erscheint im Mhd., auch in oberdeutschen 
Quellen als draven. Da das Wort im Ahd. nicht belegt ist, ist es wohl 

18* 



276 II, 9. Die einzelneu Geräuschlaiite. 

gestattet anzunelimen, daß es als ritterlicher Ausdruck vom Nordwesten 
aus sich verbreitet hat. Es wäre dann das auch schon inhd. draben Ver- 
hochdeutschuDg. Die Form mit v reicht auch noch in das Nhd. hinein. 
Hermes, Soph. R. 5,116 hat im Draff. Aus dem Nd. nach Süden ge- 
drungen ist vielleicht auch Hobel. In den ältesten Belegen (Wolfram, 
Konr. V. Würzb.) lautet es }iovel. Unser Pöbel lautet mhd. bovel. Hier nd. 
Ursprung des v anzunehmen ist bedenklich, eine sonstige Erklärung weiß 
ich nicht zu geben, da die romanischen Sprachen jj haben. Auch im Nhd. 
dauert die Schreibung mit v oder /", auch ff noch lange fort, wozu das 
DWb. zahlreiche Belege bietet, die sich leicht vermehren ließen. Noch 
im Parn. boic. wird regelmäßig Pövel geschrieben. Pöbel, wie Lu. neben 
Pöi-el schreibt, gelangt erst im IS. Jahrh. zur alleinigen Herrschaft. Dabei 
kann neue Anlehnung an frz. peuple mit im Spiele sein. Kaum ist bei 
mhd. hovel, bovel an das von K. v. Bahder aufgestellte Gesetz (vgl. § 154) 
zu denken, da b erst entschieden jünger ist. 



§ 150. Nhd. f wird labiodeutal gesprochen durch Auf- 
legen der Oberzähne auf die Unterlippe (doch vgl. § 237). 
Schon wegen seiner Entstehung aus p wird man annehmen 
müssen, daß eine ältere Stufe mit rein labialer Aussprache 
vorangegangen ist. Wir können jetzt noch wie bei anderen 
Konsonanten eine stärkere und eine schwächere Artikulation 
unterscheiden. Die erstere hat nur statt nach kurzem zur 
gleichen Silbe gehörigen Vokal, also bei Gemination {hoffen) 
und in der Verbindung ft (Luft). In der älteren Sprache galt 
sie überhaupt für den Silbenauslaut, im Inlaut zwischen Vokalen 
und nach l und r bestand die schwächere und die stärkere 
Artikulation wie noch jetzt im Hochd., im allgemeinen durch 
die Verschiedenheit des Ursprungs bedingt. Die lautliche 
Verschiedenheit hat wenigstens zum Teil aucH einen Ausdruck 
in der Schreibung gefunden. Nur für den gelinderen Laut 
wird seit der ahd. Zeit v (tt) neben /" verwendet. Über die 
Veranlassung dazu vgl. § 2. Anderseits ist der stärkere Laut 
teilweise durch Doppelschreibung gekennzeichnet worden. 

§ 151. Der normale Ursprung des f ist ein doppelter. 
Entweder ist es = urgerm. f oder es ist durch die hochdeutsche 
Lautverschiebung aus p entstanden. Wir behandeln zuerst den 
letzteren Fall. Wenn wir von der besonders zu behandelnden 
Verbindung pf absehen, so erscheint f aus ^p nicht im Anlaut 



Labiale: /" (i'). 277 

außer iu einigen Fällen durch sekundäre Entwicklung (vgl. § 155), 
sondern nur im In- und Auslaut nach Vokal und nach l und r. 

Das so entstandene f war ursprünglich immer geminiert 
und daher stark. Die Gemination ist immer bewahrt nach 
kurzem Vokal, nur daß im Silbenauslaut früher nach all- 
gemeinem Orthographieprinzip auch iu der Schreibung Ver- 
einfachung eingetreten ist. Vgl. Äffe, Griff, hoffen, offen, raffen, 
schaffen, Schiff, Staffel, treffen, Präterita und Partizipia wie 
griff, gegriffen. Hierher gehören auch zwei Wörter mit sekun- 
därem t (vgl. § 207) : Saft = mhd. saf. Gen. saffes und Hüfte 
= mhd. liuf (got. Jnips). 

Nach langem Vokal oder Diphthong ist schon im Ahd. 
Vereinfachung eingetreten, Doppelschreibung erscheint nur 
noch vereinzelt in den ältesten Texten. Vgl. auf, greifen, Haufen, 
liaufen, Kufe (aus mlat. copa = lat. cupa), laufen, reif, Beif 
(in beiden Bedeutungen), raufen, rufen, saufen, Schaf, schleifen, 
schweifen, Seife, Stief, streifen, Stufe, Taufe, tief, triefen, Weife, 
Präterita wie schuf, Jmeifen neben hieipen (vgl. § 144), wahr- 
scheinlich schnaufen, das als ein entschieden oberdeutsches 
Wort nicht mit nd. snüven = nhd. schnauben identisch sein 
kann, vielmehr näher zu schnupfen gestellt werden muß. 
Hierher gehört auch mhd. iväfen = nhd. Waffe. 

Nach l und r war p ursprünglich nur zu pf verschoben, 
ist aber schon in ahd. Zeit weiter zu /' entwickelt in helfen, 
Dorf, Harfe, scharf, schürfen, tverfen. Wenn einige dieser 
Wörter auch in späterer Zeit noch daneben mit pf erscheinen, 
so könnte man wohl denken, daß ursprünglich eine Spaltung 
eingetreten wäre, etwa nach der Stellung innerhalb der Silbe, 
doch wird eine andere Erklärung vorzuziehen sein, vgl. § 160. 
Schilf ist = ahd. sciluf; es liegt also nicht Verschiebung nach 
l, sondern nach Vokal vor. Das gleiche gilt von den beiden 
Fällen, wo jetzt f auf w folgt: Hanf r= ahd. hanaf, ags. hoenep 
und Senf = ahd. senaf aus lat. sinapi. 

Das aus p verschobene /" hat auch nach der Vereinfachung 
zunächst die der Geminata zukommende stärkere Artikulation 
bewahrt. Für die ahd. und mhd. Zeit wird dies durch den 
Umstand bewiesen, daß es, von vereinzelten Fällen abgesehen, 
nicht wie urgermanisehes f auch durch v wiedergegebea wird. 
Infolge der seit dem Ende des MA. sich vollziehenden Ver- 



278 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

dränguug- des inlautenden v durch f (vgl. § 152) ist ein Kenn- 
zeichen des Unterschiedes geschwunden. Derselbe ist aber 
noch heute in der Schweiz vorhanden. Daß er auch auf dem 
übrigen hochdeutschen Gebiete noch längere Zeit fortgedauert 
hat, dafür spricht zunächst ein Zeugnis Fab. Frangks (bei Müller, 
S. 100): „Diese wort, hofeman, hefen, teufel etc. haben ein f, 
hoffen, teuffen, helffen etc., zwey ff, Solchs lernt die ausspräche". 
Es werden hier also deutlich die beiden f nach ihrem Ursprünge 
auseinander gehalten, und die Fälle nach langem Vokal und l 
zu denen nach kurzem Vokale gestellt. Dabei wird für den 
stärkeren Laut Doppelschreibung verwendet. Dies entspricht 
dem seit Ende des MA. sich einbürgernden Schreibgebrauche, 
der bis ins 18. Jahrh. hineinreicht. Es bleibt allerdings einiger- 
maßen zweifelhaft, ob man die Doppelschreibung überall als 
Kennzeichnung des stärkeren Lautes betrachten darf oder ob 
dabei auch bloße Schreibertradition mitspielt. Gegen dieselbe 
wendet sich zuerst namentlich Gottsched, nach ihm Fulda 
(S. 36). 

In einem Falle ist frühzeitig Schwächung des aus p ver- 
schobenen f eingetreten, nämlich in Biscliof, wie die mhd. 
Schreibung hischoves usw. zeigt. Man hat das v mit Rücksicht 
auf it. vescovo aus dem Romanischen ableiten wollen. Indessen 
läßt sich hochd. biscof doch nicht g-ut von alts. -ags. biscop 
trennen. Auch beweist die im Ahd. noch reichlich überlieferte 
Schreibung mit ff, daß Verschiebung aus p vorliegt. Der Grund 
für die Vereinfachung und Schwächung des f ist die geringe 
Tonstärke der voraufgehenden Silbe. Die Entwicklung ist 
analog der von soUhher zu soliher, mhd. solher, vgl. § 189. 

§ 152. Wo f = urgerm. /' (idg. p) ist, bestand früher der 
gelindere Laut außer im Silbenauslaut und in der Verbindung 
ft, in welcher, soweit sie ursprünglich ist, das f immer diesen 
Ursprung hat. In allen anderen Stellen ist daher die Schreibung 
mit V eingedrungen. Im Mhd. herrscht v durchaus im Inlaut, 
im Anlaut vor a, e, i, o. Schwanken zwischen v und f, doch 
so, daß im allgemeinen das letztere überwiegt, findet statt vor 
l und r und vor w, ü, tu, uo, üe. Im Nhd. ist gemäß der 
allgemeinen Tendenz der Orthographie die Schreibung für 
jedes einzelne Wort fixiert und die Abwechslung innerhalb 
des gleichen Wortes beseitigt. Dabei ist v stark zurückgedrängt. 



Labiale: f (v). 279 

Fast ganz beseitigt ist es jetzt im Inlaut. In Fällen wie 
mhd. hof — hoves, ivolf — tvolves ist die dem Auslaut zu- 
kommende Sehreibung verallgemeinert. Ebenso in Huf, Schorf, 
Weif fünf, elf, sivölf, steif (aus dem Nd.), und infolge der Ab- 
werfung des -e in Graf (mhd. gräve). Der Auslaut kann übrigens 
nicht bloß die Schreibung im Inlaut, sondern teilweise vielleicht 
auch die Aussprache beeinflußt haben. Nicht erst nhd. ist das 
f in dürfen. Hier fehlt die Schreibung mit v von Anfang an. 
und soweit früher ff für urgerm. p geschrieben wird, ist auch 
dürffen üblich. Es bestand also der stärkere Laut auch im 
Inlaut (so auch noch jetzt im Schweiz.), und dies erklärt sich 
daraus, daß der /'-Laut in diesem Worte überhaupt erst aus 
dem Auslaut in den Inlaut gedrungen ist, vgl. gotparf — paür- 
hum. Verdoppelung und zugleich Verschärfung des f ist ein- 
getreten bei Erhaltung der Kürze des vorhergehenden Vokals 
in Neffe = mhd. neve. Erst durch die nhd. Gemination ist 
wahrscheinlich das ff auch in Schroffen „steiler Fels" ent- 
standen; mhd. ist schrove, erst in späten Quellen auch .scAroy/e; 
dazu gehört das erst seit ca. 1500 belegte Adj. schroff. Ferner 
in Miff (mnd. ref Dat. reve), schnüffeln (aus dem Nd.) zu 
schnaid)en (nd. snüven), Waffel, als Gebäckbezeichnuug erst 
seit dem 17. Jahrh. nachweisbar, zu Wabe, vielleicht auch in 
Waffel, südd. = „Maul". Auch nach ursprünglich langem oder 
gedehntem Vokal ist f statt v durchgedrungen in den Bildungen 
auf -en, -el, -er, abgesehen von Frevel und dem erst spät aus 
dem Nd. aufgenommenen Steven. Neben Ofen ist anhd. die 
Schreibung offen nicht selten (vgl. außer den Beispielen im 
DWb. H. Sachs, F. 34, 134. 137 u. ö.), so daß wir berechtigt 
sein werden, eine Nebenform mit Erhaltung der Kürze und 
Gemination anzunehmen, die dann zur Verallgemeinerung des 
f beigetragen haben kann. Entsprechendes gilt von oberd. 
Hafen „Topf" ; die Schreibung mit ff z. B. bei H. Sachs, F. 32,67. 
34,135; vgl. außerdem DWb. Kiefer = mhd. kiver hat eine 
Nebenform Kiefel, woneben hiffel im DWb. belegt ist; dazu 
gehört wohl das Verb, kiefeln — kiffeln (s. DWb.). Neben 
Schiefer = mhd. schiver belegt das DWb. schiff erste in, auch 
schieffer, schieffericht. Für Käfer kann ich keine Schreibung 
mit ff nachweisen. Doppelschreibung erscheint auch nach 
ursprünglich langem Vokal oder Diphthong. Reichlich belegt 



280 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

ist dieselbe im DWb. für Geifer und Schaufel. Sie begegnet 
auch für Ungeziefer und sehr häufig für Zweifel, während ich 
sie für Eifer (bei Lu. noch eiver) nicht nachweisen kann. Aus 
dieser Verwendung des ff könnte man schließen, daß die Doppel- 
schreibung überhaupt keine Bedeutung hätte. Doch scheint 
es mir wahrscheinlicher, daß sie auf eine wirkliche Verstärkung 
des Lautes deutet, die zum Zusanimenfall mit dem aus xj ver- 
schobenen f geführt hat, vgl. § 134. 

Im Anlaut ist die Schreibng mit / allgemein durchgeführt, 
wo sie schon im Mhd. üblich war, also vor l, r, u. ü. Nur die 
Schreibung Vlies {Vließ) hat den Sieg über Fließ davongetragen 
und wird auch durch die neuesten Regelbücher vorgeschrieben. 
Vor a, e, i, o ist die alte Schreibung mit v geblieben in Vater, 
ver-, Vetter, Vieh, viel, vier, Vogel, Volle, voll (gegen füllen), 
von, vor (gegen für), also in sehr gebräuchlichen Wörtern. Bei 
Vetter und viel kann auch das Bestreben der Grammatiker, 
sie von fetter zu fett und fiel zu fallen zu unterscheiden mit- 
gewirkt haben. Sonst ist auch vor diesen Lauten f eingeführt, 
durch Ausgleichung des mhd. Wechsels in finden (mhd. vinde, 
vant — funden, gefunden) und fahren (mhd. rar — fuor), aber 
auch ohne das in den meisten Wörtern. Bei manchen erscheint 
im Anhd. noch v daneben. Bis in neuere Zeit hat es sich 
behauptet in dem Adj. vest und seinen Ableitungen, auch in 
Vehde. 

Anm. Über Schreibungen mit v im 16. Jahrh. vgl. DWb. 3, 1210. 
Die Schreibang vest findet sich z.B. noch bei Herder 13,41. 11 U. 252. 
17,188. 18,12.444. 23, 43flf. u.U., bei Hermes, Soph. R. 1,303.460. 2,196. 
3,528. 564. 4,377 usw., bei Schröder, Portrait 135, bei Schi. 1, 348, 13. 
2, 382, 22. 3, 39, 3. 20 u. ö. Vgl. ferner Vestung Werder, Rol. 22, 73; Hafner, 
Der Furchtsame 81; Rautenstrauch, Vormundschaft .16; Schi. 2, 33, 10; 
Schikaneder, Laster 77.102; bevestigen Übersetzung der Clarissa 2,67; 
Schröder, Ehrgeiz der Liebe 23; Schi. 2,22,11; Briefe 1, 395. 6 u. ö. 
Aichinger bemerkt (S. 57): „Vest, nicht fest. Denn man schreibet Vestung, 
bevestigen. Es ist auch gut wegen des Unterschiedes von Feste." 
Schottel (S. 211) läßt nebeneinander zu Fehde und Vehde, fahl und vahl. 
Grav steht noch bei Schi. 1, 346,41. 

§ 153. In einer Anzahl von Wörtern stammt f aus dem 
Lat. oder Franz., und zwar hat es dann den Laut des urgerm. f, 
vgl. Fabel, Fackel, falsch (?), fehlen = mhd. vcelen aus frz. faillir, 
Feier = ahd. fira aus lat. feria. Feige = ahd. figa aus lat. 



Labiale :/■ (v). 281 

ficus, fein = mhd. fin ans frz. ßn, Fenster = ahd. fenstar aus 
lat. fcnestra, Fest aus lat. festttm, Fieber = ahd, fiehar aus lat. 
fehris, Flamme, Flasche = ahd. flasca aus mlat. flasca, Flegel 
= ahd. /le^/7 aus lat. flagellum, Flöte = mhd. floite aus afrz. 
flaute, Forst aus mlat. forestis(?), Frucht = ahd. />-«/j^ aus 
lat. fructus; außerdem in vielen jüngeren Fremdwörtern. Wo 
griechische Wörter zugrunde liegen, ist wie im Lat. die 
Schreibung mit j^h beibehalten. 

Auch lat.-rom. v ist in einer bestimmten Periode durch 
den /"-Laut wiedergegeben, vgl. I § 132. Während in der 
älteren Zeit die Sehreibung wie bei einheimischen Wörtern 
zwischen f und v wechselt, hat sich gegenwärtig das eine 
oder das andere festgesetzt. Im Anlaut ist Übereinstimmung 
mit dem lat. Grundwort hergestellt, daher Veilchen, Diminutivum 
zu anhd. veiel, mhd. viol, viel aus lat. viola, Vers schon ahd. 
aus lat. versus, Vesper = ahd. vespera aus lat. vespera, Vettel 
aus lat. vetula, Vize- aus dem Mlat. Cvicedominus) , Vogt aus 
mlat. vocatus, die Eigennamen Veit aus Viiiis, Veiten aus Valen- 
tinus. Doch hat sich f festgesetzt in Fiedel = ahd. fidida 
aus mlat. vitula und in Firnis aus frz. vernis. Im Inlaut ist v 
zur Regel geworden in einigen Wörtern, in denen der Zusammen- 
bang mit dem Grundworte besonders deutlich war: hrav, Larve, 
JSIerv(e), Pulver, Sklave, Evangelium. In andern, bei denen 
die Ableitung verdunkelt war, ist wie in einheimischen Wörtern 
f durchgeführt: Brief = ahd. briaf aus lat. breve, Käfig (anhd. 
auch zuweilen Käffig geschrieben) = ahd. Jcevia aus lat. cavea, 
Stiefel = mhd. stival aus mlat. {ae)stivale (Sommerschuh), liefern 
(mhd. gewöhnlich libern) aus frz. livrer. Vulgärlat. v, das aus 
entstanden ist, liegt zugrunde in Tafel (anhd. häufig Taffei 
geschrieben) = ahd. tavala aus lat. tabula (it. tavola), Teufel 
(früher gewöhnlich Teuffei geschrieben) = ahd. tiufal aus 
griech.-lat. diabolus (it. diavolo), prüfen = vühdi. prüeven aus 
\^i. probare {\i. provare, ah'z. prover). In Wörtern, die erst in 
jüngerer Zeit aufgenommen sind, wie Vagabund, Veteran, Invalide, 
bewahrt die Schriftsprache mit der lat.-rom. Schreibung auch 
die lat.-rom. Aussprache = iv, abgesehen vom Auslaut, wo v 
als f gesprochen wird, vgl. Motiv, aktiv gegen Motive, aktive. 
In der Vulgärsprache pflegt das v der Fremdwörter auch im 
An- und Inlaut als f gesprochen zu werden. Daher besteht 



282 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

vielfach Unsicherheit darüber, welche Aussprache als korrekt 
anzusehen ist. 

Anm. Die Sclireibnng braf wird im DWb. aus Stieler belegt; in 
dem ältesten Belege vom Jahre 1Ö30 heißt es ein braffr soldate. Larfe 
wird im DWb. aus dem 15. und 16. Jahrh. belegt. Für Nerf, Nerfe bringt 
es einige Belege aus dem 16. Jahrh.; noch bei Schi, findet sich Nerfcn 
1, 189,79. 191, 145. Pulfer wird mehrmals aus dem 15. — 17. Jahrh. belegt. 
Desgleichen Sldafe; daß die Aussprache des v als f in diesem Worte nur 
südd. sein soll (DWb. 10, 1313), ist nicht richtig. Bei Herder findet sich 
sogar Motif, Motife (23, 392. 3S5). Belege für aktif bei Schulz, Fremd- 
wörterbuch. Für Taffei reichliche Belege im DWb., noch reichlichere für 
Teuffei. 

§ 154. Mehrfach finden Berührungen zwischen f und h 
statt. Teilweise beruhen dieselben auf grammatischem Wechsel 
(vgl. § 249, 1). In einigen Wörtern auf -el und -er scheint f 
sekundär aus b oder vielmehr dessen Vorstufe 5 entstanden 
zu sein, vgl. K. v. Bahder, Idg. F. 14, 258. Mit einiger Sicherheit 
können wir hierher stellen Schaufel zu schieben; Waffel zu 
Wabe ; Schwefel = got. swihls, ahd. siieual (Tatian) neben ge- 
wöhnlichem suehal, mhd. swebel häufiger als swevel, auch anhd. 
und oberd. mundartl. noch schtvebel; dazu mhd. wevel zu weben 
und süfer (noch alem.) als Nebenform zu siiher. 

Dem f in elf, zwölf entspricht im Got. in den flektierten 
Formen b (iwalibim), wonach anzunehmen ist, daß das f der 
flexionslosen Formen aufzufassen ist wie in gaf zu giban. Wir 
müssen demnach wohl annehmen, worauf mich Streitberg auf- 
merksam macht, daß das got. Auslautsgesetz auch einmal im 
Westgerm, bestanden hat, und daß dann das f aus dem Aus- 
laut in den Inlaut übertragen ist, vgl. den entsprechenden 
Vorgang bei dürfen (§ 152). Wenn nicht wie bei diesem in 
den flektierten Formen der stärkere Laut erscheint (nach der 
mhd. Schreibung swelve), so liegt das an der ursprünglichen 
Zweisilbigkeit der Formen, vgl. bischoves (§ 151). 

In anderen Fällen ist ein f, das hochdeutschem b ent- 
spricht, aus dem Nd. eingedrungen. Nd. v mußte im Silben- 
auslaut und vor hartem Konsonanten seinen Stimmton verlieren, 
also zu f werden. Mit einem solchen f in die Schriftsprache 
aufgenommen sind Hälfte, dem ein ahd. *halbida entsprechen 
würde, und Oxhoft, dessen zweiter Bestandteil nd. hoft = hochd. 
Haui^t, mhd. houbet ist. Von der flexionslosen Form ausgegangen 



Labiale : f {v). ' 283 

ist das f in llaff, daher auch die Kürze des Vokals ; flektierte 
Formen Jiaves, have sind für das Anhd, im DWb. belegt; des- 
gleichen verhochdeutschtes hob, haah (schon bei Jeroschin). 
In helfen =^ mnd. kiven, mhd. Jdhen könnte das /" auch von 
Formen wie er keift und von dem schw. Prät keifte oder dem 
starken ki/f ausgegangen sein. Doch findet sich f auch zwischen 
Vokalen als Ersatz des nd. tönenden v in Hafen (vgl. mhd. 
habe mit der gleichen Bedeutung), woneben noch lange Haven 
geschrieben wird, und in Hufe = mhd. hiiohe, dessen echt 
hochd. Entsprechung Hube sich noch bis ins 18. Jahrb. erhalten 
hat (vgl. die Familiennamen Huber und Hübner). Auch Hafer 
neben Haber ist vom Norden ausgegangen und kann nicht mit 
den oben behandelten Fällen wie alem. siXfer auf eine Linie 
gestellt werden. Elfe ist nicht Fortsetzung von mhd. elbe, 
Fem. zu alp (vgl. § 142), sondern ist aus dem Engl, entlehnt, 
durch Wielauds Übersetzung des Sommernachtstraums verbreitet. 

Aum. 1. Zweifelhaft bleibt es, ob das /' von Ungeziefer nach der 
Regel V. Bahders zu erklären ist oder auf niederdeutschen Einflul^ zurück- 
zuführen. Mhd. ist imgezibere , ungezibele überliefert. Die gewöhnliche 
Ableitung von ahd. z'ebar „Üpfertier" ist allerdings nicht unbedenklich. 

Anm. 2. Belege für die Schreibung Haven: Werder, Rol. 18,123; 
Gryphius T. 61,420; Robinson 31; Gil Blas 1,38; Wi. II, 1,117,11; Na- 
niue 19; Musäus, Volksm. 4, 79; Tieck, Pbant. 3, 104; Lafontaine, Clara 2, 119. 

Anm. 3. Wohl auch vom Nd. ausgehend, aber in der Schriftsprache 
nicht durchgedrungen ist Biife für Bube. Die Form findet sich schon 
spätmhd. in md. Qn eilen. Lu. hat Bube und Bufe nebeneinander, Büfgen 
noch bei Reuter, Schlampampe 2h, Büfchen nach Weigand bei Hagedorn. 

Anm. 4. Kaum auf nd. Einfluß beruht das f, das zuweilen anstatt 
des b von Zwiebel erscheint, vgl. Mhd.Wb. und Weigand, außerdem zwiffel 
bei H. Sachs, Fabeln 190, 67 und Zwiefeln Goe. Br. 2, 38, 3. Die mannig- 
fachen Umgestaltungen dieses Wortes, dem mlat. cepula zugrunde liegt, 
können überhaupt nicht aus bloßem Lautwandel erklärt werden. 

§ 155. In einigen Fällen ist im Anlaut f für älteres pf 
der mitteldeutschen Aussprache gemäß in die Schriftsprache 
gedrungen, in fauchen = mhd. pfüchen und Flaum = mhd. 
pflüme aus lat. pluma. 

Anm. In oberdeutschen Mundarten, auch in literarischen Quellen 
hat sich jjf länger bewahrt. Pfauchen schreibt noch G. Keller (s. DWb.). 
Das DWb. bietet noch reichliche Belege für Pflaum und Pflaumfeder aus 
dem 18. Jahrb., darunter auch manche aus nordd. Schriftstellern. Vgl. 
noch Simplic. 502 ( Pflaum f edern) ; Wi., Mus. ^8. 12; Lambrecht, Das 
sechszehnjährige Mädchen 3; Schi. 2, 49,4. 5; Schikaneder, W. 2, 140. 203. 



284 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Zweifelhaft ist es, ob das f in Finne als Bezeichnung für eine Art Ge- 
schwür ebenso aufzufassen ist. Pfinne ist die gewöhnliche mhd. uud 
anhd. Form. Doch findet sich vintie auch schon im Mhd. und herrscht 
von jeher im Nd. Es liegt daher doch wohl eine Vermischung ver- 
schiedener Wörter vor. 

§ 156. lu griechischen Wörtern wird wie im Lat. die 
Schreibung ph mit der Aussprache als f beibehalten {Physik 
usw.). Die Gewohnheit, ph als f zu sprechen, hat zunächst in 
Ostmitteldeutschland die Umbildung eines deutschen Wortes 
veranlaßt. Epheu war ursprünglich Ep-heu, das seinerseits 
eine volksetymologische Umbildung war (ahd. ehah, jünger 
ebouue, ebeuue). In den neueren Regelbüchern ist dann die 
Schreibung Efeu vorgeschrieben, die früher nur vereinzelt 
neben Epheu angewendet wurde. 

Anm. Vgl. Fulda, S. 52: „Ep-heu wird in Sachsen Effeu, wider 
seine Herkunft und Bedeutung ausgesprochen, vermutlich weil das Wort 
bei ihnen bloß aus Schriften bekand ist." 

Pf- 
§ 157. Die Verbindung pf, die Affrikata der Labialreihe, 
bedarf einer besonderen Behandlung. Im Ahd. wird dafür ph 
geschrieben, und diese Schreibung reicht auch noch in das 
Mhd. hinein. In md. Mundarten ist anlautendes pf zu bloßem 
/■geworden, und diese Aussprache ist auch in der hochdeutschen 
Rede der Niederdeutschen weit verbreitet. 

Anm. Über Eindringen von f für pf in die Schriftsprache vgl. § 155. 
Anderseits findet sich bei norddeutschen Schriftstellern zuweilen pf falsch 
für f geschrieben, so pfüsterst bei E. Kleist, eingepflockten, gepflügelt bei 
Schönaich (vgl. Neol.Wb. 56, 15 u. Anm.), ptflüstern bei Lange und Gökingk 
(s. DWb.), Pfarrenkraut bei Bode, Klinkers R. 2,281. Dagegen ist das in 
älteren oberdeutschen Quellen nicht seltene Pflegel für Flegel (s. DWb.) 
gewiß anders zu erklären. Es steckt darin wahrscheinlich der assimilierte 
Artikel (PI. (V Flegel >- Pflegel). Das Gleiche gilt für das sonst in ober- 
deutschen Texten oder lebenden Mundarten im Anlaut auftretende pf 
für f vgl. Weinhold, AI. Gr. § 157, Bair. Gr. § 128. 

§ 158. Im Anlaut ist pf regelmäßige Entsprechung von 
germ. ^. Soweit die hierher gehörigen Wörter nicht aus dem 
Lat. entlehnt sind, lassen sich keine Wörter aus anderen idg. 
Sprachen mit irgendwelcher Wahrscheinlichkeit vergleichen 
(vgl. I § 22). Auch sind sie von Hause aus meist nur westgerm. 



Labiale: pf. 285 

Der Verdacht liegt nahe, daß sie frühzeitig aus einer fremden 
Sprache entlehnt sind. Es sind die folgenden: Ffad (ags. ;^a?(J, 
engl.path), Pfand (afries. pand, nicht ags.), Pfennig, sdter Pfenning 
{ags. penning, sii^ord. penningr), Pferch (ags. ^)ean-oc, mlat. parri- 
cus, parcKs), wozu pjferchen, pflegen (ags. plegan), damit ver- 
wandt Pflidit, Pflug (ag8.|jZo^, anord.j^Zo^r), Pfriem (ags.j^reon). 
Pfuhl (ags. pol). Wahrscheinlich gehören hierher auch Pfanne 
(ags. pänne), das man aus lat. patrna abzuleiten pflegt, und 
pflücJcen (ags. p)luccian), für das man lat. Ursprung angesetzt 
hat auf Grund romanischer Wörter (prov. pelucar, frz. eplucher), 
die selbst dunklen Ursprungs sind. Erst seit dem späteren MA. 
nachweisbar sind Pflock und Pfote. Wahrscheinlich onomato- 
poetisch sind pfauclien, fauchen (s. § 155). anhd. pfausen, wozu 
Pausback (s. § 137), pfuschen, sowie die Interjektion pfui. 

§ 159. Die Hauptmasse der mit pf anlautenden Wörter 
bilden Lehnwörter aus dem Lat. (Griech.), die vor der hoch- 
deutschen Lautverschiebung aufgenommen sind: Pfaffe {wdi.pape) 
aus papa, Pfahl aus palus, Pfalz (mhd. pfalenze) aus pala(n)- 
tiuni, Pfarre mit einer allerdings noch unaufgeklärten Ver- 
kürzung aus parochia (eine andere Erklärung kaum zulässig), 
Pfau = ahd. phäwo aus ^^«^o, Pfeffer aus piper, wozu Pfiffer- 
ling, Pfeife aus pipa, Pfeil aus püum, Pfeiler aus mlat. pilarius, 
Pferd = ahd. pherfrit aus mlat. paraveredus , Pfingsten aus 
griech.-lat. pcntecoste, Pfirsich, früher Pfersich aus persicimi, 
P fister (veraltet) aus pistor, Pflanze aus planta, Pflaster in 
beiden Bedeutungen aus griech.-lat. {em)plastrum , Pflaum, 
jünger Flaum (s. § 155) aus plmna, Pflaume aus prunum, 
Pforte aus porta (vgl. I § 130), Pfosten aus postis, Pfropfen, 
abgeleitet aus ahd. phropha „Pfropfreis" aus propago, Pfründe 
= 9i\idi. phruonta aus \u\gSix\2ii. provenda = praehenda , Pfühl 
= ahd. phuliivi, phulwo aus pulvinus, Pfund aus pondus, 
Pfütze aus puteus (vgl. I § 130). 

§ 160. Im In- und Auslaut nach Vokal ist pf aus westgerm. 
pp entstanden. Dieses kann schon aus dem Urgerm. über- 
kommen sein, so in Knopf, Kopf Kropf, Napf, Schopf, Topf, 
Zapfen, Zopf; hüpfen, rupfen, schlüpfen, schnupfen, stupfen, 
stopfen. Es kann aber auch auf urgerm. einfaches p zurück- 
gehen, das erst im Westgerm, verdoppelt ist, so in schöpfen 



286 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

= alts. sceppean, got. sJcapjan, Äpfel = anord. epli, topf er 
= anord. dapr, in dem Lehnwort Kup>fer aus lat. cuprum^ 
vielleicht auch in Hopfen, Tropfen, Schnepfe, Krapfen =■ mhd. 
l'räpfe. Über die Bewahrung von nd.-md. ^^ gegen hochd. ^f 
s. § 140, 2. 

Ferner steht 2^f nach m, soweit nicht auch hier nd.-md. 
un verschobenes ^; in die Schriftsprache gedrungen ist. Vgl. 
Dampf, Kampf (aus lat. campus), Krampf, glimpflich, Bumpf, 
Schimpf, Strumpf, Stumpf. Ob einfaches oder geminiertes p 
zugrunde liegt, macht hier keinen Unterschied. 

Wo in jüngerer Zeit pf nach l oder r erscheint, wird man 
geminiertes p als Grundlage anzunehmen haben (vgl. § 151). 
So sicher in Karpfen, wie die md., auch in literarischen Quellen 
nicht seltene Form Karpen beweist. Auch die im Mhd. ge- 
wöhnlichen und noch in das Nhd. hineinreichenden Formen 
Harpfe, scharpf werden nicht anders aufzufassen sein. 

Anm. Belege für Karpen aus Hagedorn und Moser im DWb. ; vgl. 
noch Chr. Weise, Mas. 115; Wi. II, 3, 419, 11; Goe. Br. 23, 125, 21; Musäus, 
Volksm. 1, 212. Harpffe schreibt Op., vgl. K. 59, 2S. 97, 64. Auch sonst 
findet sich Harpfe bis in das 17. Jahrh. und noch bei Frisch (s. DWb.). 
Die Form scharpf hat sich im Mhd. in Oberdeutschland, scharf in Mittel- 
deutschland festgesetzt. Hauptsächlich bei oberd. Schriftstellern findet 
sich denn auch scharpf noch im Anhd. Unter den Belegen im DWb. 
finden sich solche mit pf aus Lu. (neben scharf), H. Sachs, Buch der 
Liebe, Seb. Franck, Maaler, Kirchhoff, Rompier von Löwenhalt; vgl. noch 
Op., K. 67,291. 85,421; Grimmeishausen, Simpl. Sehr. B. 83,9. Schärpfe 
ist im DWb. belegt ans B. Waldis, Maaler, Grimmeishausen, Weckherlin, 
Zinkgref; vgl. noch Lu. 2. Mos. 17, 13. Das Verb, scharpf en ist im DWb. 
belegt aus Maaler, Grimmeishausen. Im Mhd. besteht für das Adj. eine 
Nebenform scherpfe, die auf Gemination durch j zurückgehen kann, die 
auch in dem Verb, ihre Stelle hat. Es ist daher nicht nötig, urgermanische 
Doppelheit von Formen mit p und pp anzunehmen. Eine solche Annahme 
wird allerdings wohl nötig sein für ahd.-mhd. g'elph — gelf (Prahlerei). 

§ 161. Auf eine besondere Art ist pf entstanden in emp- 
fangen, empfehlen, empfinden. Diese sind Zusammensetzungen 
aus ent- und fangeti, -fehlen (das noch in befehlen vorliegt), 
-finden. Es hat eine Assimilation des t an das folgende f 
stattgefunden. 

Anm. Im Mhd. beschränkt sich die Assimilation von tf zu js/" nicht 
auf diese drei Verba. Es heißt auch enpfallen, enpfarn, enpfliehen usw. 
Die Assimilation ist aber wieder durch Angleichung an die sonstigen 



Labiale: pf. w. 287 

Zusammensetzungen mit ent- beseitigt. Dieser Ansgleiclinng haben sich 
die drei Verba deshalb entzogen, weil in ihnen noch nicht die jetzt allein 
lebendige Bedeutung von ent- „los, weg von etwas" zugruüde liegt. 

W. 

§ 162. An Stelle unseres jetzigen iv wird im Ahd. uu 
verwendet, das bei der ursprünglichen Gleichwertigkeit von u 
und V auch mit vv, uv, vii wechseln konnte. Aus vv ist als 
eine Ligatur iv entstanden, das seit der mhd. Zeit allgemein 
verwendet wird. Statt uu schrieb mau im Ahd. nach einem 
andern Konsonanten im Wortanlaut gewöhnlich nur einfaches 
u, also z. B. in su'ert, duingan (zwingen), ^uei. Im Mhd. wird 
an dieser Stelle auch w üblich, nur in qu erhält sich unter 
dem Einfluß des Lat. die ältere Schreibung bis auf den heutigen 
Tag. Nach den Diphthongen m und on wurde im Ahd. auch 
gewöhnlich nur noch ein u, nicht zwei geschrieben, also z. B. 
triuua (Treue), frouua neben seltenerem triuuua, frouuua. 
Demgemäß schrieb man auch im Mhd. gewöhnlich triive, froice, 
was vielfach zu der irrigen Meinung verführt hat, daß in der 
ersten Silbe solcher Wörter wirklich nur kurzer Vokal, nicht 
Diphthong gesprochen sei. 

Gegenwärtig wird tv in der Bühnensprache wie in Nieder- 
deutschland als tönender Dentilabial gesprochen, also dem 
tonlosen Dentilabial f entsprechend. In Mitteldeutschland und 
auch in Oberdeutschland ist rein labiale Aussprache mit ge- 
ringem Reibungsgeräusch verbreitet. Diese Aussprache steht 
der ursprünglichen näher. Denn iv geht zurück auf urgerm, 
konsonantisches «, wie es im Engl, bis jetzt erhalten ist. Auch 
im Deutsehen hat sich diese Aussprache bis in die mhd. Zeit 
hinein erhalten. Den Übergang zum Reibelaut erkennt man 
an dem im späteren Mhd. im Bair. üblichen Wechsel zwischen 
lü und h. Doch wird der Übergang nicht überall gleichzeitig 
gewesen sein. 

§ 163. Germ, iv (konsonantisches u) geht der Hauptsache 
nach auf den gleichen idg. Laut zurück, außerdem auf das in 
den centum - Sprachen aus den idg. Velaren entwickelte w 
(vgl. I § 16). Mit dem gleichen Laute sind noch einige früh 
aus dem Lat. entlehnte Wörter aufgenommen (vgl. I § 132), der 
dann das gleiche Schicksal wie einheimisches iv gehabt hat. 



288 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

§ 164. Im Anlaut vor Vokal ist nhd. w als Fortsetzung 
des alten tv häufig. Eine Vermehrung der Wörter mit an- 
lautendem IV ist während der ahd. Zeit durch Abfall eines 
vorhergehenden h bewirkt (vgl. 1 § 135). Ein h im Anlaut 
hatten Wal(fisch), Weisen, Weile, iveiß, werben, wetzen, ivispern, 
das Fragepron. iver mit seinen Ableitungen wie ivo, wann, 
wannen, ivie, ivelch, iveäer. Weiterhin sind jüngere Lehn- 
wörter dazu gekommen. In den aus dem Lat. oder einer 
romanischen Sprache stammenden Wörtern ist die Schreibung 
mit V beibehalten (vgl. § 153). Doch wird w in dem ganz 
assimilierten Wall geschrieben und in dem wahrscheinlich aus 
einer italienischen Mundart stammenden Wirsing. Anders ver- 
hält es sich mit Wams = mhd. ivamheis aus afrz. wambais 
und mit Watte aus frz. ouate. W wird geschrieben in Ent- 
lehnungen aus dem Engl. {Waggon), dem Skand. {Walhalla, 
Walküre), dem Slav. {Wallach, Werst, Wenzel). 

Dagegen ist urgerm. w vor l und r im Hochd. schon im 
Beginn der ahd. Zeit geschwunden (vgl. I § 135), im Nd. dagegen 
und auch im Mfränk. erhalten. Aus dem Nd. sind einige Wörter 
mit anlautendem ivr in die Schriftsprache gedrungen: Wrack, 
ivringen {Wäsche ivringen neben ringen), auch fringen ge- 
sprochen und geschrieben, Wrasen „Dunst" (noch bei Fontane, 
Irrungen 5, 42). 

Anm. Einige andere Wörter mit wr gehören nur der Schiffer- 
sprache an und sind nicht allgemein bekannt: Wränge (Schiffsrippe), wohl 
zn wringen gehörig; Wreifholz zu nd. wriven = reiben ; tvricken (ein Boot 
mit einem Ruder fortbewegen). 

§ 165. Ziemlich häufig war w auch nach einem anlautenden 
Konsonanten. Erhalten ist es nach s, jetzt seh, vgl. schivach 
= mhd. swach, Schwager, Schivamm usw. Desgl. nach urgerm. 
t, d, p, die im Nhd. in z zusammengefallen sind (s. § 214), 
vgl. zwei, Ziverg, zwingen usw. Überwiegend ist auch qu 
bewahrt, vgl. Quast, quellen usw., immer da, wo es auf tw 
zurückgeht (vgl. § 174), und in Lehnwörtern aus dem Lat. 
Doch in alem. Quellen zeigt sich frühzeitig ein Ausfall des 
konsonantischen u. In die Schriftsprache gedrungen ist keck 
= mhd. quec mit der Grundbedeutung „lebendig" (queck noch 
bis ins 17. Jahrh. und jetzt mundartl.), während die ursprüngliche 
Form geblieben ist in Quecksilber und in erquicken (Grundbed. 



Labiale: w. 289 

„lebendig- machen"). Ferner Kot aus mhd. qiiät, woneben 
schon quöt, lad, Jiöt vorkommen {quat und quot noch bei Lu.). 
Verschieden davon ist die Verschmelzung- des ii mit folgendem 
e oder i in kommen, Köder, mhd. h'irre = nhd. Jcirre (s. §§ 58. 85). 
Auffallend ist das erst spätmhd. auftretende qu in Quitte, 
wofür die ältere Form Iditcn = ahd. kutina aus lat cydonia. 
Über ursprüngliches luv vgl, § 164. 

Anm. In einigen Wörtern ist iv nach anlautendem Konsonanten 
früh ausgefallen vor u (o): mß = ahd. swazi, woneben noch einige Male 
suuazi, d. i. stvuazi belegt ist, =«alts. swöti, ags. sw'e'ie; Sorge = ahd. .sor^a, 
bei Tatian und Otfrid suorga; Husten = ahd. huosto, ags. hivösta, in alem. 
Mundarten Wüsten. Ausfall des lo scheint auch in so = ahd. so vorzuliegen, 
dem got. stva, swe, ags. stvd gegenübersteht, und in Sühne = ahd. suona 
wegen mnd. sivone, mnl. zwoene. In Fällen wie -kunft = ahd. kunft zu 
queynan ist vielleicht niemals ein iv vorhanden gewesen, doch könnte es 
auch frühzeitig ausgefallen sein. 

§ 166. Im Inlaut dagegen in unbetonter Silbe hat germ. 
w bedeutende Einbuße erlitten. Schon gemeinwestgerm. ist 
der Ausfall des tv nach Velaren (ahd. singan = got. siggtvan), 
vgl. I § 87, 5. In einigen anderen Fällen seheint Schwund des 
n zunächst nur vor ii eingetreten zu sein. So wird in Gasse 
= ahd. ga^^a gegen got. gatwö das tv in den Kasus auf -im 
ausgefallen sein, nach denen sich dann die übrigen gerichtet 
haben. Ebenso kann der Ausfall des w in ahd. hräa, hrä, 
mhd. hrä neben hräiva, hräwe (Braue) und in ahd. ea (Notker), 
spätahd. und mhd. e neben ctca (= nhd. Ehe) nur von den 
Kasus auf -ti ausgegangen sein (wozu auch der ursprüngliche 
Nom. Sg. gehört). Desgl. in Wacht = ahd. ivalita, falls es 
g;oti8chem ivalitivo oder tvalittva entspricht, und in ahd. (al.) 
uohta = got. ühtivö. In iviäri „Weiher" neben wiwäri ist w 
wohl durch Dissimilation geschwunden. Im Auslaut war im 
Ahd. das tv nach u ausgefallen, vgl. hü. Gen. hüives, tou, Gen. 
tomves, spriu (N. „Spreu"), PL sprimvir, Präterita wie hlou zu 
hlimvan schlagen; sonst zu o geworden, vgl. kneo „Knie" aus 
ursprünglichem *knewo oder *kneiva durch Abfall des Endvokals 
entstanden, strao, kontrahiert strö, frao, frö; Udo „blau", 
flektiert bläwer, grdo „grau" — gräiver; kleo „Klee" — klewes, 
seo „See" — sewes, sneo „Schnee" — sncives, speo Prät. zu 
spuvan „speien"; melo „Mehl" — melawes (mit Sekundärvokal 
zwischen l und iv), smero „Schmer", falo „fahl" — falawer, 

Paul, Devitsche Grammatik, Bd. 1. 19 



290 II, 9. Die einzelnen Geräuschlante. 

geh „gelb" — gelawer, garo „gar", „bereit" — garaiver, scato 
„Schatten" — scatawes. Im Mhd. (schon im jüngeren Ahd.) ist 
dann e für eo, ä für äo eingetreten, wohl durch Anlehnung an 
die obliquen Kasus; nach Konsonanten ist o wie sonst zu e 
geschwächt und dies nach l und r abgefallen. So ist w in 
vielen Fällen spurlos verschwunden. 

Eine weitere Beseitigung oder Umwandlung ist teils 
durch die Lautentwicklung, teils durch Ausgleichung zwischen 
verwandten Formen erfolgt. Nach Ausstoßung eines folgenden 
Vokals ist w mit dem vorhergehenden Vokal zu einem Di- 
phthongen verbunden: mhd. freude (fröude) aus ahd. frewida, 
mhd. freut aus ahd. frewit, mhd. freute aus ahd. frewita usw. 
Mit ä ist w zu au kontrahiert, vgl. § 93. Nach l und r ist tv 
in h übergegangen, außerdem in einigen vereinzelten Fällen, 
vgl. § 148. Nach dunkeln Vokalen ist iv lautlich geschwunden, 
jedenfalls als konsonantisches u, nicht erst, nachdem der 
Übergang zu dem jetzigen Reibelaut eingetreten war. So 
ergaben mhd. riuive, trvuwe, löuwe (Nebenform zu lewe), niuive, 
iuwer, hliuwen, Jciuwen, siuwe, frouwe, ouwe, houwen, schouwen, 
touwes, gouives, höuives, drouwen, fröuwen, ströuwen, hüwtn, 
trüwen, ruowe nhd. Reue, Treue, Leu{e), neu{e), euer, bleuen, 
käuen {kauen), Säue, Frauke), Aue, hauen, schauen, Taues, 
Gaues, Heues, dräuen, freuen, streuen, bauen, trauen, Rulie. 
Der Zeitpunkt, in dem das iv verstummt ist, läßt sieh nicht 
genauer bestimmen, weil die ältere Schreibweise noch lange 
nachher beibehalten ist und bis in die erste Hälfte des 
17. Jahrb. reicht. Die im Mhd. gewöhnliche Schreibung triwe, 
oive usw. findet ihre Fortsetzung in spätmhd. und anhd. trewe, 
awe, baiven usw. Ein durch die Kanzleisprache bis in die 
neueste Zeit erhaltener Rest ist die Abkürzung Ew. für Euer. 
Daß mit ew, aw im 16. Jahrb. und noch früher nichts anderes 
als eu, au gemeint ist, ergibt sich daraus, daß sie für diese 
Diphthonge nicht selten auch da angewendet werden, wo das 
w keine geschichtliche Berechtigung hat, z. B. in haivs, hewser 
= mhd. hüs, hiuser, in bawm = mhd. bouni. 

Angleichungen der flektierten Formen an die flexionslosen 
beginnen schon im Ahd. In frö erscheinen die flektierten 
Formen als frauuer, frouuer, fraoer, froer usw. Hiervon ist 
die erste, als frawer zu fassen, die lautgesetzliche; fraoer, froer 



Labiale: w. 291 

zeigen deutlich die Anlehnung an die flexionslose Form, auch 
in der Gestalt des Vokals; frouuer wird als fröwer zu fassen 
sein, also mit Anlehnung des Vokals an die flexionslose Form, 
aber Beibehaltung des tv; denn die an und für sich mögliche 
Auffassung als froutver hat keine Berechtigung, man müßte 
denn eine Anlehnung an das Verb, frouwen annehmen. Im 
Mhd. überwiegt fröer über frötver, und im Nhd. ist froher allein 
übriggeblieben. Auch zu strö ist im Ahd. schon der Dat. ströe 
belegt; im Mhd. stehen ströwes und ströes usw. nebeneinander. 
Von se ist neben den Formen mit inlautendem iv der N. A. PI. 
sea schon in den ahd. Virgilglosseu belegt; im Mhd. steht der 
kontrahierte Dat. se neben setve, spätmhd. ist auch se als N. A. 
PI. belegt; im Nhd. ist w von den flexionslosen Formen aus 
ganz verdrängt, doch findet sich auch infolge umgekehrter 
Ausgleichung Seew, regelmäßig bei Cysat und in einigen 
lebenden Mundarten (s. DWb. I 4 b); bewahrt ist w in dem 
Ortsnamen Seeiven (D. PI.) und in dem Familiennamen Seeiver, 
Seeher = mhd. *sewcere (Seeanwohner). Ebenso ist tv durch 
Analogie verschwunden in den flektierten Formen von hlee und 
Schnee (mhd. Me — hUives, sne — snewes). So ist iv nach be- 
tontem Vokal nur übriggeblieben in eiviy = mhd. eivec, Löice 
= mhd. Uwe und in dem aus dem Nd. aufgenommenen Möive. 
Ursprünglich nach unbetontem Vokal stand iv in Witive aus 
witeive (über die Nebenform Wittib vgl. § 148). Das iv der 
flektierten Formen von ahd. scato, scataives konnte durch Au- 
gleichung an die flexionslose Form schwinden, daher mhd. 
schate, schates und mit Übertritt in die sehw. Deklination 
schaten, woraus nhd. Schatten. Nicht klar ist es, warum das 
w in Sehne (Senne) = mhd. seneive geschwunden ist; sene 
erscheint schon spätmhd., anderseits sännwe noch bei Maaler. 
Desgl. in Pfühl, welche Form zunächst md. ist neben al. Ffulben, 
8. § 148. 

All Ol. Auffallend ist die md. Form ruye für Buhe, die im 15. uiid 
16. Jahrb. bänfig erscheint, anch bei Lu. gewöhnlich. 

Velare und Palatale. 

k {c, q). 
§ 167. Seit der ahd. Zeit finden wir drei verschiedene 
Zeichen für den /c-Laut verwendet. In der Verwendung von 

19* 



292 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

qu folgte man dem Lateinischen. Wenn man dieses nielit auch 
darin zum Muster nahm, daß man sonst allgemein c verwendete, 
so war der nächste Anlaß wohl der, daß das lat. c vor e und 
i zu 2 geworden war und deshalb vor diesen Lauten nicht 
geeignet zur Bezeichnung des /.'-Lautes schien. So griff man 
zum Zeichen h, welches dann das in den ältesten ahd. Texten 
noch reichlich vertretene c auch aus anderen Stellungen ver- 
drängte (verhältnismäßig lange erhielten sich die Gruppen er 
und cl), so daß es, abgesehen von der Verbindung sc, auf den 
Silbenauslaut beschränkt blieb. Man schrieb also sac, sac-ltes, 
tac (neben tag), neide. Indem dann sc sich zu seh wandelte 
und weiterhin das Analogieprinzip in der Schreibung zur 
Herrschaft gelangte, ergab sich, daß c nur noch in der Gruppe 
cli verwendet wurde. Außerdem stellte sieh c wieder in Fremd- 
wörtern ein, die als solche empfunden wurden. Die neuesten 
Regelbücher suchen dasselbe wieder durch k zu verdrängen 
{Cafe — Kaffee usw.). In griechischen Fremdwörtern kann 
auch ch die Geltung eines Zt-Lautes haben {Chor). Über Chur, 
Char 8. § 169. 

Anm. 1. Vgl. F. Kauffmana, Über ahd. Orthographie (Germ. 37, 243). 

Anm. 2. An Versuchen, ck durch kk zu ersetzen, hat es seit dem 
16. Jahrh. nicht gefehlt, vgl. DWb. V Sp. 4, 5a. Auch einfaches k suchte 
man datür einzuführen, teils nur im Ausl. (s. ib.), teils auch im Inl. Für 
letzteres trat Fulda ein, dem schwäbische Schriftstellür folgten, auch Wi. 
und Schi. (s. PBB. 28, 2s9); auch Hermes hat einfaches k. Auf der anderen 
Seite steht das häufige ck nach Konsonant (Danck, Werck usw.) im 15. und 
16. Jahrh. und noch später. 

§ 168. Normalerweise entspricht k einem urgerm. k, und 
zwar im Anl., vgl. Kalb, kalt usw., auch vor /., r, n. vgl. klagen, 
kleben, Kraut, Krippe, Knabe, Knecht usw., und im Inl. und 
Ausl. nach n, r, l, vgl. Dank, denken, dünken, krank, sinken, 
trinken, ivinkcn] merken, stark, Werk; Balken, Schalk, welken 
u.a. Wie in den germanischen Wörtern ist der Ä:-Laut be- 
handelt in den vor der hochdeutschen Lautverschiebung auf- 
genommenen Lehnwörtern, vgl. Käfig (lat. eavea), Kammer, 
Kampf {eampiis), Kanzel, Kapelle, Karre, Käse, kaufen, Kelch, 
Kelter (lat. caleatura), Kerker, Kessel (lat. catinus), Kette, 
Klause, Kloster, Koch, Kohl (lat. catilis), kosen (aus ahd. kösa 
= lat. causa), Kreide (lat. creta), Kreuz, Küche (lat. coquina), 
Kufe, Kunkel, Kupfer, Kürbis, kurz, Küster. In den am 



Velare und Palatale: h (c, q). 293 

frühesten aufgenommenen Wörtern entspricht k auch lat. c, das 
später zu 2 geworden ist, vgl. Kaiser, Keller, Kirclie, Kirsche. 
In den zunächst nach der hochdeutschen Verschiebung ent- 
lehnten Wörtern ist das fremde Je teilweise durch g wieder- 
gegeben, vgl. § 179, später wenigstens in der Schriftsprache 
wieder durch k (c). 

§ 169. Im Ahd. wird für dieses k nur in den fränkischen 
Quellen regelmäßig k (c) geschrieben, die oberdeutschen 
schreiben dafür cJi, seltener kh, doch, fehlt gerade in manchen 
der ältesten Texte auch k (c) nicht; neben qu tritt die 
Schreibung cJm. Auch im Mhd. haben viele oberdeutsche Hss. 
eil. Seit dem 15, Jahrh. wird kJi in der kaiserlichen Kanzlei- 
sprache und andern oberdeutschen Texten häutig und hält sich 
im Bair.-österr. sogar bis ins 18. Jahrh. Als Reste oberdeutscher 
Schreibung haben sich bis auf die neueste Zeit Char-{freitag) 
und Chiir-ifürst) erhalten, die erst durch die neue Regelung 
beseitigt sind. 

Heute unterscheidet sich das Nord- und Mittelbairische, 
das Schwäbische und Niederalemannische nicht vom Ost- und 
Südfränkischen. In diesem Gebiete ist urgerm. k höchstens 
bis zur Aspirata verschoben, so daß für dasselbe die Schreibung" 
ch wohl nie eine andere Geltung gehabt haben wird. Gegen- 
wärtig aber wird hier das k nur in betonter Silbe vor Vokal 
aspiriert gesprochen, so daß man für das nördliche Oberdeutsche 
mit Rücksicht auf die ältere Schreibung wohl annehmen muß, 
daß die Aspiration in den übrigen Stellungen (anlautend kl, kr, 
kn, qu, in- und auslautend rk, Ik, nk) wieder verloren gegangen 
ist. Da das k in diesen nicht mit starkem Druck gesprochen 
wird, da anderseits das g in diesem Gebiet (vgl. § 176) den 
Stimmtou verloren hat, so ist Zusammenfall des schrift- 
sprachlichen k und g eingetreten, und in mundartlichen Texten 
wird vielfach für beides g geschrieben. Es besteht also z. B. 
kein Unterschied zwischen glauben und klauben, glimmen und 
klimmen, Greis und Kreis. Noch weiter ist der Zusammeiifall 
im Obersächsisch-Thüringischen gegangen, wo auch in betonter 
Silbe vor Vokal k nicht aspiriert und mit geringer Intensität 
gesprochen wird. Doch muß zur Zeit Luthers noch die alte 
Scheidung bestanden haben. 



294 II, 9. Die einzelnen Geräusclilaute. 

Anders im südlichen Oberdeutsehland. Hier ist Ik und rlz 
zu eil (mit dem Laute, den es in der Schriftsprache vor dunkeln 
Vokalen hat) verschoben (z. B. melcJien, merchen). Im Hochalem. 
ist diese Verschiebung auch im Anlaut eingetreten {Chind, chli 
= klein), abgesehen von einigen namentlich ursprünglich 
romanischen Gebieten, die dafür AflFrikata oder Aspirata haben; 
nach Nasal ist auch im Hochalem. die Verschiebung nur bis 
zur Affrikata. gegangen {dencche). Im Südbair. besteht im 
Anlaut und nach n Affrikata oder stark gehauchte Aspirata. 
Dieser Zustand wird wenigstens bis zur spätalthochdeutschen 
Zeit zurückreichen. Für das Mhd. sind Reime wie schalch: 
hevalch, starcli : march beweisend. 

Anm. Auf den Zusammenfall von k und g vor l, r, n deuten 
Schreibungen wie Glumpen Simpl. Sehr. B. 3, 9, 5, grichen repere bei 
Ritter, Brodgrümel Le. 1, 401,30, anderseits klimmen für glimmen (Belege 
aus Wi., Klinger, Musäus bei Sa.), Kruft Maier, Boxberg 17, Knan, Knän 
im Simpliclssimus für genanne, genenne. Nicht selten ist das Schwanken 
bei onomatopoetischen Wörtern, bei denen aber auch eigentliche Varianten 
vorliegen könnten, s. DWb. unter Mucken, Muckern, Mucksen, Kluckhenne, 
krabbeln, Kralle, knacken, knarren, knurren, knirschen, knistern. Bei dem 
Schwanken zwischen krimmen und grimmen (s. DWb. krimmen I 3 f y) 
spielt wohl etymologische Anlehnung an Grimm eine Rolle. In dem 
namentlich in der Studentensprache üblichen kraß mischen sich graß = 
mhd. gra^ (wozu gräßlich) und lat. crassus. Hierher gehört auch die be- 
kannte Unsicherheit darüber, ob man zn sagen habe ein Amt, eine Stelle 
bekleiden oder begleiten; letzteres z. B. bei Le. 

§ 170. Geminiertes h {ck) vertritt zwei ursprünglich ver- 
schiedene Laute, die auch jetzt im südlichen Oberd. auseinander 
gehalten werden. Für das eine wird im Ahd. und Mhd. in 
Oberdeutschland gewöhnlich ch oder coli geschrieben, für das 
andere kann gg, auch cg eintreten. Ersteres wurde demnach 
aspiriert, letzteres unaspiriert und wohl mit geringerem 
Exspirationsdruck gesprochen. Jetzt wird im nördlichen Ober- 
deutschen wie im Fränkischen auch das erstere ohne Aspiration 
gesprochen, und beide unterscheiden sich daher vom g nur 
wie sonst geminierter Laut vom einfachen, weshalb auch in 
mundartlichen Texten vielfach gg geschrieben wird. Dagegen 
ist im Nd. die Scheidung geblieben. 

Das erstere ck ist das bei weitem häufigere. Es entspricht 
westgerm. kk, das entweder schon aus dem Urgermanischen 
überkommen war, z. B. in Bock, Dreck, Fleck, Flocke, Locke, 



Velare und Palatale: k (c, q). 295 

Nacken, SacJc, StocJ:, hacken, in hucken, drücken, rücken, 
schicken, zucken, zücken und ähnliehen Bildungen oder erst 
durch die westgermanische Konsonantengemination aus ein- 
fachem k entstanden war (s. I § 87, 4), z. B. in decken, recken, 
wecken, Acker, wacker, nackt, Wicke (aus lat. vicia). Das andere 
ck entspricht westgermanischem gg aus urgermanischem ein- 
fachem g {$)• Hierher gehören: Brücke (= ngs.hryc^, vgl. die 
Schreibung des Städtenamens JBrugg), Ecke, gucken, Hecke, 
Glocke, Mücke, Bücken, Schnecke, Wecke, Weck, gackern, 
ivackeln. Auch locker kann hierher gehören, vielleicht aber 
ist die Gemination erst nhd. durch den Einfluß des r entstanden 
(vgl. § 133), da das Wort 7Aierst im Spätmhd. in der Schreibung 
loger auftritt. Das nämliche gilt von Höcker, das zuerst 
spätmhd. als hoger auftritt; die Form Höker mit langem ö 
könnte durch Kontamination aus Höger und Höcker ent- 
standen sein. 

Kuckuck ist jüngere onomatopoetische Umbildung von 
mhd. gouch; Zwisehenformen guckgouch, kuckgouch. 

§ 171. Einfaches k nach Vokal war im Ober- und Mittel- 
deutschen zu cli (hh) verschoben. Dennoch findet sich dasselbe 
jetzt wieder in einigen Fällen. 

1. In Fremdwörtern, vgl. Makel, schäkern (aus dem 
Hebräischen), Musik, Fhtjsik usw. In Artikel, Matrikel, Par- 
tikel usw. ist die Schreibung mit einfachem k beibehalten, die 
Aussprache aber ist die gleiche wie in deutschen Wörtern 
mit ck. Neben Makel erscheint bis ins 18. Jahrb., von der 
Bair. Sprachkunst gefordert, auch die Schreibung Mackel, die 
wohl auf Erhaltung der Kürze unter dem Einfluß des l deutet. 

2. In Wörtern, die aus dem Nd. aufgenommen, meistens 
auch nur in Norddeutschland gebräuchlich sind; Bake („Schifif er- 
zeichen", aus fries. haken = ahd. houhhan „Zeichen"), hlaken 
(qualmen), dazu landschaftl. Blaker (Wandleuchter), Kruke 
(„irdenes Gefäß" = alts. crüka, spätmhd. krüche, jetzt mundartl. 
Krauche), Küken ^= hochd. Küchlein), Lake („Brühe von ein- 
gesalzenen Fischen" = hochd. Lache), Laken (= mhd. lachen, 
vgl. Scharlach, wofür Lu. scharlacken gebraucht), Luke („ver- 
schließbare Öffnung in einem Schiffe oder Gebäude" zu got. 
lükan, ahd. lühhan „schließen"), mäkeln (Weiterbildung zu 
nd.-ndl. »»aA"ew = hochd. wiacAen), dazu Makler oder Mäkler, 



296 II, 9. Die einzelnen GerUuschlante. 

Mauke (nd. muke „heimlicher Aufbewahrungsort"), Belcel (auch 
reckel, vgl. uoch ßanise 130,32), sich rekeln, Schmöker (zu cd. 
smöken = hochd. schmauchen), Schnake (daneben Schnacke 
„lustiger Einfall", „scherzhafte Erzählung", zu nd. snacken 
„schwatzen"), Spuk (nd. S]}ök, anhd. Spuch), Staken (Stange). 
Niederdeutschen Ursprungs sind auch die onomatopoetischen 
Wörter blöken (früher auch blocken, blecken geschrieben), quaken 
(quacken), quäken, (quecken), quieken (quicken). 

Anm. Auch Wieke erscheint neben dem auch nur landschaftlichen 
Wieche „Docht", vgl. eine Art von Dacht oder Wike Wi. II, 3, 476, 12. 

3. Aber auch in hochdeutschen Wörtern erscheint k nach 
langem Vokal oder Diphthong aus kk vereinfacht. Zu der Zeit, 
wo die hochdeutsche Lautverschiebung eintrat, bestand noch 
die Gemination, und dem entsprach die Behandlung. Entweder 
liegt westgerm. kk zugrunde. Dies müssen wir trotz dem 
späten Auftreten wohl annehmen für heikel (seit 16. Jahrb. 
nachweisbar) und ekel, Ekel (seit 15. Jahrh. nachweisbar, bis 
ins 18. Jahrh. auch eckcl geschrieben). Oder es liegt westgerm. gg 
zugrunde, so in gaukeln (ahd. und mhd. mit gg oder einfachem g, 
anhd. häufig mit ck geschrieben), Haken (bis ins 18. Jahrh. 
häufig Hacken geschrieben, ahd. auch häggo, mhd. hägge, 
Schweiz, hagge). Hierher wird auch Schnake (mhd. und auch 
noch nhd. mit ck geschrieben) als Bezeichnung einer Mückenart 
gehören; an niederdeutsches k ist bei dem oberdeutschen Worte 
nicht zu denken. Unsicher ist der Ursprung von Pauke. Über 
Schaukel vgl. § 94 Anm. Erst Folge der Vokallänge ist das 
einfache k in den Präterita erschrak, stak, buk neben dem ck 
des Präsens. 

§ 172. Auch nach Konsonanten bestand zur Zeit der 
Lautverschiebung geminierter Laut. Soweit westgerm. kk zu- 
grunde liegt, unterscheidet sich die Bebandlung in der Schrift- 
sprache nicht von der des einfachen k. Aber k kann in dieser 
Stellung westgermanischem gg entsprechen. So in link (Schweiz. 
lingg, auch im Mhd. oft mit gg geschrieben), Banken (land- 
schaftlich „großes Stück Brot", nach den oberd. Mundarten 
mit gg anzusetzen). Hinke („großer Ring", „Schnalle", Schweiz. 
ringge, anord. hringja), Zinken (nach der Schreibung bei Notker), 
munkeln (Schweiz, munggle), schlenkern (zu schlingen), murkeln 



Velare und Palatale: k (c, q). 297 

(Schweiz, murggle), {ahymurksen, Schurke (schweiz. Schurgg nach 
Hunziker). Alte Doppelformen sind vielleicht vorhanden gewesen 
bei Schinken (schweiz. Schungge — ahd. scincho). 

§ 173. Aus dem Reibelaute ch entstanden ist /.; in kein. 
Zug-runde liegt ahd. nih-ein „auch nicht einer", worin h bei 
einer der Entstehung der Znsammensetzung entsprechenden 
Silbenteilung den Laut unseres ch hatte. Durch Verschiebung 
der Silbengrenze unter Beibehaltung dieser Aussprache entstand 
ne-chein, enchein. Die Stellung im Silbenanlaut scheint dann 
weiter den Übergang in k veranlaßt zu haben. Eine ähnliche 
Entwicklung liegt in Ferkel vor. Zu varch „Schwein"' {= lat 
porcus) mit Gen. varhes lautet das Diminutivum mhd. färhelin; 
für h ist zunächst ch eingetreten, entweder durch xVngleichuog 
an die unflektierte Form varch oder wahrscheinlicher durch 
Einfluß des l (vgl. § 134), das dann weiter wegen der Stellung 
im Silbenanlaut zu k geworden ist. Auch für die Entstehung 
des Suffixes -keit ist vielleicht ein entsprechender Vorgang an- 
zunehmen. Es verdankt seinen Ursprung einer Verschmelzung 
von -ig und -heit. Es fragt sich, ob dabei g Verschluß- oder 
Reibelaut gewesen ist; vielleicht ist für die verschiedenen 
Gegenden verschiedene Aussprache anzunehmen. Es läßt sich 
nicht entscheiden, ob in mhd. eivccheü ch von Anfang an als 
Verschlußlaut oder zunächst als Reibelaut ausgesprochen ist. 
Doch scheint -keit teilweise auch der Verbindung von -lieh und 
-heit seinen Ursprung zu verdanken, daher anhd. Schreibungen 
wie rccllicheit, heweglicheit, anderseits icürdikeit, ergetzlikeit, 
die solchen wie geisÜichkeit vorangehen (vgl. DWb. V, 503, 4). 

Block ist = mhd. hloch, welche Form auch Lu. gebraucht. 
Wenn dieselbe seit dem 15. Jahrh. allmählich durch Block 
zurückgedrängt wird, kann dies kaum, wenigstens nicht aus- 
schließlich auf nd. Einfluß zurückgeführt werden. Das ab- 
geleitete Verb, hlöcken (in den Block setzen), das lautgesetzlich 
ck aus kj hat, kann eingewirkt haben; doch ist nicht recht 
einzusehen, warum das häufigere Subst. sich an das seltenere 
Verb, angeschlossen haben sollte. Daher muß doch vielleicht 
mit Kauflfmann (PBB. 12, 515) eine Nebenform mit Doppel- 
konsonant schon für das Urgerm. angenommen werden. 

In 3Iark N. = mhd. marc, marges scheint k aus den 
flexionslosen Formen in den Inlaut gedrungen zu sein. Vom 



298 II, 9. Die einzelnen Ger'äuschlaute. 

14. — 16, Jahrh, findet sich Schwanken zwischen g und h. Auch 
Marcli findet sich noch bei P. Gerhard und noch jetzt im 
Bair., so daß die Bair. Sprachk. davor warnt. Erhalten ist g 
in den Ableitungen ah-, ausgemergelt. 

Anm. 1. Der Übergang von eh in k liegt auch vor in mhd. dürkel 
(durchlüchert) aus ahd. durhil neben durchil = &gs. ßyrel zu durch. 

Anm. 2. Belege für Bloch im DWb. Wiederholt erscheint es bei 
Girbert, im Simplicissimus (S. 56. lüO), noch Frisch schreibt Bloch, sogar 
J. Paul hat noch Backblöcher Jubelsen. 12S, Eheblöcher Loge 59. 

Anm. 3. Über den in der Schreibung nicht zum Ausdruck kommenden 
Übergang von chs zu ks vgl. § 185. 

§ 174. Eine Verschiebung der Artikulationsstelle hat statt- 
gefunden in Kartoffel, das im 17. und im Anfang des 18. Jahrh. 
noch Tartuffel, Tartoffel lautet (aus dem lt.). Es liegt Dis- 
similation vor. 

Im 14. Jahrh. ist auf mitteldeutschem Gebiete tiv, das 
sonst zu zw verschoben ist (vgl. § 214), in qu gewandelt. 
Mehrere Wörter sind in dieser md. Form in die Schriftsprache 
aufgenommen: quer = oberd. zwerch, Quirl oder Querl = mhd. 
itvirl, Qualm = mhd. ttvalm, Quarc = spätmhd. twarc (Lehn- 
wort aus dem Slaw.). Andere sind landschaftlich geblieben 
und erscheinen nur hie und da bei Schriftstellern: Quinger = 
Zwinger, Klagel. Jer. 2, 8, QueJile (Handtuch) = oberd. Ztvehle 
u. a. bei Wi. und Voß (s. DWb.), Quetsche = Zivetsche u. a. bei 
Goe., Bettina, Heine (s. DWb.). 

§ 175. Als Schreibung für hs ist x aus dem lateinischen 
Alphabet zunächst in Fremdwörtern eingeführt. Es hat sich 
dann auch in einigen echt deutschen Wörtern eingebürgert, 
in denen die Verbindung ks durch Vokalausstoßung entstanden 
war: Axt = mhd. ackes (das schon im Spätmhd. vorkommende x 
ist durch Lu. zur Herrschaft gelangt), Nix = mhd. niclces und 
das üblichere Fem. dazu Nixe, Hexe aus ahd. haga^issa. Auf 
Jcs wird auch das x in Faxen zurückgehen, wenn auch der 
Ursprung des Wortes nicht ganz klar ist. Noch unklarer ist 
der von Fex, in der Schriftsprache in der Zus. Bergfex üblich. 
Mit X pflegt jetzt auch die mundartliche Form nix geschrieben 
zu werden, früher nichs aus nichts mit Ausfall des t vor s. 

Anm. Hie und da ist auch a; für chs (vg. § 185) geschrieben und 
von Grammatikern empfohlen, so in Axe, Axel, wobei lat. axis, axilla von 
Einfluß waren, Büxe, Flexe, Lux. 



Velare und Palatale: k (c, q). g. 299 

9- 

§ 176. Das Zeichen y hat in den westgerm. Sprachen von 
jeher nicht bloß als Bezeichnung der Verschlußlenia dienen 
müssen, sondern auch als Bezeichnung des entsprechenden Reibe- 
lautes {s nach der früher von uns angenommenen Schreibung). 
Auch jetzt entspricht ihm in der landschaftlichen Aussprache 
teils Verschluß-, teils Reibelaut. Für die Theateraussprache 
gilt jetzt Verschlußlaut außer in dem Suffix -ig im Auslaut und 
vor s {König, Königs), wo g wie ch gesprochen wird, in Über- 
einstimmung auch mit dem größeren Teile von Oberdeutschland, 
Aber in der norddeutschen Umgangssprache, wie in den meisten 
nd. und md. Mundarten und selbst in Teilen von Oberdeutsch- 
land wird g nach Vokal und nach l und r als Reibelaut ge- 
sprochen, wobei Velare und palatale Aussprache nach derselben 
Regel wechseln wie bei ch (vgl. § 185). In einem Teile von 
Niederdeutschland und im Mittelfräukischen wird g auch im 
Anlaut als Reibelaut gesprochen, auch von vielen Gebildeten. 

Ein anderer Unterschied besteht darin, daß im allgemeinen 
im Nd. und Ripuarischen und danach in der Umgangssprache 
dieses Gebietes g mit Stimmton gesprochen wird, außer im 
Silbenauslaut und vor s und t (vgl. Tag, Tags, es tagt, Vogt, 
auch Magd, da das d im Auslaut verhärtet wird), während in 
dem südlichen Gebiete der Stimmton fehlt. Wie in diesem 
infolge davon g, soweit es Verschlußlaut war, vielfach mit h 
zusammengefallen ist, darüber ist schon in § 169 gehandelt. 
In dem nördlichen Gebiete fiel g, sobald es den Stimmton 
verlor, mit ch zusammen. Die Theatersprache verlangt den 
Stimmton, soweit ihn das Niederdeutsche hat, aber Verschluß- 
laut in Übereinstimmung mit dem Oberdeutschen, daher Wechsel 
von Tages und Talx. Doch ist die norddeutsche Aussprache 
Tach vielfach auf norddeutschen Bühnen geduldet worden. 

Die Verschiedenheit der landschaftliehen Aussprache hat 
auch ein Schwanken in den Reimen zur Folge. So kann lag 
auf erschrak und auf sprach, trug auf Spuh und auf Buch, 
Berg auf Werk und auf Pferch reimen. Nach Vokal über- 
wiegen die Reime von g auf ch, weil zu solchen auf einfaches k 
wenig Gelegenheit ist, und solche auf ck (vgl. flog : Bock) noch 
durch die verschiedene Vokalqualität unrein werden. 



300 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

§ 177. Besonders verhält es sieh mit der Gruppe ng. 
Hier hatte sieh früh auf dem ganzen Gebiete des Germ. Ver- 
schlußlaut eingestellt (vgl. I § 19). Im Deutschen ist weiter 
Assimilation des g an den velaren Nasal eingetreten, also lange 
gesprochen lanüe. Die Sehreibung konnte der Aussprache aus 
Mangel an einem geeigneten Bezeichnungsmittel nicht folgen. 
In bezug auf die Behandlung des ng im Silbenauslaut teilt 
sich Deutschland in eine nördliche und eine südliche Hälfte. 
In jener war ng vor der Assimilation zu nh geworden, das 
unverändert blieb , also laük — laüfter. In dieser ist auch im 
Silbenauslaut kein Verschlußlaut mehr vorhanden (also lafi)^ 
sei es, daß vor oder daß nach der Assimilation Ausgleichung 
eingetreten ist. Wegen der mangelhaften Orthographie läßt 
sich die Zeit, in der die Assimilation eingetreten ist, nicht 
genauer bestimmen. Doch vgl. Duesius 12: G post N etiam in 
fine plurimum silet; Beispiele lang, Häring. Wo ng erst durch 
späten Vokalausfall in den Silbenauslaut getreten ist, hat auch 
die nördliche Hälfte keinen Verschlußlaut, so in lang, eng, 
streng, gäng, gering neben hange usw., ferner in Jüngling', 
auch in länglich, wo kein e ausgefallen ist. Demnach sind 
Reime wie sang : trank in der nördlichen Hälfte rein, in der 
südlichen unrein, Reime wie hang : Mang in der südlichen 
Hälfte rein, in der nördlichen unrein. Vor t und st (vgl. Angst, 
Hengst, jüngst, singst, singt) ist schwer zu entscheiden, ob ein 
Verschlußlaut vorhanden ist, da derselbe jedenfalls nur un- 
vollkommen gebildet wird. Doch stimmt die Aussprache wohl 
im allgemeinen mit der von sinkst, sinld überein. 

In Lehnwörtern aus dem Französischen behält g vor hellen 
Vokalen (vgl. Genie) den fremden Laut, doch wird dafür in 
der Volkssprache gewöhnlich der Laut unseres seh eingesetzt, 
zumal in Ober- und Mitteldeutschland, wo die stimmhaften 
Konsonanten fehlen. 

Aum. In der Verbindung gn nach kurzem Vokal pflegt statt des g 
veiarer Nasal gesprochen zu werden. Es kommen nur Fremdwörter in 
Betracht, vgl. Agnes (gesprochen wie wenn Angnes geschrieben wäre), 
atagnieren. 

§ 178. Schriftsprachliches g ist die regelmäßige Ent- 
sprechung des gotischen g. Wo dasselbe als Reibelaut ge- 
sprochen wird, kann Bewahrung des urgermanischen Laut- 



Velare und Palatale: g. 301 

«tandes vorliegen, abgesehen von sekundären Modifikationen 
der Aussprache, und dies wird für das nördliche Gebiet an- 
zunehmen sein. Doch wird teilweise der Keibelaut erst wiedf^r 
aus dem Verschlußlaute entstanden sein. 

"Westgerm, gg mußte bei Verlust des Stiramtones zu ck 
werden, und dies ist die regelmäßige Entsprechung in der 
Schriftsprache (vgl. § 170). Dagegen war in Niederdeutsehland, 
wo der Stimmton erhalten blieb, eine stimmhafte Fortis, wie 
wir wohl sagen können, möglich, und so ist unter nieder- 
deutschem Einfluß die Schreibung gg in einigen Wörtern ein- 
geführt. Bei Roggen hat das Bestreben der Grammatiker nach 
Unterscheidung von JRocIcen == Spinnrocken mitgewirkt. liocJien 
schreibt Lu. und noch im 18. Jahrh. selbst nd. Schriftsteller 
wie Moser und Voß. Ad. tritt für Rocken ein gegen Gottsched. 
Andere Wörter sind ersichtlich nd. Ursprungs: Flagge, doch 
im 17. Jahrb., wo es zuerst auftritt, häufig Flache geschrieben, 
baggern, schmuggeln, ein den germanischen Anwohnern der 
Nordsee gemeinsames, erst spät auftretendes Wort, in die 
deutsche Schriftsprache im 18. Jahrh. eingeführt. Dogge ist 
aus dem Engl, entlehnt; es erscheint seit der zweiten Hälfte 
des 16. Jahrh. zunächst auch in der Schreibung Docke. Nicht 
ganz klar ist die Entwicklung von Egge und eggen. Das Verb, 
hatte ursprünglich Wechsel zwischen einfachem und geminiertem 
Konsonanten, daher ahd, eckan — giegit, woraus sich dann 
Doppelformen entwickeln konnten: egen — ecken (nd. eggen). 
Die Bezeichnung des Gerätes war ahd. egida, mhd. und mnd. 
egede, eide {Egde noch bei Girbert). Die jetzige scheint eine 
Neubildung aus dem Verb, zu sein. Lu. schreibt Ege, und 
diese Form erhält sich zunächst und wird noch von Ad. als 
die korrekte betrachtet. Egge tritt erst seit Ende des 17. Jahrh. 
auf und wird von Ad. als nd. bezeichnet. Anders verhält es 
sich mit flügge. Es scheint urgerm. kk zugrunde zu liegen, doch 
ist gg schon in älteren germanischen Dialekten durch Angleich 
an fliegen eingeführt. Die Einführung der nd. Schreibung ist 
ebenfalls durch diese Angleichung begünstigt. Schon Lu. schreibt 
flügg, aber flück{e) findet sich noch bei Le. (5, 205, 28), Fr. Müller, 
Stolberg, Bettina, Rückert. 

§ 179. In Lehnwörtern entspricht g dem fremdsprachlichen 
g, z. B. in Gran. Grad. Greif. Grenze (aus poln. granica). Gurke 



302 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

(aus poln. ogurek). Nur scheinbar direkt auf lat. Graecus geht 
das g in Grieche zurück. Das sehr früh aufgenommene Wort 
hatte urgerm. k im Anlaut (got. Kreks), daher mhd. Krieche. 
Der Zusammenfall von k und g vor r legte dann die An- 
lehnung an die lateinische Schreibung nahe. In einer Anzahl 
von Wörtern, die nach der hochdeutschen Lautverschiebung 
aufgenommen sind, ist auch lat.-rom. c durch g wiedergegeben: 
Galmei aus frz. calamine (span. calamina), Umbildung aus griech. 
yMÖf/da; Gant oberd. („Zwangs-)Versteigerung" aus it. incanto 
(lat. in quantum7); Ganter oberd. „Grestell für Fässer" aus lat. can- 
therium durch romanische Vermittlung; Gardine aus ndl. gordijn, 
dies aus frz. courtine, it.- span. cortina\ Gugel „Kapuze", wozu 
oberd. Gugelhopf „Napfkuchen" aus lat. cuculla; Günsel, 
Pflanzenbezeichnung, aus mlat. consolida; Graupe, falls die Ab- 
leitung aus slaw. krupa richtig ist. Auch Goller findet sich 
neben Koller (mhd. gollier, kollier aus frz. collier = mlat. col- 
larium) anhd. und noch oberd, auch bei Schi. Gruft aus 
krypta ist deshalb wohl nicht hierher zu stellen, weil schon 
im Mlat, grupta erscheint. Das inlautende g in Spiegel aus 
lat. speculum beruht jedenfalls schon auf vulgärlateiuischer 
Erweichung. Dagegen wird Glocke hierher gehören, dessen g 
gegenüber dem k in nd. Klocke (auch in der nordd. Stadt- 
sprache, zuweilen auch bei norddeutschen Schriftstellern), anord. 
klokka dafür spricht, daß es ein Lehnwort aus mlat. clocca ist. 
welchen Ursprungs dasselbe auch sein mag. Auch für Kutsche 
aus Ungar, kocsi erscheint in der älteren Sprache Gutsche und 
andere Formen mit g. 

Anm. Unter kuschen, das auf frz. coucher zurückgeht, wird im DWb. 
unter 2b als östr. angegeben sich guschen, vgl. dazu Schikaneder 2,131: 
bey solchen Leuten muß man sich guschen. 

§ 180. In deutschen Wörtern bleiben g und k im Anlaut 
vor Vokalen außer im Sächsisch -Thüringischen streng ge- 
schieden. Doch steht neben gucken in der norddeutschen 
Umgangssprache kucken und dies ist seit Lu. auch bei Schrift- 
stellern nicht selten, vgl. DWb. V, 2519; Gueintz spricht sich 
für k aus (Orth. 87). Nd. erscheint in gleichem Sinne kiken. 
Da dies auch im Vokal und im inneren Konsonanten nicht zu 
gucken stimmt, so werden wir die beiden Verba als ursprünglich 
ganz verschiedene Wörter zu betrachten haben, und das k von 



Velare und Palatale: g. 303 

kucJcen wird auf Einfluß von nd. Jcilcen zurückzuführen sein. 
Auch gaffen und nihd. kapfen „schauen" (ohne verächtlichen 
Beigeschmack) haben von Hause aus nichts miteinander zu 
schaffen. Ersteres ist = nd. yapeti und bedeutet zunächst 
„das Maul aufsperren". Auf gegenseitige Beeinflussung deuten 
allerdings manche Mischformen, vgl. DWb. IV la, 1136. 

Anm. Auffallenderweise erscheinen auch für gaukeln Formen mit 
anlautendem k in nd. und md. Quellen, s. DWb. Vgl. dazu Köckel „Possen" 
Reuter, Schelm. 9; identisch damit ist nd. kokein (auch in der nordd. Stadt- 
sprache) „leichtsinnig mit dem Feuer spielen". Sonst kommen wohl Be- 
rührungen bei onomatopoetischen Wörtern vor. So ist gichern preußisch, 
von Hermes gebraucht (Soph. R. 3, 3S6). Für Kihitz finden sich ober- 
deutsche Formen mit g, vgl. DWb. unter 3. 

§ 181. Auf md. Gebiete ist ng aus nd entstanden. In die 
Schriftsprache gedrungen ist schlingen (schlucken) = mhd. 
slinden, das so mit mhd. slingen (in Windungen bevpegeu) 
lautlich zusammengefallen und auch begrifflich vermischt ist. 
Zum ersteren gehört ohne den Übergang Schlund. 

Anm. In oberdeutschen Mundarten hat sich nd noch jetzt erhalten. 
Bei oberdeutschen Schriftstellern herrscht es im IG. Jahrh. Lu. hat über- 
wiegend schlingen, doch auch noch schünden. Noch Schottel führt beide 
Formen nebeneinander auf. Vgl. DWb. 9, 736. Anderseits findet sich 
anhd. auch die mundartliche Form Schlung {Schlunk, Schlungs). 

§ 182. Älterem ch entspricht g in Essig, Fittig, Ecisig = 
mhd. e^^ich, vettech, risech (ahd. hrisaJii). Hier ist jedenfalls 
zunächst in den mehrsilbigen Formen wie es;pches das ch mit 
so geringer Intensität gesprochen, daß es als Lenis gefaßt 
werden konnte, wofür g in den Gebieten, wo es im Inlaut als 
Reibelaut gesprochen wurde, das angemessene Zeichen war, das 
dann auch auf den Auslaut übertragen wurde. In manchen Land- 
schaften wird es auch im Silbenanlaut in den Verschlußlaut 
übergegangen sein. In Lattich hat sich ch behauptet, ebenso 
in Bottich, Böttcher; doch kommt auch die Schreibung Boitig 
vor, und Böttiger ist als Familienname häufig. Im Anhd. findet 
sich g für ch auch bei den Adjektiven auf -lieh, zunächst in 
den flektierten Formen. Bezeichnend ist, daß Laur. Albertus 
angibt (F-*) geistlig spiritualis, geistlich spiritualiter. Im all- 
gemeinen hat sich schließlich die Schreibung mit ch doch be- 
hauptet, für die z. B. Schottel (S. 198) eintritt. Aber, wo eine 
Vermischung mit den Ableitungen auf -ig leicht möglich war, 



304 II, 9. Die einzelnen Geränschlante. 

nämlich da, wo der erste Bestandteil auf l ausging, hat sich g 
festgesetzt, in billig, (mhd. hil-lich), adelig, eidig, heiklig, stachlig, 
mitadelig, unzählig. Für {allmählich ist durch die neueren 
Rpgelbücher inkonsequenterweise die Schreibung mit ch fest- 
gesetzt. Auch das Dirainutivsuffix -chen erscheint im 17. Jahrh. 
und bis über die Mitte des 18. häufig in der Schreibung -gen. 
Die Sehreibung -igt für -icht (in rosigt usw.), die" im 18. Jahrh. 
nicht selten ist, beruht auf Vermischung mit dem Suffix -ig; 
sie deutet schwerlich auf eine abweichende Aussprache. 

Nach betonter Silbe ist g für ch eingetreten in prägen = 
mhd. hrcechen. Die jetzige Form ist wohl von Obersachsen 
ausgegangen; den oberdeutschen Mundarten ist das Wort fremd. 
Hierher gehört es auch, wenn statt die Anzeichen öfters die 
Anzeigen erscheint, was dann als PL von Anzeige gefaßt 
werden konnte. Zweifelhaft kann man sein, ob g für h oder 
ch eingetreten ist, oder ob vielleicht beides in Betracht kommt, 
bei Sarg und Werg. Im Ahd. bestehen Doppelformen sarc 
(oberd. sarch) und saruh (überlieferte Schreibung sariihc), vgl. 
darüber § 187; daher mhd. sarc und sarch, die sich auch noch 
in das Nhd. fortsetzen. Werg ist eine Abzweigung aus Werh 
wofür im Ahd. gleichfalls Doppel formen vorhanden sind: uuerc 
(oberd. uuerch) und uuerah, daher mhd. iverc und werch, beide 
auch im Sinne von Werg. Zusammenfall von /; und g nach r 
war im nördlichen Oberdeutschen und im benachbarten 
Fränkischen eingetreten. 

Anm. 1. Die Schreibung Essig schon bei Lu., daneben im 16. Jahrh. 
noch Essich. Dagegen schreibt Lu. Fittich, und dies erhält sich neben 
Fittig bis ins 19. Jahrh., wird auch von Ad. bevorzugt; geblieben ist beim 
Schlafittchen nehmen durch Anlehnung an das Dirainutivsuffix -chen. Bis 
ins 1 6. Jahrh. reicht Reisig zurück. Neben Rettich erscheint Rettig schon 
im 17. Jahrh. Doch schreiben die Grammatiken und Wörterbücher bis auf 
Campe meistens Rettich vor; Schwanken zeigt sich dann noch in den 
neueren Regelbüchern, bis zuletzt ch willkürlich festgesetzt ist. In Lattich 
hat sich ch behauptet. 

Anm. 2. Die Schreibung -lig für -lieh reicht noch bis tief ins 
18. Jahrh. So findet sich bei Goe. fröliges (Br. 2, 22,22), Hermes ah- 
scheulig, fr eilig, frölig, Verehligung, bei Musäus schmäligen, trauligen, 
noch bei W. Alexis schmäliger (Ruhe 3, 290). Anderseits ist bei den 
Wörtern, in denen sich jetzt g festgesetzt hat, ch erst nach längerem 
Schwanken zurückgedrängt. Am frühesten ist billig durchgedrungen, wozu 
<ias abgeleitete Verb, billigen beigetragen hat; doch überwiegt im 17. Jahrh. 



Velare und Palatale: g. 305 

noch billich. Bei den übrigen wirkte zum entscheidenden Siege der Formen 
mit g noch die Autoriüit Adelungs. Beispiele für adelich noch aus Wi., 
Ooe., Voß im DWb. und bei Sa ; vgl. noch Schi. Br. 1, 383; Wa. T. 1509; 
Eberl, Eipeldauer 8. Über stachdich vgl. DWb.; noch der junge Goe. 
schreibt stachelichen (Br. 1,2), 1!)). Ad. bezeichnet untadelich als „die so 
gemeine Schreibart" und nnzühlich als „die sowohl in der Deutschen 
Bibel, als noch bey vielen Neuern, übliche Schreibart". Beispiele für 
mählig, allmählig bei Sa., aber auch Ad. entscheidet sich hier für eh. 

Anm. 3. Viele Belege für -gen statt -chen bietet das DWb., vgl. 
namentlich Mädchen. Es herrscht noch bei Hermes, Lichtenberg u. a., 
bei dem jungen Goe. Schi, schreibt noch in Briefen aus späterer Zeit 
(vgl. 7, 175) Nachttischgen, Theetischgen. Grammatiker wenden sich gegen 
-gen, so die bairische Sprachk. S. 51, Hemmer, Abh. S. 123. 

Anm. 4. Im 16. Jahrh. sind häufig Schreibungen wie ferting für 
fertigen, die auf eine Assimilation von -gen zu velarem Nasal deuten. So 
ist auch aus -liehen durch die Zwischenstafe -ligeyi -ling geworden, vgl. 
z. B. geistling, wunderling bei H. Sachs. 

Anm. 5. Über Anzeigen für Anzeichen vgl. außer Sa. Zs. fdWf. 10,77; 
dazu noch Andrews 18U. 242; Claudius 3, VI; Hermes, Soph. R. 3,515; 
Geschwind, eh es jemand erfährt 24. 2(i, während 41 Anzeichen steht. 
Auch der Sg. Anzeigen kommt vor, vgl. ein gutes Anzeigen Rabener 
Sat. 3, 171 ; ein böses Anzeigen Bode, Klinkers R. 2, 141 ; kein gutes Anzeigen 
Goe. Br. 14, 109,26. 

Anm. 6. Ln. schreibt Sarck; Opitz, G. 33,24 Sarck, später geändert 
in Sarch, das 4(i, 158 von Anfang an gesetzt ist, Lohenstein (Arm. 11'^) 
dem Sarche. Die Bairische Sprachk. tritt für Sarg gegen Sarch ein. 

Anm. 7. Schwerlich ist Übergang von ch zu g anzunehmen in Ge- 
lag{e), wiewohl die Schreibung Gelach bis tief ins 18. Jahrh. hinein über- 
wiegt und noch früher g(e)locJi. Das ch erklärt sich in dem doch wohl 
zu legeyi gehörigen Worte daraus, daß es von Niederdeutschland aus vor- 
gedrungen ist. 

§ 183. Als regelmäßige Entsprechung für älteres j steht g 
nach r in Scherge = ahd. scario, wofür genauer *scarijo zu 
schreiben wäre, und Ferge (Fährmann) aus ahd. fario\ ferner 
in dem Lehnwort Latwerge aus mlat. electuarmm. Schon im 
Mhd. wird gewöhnlich g geschrieben, doch läßt sich nicht aus- 
machen, ob damit Reibelaut oder Verschlußlaut bezeichnet 
werden soll. Jedenfalls aber finden sich seit dem 14. Jahrh. 
Reime auf altes g, wie bergen : latwergen (vgl. Ehrismann 
PBß. 22, 295). Zu vergleichen ist der Übergang von tv in h 
nach r (vgl. § 148). 

Zwischen Vokalen nach unbetonter Silbe ist g aus j ent- 
standen in Käfig (Nebenformen Käfich, Käficht, s. § 189) 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 20 



306 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

aus lat. cavea, mhd. kevie, Jcefige; in Mennig{e) aus lat. 
minium. Wahrscheinlich gehört auch hierher nach den älteren 
Schreibungen Metzig, Metsge (Fleischbank), wozu metsgen, 
Metzger, wenn auch der genaue Ursprung dieser Fremdwörter 
noch nicht klar ist. Ferner der Städtename Venedig, mhd. 
Venedige aus Venetia. Nach betonter Silbe in Reigen neben 
Reihen = mhd. reie, reige (vgl. § 192). 

Für den Wortanlaut bestand im Mhd. die Regel, daß j 
vor i zu g wurde, was doch wohl nicht als bloßer Schreib- 
gebrauch aufzufassen ist. Daher lautet zu jesen (gähren) die 
3. Sg. giset, zu jeten (jäten) gitet. Durch Ausgleichung entstand 
dann in diesen Wörtern ein durchgehendes Schwanken zwischen 
;■ und g. Jetzt ist gären zur Herrschaft gelangt, wobei An- 
lehnung an gar mitgewirkt hat (vgl. z. B. Aichinger 43); jären 
erscheint in der Literatur bis zu Anfang des 18. Jahrh. Um- 
gekehrt ist jäten die jetzt übliche Form; gäten noch bei Goe.^ 
Voß, Heine (7, 285). Zu gären gehört Gischt. Neben Gauner 
steht im 18. Jahrh. Jauner, dieses von süddeutschen (noch von 
Hebel), jenes von norddeutschen Schriftstellern gebraucht. 
J ist das ursprüngliche; zugrunde liegt das aus dem 15. und 
16. Jahrh, bezeugte rotwelsche Joner „Falschspieler", das aus 
dem Hebräischen abgeleitet wird. 

Anm. 1. Aus Maria hat sich infolge früher Zurückziehung des 
Akzentes die Form Mergt entwickelt, daher St. Mergen, Ort im Schwarz- 
wald (Kirche der heiligen Maria). Noch in manchen Fremdwörtern hat 
die volkstümliche Entwicklung zu rq geführt. So werden durch Reime 
Formen wie materge, historge als spätmhd. erwiesen (vgl. Ehrismann a.a.O.). 
Meist ist j nach r durch Angleichung an verwandte Formen geschwunden. 
So müßte der Gen. und Dat. von Heer bei lautgesetzlicher Entwicklung 
*Herges, *Herge lauten {herige noch amhd.); Heeres, Heere beruhen auf 
Angleichung an den Nom.-Akk. Länger hat sich g behauptet in dem ab- 
geleiteten Verb.; (ver)hergen neben {yer)heeren hat sich bis in das 18. Jahrh. 
behauptet, s. DWb. unter heeren, verhergen, Verherger, Verhergung, Land- 
verheeren, Landverheerer; vgl. außerdem Haymonsk. (>. 7 usw.; Amadis 1, 375; 
Cysat Nr. 55; Parn. boic. 1, 37; das verhörgte Land Simpl. Sehr. K. 4, 251, 24. 
Zu nähren und icehren sind die Nebenformen ner{i)gen, wer{i)gen nur noch 
amhd. belegt. 

Anm 2. Auch nach l ist lautgesetzliche Entwicklung von j zu g 
eingetreten (vgl. Ehrismann a.a.O.), die aber für die jetzige Schriftsprache 
nicht in Betracht kommt, da in dieser die lateinischen Lehnwörter, um 
die es sich hier allein handelt, wieder an die Grundsprache angelehnt sind. 
Hierher gehören Formen wie Lüge (auch Lilig) für Lilie; Belege bis 



Velare und Palatale: g, eh. 307 

gegen ITOo im DWb.; Löhenstein reimt (Cleop. 1869) TAlgen : vertilgen 
nnd selbst Rückert (1, 28) Lil'gen : bill'gen; dazu die volkstümliche Neben- 
form Gilge. Ferner Petersilge. Brockes braucht häufig Fulge für F'olie 
(s. DWb.). Noch früher ist j nach n zu g geworden. Schon Wolfram 
hat Reime wie Katelangen (Catalonien) : emphangen. 

§ 184. In einigen Fällen ist ursprünglich vorhandenes g 
geschwunden. Ahd. igi ist im Mhd. zu i, egi zu ei kontrahiert, 
vgl. § 87. Jünger ist die md. Kontraktion von age, die in der 
Schriftsprache durch Harn aus 'Hagen vertreten ist. Die kon- 
trahierte Form Voit aus voget erscheint als Eigenname, als 
solcher auch die Kontaminationsform Voigt, eine Schreibung, 
die früher auch für das Appellati vum angewendet wurde (Voggt 
Quistorp, D. Schaubühne 5, 209). Ausfall eines g infolge von 
Dissimilation liegt vor in Mädchen für Mägdchen. Im 17. und 
noch bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts besteht ein 
Schwanken zwischen beiden Formen (vgl. DWb. und Köster, 
Neol. Wb. XIX Anm.); Mägdchen noch bei Le. Unaufgeklärt ist 
der Schwund des anlautenden g in Enzian aus lat. gentiana. 
In Ingwer aus ahd. gingihero (vgl. die Zusammenstellung der 
Formen in Zs. fdWf 6, 182) könnte Dissimilation vorliegen. 
Oberd. ist Ips für Gips (bei Hebel), vgl. Hörn, PBB. 22, 218. 

eh. 

§ 185. Für den Laut, den wir jetzt durch das Doppel- 
zeichen ch bezeichnen, wurde im Ahd. zunächst h geschrieben, 
zwischen Vokalen hh {höh, zeihhan), während ch ursprünglich 
Aspirata oder Affrikata bezeichnet zu haben scheint, vgl. § 169. 
Erst im späteren Ahd. wird h in dieser Funktion allmählich 
durch ch ersetzt, bleibt aber auch im Mhd. vor t und s {naht, 
wahsen), wo erst seit dem 14. Jahrh. gleichfalls ch üblich wird. 

Wir unterscheiden jetzt deutlich zwei Hauptarten der 
Aussprache, velare, bei der die Artikulationsstelle am hinteren 
weichen Gaumen, und palatale, bei der sie am vorderen harten 
Gaumen liegt. Die erstere hat statt nach a, o, u {Bach, Loch, 
Buch), die letztere nach e, i, ä, ö, ü (brechen, brich, Bäche, 
Löcher, Bücher); auch nach Konsonanten (vgl. Kelch, Kirche, 
mancher), die immer erst durch Vokalausstoßung mit dem ch 
zusammengerückt sind, vgl. weiter unten. So wird auch das 
Verkleinerungssuffix -chen stets mit palatalem Laute gesprochen, 

20* 



308 II, 9. Die einzelnen Ger'äuschlaiite. 

weil es ursprüng-lieh immer hinter unbetontem e stand, nicht 
bloß nach Konsonanten {Briefclien, Mädchen), sondern auch bei 
Anhängung- an Wörter, die auf dunkeln Vokal ausgehen 
(Frauchen, Fapachen). Im Hochal. wird ch auch nach hellen 
Vokalen velar ausgesprochen, und diese Aussprache seheint 
früher weiter verbreitet gewesen zu sein. 

Nach dem sonst herrschenden Schreibsystem sollte ch 
eigentlich nach kurzen Vokalfsn doppelt geschrieben werden 
{machchen). In dieser Stellung wird es wie sonst Doppel- 
küDSonant mit größerer Intensität gesprochen. Im übrigen 
unterscheidet es sich von dem als Reibelaut gesprochenen g 
auf dem nördlichen Gebiete, das stimmhafte Konsonanten be- 
wahrt hat, deutlich durch das Fehlen des Stimmtones, während 
auf dem südlichen Gebiete der Unterschied teilweise ganz 
verloren ist, so daß z. R. im Obersächsischen hriegen und 
kriechen gleich lauten. 

In der Verbindung chs (mhd. hs) ist Übergang in den 
Verschlußlaut Je eingetreten, dem die Schreibung nicht mehr 
gefolgt ist, vgl. Achse, Ochse usw. Die Aussprache als Je gilt 
jetzt in der Schriftsprache nicht, wo verwandte Formen daneben 
stehen, in denen auf das cJi kein s folgt, vgl. macJist, JiöcJist; 
doch findet sich mundartlich die Aussprache Jiöksfe, neueste für 
JiöcJiste, näcJiste. Für das Alter des Übergangs ist das Zeugnis 
Ölingers wichtig. Dieser gibt an, daß ivacJcs usw. zu sprechen 
sei, dagegen des tacJis, des hacJis, macJis gut. 

Anders verhält es sich mit dem cJi in Fremdwörtern, das 
teils als Je gesprochen wird (in griech.-lat. Wörtern wie CJwr), 
teils als Reibelaut (in französischen Wörtern), entweder mit 
genauem Anschluß an die fremde Sprache oder mit Laut- 
substitution wie unser seh, welches nach den neueren Regel- 
büchern auch meist in der Schrift eingesetzt wird (CJioJeolade — 
SchoJeolade). 

§ 186. Schriftsprachliches cJi mit dem deutsehen Lautwert 
kommt niemals im Anlaut vor. Es ist normalerweise = ahd.- 
mhd. cJi (evtl. Ji geschrieben). Dies geht weiterhin zurück ent- 
weder auf westgerm. einfaches Je nach Vokal (vgl. I § 119) oder 
auf urgerm. x (h)- 

§ 187. Je liegt zugrunde bei weitem in den meisten Fällen, 
wo es zwischen Vokalen steht, oder wo verwandte Formen mit 



Velare uud Palatale: eh. 309 

der Stellung- zwischen Vokal daneben stehen, vgl. hrechcn, 
stechen, tvachen, Bach{ts), Buch{ts) usw. Auslautendes ch geht 
außerdem auf li znrlick in ich, mich, dich, sich, auch. Wie 
germ. k ist lat. c in den ältesten Lehnwörtern behandelt, vgl, 
Becher, Kicher{erhse), Koch, Pech, Sichel (aus secula), sicJier (aus 
seciirus). Jetzt steht dieses ch auch in einigen Fällen nach 
Konsonant, aber erst infolge einer Vokalausstoßung: Kirche 
= ahd. chirihha, horchen = ahd. (Williram) hörechen, schnarchen 
aus * snarrecheti , Milch = ahd. miluh (gegen melhen = ahd. 
melchan), Kelch = ahd. Jcelih (aus lat. calix), Mönch = ahd. 
munih (aus lat. monacus), tiinchtn = ahd. tunihJiön; das Suffix 
-chen aus nihd. -echen. Neben Storch = ahd. storah bestand 
eine Nebenform Storh = ahd. storc, die in der Literatur bis 
um 1600 häufig ist und in süddeutschen Mundarten noch fortlebt 
(vgl. die Siorken, Hebel 111,32, im Storken zu Basel 132,38). 
Entsprechend verhält es sich mit den alten Doppelformen 
Werk — Werch und Sark — Sarch, über deren Weiterentwicklung 
§ 182 zu vergleichen ist. 

Anm. Auffallend dagegen ist die Nebeuforin Kalch zu Kalk (aus 
lat. calx), die sich in oberd. und md. Mundarten findet und auch in der 
Literatur nicht selten ist (s. DWb.), so daß die Bair. Sprachk. es nötig 
findet vorzuschreiben: Kalk, nicht Kalch. Im Ahd. findet sich neben kalc 
keine Nebenform mit Zwischenvokal. Man wird wohl annehmen müssen, 
daß Kalch vom südlichen Oberdeutschen, wo die Form lautgesetzlich ist 
(vgl. § 169), weiter nach Norden vorgedrungen ist. Ahnlich wird es sich 
mit der Form March für Mark (Grenze) verhalten, vgl. die Belege im 
DWb. 2, außerdem Le. 1, 245, 68 ico jedes March sich schließt und Wi. 
B. II, 1, 335, 25. Graff belegt zwar aus Rb. maracha, maractwm, aber da 
handelt es sich jedenfalls um einen Seknndärvokal, der erst nach der 
Laatverschiebung eingetreten ist. 

§ 188. Urgermanisch ;;; (h) liegt zugrunde in den Ver- 
bindungen cht uud chs, bis gegen Ende des 13. Jahrb. ht uud 
hs geschrieben, vgl. acJd, Acht, achten, ächten, Beichte, dicht. 
Locht, leicht, Licht, leuchten, Nacht, nicht, Pracht, recht, richten, 
schlecht, schlichten, Wicht; dachte, deuchte. Wacht, Geivicht, 
Macht, mochte, Tracht; Suffix -icht in töricht usw., in Wechsel 
mit h stehend: Flucht, Sicht, seicht (zu seihen), Gesicht, Ge- 
schichte, Zueilt; in Lehnwörtern lateinischem et entsprechend: 
dichten (dietare), Frucht, Pacht {pactum), trachten {tractare); 
Achse, Achsel, Lachs, Lechsel („Beil"', veraltet), Leichsel, 



310 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

drechseln, Eidechse, Flachs, Flechse, Fuchs, Hechse (Kniebug), 
Lachs, Luchs, wozu das vulgäre {ah-)luchsen , Ochse, Sachse, 
sechs, Wachs, wichsen, tvachsen, Wechsel; höchste, nächste. Doch 
entspricht in einigen Fällen ch vor t urgerraanischem k, nämlich 
in solchen, wo die Laute erst durch Ausfall eines Vokales zu- 
sammengerückt sind, vgl. Hecht = mhd. hechet, bricht = brichet, 
inachte, ivachte = machete, wachete usw. In den Lehnwörtern 
Buchsibaum) , Büchse entspricht chs lateinischem x, da aber 
auch in ihnen früher hs geschrieben wird, so ist anzunehmen, 
daß in ihnen wie in den deutschen Wörtern einmal die Aus- 
sprache chs bestanden hat und dann erst wieder in TiS ge- 
wandelt ist. 

Im Auslaut war im Mhd. ch = urgerm. y weit verbreitet. 
Im Nhd. ist dasselbe durch Ausgleichung meist beseitigt. 
Geblieben ist es in isolierten Formen, bei denen keine nahe 
verwandten Formen mit h daneben standen: doch, durch, noch, 
nach; ferner in hoch, Schmach. Hierher gehört auch das 
Kollektivsuffix mhd. -ech aus ahd. -ahi, das in Bicliicht, Weidicht 
sekundäres t angenommen hat, als -ig in Beisig (vgl. § 182). 

Zwischen Vokalen entspricht ch in einigen Fällen west- 
germanischem hh: Zeche (= ags. teohhe), zechen, lachen (= got. 
hlahjan, ags. hliehhan), seichen (zu seihen). ■ 

§ 189. In mehreren Wörtern kommen besondere Ver- 
hältnisse in Betracht. In Furche = mhd. furch, Gen. furhe 
(fürhe) ist ch aus der alten endungslosen Form in die flektierten 
Formen übergetreten; die normal entwickelte Form Fuhre 
besteht im Nd. und danach in der norddeutschen Umganga- 
sprache, auch im AI.; Scheuen und scheuchen sind erst all- 
mählich in ihrer Bedeutung differenziert {ver scheuen statt ver- 
scheuchen noch bei Bühl, Teil S. 14, vgl. Vogelscheue Robinson 
166); die beiden Formen sind durch Ausgleichung nach ver- 
schiedenen Richtungen entstanden: mhd. ich schiuhe, er schiuhet 
— er schiuht, er schiuhte {ht gesprochen als cht). In solcher, 
welcher = mhd. solher, ivelher ist ch aus den flexionslosen 
Formen mhd. solch, welch eingedrungen. Allerdings liegt hier 
urgerm. h zugrunde (got. swaleil's), und daher lauteten die 
Formen im ahd. zunächst solihher, huelthher, aber infolge der 
Stellung in unbetonter Silbe war im späteren Ahd. hh ver- 
einfacht, das heißt aus dem Lautwert unseres ch in den unseres h 



Velare und Palatale: eh. 311 

übergegangen, so daß in dem nhd. ch keine unmittelbare Nach- 
wirkung des ahd.hJi = c}i zu sehen ist. Vgl. die Bemerkung 
über Bisdiof in § 151. In Morchel = mhd. morhel und röcheln 
= mhd. rühelen wird Verstärkung durch Einfluß des l an- 
zunehmen sein, vgl. § 133. 

In manch, mancher = mhd. mancc, maneger ist ch in den 
Mundarten, in denen (/ in unbetonter Silbe als Reibelaut ge- 
sprochen wurde, zunächst in der flexionslosen Form {manech) 
entstanden und von da in die flektierten übertragen. Schon 
im 16. Jahrh. erscheint g selten. Dagegen ist in mannigfach, 
mannigfaltig die Schreibung mit g bewahrt. Doch findet sich 
früher auch in diesen V^örtern die Schreibung mit eh, so bei 
Kl. und Goe. 

In Käfich, Käficht, älteren Nebenformen zu Käfig, ist cli 
aus j entstanden, vgl. § 183. Dasselbe läßt sich vielleicht für 
Eppich = ahd. e2)hi aus lat. apium und Lolch == ahd. lolli aus 
lat. lolium annehmen. Doch da schon ahd. auch die Form 
ephih belegt ist, handelt es sich vielleicht um eine Umbildung 
nach Wörtern wie rätih. 

Im Nd. und Mfränk. ist ft in cht gewandelt. Von hier aus 
sind manche Wörter mit diesem cht in die Schriftsprache auf- 
genommen. Hierher gehören echt, zusammengezogen aus ehacht 
= mhd. ehaft (mhd. e = nhd. Ehe „Gesetz"), durch den Einfluß 
des Sachsenspiegels verbreitet, von Lu. noch nicht gebraucht; 
Nichte ■= ahd. nift (mhd. nur im Diminutivum niftel), verwandt 
mit Neffe, seit dem 17. Jahrh. in der Schriftsprache; Gerücht = 
mhd. gerüefede, ursprünglich als gerichtlicher Ausdruck = 
„Hilferuf", „Anklagegeschrei", besonders durch den Sachsen- 
spiegel verbreitet, bei Lu. in dem jetzigen Sinne, wohl auch 
mit Anlehnung an Geruch; dazu heriichtigen, jetzt gewöhnlich 
nur in dem adjektivischen Part, berüchtigt, ferner ruchthar, 
ältere Form für das jetzt übliche ruchbar, noch von Goe. und 
Schi, neben dem letzteren gebraucht, vielleicht auch anrüchtig, 
ältere Form für das jetzt übliche anrüchig, welches letztere 
allerdings sicher an Geruch angelehnt ist; sacht, md. sachte = 
alts. säfto, also identisch mit sanft, ursprünglich also Adv., 
dann auch als Adj. gebraucht; Schachtelhalm (mhd. schaftel); 
Schlucht, seit 16. Jahrh. belegt, aber erst seit dem 18. allgemein 
verbreitet, Nebenform zu Schluß (zu schliefen, schlüpfen), das 



312 II, 9. Die eiuzelnen Geräuschlaute. 

noch bis ins 19. Jahrh. daneben vorkommt; hesclnvichtigen, erst 
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. in die Schriftsprache 
gekommen, Weiterbildung zu nd. {he)swicMen = mhd. swiften, 
im Sprachgefühl an schweigen angelehnt; sichten, zunächst 
mnd. aus sißen (engl, sift) zu Sieh, durch Lu. schriftsprachlich 
geworden. 

Auffallend ist das ch in Schachtel aus it. scatola. 7ä\i 
vergleichen wäre vielleicht mhd. schahtel aus altfrz. chasiel 
(nfrz. chäteaii). 

Anm. Schilift ist häufiger, als es nach dem DWb. scheint, auch in 
Prosa, vgl. Nicolai, Reise 492; Musäus, Volksm. 4,205; Tieck, Lov. 2,219; 
DonQuixote 1,416 ff.; Phantasus 1, 98. 214. 24(». 2J5; E. Th. Hofifmann 1,21«; 
Lafontaine 2,55; Fonqne, Zauberring 3,112. Am Niederrhein üblich ist 
Gracht „Kanal" = mhd. graft zu graben. Ducht „Ruderbank" in der 
Seemannssprache = mndl. dofte, dockte. Auch in Juchten ist ch aus f 
entstanden; zugrunde liegt xüs^. juftu; Juftenleder noch bei Holtei, Erz. 
Sehr. 15, !2. Die verbreitete Annahme, daß Schacht (zufrühest aus dem 
Passional belegt) mit Schaft identisch sei, entbehrt eines zureichenden 
Grundes, da Schaft niemals in der Bedeutung von Schacht vorkommt. Es 
liegt ferner kein Grund vor, die ursprünglich md. und nd. Wörter Ein- 
tracht, Zwietracht mit den Adjektiven einträchtig, zwieträchtig (früheste 
Belege im Passional) mit dem etwas ganz Anderes bedeutenden ahd. Adj. 
eintrafti (gl. K.) in Zusammenhang zu bringen, während die Ableitung aus 
trachten oder tragen viel befriedigender ist. Gelichter hat man hierher- 
gestellt wegen der bairischen Form Glifter, aber das Wort und Ab- 
leitungen daraus haben auch in oberdeutschen Quellen von Anfang au ht, 
mag man auch die Ableitung aus ahd. l'ehtar „Gebärmutter" dahingestellt 
sein lassen. Man ist ferner versucht, lichten in der Verbindung die Anker 
lichten aus mhd. lüften abzuleiten, da im Schwed. lyfta entsprechend ge- 
braucht wird, und dies lichten also von dem in ein Schiff lichten (aus- 
laden) zu trennen, das zweifellos Ableitung ans leicht ist; aber in beiden 
Fällen erscheint in älteren hochdeutschen Quellen dafür leichten. 

§ 190. Ausgefallen ist ch in allmählich, wofür früher das 
einfache mählich üblich war, landschaftlich noch jetzt, aus 
mächlich wohl durch Dissimilation entstanden. Die Form 
mächlich verzeichnet noch Steinbach, aber schon Lu. gebraucht 
mehlich. Dagegen hat sich gemächlich unter dem Einflüsse 
von Gemach behauptet, doch findet sich daneben geniählich 
vom 15. — 17. Jahrh. und noch jetzt miindartl. (vgl. DWb. IV ^'^ 
3141 u.). Die Form geruhen in Wendungen wie Seine Majestät 
haben allergnädigst geruht mit zu und Inf. kann nicht lautlieh 
aus mhd. geruochen entwickelt sein, vielmehr liegt eine, wenn 



Velare und Palatale: eh. j. 313 

auch noch Dicht ganz aufgehellte Anlehnung an ruhen vor, 
wie auch die bei Lu. vorkonnDencle Schreibung geruwen beweist. 
Durch Assimilation ist ch geschwunden in Gleisner aus mhd, 
gelichsencBre zu einem Verb, geliehsenen neben gelichsen, Ab- 
leitung aus gelicJi = nhd. gleich. Die Assimilation von clis 
zu SS ist nd. (vgl. Osse) und erstreckt sich auch auf md. Gebiet. 
Die Form gelissener findet sich zuerst spätmhd. in md. Quellen. 
Sie ist frühzeitig au das Verb, gleißen (glänzen) = mhd. gli^eii 
angelehnt. Anders verhält es sich mit der landschaftlich weit 
verbreiteten Form nit für ?iicht. Hier erklärt sich der Ausfall 
aus dem enklitischen Gebrauch des Wortes. 

Au IB. Ausfall des h (ch) vor t infolge von Unbetontheit findet sich 
auch ?onst. So in der mhd. Partikel et neben cht (eben, nun einmal); 
ferner in dem Adjektivsuffix -cht = nhd. -icht, wofür im 10. Jahrh. -et 
weit verbreitet ist. Auch Lu. schreibt z. B. vierecket. 



J- 
§ 191. In der jetzigen Schriftsprache ist j palataler 
Reibelaut. Derselbe ist aber aus älterem konsonantischen i 
entstanden. Daher wurde auch dafür zunächst kein anderes 
Zeichen verwendet als für das sonantische i. Diis im 15. Jahrh. 
aufkommende Zeichen j war ursprünglich nur eine graphische 
Variante, die keinen anderen Lautwert als i bezeichnete. Der 
Gebrauch beider Zeichen regelte sich annähernd entsprechend 
wie der von u und v, d. h. bis in das 17. Jahrh. wurde j vor- 
zugsweise im Anlaut, i im Inlaut geschrieben, also zwar ja, 
jagen usw. übereinstimmend mit dem jetzigen Gebrauch, aber 
auch jhn, jhr, doch meist ich, in. Die lautliche Unterscheidung 
wurde von Schottel durchgeführt; doch findet sich der ältere 
Gebrauch noch in Bd. I des Parn. boic. Der ältere Schreib- 
gebrauch macht es daher unmöglich, den Zeitpunkt genau zu 
bestimmen, in dem der Übergang vom Vokal zum Reibelaut 
stattgefunden hat. Derselbe wird auch nach Landschaften 
verschieden gewesen sein. 

§ 192. Gegenwärtig besteht j = altem konsonantischen i 
nur in wenigen echt deutschen Wörtern, und zwar ausschließlich 
im Anlaut: ja, jagen, Jahr, Jammer, jäten, jauchsen, jener, 
Joch, jodeln, johlen, jucken, jung, Jugend. Dazu kommen eine 



314 II, 9. Die einzelnen Geräusclilaute. 

Anzahl Lehnwörter wie Jaclit (aus dem Ndl. zu jagen), Jacke 
(aus frz. jaque), Jauche (aus dem Slav.), Joppe (aus frz. jupe). 
Jubel (aus mlat. juhüus, in Jubeljahr usw. aus dem Hebräischen), 
Juchten (aus dem Russ.), Jude, just, Juwel (aus afrz. joiel = 
nfrz. joi/au), Jux (aus \&t.jocus) und in neuerer Zeit aufgenommene 
Fremdwörter. Ursprünglich bestand konsonantisches / auch im 
Inlaut in reichem Maße, da die damit anlautenden Suffixe im 
Germ, wie schon im Idg. eine große Rolle spielten. Aber schon 
in der ahd. 'Zeit ist dasselbe nach Konsonant durchgängig 
geschwunden (vgl. I § 135). Zwischen Vokalen blieb es bis 
in die mhd. Zeit erhalten, jedoch so, daß in allen Fällen 
Formen ohne j daneben standen. Hierher gehören eijer (PI. 
von ei), zweijer (PI. von zwei), leije, meije, meijer, reije (Reigen), 
wije (Weih), früeje, frijen (frei machen — heiraten), bcejen, 
drcejen (drehen), krcejen, nmjen (nähen), scejen, wcejcn (wehen), 
blüejen, brüejen, glüejen, müejen mit den Nebenformen eier, 
meier, scen, blüen usw. Für J zwischen Vokalen wird gewöhnlich 
g geschrieben, was jedenfalls beweist, daß der Übergang zu 
Reibelaut hier früh eingetreten ist, wenn es auch zweifelhaft 
bleibt, ob und wieweit die Entwicklung bis zum Verschlußlaut 
fortgeschritten ist. Im Nhd. sind die Formen ohne j {g) ver- 
allgemeinert (vgl. § 196), abgesehen von Reigen neben Reihen 
(vgl. § 183). Scheinbar war j auch nach r erhalten, in 
Wirklichkeit aber war rj im Westgerm, zu rij entwickelt, so 
daß j auch hier zwischen Vokalen zu stehen kam. Über die 
Weiterentwicklung vgl. § 183. 

Wie g in einigen Fällen für j (vgl. § 183), so ist um- 
gekehrt j für g eingetreten in jäh = mhd. gcehe. 

A-nm. Die Schreibung ji'ä/t(e) reicht bis ins 15. Jahrb. zurück und ist 
von Lii. angenommen. Aber daneben erhält sich güh bei oberdeutschen 
Schriftstellern bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrh. (s. DWb. unter gähe), 
auch bei Schi. Über Schwankungen bei Goe. vgl. Anm. zu N. Tochter 567. 
Auch Jahnen für gähnen (mhd. ginen — genen) war früher bei nordd. Schrift- 
stellern häufig, vgl. DWb. 3a, ferner Gueintz, Orth. 86; Frau Gottsched, 
D. Schaub. 4, 133. 171 ; Schönaich, Neol.Wb. 201 (oft); Le. 7, 76, 14; Schletter, 
Der Eilfertige 59; Hermes, S. Reise 4, 481 ; Musäus, Volksm. 5, 220. Nordd, 
vulgär ist ja^rpen „mit dem Munde schnappen" ^= nd. gaperi, hochd. gaffen. 

§ 193. Nhd, je ist aus mhd. ie entstanden. Es trat zu- 
nächst eine Verschiebung des Silbenakzentes ein, ie wurde zu 
ie, und das konsonantische i wurde dann wie sonst zum Reibe- 



Velare und Palatale: j. 315 

laut. Der Vorgang ist von Norddeutscbland ausgegangen. Der 
ältere Schreibgebraueli läßt den Zeitpunkt des Übergangs nicbt 
erkennen. Doeb findet sieb Sebreibung mit / aueb nocb nach 
der Regelung der Unterscbeidung von i und j in der heutigen 
Weise, und es ergibt sieh aus Bemerkungen der Grammatiker 
und aus Reimen, daß die Form ie im Süden bis tief in das 
18. Jahrb. dauert. In bairischeu Mundarten besteht sie nocb 
jetzt. Entsprechend verhält es sich mit den Zuss. jeder (mhd. 
ieweder), jedtvedtr (mhd. iedcweder), jeglicher, jemand (mhd. 
ietnan). Aber neben jet^i, jetzo (= mhd. ie^e, iezuo) stehen, 
anfangs tiberv^^iegend, bis zu Ende des 18. Jahrb., bei manchen 
Schriftstellern auch darüber hinaus die Formen itzt, itzo, in 
denen also keine Verschiebung des Silbenakzentes stattgefunden 
hat und ie zu i gekürzt ist. Dem mhd. iemer entspricht durch- 
aus immer. Hier ist die Kürzung früh eingetreten, da schon 
in mhd. Hss. immer geschrieben wird. 

Anrn. 1. Vgl. Diiesius S. 12: „JE dlphtbongus effertur ut J pro- 
diictum . . . Ut Jeder, jederinan, jemand". Ad. I S. 161. 2: „Dagegen die 
Oberdeutscheu und die ihnen verwandten Mundarten, z. B. die Schlesische, 
das je in vielen Wörtern wie ein gedehntes i oder ie aussprechen: je, 
jeder, jemahls, jener, jemand, jetzt wie ie, ieder, iemahU, iener, iernand, 
itzt". Die Schreibungen ie, ieder, ieglicher, iernand sind z. B. noch bei 
J. E. Schlegel gewöhnlich. Beweisende Reime für ie bringt das DWb. 
noch ans Fleming und P. Gerhard und selbst aus Wi., der sich freilich der 
Form mit Bewußtsein als einer alten und oberdeutschen bedient. Hagedorn 
braucht in ^em Versuch in Fabeln und Erzählungen (1738) ie, in den 
Werken je. Beweisende Reime für ieder im DWb. aus Fleming, Zesen, 
A. Gryphius, Stoppe, Brockes n. u. 

Anm. 2. Die doppelte Behandlang von mhd. ieze, iezuo könnte mit 
einem Sehwanken in der Silbentrennung zusammenhängen {ie-zuo — iet-zuo). 
Dann müßte man wohl annehmen , daß nur jetzo neben itzo lautgesetzlich 
entwickelt wäre, und sich erst danach jetzt neben allein lautgesetzlichem 
itzt gebildet hätte. Eine andere Annahme, daß überhaupt nur itzt, itzo 
die lautgesetzlicheu Formen wären, und jetzt, jetzo auf Einwirkung von 
je beruhten, ist kaum zulässig, da die Bedeutungen von je und itzt zu 
weit voneinander abstanden, als daß noch der Zusammenhang hätte emp- 
funden werden können. Massenhafte Belege für itzt, itzo, für das erstere 
auch im Reime, bringt das DWb. Kl. braucht anfangs nur itzt, später 
behält er es nur bei, wo ihn seine metrischen Theorien dazu veranlassen. 
Wi. hat in den Umarbeitungen seiner Werke itzt durch jetzt ersetzt. Schi, 
schreibt in seinen Jugendwerken gewöhnlich itzt (itzo), von Kabale und 
Liebe an jetzt. Noch in Tiecks W. Lovell steht regelmäßig itzt. Bei 
Dichtern findet es sich im Reime auch im 19. Jahrh. 



316 II, 9. Die einzelnen Geränschlaute. 

li. 

% 194. Wir behandeln h hier wegen seines Ursprungs und 
der früheren Verwendung des Zeichens (vgl. I § 19), wiewohl 
es nach seiner jetzigen Aussprache nicht zu den Velar -Palatalen 
zu rechnen ist. Gegenwärtig ist es, soweit es überhaupt ge- 
sprochen wird, ein im Mundkanal erzeugtes Reibungsgeräusch, 
das bei allen Stellungen desselben möglich ist, bei denen 
sonst ein Vokal erzeugt wird. Das h unterscheidet sich dem- 
nach von den Vokalen durch das Fehlen des Stimmtones, und 
es sind eigentlich so viele Qualitäten des h zu unterscheiden, 
wie Qualitäten der Vokale, und zwar hängt die besondere 
Natur des h von der Natur des folgenden Vokales ab. 

§ 195. Nhd. h ist zunächst Fortsetzung des ahd.-mhd. \ 
das im Silbenanlaut aus urgerm. x = idg. Tc entstanden war. 
Es hat sich im Wortanlaut vor Vokal in der Aussprache wie 
in der Schreibung durchgängig behauptet, vgl. Haupt, Herz, 
Hund usw. Diesen Ursprung haben alle anlautenden h außer 
in heischen, schon mhd. = ahd, eiscön. Man nimmt an, daß 
das h sich unter Einwirkung von heißen eingestellt habe. In 
anheischig ist das h alt, wenn die Annahme richtig ist, daß 
es aus mhd. anthei^ec (zu anthei^ „Gelübde") entstellt ist. In 
den ältesten ahd. Denkmälern besteht anlautendes h = urgerm. x 
auch noch vor l, r, n, w (vgl. I § 135). 

Anm. Unursprünglich ist auch das h in dem Fremdwort Hartschier 
aus frz. archer. Formen ohne h finden sich im 15. und 16. Jahrh. Im 
Mhd. erscheint ein h auch in lielfant „Elepbant", wobei vielleicht An- 
lehnung- an helfen stattgefunden hat; noch bei Ayrer erscheint helefanden, 
während Lu. unter dem Einfluß des Lat. schon die jetzige Form hat. 
Länger noch behauptet sich das h in der Zus. mhd. h'elfantbein , helfen- 
bein; letztere Form wird im DWb. unter Elfenbein und Eelfenbein noch 
reichlich aus dem 16. und 17. Jahrh. belegt, auch noch aus Postel, Ramler 
und Lessing; vgl. außerdem noch Rachel, Sat.VI, 610. VII, 336; Hoffmannsw., 
Kürschner 55, 29; Lohenstein, Cleop. 865. 930 usw.; Andrews 35. Ungarn 
wird früher nach dem Lat. häufig Hwigarn geschrieben, z. B. bei E. Schlegel, 
Sehr. 116, 30 ff. Unklar ist das Verhältnis von heikel und Ekel. Handwerk 
ans dem mhd. antw'erc „Maschine" abzuleiten liegt kein Grund vor bei der 
deutlichen Verschiedenheit der Bedeutungen, doch kommen in der älteren 
Sprache Vermischungen beider Wörter vor. 

§ 196. Im Inlaut vor unbetontem Vokal ist h = urgerm. / 
verstummt, aber in der Schreibung beibehalten, vgl. ttuhe. Bähe, 



;,. 317 

fohen (altertümlich für fangen), fähig, Häher, schmähen, zähe, 
flehen, Lehen, sehen, geschehen, spähen, Behe, Zehe, fliehen, 
ziehen, hohe, Lohe, -lohe in Ortsnamen, rohe, frohe, Flöhe^ 
Schuhe, gedeihen, leihen, Beihe, iveihen, zeihen, rauhe. Daß 
das h in diesen Wörtern alt ist, läßt sich zum Teil noch daran 
erkennen, daß es im Wechsel mit ch steht (vgl. sehen — Sicht) 
oder auch mit g (vgl. ziehen — gezogen). Nach dem Ver- 
stummen des h mußte Unsicherheit darüber entstehen, in 
welchen Wörtern das h von alters her berechtigt war, und so 
geschah es, daß es auch in anderen Wörtern zwischen die 
Wurzelsilbe und das schwache e der Endung eingeschoben 
wurde. Dies geschah in häJien, drehen, krähen, Krähe, Kühe, 
Strohes, nähen, wehen, hlühen, brühen, glühen, mühen. Mühe, 
frühe, Beihen, Weihe. Weil in diesen Wörtern nihd. ein in- 
lautendes j erscheint (vgl. § 192), hat man angenommen, daß 
dies j zu h gewandelt sei, jedenfalls mit Unrecht; die nhd. 
Formen sind vielmehr Fortsetzungen der mhd. ohne j. Eben- 
sowenig ist in Bähe, ruhen (mhd. ruou-e[n]) das A aus tv ge- 
wandelt, sondern tv ist verstummt, und li ist von Anfang au 
nur graphisch gewesen (vgl. § 166). Weiher geht auf ahd. wi- 
äri, nicht tviaäri zurück. Jedenfalls ist auch in Wehen = 
mhd. weiven das h nicht aus w entstanden, sondern das 
mittlere tv ist nach Analogie von iveh geschwunden. Außerdem 
ist h eingetreten in drohen, der jüngeren Form für dräuen und 
in den in die regelmäßige Konjugation übergeführten gehen, 
stehen (mhd. gen, sten). Das h mußte so als ein Mittel der 
Silbentrennung erscheinen und, da der vorhergehende Vokal stets 
lang war, wohl auch als ein Mittel zur Bezeichnung der Länge. 
§ 197. Noch mehr aber mußte li dadurch als Längen- 
bezeichnung empfunden werden, daß es auch vor Konsonanten 
und in den Auslaut trat. Verschiedene Ursachen wirkten zu- 
sammen. In einigen Fällen war nach Verstummen des h Kon- 
traktion eingetreten, und es wurde trotzdem in der Schreibung 
beibehalten, vgl. Gemahl {mh.A. gemahel). vermählen (mähelen), 
Stahl (stahel), Ähre {äher), Zähre {zäher, PI. zähere), ertvähnen 
{gewähenen), Fehde (vehede), Dolde (tähele), Ohm (Nebenform 
zu Oheim), Mohn {mähe), zehn neben zehen. Nur in Beil ijnliel) 
und Feile {vihele) ist h auch in der Schreibung geschwunden. 
Auch zwischen l oder r und schwachem e war h verstummt, 



318 II, 9. Die einzelneu Geräuschlaute. 

wurde aber in der Schreibung beibehalten, jedoch allmählich 
umgestellt, vgl. befehlen, empfehlen = mhd. hevelhen, empfelheti 
(bei Lu. noch befelhen neben befehlen), Föhre {vorhe), Mähre 
{märhe „Stute"), Möhre {morhe). Doch in schielen (schuhen) 
ist das h auch in der Schreibung geschwunden. Ganz be- 
sonders wurden die rein orthographischen h dadurch ver- 
mehrt, daß sie infolge von Ausgleichung an Stelle des mhd. ch 
traten (s. § 188), vgl. Floh (mhd. vlöch — vlöhes), Beh (rech — 
rehes), Schuh (schuoch — schuohes), er sah (er sach — sie sähen), 
er sieht (sieht) usw. Endlich mußte da, wo sich historisch 
nicht berechtigtes h zwischen Vokalen eingestellt hat, dies 
auch in den verwandten Formen vor Konsonant und im Aus- 
laut bleiben, z. B. geh, du gehst, er geht. Da in allen diesen 
Fällen der dem h voraufgehende Vokal lang war und die an- 
fängliehen Veranlassungen für die Setzung des h verdunkelt 
waren, so ist es begreiflich, daß die Grammatiker dasselbe 
von Anfang an als Dehnungszeichen auffaßten (vgl. Wilmanns, 
Orthogr. S. 103) und die Übertragung auf andere Fälle, die 
bei dem Fehlen der geschichtlichen Einsicht gar nicht aus- 
bleiben konnte, gut hießen. Diese Übertragung fand zunächst 
ohne irgendwelche Konsequenz statt, vgl. für die Schwankungen 
im Anhd. Kehrein I, § 20 — 30. Erst allmählich wurde die 
Schreibung für die einzelnen Wörter fest geregelt. Dabei blieb 
die Anwendung des h auf den Auslaut und die Stellung vor 
l, r, m, n, t beschränkt. In bezug auf t trat später eine 
Modifikation ein, vgl. § 198. Vor s erscheint Dehnungs-A nur, 
wenn dasselbe flexivisch ist, nach Analogie der sonstigen 
Formen eines Wortes, vgl. des Strohs, du gehst, und vor t ist 
es nur in den entsprechenden Fällen geblieben, vgl. er geht. 
Die einzige Ausnahme ist Mahd, wozu Mähder infolge der 
Anlehnung an mähen. Die Einschränkung der Verwendung 
ergab sich wohl zunächst dadurch, daß auch das historisch 
berechtigte h auf diese Stellungen eingeschränkt war, ab- 
gesehen von Fehde. Im Auslaut ist h nur eingeführt, wo 
Flexionsformen daneben stehen, in denen es inlautend zwischen 
Vokale tritt, also nicht in so, wo. Auch vor l, r, m, n ist es 
nicht allgemein eingeführt, vgl. Wilmanns, Orthogr. § 75 — 79. 
Teilweise erklärt sich dies aus dem Diiferenzierungsbestreben 
der Grammatiker, vgl. holen Verb. — hohlen Adj., 2Ial (Zeichen, 



h. 319 

Zeitpunkt) — MaJil (Gastmahl), iirsprUnglich identisch, malen — 
mahlen, Märe {Märchen) — Mähre, er war, sie ivaren, Ware 
(auch Waare) — tvahr, Sole — Sohle, Name, PI. Namen — sie 
nahmen. In einigen Fällen ist das h wegen der verwandten 
Formen nicht eingeführt, vgl. kam zu kommen, fror zu frieren. 
Es bleiben aber noch Fälle genug, in denen sich kein solcher 
Grund angeben läßt. Nur läßt sich noch bemerken, daß h 
besonders in solchen Silben gemieden ist, die sonst schon 
stark mit Buchstaben beschwert sind, vgl. z. B. schmal, Strom, 
Schwan, schwären, Geschivür, schwören. Schwur (s. "VVilmanns 
§ 79). Vor rt, rd, rz, rsch ist die Dehnung nie bezeichnet, 
außer, wo es durch die Analogie gefordert wurde (Fahrt), 
was wohl auch mit dem landschaftlichen Schwanken der Aus- 
sprache zusammenhängt. Dagegen steht h in ahnden, fahnden. 
Nach i ist Jt nicht üblich, weil da e als Dehnungszeichen ver- 
wendet wurde; nur ihn{en), ihin, ihr{er) haben sich festgesetzt. 
Die Kombination ieh war in fliehen, ziehen historisch berechtigt, 
und nach dem Muster von fliehst, flieht, flieh trat sie auch in 
den «-Formen der Verba befehlen, empfeJden, sehen, geschehen, 
stehlen ein, wohl eben, weil einfacheres ih befremdlich er- 
schien. Ein e ist auch in Vieh = mhd. vihe eingefügt. 

§ 198. Eine andere graphische Verwendung ist die nach t. 
Dieselbe steht in keinem Zusammenhang mit der alts. und abd. 
Verwendung des th für den urgermanischen Reibelaut (P), ab- 
gesehen von einigen Personen- und Völkerbezeichuungen wie 
Theodorich, Thüringen (mhd. Dietrich, Düringen), in denen 
das th aus mittellateinischen Quellen übernommen ist, wo es 
auf das Altgermanische zurüi'kgeht. Dagegen ist ein zuerst 
im 15. Jahrh. sporadisch auftretendes th für hochd. t nach dem 
Muster von griech.-lateinischen Wörtern wie Thron eingeführt. 
Noch viel später beriefen sich Grammatiker zur Verteidigung 
von Schreibungen wie Thür, Thier auf griech. d-vQa, driQiov. 
Irgendwelche lautliche Bedeutung hatte das h wohl von Anfang 
an nicht. Seit dem 17. Jahrh. wurde es von den Grammatikern 
als ein Dehnungszeichen für den voraufgehenden oder folgenden 
Vokal aufgefaßt, wiewohl damit einige Fälle in Widerspruch 
standen, in denen der benachbarte Vokal kurz oder ein Diph- 
thong war, vgl. Thurm, Wirth, Thau, Theil, vertheidigen, theuer. 
Infolge dieser Auffassung wurden Schreibungen wie Muht,. 



320 II, 9. Die einzelnen Geräuschlante. 

JS'oht, für die noch Sehottel und Frisch eintraten, unüblich 
und durch Muth, Noth ersetzt; desgleichen solche wie tuhn, 
in denen das h von dem vorhergehenden t angezogen wurde. 
Die Anwendung des fh war schon wieder etwas eingeschränkt, 
indem man z. B. nicht mehr Arniuth, Ueimaih, Monath schrieb, 
als dasselbe durch die orthographischen Konferenzen zuerst 
teilweise, dann ganz beseitigt wurde (vgl. § 4). 

Geringere Ausdehnung hat, gleichfalls nach griech.-latein. 
Muster, die Schreibung rli gefunden, wobei das h auch als 
Dehnungszeichen für den folgenden Vokal gefaßt wurde. Doch 
sind Schreibungen wie Rhum nie allgemein durchgedrungen. 
Für Ehede wird jetzt Beede vorgeschrieben. Nur in Rhein 
haben die neuen Regelbücher das h nach Rhenus beibehalten, 
während man mhd. einfach Bin schrieb, auch in Rhön und Rhone. 

Deutale. 

t — d. 

§ 199. Für die Unterscheidung von t und d gilt das 
Gleiche wie sonst für die Unterscheidung von Fortis und 
Lenis. Die Theatersprache unterscheidet scharf, indem einer- 
seits d wie in Niederdeutschland mit Stimmton gesprochen 
wird, anderseits t im Anlaut aspiriert. Diese aspirierte Aus- 
sprache kann, wie sich aus dem folgenden ergibt, kaum hoch- 
deutschen Ursprungs sein. Sie scheint vielmehr dadurch ent- 
standen zu sein, daß die Aussprache des nd. t = hochd. s auf 
das hochd. t übertragen ist. 

Über die Schreibung th vgl. § 198. Die Kombination dt 
wird jetzt für den ^-Laut noch in einigen Fällen aus ety- 
mologischen Gründen geschrieben : sandte, wandte, bewandt, 
venvandt usw., beredt; früher auch in den jetzt nicht mehr 
gebräuchlichen Formen er redt, redte, findt usw.; außerdem in 
Stadt zur Unterscheidung von dem allerdings ursprünglich 
damit identischen Statt. Bis zu der neueren Regelung schrieb 
man auch todt, weil man es für eine Ableitung aus Tod hielt. 
Im Anhd. war dt noch in anderen Fällen verbreitet, zum Teil 
infolge der Unsicherheit in bezug auf die Aussprache; in 
Ernte ist es erst durch die neueren Regelbüeher beseitigt. 

Anm. Vgl. über dt DWb. unter DO und Wilmanns, Orthogr. § 93. 



Dentale: d — t. 321 

§ 200. Nlid. t und d sind überwiegend ebenso geschieden 
wie im Mhd., mit dem dann meistens auch das Ahd. überein- 
stimmt. Es entspricht ursprünglich t westgermanischem d, 
urgermanischem ä (got. d.), in gewissen Verbindungen ur- 
germauischem t, d dagegen urgermanischem ]>. In den ältesten 
hoch- und niederdeutschen Texten ist die Scheidung noch 
reinlich aufrecht erhalten. Wo für i noch d besteht, steht an 
Stelle von d noch der Reibelaut th (dh, ö). Mit der Zeit aber 
haben sich Vermischungen eingestellt. Zuerst sind westgerm. 
dd und pp zusammengefallen (oberd. in tt). Im späteren Ahd. 
ist Erweichung von t nach Nasal eingetreten {lantes — landes). 
Später und inkonsequenter ist Erweichung nach l. Notker 
schreibt t für d im Satzanfang und nach tonlosen Konsonanten. 
Nachwirkungen der Notkerschen Regel finden sich auch später. 
In einer Anzahl von Fällen hat sich im Mhd. t für d im Wort- 
anlaut festgesetzt (z.B. tüsent ^ got. püstindi) , in andern be- 
steht Schwanken zwischen t und (/. Im Hochal. ist d im An- 
laut meistens zu t geworden. Dagegen finden wir im Spätmhd. 
eine rückläufige Bewegung. In Drucken aus Basel, Straßburg, 
Augsburg, Nürnberg u. a. wird vielfach im Anlaut d für t 
geschrieben. Gegenwärtig ist im Niederal., Schwab., Nord- 
und Mitteibair. ebenso wie im Ost- und Südfränk. anlautendes 
t mit d als Lenis zusammengefallen. Erst einer jüngeren Zeit 
scheint der durchgängige Zusammenfall von d und t im Ober- 
sächsischen und Thüringischen anzugehören. Im Mnd. fielen 
altes th und d in d zusammen, desgl. im Ripuarischen und 
überwiegend auch im. Mosel- und Rheinfränk. Trotz allen 
diesen mundartlichen Vermischungen hat die Schriftsprache in 
der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle die ursprüngliche 
Sonderung bewahrt, wenn auch allerhand Ausweichungen nicht 
ausbleiben konnten. 

t 
§ 201. Nhd. t ist = urgermanischem t in den Verbindungen 
st, ft, ht (vgl. I §§ 18. 120), ferner zum Teil da, wo im Urgerm. 
unmittelbar darauf ein r folgte, vgl. träge, Tran, Träne, treten, 
trampeln (verwandt mit got. trimpan), Trappe, trauen, Treue, 
treu, Trost, trennen. Treppe, treten, Trog ; im Inlaut ist t und r 
im Westgerm, durch einen Sekundärvokal getrennt, vgl. bitter 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 21 



322 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

(got. hditrs zu heißen), Eiter, lauter, Otter (als Bezeichnung 
des Säugetiers), Splitter (zu spleißen), Winter. Sonst ist hochd. t 
normale Entsprechung des westgerm. d, vgl. Tag. Tal, Teil, 
braten, raten usw. Auch vor r kann t aus d verschoben sein, 
vgl. trageti (alts. dragan), trauern, Traum, Treber, treffen, 
treiben, Trespe, Trester, triefen, trinken, trocken, Tropfen, trübe, 
Truchseß, trügen. Wahrscheinlich auch traut. 

In Lehnwörtern ist t = lat. t, wenn die Aufnahme nach der 
hochd. Lautverschiebung stattgefunden hat, vgl. Tafel {tabula), 
Tempel, Tiegel (tegula), trachten {tractare), Trichter (mlat. trac- 
tarius), Turteltaube (turtur); = lat. d in Wörtern, die vor der Ver- 
schiebung aufgenommen sind, vgl. Teufel {diabolus), Tisch (discus). 

§ 202. In folgenden Wörtern ist t = mhd. t, aber ahd. d, 
urgerm. J): tausend, tunken, tauen (als Gegensatz zu gefrieren, 
vgl. engl, thaiv, vielleicht identisch mit {ver)dauen), Ton (des 
Töpfers, ahd. däha), Traube (bei Lu. Drauhe); ferner in desto 
= mhd. deste aus des diu (Gen. und Instr. zu da^), wo Assi- 
milation an das scharfe 5 vorliegt. Wenn in dem Lehnworte 
Tanjs aus frz. danse schon im Mhd. t herrscht, ist dies vielleicht 
daraus zu erklären, daß das Wort durch niederländische Ver- 
mittlung aufgenommen und dann verhochdeutscht ist. 

Für mhd. d ist t eingetreten anlautend in Tölpel (mhd. 
dörper, dörpel), Ton (mhd. dön, obwohl es Lehnwort aus lat. 
tonus zu sein scheint, bei Lu. noch dohn, dönen), tosen (= mhd. 
dösen, wohl auch mit Anlehnung an dö^, wenigstens könnte 
Getöse direkt dem mhd. gedoe^e entsprechen), traben, Trümmer 
(PI. zu mhd. drum „Endstück"), Thüringen (die Schreibung 
nach dem Mlat., bei Lu. noch Buringen). In- und auslautend 
in wert (mhd, wert, -des, bei Lu. noch iverd), in dem das f 
wohl vom Auslaut in den Inlaut gedrungen ist, desgl. in ander- 
weit = mhd. ander weide „zum zweiten Male", wozu dann auch 
anderweitig gebildet ist. In gescheit {= mhd. geschide, zu 
scheiden), in dem t seit dem 17. Jahrb. überwiegt, hat noch die 
falsche Etymologie mitgewirkt, die zu der Schreibung gescheut 
geführt hat (vgl. § 99). Für poltern, das erst aus dem 15. Jahrh. 
belegt ist, herrscht anhd. die Schreibung 2>o^den* {boldern); das 
Wort ist wahrscheinlich mit mhd. bollern identisch, und d hat 
sieh als Übergangslaut zwischen l und r entwickelt. Für Ernte 
{ernten) wird anhd. Ernde oder Erndte geschrieben (so auch 



Dentale: t. 323 

von Lu.); mhd. herrscht erne (dies auch noch im 16. Jahrh., 
ernen noch bei Herder 17, 334), der Ursprung des d ist noch 
nicht sicher ermittelt. In bair. Dult (Jahrmarkt) = got. dulps, 
G. dulpdis, ahd. tuld hat sich t im Auslaut festgesetzt, weil 
flektierte Formen nicht üblich waren. 

In hinten, hinter, unten, unter entspricht t einem mhd. d, 
das regelrecht nach Nasal aus t erweicht war. Zur Erklärung 
vgl. § 134. Im 16. Jahrb., auch bei Lu., finden sich noch häufig 
hinden, hinder, vnden, vnder\ sie reichen auch noch ins 17. Jahrh. 
hinein. In munter (verwandt mit got. mundrei) und Winter 
(got. tüintrus), war die Erweichung des ahd. t zu d im Mhd. 
landschaftlich begrenzt, da das t durch den Einfluß des folgenden r 
ursprünglich geminiert und infolgedessen im allgemeinen der 
Erweichung entzogen war; daher kann in diesen Wörtern das 
t als unmittelbare Fortsetzung des ahd. t betrachtet werden. 
Das gleiche wird von Sinter gelten. 

Der Erweichung nach Nasal war auch das t des schwachen 
Präteritums erlegen, daher mhd. meindc, rnnide; auch solde, 
wolde hatten sich neben solte, ivolte eingestellt. Hier ist im 
Nhd. nach Analogie der übrigen Präterita t wiederhergestellt. 
Dieser Analogie sind auch die mhd. Präterita künde (konnte) 
und gunde (gönnte) gefolgt, deren d auf urgerm. J) zurückgeht. 
Die Ordinalzahlen vierte, siebente, neunte, zehnte hatten im 
Mhd. statt des t ein d, das auf urgerm. p zurückgeht. Das t 
ist nach Analogie von dritte (= got. Jmdja), fünfte, sechste 
(got. saihsta) eingeführt. Die Formen vierde, siebende usw. 
reichen bis tief ins 18. Jahrh. 

Anm. 1. Wenn Gottsched (S. IIS) vorschreibt „dauoi, wenn das Eis 
schmilzt; thanen auf dem Grase" und danach die Bair. Sprachk. „dauen, 
wenn das Eis schmelzt; thauen, der Thaii^', so ist das wohl nur Grammatiker- 
willkür, keine Nachwirkung der ursprünglichen Verschiedenheit. 

Anm. 2. Über die Schreibung von Ton, tönen vgl. DWb. 2, 642. 
Für den landschaftl. Sg. zu Trümmer erscheint noch häufig die Schreibung 
Drumm; zerdrümmern noch bei El. Schlegel, Sehr. 117, 16. Späte Beispiele 
für gescheid: Die falschen Entdeckungen, S. 30; Wi. Am.'2, 37 (geacheiden, 
später geändert in gescheiten, wobei aber der Reim auf leiden geblieben 
ist); Schi. 2, 25, 20. 3, 496, 16 (gescheideste). Br. 1, 4ii2. 

Anm. '6. Gelegentliche Schreibungen mit t tiir d kommen auch sonst 
nicht bloß in älteren, sondern auch in jüngeren Texten vor, s. DWb. 2, 642; 
vgl. noch Tack Werder, Rol. 19,20; dem Tache Jul. v. Braunschw. 246 
(auch mhd. häufig tach); treschen Pölman 87. andere Belege im DWb.; 

21* 



324 II, 9. Die einzelnen Geräuschlante. 

Trillingsdrachen Schi. 1, 223,73; Trillingsstirn ib. 322, 274 (beide Stellen 
später fortgelassen); tringen öfters im 16. Jahrh. (s. DWb.), bei Op. E. 
293, 414; Beispiele für trucken s. im DWb. Häufig ist im 17. 18. Jahrh. 
trillen für drillen, s. DWb. (die ich zutrille Goe. Br. 2, 249, 18), vgl. Schillers 
Gedicht Bachus im Triller (1, 212), worin trillen im Anfang jeder Strophe 
steht. Über t für d im Parn. boic. , wo es besonders vor r häufig ist, s. 
Birlo, S. 28. Eine besondere, noch unaufgeklärte Bewandtnis hat es mit 
verterben, das etwa um 1300 in md. Quellen auftaucht und noch anhd. 
fortdauert; auch Lu. hat t neben d; häufig ist es noch bei Lohensteiu, 
vgl. Cleop. 2835. 3363 usw. 

Anm. 4. Für hinter usw. im 16. 17. Jahrh. s. DWb. unter D4, vgl. noch 
„hinden besser als hinten" Gueintz, Orth. 84; von dem Hindern (: Kindern} 
Rachel, Sat. 1,146; den Hindern Giyph., Squenz27; Simpl. Sehr. K. 3, 322, 22; 
vnder Op., Ged. M2, 2 gegen vnter 23; auch fürter für fürder ist im Anhd. 
nicht selten, s. DWb. — Auf gleiche Linie zu stellen ist wohl das frühere 
Schwanken zwischen schlendern und schientern, s. DWb. S. 629; vgl. noch 
schienterte W. Alexis, Ruhe 2, 312. 

Anm. 5. Aichinger sagt S. 59: „Der zehente, siebente, wie man 
sehreibt: der ziceyte, fünffte, neunte"; er fügt aber hinzu, die Aussprache 
scheine d zu fordern. Ad. hat t durchgeführt. Über die lange Bewahrung 
des d in siebende vgl. DWb. lOa, S. 822. Auch Schi, schreibt noch (6, 57, lo) 
Siebender Brief. Ebenso schreibt er in den Räubern noch sechszehende. 

§ 203. Gemiuiertes t ist zum Teil erst aus mlicl. einfachem 
t entstanden, z. B. in Gatte, vgl. § 133; in einigen Fällen aus 
mhd. d: flattern, Zettel (aus lat. schedula), Zottel, Wittum (mhd. 
ivideme, zu ividmen). In anderen Fällen liegt westgerm. tt zu- 
grunde. Dies geht zurück auf urgerm. t, das vor r geminiert 
ist, in bitter, Otter (Säugetier), Splitter, wittern, oder auf west- 
germ. dd aus dj in £ett (mhd. bette), retten, schütten, Zettel 
(Aufzug eines Gev^ebes), verzetteln (mhd. netten „ausbreiten"^ 
„zerstreuen"). Aus w^estgerm. pp ist es entstanden (schon in 
ahd, Zeit) in Fittich, Klette, Latte, Hotte. Im Mhd. gehörte 
hierher stnitte (Sehmiede); die Form Schmitte findet sich noch 
anhd. in der Literatur und ist jetzt noch oberd.; die jetzige 
Form der Schriftsprache ist durch Anlehnung an Schmied, 
schmieden entstanden. Das t in Atem ist wegen des vorher- 
gehenden laugen Vokales aus tt = westgerm. ])p vereinfacht; 
es wechselt seit dem Ahd. mit d (noch jetzt Odem) = urgerm. 
einfachen J) (vgl. ZsfdWf. 1, 334). Auf Assimilation von lat. et 
beruht tt in Dattel (griech.-lat. dactyliis), Lattich (lactuca), 
Attich (Weiterbildung zu griech.-lat. acte, doch stammt die 
Assimilation wohl schon aus der lat.-romanischen Grundlage); 



Dentale: t. 325 

da alle drei Wörter im Mhd. auch mit einfachem t gesclirieben 
werden, ist die nhd. Gemination vielleicht sekundär und nach 
der Analogie von Bottich zu beurteilen. Unklar ist das tt in 
Spott, spotten, da es zugleich hochd. und nd. ist. 

An in. 1. Im Iß. 17. Jahrh. ist die Sclircibnug ftaddern und Fladder 
in Znss., die auch bei La. herrscht, noch häufij^:, iiuch fladern kommt noch 
diinebe.n vor. Zeddel ist noch im 1*^. Jahrh. nicht selten, vgl. z.B. Rabener, 
Sat. 2, 2(i; Goe. Br. 25, 87, 24. 26, 271, 15; andere Belege bei Sanders; ancli 
Zedel erhält sich noch lange. H. Kleist liat Zoddeln, Zoddelmähne neben 
Zottelbär. 

Anm. 2. Die Schreibung Widiim findet sich noch bei Schottel. 
Witt(h)um (seit 17. Jahrh.) ist an Wittce angelehnt, womit eine Ein- 
schränkung der Bedeutung verbunden ist, indem das Wort, das ur- 
sprünglich überhaupt etwas für einen bestimmten Zweck Ausgesetztes 
bezeichnet, nur noch auf etwas für eine Witwe Ausgesetztes bezogen 
worden rst, 

§ 204. Eine Anzahl von Wörtern sind mit nd. t, dem hochd. 
&' oder ß entsprechen würde, in die Schriftsprache aufgenommen. 
Sie sind meist im 16. oder 17. Jahrh. eingeführt und zum Teil 
nur in Norddeutschland üblich. Besonders gehören Ausdrücke 
aus dem Schiffswesen dazu. Hierher sind zu stellen TaJcel 
{Taliflwerli, Takelage, auftalceln, abt.)\ Talg (vgl. engl, talloiv) 
bis ins 18. Jahrh. auch TalJc geschrieben, vielleicht durch Ver- 
mischung mit einem oberdeutschen Talk „teigige Masse"; Tau 
(Sehiffsseil); Tausch, tauschen = ndl. tuischen, Teer (engl, tar), 
Topp „Spitze des Mastbaums", wahrscheinlich identisch mit 
Zopf\ Torf [engl, turf); Beute (schon spätmhd. in ostmd. Quellen 
hiute); Boot (engl, boat); fett aus "^feted = mhd, vei^et, nhd. 
feist, durch Lu. in allgemeinen Gebrauch gekommen; flott (zu 
fließen); Inlei nordd. „Zeug, in das die Bettfedern eingenäht 
sind" aus nd.inlät = hochd. mZa^-; Kote nordd. „kleines Bauern- 
haus", wozu Köter, Kölner nordd. „Kleinbauer" und Kossat 
aus Kotsate mit nd. t in dem zweiten Bestandteile = mhd. 
-sä^e, woneben mit Umlaut -sce^e in truchsce^e = nhd. Truchseß, 
dem mud. clrossete, jetzt Drost{e) entspricht; Köter (verächtliche 
Bezeichnung für einen Hund); Mettwurst, das mau gewöhnlich 
zu alts. mete = mhd. ma^ „Speise" stellt, eine allerdings 
wenig befriedigende Ableitung; Satte ,, flaches Gefäß, in dem 
namentlich die Milch zum Absetzen des Rahms aufbewahrt 
wird", jedenfalls ursprünglich nur nd.. wenn auch die Ableitung 



326 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

aus setzen zweifelhaft ist; Schote (Segelseil); Bugspriet (wohl 
aus dem Ndl.), Sprotte (wohl mit sprießen verwandt); Stint 
(früher auch verhochdeutscht Stinz) ; tuten (auf einem Home 
blasen) ; Tüte ; Watt (bei der Ebbe bloßgelegter Meer- 
boden). Auch Tran ist nd. Ursprungs; bei diesem Worte würde 
aber auch im Hochd. wegen des folgenden r keine Verschiebung 
des t eingetreten sein. Dasselbe läßt sieh wohl von stottern 
sagen, das vielleicht mit stoßen verwandt ist, und von nordd. 
Klater „Sehmutz", wozu das weiter verbreitete klat{e)rig. Tang 
stammt aus dem Skandinavischen (anord. ])ang). 

Anm. 1. Merkwürdig sind die aus dem 16. und 17. .Jahrh. über- 
lieferten Zuss. Boßyesell, Boßknabe, Boßknecht, Boßleute, Boßmann, Boß- 
volk. Sollte hier eine Verschiebung des t vorliegen? Assimilation aus 
ts ist nicht wahrscheinlich; man könnte aber an eine Anlehnung an mhd. 
bo^en „stoßen" denken. 

Anm. 2. Ein ud. Wort ist das von Voß gebrauchte Tikler „Strick 
zum Anbinden des Viehs auf der Weide". Nd. ist trecken ^ziehen", das 
auch im Hochd. keine Verschiebung hätte erleiden können, in neuerer 
Zeit vielfach in bezug auf die Buren gebraucht. Dazu das in allgemeinen 
Gebrauch gekommene alte Part, vertrackt. 

§ 205. Wo durch Vokalausstoßung mehrere t oder d und 
t, t und d zusammengestoßen sind, ist nach langem Vokal oder 
Konsonant Vereinfachung eingetreten, vgl. er rät, brät, hält, 
gilt, schilt, ficht, flicht, heut (poetisch neben bietet), der achte 
aus mhd. ahtede. Nur graphisch ist dt in wandte usw. (vgl. 
§ 199). In er wird aus wirdet ist durch unangebrachte Rück- 
sicht auf die übrigen Formen des Wortes die Schreibung mit d 
zur Herrschaft gelangt. Zwischen ch und 5 ist t ausgefallen 
in dem landschaftlichen nichs, nix. Verstummt, aber in der 
Schreibung beibehalten ist t vor st in du hältst, fichtst, flichtst, 
während in du ivirst das d auch in der Sehreibung fortgelassen 
wird. In der älteren Sprache ist Ausfall von t vor st auch 
sonst verbreitet und findet sich zuweilen noch im 18. Jahrh. 

Anm. Die Schreibung halst bei Le. (s. DWb. S. 275). Bei H. Sachs 
sind Formen wie machest für machet(e)st gewöhnlich. Über Ausfall des t 
bei Ayrer s. Keller zu 99, 21 (S. 3428). Späte Beispiele des Ausfalls vor 
dem st des Superlativs: (un)gegrimdesten Le. 5, 299, 8. 305, 3; Erleuchtesten 
9,188,4; imern-artestein) 9,220,33. 264,11; ausgebreitesten 10,184,28. 

§ 206. Anderseits ist in vielen Fällen ein sekundäres t 
entwickelt. So nach n am Schluß unbetonter Silben. Hierher 



Dentale: t 327 

gehören die Bildungen mit -licli,: eigentlich, {an)gehgenttich, öffent- 
lich, ordentlich, namentlich, ivöchcntlich, freventlieh. Das t tritt 
seit dem 15. Jahrh. auf, ist aber bis ins 17. Jahrb. noch nicht fest 
(vgl. DWb. unter gelegentlich). Ebenso wird das t aufzufassen sein 
in flehentlich (mhd. nur flehelich) und hoffentlich (mhd. hoffenlich, 
tvesentlich (mhd. wösenlich), in denen man Ableitungen aus dem 
Part. Präs. vermutet hat. Etwas mehr Berechtigung könnte man 
dieser Vermutung bei ivissentlich zuschreiben, weil im Mh^.tvi^^ent- 
llch früh neben ivi^^enlich, auftritt. Das t könnte sich als Über- 
gangslaut zwischen n und l entwickelt haben, wie sonst cl (vgl. 
§ 211). Aber t erscheint auch vor anderen Lauten, in den Dativen 
PI. allenthalben, beidenthalben (schon mhd.); ferner in den Dativen 
PL meine{n)thalhen, deine{n)thalb(m, seine{n)thalben, unser{n)t- 
halben, eure{n)thalben (schon mhd. minenthalben), meine{n)twegen 
usw. und den Akkusativen Sg. meine{n)t willen usw., in denen 
später das n geschwunden ist (vgl. § 243); in dessentwegen, 
-willen, -halben, derentwegen, -ivillen, -halben. Eine andere, als eine 
rein lautliche Erklärung wird auch für diese Fälle nicht zu suchen 
sein. Das t wird entstanden sein, indem vor der Lösung des 
Mundverschlusses die Stimmritze, die bei der Bildung des n zum 
Tönen eingestellt war, geöffnet ist. In entschiedenem Wort- 
auslaut findet sich sekundäres t in Zimt, früher Zimmet, mhd. 
simment aus griech.-lat. cinnamum. In diesem Worte ist das 
t schon spätahd. belegt, w'o das Wort in der Form cinment 
erscheint. • Auf anderer Art der Entlehnung beruht mhd. zine- 
min und ähnliche Formen. Für Pergament aus \a\:. pergamennm 
ist die älteste Form pergamin (bei Notker). Mhd. ist die ge- 
wöhnlichste Form permint, daneben permU\ permcnt erscheint 
noch anhd. Die mhd. Betonung war, wie sich aus metrischen 
Gründen ergibt, permint, so daß also wohl auch in diesem 
Falle t nach n in unbetonter Silbe entwickelt ist. Die jetzige 
Betonung beruht, ebenso wie die Wiederherstellung der voll- 
ständigen Form auf neuerlicher Anlehnung an das Grundwort, 
und die im Anhd. und bei Le. und Goe. vorkommende Form 
Fergamen ist sicher eine vollständige Neuentlehnung. xAiUch 
iil Dechant. mhd. techant aus lat. decanus lag wohl der Tou 
früher auf der ersten Silbe, wofür die Nebenformen techen, 
techent sprechen. 



328 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Aiim. 1. S. Grimm, Gramm. 3, 217 (210), wo noch manche sonstige 
im Mhd. auftretende Fälle eines nach v entwickelten t angeführt werden. 
Vgl. auch § 211. 

Anm. 2. Zwischen n und seh stellt sich leicht ein unvollkommen 
gebildetes t ein, das dann auch zuweilen geschrieben wird (daneben d); 
vgl. im DWb. Flunsch, flunschen, wo tsch aus Holtei belegt wird; 
manschen, wo tsch aus Humboldt und Dialektwörterbüchern belegt wird; 
manschen oder manischen aus Tieck. Vgl. ferner verwüntsche Gr3'ph.. 
Horrib. 41; IVüiidschens ib. 44; Wundsch öfter bei Op. ; Wündschung 
Reuter, Schelm. 21. 45. 

§ 207. Weniger verständlich als die Entwicklung des t 
nach n ist die nach anderen Konsonanten. 

Nhd. anderthalb (schon bei Lu.) könnte man auf Einwirkung 
von fünftelialh usw. zurückführen. Aber schon mhd. ist andert- 
halp, -halben in dem Sinne „auf der andern Seite" neben ander- 
halp, -halben und innerthalp, -halben neben innerhalp, -halben. 

Weiterhin erscheint sekundäres t nach s {x, z) in Axt = 
mhd. aches] Hülst (Stechpalme) = ahd. hulis] jetzt oder itzt 
= mhd. ieze; zu (guter) Letzt (mhd, letze Abschied), wonach 
der letzte umgebildet ist aus mhd. leste, Superl. von la^\ mittelst 
{inmittelst, vermittelst) aus dem Gen. mittels; Morast aus mnd. 
moras; Obst = mhd. obe^\ Palast = mhd. palas; Papst = 
mhd. bäbes; selbst aus dem Gen. selbes; sonst = mhd. stis; 
nebst aus nebenst älterem nebens. Auch Erzt ist früher, noch 
im 18. Jahrh. häufig neben Erz. Nicht hierher gehört einst, 
da einest schon bei Notker und dann mhd. ganz gewöhnlich 
ist, wenn auch der Gen. eines daneben in dem gleichen Sinne 
gebraucht wird, und eins neben einst auch in das Nhd. hinein- 
reicht. Hierüber vgl. DWb. 3, 260. Am längsten hat sieh eins 
erhalten in noch eins (noch einmal), auf eins, mit eins (s. ib.). 
In einstmals für älteres einsmals = mhd. eines mäles, in dem 
eines attributiv zu mäles steht, liegt eine sekundäre Vermischung 
vor, ebenso in dermaleinst für dermaleins, worin eins vielleicht 
Akk. ist. Zweifelhaft ist auch änderst neben anders, da eben- 
falls schon Notker änderest neben anderes in gleichem Sinne 
gebraucht; da aber im Mhd. anders die entschieden herrschende 
Form ist, hat das nhd. änderst doch vielleicht mit dem änderest 
Notkers gar keinen Zusammenhang. Im Sinne von längst er- 
scheint mhd. langes (Gen. von lanc), doch auch schon langest 
(Lohengrin 562), das auch noch im 16. Jahrh. vorkommt neben 



Dentale: t. 329 

lengest, wie Lu. schreibt. Wahvscheiulich ist das t sekundär 
entwickelt, es hat dann aber eine Anlehnung an den Superl. 
stattgefunden, woraus allein der Umlaut zu erklären ist. 

Nach f findet sich sekundäres t in Hüfte aus mhd. Imf, 
woraus zunächst Imft entwickelt ist; /S'a// aus mhd. saf\ Werft 
(Kette eines Gewebes) = mhd. warf N. und tverfe F.; auch 
in Werft = Schiffswerft scheint das t sekundär zu sein, doch 
ist das Wort wohl schon mit dem t aus dem Ndl. entlehnt. 

Nach ch ist t eingetreten in Hahicld = mhd. hahech; in 
Bildungen, die althochdeutschen auf -a/ii = mhd. -ech entsprechen : 
Dickicht, Kehricht, Piöhricht, Weidicht (Weidengebüsch = mhd. 
weidech), Spülicht (mhd. spüelech). Früher erscheint auch 
Käßcht, Teppicht neben Käfig, Teppich. Auch Predigt = mhd. 
hredigc ist trotz der Schreibung mit g hierher zu stellen. 

Nach Ic ist t eingetreten in Seht aus Seck (beide Formen 
zuerst im 17. Jahrb.), entlehnt aus frz. (vin) sec. 

In allen diesen Fällen ist t jedenfalls zunächst im Auslaut 
angetreten und erst von da in den Inlaut übertragen in flektierten 
Formen wie Äxte, Säfte usw. Daher wird zum Teil auch der 
schwankende Gebrauch stammen. Was die Erklärung der ganzen 
Erscheinung betrifft, so wäre auch die Möglichkeit zu erwägen, 
ob etwa das t im Satzzusammenhänge aus dem Anlaut des 
folgenden Wortes angewachsen wäre. Aber Fälle wie andert- 
halben fügen sich einer solchen Annahme nicht. Bemerkenswert 
ist noch, daß die Anfügung des t vielfach in Mundarten, nament- 
lich den oberdeutschen, unterblieben ist. 

Wenn geivohnt an Stelle von mhd. geivon getreten ist, aus 
dem Gewohnheit und gewöhnlich abgeleitet sind, so liegt darin 
keine lautliche Entwicklung vor, sondern eine Kontamination 
mit dem Part, gewöhnt = mhd. gewent, wie denn getuohnt und 
gewöhnt sich auch syntaktisch gegenseitig beeinflussen. Man 
könnte auch daran denken, das nhd. Adj. getvohnt einfach als 
Part, des jetzt veralteten Verb, gewohnen (gewohnt werden) 
aufzufassen; da dies aber das Perf. mit haben bildet, konnte 
das Part, nicht adjektivisch verwendet werden. Auch in 
doppelt neben dem im 16. 17. Jahrb. häufigen und noch jetzt in 
Zuss. allgemein erhaltenen doppel aus frz. double ist das t 
wohl nicht lautlich entwickelt, sondern durch Kontamination 
mit dem Part, gedoppelt entstanden, das vom 16. — 18. Jahrb. 



330 II, 9. Die einzelnen Geräuschlante. 

sehr gewöhnlich adjektivisch wie doiipelt gebraucht wird (s. 
DWb. unter gedoppelt). 

An in. 1. Die Schreibung jetz, jtz überwiegt noch in der ersten 
Hälfte des 16. Jahrb., wenn auch daneben die Formen mit t schon 
spätmhd. sind, und sie reicht noch bis ins 17. Jahrh. Wenn noch Wi. 
Uzt auf Sitz reimt, so ist das freilich bewußte Altertiimlichkeit. In 
jetzig (itzig) ist das t nicht eingedrungen. Das Subst. Letze ist in dieser 
Gestalt und mit Verkürzung zu Letz im 16. 17. Jahrh. ganz gebräuchlich, 
während allerdings zur Letze, zu guter Letze bei Wi. bewußte Alter- 
tümlichkeit sein kann. Daneben aber ist auch Letzt und Letzte (wohl 
Kompromißform zwischen Letzt und Letze) als deutliches Subst. im Anhd. 
gebräuchlich (s. DWb. unter Letzte). Unzweifelhaft liegt daher in zu guter 
Letzt ein nicht mehr nach seinem Ursprünge verstandenes Überbleibsel 
dieses Wortes vor. Es steht daher nichts im Wege, auch zuletzt {zuletz 
noch bei Theophilus Lessing, Le. 19, 287, 27) ebenso aufzufassen. Dies 
war aber durch Abblassung des Sinnes mit mhd. ze lest(e) in der Be- 
deutung gleich geworden. Von hier aus lag die Übertragung des z in 
den Superl. nahe. Was im DWb. unter letzt 2 zur Erklärung des tz vor- 
gebracht wird, ist nicht stichhaltig. Über mittels{t) s. DWb. Obs hat 
noch Lu.; es steht ferner bei Schöpf 69; Ayrer 2878 b; Op. 6,46; 
Simplic. 286; weitere Belege im DWb. unter 11,2»; die heutigen oberd. 
Mundarten haben das t nicht angenommen. Palast kommt schon bei 
Konr. V. Würzb. im Reime vor, aber Palas daneben noch im 16. Jahrh. 
Noch weiter zurück ins 13. Jahrh. reicht habest. Die Form selbest findet 
sich etwa seit 1300, zuerst in md. Quellen, zuweilen noch im 16. Jahrh., 
schon früher mit Verkürzung selbst; aber selbs überwiegt noch bei Lu. 
und reicht bis in den Anfang des 17. Jahrh. (s. DWb.). Bei sm reicht der 
Antritt des t bis ins 13. Jahrh. zurück (snst : brüst Seifried Helbling 11,90); 
Formen ohne t sind noch mundartlich. Belege für Erlzt aus dem 15. bis 
18. Jahrh. im DWb. unter Ertzt, darunter solche aus Kl., Winckelmann, 
Le., Wi. Sie lassen sich leicht vermehren und noch bis auf jüngere Zeit 
führen, vgl. Ziegler, Banise 304, '31; Lohenstein, Cleop. 4132; Haller, 
Usong 199; Le. 1, 268. 244, 51 (Ertzte, später geändert in Erze); Wi. II, 
1, 300,27. 2, 219,27. 3, 503, 15; Merkur 5, 147; Jahrg. ,76 I, 55 (später ge- 
ändert in Erz); Luc. 2, 370; Miller, Briefw. 1,73; Schi. 1, 156, 3. 2,46,5 
(später geändert in Erz). 6, 200, 1159 (geändert in Erz). 7, 241,32. Auch 
Damast ist vielleicht hierher zu ziehen, woneben im 16. 17. Jahrh. auch 
Damask üblich ist (vgl. noch Ziegler, Ban. 3H2, 21. 356,24) aus it. damasco 
(Stoff ans Damascus). Es könnte aus frz. damas entstanden sein, wofür 
die gleichfalls belegten Formen damasch, damascht angezogen werden 
könnten. Anch Damaskt ist belegt. Es kann aber auch Herübernahme 
der it. Nebenform damasto vorliegen. Zivst steht bei H. Sachs K. 12, 18S, 24. 

Anm. 2. Hüft für huf erscheint seit dem 15. Jahrh.; die Form 
Hüfte, die Lu. gebraucht, ist vom PI. ausgegangen. Formen ohne t 
kommen noch im 16. Jahrb. in der Literatur vor und sind noch jetzt 
mundartlich. Saft tritt seit dem 14. Jahrh. neben Saf auf und herrscht 



Dentale: t. d. 331 

seit dein 16. Jahrb. Neben Senf ist Senft (belegt aus H. Sachs) land- 
schaftlich weit verbreitet (vgl. DWb.). 

Anm. 3. Habicht taucht zuerst im 15. Jahrh. auf und wird von Lu. 
gebraucht, doch ist Hahich noch im 16. und 17. Jahrh. häufig und noch 
im 18. bekannt; in Mundarten, namentlich oberd., bestehen noch jetzt 
Formen ohne t. Dickicht (auch Dickigt geschrieben) ist erst aus dem 
17. Jahrh. belegt, aber wohl älter; Dickig bei Voß, Od. 6, 127, Musäiis, 
Volksm. 1, 3. Für Kehricht herrscht im 16. Jahrh. Kerich (auch bei Lu.), 
die Form ohne t setzt sich auch bis ins 1 S. Jahrh. und bis in die heutigen 
Mundarten fort, gewöhnlich Kehrig geschrieben (s. DWb.); auch bei Goe. 
steht im Götz (S, 120, IS) Kehrig, während im Gottfried (39, 122, 13) Kehrigt 
geschrieben ist. Ebenso erscheint Spülich oder Spülig bis ins 18. Jahrh. 
Umgekehrt erscheinen für das mit dem gleichen Suffix gebildete Reisig 
anhd. auch Formen mit t. Für Käficht bringt das DWb. reichliche Be- 
lege, darunter noch solche aus Le. , Moser, Wi. , Schi.; dazu Käfichtlaube 
aus Goe.; vgl. noch Frau Gottsched, D. Schaub. 5, 145. 154; Bode, Emp- 
finds. R. 2, 22. 25. 30; Wi. II, 3, 12, 6; Claudius 5, 19; Kotzebue 3, IGT. 
H9, 2()3ff.; Arndt, Wanderungen Ui2. Für Teppicht Belege aus dem 16. 
und 17. Jahrh. im DWb. Predig{e) ist im 16. Jahrh. noch häufig und findet 
sich auch später, vgl. Elisabeth Charl. 1, 123; Parn. boic. 3, 68. 217. Predigt 
hat Lu. ; schwerlich richtig ist es, das letztere aus mhd. bredigäte ab- 
zuleiten, einer Form, die kaum je volkstümlich und allgemein verbreitet 
war, außerdem wohl auf dem ä betont war, das daher nicht ausfallen 
konnte. Bair. ist Leicht für Leiche (mhd. lieh). Im 15. 16. Jahrh. erscheint 
auch dennocht nicht selten. 

(1. 
§ 208. Bei weitem in den meisten Fällen entspricht auch 
in der jetzigen Sprache d einem ahd.-mhd. d = urgerm. Jj, 
vgl. z. B. der, du, Donner, denhen, Bruder, wider. Geminiertes 
d geht immer auf mhd. einfaches d zurück. Es konnte nur 
auf Grund der Aussprache des nördlichen Gebietes geschrieben 
werden, in dem d stimmhaft war, während im südlichen die 
Geminata als ü gefaßt werden mußte, das dann auch in einigen 
Wörtern eingetreten ist (vgl. § 203). So hat sich dd auch nur 
in zwei allgemein üblichen Wörtern festgesetzt, in Widder und 
Troddel, Weiterbildung zu mhd. trade. Außerdem erscheint es 
in Wörtern von sicher niederdeutschem Ursprung, die der nordd. 
Umgangssprache angehören: Kladde „Geschäftsbuch für vor- 
läufige Eintragungen" aus ud. Idadde „Schmutz", Kladderadatsch, 
ursprünglich Ausruf bei schallendem Zerbrechen von Gegen- 
ständen, Modder, Nebenform zu Moder, Padde „Frosch", 
„Kröte" neben der Zus. Schildpatt „Schildkrötensehale". früher 



332 II, 9. Die einzelnen Geränschlaute. 

„Schildkröte", im 18. Jahrb. noch Sc}iildpadd{e) geschrieben, 
pladdern „Flüssigkeiten aufrühren und verspritzen", schnoddern, 
schnoddrig, verheddern, sich „sich verwirren" zu Hader „Fetzen". 
In Lehnwörtern, die nach der hochdeutschen Lautverschiebung 
aufgenommen sind, entspricht d dem r? der fremden Sprache, 
vgl. verdammen aus lat. damnare. Im Inlaut entspricht es 
scheinbar lateinischem t, in Wirklichkeit vulgärlateinischem d 
in Kreide (cre^a), Seite {seta), Seidel (situlus). 

Auch = mhd. d, aber spätahd. aus t erweicht und daher 
urgerm. cf (d) entsprechend, ist d in den meisten Fällen nach n, 
vgl. z. B. Hand (got. handus), Land, hinden, winden. Doch 
kann d nach n auch urgermanischem /; entsprechen, nur sind 
die Fälle wenig zahlreich: ander, Kind, lamd, lind, Mund, 
Jtind, Jugend, Tugend. In finden bestand ursprünglich Wechsel 
(ahd. fmdu, fand — funtum, funtan, der durch die Laut- 
entwicklung getilgt ist. Erst durch Vokalausstoßung ist d 
hinter n getreten in Gemeinde (ahd. gimeinida). 

Anm. Neben Widder findet sich im 16. Jahrb. noch wider, wieder, 
vgl. DWb. unter D4, Abs. 2; neben Troddel auhd. auch Tradel, Trödel; 
die Schreibung Trotteln bei Zachariä, Phaet. 94. 

§ 209. In einer beträchtlichen Anzahl von Wörtern hat 
sich d für mhd. t festgesetzt. Am häufigsten ist dies im An- 
laut der Fall. In zwei Wörtern war das mhd. t erst sekundär 
aus ahd. d entstanden: deutsch = mhd. tiutsch, ahd. diutisc, 
abgeleitet aus deot, mhd. diet „Volk" (noch in Eigennamen 
wie Dietrich) und in Docht = mhd. täht, ahd. däht, täht 
(anord. pdttr). In ihnen entspricht also das d wieder, als ob 
keine Ausweichung stattgefunden hätte, urgermanischem p. 
In anderen liegt westgerm. d zugrunde: Damm = mhd. tarn, 
dauern (leid tun) = mhd. türen zu titire = nhd. teuer, dengeln 
(die Sense hämmern), Dill = mhd. tille, Docl'e = mhd. tocJce 
(Puppe), Dohle = mhd. tähele, Donau = mhd. Tuonouwe, 
Dotter, Drude = spätmhd. trute, ducJcen, verwandt mit TücJce, 
Duft, Dult (Jahrmarkt), bair. = got. dulps, dumm = mhd. 
tump , düngen, dunkel, verdutzt, Dusel, duseln. In einigen 
Lehnwörtern aus dem Lat. oder Franz., in denen d durch die 
Lautverschiebung oder die jüngere Entwicklung zu t geworden 
war, ist d wiederhergestellt, teilweise wohl unter Einwirkung 
der Grundsprache: Dam- in Damivild, Damhirsch usw. = mhd. 



Deutale: d. 333 

tarne aus lat. dama, dauern (%väliven) ^=: mhd. tären aus lat. 
durare, dilüen = ahd. tiJddn aus lat. dictare, Drache = ahd. 
irahho aus lat. draco , Daus = nihd. täs aus afrz. dous = 
nt'rz. (Ze?(x lu einigen anderen Fällen entspricht d aus älterem 
t fremdspraehlicbem t: Dolch, erst um 1500 auftretend, anfänglich 
ttberwiegend mit t gesehrieben, wahrscheinlich doch entlehnt 
aus slaw. iulich, Dolmetsch = spätmhd. tolmetsche, zunächst 
aus dem Slav. entlehnt, Drommete neben Trompete. Auch die 
Schreibung Dinte = mhd. tinte aus mlat. tincta war bis auf 
die neueren Regelbücher sehr verbreitet. Zweifellos nieder- 
deutschen Ursprungs und daher von Anfang an ohne Ver- 
schiebung aufgenommen ist d in Daune (früher auch Dune), 
Deich ■= nd. dik. daher früher auch rein nd. in der Schreibung 
Dieh, anderseits zuweilen auch Teicli geschrieben, Döbel „Zapfen" 
mit nd. Vokalismus (mhd. tühel), Drohne = mnd. drane, drone 
(mhd. mit abweichendem Vokal trene), dröhnen, Drost = hoehd. 
Truchseß, Däne, deftig (tüchtig) in der nordd. Umgangssprache. 
Auch Dom = mhd. iuom aus lat. domus wird wegen des Vokals 
als nd. Form zu betrachten sein. Natürlich kann in Wörtern, 
die aus dem Nd. entlehnt sind, d auch wie in hochdeutschen 
= urgerm. ]j sein, wie z. B, in Dorsch (anord. porskr). Auf- 
fallend ist, daß statt des nd. t in Tüte (vgl. § 204) seit dem 
16. Jahrh. bis in neuere Zeit häufig d gesehrieben wird. 

Anw. 1. Die an die mhd. Überlieferung anknüpfende Schreibung 
teutsch hat lange das Übergewicht gehabt, wiewohl Lu. deudsch schrieb. 
Viel und oft mit verkehrten Gründen ist darüber gestritten, welche 
Schreibung die richtige sei. Für teutsch berief man sich namentlich auf 
die falsche Ableitung aus Teuf, dem augeblichen Stammvater der 
Deutschen. Zugunsten von d wirkte zunächst die Anlehnung au deuten, 
schließlich die richtige Etymologie. Die Autoriiät Gottscheds, Adelungs, 
J. Grimms führte die Entscheidung herbei. Für Docht gebraucht Lu. 
Tocht, und t findet sich neben d bis ins IS. Jahrb., vgl. DWb. unter 
Dacht und Tacht und Sa. unter Dacht, außerdem lacht Luheust., 
Cleop. 399; Tocht Hermes, Sophiens R. 1, 96; Musäus, Volksm. 4, 128. 
Aiehinger fragt: ,.,Tocht oder Docht. Welches ist besser?" 

Anm. 2. Lu. schreibt t(h)am neben dam, Clajus Tani, Schöpf und 
Gueintz Thani. so auch schlesische Dichter und D.v.d. Werder (Rol. 28,4), 
vgl. auch gdämmtt Lohenst., Cleop. 363, Tämmung Hofmannsw. K. TS, 23. 
Bis ins IS. Jahrh. erhält sich {he)taure.n neben {be)dauern, vgl. außer den 
im DWb. angeführten Belegen Op. K. 287,137; Bauise 26S, 13; Lohenst., 
Cleop. 22öS; Chr. Weise, Mas. 97 usw.; Parn. boic. 2,290; Bode, Empfinds. 
R. 1, 53; Andrews 303; Ayrenhoff 3, 27. 137. 165. Besonders herrscht t 



334 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

bei Le., vgl. z.B. 12,116,20. 159,15. 17,7,3. 177,2. 205,5. 18,21,20. 
Viele Belege für Tocke, wie auch Lu. schreibt, im DWb. Thonaiv noch 
bei Op. 14S, 363. In ducken überwiegt früh d, wenn auch Frisch noch 
tucken ansetzt; eiuige Belege für t im DWb. aus Wickram, Schmeizl, 
Buch der Liebe, Rollenhagen; umgekehrt kommt zuweilen d lür t im 
Subst. vor, vgl. DWb. unter Duck. Dult wird schon im Mhd. öfters mit 
d im Anlaut geschrieben. Die Schreibung tunim, die auch Lu. hat, reicht 
bis ins 18. Jahrh., s. DWb.; regelmäßig ist sie auch bei Clir. Weise, in der 
Übersetzung des Gil Blas und der Clarissa; besonders späte Belege: 
Le. 12, 93,29 {d&r aller tümmsten); Herder 23, 359; Schi. 1, 146,25 (Tanim- 
heit). Aichinger meint: „Vielleicht tumtn besser als dumm." Belege für 
Tung, tüngen aus dem 16. 17. Jahrh. im DWb. Desgl. für tunkel, wie 
auch Lu. schreibt, vgl. noch Op. K. 114, 20. 134, 34; vertunckelt Werder, 
RoL 23, 214; Gryphius, Squenz 26; vertunckehi schreibt auch Logau. 
Zweifelhaft ist, ob Rohrdommel hierher gehört, da bei dem sonstigen 
starken Schwanken der Formen auch das frühzeitige Nebeneinander von t 
und d verschieden beurteilt werden kann. Dunst, das man, indem mau 
€S mit ags. diXst (Staub) vergleicht, hierher zieht, gehört nicht hierher, 
wenn auch im Mhd. zuweilen tunst geschrieben wird; falls es mit ahd. 
dun{i)st „Sturm" identisch ist, spricht namentlich die Schreibung Notkers 
für d = nrgerm./). 

Anm. 3. In dauern „währen" ist d früher zur allgemeinen Herrschaft 
gelangt als in dauern „leid tun". Stieler schwimmt gegen den Strom, 
wenn er zur Unterscheidung für jenes t, für dieses d ansetzt. Da stimmt 
die in Zs.fdWf. 12, 222 veröflfentlichte Homonymik besser zum herrschenden 
Gebrauche, in der es Z. 32 heißt: Mich taurt die schöne Färb, daß sie 
nicht dauren kunt. Lu. schreibt noch tickten, ebenso die schlesischen 
Dichter des 17. Jahrh. Die Schreibung trach (track) noch oberd. im 
16. Jahrh. 

Anm. 4. Auch in vielen Wörtern, in denen sich t schließlich be- 
hauptet hat, erscheint daneben in der älteren Sprache d, vgl. DWb. 
unter D 3. Im DWb. findet mau auch sonst Material hierfür zusammen- 
gestellt, indem manche Wörter, die jetzt mit t anlauten, auch nach der 
gerade überlieferten Schreibung unter d behandelt sind. Allgemein ist 
dieses Verfahren allerdings nicht durchgeführt. Ich führe noch einige 
Fälle an, in denen d noch besonders spät erscheint: Dapferkeit Wi. II, 
1, 35, 2tt, der schwäbischen Aussprache gemäß, wie auch bei Wecktierlin 
dapfer, Dapferkeit häufig ist, ebenso in anderen Wörtern d für t; 
daß sie mein altes Gesicht mit ihren kleinen Händchen datschelten (für 
tätschelten) Hensler, Judenmädchen 19; Dauhe{n) Wi , Arasp. ^9, 141, 
Wi. II, 1, 20, 1. 24,38; Daubenherzig ib. 3, 436,2; Dolpatsch Hebel I, 
18.S, 11. 22; Drennung Le. 1,2.U, 7 (nach Hs); Drespe Moser 4, 46fl'.; 
Dresse Zachariä, Verwandl. 1,286; Phaeton 94, auch bei Geliert; Drommel- 
schläger Übersetzung von Fieldings Andrews 224 ff.; drommelt Schi. 2, 
344, 8; Drunkenheit Le. 6, 133, 8; dichtig (für tüchtig) Stephanie, Werber 73; 
dummelte Goe. Br. 2, 247, 2 ; ältere Beispiele für dummein im DWb. Be- 



Dentale: d. 335 

lege aus dem Parn. boic. bei Birlo, S. 29. Bei dem erst spät eingebürgerten 
tüfteln schwankt die Schreibimg zimiichst zwischen t nnd d (s. Sa.). 

Anm. .5. Die Form Timm für Dom reiclit noch bis ins 18. Jahrh. 
Das DWb. führt au Thum-capitel imd Thwm-kirdic aus Schuppius, Thum- 
kapitel aus Moser. Elisabeth Charl. schreibt (1, 179) thumherrn, auch 
Hagedorn 2,97; Gottsched: der Timm,, plattdeutsch Dom; Bair. Sprachk. 
Dom oder Timm (vgl. § 80). 

§ 210. Auch im Inlaut und danach auch im Auslaut hat 
sich d für t = westgevm. cl in einer Anzahl von Fällen fest- 
gesetzt. Nach l in dulden, Geduld, geduldig, Geld (zu gelten, 
ursprünglich nicht verschieden von -gelt in Entgelt), Gihle (zu 
gelten, erst nhd. aus dem Nd. aufgenommen), Kobold (ursprünglich 
identisch mit der Mineralbezeichnung Kobalt), milde, Mulde 
(== mhd. mtiolte, mulde, umgebildet aus ahd. nmoltra aus lat. 
mulctra „Melkkübel"), Schild, wozu schildern. Nach r in Bord 
a) „Rand'', „Ufer", gevs^öhnlich „Sehiffsrand" — b) nordd. 
„Brett zum Aufschichten von Gegenständen", Herde (dagegen 
Hirt mit t), Hürde aus mhd. hurt (Lu. und noch Spätere 
schreiben hürte). Nach Vokal: niedlich (zu mhd. sich tiieten 
„sich befleißigen"); Bied a) „Schilf" — b) „Rodung" (jetzt noch 
in Ortsnamen), roden (neben reuten), wozu -rode, -rade in Orts- 
namen; Bade als Bezeichnung eines Unkrautes = ahd. rato, 
woneben sich bis ins 18. Jahrh. Bäte, Balte gehalten hat (s. 
DWb.); Waid (Färbekraut); Wiedehopf, dessen erster Bestand- 
teil = ahd. ivitu, mhd. ivite „Holz" ist. Früher war auch die 
Schreibung Brod neben Brot weit verbreitet, noch von Ad. 
vertreten und erst durch die neueren Regel bücher beseitigt. 
Beede (Schiffsreede) ist sicher Lehnwort aus dem Nd. (zu bereit). 
Wenn für S2)ate{n) anfangs die P^orm Spade[n) überwiegt und 
noch im 18. Jahrh. häufig ist, so beruht dies auch darauf, daß 
das Wort aus dem Nd. aufgenommen ist (s. DWb.). Kleinod = 
mhd. Tüeinerte verdankt sein d wahrscheinlich dem ins MIat. 
mit unverschobenem d aufgenommenen Meinodium, woher 
auch der PI. Kleinodien (s. Flexionslehre); vgl. auch den Eigen- 
namen Konrad aus mlat. Konradus = mhd. Kuonrät. Das 
mit demselben Suffix gebildete Einöde = mhd. einoete ist an 
öde angelehnt. Bloß graphisch ist das d in ihr seid, wohl zum 
Unterschiede von der Partikel seit eingeführt, und in wird (vgl. 
§ 205). Über den grammatischen Wechsel zwischen d und t 
vgl. § 249, 3. 



336 II, 9. Die einzelnen GeräuscLlaute. 

Anm. 1. Gednlt und gedultig reichen noch bis tief in das 18. Jahrb., 
vgl. DWb., besonders unter Geduld I d ; sie finden sich auch bei Goe. 
(vgl. noch gedultigen Br. 1, 201, 17, nngedultig ib. 204, 2.3) und Schi. (vgl. 
noch Br. 1,70). Früher ist d in dulden durchgeführt. Gottsched tritt für 
Geduld, geduldig ein; dagegen bemerlit Aichinger (S. 41) sogar in bezug 
auf dulden: „die Aussprache ist für t", während Hemmer (Abh. 108) diese 
Aussprache mißbilligt. In den flektierten Formen von gelt erscheint schon 
im Mhd. in manchen, namentlich md. Texten d, ebenso aber auch im Verb. 
g'elden. Dieses kommt auch noch im 16. Jahrh. (auch bei Lu.) mit d 
neben t vor (vgl. DWb. Icf), anderseits gelt neben geld bis ins 17. Jahrh. 
(vgl. DWb. 1 c). Die Schreibung Kobolt ist noch bis in die zweite Hälfte 
des 18. Jahrh. üblich (vgl. DWb. I, Ib); d ist vielleicht durch die Ein- 
wirkung von Wörtern wie Raufbold zur Herrschaft gelangt. Die Schreibung 
milde für mute erscheint schon mhd. in md. Quellen; Beispiele für t aus 
dem 16. Jahrh. finden sich noch unter den Belegen des DWb.; vgl. noch 
gemiltert Rachel, Sat. 2, 8. Von schilt sind Formen mit d schon im Mhd. 
sehr verbreitet. Bis gegen ISOD ist auch die Schreibung Änwald häufig, 
s. Sanders III, 1468c; vgl. noch Übersetzang von Fitldings Andrews 153. 
156; H.V.Kleist 4,220,8.4(14,9. Lu. schreibt Ap. l(i, a^ vberweldiget. 
Schulder ist bei Lu. das Gewöhnliche und findet sich noch bei Klinger 
und in Goethes Götz (s. DWb. I, 4). 

Anm. 2. Bord a und b sind wohl von Hause aus verschiedene 
Wörter. Ersteres ist = mhd. bort, -tes; t findet sich auch noch auhd.; d 
ist wohl vom Nd. eingedrungen, was bei einem vornehmlich der Schiflfer- 
sprache angehörigen Worte begreiflich ist; auffallend ist die im DWb. 
aus Fleming und Wi. belegte Schreibung Boort mit nd. Dehnung und 
hochd. t. Das verwandte Borte hat sein t behauptet, doch vgl. Borden 
Zachariä, Phaet. 108; Schi. 2, 31, 17. 86, 13. 94, 12. Bord b, verwandt mit 
Brett, ist aus dem Nd. aufgenommen. Herde erscheint im Mhd. selten, 
ist also wohl von Niederdeutschland aus wieder in allgemeinen Gebrauch 
gekommen. Nicht selten ist früher die Schreibung Schtverd, vgl. Le. 5, 327, 17 ; 
Schi. 1, 132, 1] (Schwc)de : Erde). 2, 46, 6. 47, 12. 224, 4. 5. 6. 8; Schikaneder 
1,8.1 8.5. 1 86. Aicliinger sagt (.55) : Schwerd besser als Schivert oder Schwerdt. 
S. auch DWb. I, 2. 

Anm. 3. Das Wort niedlich scheint durch Lu. verbreitet zu sein. 
Die Schreibung Ried a schwankt bis ins 18. Jahrh. zwischen d, t und th, 
s. DWb. Neben ivaten findet sich früher die Schreibung ivaden, auch bei Wi. 
und Goe., die der in der nordd. Umgangssprache verbreiteten Aussprache 
entspricht, s. Sanders; vgl. außerdem Pölman 86; Zachariä, Phaet. 5,23; 
Musäus, Volksm. 2, 73; Aichinger schreibt vor (57) tvaden, nicht tcaten. 
Der Einfluß des Subst. Tod hat öfters die Schreibung des Adj. tot mit d 
veranlaßt, so bei Schi. 1, 106,4.11. 207,25 u. ö., bei F. Eberl (im Titel 
Der Tode und seine Hausfreunde); vgl. auch tödeten Le. 5, 294,25. Wohl 
Unkenntnis oder Willkür liegt vor, wenn Rückert Leden für Letten (Lehm) 
gebraucht im Reim auf Eden 11,432, smf Reden 11,499. 



Dentale: d. 337 

§ 211. Sekundäres d hat eich seit spätmhd. Zeit als Über- 
gangslaut zwischen n und l oder r entwickelt in Quendel = 
mhd. qiienel, ahd. qiienula, Spindel = mhd. spinnel{e) (woraus 
die Nebenform Sjiille), minder = mhd. minre, minner, FäJin- 
drich neben Fähnrich, am Ende des Mittelalters in beiden Ge- 
stalten auftretende Erweiterung von mhd. venre, vener. über 
poldern, poltern vgl. § 202. 

Aus nn ist nd entstanden im Gerundium {ze gehende für 
st gebenne), am frühesten (gegen Ende des 12. Jahrh.) im Md., 
später auch im AI. Als eine Fortsetzung dieser Form des 
Gerundiums betrachtet man gewöhnlich unser sog. Part. Pass. 
oder Gerundiv {das su gehende Buch). Schwierigkeiten macht 
dabei allerdings der Umstand, daß das letztere erst etwa um 
1600 auftritt zu einer Zeit, wo das Gerundium mit nd schon 
aus der Literatur verschwunden ist. Ferner ist im Spätmhd. 
iemandes, niemandes aus iemannes, niemannes entwickelt. In 
die flexionslosen Formen jemand, niemand könnte das d aus 
den flektierten Formen eingedrungen sein , es kann aber der 
Dental auch im Auslaut entwickelt sein (vgl. § 206), und die 
flektierten Formen hätten dann nur den Einfluß gehabt, daß 
sich die Schreibung mit d statt der in der älteren Sprache 
häufigen mit t festgesetzt hätte. Ganz wie das sekundäre t 
nach n ist das ja in der Aussprache nicht verschiedene d zu 
beurteilen in irgend, nirgend, weiland (mhd. ivilen, wUent, Dat. 
PI. von teile), tnorgendlich neben morgenlich. Für nirgend ist 
jetzt die übliche Form nirgends, auch irgends kommt vom 
16. — 18. Jahrh. vor; das s ist nach dem Muster anderer Ad- 
verbia angetreten, zuerst im Nd. Ebenso hat vollends seit dem 
17. Jahrh. älteres vollend ersetzt, das weiterhin auf mhd. vollen 
zurückgeht, das als erstarrter Kasus des Subst. volle (Fülle) 
betrachtet werden muß (daneben hevollen). Die Aussprache in 
nirgends und vollends ist übrigens keine andere, als sie sein 
würde, wenn das d nicht dastünde. Etwas anders verhält es 
sich mit Dutzend aus frz. doiizaine, da hier das d auch in dem 
PI. Dutzende erscheint, der freilich wohl erst spät ist, da in 
der Verbindung mit Zahlwörtern die unflektierte Form gebraucht 
wird. In dem Adj. morgend aus dem Adv. morgen beruht 
das d vielleicht auf falscher Abteilung: morgenden Tag aus 
morgen den Tag. In Mond = mhd. mäne (vgl. Montag) kann 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 22 



338 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

das d uaeh der betonten Silbe kaum lautüeh entwickelt sein^ 
es liegt vielmehr eine Vermischung mit Monat = mhd. mänöt 
vor, das schon spätmhd. auch in der Gestalt mänet, mönet 
erscheint; diese Vermischung zeigt sich auch in der häufigen 
Verwendung von Mond im Sinne von Monat und der seltenen 
von Monat im Sinne von Mond (s. DWb.). 

Anm. 1. Anhd. und noch landschaftlich ist die Entwicklung eines d 
als Übergangslaut zwischen n und r oder l weiter verbreitet. Hierher 
gehört der PI. mender zu Mann (s. DWb. I, 1 f j, der besonders bei H. Sachs 
häufig ist; ferner bairische Diminutive wie Mandl (Männchen). 

Anna. 2. Über das Part, der zu gebende vgl. Victor Eckert, „Beiträge 
zur Geschichte des Gerundivs im Deutschen", Diss. Heidelberg 1909. Die 
Formen ieman, niernan finden sich noch bis ins 16. Jahrb., die mit d 
oder t reichen bis ins 14. zurück. 

Anm. 'S. Die Form Mond reicht bis ins Spätmhd. zurück und ist 
bei Lu. die gewöhnliche, aber daneben erhält sich Mon bis in das 
17. Jahrh.; altertümelnd gebraucht sie Wi. 

Anm. 4. Bei Nicolai, Reise 1,461 steht ein simpeld Kopfzen^g, wobei 
vielleicht Einfluß von doppelt mit im Spiele sein kann. 

Anm. 5. Einschub eines d nimmt man auch an in haudern (ein 
Lohnfnhrwerk führen oder sich eines solchen bedienen), das man aus dem 
gleichbedeutenden mhd. huren ableitet. Ferner leitet man schlaudern, 
schleudern in dem Sinne „nachlässig gehen", „nachlässig arbeiten", wozu 
von manchen auch verschleudern gestellt wird, von mhd. slür „nachlässiger 
Mensch" ab. Es läßt sich aber kein annehmbarer Grund für die Ent- 
wicklung eines d in diesen Fällen angeben, und sie sind daher vielleicht 
doch anders zu beurteilen. Unberechtigt ist jedenfalls die Zusammen- 
stellung von schaudern mit Schauer (mhd. schür). 



§ 212. Das Zeichen z ist aus dem lateinischen Alphabet 
für die Aflrikata ts übernommen. Im Inlaut zwischen Vokalen 
war im Ahd, Doppelschreibung üblich {sizzan). Dafür trat 
später ts ein. Dieses hat sich nach kurzem Vokal bis heute 
behauptet wegen der Silbentrennung {sit-zen) und ist durch die 
Analogie auch im Silbeuauslaut festgeworden {Sitz, setzte). Im 
Spätmhd. und Anhd. ist tz auch nach langem Vokal und nach 
Konsonant gewöhnlich {reitzen, Hertz). Die Versuche einiger 
Grammatiker tz ganz zu beseitigen, sind nicht durchgedrungen. 
In bezug auf die Aussprache ist noch zu bemerken, daß nach 
l und n der ^-Laut wenig ins Gehör fällt, während anderseits 
sich zwischen l oder n und s leicht ein unvollkommen ge- 



Dentale: d. z. 339 

bildetes t einschiebt, so daß in der Kegel h und Is, nz und ns 
im Auslaut gleich klingen, ganz wie Gans, während Gänse von 
ganze sich natürlich durch den Stimmton unterscheidet. 

Anm. 1. Im Ahd. wird in einigen Denkmälern c fUr z vor hellem 
Vokal verwendet. Im Nhd. ist diese Verwendung auf Fremdwörter be- 
schränkt geblieben. Für z vor dunklem Vokal verwenden einige ahd. 
Denkmäler cz. Auch in der Übergangszeit vom Mhd. zum Nhd. ist cz 
nicht ganz selten. 

Anm. 2. Die Beseitigung des tz wurde besonders von den schwäbischen 
Grammatikern Fulda und Nast angestrebt. Daher findet sich einfaches z 
für tz bei schwäbischen Schriftstellern der Zeit, auch bei Schi, in seinen 
Jugendwerkeu (vgl. PBB. 2S, 289), bei Wi. in der Shakespeareübersetzung. 

§ 213. In Wörtern einheimischen Ursprungs, sowie in 
Lehnwörtern aus dem Lat., die vor der hochdeutschen Laut- 
verschiebung aufgenommen sind, ist z = ahd. z = urgerm. 
t, und zwar im Anlaut, vgl. Zahl, zahm, Zahn, Zähre usw., 
Zieche (Betttiberzug, griech.-lat. theca), Ziegel (lat. tegulä), Zoll 
(aus nilat. telonium), Zähem (lat. taherna)\ im Inlaut nach l, 
vgl. Falz, Filz, Holz, Malz, Milz, Salz, Schmalz, schmelzen, 
Stelze, stolz, ivälzen ; nach r, vgl. Harz, Herz, Schmerz, Schurz, 
schwarz, stürzen, Warze, Wurzel, würzen, nach n, vgl. ganz 
(nur hochd.), Lenz (ahd. lenzo), Minze in Krausem., Ffeff'erm. 
(lat. mentha). Pflanze (lat. planta); hierher gehört eigentlich 
auch Ffalz aus mhd. phalenze. 

Nach Vokalen geht z {tz) auf westgerm. tt zurück, das 
teils schon urgerm. war, teils erst westgerm. aus urgerm. ein- 
fachem t entstanden. Ersteres ist z. B. der Fall in Schatz 
(got. shatts), wahrseheiulich auch in Klotz, Piotz, Trotz, Nutz{en), 
Schutz, in Bildungen wie ritzen, schlitzen, schnitzen, stutzen, 
kritzeln; letzteres in sitzen, setzen, ätzen, heizen, letzen, ivetzen, 
Witz u. a., auch in Pfütze aus Isitputeus, vgl. I § 130. Gemiuiertes 
t bestand beim Eintritt der Lautverschiebung auch nach laugem 
Vokal und Diphthong, daher heizen, heizest, reizen, spreizen, 
Weizen; auch in Kauz und Schnauze muß tt zugrunde liegen. 

In einiger Fällen, in denen jetzt z auf einen Konsonanten 
folgt, ist dazwischen ein Vokal ausgefallen. So in Erz aus 
ahd. aruzzi, wo westgerm. tt zugrunde liegt. Ebenso in Bildungen 
wie ächzen, krächzen, denen ahd. Bildungen auf -azen = got. 
-atjan zugrunde liegen. Auffallend ist das z in Münze und 
Pilz, die anfahd.inuni^^a, huli§ (aus lat. moneta, boletus) zurück- 

22* 



340 II, 0. Die einzelnen Geräuschlaute. 

gehen; es wäre statt des z scharfes s zu erwarten; die Sehreibung 
mit z erklärt sich wohl aus dem, was § 212 über den lautlichen 
Zusammenfall von z und scharfem s nach n und l bemerkt ist. 
Auf dieselbe Weise wäre das z in Felz zu erklären, falls die 
mhd. Form des Wortes richtig als heilig angesetzt ist; ich sehe 
aber keinen Grund, warum nicht vielmehr helliz anzusetzen 
sein sollte (aus lat. pellicia). 

In einigen Fällen ist in das z ein vorhergehendes /: durch 
Assimilation an den ^Laut aufgegangen. So in blitzen aus 
Miezen (ahd. hleckazan), wonach denn auch mhd. hlicze = nhd. 
Blitz gebildet ist, in schmatzen aus smackezen, Minzen (Minzeln) 
aus Minhezen, ranzen (anranzen) aus ^ranhezen zu mhd. ranken, 
mutzen (landschaftl. „murren") aus *m,ucJcezen zu muchen (auf- 
mucken), Schivanz zu mhd. swanzen aus *swan'kezen. Vgl. 
auch Winteler, PBB. 14, 458, wo aber wohl manches mit Un- 
recht hierher gezogen wird. 

Anm. Nicht klar zu erkennen ist, woher z in Koseformen stammt 
wie Götz (Gotfried), Heinz (Heinrich), Kiinz (mhd. Kuonze za Kuonrät), 
Lutz (Ludwig); da es aber auch nach Vokal auftritt, wird auch hier tt 
zugrunde liegen. Hierher pflegt man auch das Appellativum Wanze zu 
stellen für mhd. wantlüs. 

§ 214. Vor w geht s zum Teil auf mhd. t zurück. Der 
Übergang hat im 15. Jahrh. stattgefunden. In Ziverg = mhd. 
(ge)twerc liegt urgerm. Ö (d) zugrunde. Aber auch urgerm. pw, 
das zunächst im Ahd. zu dw verschoben war, ist im Mhd. zu 
tw geworden und dann weiterhin auch zu zw, so in ziverch 
oberd. = quer (vgl. § 174), schriftsprachlich in Zwerchfell, 
zwingen (ahd. duingau), oberd. zivagen „waschen" = ahd. 
duahan, wozu oberd. Zwehle „Handtuch '^ == ahd. duahilla. 
Natürlich kann ziv auch urgerm. tw entsprechen, so in zivei, 
Zweifel, Zweig, zwicken, Zwilling, Zwirn, zwischen, Zwist, 
zwitschern, zwölf Es sind also die drei verschiedenen Stufen 
des Urgerm. im Nhd. zusammengefallen 

§ 215. Die Formen Ratz, Ratze neben Ratte weisen wohl 
darauf hin, daß das Wort teils vor, teils nach der hochdeutschen 
Lautverschiebung entlehnt ist, wenn auch bei dem Mangel an 
alten Belegen keine sichere Entscheidung zu treffen ist. Geiz 
= mhd. git (Habsucht) erweckt den Anschein, als ob t zu z 
verschoben ist. Es liegt aber eine Umbildung in Anlehnung 



Dentale: z. 341 

an das Verb. geAzen vor, das auf mhd. gi({e)sen '/Auückgeht, in 
dem also das Zeichen z fUr die sekundäre Zusammenriiekung 
von t und s angewendet ist. Im 15. 16. Jahrh. stehen Geit und 
Geiz nel)eneinander. Auch in sevßen = mhd. siufien kann keine 
Verschiebung von t zm z vorliegen. Es wäre möglieh, daß das 
schon im Mhd. auftretende siufzen auf ahd. *süßis6n zurück- 
ginge, doch ist dafür kein Anhalt gegeben. Man hat daher 
eine Umbildung nach ächzen usw. angenommen. Gewöhnlich 
wird bei sekundärer Zusammenrückung von t oder d und 5 
die Schreibung ts, ds beibehalten, durch die Etymologie ge- 
schützt, vgl. -tvüris, Bätsei, Landsmann. Doch findet sich liäzel 
und Bätzel früher nicht selten, noch im 18. Jahrh. Die Schreibung 
Lanzlmecht für LandsJmecJit ist durch die umdeutende Anlehnung 
an Lanze begünstigt. 

Anm. Dem oberd. Lefze „Lippe", das bis ins Ib. Jahrh. auch iu der 
Literatur erscheint, liegt mhd. lefse zugrunde. 

§ 216. In Lehnwörtern entspricht z griechischem u': Zone, 
Zelot, Zephir] lateinischem c vor hellen Vokalen, abgesehen 
von den ältesten Entlehnungen (vgl. I §. 130), vgl. Zeder, Zeise 
(aceisia), Zelle, Zentner, Zichorie, Zimhel, Zimniet {cinnamum), 
Zins (census), Zirkel, Zither, Kreuz {crux, crucis), Panzer (mhd. 
panzier aus mlat. panceria), Felz (mlat. pelliduni), Prinz, Kapuze 
(mlat. capucium), Unze, Provinz und viele jüngere Entlehnungen; 
griech.- lateinischem ch in Erz- {Erzherzog usw.) aus ardii-, Arzt 
aus archiatfKs; lateinischem sc in Zettel {schedula) und Zepter, 
wofür wieder mit näherem Anschluß an das Lat. die Schreibung 
Scepter üblich geworden ist; lateinischem t vor i iu März 
{Martins), Mütze (mlat. almutia), Pfalz {palatium), Polizei 
{politia), Justiz, Arroganz, Audienz und viele ähnliche 
Bildungen, in Eigennamen wie Horaz, Properz, Florenz; 
französischem c in Kränze, Franzose, Lanze, Latz (afrz. laz), 
Litze (lice), ranzig (zu rance), Schanze {in die Schanze schlagen aus 
Chance) u. a.; franzöaisebem s in Tanz (schon mhd.); italienischem z 
in Stanze, Shizze u. a. Bei manchen Wörtern verbindet sich 
lateinischer und französischer Einfluß. Orientalischen Ursprungs 
durch mittellateinische Vermittlung ist z in Ziffer, Zucker, 
slawischen Ursprungs in Zar (Cza)'), Zobel, Grenze, wahrscheinlich 
in Zülle {Zille). 



342 II, 9. Die einzelnen Geräusclilaute. 



s. 

§ 217. In der Bühnensprache wird in Übereinstimmung 
mit der norddeutschen Aussprache tönendes und tonloses 6' 
unterschieden. Tönend ist s im Wortanlaut vor Vokal (auch in 
eingebürgerten Fremdwörtern) und im Innern im Silbenanlaut 
vor Vokal, wenn ein tönender Laut, d. h. Vokal, r, l, m, n 
vorangeht, vgl. Hauses, Hirse, Halses, Bremse, Gänse. Im 
Silbenauslaut fehlt der Stimmton, also z. B. in Haus, Hals, 
Gans, auch in Hausarbeit, Halsader wegen der Silbentrennung. 
Immer tonlos ist s in den Verbindungen st, sp, sh (in Fremd- 
wörtern wie Maske, Skandal), sm (in Fremdwörtern wie Smaragd), 
ks {drucksen), chs, ts (Rätsel), ps (Kapsel) und in der Gemination. 
Schwankend scheint die Aussprache in Fällen wie Kehse, Krebse, 
Mengsei, in denen die Konsonantenverbindung erst durch Aus- 
fall eines e entstanden ist; Ad. verlangt dafür Tonlosigkeit, die 
aber nicht allgemein ist. Der Anlaut zweiter Kompositions- 
glieder wird durch den vorhergehenden Konsonanten nicht 
beeinflußt, daher werden Wörter wie Drucksache, Ostseite mit 
tönendem s gesprochen; so auch stets die Suffixe -sal und -sam. 
Die Unterscheidung von f nnd s in der deutschen Schrift trifft 
soweit mit einem lautlichen Unterschiede zusammen, als s immer 
den tonlosen Laut bezeichnet; da es aber nicht in den ton- 
losen Konsonantenverbindungen (st usw.) angewendet wird, bleibt 
die Scheidung doch nur eine graphische. Für den einfachen 
tonlosen s-Laut zwischen Vokalen ist nach langem Schwanken 
die Schreibung ß festgesetzt (reißen), die dann nach dem Prinzip 
der Analogie auch im Silbenauslaut und vor Konsonanten 
beibehalten wird (reiß (Imp.), er reißt). Für die lateinische 
Schrift besteht noch immer der Übelstand, daß ss für einfaches 
wie für geminiertes tonloses s verwendet wird, indem nur 
erst einige Druckereien das einfache Zeichen ß eingeführt haben. 
Dagegen ist es eine Inkonsequenz der deutschen Schrift, daß 
ß im Silbenauslaut sich auch als Entsprechung des ff zwischen 
Vokalen festgesetzt hat (Biß, Bißchen — Biffe). 

Bei stimmtonlosem s ist noch der Unterschied zwischen 
größerer und geringerer Intensität möglich. Mit stärkerem 
Drucke wird s gesprochen, wenn es auf kurzen Vokal inner- 
halb der gleichen Silbe folgt (Haß, Gast gegen heiß , Geist), 



Dentale: s. 343 

insbesondere in der Gemination. Das ober- und mitteldeutsche 
Gebiet, dem der Stimmton fremd ist, kennt keinen anderen 
Unterschied. Man kann dort wohl wessen von Wesen in der 
Aussprache scheiden, aber nicht reißen von reisen. 

Die Verbindungen 5^ und sji lauten im Wortanlaut wie 
seht, schp. Über diese mundartlich noch weiter verbreitete 
Aussprache wird unter seh gehandelt. 

Aum. Bis gegen die Mitte des l's. Jahrli. wechselte meist ß mit // 
und s entweder willkürlich oder nur nach graphischen Rücksichten, doch 
so, daß frühzeitig zwischen Vokalen ff (auch nach langem Vokal) über- 
wog, gestützt durch die Schreibung ff in ruffen usw., während dafür im 
Silbenauslaut und vor Konsonanten ß eintrat. Im 17. Jahrh. trat Zesen 
für die jetzt übliche Scheidung {küffen — grüßen) ein, ohne aber viel 
Nachfolge zu finden. Erst die Autorität Gottscheds (1748) verhalf der- 
selben allmählich zum Siege. Die schwäbischen Grammatiker Fulda und 
Nast wollten nach langem Vokal und Diphthong in- und auslautend ein- 
faches s einführen, da sie keinen Unterschied kannten zwischen reisen 
und reißen. Nur vorübergehende Störung der Gottschedschen Regel 
brachte das Streben der sogenannten historischen Schule, ff für mhd. ss, 
ß für mhd. j^ einzuführen. Wie sehr aber auch frühzeitig die Verwendung 
des ß im Silbeuschluß überwog, so tiudet sich doch schon im 16. Jahrh. 
(namentlich bei Lu.) der Gebrauch, mit Vermeidung dieses Zeichens 
dafür fs (neben einfachem s) anzuwenden. Im 19. Jahrh. machte dann 
J. C. A. Heyse (1827) den Vorschlag ff, später (1828) fs im Silbenschluß 
und vor Konsonanten neben ß zu verwenden, ersteres dem ff, letzteres 
dem ß zwischen Vokalen entsprechend. Ihm folgten namentlich öster- 
reichische Grammatiker. Doch ist die Unterscheidung von den neueren 
Regelbüchern nicht angenommen. In lateinischer Schrift ist in älterer 
Zeit ein dem ß ähnliches Zeichen verwendet. Auch in neuerer Zeit sind 
Versuche damit gemacht, die aber auf wenige Druckereien beschränkt 
geblieben sind. Ebensowenig ist der Vorschlag, sz zu verwenden, durch- 
gedrungen. Endlich ist für ß eine Verbindung von laug s und rund s 
versucht; da aber jenes sonst ganz nuüblich geworden war, ist auch 
dieser an und für sich nicht sehr glückliche Ausweg nicht durch- 
gedrungen. Genaueres bei G. Michaelis, „Über die Physiologie und Ortho- 
graphie der Zischiante", Berlin 1883. 

§ 218. Nhd. s geht auf zwei verschiedene mhd. Laute 
zurück, auf s (im Wortanlaut immer) und ^. Über die Ent- 
stehung und ursprüngliche Aussprache des letzteren, das nur 
im In- und Auslaute vorkam, vgl. I § 121. Ein Zusammenfall 
von s und ^ erfolgte in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. 
Letzteres war ursprünglich geminiert. Nach langem Vokal und 
Diphthong schwand die Gemination, es behielt aber, scheint 



344 II, 9. Die einzelnen Geiäuschlaute. 

es, noch einen höheren Stärkegrad, der noch weiterhin durch 
Doppelsehreibung- ausgedrückt zu werden pflegte, daher im 
Spätmhd. ein Schwanken zwischen ss, zz, sz, zs, wie bei wirk- 
licher Gemination. Die Entwicklung war der von ff analog. 
Eine Folge des höheren Stärkegrades war es, daß ursprüng- 
liches 1" nirgends wie einfaches s zwischen Vokalen tönend 
wurde, und so in dieser Stellung schriftsprachlich die alte 
Scheidung gewahrt blieb [reisen = mhd. reisen, reißen = mhd. 
ri^en), weshalb auch die Scheidung in der Schreibung nötig 
blieb. Dagegen fielen mhd. ss und ^^ im Inlaut nach kurzem 
Vokal zusammen. Mhd. ss liegt zugrunde in Esse, Kresse, 
Missen, Messing, missen, JRosse, gewisse, Hesse, Drossel (früher 
mit den Nebenformen Droschel und Drostel, deren Verhältnis 
nicht klar ist) und in den Lehnwörtern Klasse, Masse, Messe, 
Fresse und anderen jüngeren. Die Formen dessen, wessen sind 
Erweiterungen von mhd. des, wes, in denen die scharfe Aus- 
sprache, die das auslautende s im Mhd. hatte, in den Inlaut 
hinübergenommen ist. Die erweiterten Formen haben dann 
wieder veranlaßt, daß man die einfachen Formen, wo man sie 
in altertümelnder und poetischer Sprache noch substantivisch 
verwendete, deß und tveß schrieb, auch indeß, unterdeß. In 
der Mehrzahl der Fälle liegt mhd. ^^ zugrunde, z. B. in essen, 
Gasse, vergessen, hassen, messen, Wasser, wissen = mhd. e^^en 
usw. In lassen = mhA. lä^en und »wessen = mhd. müe^en ist 
die Gemination als Folge der Vokalverkürzung eingetreten. 
Im Auslaut und vor Konsonant ist gleichfalls Zusammen- 
fall von mhd. s und ^ eingetreten. Anfangs wurde dann auch 
in der Schreibung gewöhnlich kein Unterschied gemacht. Das 
Durchdringen des Analogieprinzips veranlaßte dann die Unter- 
scheidung nach den verwandten Formen mit verschiedener 
Aussprache: Eis nach Eises, heiß nach heißes, reist — reißt. 
Wo solche verwandte Formen nicht vorhanden waren, ist die 
im älteren Nhd. gewöhnliche Schreibung mit rund s geblieben. 
So in der Endung des N.-A. Sg. der Pronomina und Ad- 
jektiva: es (mhd. e^), das, ivas, gutes. Nur für die Konjunktion 
daß ist zur Unterscheidung von dem Fron, das, mit dem sie 
doch von Hause aus identisch ist, ß eingeführt. Die Unter- 
scheidung findet sich bei Henisch, Schottel, Girbert und den 
späteren Grammatikern, wird aber noch im 18, Jahrh. nicht 



Dentale: s. 345 

von allen Schriftstellern konsequent beobachtet. Xebeu dies 
= nihd. cli^, Nebenform zu ditze, dis, findet sich noch lange 
die Schreibung diß, wohl veranlaßt durch die lautgesetzliche 
Kürze des Vokals, die noch jetzt in manchen Landschaften 
erhalten ist. Die Schreibung mit s ist ferner geblieben in den 
Partikeln bis und aus, wiewohl für letzteres die Beeinflussung 
durch avßen, äußere möglich gewesen wäre; in Samstag (ahd. 
samha^tag). Hierher werden wir auch Bims (mhd. hümcf) 
stellen können, da der PI. Bimse kaum vorkommt und allgemein 
gebräuchlich nur die verdeutlichende Zusammensetzung Bims- 
stein ist (auch der Aussprache gemäß Bimstein geschrieben). 
Ferner Tips (eine Hühnerkrankheit = mhd. phiphi^ aus lat. 
pituita, piipita), da das Wort im PI. kaum vorkommt. Die 
etymologisch nicht berechtigte Scheidung des Adv. hlos^= „nur" 
von dem Adj. tloß (mhd. Uös;) ist wieder aufgegeben; des- 
gleichen die Schreibung Bischen, die sich verbreitet hatte, weil 
man das Wort nicht mehr als Verkleinerungswort zu Biß, Bissen 
empfand. Vor t mußte sich 5 festsetzen in 0Z^5^ = mhd. ohe^ 
und feist = mhd. reibet. Durch die neueren Regelbücher ist 
vorgeschrieben Kürbis (mhd. kürbi^ aus lat. Cucurbita) und 
Hornis (mhd. hornu^) mit einfachem s zu schreiben trotz den 
Pluralen Kürbisse und Hornisse und dem Fem. Hornisse. Das 
war die Konsequenz davon, daß man für das Suffix -nis ( = mhd. 
-nisse) die einfache Schreibung einführte. 

Anm. 1. Anderseits war bis auf die neueren Regelbücher Gleißntr 
lür Gleisner üblich. Es ist mhd. gelichsencere (neben gelichescere zn gelich 
.,gleich"), dann aber an gleißen = mhd. gli^en „glänzen" angelehnt. Ebenso 
überflüssig war die Beseitigung der allgemein eingebürgerten Schreibung 
Meßner durch Mesner. Das Wort stammt allerdings von dem mlat. 
mansionnrins , ist aber schon im Mhd., wie die Schreibung messencere 
neben mesncere zeigt, an Messe augelehnt. 

Anm. 2. Ein s findet sich anstatt eines zn erwartenden seh = Sihd.sk 
iu Bistum. Ahd. biscofestuom hat sich zunächst mit Ausfall des f in biscetuom 
gewandelt, das bei Notker erscheint. Es scheint dann aus *bisctuom durch 
Assimilation bistuom geworden zu sein, die mhd. Form. Für die Schreibung 
mit seh bringt Lexer zwei Belege ans den Weistümern. Sie findet sich 
auch bei Crauer, Grafen von Toggenburg im Personenverzeichuis und 
Oberst Pfyffer S. 48. Darin haben wir aber wohl nur eine Wiedergabe 
der alemannischen Aussprache zu sehen, begünstigt durch die Etymologie. 

Anm. 3. In sollen geht s auf ursprüngliches sk zurück. Bloßes s 
erscheint dafür schon im Ahd. (bei Tatian neben sc), während anderseits 
das aus sk regelmäßig entwickelte seh noch im Mhd. in bairischen Texten 



346 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

erscheint und in einem Teile des Nd. noch jetzt vorhanden ist. Die ab- 
weichende Lantentwicklung kann wohl nur durch den enklitischen Ge- 
brauch des Wortes veranlaßt sein. Der Versuch, den man gemacht hat, 
die Doppelheit in das Urgerm. zurückzuschieben, setzt sich mit der Über- 
lieferung in Widerspruch. Das abgeleitete Subst. Sclmlcl zeigt nur die 
gewöhnliche Entwicklung des f>k. 

§ 219. Wenn auch im Silbenanlaut die Schriftsprache die 
Scheidung von mhd. s und ^ im allgemeinen aufrecht erhalten hat, 
so haben sich -doch unter dem Einflüsse ober- und mitteldeutscher 
Mundarten manche Vermischungen ergeben. In Erbse (mhd. 
arwei$), Krebs, Krebse (mhd. Jcrebe^) und Griebs („Kerngehäuse 
des Obsts", falls es, wie wahrscheinlich, auf ahd. grubi^ zurück- 
geht) war wohl die Einführung des s zunächst nur dadurch 
veranlaßt, daß ß nach Konsonant nicht üblich war; tönende 
Aussprache des s ist auch jetzt nicht tiberall vorhanden, wo 
sonst tönendes s gesprochen wird. Aber auch nach m ist ein- 
faches s durchgeführt in emsig (mhd. em[ß]^ec), Gemse (ahd. 
gami^a), Sims (mhd. sirne^), Gesimse; nach n in Binse (= mhd. 
bine^, im 17. Jahrh, noch binz, bintz geschrieben); nach Vokal 
in Ameise (mhd. ämei^e), Kreis (mhd. hrei^, die Schreibung 
hreiß bis ins 18. Jahrh.), Los (mhd. lo^, im 17. Jahrh. auch 
noch Loß), dazu losen, Mauser, sich mausern zu anhd. maußen, 
mausen, aus mhd. mü^en (aus lat. mutare); bei verweisen „vor- 
werfen" := mhd. verivi^en spielt Vermischung mit weisen = mhd. 
ivisen eine Rolle. Umgekehrt hat sich Geißel (Peitsche) = mhd. 
geisel festgesetzt und ist auch nach den neuesten Regelungen 
beibehalten zum Unterschiede von Geisel (Bürge) = mhd. gisel. 
In diesen Wörtern könnte eine wirkliche lautliche Verstärkung 
des s vor {e)l vorliegen, vgl. § 134. Die Schreibung Vließ (mhd. 
vlies) ist auch in den neueren Regelbüchern teilweise beibehalten. 

Anm. 1. Für das schon allgemein verbreitete Gries = vdhA. gru^ 
ist durch die neueren Regelbücher wieder Grieß festgesetzt. Neben- 
einander gestattet werden Grauß und Graus „Steinschntt" = mhd. grüs;; 
s ist durch die Vermischung mit Graus = mhd. grüs entstanden, wozu 
grmmg gehört. Gefordert wird die Schreibung scheußlich, weil es auf 
mhd. schiuzlich (zu einem Verb, schiuzen) zurückgeht; doch kann bloßes s 
nicht lautlich ans z entwickelt sein, es hat also doch wohl eine Umbildung 
durch Anlehnung an Scheusal stattgefunden (schon bei Lu.). Nößel, das 
früher mit ISösel wechselte, ist jetzt offiziell anerkannt. Anderseits ist 
Verlies (zu verlieren, mhd. Verliesen) jetzt offiziell anerkannt gegen die 
früher daneben vorkommende Schreibung Verließ (wohl an verlassen an- 



f 

Dentale : s. ach. 347 

geleimt). Desgleichen erbosen, wofür früher erboßen üblich geworden 
war, was sich vielleicht daraus erklärt, daß das Part, am üblichsten ist, 
und daß es in der Bedeutung näher zu Bosheit als zu böse steht. 

Aum. '1. Unser iveissagen geht zwar zurück auf ahd. ui^agön, das 
ans wi^ago (eigentlich „Wissender", daher „Prophet") abgeleitet ist. Aber 
schon im späteren Ahd. hat eine Umdentuug auch des Grundwortes statt- 
gefunden, wie die Schreibung tvissago zeigt. 



sch. 

§ 220. Die Bucbstabeng-ruppe sch bezeichnet jetzt einen 
einfachen Laut (vgl. darüber Sievers, Phon,^ § 336 If.). Die 
komplizierte Schreibung desselben erklärt sich aus der Art, 
wie er in den meisten Fällen entstanden ist. In ahd. sie (sc) 
wurde wahrscheinlich das Je zunächst zu einem Reibelaute, der 
mit ch bezeichnet werden konnte, eine Entwicklung, die schon 
im späteren Ahd. begonnen haben muß, und erst weiterhin trat 
die Verschmelzung von s und ch zu einem einheitlichen Laute 
ein. Die Zwischenstufe ist in westfälischer Aussprache neben 
dem ursprünglichen sk erhalten. In Oberdeutschland muß der 
Vorgang vor 1300 abgeschlossen gewesen sein, da seit Ende 
des 13. Jahrh. sch auch in Fällen verwendet wird, wo der Ur- 
sprung ein anderer ist. Die Kompliziertheit der Bezeichnung 
war wie schon beim clt, die Ursache, daß Doppelschreibung 
nach kurzem Vokal nicht üblich wurde. 

§ 221. Auf sk geht sch zurück im Anlaut vor Vokal und 
vor r, vgl. z. B. Schur, schelten, Schild, schön, Schuld, schreiten 
= ahd. scara, skeltan, skild, scöni, sculd, scritan; im In- und 
Auslaut nach Vokal, vgl. Asche, dreschen, löschen, Masche, 
mischen, rasch, Tasche, waschen; auch das erst spätmhd. auf- 
tauchende haschen wird hierher gehören. 

§ 222. Dagegen ist sch aus mhd. s entwickelt im Anlaut 
vor l, ni, n, tv, vgl. Schlaf, Schläfe, schlaff, schlagen, Schlamm, 
Schlange, schlank, schlau, Schlauch, schlecht, schlecken, Schielte, 
schleichen, schleifen, Schleim, schleißen, Schleuder, schleunig, 
schließen, schlingen, Schlitten, Schlot, schlucken, schlummern, 
schlüpfen, schlürfen; schmähen, schmal, Schmalz, schmecken, 
schmeicheln, schmeißen, schmelzen, Schmer, Schmerz, schmieden, 
schmiegen, schmoren, schmücken, schmunzeln; Schnabel, Schnake, 
schnarren, schnauben, Schnecke, Schnee, schneiden, schnell, 



348 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Schnepfe, schnöde, Schnupfen, Schnur; Schtvahe, schwach, 
Schivager, Schivalhe, Schwamm, Schivan, schwanger, Schwans, 
Schwärm, Schwarte, schwär s, schweben, Schivefel, Schweif, 
scMveigen, Schwein, Schweiß, schwelgen, schivellen, schwer, 
Schivert, Schivester, schwimmen, schwinden, schivingen, schwören, 
schwül. Infolge einer Verschiebung der Silbengreuze ist der 
Übergang auch in Braunschweig eingetreten aus Brünes-wic\ 
vgl. auch die alemannische Aussprache von Ortsnamen wie 
Rappersiveiltr mit seh. Außer in Zuss. kamen die betreffenden 
Verbindungen inlautend nicht vor. Der Lautwandel ist von 
Oberdeutschland ausgegangen. Die Ansätze zur neuen Schreibung 
gehen auf alemannischem Boden bis in das Ende des 13., auf 
bairischem bis in den Anfang des 14. Jahrh. zurück. Mittel- 
deutschland folgt erst sipäter nach. Gegenwärtig erstreckt sich 
der Übergang auch auf einen großen Teil des östlichen Nieder- 
deutschlands. Schottel verteidigt noch die alten sl, sm, sn, 
stv, aber ohne daß er gewagt hätte, sie durchzuführen. 

Auch vor p) und t ist anlautendes s zu dem Laute von 
seh entwickelt, aber ohne daß sich die Schreibung mit seh 
durchgesetzt hat. Die Aussprache des s vor p und t als seh 
erstreckt sich gleichfalls über ganz Ober- und Mitteldeutschland 
und einen beträchtlichen Teil von Niederdeutschland. Sie ist 
als mustergültig anerkannt, wenn aucli aus dem Teile Nieder- 
deutschlands, der den Wandel nicht mitgemacht hat, sich immer 
wieder Stimmen für die ältere Aussprache erhoben haben mit 
Berufung auf die Übereinstimmung mit der Schreibung. Wegen 
der Beibehaltung der älteren Schreibung könnte man auf den 
Gedanken kommen, daß der Wandel vor p) und t später erfolgt 
sei als vor m, n, r, w. Einen Anhalt für die Chronologie geben 
uns die doch nicht ganz fehlenden sporadischen Schreibungen 
mit schp und seht. Diese reichen allerdings nicht ganz soweit 
zurück, wie schl usw., aber doch immerhin ins 15. Jahrh. Daß 
im 16. Jahrh. die neue Aussprache auch schon in Mitteldeutschland 
durchgeführt war, geht aus dem Zeugnis Fabian Frangks hervor. 
Das Wahrscheinlichere bleibt doch wohl, daß der Übergang 
der anlautenden s vor allen Konsonanten gleichzeitig erfolgt 
ist, und daß nur graphische Gründe die Schreibung sp und st 
geschützt haben, wobei erinnert werden mag, daß diese Ver- 
bindungen auch im Lat. häufig sind, und daß die deutsche 



Dentale: seh. 349 

Aussprache yermntlich auch vielfach auf das Lat. übertragen 
sein wird. Im Alem.-schwäb. sind 67) nnd st auch im In- und 
Auslaut zu schp, seht geworden, und zwar zu derselben Zeit 
wie im Aulaut. 

Ferner ist rs zu rsch geworden in Arsch, Barsch, hirschen, 
Bursche, herrsehen (mhd. hersen), Kirsche^ hiirsclien, Kürschner 
(mhd. Jcürsencere) , forsch (nd. fors zu frz. force), morsch (vgl. 
mhd. zermürsen), in dem landschaftlichen Dorsche „Kohlstrunk" 
(mhd. torse aus lat.-griecb. thyrsus)\ aus r^ ist rsch entstanden 
in Hirsch (mhd. hir^). Daneben stehen aber andere Wörter, 
in denen s nach r geblieben ist, vgl. Ferse, Färse (junge Kuh), 
Hirse, Mörser, Pfirsich, Vers. In der Verbindung rst, in der die 
jetzige Schriftsprache das s bewahrt hat, ist die Aussprache 
seh in Mitteldeutschland und auch über einen Teil von Nieder- 
deutschland verbreitet. Ad. verlangt noch die Aussprache 
Durscht, Wurscht usw. wie früher Duesius (S. 13). 

Unaufgeklärt ist seh in Groschen =^ mhd. grosse (aus lat. 
grossus). Desgleichen heisch, das seit dem Spätmhd. für älteres 
heis erscheint, und heischer, das auf md. Grundlage von Schrift- 
stellern des 16. — 18. Jahrh. neben heiser gebraucht wird. 
Löschen als Schiiferausdruck (eine Ladung löschen) ist für nd. 
Jossen, das noch im 18. Jahrh. in der Literatur vorkommt, durch 
Vermischung mit dem gewöhnlichen Verb, löschen (mhd. lesehen) 
eingeführt. Anheischig gehört zu anheischen, und wenn es über- 
haupt zu mhd. anthei^ec (von anthei^ „Gelöbnis") in Beziehung 
steht, so liegt volksetymologische Umbildung vor. 

Anders als in den bisher besprochenen Fällen verhält es 
sich mit dem seh in falsch aus lat. falsus und Harnisch (mhd. 
harnasch) aus frz. harnais; denn in diesen Wörtern ist seh schon 
um 1200 das Übliche, 5 findet sich nur ausnahmsweise. Zu 
falsch sind außerdem die ahd. Verba falscön und felsigen zu 
vergleichen, wenn auch das Verhältnis nicht klar ist. Auch 
feilsehen kann wohl nicht aus dem im Mhd. häufigem und noch 
anhd. vorkommenden ftilsen entstanden sein, vgl. si veilsceden 
Rother; wir werden verschiedene Bildungen annehmen müssen. 

Anm. 1. Vgl. Aron, „Zur Geschichte der Verbinduugen eines s 
bzw. seh mit einem Consonanten im Nhd." (PBB. 17, 225). Hier ist reiches 
Material zusammengetragen, die Erklärung der Erscheinnagen aber miß- 
glückt; vgl. dazu Hörn, PBB. 22,219 und Beck, PBB. 36,229. 



350 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

Anm. 2. Gegenüber der oben gegebenen Darstellung der Ent- 
wicklung von sk zu seh vertritt Schatz (Altbair. Gr. § 76) für das Bair. 
die AüschauuDg, daß sich s vor A zu § entwickelt habe und dann k ge- 
schwunden sei. Ihm tritt Lessiak bei (AfdA. 32, 133) mit Berufung auf 
Beziehungen zum Slovenischen. Dann müßte die Entwicklung im Bair. 
eine andere gewesen sein als im nördlicheren Deutschland, was doch sehr 
unwahrscheinlich ist. 

Anm. 3. Die in Anm. 2 besprochene Auffassung hängt mit der An- 
nahme zusammen, daß ahd. s überhaupt eine unserem seh nahestehende 
Aussprache gehabt habe, vgl. Wilmanns § 103, Schatz, Altbair. Gr. § 74, 
Behaghel, PBB. 38, 370. Allerdings hat Braune (PBB. 1, 529) gezeigt, daß 
die unter dem Einflüsse althochdeutscher Orthographie stehenden alt- 
slovenischen Denkmäler s für slaw. $ und z, z für slaw. s und z anwenden. 
Aber eine solche Übertragung der Schriftzeichen von einer Sprache auf 
eine andere beweist noch lange nicht Identität des Lautwertes. Man darf 
jedenfalls nicht so weit gehen anzunehmen, daß hei der Spaltung des 
älteren s in das jetzige s und seh die Veränderung viel mehr das erstere 
als das letztere getroffen habe. Dagegen spricht doch die wesentliche 
Übereinstimmung der Artikulation unseres s mit der der übrigen ger- 
manischen und indogermanischen Sprachen. 

Anm. 4. Wenn im AI. der Übergang von s vor p und t in seh auch 
im Inlaut erfolgt ist, so setzt dies, wie Beck a.a.O. bemerkt, vielleicht 
die Silbentrennung ga-stes voraus (vgl. auch § 12), so daß man dann an- 
nehmen müßte, daß in gast usw. analogische Übertragung stattgefunden 
hätte. In ist, bist, wirst usw. müßte die alemannische Aussprache von 
Fällen wie i-stes {ist es) ausgegangen sein. 

Anm. 5. Mit Unrecht führt Aron S. 250 mhd. Schreibungen wie 
gemist für gemiseht, wunste für lotmschte und Reime wie laste (für 
laschte) : glaste als Beweise dafür an, daß s vor t wie seh gesprochen 
wurde. Diese Schreibungen finden sich schon bei Notker und beweisen, 
daß im AI. set durch Assimilation zu st geworden war. Durch die jüngere 
Entwicklung ist die lautliche Verschiedenheit zwischen misehen und miste, 
gemist usw. wieder ausgeglichen. 

Anm. 6. In den Wörtern, in denen s nach r zu seh geworden ist, 
erscheint die Schreibung mit rs neben rsch noch während des 16. Jahrh. 
Belege für die Schreibungen Ars, Burs, hersen, Kirse, Eürsner (auch für 
das Grundwort Kursen), Hirs im DWb.; vgl. auch er knirst H.Sachs, 
F. 76, 281. Es wird sich freilich schwer entscheiden lassen, wie weit es 
sich dabei um wirkliche Erhaltung des Lautes oder nur um altertümliche 
Schreibung handelt. Anderseits findet sich in Wörtern, die in der Schrift- 
sprache das s bewahrt haben, in Mundarten und auch in der älteren 
Literatur seh, so Fersche für Ferse bei Lu. (mit Versehen Amadis 1, 358), 
Hirsch für Hirse im 15. 16. Jahrh. und in md. Mundarten {Hirschpappe 
„Hirsebrei" Chr. Weise, Cath. 125,12), Mörschel für Mörser bei Steinbach, 
jetzt thüring., Versch bei Stieler, Neumark, jetzt wetterauisch, frankfurtisch 
(s. DWb.), Wirsching bei Ludwig, Tentschengl. Lex. (1716). Mundartlich 
ist sogar korscham für gehorsam, ivarsch für war es u. a. Da seh immer 



Dentale: seh. 351 

tonlos Ist, wird man annehmen müssen, daß tönendes s sich dem Über- 
gang entzogen hat. Wenn die Aussprache von rst als rscht in der jetzigen 
Schriftsprache verpönt ist, so beruht dies wohl auf einer willkürlichea 
Zuriickdrängung derselben. 

Anm. 7. In der volkstümlichen Form Pfirsche neben Fßrsiche ist 
seh durch junge Verschmelzung von s und eh entstanden. 

Anm. 8. Zu den Belegen für heischer im DWb. füge ich noch 
Hink. Teufel 149; Schi. 1, '232, 55 (später beseitigt); Friedel, Christel und 
Gretchen 34; Meißner, Skizzen ;i, 2U5 ; Grillp. 5, :i2. Über Vermischung 
von heißen und heisehen s. DWb. Sp. 897; verhieseh steht bei RoUeu- 
hagtn, Froschm. I-, XXII, 15; Verheischxmgen bei Op., T. Poem. 148 
(S. 171. 172). 

§ 223. In einigen Wörtern ist tsch an Stelle von z {tz) 
getreten. Hierher sind mit Sicherheit oder wenigstens mit Wahr- 
scheinlichkeit zu stellen: fletschen (mhd. vletzen und vletschen), 
glitschen (spätmhd. glitten zu gleiten), Jdatschen (auhd. Matzen), 
knutschen (spätmhd. Jcnutzen), Pritsche (anhd. pritze, britze, 
mhd. in hritzehneister, britzelslahen), cjuetschen (spätmhd. quetzen), 
quietschen (östr. quitzen), naschen (spätmhd. rutzen), Tatsche 
anhd. für Tatze, wozu wahrscheinlich tätscheln, zwitschern 
(mhd. zivitzern, ahd. zuizerön). 

Anm. 1. Anhd. und mundartlich ist P futsche für Pfütze (vgl. auch 
pfuetsch IL Sachs, Schw. 227, 18). H. Sachs hat heischen für hetzen (Schw. 
172,31; F. 13, 29ü). Bretschel, im DWb. aus Dasypodius belegt, findet 
sich auch bei Schöpf 47. Aus den Mundarten wird noch Manches hierher 
gehören. Reiches mundartliches Material, das sich aber nicht mit ge- 
nügender Sicherheit beurteilen läßt, bringt Lessiak PBB. 28, 135. 6. Ander- 
seits erscheint zivitzern noch bei Maier, Fust von Stromberg 31,1, und 
GezwUzer bei Babo, Otto 150. 199. Im Sinne von „flimmern" ist es weit 
verbreitet, vgl. Weigand-Hirt. Für rutschen (Elis. Charl. 1,48 schreibt 
rutzhen) vermutet man Entstehung aus *ruckezen zu rucken, rücken; so 
könnte quietschen zu quieken gehören, klatschen zu mhd. klac. Winteler 
(PBB. 14, 456) nimmt für solche Fälle Metathesis an, so z.B. rukzen — 
ruzken und dann durch Verschmelzung des in z steckenden s- Lautes mit 
dem k mischen. Mindestens für die md. Mundarten und die Schriftsprache 
wird eine solche Entwicklung abzulehnen sein. Für die meisten der au- 
geführten Fälle ist ja eine solche Erklärung sowieso ausgeschlossen. 
Unklar bleiben noch die Bedingungen, unter denen sich tsch aus z ent- 
wickelt hat, wie denn auch in anderen Fällen der Ursprung dieser Laut- 
gruppe unaufgeklärt ist. 

Anm. 2. Wenn neben Flitz- in Flitzbogen, -pfeil auch Fltfsch- 
steht und flitschen neben flitzen, so ist dies Schwanken wohl anders zu 
beurteilen, wenigstens wenn Flitsch- mit Thnrneysen auf frz. fl'eche zurück- 
zuführen ist. 



352 II, 9. Die einzelnen Geräuschlaute. 

§ 224. Auch aus fremden Sprachen ist der Laut des seh 
übernommen. So aus frz. cJi, wobei teils die fremde Schreibung 
beibehalten ist wie in Chef, Chiffre, teils die deutsche Schreibung 
eingeführt. Das letztere ist schon seit langer Zeit geschehen 
in frühzeitig eingebürgerten Wörtern wie Harsch (etwas länger 
hat sich ch erhalten in marschieren, s. DWb., vgl. noch an- 
gemarchiert Chr. Reuter, Schelm. 49), Schafott (frz. echafaud), 
Schalmei, Schaluppe, Schanzte (in in die Schande schlagen zu 
frz. Chance). Die neueren Regelbticher sind darin noch weiter 
gegangen, schreiben z. B. vor Scharlatan, scharmant, Schielt' (frz. 
chic, wenn auch an schicklich usw. angelehnt), Schikane, Schimäre, 
Schokolade. Engl, sh wird durch seh wiedergegeben in Schal 
(shawl), Schirting, Schoner. Orientalische Sprachen lieferten 
Beiträge. So stammen Schäker, Schaute, Schmu, koscher aus dem 
Hebräischen, Schahracke aus dem Türkischen. Das ursprünglich 
persische Wort Schach ist wohl aus dem Arabischen direkt 
ohne romanische Vermittlung ins Mhd. aufgenommen. Aus dem 
Slaw. stammen Peitsche, Kutsche, Droschke. Lat. seh aus 
griech. ö/ war sicher ein Doppellaut, man übertrug aber darauf 
die deutsche Aussprache, die auch jetzt in der Schule üblich 
ist, und diese haben denn auch die Lehnwörter Schema, Schisma, 
Scholastik, Scholie. Die jetzt eingeführte Schreibung Seheck 
für Check trägt dem Umstände Rechnung, daß die uns un- 
geläufige englische Lautverbindung tseh sich auch in der Aus- 
sprache vereinfacht hat. In volkstümlicher, namentlich ober- 
und mitteldeutscher Aussprache wird auch der entsprechende 
tönende Laut der romanischen Sprachen {j oder g geschrieben) 
durch den tonlosen ersetzt (Schenie für Genie). So erklärt sieh 
das landschaftliche Schauhe, das spätmhd. aus frz. jupe auf- 
genommen ist. 

Früh aufgenommene Lehnwörter haben natürlich das 
Schicksal der einheimischen mitgemacht. Daher Schrein, 
sehreihen. Schule, Schotte aus ahd. scrini, scriban, scuola, Scoto. 
Auffallend aber ist, daß noch in Lehnwörtern jüngerer Zeit 
romanisches sc zu seh geworden ist: Schachtel aus it. seatola, 
Scharmützel aus it. scaramuccio , Scharteke, woneben anhd. 
scarteke. Schöps stammt aus tschechisch skopec. 

Auch in Lehnwörtern wird aulautendes 5 vor p und t wie 
seh gesprochen. Einige sind so früh aufgenommen, daß sie 



i 



Dentale: seh. 353 

den Übergang mit den einlieimiscben Wörtern gemeinsam durch- 
gemacht haben, vgl. Spiegel (schon ahd.), Speise (schon abd.), 
spazieren, Spital, Spanien, Stiefel (mlat. aestivale). Die nhd. 
Aussprache ist aber auch auf die erst später aufgenommenen 
Wörter übertragen, wie Spektahel, Spiiritus, Stil usw. Die 
Forderung, daß in den weniger eingebürgerten Wörtern s ge- 
sprochen werden solle, ist im einzelneu kaum durch fülirbar. 
Volkstümlich und kaum zu bekämpfen außer in gelehrten 
Wörtern ist auch die Aussprache schp und seht inlautend im 
Silbenanlaut, d. h. nach Konsonant oder nach unbetontem Vokal, 
vgl. Konstanz, liespeld. Dagegen auf das AI. beschränkt ist 
diese Aussprache in Wörtern wie Apostel, Kaspar. 

In Fremdwörtern, die nach dem Übergang des ahd. sie in 
seh aufgenommen sind, wird anlautendes s vor h in volkstüm- 
licher Aussprache wie vor p und t behandelt, vgl. Sklave, 
Skandal, Skat, Sknq)el. Es liegt kein Grund vor, diese auch 
von Ad. gebilligte Aussprache in wirklich eingebürgerten Wörtern 
zu bekämpfen. Im AI. wird auch inlautendes sk wie schk ge- 
sprochen, vgl. Maske. Vor l ist die entsprechende Aussprache 
durch die Sehreibung anerkannt in Schlips aus engl, slips. 

Anm. Früher war auch die Schreibung Schmaragd häufig (vgl. 
anßer dem DWb. Schöpf 19, Simplic. 241, H. Jacobi im Merk. 77, II, 114), 
noch von Ad. gebilligt.; entsprechend sdtniaragden (vgl. noch Neol. Wb. 
324, S ff.), noch bei Heine. 



Kap. 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

Liquidae. 

r. 

§ 225. Zwei verschiedene Bildungsweisen des r sind in 
Deutschland verbreitet. Bei der einen wird die zur Erzeugung 
des Lautes erforderliche zitternde Bewegung durch die an das 
Zahnfleisch angelehnte Zungenspitze hervorgebracht (Zungen-r, 
alveolares r), bei der andern durch das Zäpfchen (Zäpfchen-r, 
uvulares r). Die erstere herrscht im Süden, die letztere im 
Norden. Jene ist zweifellos die ältere und die für die Bühne 
vorgeschriebene. 

Anm. Sonstige Verschiedenheiten in der Hervorbringung des Lautes 
sind wohl mehr individuell als laudschattlich bedingt. 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. ' 23 



354 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

§ 226. Das nhd. r geht auf ahd.-mhd. r zurück. Dieses 
aber hat einen doppelten Ursprung. In den meisten Fällen ist 
es = urgerm. und dann auch schon idg. r. So stets im Anlaut, 
vgl. z. B. Ead = lat. rota, redit = lat. rectus usw. Dabei ist 
zu beachten, daß anlautendes r in manchen Wörtern auf älteres 
hr oder wr zurückgeht (vgl. I § 135). Außerdem ist r stets 
ursprünglich, wo es nach einem andern Konsonanten dem be- 
tonten Vokal vorangeht, also z. ß. in brechen, frech, Kranich, 
grau, schreiten, treten, drei, Strom. Dagegen, wo es nach dem 
betonten Vokal steht, ist es zwar auch in den meisten Fällen 
ursprünglich, namentlich, mit wenigen Ausnahmen, wenn ein 
Konsonant darauf folgt, es kann aber auch aus urgerm. 
(tönendem s) entstanden sein. Dieses ist in einigen wenigen 
Fällen aus der idg. Grundsprache überkommen, nämlich wenn 
ursprünglich Medialaspirata folgte, die im Germ, zur Media 
verschoben wurde: Hort (got. huzds).. Ort (anord. oddr, dem 
got. *uzds entsprechen würde). Sonst ist s erst im Germ, nach 
dem Vernerschen Gesetz aus ursprünglich hartem s entstanden. 
So in Ähre, Beere, hören, lehren, nähren, Ohr, Rohr, ehern 
(= mhd. erin zu er „Erz" = lat. aes), in den Pronomiualformeu 
er, wer, wir, ihr, mir, dir, in der Pluralendung -er, in der Par- 
tikel ur-, abgeschwächt er-, im Komparativsuffix -er, in mehreren 
starken Verben, teilweise noch im Wechsel mit s, vgl. § 249, 4, 
Geminiertes r geht auf rs zurück in dürr, irren und 
dem jetzt untergegangenen türren „wagen"; sonst ist es 
urgerm. rr. 

§ 227. In einigen Wörtern ist ein r, das ursprünglich dem 
Vokal der Silbe voranging, hinter denselben getreten. Diese 
Umstellung ist von Niederdeutschland ausgegangen und hat 
sich von da aus zunächst über einen Teil von Mitteldeutsch- 
land verbreitet. Von Anfang an in der nd. Form ins Hoehd. 
gelangt ist Bernstein, anhd. auch Barnstein, Bornstein, zu 
brennen gehörig. Die Nebenform Born zu Brunnen (mhd. 
brunne) geht auf mnd. borne zurück; md. erscheint zuerst 
burne im Pass. ; jetzt findet sich die Umstellung in Hessen und 
Thüringen; Lu. gebraucht Born neben Brunn; jetzt ist Born 
poetisch. Oberd. bresten, wozu Gebresten gehört, ist durch die 
von Lu. gebrauchte Form bersten allmählich ganz aus der 
Schriftsprache verdrängt. 



r. do5 

An in. !. Lu. gebraucht auch die nd. Form hörnen neben brennen. 
Mit dem letzteren ist hörnen verwandt, aber nicht identisch. Die ent- 
sprechende hochd. Form wäre hürnen, das im Mhd. in md. Quellen nicht 
selten ist = ags. hyman. 

Anm. 2. Etwas anders verhält es sich mit den Doppelf ormen Erle 
und Eller = ahd. erila — elira. Hier haben l und r ihre Stelle getauscht. 
Die ältere Form scheint elira, die zu den nördlichen germ. Sprachen 
stimmt, sowie zu der landschaftlichen Nebenform Ehe, die zeigt, daß 
dem r germ. z zugrunde liegt. 

Anm. 3. Scheinbare Umstellung liegt vor in Eigennamen wie 
Albrecht, Ruprecht, deren zweiter Bestandteil = got. bairhts „glänzend" 
ist. Es verhält sich aber vielmehr so : die ahd. Form ist beruht mit Ent- 
wicklung eines Sekundär vokals; wo das Wort als zweites Kompositions- 
glied gebraucht wurde, hat sich der ursprünglich noch auf der Wurzel- 
silbe ruhende Nebeutou auf den Sekundärvokal verschoben, und jene hat 
infolge davon ihren Vokal eingebüßt; -bracht ist weiter zu -brecht ge- 
schwächt. 

§ 228. Abgefallen ist r im Spätahd. im Auslaut Dach 
langem Vokal, so in da, wä (wo), hia, liie (hier), e (eher), me 
(mehr) aus dar, war. Mar, er, mer. 

In den Ortsadverbien ist r erhalten, wo sich ein vokalisch 
anlautendes Wort eng an sie anlehnte, indem dann r zur 
folgenden Silbe hinübergezogen vpurde. So ergaben sich zunächst 
im Mhd. neben für sich stehenden da, wä, hie die Verbindungen 
därane, därinne, därüfe, däru^e, ivdrinne, Jiierinne usw., dagegen 
wieder dähi, däoor usw. Dabei trat (es läßt sich nicht fest- 
stellen wann?) eine Vermischung ein mit darane, darin usw. 
= ahd. dara ana, dara in als Riehtungsbezeichnungen. Dies 
Verhältnis bat sich bei da und wo auch in der jetzigen Schrift- 
sprache behauptet, aber nicht ohne mannigfache vorhergegangene 
Störungen. Schon im Mhd. finden sieh därhi, darnach usw. uud 
häufiger mit Abschwäehung derhi, dernäch usw., umgekehrt 
dinne, dü^e aus da inne, da ü^e. Die Formen darhei, dardurch 
usw. setzen sich auch im Nhd. fort, besonders bei oberdeutschen 
Schriftstellern und in der Kanzleisprache, bis in die erste Hälfte 
des 18. Jahrh. Auch der zweiten sind sie noch nicht ganz 
fremd. Bei Lu. sind sie nur vereinzelt, abgesehen von darnach 
und darnieder, die sich dann auch am längsten behaupten. 
Auch für sieh stehendes dar erscheint wieder im 16. 17. Jahrh. 
Noch länger behauptet es sich in hier und dar und am längsten 
in von dar (bis in die zweite Hjj,lfte des 18. Jahrh.). Desgleichen 

23* 



356 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

finden sich ivornach, zvorzu u. a. bis tief ins 18. Jahrb., für sich 
stehendes tvor wenigstens im Anhd. 

Zu einem anderen Endergebnis hat der Kampf zwischen 
hie und hier geführt. Auch hier haben sich neben hiehei, hie- 
durch usw. hierbei, hierdurch usw. gestellt, sind aber nicht wieder 
zurückgedrängt, sondern allmählich zur Alleinherrschaft gelangt. 
Im 16. Jahrb. überwiegen die Verbindungen mit hie bei weitem, 
sie erhalten sich auch neben denen mit hier das 18. Jahrb. 
hindurch, werden namentlich von Goe. gebraucht. Geblieben 
ist das nur in feierlicher religiöser Sprache gebrauchte hienieden. 
Etwas früher wird für sich stehendes hie, das im 16. Jahrb. 
noch fast ausschließlich herrscht, durch hier verdrängt. Reste 
von hie noch bei Goe. Allgemein geblieben ist hie und da. 
Die r-lose Form liegt auch in hiesig zugrunde (anhd. auch 
Meig, hieisch) und in hieländisch (noch bei Auerbach). Die 
umgekehrte Ausgleichung bat schon im Mhd. zu den kontra- 
hierten Formen hinne, hü^e aus hie inne, hie ii^e geführt. Auch 
im Nhd. erscheint hinnen (noch bei Rabener, E. Schlegel. 
Herder, Goe.) und haußeti (noch bei Goe., Immermann, Körner 
und jetzt laudschaftl.), auch hauß (Goe.). Diesen nachgebildet 
ist hüben (erst im 18. Jahrb. zu belegen) als Gegenstück zu 
drüben. 

Neben me steht im Mhd. die erweiterte Form mere = ahd. 
mcra. Dazu tritt frühzeitig mer, das teils einfache Kürzung 
aus mere sein, teils auf Anlehnung von me an mere beruhen 
kann. Im Nhd. ist mehr allein übriggeblieben, schon in der 
Sprache Luthers, während in Oberdeutschland meh noch bis 
in die zweite Hälfte des 16. Jahrh. reicht (s. DWb.). In mhd. 
iemer, niemer = nhd. immer, nimmer aus ahd. io mer, nio mer 
ist das r nicht abgefallen, weil das e frühzeitig verkürzt ist. 

Neben mhd. e erscheint er in md. Quellen (vgl. Mhd. Wb. 
I, 437% 36). Man darf gewiß nicht annehmen, daß darin Er- 
haltung des r von der ahd. Zeit her vorliege. Es wird nach 
dem adjektivischen Komparativ erere {erer, erre) wiederher- 
gestellt sein. Die beiden Formen setzen sich in nhd. ehe {eh, 
vgl. § 116) und eher fort, die ursprünglich gleichwertig gebraucht 
werden und sich erst allmählich differenziert haben. Der Ge- 
brauch von eh{e) = ,.früher" ist vorzugsweise südd. und findet 
sich noch bei dem jungen Schi. Bair. ist e = „sowieso". 



r. 357 

Aniu. 1. Über die Verwendung von dar neben da ist im DWb. 
unter da 17 (Sp. 655) gehandelt nnd im einzelnen unter dabei, dadurch, 
dafür, dagegen, dahinter, damit, danach, daneben, danieder, davon, davor, 
dawider, dazu, dazwischen. Darunter wird darnach noch aus Goe. und 
Schi, belegt; wenn aber behauptet wird, „hente ist die Schreibung darnach 
noch vorherrschend", so entspricht dies wühl nicht dem gegenwärtigen 
Gebrauch. Mehr gebräuchlifh ist wohl noch darnieder, von dem gesagt 
wird, daß es auch heute noch vorherrsche. Auch darhinter wird noch 
aus Goe. und J. Paul belegt; dargegen schreibt noch Wi., Merk. 7b, III, 27; 
Belege für dar- vor Konsonant aus Schi, und anderen schwäbischen 
Schriftstellern PBB. 28, 325. Zu den Belegen für selbständiges dar be- 
merke ich, daß es auch bei P.Gerhard nicht selten ist, z.B. 4,1.1(1; 
alldar steht Loh., Arm. 69b; Eeuter, Schelm. 19. Weitere Belege für 
hier und dar: P.Gerhard 9, 12 u. ö.; Gryphius T. 273,66 u. ö.; Ziegler, 
Ban. 130,30; Robinson 144 u. ö.; Felsenburg 1, 126,9; Thom. Jones 1,2S9; 
Schubert, Todesgesäuge 10,14; doch wenn Rückert hie und dar schreibt, 
so ist dies wohl absichtliche Altertümelei; für von dar: Op. häufig, z. B. 
148,267.270; Chr. Weise, Erzn. 1 0. 38 ; Robinsou 3 1 9 u. ö. ; Gil Blas 1 , 7 u. ö. ; 
Felsenburg 52, 1 u. ö.; Thom. Jones 1, 357 u. ö. ; Miller, Sigw. 2, 137. Das 
DWb. bringt noch Belege ans Le., Zachariä, Wi., Bürger. — Belege für 
ivor- vor Konsonant: wornach Herder 17,37; Wi. 26, 125; Wi. II, 1,74, 14; 
Goe. 8, 28,26; Br. 28, 206,25; Schi., Don Carl. 830; auch Rückert 3, 145; 
worvon Grimmeishausen, Simpl. Sehr. K. 3,838,15 u.ö.; worwider Robinson 
352; worzu E. Schlegel, Sehr. 219, 22; Eckhof, Mütter-Schule 5. Vgl. ferner 
war Heymonsk. 104, ivohr Jul. v. Braunschw. 224. 289 u. ö. — Im DWb. 
sind hie und hier, sowie ihre Verbindungen besonders behandelt. Die 
Belege für hiebei usw. lassen sich auch für das 18. Jahrh. noch bedeutend 
vermehren. 

Anm. 2. Abfall eines r erscheint auch in aber. Schon ahd. findet 
sich avo, abo aus älterem avur. Im Mhd. steht ave, abe, ob (in kritischen 
Ausgg. allerdings meist gegen die Hss. eingesetzt) peben gewöhnlichem 
aver, aber. Umgekehrt ist das r in oder nnursprünglich. Schon spätahd. 
erscheint odar für älteres odo, das sich als ode, od noch bis ins 16. Jahrh. 
fortsetzt (freilich auch in kritischen Ansgg. oft gegen die Hss. eingesetzt). 

§ 229. Durch Assimilation ist r gescliwimden in Welt, 
das seit dem 13. Jahrh. auftritt für älteres tverlt =^ ahd. wer-alt 
(vgl. § 112). 

In einigen Fällen ist r infolge von Dissimilation ausgefallen, 
die durch ein r der Ableitungssilbe bewirkt ist. Allgemein in 
Köder = ahd. querdar, schon mhd. queder, keder, köder neben 
querder, kerder, körder, die auch noch im 16. Jahrh. fortdauern. 
Häufig ist ferner, wenn auch allmählich zurückgedrängt fodern 
ifoddern) neben fordern. Polier {Maurerp., Zimmerp.), bair.- 
sehwäb. Palier geht zurück auf spätmhd. parlier (eigentlich 



358 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

„Sprecher"). Neben Hartschier (frz. arcJier) steht eine volks- 
tümliche Nebenform HatscJiier. 

Anm. Auch Köder, Köder in den Bedeutungen „Schleim" und 
„Lederstreifen" scheint ein r eingebüßt zu haben, s. DWb. Für fodern 
bringt das DWb. reichliche Belege; vgl. auch Käslin, Haller 21; Längin, 
Herder 21; Pfleiderer, Schiller (PBB. 28, 324). Es ist im 18. Jahrh. die 
überwiegende Form, häufig im Reim, von Gottsched empfohlen, während 
es in der Bair. Sprachk. heißt „fodern, besser fordern", und föderal von 
Ad. als nachlässige Form bezeichnet wird. In der älteren Sprache er- 
scheint der Ausfall des r auch in den mit fordern verwandten Wörtern, 
wofür das DWb. Belege bringt: fodder als Adv. = „weiter" Lu. ; fodder, 
födder als Adj. = forder- Lu. {zu fodderst Ap. S, 26); foder, föder zu- 
frühest bei Megenberg, zuletzt bei Op. belegt, noch mnndartl. ; födderlich 
Lu., füderlich Suchenwirt; füdern = fördern im 15. 16. Jahrh., fodern 
16. — 18. Jahrb., Weh bei Le , vgl. noch befoderte Clarissa 1,191, befödert 
3. Sg. Wi. II, 1, 27, 26. Für Marder erscheint im 15. Ifi. Jahrh. mader, für 
Mörser spätmhd. und anhd. moser oder möser. 

l 
§ 230. Nhd. l ist im allgemeinen = urgerm. und schon 
idg. l. Vor jetzt anlautendem l kann ein h oder w abgefallen 
sein (vgl. I § 135). Nach einem Konsonanten erscheint es in 
den Verbindungen bl, fl, pfl, pl (in Lehnwörtern), gl, M, seht 
Geminiertes l kann urgerm. sein, durch Assimilation entstanden 
(vgl. I § 33), so in voll, Welle, Wolle, fallen, wallen, hallen, 
schallen; es kann aus einem l durch die westgerm. Konsonanten- 
gemination entstanden se'in (vgl. I § 87,4), so in Hölle, hüllen, 
Geselle, wollen, Wille; es kann auf jüngerer Assimilation be- 
ruhen, so in Zwilling aus swinelinc (beides nebeneinander im 
Mhd.), in Spille, Nebenform zu Spindel aus mhd. spinnele, in 
Müller (zuerst spätmhd.) aus mülncere aus lat. molinarius; die 
Gemination kann erst Folge der Erhaltung der Vokalkürze 
sein, so in sollen = mhd. sul{e)n, Böller = spätmhd. holer (auch 
anhd. mit einfachem l), Söller = ahd. solari aus lat. solarium, 
Schiller = mhd. schilher, Nebenform zu Schieler, erhalten als 
Familienname und als Bezeichnung einer Zwischenstufe zwischen 
Rot- und Weißwein, und das dazu gehörige Verb, schillern. 
Für Elle = ahd. elina kann nach den angeführten Analogien 
Entstehung durch Assimilation aus eine angenommen werden, 
doch wäre daneben auch eine Entwicklung elen < eilen, eile 
möglich, indem die Nominativform dadurch entstanden wäre, 



r. l. ■ 359 

daß n als Kasussnffix aufgefaßt wäre, eine Entwicklung, die 
für die weitverbreitete mundartliche Form ele notwendig an- 
genommen werden muß; die Doppelformen Ellenhogen und Ell- 
bogen = ahd. elmhogo weisen auch auf eine doppelte Ent- 
wicklung; doch kommt ellinhogo mit doppeltem l auch schon 
ahd. vor. Assimilation von nl liegt auch noch vor in elf aus 
ahd. einlif durch die Zwischenstufen einlef] eilef eilf, nur daß 
wegen des ursprünglich vorhergehenden Diphthongs nicht Jl 
entstanden ist. Auffallend ist elend, Elend = mhd. eilende, ahd. 
elilenti. Einfaches l ist bei Lu. durchgeführt, während bei 
oberd. Schriftstellern noch länger die Schreibung mit II herrscht. 
Man könnte denken, daß die Vereinfachung die Folge einer 
Akzentverschiebung gewesen wäre (eilende), aber es herrscht 
doch wieder durchaus Betonung der Anfangssilbe. 

Anm. Assimilation von nl, die aber wegen des vorhergehenden 
Diphthongs einfaches l ergab, Hegt auch vor in spätmhd. eilant für älteres 
einlant „Insel". Damit hat aber das nhd. Eiland wahrscheinlich gar nichts 
zu schaffen, da es erst, nachdem das hochdeutsche eilant schon längere 
Zeit verschwunden war, sich von Niederdeutschland aus verbreitet hat. 
Hier ist der erste Bestandteil vielmehr ein nnserem Aue entsprechendes Wort. 

§ 231. In mehreren Wörtern ist l durch Dissimilation aus r 
entstanden. So in Mörtel = ahd.-mhd. morter aus lat. niortarium; 
möriel erscheint zuerst spätmhd., mörfer erhält sich daneben 
bis ins 17. Jahrb.; in murmeln aus lat. murmurare; schon ahd. 
murniiirön und miirmulön, mhd. vereinzelt murmern gegen über- 
wiegendes murmeln; in Turteltaube; schon ahd. turtultüha 
neben turtur aus lat. turtur. Analoge Entwicklung liegt vor 
in mhd. dörpel aus dörper, eigentlich „Dorfbewohner", dann 
,.unbeholfener Mensch"; wie dann aus dörpel, törpel, das noch 
bis ins 17. Jahrh. zu belegen ist, Tölpel entstanden ist, bleibt 
unklar; hierfür umgekehrt eine Assimilation anzunehmen ist 
nicht unbedenklich, vielleicht liegt doch eine Vermischung mit 
einem andern Worte vor. Etwas anderer Art ist die Dissimilation 
in Maidheere, ahd. mörberi, mürberi zu lat. morum „Maulbeere", 
morus „Maulbeerbaum", mhd. noch mörber neben mülher. Doch 
findet sich ein Wandel von r in l auch ohne Nachbarschaft 
eines andern r in Tflaume aus lat. prunum; im Mhd. steht 
noch pfriime neben pflüme, Ffraume ist auch noch anhd. und 
jetzt mundartlich. 



360 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

Anm. Wandlungen wie mörter^ mörtel sind auch noch in anderen 
Wörtern eingetreten, aber ohne daß die Formen mit l sich in der jetzigen 
Schriftsprache behauptet haben. Für Erker findet sich anhd. (al ) ärkel, 
für Kerker vereinzelt mhd. kerkel , für Körper mhd. und anhd. körpel ; für 
Marmor, das jetzt erst durch neuerlichen Anschluß an das lat. Grundwort 
wieder hergestellt ist, erscheint schon ahd. marmul, mhd. und nhd. selbst 
bis in das 19. Jahrh. marmel neben seltenerem marmer (Bair. Sprachk.: 
„Marmel besser als Marmor"), das noch landschaftlich in der Bedeutung 
„Spielkügelchen" fortdauert; für Marter (ahd. martira), Märterer, martern 
erscheint mhd., auch noch anhd. und jetzt landschaftl. martel, marteloire 
(marteler), rnarteln {martolon schon bei Otfrid); für mörser spätmhd. und 
anhd. mörsel. Anhd. ist Purpein „rote Hautflecken". Weit verbreitet in 
der Umgangssprache ist Baibier für Barbier, auch bei Schriftstellern vom 
16. Jahrh. bis in die neuere Zeit. Dagegen in Pilger, Pilgrim = mhd. ■ 
pilgerin gehört die Dissimilation nicht der Entwicklung innerhalb des 
Deutschen an , sondern pelegrinus erscheint schon spätlat. für peregrinus 
und liegt den Formen der rom. Sprachen zugrunde. Der Ursprung von 
mhd. pantel neben panier ist unklar. 

§ 232. EotstehuDg eines l aus n infolge der Nachbarschaft 
eines andern Nasals kann man annehmen in sammeln, das erst 
spätmhd. für älteres samenen erscheint, wovon noch das Part 
gesamt (mhd. gesament oder gesamnet) fortlebt. Der gleiche 
Vorgang könnte schon viel früher eingetreten sein in Himmd 
= ahd. himil gegen got. himins. Kümmel geht auf ahd. kumil 
zurück, das neben kumin, humi (auch Jcumich) steht, welche 
Formen, auf lat. cummiim beruhend, sieh noch in den heutigen 
Mundarten fortsetzen; Bedenken aber gegen die Annahme, daß 
-il durch Dissimilation aus -in entstanden sei, erregt die Ver- 
schiedenheit der Vokalquantität. Auch hat Vertauschung eines 
«-Suffixes mit einem Z- Suffixe noch in anderen Fällen statt- 
gefunden, wo an Dissimilation nicht gedacht werden kann. 
Orgel geht zurück auf ahd. Organa aus mlat. Organa (lat. 
Organum) ; schon ahd. erscheint daneben org{e)la, mhd. ist orgd 
die herrschende Form, woneben selten orgen und mit Neu- 
entlehnung Organa. Forelle beruht auf ahd. for{a)hana; mhd, 
tritt neben forhen die der nhd. zugrunde liegende Form forhel; 
es geht nicht an, diese als eine Verkleinerungsform zu jener 
(aus *forhenle) zu fassen. In gemeingerm. Zeit würde der 
Suffixwechsel zurückreichen bei Esel (got. asilus) und Kessel 
(got. Ttatilus oder katils), wenn sie auf lat. asinus und catlnus 
zurückgehen; doch könnten sie auch auf asellus und catülus 
zurückgeführt werden; catinus erscheint ahd. als ke^^i{n). 



l. Nasale: m. 361 



Nasale. 

§ 233. Wie nach der Artikulationsstelle drei Klassen der 
Geräuschlallte, so sind auch drei Nasale zu unterscheiden, der 
labiale (m), der dentale (w) und der velare. Für den letzteren 
ist aber nach lateinischem Vorbild kein besonderes Zeichen 
eingeführt, sondern er wird gleichfalls durch n wiedergegeben. 
Daß mau sich mit dieser Ungenauigkeit begnügen konnte, lag 
daran, daß der velare Nasal nur vor folgendem g oder k vor- 
kam, vor diesen aber wenigstens im einfachen Worte ausnahmslos 
bestand, während der labiale und der dentale nicht nur vor 
den homorganen Lauten, sondern auch in freier Stellung 
vorkamen. 



m. 

§ 234. In den meisten Fällen ist m ursprünglich, von jeher 
unverändert erhalten. So stets im Anlaut und im Inlaut zwischen 
Vokal oder r, l und einem Vokal, sowie im Auslaut nach Vokal 
oder r, l, vgl. Name, nehmen, zahm, Arm, Helm. Nur wenige 
Ausnahmen sind zu erwähnen. Pflaume, das doch wohl auf 
Isit jJmntmi zurückzuführen ist, erscheint nicht bloß im Deutschen, 
sondern auch im Ags. von Anfang an mit m (infolge von An- 
gleichung an den Anlaut?); die Zurückführung auf griech. 
.TQovin'or hat nicht viel Wahrscheinlichkeit. Pilgrim (früher 
auch Pilgram, P'dgrum) erscheint seit Ende des MA. für das 
ältere pügenn aus mlat. pelegrinus (vgl. A. Semler, ZsfdWf. 
11, 36). Für Turm ist die ältere Form turn, die auch Lu. ge- 
braucht, und die noch bis ins 18. Jahrh. vorkommt; türm er- 
scheint aber auch schon in Lamprechts Alexander (12. Jahrb.), 
und es bleibt zweifelhaft, ob diese Form aus der andern ent- 
standen ist. Vor labialem Verschlußlaut kann wi ursprünglich 
sein, vgl. Dampf, Lampe usw. In manchen Zusammensetzungen 
ist es aber durch Assimilation aus n entstanden, vgl. Amboß 
aus anebö^ zu bd^en „klopfen", Imbiß aus in und bi^, empor 
aus en\t\-bor, Wimper aus mhd. wmiira, empfangen, empfehlen, 
cmpflnden (vgl. § 161), Himbeere aus hindbcr; in Personennamen 
wie Humboldt aus Hünbold, Lamprecht aus Lantberaht, Wolf- 
ram, Bertram, in denen -ram auf ahd. hrahan (nhd. Pabe) 



362 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

zurückgeht; in Ortsnamen wie Bmnberg aus Bahenherg, Hom- 
burg = Hohenburg, Naumhurg = Neuenburg usw. Wo der Zu- 
sammenhang mit den einfachen Wörtern deutlich empfunden 
wurde, ist die Assimilation meist nicht durchgedrungen oder 
wieder beseitigt, vgl. anbahnen, Inbrunst, Unbill usw. Wo 
jetzt m in einfachen Wörtern vor Dental steht, ist immer ein 
Vokal ausgefallen, vgl. Verbalformen wie kommst, Jcommt, 
nimmst, nimt\it, ziemt, lähmte, gelähmt, ferner samt aus mhd. 
samet, Samt neben Sammet, Zimt neben Zimmet, Grumt neben 
Grummet und das gleichbedeutende oberd. Öhmd aus ömet, ömät, 
Hemde aus mhd. liemede, fremd aus mhd. fremede, Hamster 
aus ahd. hamastro. Der Abstand zwischen dem labialen Nasal 
und dem Dental hat teilweise zur Assimilation geführt {er 
kunt, sant auhd. und mundartl.); verbreiteter ist die Zwisehen- 
schiebung eines labialen Verschlußlautes. Schreibungen wie 
himpt, sumpt, Hembd{e), fr€mbd{e) sind spätmhd. und anhd. 
häufig. Auch in der jetzigen Aussprache schiebt sich ein solcher 
Übergangslaut ein. So wird man z. B. zwischen er summt und 
er pumpt keinen Unterschied in bezug auf die Sehlußkonsonanten 
hören. Wenn für Amt früher Ampt geschrieben wurde, so kann 
das p direkte Fortsetzung des mhd. b in ambet sein, aber auch 
die wohl für das Md. (vgl. § 235) anzunehmende Entwicklung 
ambet, ammet, amt führte lautlich zu keinem andern Ergebnis. 
Über Assimilation von -ben zu bm und m s. § 245. Konso- 
nantisches m ist auf entsprechende Weise entstanden in Alm 
aus Alben (Nom. ursprünglich Albe) und in Walm (abgeschrägtes 
Giebeldach) aus Walhe, Walhen. 

Anm. 1. Belege für Thurn Parn. boic. 2, 8; Hink. Teufel 15. 16; Goe. 
8,26,12. 109,3. 119,12. 124,20.21.25.26. Br. 2, 275, 23, 25,63,3; für Schi, 
vgl. PBB. 28, 322 ; Gemmingen Nat. Lit. 135, 69, 5 ; Tieck, Genoveva 249, 9 n. ö. ; 
Hebel 216, 18. Thürner Goe. 8, 22, 21. 126, 26. Br. 2, 47, 17. 48, 15. 113, 17. 

Anm. 2. Kein lautlicher Übergang von n in m wird für langsam, 
seltsatn anzunehmen sein. Schon ahd. erscheint lancsam, aber in der Be- 
deutung „lange dauernd". Daneben lancseini in der jetzigen Bedeutung 
von langsam. Dies ist jedenfalls eine Zusammensetzung mit dem auch 
selbständig vorkommenden seini, mhd. seine „zögernd". Schwierigkeiten 
aber macht eine dritte Form lancseimi. Vielleicht ist dies ein von Hause 
aus verschiedenes Wort; wenigstens ist es nicht unbedenklich, darin eine 
Kontamination aus lancsam und lancseini zu sehen. Im Mhd. setzen sich 
lancscime und lancseine nebeneinander fort, deren Funktion dann von 
langsam übernommen wird. Seltsam geht zurück auf ahd. seltsctni, mhd. 



Nasale: m. 363 

s'eltscene, spätmhd. abgeschwächt zu seltsen (scltzen , sehen), das noch im 
10. Jahrh. häufig ist nnd sich in oberd. Mundarten fortsetzt, in der Schrift- 
sprache aber durch seltsam ersetzt worden ist mit Anlehnung an die 
sonstigen Bildungen auf -snm. 

§ 235. Geminiertes m kann schon urg-erm. sein infolge 
alter Assimilation in glimmen, Idimmen, schwimmen, Amme, 
Damm u. a. Es kann durch die westgerm. Konsonantengemination 
aus einfachem m entstanden sein, so in hemmen, stemmen (neben 
ungestüm). Weiterhin ist es durch x^ssimilation entstanden: 
aus mn in Stamm; alts. noch stamn; in Stimme, ahd. noch 
stimna, stemna, daneben schon stimiiia, stemma; in rerdmnmen, 
ühd. firdamnön aus lat. damnare, mhd. verdamnen und verdammen, 
verdamnen noch bei Lu. In vielen Wörtern ist mm in mhd. Zeit, 
zufrühest im Md. aus mh entstanden: diinim= mhd. tump, tumher, 
Hummel = mhd. humbel, Imme = mhd. imhe, Kamm, krumm, 
Lamm, schlimm, verstümmeln (ahd. stumh[a]lön) , Trommel 
(Weiterbildung zu mhd. trumbe), um = mhd. umbe, Wamme = 
mhd. tvambe, Zimmer = mhd. ^imber (b alsÜbergangslaut zwischen 
m und r entstanden, vgl. got. timrjan „zimmern"). Neben mhd. 
anibet findet sich spätmhd. ammet, worauf unser Amt wenigstens 
teilweise zurückgehen wird (vgl. § 234). Weiterhin ist mm vor 
Konsonant zu einfachem 7n geworden in Wams aus mhd. tvambais 
durch die Zwischenstufe tvammes. Wegen des vorhergehenden 
Diphthongen ist Vereinfachung eingetreten in Eimer ans ahd. 
einbar. Mhd. erscheint 77ib auch in der stumbe „der Stumme*", 
aber unursprttnglich (nach Analogie von der tumbe7), da das 
Ahd. 7)im hat. Soweit das b im Auslaut verhärtet war, ist 
keine Assimilation erfolgt, so daß also zunächst z. B. ein Wechsel 
zwischen Jcanip und kammes eintrat, der dann durch Ausgleichung 
beseitigt worden ist. In der Schreibung hat sich mb länger 
behauptet als in der Aussprache, namentlich im Auslaut (Clajus 
gibt an das Lamb, die Lemmer, desgl. Gueintz 32). Daher ist 
dann mh im Anhd. auch ohne etymologische Berechtigung ein- 
geführt, z. B. in nimh, fromb, namentlich in dem Suffix -tumh 
{reichtumb usw.). Auf nm geht mm zurück in Grummet aus 
mhd. gruonmät {mm zuerst spätmhd.) und in Zimmet, zunächst 
aus mhd. zinment entstanden, auf lat. cinamonum zurückgehend. 
Auf niv in Krammetsvogel, dessen erster Bestandteil = mhd. 
Tiran(e)ivit „Waehholder" ist (eigentl. „Kranichsholz"). In einer 



364 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

beträchtlichen Anzahl von Wörtern ist dann mm erst spät für 
einfaches m eingetreten, vgl. § 35. 



n. 

§ 236. Das Zeichen n muß, wie bemerkt, zur Bezeichnung 
zweier Laute dienen. Velares n ist auch jetzt der Sehreibung 
nach auf die Stellung vor g und Je beschränkt. Da aber ng 
in der Aussprache zu nn assimiliert ist (vgl. § 177), so steht 
es jetzt auch in Wirklichkeit in freier Stellung. Meistens geht 
das Velare n bis in die älteste Zeit zurück. Erst durch Assi- 
milation ist es entstanden in Menge aus mhd. menege. In 
Zusammensetzungen wie ungerade unterbleibt die Assimilation 
in der mustergültigen Aussprache, wenn sie auch wohl in 
der Umgangssprache nicht selten eintritt. Allgemein ist sie 
in verdunkelten Zusammensetzungen, vgl. das landschaftliche 
Wingert (= Weingarten) und Familiennamen wie Bangert, 
Bungert (= Baumgarten). 

§ 237. Dentales n ist auch bei weitem in den meisten 
Fällen ursprünglich, so namentlich im Anlaut, wo in manchen 
Fällen ein h vor dem n ausgefallen ist (vgl. I § 135), und 
zwischen Vokalen. Vor Dentalen kann es ursprünglich, aber 
auch erst aus m assimiliert sein, vgl. Schande zu schämen. 
Unterblieben ist die Assimilation in der Regel, wo m erst 
durch jüngeren Vokalausfall vor einen Denial getreten ist 
(vgl. § 234) oder durch Zusammensetzung {Umstand). Auch 
vor f ist m zu n geworden, nachdem dasselbe aus rein 
labialem zu dentilabialem Laute geworden war: fünf = got. 
fimf, ahd. f,mf neben f,nf, fünf, auch mhd. noch öfters fumf 
geschrieben; sanft = ahd. semfti, samfto, auch mhd. noch zu- 
weilen mit m geschrieben; kunft, ahd. kumft und hunft, auch 
mhd. noch zuweilen kumft zu komen\ Vernunft, ahd. -numft, 
selten -nunft, auch mhd. noch zuweilen -numft zu nehmen; 
Zunft, ahd. meist, mhd. zuweilen zumft zu ziemen. Aber heute 
ist wieder die Aussprache mit m verbreitet, wobei dann f rein 
labial gesprochen wird. Diese Aussprache findet sich auch da, 
wo n ursprünglich ist, in Hanf aus hanef und Senf aus senef 

§ 238. Geminiertes n kann urgerm. sein, durch alte Assi- 
milation entstanden (vgl. I § 33), so in Mann, Kinn, dünn, 



Nasale: n. 365 

rinnen, sinnen, geivinnen w. a.; es kann durch die westgerm. 
Konsonantengeraination entstanden sein, so in Henne, wohl 
auch in Tenne; durch Assimilation aus mn ist es entstanden 
in nennen; aus einfachem n infolge von Erhaltung der Vokal- 
kürze in Donner, Banner. 

Anm. Neben nennen steht ahd. nemnen und nemmet^ Letztere 
Form findet sich noch bis ins IB. Jahrh. in al. Quellen. Nach den in § 235 
angeführten Beispielen von Assimilation des mn zu mm werden wir an- 
nehmen, daß ncmmen die lautgesetzliche Form des Präs. ist, nnd daß nn 
vom Prät. und Part, ausgegangen ist unter dem Einfluß des folgenden t. 

§ 239. Im Auslaut ist wiederholt in verschiedenen Perioden 
m in n gewandelt. Schon gemeingerm. hat das im ursprünglichen 
Auslaut stehende m diesen Wandel durchgemacht, vgl. I § 37. 
Das so entstandene n ist ebenfalls schon gemeingerm. abgefallen 
außer, wo es durch eine angehängte Partikel geschützt war, 
im A. Sg. M. der Pronomina, wo es noch heute besteht, vgl. 
ihn (got. ina), den, wen, wonach sich dann auch die Adjektiva 
gerichtet haben {blinden). Durch Vokalabfall ist dann ni 
wieder vielfach in den Auslaut getreten. Schon während der 
ahd. Zeit ist dies m, soweit es flexivisch ist, zu n gewandelt: 
im D. PL: ahd. tagum, tagiin = nhd. Tagen; in der 1. PL der 
Verba: ahd. tvir gdbum, gaJnm = x\]idi. gaben; in der 1. Sg. 
Ind. Präs. der athematischen Verba: ahd. bim, bin = nhd. bin. 
Während der mhd. Zeit hat sich auch staramhaftes m in der 
Ableitungssilbe -em in n gewandelt. Hier standen aber Formen 
mit Flexionsendungen daneben, in denen das m erhalten bleiben 
mußte. Auch wurde das ni wohl im Satzzusammenhang vor 
folgendem Labial geschützt. So ergab sich ein Schwanken 
zwischen m und 7i, und schließlich setzte sich das eine oder 
das andere in der Schriftsprache fest. So ist n aus m ent- 
standen in Boden, Busen, Faden, Schwaden, in dem land- 
schaftlichen Gaden (Zimmer, Häuschen), sogar in Besen aus 
ursprünglich schwach flektiertem besem{e). Dagegen hat sich 
nach längerem Schwanken w behauptet in Atem, Odem (doch 
bis in neuere Zeit auch häufig Oden)., Brodem (doch auch 
Brüden), Eidam. 

Anm. 1. Boden ist seit dem 15. Jahrh. belegt, i\iT BocUm bringt das 
DWb. noch Belege ans dem 16. Jahrh., es reicht aber noch weiter, vgl. 
Lohenst., Arm. t9b; Schi. 2, 258, 8 Var. (Theaterbearbeituug der Räuber); 
vgl. auch den Eigennamen Bodmer und Bodmerei. Neben buosem findet 



366 IIj 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

sich schon mhd. buosen; m ist im 16. Jahrh. noch hänfig, Lu. hat Formen 
mit m und mit «; vgl. aus späterer Zeit noch Busemrather Bode, 
Klinkers R. 3,169, Busemliebling ib. 341. Neben vadem findet sich seit 
dem 14. Jabrh. vadett; Fadem erscheint noch im 16. Jahrb., auch bei Ln. 
neben Faden; noch Gueintz, Orth. 58 verzeichnet Fadem; einfädmen reicht 
bis ins 17. Jahrb., einfädeln schließt sich Siü Fädlein {iii Älteres Fädemlein. 
Schivadem erscheint noch bis ins 16. Jahrh. Gadem und Gaden stehen im 
15. 16. Jahrh. nebeneinander. Lu. hat noch besem, das sich auch noch bei 
Grypliius findet, daneben schon im Ifi. Jahrh. besen. Länger als sonstiges 
Besem behauptet sich die aus der Bibel stammende Wendung mit Besemen 
gekehret, die noch von Goe. und selbst von Mörike (Sa.) verwendet wird; 
Goe. sagt danach auch auf Besmen geritten (Sa.). — Athen belegt Sa. 
aus Eabener (vgl. Sat. 1,185) und Miihlbach, vgl. noch Le. 10, 24,17; 
Oden wird im DWb. noch belegt ans Lichtwer, Le., Goe., Matthisson, bei 
Sa. noch aus Pfizer und Rüge. Broden ist bei Goe. gewöhnlich, vgl. auch 
brodenvoller Freiligrath. Einige Belege für Eiden bei Lexer und Sa. 

Anm. 2. Im Mhd., namentlich in alemannischen Texten findet sich 
auch öfters n für m im Auslaut betonter Silben, z. B. kan für kam, nan 
für nam, daher auch Reime wie kam: man. Über Formen wie knnt für 
kumt vgl. § 234. 

Anm. 3. Das im Spätmhd. auftretende lobesan für lobesam belegt 
das DWb. aus Canitz, Goe., Bürger, Uhland; es steht auch bei Schi. 1, 303, 8. 

Anm. 4. Auch für das m des Dat. Sg. ist n bei Schriftstellern des 
17. Jahrh. und der ersten Hälfte des 18. nicht selten. So bei Chr. Weise, 
vgl. z. B. bei dem Junker Mach. 90,30; mit großen Dank ib. 91,26; einen 
jedweden 91,31; von grünen Tuche 92,7; in einen schwarzen Kleide ib. 
Chr. Reuter hat hänfig den für dem. Aus der InseJ Felsenburg vgl. z. B. 
bey diesen (Sg.) Patienten Vorr. 7, 4; mit welchen ib. 13; in meinen er- 
griffenen studio 2, 35; nach meinen gehaltenen Kirchgange 7, 10; nach 
meinen wetiigen Vermögen 9, 21. 

§ 240. Durch DisBimilation aus l entstanden ist n in 
Knäuel aus mbd. hliuivel, Knoblauch aus mhd. Mohelouch zu 
Tdohe, nhd. Kloben „gespaltenes Holz". Wahrscheinlich ist 
auch Knüppel auf mhd. hlüppel (oberd. klüpfel)- zurückzuführen. 
Neben Frevel steht freventlich (mit sekundärem t). 

Anm. Formen mit n gehen bei Knäuel bis ins 14. Jahrh. zurück, 
solche mit l reichen bei Schriftstellern bis ins 17. Jahrh. und sind noch 
mundartlich. Noch weiter ins Mhd. reicht knobelouch zurück, doch er- 
scheint Kloblauch noch im Anfang des 18. Jahrh. bei Amaranthes. Die 
Ableitung des erst im 15. Jahrh. auftretenden Kniipi)el aus Knopf ist 
kaum befriedigend. Klüppel = Knüppel findet sich noch bei Goe. Man 
könnte für die Entstehung der Form Knüppel auch an Kontamination aus 
Klüpfel und Knüttel denken. Schweiz, ist allerdings auch freven als Adj. 
und Subst. für mhd. frävel{e) , seit dem 16. Jahrh. belegt, aber frevenlich 
reicht weiter zurück ins Spätmhd., und so könnte freven erst daraus ab- 



Nasale: n. 367 

geleitet sein. Im Mhd. (Md.) erscheint endende für eilende. Bei Wi., 
Araspes 'S4 steht unt adenliche. 

§ 241. Eingeschoben ist n in sonst = mhd. sus. Un- 
ursprünglich muß auch das n in schmunzeln, veraltet schmunzen 
sein, gegenüber früher verbreitetem und noch bair. sdmmtzen, 
schnmtzeln. Neben nacJcet, nackt steht seit dem 13. Jahrh. bis 
in die neueste Zeit die Nebenform nachent, nackend. Ferner 
taucht seit dem 14. Jahrb., zuerst im Md. genimg für genug 
(mhd. genuoc) auf, das sich auch über das ganze fränkische 
Gebiet verbreitet, Nürnberg eingeschlossen, und sich noch fast 
bei allen hervorragenden Schriftstellern des 18. Jahrh. findet, 
in der Poesie auch noch später, mundartlich jetzt in Nord- 
und Mitteldeutschland. Die Annahme, daß in schmunzeln und 
gemmg der Nasal durch den Einfluß des vorhergehenden Nasals 
entstanden sei, befriedigt nicht recht. Noch weniger kann 
wohl nacJiend das sekundäre n dem Anfangs -w verdanken. 
Eher könnte man vielleicht daran denken, daß es zunächst in 
den flektierten Formen nackeden, nackedem unter dem Einfluß 
des Endnasals entstanden wäre. Aus dem Einfluß des Anfangs- 
nasals hat man auch das n in mm für älteres mi erklären 
wollen. Ich halte es für viel wahrscheinlicher, daß darin die 
mhd. Negation -en steckt. Indem die Negation noch einmal 
durch nicht oder nie usw. ausgedrückt wurde, konnte das 
Gefühl dafür, daß nun negativen Sinn hatte, verdunkelt werden 
und Übertragung in positive Sätze stattfinden. Die Form nun 
reicht bis ins Spätmhd. zurück und ist im 17. Jahrh. die 
Normalform der Schriftsprache geworden, während sich in der 
Volkssprache nu wohl überall erhalten hat und auch bei 
Schriftstellern erscheint, wo volkstümliche Rede wiedergegeben 
werden soll (vgl. die Belege bei Sa.). Bei Substantivierung ist 
Nu das Herrschende geblieben, Nun nur hie und da au- 
gewendet. 

Wo sonst sekundäres n auftaucht, ist wohl sicher nicht 
an eine lautliche Entstehung zu denken. Schwierigkeiten 
macht allerdings Leichnam, zufrühest in der Wiener Hs. von 
Notkers Psalmen als lichinamo, Uchenamo, mhd. Uchname für 
ahd. lihhamo (Zus., eigentlich „Körperhülle"), mhd. licham(e), 
das noch bis ins 16. Jahrh. fortdauert. Die Annahme, daß 
lichinamo auf älteres *llchmhamo zurückgehe, worin ein sonst 



368 II, 10. Dia einzelnen Sonorlaute. 

für die ältere Zeit unbelegbarer schwacher Gen. von lieh 
stecken soll, ist sehr bedenklich. Da ließe sich eine volks- 
etymologische Anlehnung an nmno „Name" wohl noch eher 
verteidigen. Leintvand geht nicht zurück auf mhd. Unwät, 
sondern auf mnd. linivant, dessen zweiter Teil = hochd. gewand 
ist. Die Form Lemwat ist im 16. Jahrh. noch die herrschende; 
Lu. schreibt linwad, selten linivand. Leintvand setzt sich im 

17. Jahrh. in der Schriftsprache fest. Die Formen der bair. 
Mundarten gehen auf Unwät zurück. Auf mhd. erötigen geht 
ereignen zurück (vgl. § 89). Die Formen eräugen, ereigen 
finden sich noch bis in das 18. Jahrh.; eräugnen, ereignen tauchen 
um 1600 auf. Zur Erklärung wird darauf hinzuweisen sein, 
daß für leugnen, rechnen im Mhd. die regelrecht entwickelten 
Formen loiigen, rechen (aus lougen{e)n, rechen(e)n) sind, wonach 
dann in ereigen das n auch als zum Verbalstamm gehörig auf- 
gefaßt werden konnte. In albern für älteres alber (vgl. §§ 112. 
148) stammt das ?i aus den obliquen Kasus ; albern ist erst im 

18. Jahrh. aufgekommen, alber erscheint noch bei Le., Älber- 
heit bei Herder (23, 152). Ähnlich verhält es sich mit einzeln, 
doch bildet den Ausgang wohl adverbiales einzel{e)n, eine Form, 
die schon bei Lu. vorkommt, auch als flexionsloses Adj. Flek- 
tiertes einzeln dagegen wird vor dem 18. Jahrh. nicht vor- 
kommen, einzel erhält sich daneben noch bis in die neuere 
Zeit, ist allgemein geblieben in Zuss. wie Einzelhaft, gewöhnlich 
auch in Einzelheit und liegt dem Verb, vereinzeln zugrunde. 
Nhd. sondern, schon mhd. sundern in md. Quellen, welches das 
mhd. sunder als Konjunktion verdrängt hat, ist jedenfalls als 
ein Kasus des Adj. sunder (nhd. besonder-) zu fassen. 

Anm. Die Form sunst reicht bis ins 14. Jahrh. zurück und tritt 
zuerst in Oberdeutschland auf. Der Hinweis auf das sonst vor s im AI. 
der spätmhd. Zeit auftretende n (z. B. meinst, meinster) erklärt noch nicht 
die größere Verbreitung in sojist, welche Form Lu. gebraucht. Formen 
ohne n wie sus, sust, süs, süst leben noch in Mundarten fort, namentlich 
im Nd. — Für genung vgl. außer den reichlichen Belegen im DWb. lg«/? 
Eyb in dem in der Ausgabe des Ehebuchs abgedruckten Gutachten 
ILIII, 34. ILIV, 12 usw.; H. Sachs Fastu.28, 215 u. ö.; Chr. Weise, Mas. 53; 
Elisabeth Charl. 1, 21; Hermes, Soph. R. 4, 525; Wi., Amadis ^2, 8 (später 
geändert). Selten erscheint auch Genung für Genüge und genungen für 
genügen (DWb. 1 g y). — Der Mundart gemäß wird noch im Parn. boic. 
Leinwath geschrieben, vgl. 1, 43'i, 7. 8. — Für einzel bringt das DWb. viele 
Beispiele aus Le. und Rückert, Sa. noch solche aus Wi., A.W. Schlegel, 



Nasale: n. Ausstoßung. 369 

W.Alexis, A. Meißner; vgl. auch Lenau 2,497,48 {im einzlen), 498, S4 
(die einzle), Griüparzer 6, 76 {ein einzier Fall). Einzelnheit ist bei Goe. 
nicht selten ; vereinzelnen wird im DWb. aus Heilmann , Kant und Goe. 
belegt. — Neben dem aus dem Nd. in die Schriftsprache gedrungenen 
■schuddern steht vom 16. bis in den Anfang des 18. Jahrh. schüchter (auch 
bei Lu.). Hier scheint aber die Form mit u. die ursprüngliche zu sein. 
Der Anstoß ist dann auch von den obliquen Kasus ausgegangen, indem 
z. B. den schüchtern , aus schüchternen zusammengezogen , als zu einem 
Nom. schüchter gehörig gefaßt werden konnte. Sicher auf entsprechende 
Weise zu erklären ist die mhd. und anhd. Form niiehfer, nüchter neben 
nüehtern, nüchtern (luiohtarnln bei Notker). Anhd. erscheint auch siWer 
statt Silbern (vgl. DWb. fi. 7), auch bei Riickert: ihr goldnen, silbren 
Ordenszeichen. 



Nasalausstoßimg. 

§ 24:2. Ausstoßung eines Nasals hat zu verschiedenen 
Zeiten stattgefunden. Schon urgerni. ist der Abfall eines Nasals 
im ursprünglichen Auslaut, vgl. I § 37. Allen germanischen 
Dialekten gemein ist auch der Ausfall des Nasals vor h mit 
Ersatzdehnuug des vorhergehenden Vokals, vgl. I § 34. Ein 
solcher liegt vor in Acht = mhd. dhte (Verfolgung), ^ähe, ge- 
deihen = mhd. dihen; in Wechsel mit Formen, die den Nasal 
bewahrt haben, in dachte = mhd. dälde, brachte = mhd. hrähte, 
deuchte = mhd. diuhte, mhd.-auhd. falten (fangen), wozu fäJtif/ 
und hähen (hängen). Die im Alts, erfolgte Ausstoßung eines 
Nasals vor f und p (vgl. I § 90) hat in der Schriftsprache 
Spuren hinterlassen in sacht aus alts. säfto (vgl. § 189), das 
seit dem 16. Jahrh. in hochdeutschen Texten erscheint, und in 
Südien) = alte. siWi, wozu die hoehd. Form noch in Sundgau 
erhalten ist. Dagegen können die weitverbreiteten mundart- 
lichen Formen fufzclm., f'<ß^9 {fuchzehn, fuclizig) schw^erlich 
hier untergebracht werden, da sie auch oberd. sind; bei fufzehn 
könnte man au Dissimilation denken, aber einer solchen Er- 
klärung fügt sich fiifzig nicht. Scheinl-arer Abfall eines an- 
lautenden 11 liegt vor in Otter als Schlaugenbezeichnung ^= 
Natter, mhd. näter. Otter erscheint zuerst bei Lu., bair. gleich- 
zeitig dafür Ätter. Der Verlust des n beruht auf falscher Ab- 
teilung in Verbindungen wie ein näter. In der früher in der 
Literatur gebräuchlicheren, jetzt auf die Umgangssprache be- 
schränkten Nebenform Schorstein zu Schornstein liegt nicht 

Paul, Deutsche Grammatik, Bd. 1. 24 



d70 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

Ausfall des ti vor, sondern es liegen alte Doppelformeu zu- 
grunde. 

Anm. In den Mtindirten spielt irrtiimliclie Abteilung auch sonst 
eine Rolle. So erklärt sich das rheinische Ache für Nachen. Umgekehrt 
ist aus demselben Grunde ein n angetreten in oberd. Nast für Ast. Häufig 
ist ein so zu erklärender Antritt oder Abfall eines Konsonanten in Orts- 
namen. 

§ 243. Anderer Art als in den bisher besprochenen Fällen 
ist die Ausstoßung eines Nasals im Wortinnern, die infolge 
der Unbetontheit eingetreten ist, wahrscheinlich nur in der 
schwächsten Silbe eines mehr als zweisilbigen Sprechtaktes. 
Meistens ist die Ausstoßung nur dann durchgeführt, wenn 
außerdem die Silbe mit einem Nasal anlautete, so daß also 
Dissimilation vorliegt. Doch ist die Ausstoßung nicht aus- 
schließlich an diese Bedingung gebunden. Als frühestes Beispiel 
könnte man Honig betrachten, indem schon im Ahd. honag 
und honang nebeneinander stehen. Doch ist es zweifelhaft, ob 
nicht vielmehr Doppelbildung schon für das Urgerm. ange- 
nommen werden muß, vgl. ags. liums neben anord. hunang. 
Hiervon abgesehen, ist die Ausstoßung am frühesten in König 
durchgeführt aus ahd. kuning. Sie reicht bis in das Spätahd. 
zurück, im Mhd. herrscht künec, nur in einigen md. Quellen 
erscheint noch Imninc, honinc wie im Nd. Dagegen hat sieh 
Ffennig erst spätmhd. neben Pfenning gestellt, und letzteres 
hat sich wenigstens in der Sehreibung bis in die neueste Zeit, 
in Süddeutschland bis jetzt neben Ffemiig behauptet. Die 
Ausstoßung findet sich ferner in Familiennamen wie Hennig, 
Lünig, Brünig neben Henning, Liining, Brüning. Der Einfluß 
des Nasals zeigt sich besonders deutlich, wenn man Ortsnamen 
wie die benachbarten Wernigerode und Elbingerode miteinander 
vergleicht. Doch fehlt es nicht ganz au sonstigen Ausstoßungen, 
z. B. Hartig, Tausig neben Harting, Taiising. Die Ortsnamen 
auf -ingheim, haben eine doppelte Behandlung erfahren: -ingheim 
ist entweder mit Schwächung von -heim zu -ingen geworden, 
vgl. Gemmingen, Illingen, Sickingen; oder es ist bei Erhaltung 
des vollen -heim der Nasal von -ing- ausgestoßen, vgl. Biedig- 
heim aus ahd. Budmcheim, Edigheim aus ahd. Otincheim. Wie 
diese Beispiele zeigen, ist dabei vorhergehender Nasal nicht 
maßgebend gewesen. Ohne einen solchen ist auch die Aus- 



Nasalausstoßuüg. 371 

stoßung- erfolgt in verteidigen, Ableitung aus mhd. anhd. tagedinc, 
teidinc; im 16. Jahrli. stehen Formen auf -ingcn und -igen 
nebeneinander. Vor Dental ist Ausfall gewöhnlich in dem 
mhd. Part, senede, doch erseheinen auch, v/enngleich seltener 
ohne vorhergehenden Nasal Formen wie heldc, spüde zu heln, 
S2)iln. Nhd. ist verleumden aus mhd. verliitm{e)den neben 
Leumund; im Mhd. erscheint daneben noch verliumunden, ver- 
liumenden, während anderseits neben liumunt, liiimcnt auch 
Formen ohne n wie Iktmut, liuuiet, liumt u. a. vorkommen, die 
sich auch noch ins Anhd. fortsetzen. Ohne vorhergehenden 
Nasal ist n ausgefallen \üPfalz\ im Mhd. überwiegt noch die 
Form pfalenz{e)^ die auch noch im IG. Jahrh. vorkommt; da 
aber, so viel ich sehe, keine Zwischenform *pfaleze nach- 
zuweisen ist, dagegen pfalnze, so haben wir wohl vielmehr 
Assimilation des n an l anzunehmen. Vor sekundärem t (vgl. 
§ 206) ist n geschwunden in meinehvegen, deinetwegen usw., 
meinethalben usw., um meinettoillen usw. Die Ausstoßung 
reicht bis ins 16. Jahrh. zurück. Formen mit n finden sich aber 
daneben bis ins 18. Jahrb., z. B. bei Kl., Le., Wi.. Schi. Daß 
Formen wie unsertiaegen, euerttvegen, ihreiivegen erst solchen 
mit Nasal wie meinetwegen nachgebildet seien, dafür gibt die 
Überlieferung keinen Anhalt, da auch die erstereu bis ins 
16. Jahrh. zurückreichen; doch mögen die letzteren die all- 
gemeine Durchsetzung der Ausstoßung begünstigt haben. 
Wirkung eines vorausgehenden Nasals zeigt sich deutlich in 
Ortsnamen, Genitivisches n ist ausgefallen in Henneherg aus 
Hennenberg, dativisches in Grüneberg, Grunewald, Schöneberg, 
Schönebach, Schönebeck gegen Schwarzenberg, Langenbeck usw. 
Mhd. ist /ia^ieÄ'mif (Krähen des Hahnes), hanevuo^ neben hanenvuo^. 
Neben Schweinebraten steht im 16. Jahrh. noch schw einenbraten, 
das nicht wohl anders als aus mhd. swinin brate abgeleitet 
werden kann. Ebenso wird Leineweber aus Leinenweber ent- 
standen sein. Auch spinnefeind und Spinneivebe gehen auf älteres 
spinnenfeind und Spiyinenive.'ppe zurück. Ohne Einwirkung 
eines Nasals in der gleichen Silbe ist n ausgefallen in nebst 
aus dem noch im 17. Jahrh. gewöhnlichen nebenst durch die 
Zwischenstufe nebest', der anlautende Nasal hat wohl kaum 
dabei mitgewirkt. Für siebenzehn, siebenzig wird gewöhnlich 
siebzehn, siebzig gesprochen und auch nicht selten geschrieben. 

2 4* 



372 II, 10. Die einzelnen Sonorlaute. 

Nicht so verbreitet, doch in Süddeutschland herrschend ist 
siebte für siebente; das Gleiche gilt von siebtel = Siebentel. 
Bädeisführer geht zurück auf Bädleins führ er, indem sich für 
-lein das mundartliche -le, l eingestellt hat. 

Anm. 1. Vgl. Edw. Schröder, Zs. fdA. 37, 124. Zarncke, PBB. 10, 
397 Aum. 

Anm. 2. Anhd. und mundartlich findet sich Ausfall des Nasals noch 
in manchen anderen Fällen, z. B. in Datzet für Dutzend. 

§ 244. Kein lautlicher Ausfall des Nasals liegt vor in 
Pilger. Mhd. pilgertn ist zu pilgeren, pilgern abgeschwächt, 
und dann ist n als Kasussuffix gefaßt. Der Ausfall hat also 
einen ähnlichen Grund wie der Antritt des n in albern. 



Sonorlaute als Sonauten. 

§ 245. Wie wir in § 111 gesehen haben, ist nach der 
verbreiteten Aussprache e in den unbetonten -el, -er, -em, -en 
verstummt und infolge davon l, r, m, n sonantisch geworden. 
Besonders deutlich ist das Fehlen eines Vokals, wenn man 
z. B. reiten, schneiden spricht, da zwischen dem Verschlußlaut 
und dem Nasal der Mundverschluß nicht aufgehoben wird; t 
und d werden dabei nur unvollkommen gebildet. Aber auch 
in Fällen wie Adel, Sattel kann man leicht merken, daß die 
Artikulation beim Übergang vom Verschlußlaut nur soweit 
geändert wird, als es zur Bildung des l nötig ist. Eine stärkere 
Veränderung der Artikulation ist erforderlich bei der Aus- 
sprache von Begel, Äcker, wackeln:, aber auch hier geschieht 
der Übergang vom Verschlußlaut zum Sonorlaut auf dem 
kürzesten Wege. Nach den Labialen p und b assimiliert sich 
der Nasal. Mau spricht also z. B. Bippm, habm für Bippen, 
luiben; wo das b tönend gesprochen wird, hebt es sich besonders 
wenig von dem m ab und verstummt vielfach ganz. Desgl. 
assimiliert sich nach den Velaren k und g -en zu ü, so daß 
also Hakü, Wagn für Haken, Wagen gesprochen wird, wobei 
wieder g auch oft ganz verstummt. In singen hört man selbst- 
verständlich nur Velaren Nasal, 



Sonorlaute als Sonanten. 373 

Kap. 11. Kojtsoiiiintcu Wechsel. 

§ 24G. In einigen Fällen besteht ein Wechsel des Lautes 
ohne entsprechenden Wechsel der Schreibung, Die sekundäre 
Spaltung des ch (s. § 185) hat keinen graphischen Ausdruck 
gefunden, vgl. Bach- — Bäche, sprach — spräche usw. Durch 
Ausdehnung des Analogieprinzipes ist die Doppelschreibung 
der Konsonanten auch im Silbenauslaut eingeführt, wo sie 
keine lautliche Berechtigung hat {kann, brannte). Die Ver- 
härtung der weichen Konsonanten im Silbenauslaut findet 
keinen schriftlichen Ausdruck (Tages — Tag usw.), wobei 
freilich in Betracht kommt, daß der Unterschied nicht auf dem 
ganzen Gebiete gemacht wird. 

§ 247. Eine beträchtliche Rolle spielt der Wechsel zwischen 
einfachem und geminiertem Laute. Dieser Wechsel hat ver- 
schiedene Ursachen, die in sehr verschiedenen Perioden gewirkt 
haben. 

1. Die Gemination ist erst beim Übergang zum Nhd. ein- 
getreten bei Unterbleiben der Vokaldehnung. Dabei sind 
zwei Fälle zu unterscheiden. Entweder wechselt schon vorher 
in der Wurzelsilbe lauger Vokal oder Diphthong mit kurzem 
Vokal, und es konnte dann nur hinter letzterem Gemination 
eintreten, vgl. gleiten (mhä. yliten) — glitt, geglitten; reiten — 
ritt, geritten; schreiten — schritt, geschritten, Schritt; bieten — 
Büttel; {aiis)reiiten — ausrotten; nahmen -^genommen; hamen — 
liommen. Oder der ursprüngliche kurze Vokal wurde teils 
gedehnt, teils nicht, vgl. nehmen — nimm, genommen; trete — 
tritt, Tritt. Im letzteren Falle hat das Nhd. bei weitem in 
den meisten Wörtern Ausgleichung eintreten lassen. Vgl. § 86. 

2. Ursprünglich geminierter Laut ist (schon im Ahd.) 
nach langem Vokal oder Diphthong vereinfacht: fallen — 
fiel, erschreche.n — erschrah. Hauptsächlich kommen hier in 
Betracht die durch die hochdeutsche Lautverschiebung aus 
uvgerm. Tennis entstandenen harten Reibelaute (s. I § 119). 
Vgl. schaffen, geschaffen — schuf; treffen, getroffen — traf; 
saufen — soff, gesoffen; essen — aß; messen — maß. Maß; 
vergessen — vergaß; gesessen — saß; beißen — hissen, gebissen, 
Biss{en); reißen — gerissen. Bisse; gießen — gegossen, Güsse; 



374 II, 1]. Konsonantenwechsel. 

verdrießen — verdrossen, Verdrusses \ schießen — geschossen, 
Schüsse. Bei ch (vgl. kriechen — gekrochen) findet die Ver- 
einfachuug- keinen graphischen Ausdruck. 

3. Der Wechsel ist Folge der westgermanischen Kon- 
sonantengemination (s. I §87,4). Hierher gehört Hahn — 
Henne (aus *hanjö), Saal — Geselle (der mit einem den Saal 
gemein hat). In den meisten Fällen reflektiert sich der west- 
germ. Wechsel zwischen einfachem und doppeltem Konsonanten 
im Hochd. in einer lautlichen Differenz, welche die Folge der 
Lautverschiebung ist. Für 2^ — PP ist f{f) — pf eingetreten: 
zu schuf, geschaffen gehört ursprünglich schöpfen (got. skapjan) 
als Präs.; wahrscheinlich gehört hierher triefen — Tropfen. 
Für h — kk ist ch — ck eingetreten: Dach — decken (goi.pakjan); 
wachen — ivecken, ivacker\ Loch — Lücke\ wahrscheinlich 
gehört auch hierher brechen — Brocken. Für t — tt ist ss 
iß) — t{2;) eingetreten: essen — ätzen\ saß, gesessen — sitzen, 
setzen; vergessen — ergötzen (eigentlich „vergessen machen"); 
reißen — reizen ; heißen — heizen ; naß — (be)netzen ; laß — 
{vernetzen; heiß — heizen; messen — Hetze; tvissen — Witz. 
Für 1) — hh ist h — pp eingetreten: Knabe — Knappe, Rabe — 
Rappe; schaben — Schuppe (mhd. schuope, vgl. § 42). Für g — 
gg ist g — ck eingetreten: Hag — Hecke. 

Aum. Bei den Verben, die im Got. im Inf. auf -jan ausgehen, 
mußte Gemination im Präs. eintreten außer in der 2. Sg. Imp. und in der 
2. 3. Sg. Ind , die zur Zeit, wo die Gemination bewirkt wurde, kein j ent- 
hielten. So flektiert z. B. unser jetziges Verb zählen im Ahd. ursprünglich 
so: zellu, zelis, zelit, zellemes usw., Imp. zeli , zelld. Im Priit. und Part. 
Perf. war keine Veranlassung zur Gemination. Nach langem Vokal oder 
Diphthong, sowie nach unmittelbar vorhergehendem Konsonanten schwand 
die Gemination wieder während der ahd. Zeit, aber, soweit bei der hochd. 
Lautverschiebung die Geminata anders behandelt war als der einfache 
Laut, blieb auch hier ein Wechsel bestehen. Auf die Dauer konnte sich 
der Wechsel zwischen einfachem und geminiertem Laut oder deren hoch- 
deutschen Fortsetzungen nicht behaupten. Es trat früher oder später 
Ausgleichung ein, bei den meisten Verben nach beiden Seiten hin, so daß 
zunächst eine durchgängige Doppelformigkeit entstand. Auch diese ist 
dann später gev/öhnlich durch Ausstoßung der einen Form beseitigt, 
wobei die Mundarten verschieden verfahren sind. Derjenigen von den 
beiden Formen, die in der Schriftsprache zur Herrschaft gelangt ist, steht 
daher in der Regel noch die andere in gewissen Mundarten gegenüber. 
Der einfache Laut ist verallgemeinert bei den Stämmen auf l und ti, vgl. 
schälen, wählen, zählen; dehnen, sehnen, gewöhnen. Verschieden behandelt 



Gemiuatiou. 375 

sind die anf m, vgl. lähmen, zähmen — hemmen (a.üoTd. hemjn), stemmen. 
Der Wechsel von g und kk (k) ist zugunsten von g ausgeglichen; vgl. 
liegen (schweiz. ligs und liks), legen (Schweiz, leg? und leka), regen, be- 
rcegen; beugen, neigen, drängen, sengen usw. Ebenso der von b und 2>P 
zugunsten von b, vgl. stäuben, glauben, erlauben. Der Wechsel von h 
und hh (ch) ist zugunsten des letzteren beseitigt schon sehr früh in lachen 
(got. hhihjan), ferner in seichen; dagegen zugiuisten des ersteren iu scheuen 
(mhd. schiiihen) , während scheuchen erst auf jüngerer Entwicklung beruht 
(s. § ISit)- Ini Kampf zwischen t und tt (westgerm. tZ — cid) hat tt den 
Sieg davongetragen ia bitten, retten, schütten, uahd. zetten (zerstreuen), 
woraus nhd. verzetteln. Wo urgcrm. Tennis zugrunde lag, ist nach kurzem 
Vokal schon seit der frühesten ahd. Zeit die Vertretung der Gemiuata ver- 
allgemeinert, vgl. schöpfen; decken, recken, ivecken; sitzen, setzen, ätzen, 
hetzen, (vcr)letzen, netzen, ivetzen; Bildungen wie krächzen, die gotischen 
auf -ntjan entsprechen. Anders nach langem Vokal oder Diphthong. 
Hier entstanden Doppelformen, wie noch die lebenden Mundarten zeigen. 
Bei den Dentalen hat die Schriftsprache teils z, teils ß (mhd. z,) bevor- 
zugt, vgl. beizen, heizen, reizen, spreizen — büßen, grüßen, (evt)ljlößen, 
schleißen, schweißen. Die ursprüngliche Doppelformigkeit ergibt sich aus 
den Reimen der mhd. Dichter, aus den spätmhd. und anhd. Schreibungen 
{ss — tz) und aus den heutigen Mundarten. Längere Zeit, auch in der 
Literatur hat sich spreißen neben spreizen erhalten , vgl. spreißete 
EobuisOn S4; spreißt (-.reißt) Schi. 1, 234, '>; spreißt (-.weißt) Anthologie 
Nr. 83, 38. 4U. DiÖerenzierung ist eingetreten zwischen flözen „durch ein 
Floß fortschaffen" und (ein)ßößen. Bei den Labialen und Velaren hat in 
der Schriftsprache durchgängig die Fortsetzung des einfachen Lautes 
(/■ ch) gesiegt, während die Fortsetzung des geminierten (pf, k) nur noch 
innndartlieh vorhanden ist, vgl. raufen, schleifen, schweifen, träufen-, 
bleichen, rauchen, reichen, suchen, (er)weichen. Nur das eigentl. nd.-md. 
schleppen (= oberd. schlcipfen) macht eine Ausnahme (s. § 140, .). 

Auch die männlichen und neutralen -jo- Stämme mit langem Wurzel- 
vokal hatten ursprünglich Wechsel zwischen einfachem Vokal (im Nom. 
Akk. Sg. und D. PI.) und Geminata (in den übrigen Formen). Für die 
jetzige Schriftsprache kommt von Substantiven nur noch Weizen in Be- 
tracht = ahd. hu-eizi, woneben Weißen mundartlich weit verbreitet ist. 
Landschaftlich ist das Adj. räß — räz „scharf". Für unser süß müssen 
wir gleichfalls das einstige Vorhandensein von Doppelformeu voraus- 
setzen: ahd. suo^'t — suozi; die letztere aber war spätestens im 14. Jahrh. 
schon untergegangen, da keine Schreibung mit tz nachzuweisen ist. 

4. Die Gemination kann schon iirgerm. sein infolge 
einer Assimilation (s. I § 33). Der ursprüngliche Wechsel 
zwischen einfachem und gemiuiertem Konsonanten hat dann 
ebenfalls verschiedene Behandlung bei der hochdeutschen 
Lautverschiebung zAir Folge gehabt. Vgl. raufen — rtqyfen; 
schliefen — schlüpfen ; Staffel, Stv.fc — (Fuß-)stapfcn ; stechen — 



376 II, 11. Konsonantenwechsel. 

stecJcen; genießen — nutzen; reißen — riteen; schleißen — 
schlitzen ; Kloß — Klotz ; Feder — Fittig (urgerm. Wechsel 
zwischen /> und pj), vgl. § 203). Geminierte Media war schon 
im Urgerm. zur Tennis verschoben (vgl. I § 33); daher Wechsel 
zwischen b und pf: schieben — oberd, schupfen (md. schuppen, 
s. § 140, 2), schnauben — Schnupfen; zwischen g und cJc: 
biegen — buchen, neigen — nicken, schmiegen — schinUcken; mit 
Vereinfachung des kk nach Konsonant: hangen — henken 
{Henker); {iv)ringen — Hank, renken, Hanke; schlingen — 
schlank; zwischen t und fz: Schnitt (mhd. snit, snites) — 
schnitzen. Der Wechsel zwischen g und gg in fliegen — flügge 
beruht auf Angleichung, flügge ist = ahd. fltichi (vgl. § 178). 
Nicht für alle Fälle ist mit voller Sicherheit zu entscheiden, 
ob urgerm. oder westgerm. Gemination vorliegt. 

§ 248. Gemeingerm, ist der Wechsel zwischen h (im 
Innern der Wörter im Silbenanlaut) und ch (nach dem Souanten 
der Silbe). Im Mhd. ist derselbe noch vollständig lebendig. 
In der jetzigen Schriftsprache, in der das h nur noch in der 
Schreibung erhalten, in der Aussprache verstummt ist (vgl. 
§ 194), besteht der Wechsel noch zwischen verwandten Wörtern: 
selten — Sicht, Gesicht; geschehen — Geschichte; fliehen — Flucld; 
ziehen — Zucht; schmähen — Schmach (verkürzt aus mhd. 
smähe); selbstverständlich da, wo das Bewußtsein für den 
Zusammenhang geschwunden ist, vgl. gedeihen — dicJd, seihen — 
seicht. Dagegen innerhalb der Flexion, auch zwischen Positiv, 
Kompar. und Snperl. des Adj. ist der Wechsel zugunsten des 
h ausgeglichen bis auf wenige Keste: hoch — hoher, höher — 
höchste; nahe, näher — nächste, nächst (vgl. auch nach, Nachbar). 
Im 16. Jahrh. ist der Wechsel noch ziemlich verbreitet, be- 
sonders bei oberdeutschen Schriftstellern; auch bei Lu. kommen 
noch Nominative vor wie fioch, schuch und Präterita wie 
geschach, floch. Schuch neben Schuh hält sich auch noch 
während des 16. Jahrb.; vgl. auch den Familiennamen Schuchardt 
aus mhd. schuochworhte. Das Adj. raiicJi erhält sich in der 
Bedeutung „behaart" bis in den Anfang des 19. Jahrb.; es 
werden dazu aber auch (schon bei Lu.) flektierte Formen 
raucher usw. gebildet, so daß eine Spaltung des mhd. rüch, 
-her in rauch und rauh eingetreten ist, die von den Grammatikern 
gut geheißen wird (s. DWb,). Ersteres besteht noch in Rauch- 



Geminatiun. h — eh. Grammatischer Wechsel. 37 i 

werJc = „Pelzwerk". Lange erhalten haben sich du siehst, er 
sieht, es geschieht und werden noch jetzt in altertnmelndeiu, 
poetischem Stil verwendet. Bei fliehen und ziehen war der 
Wechsel von h und eh im Präs. mit dem von ie und eu ver- 
bunden; die Formen du fleuchst, er fleucht, fleuch, du zeuchst, 
er zeucht, zeuch sind nicht bloß anhd., sondern auch später 
noch poetisch. Südd. wird Viech für Vieh (mhd. vihe) als 
Schimpfwort gebraucht, dann auch mit dem PI. Viecher. 

Anm. Im Oberd. hat sich ch besser behauptet und ist sogar öfters 
an Stelle des h in den Inlaut getreten. Über solche ch im Parn. boic. 
s. Birlo S. 26 f. Man könnte annehmen, daß diese ch auf einer Aus- 
gleichung beruhten, die sich in entgegengesetzter Richtung bewegt hätte 
wie in der Schriftsprache. Doch läßt sich diese Erklärung nicht auf alle 
Fälle anwenden, vgl. z. B. zechen für zehen, den Zechenden = Zehnten 
(noch im Parn. boic). Ich möchte daher glauben, daß sich ch als lautliche 
Verstärkung für h vor l, r, n Q, i', n) entwickelt hat, vgl. § 1 34. 

§ 249. Der grammatische Wechsel (s. I §28ff.) ist 
im Laufe der Zeit vielfach durch Ausgleichung beseitigt, doch 
sind auch noch in der jetzigen Sprache nicht unerhebliche 
Reste vorhanden. 

1. Urgerm. /" — d = nhA. f — h. In dem Nexh. fielen = 
got. liafjan schon im Mhd. meist zugunsten des h ausgeglichen: 
dazu gehört Hefe. Zu dürfen gehört darben, vielleicht auch 
verderben. Aus Hof abgeleitet ist Jiübsch. Über nicht hierher- 
gehörigen Wechsel von f und b vgl. § 154. 

2. Urgerm. /< — j = nhä. h — g. Wo g im Urgerm. ge- 
miniert ist, erscheint dafür efc {k) = oberd. ccJi (s. § 247, 4). 
Innerhalb der starken Konjugation erscheint der AVechsel noch 
bei ziehen; dazu Zug, Zügel, Herzog (Heerführer) — zucfcen, 
zacken. Ausgeglichen ist der Wechsel bei gedeihen, wozu aber 
noch das alte Part, gediegen in adjektivischem Gebrauch; 
fangen, mhd. fähen, noch anhd. und später poetisch, dazu 
fähig. Zn dem schwach gewordenen seiJien gehört das bis ins 
18 Jahrh, übliche Part, versiegen und das schw. V. versiegen, 
ferner sickern. Zu zefin (mhd. zelten) gehört -zig in zwanzig 
usw., zu Beilie Riege. So läßt sich auch schicken aus (ge)sc}iehen 
ableiten, das allerdings erst spät nachweisbare Ricke aus Reli. 

3. Urgerm. 7> — ^ = uhd. (/ — t. Innerhalb der starken 
Konjugation besteht der Wechsel noch in leiden, wozu einerseits 
leid, anderseits der Bedeutung „gehen" entsprechend leiten; in 



378 II, 11. Konsonantenwechsel. 

schneiden, wozu Schneide — Schnitt, Sclmitier, auch schnitzen 
{tz aus urgerm. tt aus dd)\ sieden — gesotten. Neben mhd. 
Icnote = nhd. Knoten bestand hnode, woraus Knödel. Scheit 
und Scheitel gehören zu scheiden. 

Anm. Auffallend ist das Eindringen des t bei Ln. in Beschneitung 
Ap. 7, 8. 10, 45. 11, 2; Rom. 2, 25 ff. 

4. Urgerm. s — z = nhd. s — r. Wechsel innerhalb der 
starken Konjugation: geivesen — war (mhd. ivas)., waren; kiesen 
(veraltet) — erJcor (mhd. erlcös), erkoren, dazu Kur{fürst) — Kost, 
hosten. Ausgeglichen ist der Wechsel in genesen, wozu nähren, 
nalirQiaft) , Nahrung; frieren (mhd. friesen), wozu Frost; ver- 
lieren (mhd. Verliesen), wozu Verlust. Vgl. ferner List (ursprüng- 
lich „Wissen") — lehren, lernen; Durst — dürr, dorren, dörr tu, 
Darre; älter — älteste; mehr — meist. ^ 

§ 250. Wechsel vor t. Wo idg. Verschlußlaute mit t 
zusammentrafen, erlitten sie schon in vorgermanischer Zeit 
Modifikationen (s. I § 25). die sich auch im Germ, und teil- 
weise auch noch im Nhd. widerspiegeln. Daher wechselt h 
mit /"(aus vorgerm. p): geheyi — Gift, treiben — Trift, wonach 
auch zu dem Lehnwort schreiben Schrift gebildet ist; k mit ch 
(aus vorgerm. Ä^^): denken — dachte {mhdi. dähte mit Ausstoßung 
des Nasals und Ersatzdehnung), Andacht, Bedacht; dünken — 
deuchte (mhd. (imÄ^e Konj. prät); g mit ch: mögen — mochte, 
Macht; pflegen — Pflicht; tragen : Tracht; wiegen : Geivicht; 
bringen — brachte, gebracht; biegen : Bucht (aus dem Nd.). Im 
Urgerm. wechselte auch k mit h (ch); durch die hochdeutsche 
Lautverschiebung ist jetzt Übereinstimmung hergestellt, vgl. 
siech (got. sinks) — Sucht, tvachen (got. walcan) — Wacht. 

Über das Zusammentreffen eines Dentals mit t vgl. I § 3L 
In der jetzigen Sprache kommt als Wechsel nur noch in Be- 
tracht laden — Last. Verdunkelt ist der Wechsel in wissen — 
gewiß, weise. 



Druck von Ehrhardt Karras G. m. b. H. in Halle (Saale). 




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